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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 27.05.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 27.05.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Thomas Petersen)
Nachtrag zur Psychogenese des Kleinkindes, Entwicklungsphasen nach Melanie Klein:
Bei den sogenannten Phasen handelt es sich eher um Strukturen. Die Entwicklungspsychologie dient dazu, ein Bannungsunternehmen durchzuführen. Die Festlegung von infantilen Entwicklungssegmenten dient zur Exkulpation des adulten Status.
Aber vielmehr finden sich im Erwachsenenstatus sämtliche infantilen Muster als Repräsentationsstrukturen wieder. Dass das nicht offenbar werden soll, dazu dient die Entwicklungspsychologie. Ansonsten hätte man keinen Begriff von Reife.
Die Entwicklungspsychologie ist eine Reifeideologie.
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Die Ausführungen des späten Freud zum Todestrieb wurden bisher kaum rezipiert, und wenn, dann wurden sie meistens zurückgewiesen.
Bei diesen Überlegungen, die Freud selbst als Spekulationen bezeichnete, geht es darum, philosophische Fragen mit wissenschaftlichen, psychoanalytischen Mitteln zu beantworten. Es geht zudem um eine Ebene, die jeder Subjektivität vorausliegt.
Es gibt beim späten Freud folgende Sequenz: Ursadismus - ursprünglicher Sadismus - eigentlicher Sadismus - Sadismus als Perversion. Zum Ursadismus kommt noch hinzu der primäre Masochismus, diese beiden gehören in der Tiefe zusammen. Der Übergang vom Ursadismus in den urprünglichen Sadismus ist dann der Ort des Todestriebs.
Der Ursadismus ist die menschliche Sterblichkeit. Wie kommt Freud dazu, die Sterblichkeit als Ursadismus zu bezeichnen? Es geht um den Begriff des Todes. Ich bin einem Verfall ausgesetzt, es handelt sich um einen Zerstörungsakt, der als eine Zumutung, eine Gewalt erfahren wird.
Die Sterblichkeit als Ursadismus zu bezeichnen, bedeutet, das wir der Zerstörung ausgesetzt sind. (Die Perspektive, aus der von Sadismus gesprochen wird, könnte man als die der Götter bezeichnen.)
Die zuvor entwickelte Narzissmustheorie kann als mehr oder weniger in der Todestriebtheorie enthalten angesehen werden, sie beschreibt die narzisstische Zurichtung des anderen zum Selbstbildungsmedium, was ein sadistischer Akt ist. Die Narzissmustheorie ist eine Gewalttheorie; alles, was auf Absolutheit aus ist, bis hin zum traditionellen Gottesbegriff, ist gewaltförmig.
Der Ursadismus und der primäre Masochismus fallen zusammen. Gäbe es nur den Ursadismus, unterlägen wir nur dem Verfall und könnten überhaupt nicht leben, das wäre der Durchstrich der Existenz. Es muss hinzukommen, dass wir diesen Gewaltakt selber affirmieren. Ich überantworte mich der Gewalt und beziehe daraus wie aus einer Quelle meine Vitalität. Darum geht es beim primären Masochismus. Unsere Lebendigkeit ist nichts anderes als ein masochistischer Gegenakt gegen den Verfall, aus dem Verfall mache ich noch eine Lust. Es geht darum, dem immer drohenden Tod ein Leben abzugewinnen. Der primäre Masochismus ist ein Abwehrvorgang gegen die Tödlichkeit des Verfalls, gegen den Ursadismus.
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Die Transgression Batailles wäre ein salto mortale in den Ursadismus ohne die Abwehr durch den primären Masochismus. Sexuelle Ekstase als direkte Überantwortung an den Tod.
Die Verbindung von Sexualität und Tod hat zu tun mit der punktuellen radikalen Depotenzierung des Subjekts, mit der Vorstellung, der Tod sei das Nichts, Zustand der vollständigen Fusioniertheit - wenn es keine aufeinander bezogenen Größen gibt, dann gibt es nichts.
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Dingproduktion ist die Möglichkeit, dem Todessog zu entkommen: Erschaffung von Kultur. Was aber dabei herauskommt, sind letztlich Waffen.
Offene Frage: Wie kommt es zu dem Übergang in Dinglichkeit? Masochistische Parierung des Ursadismus als Schaffung des Körpers? (Ausbeutung des eigenen Verfalls, so dass ich mich als menschlicher Organismus zustandegekommen ansehen kann)
Der Ursadismus (Tod) ist durch den ursprünglichen Masochismus nicht überwindbar, also mache ich ihn nach, kopiere ihn in der Form des ursprünglichen Sadismus. Der ursprüngliche Sadismus ist der menschliche Versuch, die Gewalt dieses vorgestellten Todes zu adaptieren als Suizid und/oder Gewalt gegen andere. Dies ist die Umschlagstelle, die uns rettet - aber um welchen Preis! Der Rückschlag der Anderenvernichtung auf mich selbst wird aufgefangen durch Verdinglichung = Kultur. Insofern ist Kultur immer Kulturpathologie.
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Thomas Petersen: Und weshalb haben die Dinge zunehmend eine Neigung, sich der Verfügungsgewalt zu entziehen? Stichwort: Medienzeitalter: aus der Verfügungsgewalt wird Sklaverei. Grund ist die Abschwächung der symbolischen Ordnung. Dinge sind verbunden mit dem Medium, dem Bezeichnungswesen. Aber die symbolische Ordnung ist zunehmend nicht mehr in der Lage, den zweckrationalen Kontext der Dinge aufrechtzuerhalten. Der Signifikant prätendiert das Signifikat zu sein.