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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 25.08.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 25.08.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Pablo Picasso: Le Rêve (1932)
Heinz: Das Bild von Picasso heißt "Der Traum" (und nicht "Die Träumerin"), es wäre also eine bildliche Allegorese des Traums selber. Die sinnvolle Herangehensweise an das Bild wäre also traumtheoretisch und nicht traumhermeneutisch.
Petersen: Das Bild entstand am 24. Januar 1932, in einem Jahr, das als das produktivste von Picassos Lebenszeit gilt (manchmal zwei Bilder pro Tag). Und in diesem Jahr hat er vor allem schlafende Frauen gemalt, die meisten Bilder haben erotisch-sexuelle Inhalte. Die meisten seiner weiblichen Modelle waren auch seine Geliebten, so wie auch hier (Marie-Thérèse Walter).
Auffallende Bilddetails: der Penis über dem Kopf, die zwölf Finger, die Haltung der Hände vor dem Geschlecht (Masturbation?, oder die Hände formen ein weibliches Geschlecht?, oder sie verbergen das Geschlecht? oder Zurüstung der Hände zum Gebet?).
Heinz: Die psychoanalytische Hermeneutik verdankt sich der Verwechslung des Traumsubjekts mit dem Träumersubjekt. Dies als Anmahnung, dass wir hier keine Gehaltshermeneutik betreiben.
Petersen: Das Bild ist die Vorstellung des Künstlers von dem, was der Traum ist. Die erste Frage wäre die nach dem Geschlecht des Traumes. Wir sehen eine Frau (auch wenn da ein Penis ist, aber dieser wirkt wie eine Konterkarierung). - Was für ein Interesse hat Malerei an der Darstellung des Traums? Das hat etwas mit der Zu-Bewegung und der voyeuristischen Distanz zu tun. Wir können sagen, dass die Malerei so etwas zu liefern versucht wie eine Gebrauchsanweisung des Sehens, also eine Konstruktion/Produktion des Sehens.
Heinz: Der Traum wäre selber weiblich. Dies ist eine generelle traumtheoretische Aussage. Warum ist der Traum eine Frau? Weiblich in bildhafter voyeuristischer Distanz. Warum muss das weiblich sein?
Vollberg: Der Penis über dem Kopf verkörpert diese voyeuristische Distanz, er ist oben und scheint hinunterzublicken auf die weibliche Gestalt.
Heinz: Der weibliche Körper wird im männlichen Blick zugerichtet als der vollkommene Phallus - so Baudrillard. Das ist die fetischistische Manipulation des weiblichen Körpers. Wenn von Voyeurismus die Rede ist, kommt eo ipso - es sei denn, es wäre ein homosexuelles Verhältnis - der weibliche Körper ins Spiel. Was würde passieren mit dem weiblichen Körper, wenn er nicht fetischisiert würde? Er würde verschwinden. Es gäbe keine voyeuristische Distanz, keine "Rücksicht auf Darstellbarkeit" - es gäbe nichts. Das geschlechtliche Objekt ist weiblich und muss sich fetischisieren.
Vollberg: Und wenn eine Frau auf den männlichen Körper blickt, gibt es da nicht auch einen voyeuristischen Fetischismus? Gibt es nicht auch Frauen, die die Bedrängnis durch den männlichen Körper durch fetischistische Zerlegung parieren?
Petersen: Frau muss, um innerhalb des maskulinen Repräsentationswesens überhaupt sein zu können, dieses Universalvoyeurismusphantasma auch exekutieren. Sonst sähe sie nicht, würde die Welt nicht disponieren können. Um überhaupt existieren zu können, muss eine Teilmaskulinisierung stattfinden.
Spaltungen in der Bildgestaltung (Hintergrund, Kette, etc.)?
Heinz: Die Spaltung wäre die Geschlechtsdifferenz; wenn hier überhaupt eine Spaltung im Spiel wäre, könnte das nichts anderes sein als die Geschlechtsdifferenz. Und da wären wir wieder bei der Frage: Inwiefern ist der Traum selber weiblich? Und die Spur dahin ist der Voyeurismus. Und hier ist die männliche Perspektive veranschlagt, der Voyeur, der Spanner, und der ist ein Mann. Gleichwohl gibt es voyeuristische Impulse bei Frauen. Wie kann man das jetzt kompatibel machen, dass hauptsächlich das voyeuristische Objekt der geschlechtliche weibliche Körper ist? Im Blick auf den weiblichen Körper liegt das ganze Geheimnis der Bildenden Kunst.
