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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 28.10.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 28.10.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Dies macht die Besonderheit der pathognostischen Theorie der Abwehrmechanismen aus: Jede Abwehr ist immer Abwehr der Sterblichkeit, Thanatos-Defensive. Bliebe diese sich selbst überlassen, wäre buchstäblich nichts. Sie muss immer lustbestimmt, libidinös in Bewegung gesetzt und vor allem getragen, unterhalten werden und dies wird sogar als Ziel gesetzt gegen das, was eigentlich das Ziel ist. Thanatos-Defensive mittels Eros-Eingabe. Und diese Eros-Eingaben sind Angelegenheiten des "primären Masochismus", ohne den das ganze Gewaltwesen nicht existenztragend sein könnte.
Im Unterschied zum Triebdualismus der Psychoanalyse vertritt die Pathognostik einen strikten Triebmonismus: es gibt nur den Todestrieb.
Trieb heißt immer, ich unterstehe dem Absolutheitsbegehren, also dem Gottesbegehren. Das Absolutheitsbegehren diszipliniert sich differierend in der Produktion der Dinge (ansonsten würden wir sofort sterben), die Dinge sind dementsprechend waffenförmig.
Zum "eigentlichen Sadismus", der Kontaminierung von Eros und Thanatos, innerhalb der genitalen Sexualität. Der "eigentliche Sadismus" als die Fundierung der genitalen Sexualität. Diese Häresie des späten Freud entspricht der Sexualitätsauffassung von Alfred Adler. Beim späten Freud gibt es Fußnoten, in denen er Adler hinsichtlich der Auffassung des Todestriebes indirekt rehabilitiert.
Genitale Sexualität als schulderzeugendes Gewaltverhältnis und als solches erosdurchsetzt, wodurch die Gewalt unkenntlich gemacht wird, - Eros als Tamponade der Exkulpation. Eros als Gleißner, als Betrüger.
Alfred Adler: "Der Wille zur Macht hängt sich die Maske der Sexualität um."
Sexualität als ein schuldgenerierendes Gewaltverhältnis, gerade auch dann, wenn sie prokreativ für den Fortbestand der Gattung sorgt.
Schuld ist zu unterscheiden von Schuldgefühl. Das Ausbleiben eines Schuldgefühl ist vereinbar mit einem Schuldaufkommen, nicht jede Schuld manifestiert sich empirisch im Subjekt.
Problem: die Verselbständigung der sexuellen Lust. Es gibt einen Überschuss, der den sexuellen Akt nicht nur prokreativ sein lässt. Was hat es mit diesem Überschuss auf sich? (Dieser Überschuss wird selbst zum Ziel der Sexualität.)
[...]
Petersen: Inwiefern ist die Pathognostik eine Ontologie? - Herkömmlich bedeutet Ontologie, dass laboriert wird an der Differenz zwischen Seiendem und Sein, traditionell wäre das Sein die Bedeutung des Seienden. In der Pathognostik geht es aber nicht um diese Differenz, sondern um die Lebens/Todes-Differenz, die als ontologische Frage abgehandelt wird. Also um die Differenz von Ursadismus, primärem Masochismus und ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus und Sadismus als Perversion. Es geht nicht um die Grundlegung des Materiellen durch ein Immaterielles, sondern um eine materialistische Ontologie. Stichwort: Körperverwerfung als Todesverwerfung. Zum Übergang vom Ontischen zum Ontologischen am Beispiel des "funktionalen Phänomens": dieses wird aus der traumtheoretischen Bindung bei Herbert Silberer herausgelöst und derart generalisiert, dass jedes Repräsentationselement seine eigenen Produktionsbedingungen und -modalitäten mit sich führt, die dann pathognostisch-genealogisch benannt werden können. Wenn es beim funktionalen Phänomen bliebe, dann wäre es so, dass Selbstreferenz, so sie sich erfüllte, sogleich dazu führte, dass es gar nichts geben könnte, das selbstreferentiell wäre. Selbstreferenz wäre Ursadismus. Das heißt, es kommt etwas hinzu, was bei Silberer die materialen Phänomene sind, die Inhalte und die somatischen Phänomene (die physiologischen Sensationen, die mit diesem Prozess einhergehen). So hat jeder Repräsentationsbestand den funktionalen Aspekt, den materialen und den somatischen Aspekt.
Wir wissen, dass jeder Selbstbezug, der sich innerhalb eines Bestandes von Seiendem vollzieht, immer nur anderen-vermittelt sein kann. Das funktionale Phänomen ist zwar ein Selbstreferenz-Phänomen, aber die Selbstreferenz verläuft über Anderen-Referenz, man könnte mit einer Wortschöpfung von Rudolf Heinz sagen: das funktionale Phänomen ist homo-/heterogenisiert.
Heinz: Der "primäre Masochismus" (Eros) macht den trügerisch-gelingenden Versuch aus, Gewalt zu tamponieren. Weiterführung von Gedanken des späten Freud, in der konventionellen Psychoanalyse nicht rezipiert. Hinauslaufend auf einen Triebmonismus und letztlich auf den Ödipuskomplex. Trieb spielt immer innerhalb des Ödipuskomplexes.
Der Ödipuskomplex ist der verrückt gewordene Autokreationismus. In der Sequenz vom Ödipuskomplex über den Narzissmus zum Todestrieb: Triebziel ist die Absolutheit. Der Ödipuskomplex (aus der Sohnesperspektive) ist das Phantasma, der elterliche Ursprung zu sein. Und vom Narzissmus her bin ich alles. Und schließlich der Todestrieb: Wenn ich selbst der Tod wäre, dann müsste ich nicht sterben.
[...]
Selbstverständnis, Geschichtsverständnis im Hinblick auf Kontinuität und Bruch, Indifferenz und Differenz. Es gibt den Druck der Indifferenz (entspricht dem Absolutheitsphantasma), aber auch den Einspruch der Differenz. Aber wo gibt es Zeichen, dass man das Kontinuitätsdenken hinter sich gelassen hätte? (Seibel)
Gegen alle Verfechter der Differenz ist geltend zu machen, dass die Ubiquität der Macht der Indifferenz als Verdinglichung keineswegs gebrochen ist. Andererseits ist die Setzung der Differenz lebenserhaltend.
Das schuldgenerierende Gewaltphänomen Sexualität ist dadurch tamponiert, dass primärmasochistisch Lust einschießt. Es wäre nicht praktikabel, wenn nicht immer auch gegen die Indifferenzierung, die darin steckt, ein Differenzmoment so geltend gemacht würde, dass mindestens die Indifferenz sich sozusagen dehnt. In Annäherung an Derrida könnte man von différance sprechen. Nicht eine abstrakte Deklaration der Differenz, sondern vielmehr die Eingemeindung der Differenz in die Indifferenz.
Es muss ein Alternieren von Differenzierung und Indifferenzierung geben; wenn hingegen sich beide Extreme erfüllen, ist an beiden Enden nichts. Der rasende Wechsel, die phantasmatische Ausbalancierung garantiert, dass überhaupt etwas ist.
In den Kategorien des Anti-Ödipus wäre das die "inklusive Disjunktion".
Differenzerfahrung ist immer traumatisch. Sie ist die Erfahrung von Geschlecht, Generation, Tod.