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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 24.11.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 24.11.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Referat von Harald Schmidt-Ott: Die Traumleinwand von Bertram Lewin
Kontext des ReferatesTraumtheorie v. a. zum Bildhintergrund von Pablo Picasso, "Le Rêve" (1932)
Gegenstand des ReferatesDie Traumleinwand, ein traumtheoretisches Motiv des Psychoanalytikers Bertram Lewin
Primär- / SekundärquellenB. Lewin, Sleep, the Mouth and the Dream Screen, in: The Psychoanalytic Quarterly, Nr. 4, New York 1946
B. Lewin, The Psychoanalysis of Elation 1951 (deutsch: Das Hochgefühl, Frankfurt / Main 1982)
F. Roeder, Die "Traumleinwand", Berlin 2009
DefinitionDie Traumleinwand ("dream screen") bezeichnet den Hintergrund ("screen"), worauf sich im Schlaf die Träume projizieren.
Dieser Hintergrund setzt sich aus primitiven Erinnerungen an die Mutterbrust zusammen.
Er wird gewöhnlich nicht wahrgenommen.
Zur Person B. LewinBertram Lewin (1896 - 1971), amerikanischer Psychoanalytiker.
Lewin hatte in den 1920er Jahren eine Lehranalyse bei Franz Alexander in Berlin, bevor er 1930 seinen ersten analytischen Artikel veröffentlichte.
Seine Überlegungen zur Traumleinwand (1946) fand in der amerikanischen Psychoanalyse großen Anklang - darüber hinaus auch in der Filmtheorie.
Der "Auslöser"Bericht einer Patientin von Lewin über ein hypnagoges Phänomen:
Während die Patientin beim Aufwachen ihren Traum betrachtete, drehte sich dieser Traum von ihr weg; er rollte sich zusammen und von ihr weg.
Begriffsbildung "Traumleinwand"Den wegrollenden Traum deutet Lewin als den Traum-Hintergrund, die "Traumleinwand", die sich wie ein Teppich vor der Patientin rotierend wegbewegt.
Bedeutung der EntdeckungGewöhnlich wird die Traumleinwand nicht wahrgenommen, sie kann aber in besonderen Träumen, sog. Leerträumen ("blank dreams") isoliert ("by itself") in Erscheinung treten.
Diese leere Traumleinwand fungiert dabei nicht ausschließlich als Projektionsfläche für visuelle Inhalte ("visual content"), sondern ist selbst Inhalt.
Deutung des Leertraums
("blank dream")
Lewin folgt der grundlegenden psychoanalytischen Annahme, dass alle Träume eine Wunscherfüllung darstellen.
Den Leertraum setzt er mit der Erfüllung des (infantilen) Wunsches nach Schlaf gleich.
Die auf die Traumleinwand projizierten visuellen Inhalte stören den Schlaf ("the wakers" - "die Wecker").
Entwicklungsgeschichtliche EinordnungDie Entstehung der Traumleinwand führt Lewin auf die Situation des gestillten Säuglings zurück, der an der Mutterbrust einschläft und dabei die Brust als visuelle Wahrnehmung verinnerlicht.
Die Funktion im späteren Leben". wir sagen, dass der Säugling einen ,bildlosen Traum' (,blank dream') hat, eine ,Erscheinung' (,vision') gleichförmiger Leere, die ein andauerndes Nachbild der Brust ist." (B. Lewin, Das Hochgefühl 1982, S. 79)

Dieses unausgefüllte Bild der abgeflachten Brust bleibt im späteren Leben als eine Art Hintergrund oder Projektionsschirm für die Träume erhalten.
Schlafwunsch und RegressionLewin geht von der Idee aus, dass mit dem Schlaf eine Regression zum Säugling oder Baby im Uterus stattfindet, die mit der Idee des gesättigten Säuglings, der an der Brust einschläft, assoziiert ist.
Die Traumleinwand erscheint solchermaßen als Regressionsphänomen.
Die ursprüngliche DifferenzlosigkeitLewin verweist auf die ursprüngliche Differenzlosigkeit von Säugling und Umwelt.
Das Neugeborene kann noch nicht zwischen sich und der Umwelt bzw. eigenem Körper und nährender Mutterbrust unterscheiden.
(Genauso wenig trennt das Neugeborene das Traumerlebnis vom Wacherlebnis.)
Regression in die DifferenzlosigkeitIm Schlaf zerfällt das Ich und verbindet sich mit der Brust wie beim Stillen zu einer Einheit.
Essen und gegessen werden"Das Baby weiß nicht, was es isst: Es kann etwas an der Brust oder in der Brust essen, oder etwas, das ihm selbst gehört." (B. Lewin, Sleep, the Mouth and the Dream Screen [in: The Psychoanalytic Quarterly Nr. 4] New York 1946], S. 428)

Die Verschmelzung von Ich und Brust ist an die orale Phantasie vom Essen und Gegessen-Werden geknüpft.
Der Säugling identifiziert sich beim Trinken der Milch mit der Nahrung und übernimmt damit die Phantasiemöglichkeit des Gegessen-Werdens.
Konflusion"Der Schläfer hat sich ganz oder teilweise aufgefressen und wird seines Körpers beraubt, der dann verloren geht, verschmilzt in seiner Identifikation mit der stark vergrößerten und abgeflachten Brust, der Traumleinwand." (B. Lewin, Sleep, the Mouth and the Dream Screen [.] New York 1946, S. 427)