Petersen: Wenn sich ein weiblicher Voyeurismus auf das männliche Geschlecht bezieht, dann ist das eine Adaptionsmaßnahme.
Behrendt: Ich sehe die dargestellte Szene als die Geburt des Mannes aus dem Kopf der Frau. Eine männliche Selbsterzeugung.
Heinz: Die Frau schläft. Sie weiß nicht, was ihr der männliche voyeuristische Blick antut. Indem sie schläft, entkommt sie der Fetischisierung, verkörpert den Vorbehalt, macht sich unerreichbar.
Petersen: Das Bild scheint in Partialobjekte zu zerfallen, was eine Hinsicht auf Psychose nahelegt. Da ergibt sich ein Bezug zum Sichtphantasma. Was ist das Sichtphantasma? Das Sichtphantasma wäre, um das geschlechtsdifferentiell zu sagen, Weiblichkeit, die den Sprechen/Hören-Zusammenschluss bezeichnet, einzuholen durch Visualisierung. Nach dem Vorbild des Sprechen-Hörens versucht das Sehen sich selber zu sehen.
Heinz: Es bleibt nicht aus, einräumen zu müssen, dass die bildliche Gestaltung immer die Mortifikation des lebendigen Körpers ist. Mortifikation heißt, den Anderen letztlich zu verdinglichen. Verdinglichung gehorcht dem Phantasma der Disposition.
Petersen: Und das Ganze ist letztlich das Geheimnis der männlichen Sexualität. - So kommt bei Picasso in diesem Jahr (1932) die Verbindung von schlafenden Frauen und Hypersexualisierung zustande.
Behrendt: Was ist mit den geschlossenen Augen? Schaut einen der Traum an?
Heinz: Augenloses Anschauen würde ich das nennen. - Schaute mich der Traum an, wäre das eine Art göttlicher Vollmacht des Traums. Mit geschlossenen Augen. Das ist ja eine contradictio in adjecto, die Augen sind geschlossen, aber gleichwohl schaut mich der Traum an. Für Picasso würde das bedeuten, dass er das Scheitern der Fetischisierung darstellt.
Heinz: Warum fetischisiere ich als Mann den weiblichen Körper? Doch aus Todesangst. Doch die Fetischisierung als sich erhaltende missglückt in sich selbst.
Die weibliche Gestalt ist partiell entkleidet.
Heinz: Der Traum muss darauf achten, noch einen Rest von Hülle zu wahren. Wenn sie sich ganz entkleiden würde, wäre das Dispositionselement des männlichen Voyeurismus gefährdet.
Petersen: Das Bild drückt einen Vorbehalt aus.
Heinz: Vorbehalt heißt ja auch, dass ich gesperrt bin. Als Betrachter des Bildes sind wir ja Voyeure, wenn auch vielfältig gesichert, abgesperrt. Was würde ein Mann nun tun, um sich dieser schlafenden Frau sexuell zu nähern?
Petersen: Traditionell begreift der Mann einen Vorbehalt als eine Vergewaltigungsaufforderung.
Heinz: Es liegt ein Lächeln auf dem Gesicht. Dieses Lächeln ist kein wissendes Lächeln, es ist das Schlaflächeln, das Lächeln der Überlegenheit des Schlafes. Eine Verhöhnung des Dispositionsbegehrens.

Vollberg: Undifferenziertheit der Oberschenkel -> Fischhaftigkeit, auch die sechsfingrigen Hände wie Flossen; es ruht da wie ein Tier.
Vollberg: Aber warum ist der Traum immer weiblich?
Heinz: Es ist doch eine männlich-patriarchalische Angelegenheit, Weiblichkeit dem Tier anzunähern.
Vollberg: Noch einmal die Frage: Warum ist der Traum immer weiblich?
