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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 28.04.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 28.04.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Textgrundlage: Jacques Lacan: Das Begehren zu schlafen (aus: Der Wunderblock. Zeitschrift für Psychoanalyse Nr. 13, Juni 1985)
Die Frage, die Lacan gestellt wurde: "Ist das Todesbegehren auf der Seite des Begehrens zu schlafen oder des Begehrens zu erwachen zu situieren?"
Heinz: Eine seltsame Fragestellung. Ist das Begehren zu schlafen ein Todesbegehren? Wenn überhaupt, dann ist das Begehren zu schlafen kein Todesbegehren, sondern ein todestriebliches Begehren, das heißt, eine Todesparierung vorzunehmen. Eine Todesnäherung, die als Näherung zugleich die Abwendung des Todes wäre. Also beides zusammen. Parierung insofern, als ich ja weiter existiere in einem Sonderzustand der Bewusstlosigkeit (Tiefschlaf). Im Tiefschlaf wehre ich mich gegen die Entropie desselben als einen Zustand, der allzusehr dem Tode angenähert ist, durch mehr oder weniger heftige Bewegungen (im Unterschied zum Traumschlaf, in dem ich bis auf die rollenden Augen bewegungslos bin). Der Repräsentationsschwund im Tiefschlaf wird durch Motilität kompensiert, bis hin zum Extrem des Somnambulismus.
Petersen: Der Schlaf ohne Traum wäre so etwas wie eine Todessimulation, damit der Tod nicht eintreten kann. An einem bestimmten Punkt aber reicht das aber nicht mehr an Repräsentation (Motilität als eine Form der Repräsentation) und dann muss es zum Traum kommen. Insofern ist der Traum der Hüter des Schlafes, weil er verhindert, dass der Schlaf endet. Denn der Schlaf würde enden, wenn es zu wenig an Repräsentation gäbe.
Anmerkung: Morgendliche Sonnenbegrüßungsrituale im alten Ägypten. Abends der Abstieg der Sonne in die Unterwelt, das Abendrot als Bluten der Sonne, weil sie von den Dämonen der Nacht angegriffen wird, die gefährliche Fahrt in einem Nachen auf dem Fluss der Unterwelt von Westen nach Osten, vielfältigen Gefahren ausgesetzt bis hin Drohung des Sterbens, schließlich das Erwachen zu einem neuen Tag.
Petersen: Repräsentation ist eng mit Visualität verknüpft. Der Traum benötigt eine gewisse Ausleuchtung und im Wachen ist das die Sonne. Bedrohlich ist der Verlust des Lichts.
Heinz: Bei der Musterung der Lichtverhältnisse in meinen Träumen muss ich feststellen, dass da immer Dämmerung war, niemals ein heftiger Lichteinfall, auch keine Dunkelheit, sondern die Übergängigkeit der Dämmerung. Und das würde eigentlich ganz gut zu der Zwischenstellung des Traums passen, die Lichtverhältnisse würden den Traum autosymbolisieren. Ein heftiger Lichteinfall (oder auch plötzliche Dunkelheit) im Traum würde sein Ende bedeuten.
Der Theologe Karl Rahner hat hervorgehoben, dass es großes Vertrauen bedeutet, einschlafen zu können. Und wie sehr wir darauf bedacht sein müssen, nicht in den tödlichen Sog des Tiefschlafs zu geraten ("unbewusst, höchste Lust!")
Petersen: Dann wäre eine Schlafstörung ein Misstrauensphänomen. Und das hat etwas damit zu tun, dass man den Übergang nicht mitbekommt. Daher rührt auch die Angst vor Narkosen, wo der Übergang noch härter ist als beim Einschlafen.
Heinz: Beim Einschlafen gibt es die hypnagogen Phänomene, das sind Übergangsphänomene. Sie sind abstrus und nicht reproduzierbar. Was dort fehlt, ist der Konsens des Wegschlafens. Meist ist es ein lustvoller Akt. Was ist das für ein Phänomen? Ich würde sagen, das ist eine Art des sublimen Masochismus, wenn ich mit Vergnügen wegschlafe.
Schmidt-Ott: Es ist ein Genießen des Unvermeidbaren.
Heinz: Das, was eigentlich ein Horror sein würde, besetze ich mit einer bestimmten Art von Lust. Und das ist eine mögliche masochistische Option.
Ein Gedicht von Friedrich Hebbel:
Schlafen, schlafen, nichts als schlafen!
Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
Leisestes Erinnern kaum,
Dass ich, wenn des Lebens Fülle
Niederklingt in meine Ruh!
Nur noch tiefer mich verhülle,
Fester zu die Augen tu!

Heinz: Todesbegehren auf der Seite des Erwachens: Wie kann das Erwachen, das ja die Rückkehr in den Normalzustand ist, etwas mit dem Todesbegehren zu tun haben?
Schmidt-Ott: Das Erwachen ist der Wiedereintritt in die symbolische Ordnung.
Lacan: "Dank dem Symbolischen ist das totale Erwachen der Tod - für den Körper."
Petersen: Das hat damit zu tun, dass das Symbolische die Überführung des Körpers in einen immateriellen Zustand ist.
Heinz: Das Erwachen ist eine Katastrophe. Der Traum, der paradoxe Schlaf ist eine Instanz des besonderen Aufschlusses. Im Wachwerden werde ich dieser Aufklärungsquelle beraubt. Ich werde wach hinein in die Stupidität verschlossener Dinge. Und in dieser Hinsicht muss das Erwachen eine Katastrophe sein. (Das Vermeiden des Frühstücks und des morgendlichen Duschens ist der Versuch, den Anschluss an das Träumen nicht zu verlieren. Und das sofort an den Schlaf anschließende Schreiben ein Versuch, das Träumen schreibend zu verlängern. So sind dann auch die Texte: fortgesetzte Träume, halbweg sekundärprozessuell diszipliniert.
