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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 25.11.2017

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 25.11.2017
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Rudolf Heinz trug Teile eines Textes für eine Festschrift für Hans-Ulrich Reck vor, Rektor der Medienhochschule Köln. Reck ist ein Kulturhistoriker und Philosoph, der sich in seiner Traumenzyklopädie ausführlich auf die pathognostische Traumtheorie bezieht. Initiator der Festschrift ist Bernd Ternes, ein Schüler von Dietmar Kamper. Er hatte einige Texte von Hans-Ulrich Reck vorgegeben, von denen man sich einen auswählen konnte, um an diesen seinen eigenen Text anzuschließen.
Titel des Textes von Rudolf Heinz: "Akrophobissima. Über Kampfflugzeuge und ähnliche Unterweltgelichter", angeschlossen an folgende Textvorgabe von Reck:
"Zum Verhältnis von Technologie und Geist: Technologie ist also in der Tat eine praktische Selbstermächtigung experimenteller Metaphysik. Das heißt aber auch, dass sie dieser stetig bedarf und nicht zu verstehen ist als Auflösung der Transzendenz durch Technik, die sich praktisch an die Stelle der aufgelösten Metaphysik setzt."
Dies ist auch die Sicht der Pathognostik: Naturwissenschaft und Technik löst Metaphysik nicht ab, sondern exekutiert sie, macht sie operational-mundan.
Hier der vorgelesene Text zum Anhören:
Der vorgetragene Text schien die Zuhörenden etwas ratlos zu machen. Ob man solch einen Text auch in eine wissenschaftliche Sprache übersetzen könne, fragte schließlich Hajo Schmidt.
Thomas Petersen: Dieser Text passt zu den Texten von Rudolf Heinz aus der letzten Zeit. Es ist eine Form von Stilistik, die begonnen hat, nachdem die "aisthetische" Phase der Pathognostik (Sinnenphilosophie) abgeschlossen war (Ende der 90er Jahre). Dann begann diese neue Art der Stilistik und das Schwierige an ihr ist, dass die theoretischen Entwicklungen vor der "aisthetischen" Phase (Objektivitätswende, Dingphantasma, etc.) vorausgesetzt werden. Nun wird mit ihnen gespielt, sie werden neu zusammengesetzt und weiter verdichtet.
Im Anschluss an den vorgelesenen Text, in dem es um Akrophobie ging stellte sich die Frage nach einer möglichen Hierarchie der Phobien. Es gebe keine, so Heinz, allenfalls komme bei ihm ein persönliches Hierarchiemoment ins Spiel, weil sein erster Analysand ein Brückenphobiker gewesen sei und er sich dann besonders intensiv mit dieser Phobieart auseinandergesetzt habe. Und die Akrophobie sei die einzige Phobie, die er selbst ansatzweise empfinde.
Es gibt Situationen, in denen mehrere Phobien herbeizitiert werden, zum Beispiel im Flugzeug. Das Flugzeug, eine besondere Kulturleistung. Und die Kulturleistungen werden uns letztlich umbringen - so Heinz - und das habe er selbst nicht erfunden. Die Entropie der Rationalität wurde schon von Philosophen gegen Ende des 19. Jahrhunderts formuliert (Eduard von Hartmann z.B.).
Das Gebilde der Rationalität muss sich zugrunderichten, es ist nur eine Frage der Zeit. Gibt es Gegenkräfte? Aber diese sind nur Aufschübe ("différance"), mehr nicht. Die grundlegende Phantasmatik lässt sich nicht aus den Angeln heben.
Thomas Petersen: Die Psychoanalyse geht mit ihrem sich wandelnden Gesundheitsbegriff da mit, indem sie vom Subjekt immer weniger verlangt. Gesundheit wurde früher als Arbeitsfähigkeit und Liebesfähigkeit verstanden, aber später war von den Narzissten die Rede, bei denen die Produktion ausfällt und die voll auf Konsumtion setzen wollen. Die Arbeits- und Liebesfähigkeit wird dementsprechend umgewandelt, indem man den Anspruch zurücknimmt und damit zufrieden ist, wenn es überhaupt noch eine stabile Subjekt- und Objektrepräsentanz gibt. Der Gipfel der Gesundheit ist heute, dass man überhaupt noch Subjekt und Objekt auseinander halten kann.
Die manischen Zustände eines Kampfflugpiloten, die stillschweigend mitlaufen, aber selbst nicht zum Thema gemacht werden. Der Mensch wird zum Anhängsel der Maschine ("Maschinenphylum" in der Sprache des "Anti-Ödipus"), des Kampfflugzeugs, und wird dadurch entschuldet. In jeder Manie geht es um Entschuldung. (Davon ist auch nicht derjenige befreit, der es zu benennen vermag.)
Wichtig: die Verbindung von Inregienahme und Exkulpation.
