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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 30.09.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 30.09.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Anmerkung zum Selfie: Bei ihm ersetze ich die anderen, die mich fotografieren sollen. Das Selfie als Selbstkurzschluss, ein potenzierter Narzissmus. - Alle dingliche Realität ist zwar in sich selbst illusionär, andererseits rächt sich die imaginär ausgeblendete Realität als Terrorismus.
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Hinweis auf Isodor Sadger, einen frühen Freudianer, der triebtheoretische Desiderate aufgenommen hat. Hinweis auf sein Buch "Über Somnambulismus und Mondsucht". Sadger hat sich beschäftigt mit "Schleimhaut- und Muskelerotik", außerdem mit Urethralerotik.
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(Petersen) Das Verhältnis von primärem Masochismus und Ursadismus lässt sich in Beziehung setzen zum Verhältnis von negativem und positivem Ödipuskomplex. Ins Spiel kommt der Begriff der Gegenbesetzung. Bei Freud ist sie kein direkter Abwehrvorgang, sondern ein Vorgang, nach dessen Muster unterschiedliche Abwehrformen sich austragen können. Wenn man den negativen und den positiven Ödipuskomplex in Verbindung setzt dergestalt, dass man sagt, der negative Ödipuskomplex würde dem Ursadismus entsprechen und der positive dem primären Masochismus, dann käme als Gegenbesetzung die sogenannte "Verkehrung ins Gegenteil" in Frage, die bei Freud auch in Verbindung gebracht wird sowohl mit Masochismus und Sadismus als auch mit Exhibitionismus und Voyeurismus. Das heißt, es geht immer um einen im Freudschen Sinne ökonomischen Vorgang des Zusammenhangs von Aktivität und Passivität.
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Petersen, Anmerkung zu einer Passage im Protokoll vom August 2017: "Der Mutterkörper hat es an sich, eine Anmahnung des Todes zu sein. Deshalb ist dann das Projizierte, Abgestreifte letztlich der Mutterkörper. (Das wäre dann eine Psychotisierung des Dingverhältnisses: Dinge als Mutterleibleichen)" - Psychotisierung insofern, als diese Mutterleibleiche Mutterleibleichenteile sind. Das heißt also, wenn wir das mit Begriffen von Melanie Klein beschreiben, dann wäre das die Position eines nicht-synthetisierten Objekts, - Partialobjekte. Und da haben wir die paranoid-persekutorische Position, da wird es psychotisch und paranoisch. Die Leistung des symbolischen Vaters bestünde dann darin, diese Situation zu einem ganzen Objekt zu synthetisieren, und dann entsteht natürlich eine depressive Position.
Cremanns: Wie kommt man von den Partialobjekten zum ganzen Objekt?
Peterson: Wichtig wäre zunächst, diese Zustände nicht wie bei Melanie Klein als Phasen, sondern als Aspekte zu sehen. Keine psychogenetische Einordnung, sondern Repräsentationsaspekte. Natürlich haben wir die zwei Ebenen der ontischen und der ontologischen Verhältnisse. Die ontologischen Verhältnisse, das was am Ursadismus/"primärem Masochismus" situiert wäre, das wäre das, was Rudolf Heinz den projektiven Opferkörper genannt hat. Das wird verworfen über die Differenz hinweg und dann haben wir an der Stelle, die von der Differenz überbrückt wird, den "ursprünglichen Sadismus". Das wäre der Bereich, wo sowohl Dinge als auch Medien situiert sind. Da greift eben das, dass die Projektion notwendig verstreuend wäre, wenn es nicht eine Hüllung durch Medialität gäbe.
Wenn Freud schreibt, dass die Lebenstriebe Trabanten des Todes seien, dann bedeutet das einen Monismus des Todestriebs, entgegen dem ansonsten von Freud formulierten Dualismus von Eros und Thanatos.
In der Sicht der Pathognostik gilt hingegen der Monismus des Todestriebs, Eros ist nur sein gleißnerischer Helfer.
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Zum Zusammenspiel von Eros und Thanatos in der Nahrungsaufnahme. - Dass die Nahrungsaufnahme ein thanatologischer, destruktiver Akt ist, dürfte unbestritten sein. Es gibt die zweite Phase in der Oralität, den oralen Sadismus. Die Destruktion - dass wir von fremden Kräften leben - ist in der Oralität voll am Werk. Und jetzt ist die weitere Frage die, wie wir das überhaupt aushalten können, diese nackte Destruktivität in der Alimentierung. Zudem gibt es kaum einen Bereich, in dem es gewalttätiger zugeht, als im Bereich der Nahrungsmittelproduktion. Das alles würden wir nicht aushalten, wenn es nicht den Einspruch des Eros gegen diese thanatologischen Maßnahmen gäbe. Und das ist ganz einfach die Lust des Genießens der Nahrung. Das ist die Funktion des Eros. Eros ist ein Helfer, die Destruktion überhaupt bestehen zu können. Bliebe der Eros aus, würden wir verhungern. Vegetarismus, Veganismus reagieren auf das Schuldaufkommen im Vorgang des Essens, mit der Hoffnung, der Schuldpegel möge sinken.
