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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 29.09.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 29.09.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
[...]
Heinz: Die Schizophrenie definiert als Krankheit ein Gewaltverhältnis. Die Schizophrenie selbst ist ein Gewaltverhältnis. Aber die sich selbst damit zum Opfer macht. Es ist der Witz der Psychopathologie, dass sie für die Gewalt selber sühnt. In der Schizophrenie gibt es keine Alterität. Das wäre psychoanalytisch ausgedrückt der ultimative Narzissmus. Und das ist der Clou der Nicht-Kriminalität von Psychopathologie, dass dafür gesühnt werden muss. Und dieses Doppelgebilde von Gewalt-Schuld und Sühne wäre eine allgemeine Definition von Psychopathologie, im Extrem von Psychose.
Petersen: Gewalt ist nicht quittierbar. Der Kranke richtet sie gegen sich selbst, anstatt nach außen. Krankheit als Gewaltinversion.

Zum Phantasma des Voyeurismus:
Heinz: Wir als Betrachter des Bildes sind Voyeure, vielleicht in einem anderen Sinne als der Künstler, der dieses Bild erschafft.
Heinz: Das Urobjekt des Voyeurismus ist der nackte weibliche Körper. Was ist die Faszination dabei, diese enorme libidinöse Besetzung, die manchmal pathologisch entgleist?
Petersen: Nun ist der Blick auf ein Bild ein Sonderfall der Phantasmatik des Sehens, des Universal-Voyeurismus des Sehens überhaupt. Die Phantasmatik besteht darin, der Schöpfer der gesehenen Szene zu sein, die Erschaffung von Objektivität in vollständiger Disponibilität.
Heinz: Das zentrale Phantasma besteht in der Erschaffung des weiblichen Körpers. Es ist nicht nur so, dass ich mir einen nackten weiblichen Körper als Bild oder real vorgeben lasse, diese Vorgabe wird vielmehr kassiert, nein, ich bin der Kreator, ich bin der Demiurg des weiblichen Körpers. Und das ist eine zentrale Männerphantasie. Und warum ist es der weibliche Körper? Weil der weibliche Körper mich hervorgebracht hat. Genauer: das weibliche Genital. Das Ganze ist keine sexuelle Angelegenheit, sondern eine der todestriebbestimmten Totaldisposition. Und was ist es am weiblichen Genital, was diese versessene Attraktion hervorruft? Das ist der vaginale Geburtskanal.
Petersen: Der aber auch mit einer Nicht-Sichtbarkeit/Blendung verbunden ist.
Heinz: Aber die Phantasmatik sorgt dafür, dass solche konterkarierenden Details weggeschafft werden müssen.
Heinz: In Picassos Bild ist dieser Bereich verdeckt.
Petersen: Und die voyeuristische Distanz erlaubt mindest die Vorstellung, dass es keine Kastrationsdrohung gäbe.
Heinz: Ich starre auf die Stelle, aus der ich entsprungen bin. Und das Entspringen selber ist kein Kastrationsvorgang.
Köhler: Hinweis auf das Bild von Gustave Courbet, L'origine du Monde, das Bild einer Frau mit gespreizten Beinen, gemalt im Auftrag eines privaten Sammlers, von Jacques Lacan erworben, es hing in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode.
Köhler: Es ist doch so, dass wir Männer in unserer Jugendzeit alle Voyeure waren.
Heinz: Diese Leidenschaft besteht darin, beizuwohnen der eigenen Genese, der eigenen Entstehung.
Behrendt: Wenn man nicht glaubt, dann muss man sehen. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass man geboren worden ist. Wenn man dann versucht, diesen Ort aufzusuchen mit dem Blick, sieht man auch nichts. Der Blick wird zurückgeworfen. Das Sehen kann nicht wirklich den Glauben ersetzen.
Heinz: Ich muss das Ganze glauben, es ist ein Gerücht, eine Fama. Das Gerücht wird sozusagen korrigiert durch das Sehen. Und dann sehe ich und auf einmal merke ich, dass es nicht geht. Der Blick gibt nicht her, was er hergeben müsste, nämlich eine Verifikation der Fama meiner Geburt. Das Sehen löst das nicht ein, was es phantasmatisch soll.
Petersen: Das ist das Drama des Sehens, dass ich das nicht sehe, was ich sehen wollte.
Köhler: Aber nur die Männer sind Voyeure, interessieren sich für den weiblichen Ursprung, die Frauen nicht, denn sie sind selbst dieser Ursprung.
Heinz: Die Frau entwickelt keine voyeuristische Neigung, weil sie das Urobjekt des Voyeurismus ist, dessen Attraktor. - Aber das stimmt nicht ganz, denn man muss Frau differenzieren in Mutter und Tochter. Töchterlichkeit ist einerseits wie Mann, andererseits genau das Gegenteil. Es gibt weiblicherseits durchaus so etwas wie sexuelle Neugier. Ob das aber als ein weiblicher Voyeurismus bezeichnet werden kann, ist fraglich.
Petersen: Die eigene geburtliche Hervorbringung könnte auch deshalb ein Problem sein, weil damit die Vorstellung einhergeht, dass dem sexuelle Verhaltensweisen der Mutter vorausgegangen sein müssen. Söhne scheinen Schwierigkeiten damit zu haben, sich ihre Mutter beim Sex vorzustellen, auch wenn er zur eigenen Hervorbringung geführt hat.
Heinz: Das ist ein ödipales Problem: die Mutter soll jungfräulich sein, obwohl ich geboren wurde. Das Ganze ist unangenehm, mindestens unangenehm. Da kommt dann die ganze Phantasmatik der Jungfräulichkeit auf. Im Christentum haben wir dann die entsprechende archetypische Figur der Jungfräulichkeit Marias.
Behrendt: Auch in der griechischen Mytholologie gibt es Entsprechungen, z.B. die schaumgeborene Aphrodite oder die aus dem Kopf des Zeus entsprungene Athene.
Heinz: Das weibliche Genital besteht ja nicht nur aus dem vaginalen Geburtskanal. Spielt das eine Rolle im Voyeurismus? Es gibt ja noch die Schamlippen (Nymphae), die Klitoris, die urethrale Öffnung.
Schmidt-Ott: Wenn der Blick darauf gerichtet ist, dann erfüllt sich das Phantasma der Selbsthervorbringung nicht, weil sich der Abstand verkürzt und sich die dritte Dimension in die zweite verschrumpft, und dann hätten wir keinen Geburtskanal, sondern einen Spalt. Einen Spalt, der Links und Rechts erzeugt, aber nicht Vorne und Hinten. Der Blick als abständiger Blick fällt in sich zusammen.
Heinz: Das Starren auf den Geburtskanal bedeutet: Ich bringe mich selbst hervor. Und darin sind die anderen Teile des weiblichen Genitals gleichsam aufgehoben.
Petersen: Erinnerung an eine Textzeile von Leonard Cohen: "There is a crack in everything, that's how the light gets in." - Das wäre die Produktion der Konsumtion der eigenen Hervorbringung.
Heinz: Das wäre die Vergrößerung des Spalts zu einem universellen Spalt. Und damit wären wir beim Ursprung der Welt.