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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 29.04.2017
Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 29.04.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Thomas Petersen)
Thomas Petersen zur frühkindlichen Entwicklung (Wie reagiert das Kleinkind auf den Körper der Mutter, in welcher Phase wird ein ganzes Objekt erfasst, in welcher Phase ist das Objekt gespalten):
0 bis dritter Monat: bei René Spitz die objektlose Phase, bei Melanie Klein 0 bis vierter Monat: erogene Zone der Mund, Partialtrieb: Verschlingen, Zerreißen, Partialobjekt die Brust, und der Objektbeziehungsmodus ist prä-ambivalent. Das heißt, wir haben Aggressions- und Destruktionswünsche einerseits und libidinöse Besetzungen andererseits und sie richten sich gegen ein gespaltenes Objekt, das heißt gegen Partialobjekte. Und da diese Partialobjekte nichts miteinander zu tun haben, gibt es auch keine Ambivalenz. So kann es wie für Melanie Klein eine gute und eine böse Brust geben und es kommt zu keinem inneren Konflikt, weil sie nichts miteinander zu tun haben. Es gibt noch kein synthetisiertes Objekt.
Dritter bis achter Monat: nach René Spitz bilden sich die ersten Objektbeziehungen und Differenzierungsausbildungen finden statt ab dem sechsten Monat. Der Objektbeziehungmodus ist ambivalent mit der Folge psychischer Konflikte. Vierter bis zwölfter Monat: depressive Position nach Melanie Klein. Erogene Zone ist wieder der Mund. Partialtrieb: Verschlingen, Zerreißen. Partialobjekt: die Brust. Die Aggressions- und Destruktionswünsche einerseits und libidinöse Besetzungen andererseits richten sich gegen ein ungespaltenes Objekt mit der Folge eines inneren Konfliktes zwischen gut/schlecht, ja/nein, etc.
Vierter bis zwölfter Monat: Winnicotts Übergangsobjekt. Sechster bis achtzehnter Monat: Lacans Spiegelstadium.
Sigmund Freud: bis zum achtzehnten Monat oral-kannibalische Phase. Erogene Zone: Mund (Rachenraum, Lippen, Zunge). Objektbeziehungsmodus der Einverleibung, verbunden mit der Phantasie, von der Mutter getrennt zu werden.
Für Karl Abraham ist die früh-orale Phase, in der es um das Saugen geht, prä-ambivalent. Danach beginnt die oral-sadistische Phase, in der das Beißen im Vordergrund steht. Aggressions- und Destruktionswünsche bei gleichzeitiger libidinöser Besetzung in Bezug auf ein ungespaltenes Objekt.
Für Melanie Klein hingegen ist Oralität immer sadistisch.
Achtzehnter Monat bis drittes Jahr: Sigmund Freud: anale Phase, erogene Zone nicht mehr der Mund, sondern der Anus. Es geht um Einbehalten, Zurückhalten vs. Ausstoßen, Hergeben. Partialobjekte sind die Fäzes. Objektbeziehungsmodus wird verbunden mit Aktivität vs. Passivität.
Die Produktionsphantasie ist die Kloakentheorie (die Vorstellung, dass die Öffnung, durch die defäziert wird, auch die Öffnung ist, durch die Menschen produziert werden).
(Anmerkung: Letztlich ist die Kloakentheorie ist die Voraussetzung aller männlichen Produktivität, das heißt das Vorbild der Kulturerschaffung.)
Drittes bis fünftes Jahr: Sigmund Freud: phallische Phase, in ihr kommt es zur ersten genitalen Organisation, die Partialtriebe geraten unter das Primat des maskulinen Genitals, erogene Zone sind die Genitalien, Partialobjekt: Penis (beim männlichen Kind).
Ab dem fünften Lebensjahr: Latenzphase, das angebliche Schlummern des Ödipuskomplexes.
Dann vorpubertär nochmals prä-phallisch oral-anal und dann in der Pubertät die eigentliche genitale Organisation, diese ist post-ambivalent im Objektbeziehungsmodus und angeblich nicht sadistisch. Die Partialtriebe werden unter das Primat des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs gestellt.
