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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 27.01.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 27.01.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Grundlegend für eine pathognostische Traumtheorie ist das "funktionale Phänomen" Herbert Silberers, die Selbstreferentialität des Traums.
Silberer beschränkt das "funktionale Phänomen" auf die hypnagogen Zustände und den Traum. Die Nutzbarmachung des "funktionalen Phänomens" als ein Instrument einer Repräsentationstheorie ist eine Innovation der Pathognostik.
Hinweis auf das Buch von Hans-Ulrich Reck: Traum. Enzyklopädie. Dort wird die pathognostische Traumtheorie dargestellt in einem Kapitel, in dem es um das Verhältnis von Traum und Film geht.
Petersen: Man könnte anschließen an das Thema der Abwehrtheorie - auch unter ontologischer Observanz - das "funktionale Phänomen" und den Traum dahingehend untersuchen. Angesichts der Traumarbeit könnte man parallelisieren dahingehend, dass das, was im Traum die Traumarbeit ist, im Wachen die Abwehrmechanismen sind. Man müsste die Traumarbeitsmechanismen so ontologisieren können, wie man das mit den Abwehrmechanismen machen kann. Man könnte vielleicht sogar - hinsichtlich Verschiebung, Verdichtung, Rücksicht auf Darstellbarkeit - so parallelisieren, dass man sagen könnte, dieser Traumarbeitsmechanismus entspricht diesem Abwehrmechanismus. Traumtheorie als Repräsentationstheorie. - Ein anderer Aspekt ist die Kritik der psychoanalytischen Traum-Hermeneutik.
Heinz: Gleichwohl geht es darum zu zeigen, wie verführerisch und verfänglich die ödipalisierende Trauminterpretation ist. Und die subjektiven Belange sind beim Traum nicht außer acht zu lassen. Bei aller Emphase für die Ablaufform des Traums, für sein Selbstgenügen, ist der Anspruch des träumenden Subjekts nicht zu vergessen.
Mögliche Interessensgesichtspunkte:
Möhl: Traum als Ausdruck von Stimmungen. Funktionale Abbildungen von Gemütsverfassungen. Bis hin zu depressiven Zustandsbildern. Neurobiologie und Traum.
Petersen: Silberer unterscheidet beim Traum zunächst die materialen Phänomene (Inhaltsphänomene, die autosymbolische Darstellung von Gedanken), dann die funktionalen Leistungsphänomene (Traumarbeit) und schließlich die somatischen Phänomene (Darstellung von Stimmungen und körperlichen Symptomen, Schmerz z.B.). Bei Letzterem ginge es um den Traum als Ausdruck neurobiologischer Prozesse.
Hinweis auf Traumtheorien in der Romantik und im deutschen Idealismus (Schelling, Schubert, etc.).
Traum und Diagnostik. Träume als diagnostische Hilfen. Oder noch mehr: der Traum als Diagnostik selber. Insofern der Traum auf spezifisch somniale Weise Symptome wiedergibt. Vielleicht kann man sagen, dass der Träumer in seinen Träumen seine Symptome in Regie zu nehmen versucht.
Fehrenschild: Gibt es von einem repräsentationstheoretischen Aufschluss des Traumes eine Brücke zu einem Verständnis der Medien? Kann der Traum primärprozesshaft einen Aufschluss sozialer Objektivität leisten?
Wichtig: Der Träumer ist nicht das Traumsubjekt, sondern der Traum.
Köhler: Zusammenhang von Tod, Tiefschlaf, Traum und Wachen - Traum als Rettung vor dem tödlichen Sog des Tiefschlafs.
Der Tiefschlaf muss sich so organisieren, dass schließlich der Traumschlaf folgt, damit er nicht tatsächlich lebensgefährlich wird. Dies geschieht durch die Tiefschlafmotorik, die vor dem Entropiesog des Tiefschlafs rettet. Somnambulismus als extreme Form der Tiefschlafmotorik. Während dagegen im Traumschlaf der Körper gelähmt ist (mit Ausnahme rollender Augen und Erektionen beim Mann oder Lubrikationen bei der Frau).
Schlafstörungen als Angst, sich dem Schlaf zu überantworten; sie treten vor allem im Zusammenhang von Zwangsneurosen auf. Schlaf ist eine Art der Hingabe, des Vertrauens. (Für den Theologen Karl Rahner war das Einschlafenkönnen eine Form des Gottvertrauens.)
Pavor nocturnus: "Während der ersten Non-REM-Schlafphase (typischerweise 15 Minuten bis eine Stunde nach dem Einschlafen) schreckt der Patient mit Wimmern, Keuchen oder meist einem Schrei aus dem Tiefschlaf und ist vegetativ zunächst so aktiviert, dass er für bis zu fünfzehn Minuten nicht ansprechbar sein kann. Der Patient verspürt in dieser Zeit eine große Angst, die man am Vegetativum messen kann." (Wikipedia)
Der Pavor nocturnus als eine Selbsterweckung gegen den Entropiesog des Tiefschlafs. Ein Beispiel für die Heilsamkeit von Symptomen, die aber gleichwohl Symptome sind.