Petersen: Im Hohlspiegel des "Spiegels" (2004) fand ich folgende Antwort von Durs Grünbein auf die Frage der "SZ" "Wann stehen Sie eigentlich auf?":
"Ich stehe niemals auf. Wer aufsteht, ist verloren. Das Bett, die Wiege der Erkenntnis, nehm ich mit. Den Tag durch träumend, scheinbar wach. Man hat mich ungefragt geboren, und niemand fragt mich, ob ich sterben will. So leb ich hin, und bald ist es vollbracht."
Und in diesem Zusammenhang sagt ja auch Lacan: Man wacht nie auf.
Heinz: Und so unterläuft man diesen stupiden Zustand der Peristatik der Dinge.
Lacan: "Dank dem Symbolischen ist das totale Erwachen der Tod - für den Körper. Der tiefe Schlaf ermöglicht, daß der Körper dauert."
Petersen: Lacan redet nicht vom normalen Erwachen, sondern vom totalen Erwachen. Und das totale Erwachen wäre, wenn ich nicht einfach wach wäre, sondern die Wachheit selbst wäre, wenn es zwischen mir und dem Wachen keine Differenz mehr gäbe. Und deshalb kommen hier ja die psychotischen Zustände immer wieder zur Sprache. Der tiefe Schlaf ermöglicht, dass der Körper dauert - darauf weist auch schon Freud hin; das ist eine altes physiologisch-medizinisches Wissen.
Berendt: Das Symbolische führt zum totalen Erwachen? Ich dachte, das Symbolische wäre das, was das totale Erwachen verhindert, und nicht umgekehrt.
Köhler: Es gibt in den Texten von Rudolf Heinz den Begriff des Wachen-Wachen, das wäre das totale Erwachen. Wir wachen ja nicht vollständig auf.
Petersen: Lacan sagt, das Symbolische ist der Mord der Dinge. Wenn der Signifikant die volle Substituierung des Signifikats ist, wenn er es sozusagen aufgefressen hat, dann bleibt die reine Immaterialität und alle Körperlichkeit ist weg.
Heinz: Das Symbolische rettet mich - das wäre die Behauptung -, in diesen Zustand des totalen Erwachens zu geraten, in dem ich nicht der Erwachende wäre, sondern das Erwachen selber. Ein psychotischer Zustand.
Berendt: Beim unmittelbaren Anschließen des Schreibens an den Traum wäre das Symbolische das Bindeglied. Und das darf nicht überschritten werden. Man darf nicht jenseits des Symbolischen auf die andere Seite geraten. Dann wäre der Körper tot.
Heinz: Das Symbolische ist die Rettung davor, dass ich verrückt werde, indem ich das Erwachen selber bin. Dies wäre das Aufhören jeglicher Repräsentation. Das wäre dann der Tod für den Körper.
Köhler: Ist es das, was die Mystiker suchen: das Aufhören der Repräsentation?
Heinz: Ja. Das wäre die "finstere Nacht der Gottheit".
Petersen: Das ist das Selbstsein, das psychotische Selbstsein. Die sogenannte Erleuchtung.
Heinz: Es ist ja nicht so, dass das totale Erwachen ein möglicher Zustand wäre, so dass ich mich gegen den Körper absetzen könnte, den ich quasi verliere. Das totale Erwachen ist selber das, was mich in den Umstand setzt der Nicht-Repräsentation.
Petersen: Das wäre die All-Einheit. Keine Differenz mehr zwischen mir und der Repräsentation.
Heinz: Das ist der Gottesbegriff. Insofern ist der Gottesbegriff ein Unsinn.

Lacan: "Der tiefe Schlaf ermöglicht, dass der Körper dauert."
[1:10:00]
Petersen: Dann zweigt nach Lacan das Symbolische an, ermöglicht den Traum, damit der Traum den tiefen Schlaf weiter andauern lassen kann. Der Traum als Hüter des Schlafes.
Heinz: Konterkariert dadurch, dass der Traum ein paradoxer Schlaf ist. Eigentlich ist der Traum der Sündenfall des Schlafes. Das ist die eine Seite. Die andere ist die Hütung. Aber während des Schlafes.
Petersen: Alle Repräsentationsbestände haben mit dieser Ambivalenz zu tun. Jeder Hüter ist auch darauf aus, das zu Hütende zu Tode zu hüten.
Heinz: Der Traum erhält den Schlaf, aber um den Preis, dass es kein richtiger Schlaf mehr ist. Der paradoxe Schlaf ist kein richtiger Schlaf. Nun hätte man den Ausweg, zu sagen, der richtige Schlaf ist der Tiefschlaf. Das kann man aber auch nicht sagen. Den Tiefschlaf als den eigentlichen Schlaf anzusehen, ist eine gefährliche These. "Unbewusst, hächste Lust!", singt die sterbende Isolde.
Berendt: Hätten wir jetzt während des Schlafens die rettende Visualität im Traum und die rettende Motilität im Tiefschlaf, während das Symbolische das Wachsein rettet?
Heinz: Alles, was überhaupt seinserhaltend ist, ist die Intervention der symbolischen Ordnung, die sich darin erst bildet, sie ist nicht vorausgesetzt.