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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 25.03.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 25.03.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Thomas Petersen - Thema: Abwehrmechanismen)
Abgewehrt werden keine Triebe, sondern immer Triebkonstellationen. An erster Stelle der Ödipuskomplex. Was ist der Ödipuskomplex? - Aus der Perspektive des Sohnes: Nicht primär Vatermord und Mutterinzest wie in den Anfängen der Psychoanalyse, sondern in der weiterentwickelten Psychoanalyse ist der Vater der Garant dafür, dass der Sohn nicht der Mutter inzestuös verfällt. Der Vater ist also eine Schutzfigur dagegen, dass der Sohn in die Fänge der Mutter gerät. Außerdem ist es kleinianisches Erbe, dass der Ödipuskomplex schon die anfängliche Entwicklung des Kleinkindes bestimmt.
Der Vater als scheiternde Schutzfigur: das ist der negative Ödipuskomplex. Die starke Mutter will den Sohn resorbieren, der schwache oder gar abwesende Vater ist nicht imstande, seine Besitzansprüche auf die Mutter geltend zu machen in dem Sinne, dass es ihm gelingt, den Wunsch der Mutter nach Resorbtion des Sohnes zu verhindern. Das heißt, er kann den Sohn nicht schützen. Die Folge ist die Panik des Sohnes vor der übermächtigen Mutter. Und die einzige Adresse, wo der Sohn um Hilfe bitten kann, ist der Vater. Das ist der Kollaps der Abwehr: dass der Sohn keine Hilfe findet vor der übermächtigen Mutter. Auf welche Art und Weise kann der Sohn sich zu retten versuchen?
In erster Linie durch Homosexualität. Zu unterscheiden ist der homosexuelle Sohn in der aktiven Position, der Sohn phantasiert sich in die Rolle des Vaters, so wie der Vater den Sohneswünschen entsprechend hätte sein sollen (die ausgefallene Vatersubsidiarität wird als eigene Leistung an sich selbst realisiert). Der homosexuelle Sohn in der passiven Rolle dagegen bleibt in der passiven Sohnesrolle und der aktive homosexuelle Partner verkörpert den Vater, wie der Vater den Sohneswünschen entsprechend hätte sein sollen. In beiden Varianten wird der Vater als nicht schwach phantasiert.
Aber doch kapitulierend vor der Mutter. Das ist dann nur ein Geschäft der Männer (Vater und Sohn) untereinander. Weiblichkeit bleibt ausgeklammert. Homosexualität als phobisches Verhältnis zur Weiblichkeit und als Absperrung der Gattungsreproduktion. Der homosexuelle Bezug der Männer zueinander setzt das Weiblichkeitsopfer voraus.
Dann gibt es noch die homosexuelle Pädophilie. Das heißt, der Sohn greift auf Söhne zu, so wie der Vater ihn hätte lieben sollen.
Eine weitere Möglichkeit des Ausweichens ist der Fetischismus. Die Mutter mit dem Phallus (nach dem späten Freud), eine entschärfte Version der Mutter. Dieses Ausweichen auf ein dingliches Muttersubstitut ermöglicht dann, überhaupt noch sexuell sein zu können, ohne an der Geschlechtsdifferenz scheitern zu müssen.
Der negative Ödipuskomplex ist die Grundlage der Perversionen. Es geht um eine "Verdrehung" in dem Sinne, dass es nicht möglich ist, das andere des Geschlechts, das heteron, zu ertragen. Ein phobisches Verhältnis zur Heterogenität des anderen Geschlechts.
In welcher Weise stehen der negative und der positive Ödipuskomplex zueinander?
Der negative Ödipuskomplex ist der ursprünglichere - die Auslieferung des Säuglings an die Mutter. Die Dramatik der frühen Kind-Mutter-Situation ist nicht zu unterschätzen (manifestiert in der paranoid-schizoiden Position des Kleinkindes). Diese Problematik schleppen wir Zeit unseres Lebens mit uns herum. Der positive Ödipuskomplex ist eine Gegenbesetzung. Der negative Ödipuskomplex wird abgewehrt durch den positiven, und der positive Ödipuskomplex wird schließlich abgewehrt durch die "Ignoranz der Normalität".
Normalität besteht darin, alle Abwehren zu vergessen, aus einer Not heraus (Sentimentalismus).
Der positive Ödipuskomplex öffnet sich dem Anderen und insofern ist seine Funktion die Sicherung des Bestands der Gattung, die über Heterosexualität läuft.
(Kinder sind Todesverkündigungen für die Eltern.)