Man sagt ja, der Traum ist der paradoxe Schlaf, voll repräsentativ, sinnenhaft differenziell und als solcher eine Errettung nachgerade. Der Mensch ist derart auf Welthabe, auf Repräsentativität angewiesen, dass auch der Schlaf davon nicht frei sein kann. Er wäre tödlich, wenn das nicht so wäre. Insofern wären die Modi der Tiefschlafermäßigung zu eruieren, zu denen eben der Pavor nocturnus oder der Somnambulismus gehört.
Petersen: Beim Einschlafen gibt es das Problem, den Übergang vom Wachen ins Schlafen disponieren, in Regie nehmen zu wollen. Es ist das Problem mit den Übergängen, dass die Übergänge sehr schnell verloren gehen. Da repräsentiert sich nichts. Die Folge davon ist, dass man nicht einschläft. Am anderen Ende gibt es wieder einen Übergang, der sich aber manchmal zum Traumende zumindest andeutungsweise repräsentiert.
Träume vom Erwachen. Bei einem verstärkten Tonaufkommen geht der Traum seinem Ende zu. Ein visueller Schwund.
Rudolf Heinz zu seinem frühmorgendlichen Schreiben: Die Gnade des Weckers, der mich jeden Morgen um halb sechs aus dem Schlaf reißt und meistens einen Traum unterbricht (meistens Träume von unlösbaren Schriftproblemen, die sehr unangenehm sein können). Und dann setze ich mich hin und schreibe. Wenn ich abrupt geweckt werde, kann ich besser schriftlich produzieren. Wobei dann dieses Schreiben mehr primärprozesshaft bestimmt ist. Nach dem Aufstehen kein Frühstück, kein Duschen, nur etwas Tee. Schreiben bis acht Uhr, erst danach ein Frühstück.
Frage: Warum betreiben wir Traumexegese, warum wollen wir den Traum, da ja an sich repräsentativ ist, noch einmal repräsentieren? Zum Beispiel durch Aufschreiben. - Problem der Intimität von Träumen.
Ein Traumbeispiel (Heinz):
Mein Vater in jüngeren Jahren trifft sich mit Chruschtschow (der ein wenig in Putin hinüberspielt), um in der Pfalz über das deutsch-russische Verhältnis zu diskutieren. Ich bin da irgendwie mit dabei. Um irgendwo hin zu gelangen, wo diese Diskussion stattfinden sollte, mussten wir einen Aufstieg nehmen. Und dieser Aufstieg geschah durch lose Strohballen hindurch. Ich merkte dann, dem Chruschtschow war das kein Problem, der absolvierte das ganz leicht, sprach auch währenddessen mit mir, und er sprach ein astreines Deutsch. Meinem Vater hingegen fiel der Aufstieg schwer und ich bin ihm etwas behilflich gewesen. (Und dann kam der Wecker.)
Von der konventionellen Psychoanalyse her wären jetzt Assoziationen zu dem Traum gefragt. Benutzt man hingegen das funktionale Phänomen als Trauminterpretament, geht man nicht von Assoziationen aus, sondern greift direkt auf die Traumkonstellierung zu und fragt, was an dem Traum autosymbolisch ist. Man übersetzt die Szenen des Traumes in Komponenten der Traumarbeit, auf Traum als Traum.
Verwunderlich ist, dass sich der Traum überhaupt hat erhalten können, denn nahezu von Anfang an gab es Phonetik und gab es diesen steilen und auch noch gehinderten Anstieg, der sozusagen der Weg vom Anfang des Traumes zum Erwachen ist. Der Vektor zum Wachen hin wird szenifiziert durch den beschwerlichen Aufstieg.
Ich bin in Repräsentation angewiesen, dass das, was ich bin, was ich einbringe, nicht ins Leere geht. Das Gespräch (das anvisierte Gespräch zwischen Chruschtschow und dem Vater, das zwischen Chruschtschow und Heinz) - das wäre die Ermöglichung von Traum selber dargestellt. Die Strohballen sind porös und leicht wegzuräumen, was wiederum den Traum erhält. Was ist Stroh? Was sind Strohballen? Traumauflösungstendenzen. - Ist der zurückbleibende Vater ein Tiefschlafmonitum? Kurze Tiefschlafregression vor dem endgültigen Erwachen. Die Hemmung im Traum ist traumkonservierend.
Der funktionale Gesichtspunkt hinsichtlich des Traums bedeutet, dem Traum zuzubilligen, dass er eine autarke Verfassung aufweist, unabhängig davon, was er mir alles sonst noch sagen kann, in einer hermeneutischen Perspektive. Primär geht es darum, wie der Traum funktioniert, nicht, was er bedeutet. Welche Mechanismen des Traums stellen sich in seinem Inhalt dar.