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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 29.07.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 29.07.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz - Leitfaden war ein von Rudolf Heinz erstelltes ⇒ Arbeitspapier)
Im Rahmen der Diskussion einer Abwehrtheorie die Frage nach dem "primären Masochismus". Im Zusammenhang von "Ursadismus", "ursprünglichem Sadismus", "eigentlichem Sadismus" und "Sadismus als Perversion" ist der "primäre Masochismus" dem "Ursadismus" parallel gesetzt.
Der "Ursadismus" ist die Sterblichkeit, der Tod. Der primäre Masochismus ist der Einspruch, wobei einschränkend hervorzuheben ist, dass die menschliche Vorstellung vom Tod immer eine Todesverkennung ist, weil der Tod etwas ist, was schlechterdings nicht repräsentiert sein kann, der Tod ist die A-Repräsentativität schlechthin. In der Bezeichnung "Ursadismus" steckt die Vorstellung des Todes als sadistischen Zerstörers des Menschen.
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[Exkurs: christliche Vorstellungen über die Unsterblichkeit und das Jüngste Gericht und die Erlösung.]
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Todestrieb = Todesverkennung. Sobald man spricht, ist man dabei diese Verkennung zu leisten. Damit gerät das Sprechen in eine permanente Verlegenheit. Sterblichkeit als göttliches Verdikt zu sehen bedeutet die verdinglichte Hypostasierung der Wissenstranszendenz des Selbstbewusstseins zu Göttern. Das Selbstbewusstsein ist die Transzendenz des Wissens, es ist aber keine (idealistische) Abhebung von dem, was transzendiert wird. Die Transzendenz wird immer wieder eingefangen. In diesem Zusammenhang wäre an die anödipale Kategorie der inklusiven Disjunktion zu erinnern ("Anti-Ödipus"); eine Trennung, die zugleich das Getrennte inkludiert, also zusammenhält, kontaminiert. Wenn man in diesem Bereich eine Signifikation leisten wollte, müsste man solche widersprüchlichen Gebilde geltend machen.
Der "primäre Masochismus" als Rätselgröße in Freuds später Metapsychologie. - Wenn der tödliche Zerfall, der Ursadismus, nicht genossen werden könnte, ja wenn sein Destruktionsapriori sich in seiner rettend widersinnigen Lustausschöpfung nicht zusammenhielte, so wäre, widermasochistisch, nichts. Demnach wäre der "primäre Masochismus" die primäre Abwehrleistung der Todesimagination. - Wir befinden uns in der Ontologiesphäre der Konstitution des Seienden, nicht in der Sphäre des Konstituierten, des Ontischen. Freud streift immer wieder die transzendentalen Konstitutionsfragen (Menschwerdung), fällt dann aber bald wegen seiner Wissenschaftshörigkeit zurück auf die Ebene des Ontischen, des Empirischen. (Die ist eine Angelegenheit, die das 19. Jahrhundert grundsätzlich kennzeichnet: Die wissenschaftliche Empirie wird zum Absoluten. Beispiel: der Marburger Neukantianer Hermann Cohen: Ersetzung von Philosophie durch Wissenschaft, vor allem durch Physik.)
"Primärer Masochismus" - Masochismus bedeutet ja, dass ich Destruktion, sadistische Akte, die an mir körperlich vollzogen werden, libidinös besetzen kann; und damit der Tendenz nach unschädlich machen kann; Masochismus gleichsam als Verhöhnung. Aber es ist unmöglich, die Gewalt erotisch zu tamponieren. Andererseits wäre nichts, wenn unsere Sterblichkeit nicht erotisiert würde, ohne die Intervention des "primären Masochismus" käme nichts zustande, wir kämen uns schon im Augenblick unseres Entstehens uns selbst und allen anderen abhanden, wir könnten überhaupt nicht existieren.
Freud unterscheidet den erogenen, den moralischen und den weiblichen Masochismus. Die Rede vom "weiblichen Masochismus" ist zu verstehen als eine Reverenz an die sexuelle Übermacht der Frau, vor allem angesichts ihrer Gebärfähigkeit. Lustparade von Schmerz als eine Überlegensstrategie (auch wenn es nicht aufgeht). Oder der Sterbensakt: Ist er noch einmal ein Aufbäumen des Eros? (Aber es geht nicht auf.)
Angesichts der sexuellen Stärke der Frau hat es der Mann nötig, überkompensatorisch kulturkreativ auf seine körperliche Schwäche zu reagieren.
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Ding-, Kulturgenese aus dem Todestrieb: Kern der pathognostischen Fortschreibung der Psychoanalyse. Kulturschaffung als eine Überlebensangelegenheit dergestalt, dass sich alle Gewalt in Kultur versammelt. Kultur ist eine verschobene und verdeckte Gewaltentäußerung. - Verweis auf Walter Benjamin: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." (Über den Begriff der Geschichte; in: Gesammelte Schriften I, 696)
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Welchen Status besitzt Pathologie im Zusammenspiel von "Ursadismus" und "primärem Masochismus"? - Letztlich scheitert der "primäre Masochismus" in seiner Schmerzparade. Pathologie ist eine obsekrative (bannend-beschwörende) Vorwegnahme dessen, was im Sterben passiert. Das wäre dann nichts anderes als ein Bannungsakt, der sich selbst versagt, ein solcher sein zu können. In Pathologie wird der "primäre Masochismus" durch den "Ursadismus" in die Schranken verwiesen.