Anorexie: In ihr geht es immer um die Frage: Was ist ein Nahrungsmittel. In der Anorexie soll das Schuldaufkommen in der Alimentierung vermieden werden. Phasen der Verweigerung der Alimentierung wechseln mit Fressanfällen, nach denen die Nahrung wieder ausgekotzt wird. An der Anorexie kann man zeigen, dass die thanatologische Hypostasierung (Askese) genau das Gegenteil provoziert: der Fressanfall als erotisches Delir. Das Zusammenspiel von Eros und Thanatos wird gleichsam auseinandergerissen.
Und in den ermäßigten Verhältnissen: Der sogenannte "gesunde Appetit", der uns am Leben erhält, wäre der Einspruch des Eros oder die Überdeckung gegen die Destruktion der Alimentierung.
Kommt Anorexie vor allem bei Frauen vor? Und wenn bei Männern: sind es dann vorwiegend Homosexuelle? Wenn es so wäre, dann würde das bedeuten, dass diese Männer von der Passion geprägt wären, Frauen werden zu wollen. Wenn der Vegetarismus und der Veganismus sich graduell auf die Anorexie hin bewegt, wäre dann ein Vegetarier jemand, der stärker den Wunsch hätte, zur Frau zu werden? - Das wäre eine riskante Extrapolierung, so Heinz.
Bei der Frau ist die Anorexie die Weigerung, von der Tochter zur Mutter zu werden. [Schuldflucht?]
Phantasmatische Schuldermäßigung bei der Produktion synthetischer Nahrung, die keine Tötung tierischen oder pflanzlichen Lebens voraussetzt, Nahrungsproduktion aus Exkrementen, aus Leichen ("Soylent Green") - alles Formen der Nahrungsentschuldung.
Im "eigentlichen Sadismus" als mixtum compositum aus Eros und Thanatos sind keine dualistischen Verhältnisse am Werke, sondern Eros ist der Anreger, der Unterhalter und die Zielbestimmtheit der oralen Akte. (erosverschleierter Thanatos - Cremanns) Das Lustaufkommen teleologisiert den oralen Akt der Nahrungsaufnahme. Das betrifft auch die Ausscheidungen.
Nahrungsassimilation als Kriegsverhältnis. In diesem Zusammenhang die Nahrungsunverträglichkeiten. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt essen können. Der Körper reagiert auf die Aufnahme von Nahrungsmitteln so, als ob eine Fremdinvasion stattfindet. Der Körper selber ist Kriegsführung in Potenz. Korrespondenz zum objektiven Kriegswesen der Menschheit.
Nahrungsmittelallergien: Es geht darum, zu recherchieren, warum gerade dieses und kein anderes Nahrungsmittel zum Allergen wird. Dabei kommt es zu einer Kombination von lebensgeschichtlicher Recherche und sozusagen Objektivitätsrecherche. Und das geht dann so zusammen, dass man nachher eine Vorstellung hat, warum der Betroffene genau dieses bestimmte Nahrungsmittel auswählt als Allergen. Nicht als Ergebnis einer Projektion, obwohl es auch um eine Projektion geht, aber die Projektion ist auch eine Aussage über das Nutriment.
Zum Zusammenspiel von Eros und Thanatos bei den Ausscheidungsvorgängen (Defäkation, Miktion). Bedeutung des frühen Psychoanalytiker, die sich auf diese Zusammenhänge eingelassen haben. Seltsame Ausblendung der urethralen Sexualität (Ausnahme: Isidor Sadger).
Dem analen Lustaufkommen scheint beigemischt zu sein eine Algolagnie (Schmerzlust). Diese Algolagnie scheint eine Mischung von Eros und Thanatos zu sein, exkremental. Frage: Was ist destruktiv an der Ausscheidung? Was ist so destruktiv an der Analität, dass wir uns helfen müssen mit Lusteinschüssen, um ihr gewachsen zu sein?
Ist es die Abtrennung? (Cremanns) - Was ist das, was abgegeben wird? Im Prinzip ja das nicht Verwertbare, also der Tod. Und dann muss man die Adresse finden, wo das hinkommt. Alles, was ich nicht bin, ist eine Mülldeponie. (Petersen)
Die Erfüllung des oralen Inzests wäre die, dass es keine Ausscheidungen gibt. Dass ich ohne Rest eins werde mit dem Nutriment, was ja ursprünglich die Muttermilch, also der Mutterkörper ist. Und dann kommt das Desaster der Ausscheidungen.
Die Ausscheidung sind das Verworfene und das Rettende zugleich. Ansonsten würde ich als Säugling aufgehen in der Muttermilch, mein Untergang. Der Inzest zu Ende geführt ist der Tod. So dass also die Exkremente als Anmahnung, dass da ein Rest bleibt, anti-inzestuös katastrophal und gegen die Katastrophe die Rettung sind. - Worin besteht darin das thanatologische Element?
Die Rettung wird nicht so wahrgenommen, dass ich zu den Exkrementen ein affirmatives Verhältnis hätte. Warum?
Es geht gegen die Koprophagie (die es immer noch gibt). Chronisch Schizophrene fressen ihre Exkremente. Das, was sie von sich selbst abtrennen, re-introjizieren sie, holen sie zurück. Das verlorene Selbst wird auf diese Weise wieder hergestellt.
Die Vermeidung der Rückaneignung des Exkrements, der Koprophagie, ist die Dinggeburt.