Heinz: Die These der restlosen Weiblichkeit des Traums kann man so nicht aufrechterhalten. Das ist nur das Ansinnen. Wir sprechen aus der Perspektive des männlichen Künstlers und des gläubigen Rezipienten. Sie müssen aufrechterhalten die Weiblichkeit. Wenn keine Differenz mehr besteht, dann gibt es keinen Auftrag zur Schaffung. Von daher bleibt die These aufrechterhalten. Aber das sei dialektisch zu denken. In die Generalisierung müsste man zugleich einbringen die Konterkarierungselemente, die aber vielleicht letztlich nur der Aufrechterhaltung der Weiblichkeit dienen.
Behrendt: Also wenn man es einfach formuliert: Der Traum ist weiblich, aber es funktioniert nicht.
Petersen: Man könnte doch sagen: Alles, was ist, ist eine Produktion des menschlichen Körpers. Im Patriarchat ist aber der Körper als weiblich definiert. Also ist alles, was ist, weiblich. Das dementiert sich natürlich sofort. Aber trotzdem wäre es die eine Seite. Angesichts der zunehmenden Virtualisierung könnte man sagen, dass mit der Überwindung des Körpers der Mann endlich gesiegt hätte. Aber es gibt immer einen Rest, der dafür sorgt, dass die Jagd immer weiter geht.

Heinz: Im Anti-Ödipus gibt es traumbezogene Passagen, die für uns brauchbar wären, und da wird etwas veranschlagt, was wir auch tun. Wir sagen, was geträumt wird, das ist ein primärprozesshafter Aufschluss dessen, was an Außenreferenz mit ins Spiel kommt. Wenn ich in diesem Sinne an Träume exegetisch herangehe, dann ist das ein Hauptreferenzpunkt.
Heinz: In Bezug auf unser Traumbild: was wäre die Dingkorrespondenz einer schlafenden Frau? Wenn die Dinge transubstantiieren, wird man psychotisch. Die nicht-transsubstantiierenden Dinge sind nicht wach.
Petersen: Schlafende Dinge wären Dinge, deren Funktion suspendiert ist.
Heinz: Die schlafende Frau hier wäre vereint mit den toten Dingen, es wäre eine Anzapfung der toten Dinge sozusagen (Objektivitätsekstase).
Heinz: Dass die Frau halbwegs schlafend sitzt, auf sich selbst zurückgezogen, wäre eine Konterkarierung der fetischisierenden Bemächtigung. Diese Position hat etwas von Unberührbarkeit, von einer buchstäblichen Aversion. Selbstreferentiell ohne Bewusstsein. Evoziert Scheu.
Heinz: Eine Doppelung von fetischistischem Zugriff und Ehrfurcht. Man kann froh sein, dass man(n) diese Reverenz gegenüber Weiblichkeit noch an sich hat. Ansonsten wäre es nur noch ein Gewaltverhältnis. Das Gewaltverhältnis ist im Bild dargestellt.

Heinz: Die Inhaltshermeneutik ist der Versuch, die Entfremdungsgefühle, in die man hineingerät, wenn man sich mit Kunst beschäftigt, selbst auch kein Künstler ist, durch die aufgedeckten perversen Intimitäten wegzuschaffen. Das ist eine Verfänglichkeit, über die man schwerlich erhaben sein kann. Letztlich läuft es auf banale Ödipalisierungen hinaus. Dass man so etwas macht, ist letztlich ein Bannungsakt, ein obsekrativer Akt, dass man etwas in Regie nimmt, ohne dem Phantasma des Signifikanten zu verfallen, als könnte man alle Welt beherrschen. Obsekrativ bedeutet beschwörend, bannend, und es bei der Beschwörung belassend. Und das ist mir dann behilflich im Sinne einer Angstabwehr.
Heinz: Natürlich war Picasso sexuell besessen. Aber dann muss man fragen, welche Funktion das hat. Das ist doch auch nichts anderes als eine Todesbeschwörung. Was soll es denn anders sein? In dem Augenblick, wo ich hypertroph vital bin, meinetwegen sexuell ausgetragen, das ist die reinste Todesbeschwörung. Was soll man dagegen haben? - Man denke an Alfred Adler, für den Sexualität eine Art Tamponierung, eine Ermäßigung, eine Rückstufung der Gewalt ist, der wir ausgesetzt sind mit uns selbst. Sexualität ist eine etablierte Notfallreaktion auf das Gewaltwesen, das wir ursprünglich sind.