Name
Passwort
Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 24.02.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 24.02.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Petersen: Die Theorie des "funktionalen Phänomens" von Herbert Silberer wurde von Freud zurückgewiesen, auch auch wenn die Selbstreferentialität bei Freud schon angelegt ist, z.B. in der Theorie des Narzissmus, aber er kann diesen Spuren nicht folgen, weil dies gegen seine eigenen Interessen wäre. Die Theorien des Ödipuskomplexes, des Narzissmus und des Todestriebs sind keine einander ablösenden Theorien, sondern es sind nur Elaborierungen innerhalb des einen und selben. So könnte man sagen, die Narzissmustheorie ist eine elaborierte Theorie der Sohnesposition innerhalb des Ödipuskomplexes. Auch der Ödipuskomplex ist schon als Selbstreferenztheorie lesbar (Nichtung der Generationendifferenz als Selbstreferenz).
Freud will bei Selbstreferenz in erster Linie pathologische Phänomene sehen; eine Selbstreferenz, die nicht den Umweg über Anderenreferenz nimmt. Der Bezug zum anderen geht dem Selbstbezug voraus. Es gibt keinen objektlosen Zustand. Das heißt, die Dinge sind immer vorgängig. Auch im Pathologiefall ist der Anderenbezug nie ganz weg, sonst gäbe es auch kein Subjekt. In der Verfolgung dieser Spuren lässt sich auf das zurückgreifen, was Freud bereitstellte, unabhängig von dem, was er selbst wollte.
Heinz: Es ist in der Tat so, dass bei Freud alles das, was dann sich dissident gegen ihn kehrt, angelegt ist, allerdings immer stigmatisiert dadurch, dass die Selbstreferenz verdächtig blieb, pathologisch zu sein. - So war die Narzissmustheorie ursprünglich eine Theorie der Homosexualität gewesen. (Homosexualität als Selbstreferenz auf das Ähnliche des Geschlechts.)
Das Irritierende des Vorstoßes von Silberer für Freud dürfte gewesen sein, dass Selbstreferenz befreit wird vom Bann der Pathologie.
Arbeitspapier (Heinz): Gravierender Eingriff Silberers in die Freudsche Traumtheorie - mit der Freudschen Wertschätzung desselben ist es nicht weit her (ich komme noch darauf zurück). Abstrakt fürs erste auf den Begriff gebracht, subvertiert der »latente Traumgedanke« selbst zur »Traumarbeit«, so daß sich jedweder Trauminhalt, der somniale Plot, als Selbstdarstellung der transferierenden »Traumarbeit« erweisen läßt. Traum, der sich, hermetisierend, immer selbstträumt, derart »autosymbolisch« geartet ist.
Freudsche Traumtheorie: Die Übersetzung des latenten Traumgedankens in den manifesten Trauminhalt leistet die Traumarbeit.
Für Silberer hingegen ist der latente Traumgedanke selber die Traumarbeit. Und das bedeutet, dass alles was an Trauminhalten aufkommt, nichts anderes darstellt als die Traumarbeit selber.
Petersen: Wenn man jetzt noch weitergeht und sagt, dass das funktionale Phänomen zur Erklärung des gesamten Repräsentationswesens taugt, also aus dem latenten Traumgedanken einen latenten Repräsentationsgedanken macht, dann ergibt sich, dass das Unbewusste das Vernünftige ist und das Bewusste das Delirium. Damit droht der Verlust jeglichen zweckrationalen Zusammenhangs. Und damit lässt sich kein Repräsentationsverhältnis vernünftig aufrechterhalten, man kann auf nichts mehr aus sein. Und das macht den Kern aller Selbstreferenzkritik aus. Subjektiv ist es Krankheit, objektiv ist es Zweckrationalitätsverlust.
Behrendt: Inwiefern ist die Repräsentation zwangsläufig zweckrational?
Petersen: Die Zweckrationalität wäre die Abdeckung des latenten Repräsentationsgedankens (= Dingphantasma). Abdeckung durch Zweckrationalität = das "Um-zu" der Dinge (Heidegger). Die Repräsentation selbst ist nicht zweckrational. Die Zweckrationalität dient dazu, den latenten Repräsentationsgedanken unbewusst zu halten. Die Zweckrationalität im Objektiven entspricht dem, was im Subjektiven die Pathologie ist.
Heinz: Alles das, was sich zweckrational gibt, ist immer auch primärprozessual gefährdet (Dinge verwandeln sich in andere Dinge).
Arbeitspapier (Heinz): Ohne Inhaltsreferenz aber verbrauchte so sich der Traum, leerer Selbstbezug a priori, und dagegen reserviert Silberer sich eine Art Schlupfloch: nämlich die Heterogeneität der »materialen« und der »somatischen« Phänomene. Ein Widerspruch? Nur dann, folgerichtig, zu bereinigen, wenn je der Status der Selbstreferenz sich seine Materialität auswählte - ein besonders schwieriger Punkt der Silberschen Intervention.