Aber was macht man mit all diesen Einsichten? Kann man sie an jemanden herantragen, der betroffen ist, z.B. an einen Kampfflieger, der mit seiner Manie nicht mehr klar kommt? Eher nicht. Problem der praktischen Umsetzung der Pathognostik.
Harald Schmidt-Ott: Warum wird bei der Höhenangst der Bereich des Os Sacrum (Kreuzbein) affiziert? Warum der Rückschlag in den Körper gerade dort?
Warum heißt dieser Teil des Körpers Os sacrum? Mit dieser Frage müsste man anfangen. Im Zusammenhang der Akrophobie wäre es ein Sonderthema, bisher nicht aufgearbeitet.
Das Os sacrum (Kreuzbein) ist beim Menschen ein keilförmiger Knochen, entstanden aus zusammengewachsenen Wirbeln (den Kreuz- oder Sakralwirbeln) im Lendenbereich. Diese Verschmelzung findet während der Wachstumsphase des jugendlichen Menschen statt. Im Kreuzbein befinden sich Löcher, durch die hindurch die Nervenstränge führen, die das Becken und die Beine versorgen. Sie bilden ein Nervengeflecht, den Plexus lumbosacralis.
Petersen beschreibt die akrophobischen Sensationen als eine Art Elektrisierung, als würde ein Stromstoß durch diese Region geschickt werden. Aber es ist keine Angstlust, so Heinz. Eine Art von Kitzel, aber nicht angenehm.
In welchem Verhältnis stehen Höhenangst und Flugangst? Sie scheinen nicht aneinander gebunden zu sein. Vielleicht liegt das daran, dass im Flugzeug der Kontakt zum Boden fehlt. Mit dem Verlust dieses Kontaktes scheint sich der hypertrophe Anspruch zu verlieren, der in der Akrophobie steckt. Die Tiefe, die man aus dem Fenster eines Flugzeugs sieht, ist eine völlig andere als die, die man von einem Turm oder Berg sieht.
Außerdem ist die klaustrophobische Situation im Flugzeug auch eine Berge. Man ist gehüllt und zudem in Bewegung auf ein Ziel hin.
Britta Ryschka: Psychosozialer Stress führt oftmals zu Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule. Wäre das so etwas wir die Abwehr einer Höhenangst auf psychozialer Ebene? Stress mit Vorgesetzten, mit aggressiven Partnern, etc. - Situationen, die mit einem Unterlegenheitsgefühl verbunden sind.
Thomas Petersen: Man kann sich zur Vermeidung der Höhenangst auf alle Viere niederlassen. Die Schuld des aufrechten Gangs ermäßigen. Damit kommt man manchmal etwas weiter.
Rudolf Heinz: Der Anthropos muss büßen für die Anmaßung seines aufrechten Gangs.
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Die ontische Angst ist immer auch der Versuch, die ontologische wegzuschaffen. Und oft wächst mit der Freiheit von der ontischen Angst die ontologische Angst (Daseinsangst).
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Ausblick: Thema im nächsten Jahr wird die pathognostische Traumtheorie sein. Zunächst Traumexegese am Beispiel von Träumen in der Literatur (Fremdträume). Außerdem wäre ein mögliches Thema, welchen Stellenwert eine pathognostische Traumanalyse innerhalb der Therapie haben könnte. Dann vielleicht Traumtheorie erweiterbar auf Medialität, auf Umgang mit Computern, vor allem Computerspielen, was ja halluzinatorische traumartige Züge aufweist.
Nur verschoben wird das alternative Thema, das Gottesproblem.
Rudolf Heinz: Ich bin auf die "unio mystica" gestoßen, "imitatio Christi", was das alles so nach sich ziehen kann. Da bin ich auf den Franz von Assisi gekommen, den Sonnengesandten. "Er wälzte sich in seinem eigenen Kote." Und er war stigmatisiert, das ist überliefert, die Wundmale des Herrn hat er an den Händen und den Füßen getragen. Bei seinen ekstatischen Anwandlungen ist das offensichtlich passiert, er hat die "unio mystica" auf die Spitze getrieben. Dies nur als Hysterie zu interpretieren, wäre zu wenig. Es geht ins Psychotische. Was damals ein besonderes Indiz für Heiligkeit gewesen ist, bezeichnet man heute säkular als Psychose. Zum Beispiel das Wälzen im eigenen Kot: da muss man ja koprophagische/nekrophagische Tendenzen unterstellen dürfen. Und Koprophagie/Nekrophagie wäre ja die letzte Heiligung des Todes, des sterblichen Körpers. Und das ist die "unio mystica". Und ich vermute - er ist ja an einer - so würde man medizinisch sagen - generalisierten Infektion gestorben, das war eine Sache der Katatonie. Und Katatonie heißt ja, ich überlebe mich im Tode selbst als Ding, die Verdinglichung des Körpers. In der Psychiatrie werden bei einer Katatonie sofort Neuroleptika gespritzt, weil es ansonsten zu einer generalisierten Infektion kommt, die tödlich ausgeht und auch mit Antibiotika nicht zu stoppen ist.