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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 28.07.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 28.07.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Thema: Eine Passage am Ende von Lacans "Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion".
"Für ein solches Werk [die psychoanalytische Therapie] erweist sich nach unserer Meinung das altruistische Gefühl als eitel; wir setzen die Aggressivität ins Licht, welche unter den Aktionen des Philanthropen, des Idealisten, des Pädagogen, sogar des Reformators liegt.
In der Zuflucht, welche wir vor dem Subjekt für das Subjekt retten, kann die Psychoanalyse den Patienten bis zu der Grenze der Entzückung begleiten, wo sich ihm in der Formel »du bist es« die Chriffre seiner irdischen Bestimmung enthüllt, aber es steht nicht allein in unserer Macht als Praktiker, ihn dahin zu führen, wo die wahre Reise beginnt."
[In der neuen Ausgabe der Schriften Lacans, übersetzt von Hans-Dieter Gondek, lautet dieser Text so:
"Für ein solches Werk ist das altruistische Gefühl ohne Verheißung für uns, welche die Aggressivität durchschauen, die sich unter dem Handeln des Philanthropen, des Idealisten, des Pädagogen und sogar des Reformers durchzieht.
In dem von uns gewahrten Rückgriff des Subjekts auf das Subjekt kann die Psychoanalyse den Patienten bis an die ekstatische Grenze des »Das bist Du« begleiten, an der sich ihm das Zeichen seiner sterblichen Schickung offenbart, aber es steht nicht allein in unserem Vermögen als Praktiker, ihn an diesen Moment heranzuführen, in dem die wahre Reise beginnt."]
Petersen: Eitelkeit ist das narzisstische Symptom per se. Vanitas bedeutet im Lateinischen nicht nur Eitelkeit sondern auch leerer Schein, Nichtigkeit. Wahrscheinlich will Lacan der karitativen, sozialen oder pädagogischen Haltung in der Psychotherapie ein "leeres Sprechen" vorwerfen.

Lacan spricht vom Symbol als "Mord am Ding" (Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse). Was hat es damit auf sich? - Verweis auf "www.lacan-entziffern.de", dort den Text von Rolf Nemitz: "Das Symbol manifestiert sich als Mord am Ding."
Verweis auf Hegel: "Der erste Akt, wodurch Adam seine Herrschaft über die Tiere konstituiert hat, ist, daß er ihnen Namen gab, d. h. sie als Seiende vernichtete und sie zu für sich Ideellen machte." (Jenaer Vorlesungen 1803/04)
oder: "Die Sprache ist die höchste Macht unter den Menschen.- Adam, heißt es, gab allen Dingen (Tieren), ihren Namen.- Die Sprache ist die Ertötung der sinnlichen Welt in ihrem unmittelbaren Dasein, das Aufgehobenwerden derselben zu einem Dasein, welches ein Aufruf ist, der in allen vorstellenden Wesen widerklingt." (Enzyklopädie)

Die "Zuflucht" in dem Lacan-Text über das Spiegelstadium ist das Setting; das Lacansche Setting ist das klassisch-Freudianische, also Couch und Analytiker dahinter in Unsichtbarkeit. Dieser sinnenphilosophische Zusammenhang des Sprechens und Hörens steht hier offenbar im Vordergrund dessen, was "Zuflucht" meint.
Die »Entzückung« des »du bist es«, nach der die »wahre Reise« beginnt ist doch eine Beschreibung dessen, was im »Spiegelstadium« passiert. Das »Spiegelstadium« ist eine Angelegenheit der Verkennung.Zu klären ist der Zusammenhang der narzisstischen Libido und der entfremdeten Ichfunktion und der Aggressivität, die sich in jeder Beziehung zum anderen, sei sie noch so karitativ, abzeichnet.
Heinz: Das Symbol (Signifikant) sei der Mord am Ding. Das hört sich so an, als würde Lacan seine eigene Signifikantentheorie in Abrede stellen. Wenn das Symbol der Mord am Ding ist, dann ist unterstellt, dass es ein Ding gäbe, fernab der Signifikation. Und die letztliche Wahrheit des Dings wäre verfehlt in der Signifikation.
Petersen: Dieses Ding jenseits/diesseits der Signifikation ist der Gegenstand des »vollen Sprechens«.
Heinz: Ja, eines »vollen Sprechens«, das dann aber verrückt wäre. Ein sich selber verfehlendes psychotisches Sprechen.