Silberer bringt die »materialen« und »somatischen« Phänomene ins Spiel, weil die Selbstreferenz nichts an Materialität hergibt. Bliebe es beim Monismus des »funktionalen Phänomens«, müsste dieses in der Lage sein, sich selbst Inhalte, Gehalte zu verschaffen. Das scheint Silberer so nicht behaupten zu wollen.
Arbeitspapier (Heinz): Sie erinnern sich: Das Traumbeispiel [das Traumbeispiel aus der letzten Sitzung (27.01.2018)] besteht aus einem Assemblee von Absurditäten. Inwiefern tragen nun diese den geltend gemachten »Autosymbolismus": daß der »latente Traumgedanke« selbst ja in der "Traumarbeit" platznimmt? Allgemein bekunden sie den Traumcharakter selbst, als »paradoxen Schlaf«; wie fraktalisiert mit auch den verdeutlichenden Umstand des ungewöhnlichen erwachensgefährdeten Nachmittagsschlafs. Dem entlang nun ließen sich die Detailabsurditäten aufschließen - wohl an erster Stelle, gedächtnisrevenant, somnial unpathologisch halluzinatorisch, das Aufkommen verstorbener dramatis personae, die zudem nicht zueinander passen. Wo man auch hinsieht, immer der nämliche "Autosymbolismus", aufgefangener Widersinn, traumerhaltend und zugleich -aushöhlend. Ist damit nicht auch die Frage von eben nach der Homogeneität der Traummaterialitäten beantwortet? Sie bemerken es wohl - ich bin so ganz in meinem Element, nur dass Freud aus seiner Aversion dagegen keinen Hehl macht. Weshalb?
Wenn das so ist, wie hier skizziert, erübrigt sich die Frage, ob das Traummaterial heterogen ist, es ist vielmehr homogen, es wird aus der Selbstreferenz hervorgebracht.
Die Aversion Freuds gegen diese Sichtweise gründet in der Sorge, dass der Traum nicht mehr therapeutisch einsetzbar ist, wenn sein Material sich der Selbstreferenz verdankt. Die Traumexegese ließe sich nicht mehr auf Psychopathologien beziehen und könnte auch nicht mehr zur Heilung eingesetzt werden. Dementsprechend entfiele auch die Möglichkeit, den Traum in eine Beziehung zu setzen zur Entwicklungspsychologie (Infantilität)
Arbeitspapier (Heinz): Auf dem Spiel steht die wissenschaftliche Desavouierung von Philosophie, Freud versus, auf recht einsamen Posten, Silberer. Daß der Traum funktional sich in sich und seine Inhalte gar, umwillen seiner Hermetik, aus sich selbst selegiert, das muss für Freud wie eine Sperre seines hermeneutischen Zugriffs auf die vermeintlich autonomen Inhalte irritierend gewirkt haben, so als sei ihm sein gesamtes Rückzeug aus der Hand geschlagen worden. Und er reagierte darauf recht harsch - ich fühle mich, als Philosoph, besonders angesprochen -: der »Autosymbolismus« laufe auf den, für den Philosophen typischen, »paranoischen Beobachtungswahn« hinaus. Und »funktionale Phänomene«, solche der Schwelle, des Übergangs, seien Phänomene, unausgezeichnet, wie alle anderen auch. Wie das? Doch nur unter der Bedingung, im Insichzirkulieren des Traumgeschehens eine Metaposition einnehmen zu müssen. Muss man das? Dieser wissenschaftsrettenden Präzedenz der hermeneutischen Dampfwalze huldigen?
Wie kommt der »paranoische Beobachtungswahn« ins Spiel? - Freund weist das »funktionale Phänomen« zugunsten der Hermeneutik zurück. Als bedroht empfindet er die entwicklungsgeschichtliche Perspektive der Psychoanalyse, die Historisierung des Subjekts.
Für die Pathognostik drängt sich die Frage auf, was mit einer derart ausgeweiteten Traumexegese noch möglich ist, wenn die hermeneutische Auslegung versperrt ist.
Passage zu Herbert Silberer in Freuds Traumdeutung:
"Das »funktionale« Phänomen, die »Darstellung des Zuständlichen anstatt des Gegenständlichen«, beobachtete Silberer wesentlich unter den zwei Verhältnissen des Einschlafens und des Aufwachens. Es ist leicht zu verstehen, daß nur der letztere Fall für die Traumdeutung in Betracht kommt. Silberer hat an guten Beispielen gezeigt, daß die Endstücke des manifesten Inhalts vieler Träume, an die das Erwachen unmittelbar anschließt, nichts anderes darstellen als den Vorsatz oder den Vorgang des Erwachens selbst. Dieser Absicht dient: das Überschreiten einer Schwelle (»Schwellensymbolik«), das Verlassen eines Raums, um einen anderen zu betreten, das Abreisen, Heimkommen, die Trennung von einem Begleiter, das Eintauchen in Wasser und anderes. Ich kann allerdings die Bemerkung nicht unterdrücken, daß ich die auf Schwellensymbolik zu beziehenden Elemente des Traumes in eigenen Träumen wie in denen der von mir analysierten Personen ungleich seltener angetroffen habe, als man nach den Mitteilungen von Silberer erwarten sollte.