Es gibt beim Kleinkind kein Subjekt, keine Objekte, nur vorsignifikative Verhältnisse. Erst im nachhinein ist eine Signifizierung möglich. Es sind Vorgänge, die vor einer Versprachlichung liegen. Es wären gleichsam Proto-Phänomene, die von Melanie Klein in einer Weise beschrieben wurden, die einer Bereinigung bedürfte (weil bei Klein irreführend oder falsch signifiziert). Diese vorsignifikativen Verhältnisse können nur geltend gemacht werden unter Voraussetzung einer von der klassischen Psychoanalyse ausgelassenen Objektivität. Auch darin hat die pathognostische Wendung mit ihren Grund.
Diese vorsignifikativen Verhältnisse dürften auch schon die intra-uterinen Verhältnisse betreffen, wo es schon komplexe Austauschprozesse zwischen Säugling und Mutterkörper gibt. Rudolf Heinz weist auf eine Weiterentwicklung des Kleinianismus in Südamerika hin, in der es um eine Art schwangerschaftliche Psychoanalyse geht. Heinz erinnert daran, dass er die These vertreten hat, dass die Anorexie ihren Grund haben könnte in einer unterbrochenen Plazenta-Ernährung.
Thomas Petersen zu den intra-uterinen Verhältnissen: These zu einem Zusammenhang zwischen intrauterinem und postnatalem Leben: Was in diesem das Atmen ist, war in jenem das Trinken. Bis zur Geburt werden die zunächst kurzen Versorgungswege (Blutfluss) immer länger, bedingt durch die Ausbildung der Lungenfunktion. Dann kommt die Geburt und der Plazenta-Blutfluss wird ersetzt durchs Atmen. Aber dadurch, dass vorgeburtlich die Nahrungszufuhr eine der kürzesten Weg war, leiden wir postnatal unter einer ununterbrochen belästigenden Oralgier.
Zur Situation der Tochter:
Im Mutter-Tochter-Verhältnis ist die Geschlechtsdifferenz kassiert, es gibt nur die Generationendifferenz. Der Vater ist auch der Erretter der Tochter davor, dass die mangelnde Geschlechtsdifferenz sich so auswirkt, dass die Tochter sozusagen resorbiert wird. Wenn der Vater die Diskriminisationsfunktion von der Mutter nicht zu leisten imstande ist, sondern beginnt, auf die Tochter inzestuös zu spekulieren, in dem Augenblick hat die Tochter kaum eine andere Möglichkeit als homosexuell zu werden.
Im positiven Ödipuskomplex gibt es die Beziehbarkeit auf das andere Geschlecht, die es im negativen Ödipuskomplex nicht gibt.

In der klassischen Psychoanalyse werden Dingbezüge symboltheoretisch depotenziert. Sie dienen nur als Träger für intersubjektive Konstellationen. Aber sie erschöpfen sich nicht darin, Symbolträger zu sein. Es stellt sich die Frage, was wäre der Ödipuskomplex repräsentationstheoretisch, was für ein Begehren wäre das. Was wäre das Begehren nach Mutterinzest und Vatermord in Bezug auf die Gesamtheit des Seienden? Es geht darum, sich seinen eigenen Ursprung anzueignen.
Und dies im Dingbezug. Worin besteht die Faszination der Dinge? Das Phantasma der Dinge. Sie scheinen unsterblich. Was sie aber nicht sind.
Ich bin mir nicht mein eigener Ursprung. Ich befinde mich in Differenz zu etwas. Schon intrauterin befinde ich mich in Differenz zu etwas, weil ich nicht meine eigene Nahrungsquelle bin. Ich bin immer heteronomisiert. Die Differenz verschärft sich zu einer radikalen Abhängigkeit auf Leben und Tod. Das ist der Seinsmangel. Die Schandbarkeit dessen, die Unaushaltbarkeit dessen, führt dazu, die Phantasmen auszuhecken. Und letztlich das Phantasma, dass ich mein eigener Ursprung bin.
Die Mutter ist die Inkarnation dieser Abhängigkeit und dies disponiert sie so zur Opfermasse.
An dieser Stelle entsteht das Dingphantasma als trügerische Verheißung einer restlosen Disposition. So dass die Dinge nichts anderes sind als Mutterleibleichen.
Der positive Ödipuskomplex als Sein-schaffender Umweg. Der Mann als Heterogenisierungsfaktor.
Das hormonelle Geschlecht ist immer weiblich, jedes menschliche Wesen ist also anfänglich weiblich. Ist das genetische Geschlecht männlich, muss es sich es sich gegen das hormonelle Geschlecht durchsetzen, was nicht immer gelingt. Das Männliche ist also schon anfänglich einer weiblichen Übermacht ausgesetzt.
Männlich-patriarchalische Macht und Kulturschaffung als eine einzige männliche Überkompensation.
Dinggeburt: Verfügung über weibliche Potenz (die immer mütterliche Potenz ist) in Form von Verdinglichung.