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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 26.08.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 26.08.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz - Leitfaden war ein von Rudolf Heinz erstelltes ⇒ Arbeitspapier)
Thema: Abwehrtheorie. Es geht um die ontologische Fundierung von Abwehr. Das ist zwar in der Psychoanalyse vorhanden, aber selten explizit. Es geht darum nachzuweisen, dass es einen Fundamentalakt der Abwehr gibt. Abwehr als Verhinderung von Entropie vor dem Einbruch des Todes, das ist der Todestrieb: Parierung des vorgestellten Todes. Dies ist der fundamentale Abwehrvorgang. Wobei der Tod nicht vorgestellt werden kann.
Es ist auffällig, dass die späte Triebtheorie Freuds kaum rezipiert wurde. Es geht um den Unterschied von Wissenschaft und Philosophie. Der späte Freud versucht, mit seinen Denkmittel die Konstitutionssphäre einzustellen. Das kann er aber nicht, weil er die Philosophie an dieser Stelle absperrt. Es ist der hilflose, nicht gelingende, aber sich avisierende Versuch, Existenzialontologie in der Psychoanalyse nachzutragen.
"Der 'primäre Masochismus' - Wenn dies thanatologische Unding des Zerfalls nicht genossen werden könnte, ja wenn sein Destruktionsapriori sich in seiner rettend widersinnigen Lustausschöpfung nicht zusammenhielte, so wäre, widermasochistisch, Nichts. Wir befinden uns hiermit in der Ontologiesphäre der Seiendenkonstitution, nicht der des ausgebreiteten Konstituierten; die Freud, wissenschaftshörig, verwechselt. Demnach wäre der 'primäre Masochismus' - wohlgemerkt Masochismus - die elementare Abwehrleistung der Todesimagination; wenn nicht der Bestand der Kadaverruinen dem an Defensive schon vorausginge."
Der Masochismus ist ein Lusteinschuss in den Zerfall. Das ist die Garantie dafür, dass wir weiter existieren können. Diese Sichtweise kann schon als eine Zumutung empfunden werden: Alles, was uns trägt, hält, das, was uns eine Existenzmöglichkeit verschafft, beruht auf einer masochistischen Option. Wir haben keine andere Wahl als das, was uns letztlich umbringt, mit Lust zu beglaubigen. Der Masochismus ist das Erträglichmachen eines Desasters. Masochismus ist unsere Überlebensstrategie, eine Determination unserer Existenz.
Sucht ist eine Konkretisierung des "primären Masochismus". Und in diesem Sinne kann es keinen suchtfreien Menschen geben. Der "primäre Masochismus" ist a priori die Suchtdetermination des Menschen. Es ist eine Frage der Graduierung, wann man eine Sucht für pathologisch hält. Die Sucht ist eine manische Option; Manie heißt, ich fliehe alles das, was den Ruch der Sterblichkeit an sich hat; in der Sucht enthebe ich mich der Endlichkeit.
Wir übertreiben den Todestrieb, Pathologie ist Übertreibung. Die Rechnung des Todestrieb, des "primären Masochismus" geht nicht auf. Aber es gibt keine Alternative.
"Wo aber bleiben - in diesem Gefüge, pathognostisches Schibboleth - die Dinge? Sie sind die Erstgeborenen des 'ursprünglichen Sadismus', will sagen: lustgehalten todgeweihter Mensch, der Sterbliche, sogleich sich zu Tode entropisierte, wenn er diesen seinen count down nicht, aufschiebend gewaltmimetisch, veräußerte - seine kulturale Rettung. Veräußerung aber wohinein? Eben in Dinge, die Megafolgedefensive: Leichensublimate also, in generationssexueller Wendung Mutterleibkadaver."
Dinglichkeit als Erfüllungsform des Todestriebs. Die Dinge, Selbstdoublierung im Toten, Verheißung einer Verfügung: davon leben wir. Dinge sind Projektionen, genauer: projektive Identifikationen. Wir hängen an den Dingen wie an einem Tropf. Selbstekstatik als Dinglichkeit.
Die Dinge, veräußertes Selbst, enthalten dann selbst diese Destruktionsmacht: deshalb die Waffenhaftigkeit aller Dinge.
Dinge als Mutterleibkadaver: der Mutterleibkadaver als Inbegriff der Waffe. - Was müssen wir projektiv loswerden um dann auf Gedeih und Verderb an dem Losgewordenen festzuhängen? Der vorgestellte Tod, die Sterblichkeit wird permanent veräußert. Das Veräußerte sind die Dinge, aber die Dinge haben dann diese Destruktivität in sich.
Warum Mutterleibleiche? - Der Mutterkörper hat es an sich, eine Anmahnung des Todes zu sein. Und diese Mutterleibrepräsentation des Todes muss ich abstreifen. Deshalb ist dann das Projizierte, Abgestreifte letztlich der Mutterkörper. (Das wäre dann eine Psychotisierung des Dingverhältnisses: Dinge als Mutterleibleichen)
Das frühe Verhältnis des Kleinkindes zur Mutter ist keines zu einer Person, sondern zu einem Ding. Die Mutter wird erfahren als verfügbares Ding. Die Dinglichkeit setzt da selbstarchäologisch ein. Verweis auf Winnicotts Übergangsobjekte. Das Kind erschafft disponible Substitute, phantasmatisch verfügbare Ersetzungen des Mutterkörpers.
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"Ursprünglicher Sadismus" - Eros ist keine Gegenkraft zum Todestrieb, sondern sein gleißnerischer Helfer, Garantie für die Außenwendung des Todestriebs, Veräußerung der Gewalt.
Höhepunkt der Todesmimesis: vom Eros bereinigter Sadismus, asketisch befreit von jeder Lust. Reiner Destruktionsakt, affektenisoliert. (Beispiel: Robespierre oder auch die "Grausamkeitsarbeiter" (Alexander Mitscherlich) in den Konzentrationslagern)
Gewalt: letztlich Notfallreaktionen. Misere des Menschen. Sterblichkeit und Selbstbewusstsein kommen nicht überein. Das ist dann die Einlassstelle für Gewalt.
Es ist die Hoffnung der Verdinglichung, Verfügung über den Tod zu erlangen (Todestriebphantasmatik: die Verfälschung der Dinge als Todestriebrepräsentanzen zu todespräsentisch primären Dispositionspotenzen).
"Der Status dieser Aufklärungsrede? Erhaben kriegsreporterisch, in intellektueller Gefangenschaft im Schutze der Kriegsperistatik, von verhallend clownesker Überwertigkeit. Mannsheroisch auch, legitim nur obsekrativ."
Das heißt, es gibt keine Position einer endgültigen Wahrheit.
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Der Terrorist wäre die phantasmatische Identifikation mit dem Tod. Die letzte manische Verleugnung der Sterblichkeit.
Der islamische selbstmörderische Terrorismus als Versuch, unsere abendländische Rationalität zu überbieten. Und die abendländische Metaphysik ist ja schon ein martialisches Gebilde. Insofern ist der Terrorismus eine Aufklärung der abendländischen Metaphysik. Eine sich selbst zerstörende Gegenführung.