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Rudolf Heinz: Bis jetzt gibt es noch keine zusammenhängende psychoanalytische Theorie der Psychogenese, sondern nur disparate Explikationen bestimmter Entwicklungsphasen. Auch sollten die sogenannten Phasen eher als synchrone Strukturen gesehen werden.
Zu Melanie Klein: Es gibt zwar bei ihr ein Primat der Oralität, aber auch Analität und Urethralität spielen eine erhebliche Rolle, vor allem hinsichtlich der Waffenhaftigkeit der Fäzes und des Urin. Das Kleinkind benutzt die Ausscheidungen wie Waffen.
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Zurück zum negativen Ödipuskomplex:
Vorgängigkeit des Dingphantasmas in Bezug auf die frühkindliche Entwicklung, das bedeutet, dass das Kleinkind auf den Mutterkörper in einer bestimmten Weise reagieren kann, auch wenn es noch nicht zur Dingsynthese fähig ist. Der Säugling ist von Anfang von einer Fülle von Dingen umgeben. Die Frage ist, welche Art von Beziehung da hergestellt wird. In der herkömmlichen Psychoanalyse beginnt der Dingbezug erst mit dem Übergangsobjekt. Aber schon vorher gibt es eine Einbettung des Säuglings in eine Peristatik von Dingen.
Frage: Gibt es einen ontologischen Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Körper angesichts der Tatsache, dass jeder neugeborene Mensch Fleisch von mütterlichem Fleisch ist?
Vier Körper lassen sich unterscheiden: der weibliche, der männliche, der hermaphroditische und der transsexuelle Körper.
Ist es so, dass es nur ein Geschlecht gibt, das sich dann differenziert? - Das würde bedeuten, auch der männliche Körper ist ein weiblicher Körper.
(Für Valerie Solanas besteht die Leidenschaft des Mannes darin, zur Frau zu werden.)
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Die Vorgängigkeit des negativen Ödipuskomplexes lässt sich festmachen an der christlichen Mythologie, und zwar an der Dreifaltigkeit. Diese ist eine homosexuelle Angelegenheit. Zum positiven Ödipuskomplex kommt es wegen der Vorbehaltlichkeit des Göttlichen, bei dem es immer um Inzestverhältnisse geht. Einerseits muss die göttliche Vorbehaltlichkeit respektiert werden. Andererseits wird der Mensch vom Göttlichen angelockt (dass wir werden wollen wie Gott). Das ist der Inbegriff des Sündenfalls. Dieser Gott mit seinem Vorbehalt und seiner Anlockung ist ein double-bind-Gott. Und wir kommen nicht umhin, uns diesem double bind auszusetzen. Der positive Ödipuskomplex ist nichts anderes als der Respekt des göttlichen Vorbehalts.
In der christlichen Dreifaltigkeit gibt es das Weibliche nicht, der Vater erschafft den Sohn, der Heilige Geist ist das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn. Und das bedeutet, dass eine Geschlechtsmetamorphose stattfindet. Eine Verweiblichung des Mannes. Dann wäre der Transsexualismus eines Mannes, der sich in eine Frau verwandelt, der Inbegriff des männlichen Begehrens.
Problematisch ist die Tabuisierung einer Genealogisierung von Homosexualität, auch wenn historisch verständlich.
Erinnerung an eine Passage von Christa Reinig (Der Wolf und die Frau; in: Die Schwarze Botin Nr. 8, September 1980, 31), Motto für "Taumel und Totenstarre" von Rudolf Heinz:
"Es ist den psychoanalytikern gelungen, den ödipuskomplex zu heilen. Moderne söhne streben nicht mehr danach, mit ihrer mutter zu schlafen und ihren vater zu töten, sie streben nur danach, mit ihrem vater zu schlafen und ihre mutter zu töten."
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Freud soll einem Analysanden gegenüber geäußert haben, dass die Psychoanalyse in therapeutischer Hinsicht vielleicht irgendwann überholt sein könnte, aber dann bliebe sie immer noch als die Grundlage einer großen Philosophie. Und das wäre dann die Pathognostik, so Rudolf Heinz.