Es ist keineswegs undenkbar oder unwahrscheinlich, daß diese »Schwellensymbolik« auch für manche Elemente mitten im Zusammenhange eines Traumes aufklärend würde, z. B. an Stellen, wo es sich um Schwankungen der Schlaftiefe und Neigung, den Traum abzubrechen, handelte. Doch sind gesicherte Beispiele für dieses Vorkommen noch nicht erbracht. Häufiger scheint der Fall der Überdeterminierung vorzuliegen, daß eine Traumstelle, welche ihren materialen Inhalt aus dem Gefüge der Traumgedanken bezieht, überdies zur Darstellung von etwas Zuständlichem an der seelischen Tätigkeit verwendet wurde.
Das sehr interessante funktionale Phänomen Silberers hat ohne Verschulden seines Entdeckers viel Mißbrauch herbeigeführt, indem die alte Neigung zur abstrakt-symbolischen Deutung der Träume eine Anlehnung an dasselbe gefunden hat. Die Bevorzugung der »funktionalen Kategorie« geht bei manchen so weit, daß sie vom funktionalen Phänomen sprechen, wo immer intellektuelle Tätigkeiten oder Gefühlsvorgänge im Inhalt der Traumgedanken vorkommen, obwohl dieses Material nicht mehr und nicht weniger Anrecht hat, als Tagesrest in den Traum einzugehen, als alles andere.
Wir wollen anerkennen, daß die Silbererschen Phänomene einen zweiten Beitrag zur Traumbildung von Seite des Wachdenkens darstellen, welcher allerdings minder konstant und bedeutsam ist als der erste, unter dem Namen »sekundäre Bearbeitung« eingeführte. Es hatte sich gezeigt, daß ein Stück der bei Tage tätigen Aufmerksamkeit auch während des Schlafzustandes dem Traume zugewendet bleibt, ihn kontrolliert, kritisiert und sich die Macht vorbehält, ihn zu unterbrechen. Es hat uns nahegelegen, in dieser wachgebliebenen seelischen Instanz den Zensor zu erkennen, dem ein so starker eindämmernder Einfluß auf die Gestaltung des Traumes zufällt. Was die Beobachtungen von Silberer dazugeben, ist die Tatsache, daß unter Umständen eine Art von Selbstbeobachtung dabei mittätig ist und ihren Beitrag zum Trauminhalt liefert. Über die wahrscheinlichen Beziehungen dieser selbstbeobachtenden Instanz, die besonders bei philosophischen Köpfen vordringlich werden mag, zur endopsychischen Wahrnehmung, zum Beachtungswahn, zum Gewissen und zum Traumzensor geziemt es sich, an anderer Stelle zu handeln."

(Sigmund Freud, Die Traumdeutung, Studienausgabe Band III, 484f.)
Freud fürchtet, dass Affekte und Emotionen psychoanalytisch nicht mehr verortet werden können und nur noch in sich selber kreisen, als Niederschläge der Selbstreferenz.
Arbeitspapier (Heinz): Was aber ist mit dieser nicht eben simplen Version, weitergedacht Subversion, gewonnen? Mit einem Gertrude Stein entlehnten Topos: den Traum geht das Geträumte nichts an, will sagen: Die Hypostase des Traumszenarios verfehlt nur das prozedurale Traumgemächte sich entziehend selbst. Alle inhaltsfetischistischen Hermeneutikmühen verschulden sich der Verwechslung des Traumsubjekts (Subjekts!) mit mir selbst als träumendes Subjekt. Nur auf diesem Irrwege stellt sich der effektive Schein verfügender Hermeneutik - wie ein verum ipsum factum ein.
Die Hermeneutik lässt sich nur auf der Basis einer Verwechslung retten, des Traumsubjekts mit dem träumenden Subjekt. Auf der Basis dieser Verwechslung ist Exegese möglich. Aber wenn das gesperrt ist, was macht man mit dieser Sperre?
----------------
Ist der Traum mehr als Gedächtnistraining, wie die Traumforschung behauptet. Gibt es einen Bezug zu Psychopathologien und zu der Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Repräsentativität?
Wie ist es möglich, dass man im Traum Tote lebendig werden lässt? Es ist ja keine Erinnerung an Tote, sondern eine halluzinatorische Totenerweckung, aber nicht pathologisch (gleichsam eine zensierte Psychose).