Die Traumleinwand erscheint als Repräsentanz der Brust.
Sie steht stellvertretend für den Wunsch zu schlafen, zu essen und gegessen zu werden.
Das schlafende Ich verbleibt in diesem Verschmelzungszustand, der durch die Traumleinwand repräsentiert wird.
Psychoanalytische KontextualisierungDas Isakower-Phänomen (ein Phänomen der visuellen Vorstellung eines herannahenden und sich wieder entfernenden Objektes, kurz vor dem Einschlafen).
Die Urhöhle (René Spitz: "Vom Säugling zum Kleinkind").
Pathognostische KontextualisierungParallelisierung mit hypnagogen Zuständen und dem funktionalen Phänomen.
Anwendung auf "Le Rêve" (Öl auf Leinwand).

Heinz: Es gibt bei Freud den Ausdruck "Rücksicht auf Darstellbarkeit", und da geht es um Repräsentationstheorie. Zur Repräsentation zählt - das wäre eine kriteriale Komponente -, dass das, was ich repräsentiere, veräußere, vor mich hinstelle, vorstelle, dass das einen Halt sozusagen haben muss. Das wäre, wenn Sie so wollen, eine senkrechte Folie, die im Repräsentationswesen erforderlich ist. Denn sonst würde das, was ich veräußere, was ich projiziere, was ich repräsentiere, in ein Nichts hineingeraten. Es muss die Widerständigkeit einer senkrechten Folie geben. - Die Richtung, die Lewin einschlägt, ist dermaßen primärprozesshaft, dass man nicht davon ausgehen kann, dass auch psychoanalyseimmanent eine Resonanz zustande kommen kann.
Heinz: Lewin geht aus von einem Traum einer seiner Patientinnen, in dem sich etwas wegbewegt Und diese Wegbewegung wäre etwas, was die Voraussetzung dafür abgibt, überhaupt eine Differenz ausbilden zu können. Eine Wegbewegung von einer Fusion so, dass sich in dieser Wegbewegung ein Spielraum der Repräsentation ergibt. Und das stellt sich objiziert dann immer weiter dar als diese Traumleinwand.
Heinz: Die rettende Differenz muss sich zugleich auflösen, aber nicht im Sinne einer Regression in den vormaligen Zustand, sondern sozusagen an sich selbst, die Wegbewegung muss sich in sich selbst selbstreferentiell machen. Sonst kann ich letztendlich nicht überleben.
Petersen: Das Weltverhältnis ist nicht nur ein anales, sondern vor allem ein orales. - Die Traumleinwand als Inskriptionsfläche als abgeflachte Mutterbrust. Die abgeflachte Mutterbrust ist die Einschreibungsfläche per se.
Heinz: Anknüpfend an die Oralität könnte man mit Lacan sagen, dass das Sehen die Konterkarierung des Auffressens ist. Eine Wegbewegung, die mich vor dem inzestuösen Selbstverlust bewahrt.
Petersen: Die voyeuristische Distanz hat ja mit der Phantasmatik zu tun, dass man konsumieren könne, ohne dabei schuldig zu werden. Wenn ich das Ziel nicht nur mit dem Blick fixiere, sondern mich auch darauf zubewege, es dann berühre und schließlich ergreife, dann fresse ich es auf. Der voyeuristische Blick ist der Versuch, ein Schuldproblem zu lösen, ohne dass es funktioniert, denn die ausgefallene Berührung und Ergreifung wird kompensiert durch eine Hochrüstung des Sehens.
Heinz: Es ist eine Inzestflucht, die vom Geflohenen wieder eingeholt wird auf einer Ebene, die sich als exkulpiert positioniert. Dadurch wird das Sehen immer inzestuöser.
Petersen: Die voyeuristische Distanz erfordert die Flächigkeit des Bildes. Es geht um die Aufrechterhaltung des Phantasmas der schuldfreien spirituellen Ernährung des Blicks, aus der Distanz. Bei der Dreidimensionalität hingegen habe ich die Zubewegung der Distanzüberwindung.
Heinz: Die Entwicklung der Perspektive in der Malerei seit der Renaissance bedeutet, den oralen Inzest ins Sehen wieder einzuführen. Mit der übertriebenen Exposition der Perspektive hingegen soll das Sehen frei gemacht werden von der Oralität. In der Moderne wird dann die Konterkarierung der Perspektive zu einem Leitmotiv.
Heinz: Beim Traum gibt es diese Zu- und Wegbewegung, so dass vermieden wird das Extrem der Fusion. Wenn es zur Fusion kommt, dann setzt die Bewusstlosigkeit ein, das ist dann der Tiefschlaf. Dagegen die Nötigung, aus dem Tiefschlaf herauszukommen, in den Traum hinein zu erwachen. Zu erwachen dergestalt, dass es zu dieser Wegbewegung kommen muss, derart, dass der Traum auch beschreibbar ist als ein Repräsentationsphänomen. Wobei diese Repräsentation keineswegs hypostasierbar ist. Im Traum selbst durch eine Zubewegung, die sich der Gefahr aussetzt, wieder inzestuös zu werden. Eine traumimmanente Dynamik. Wenn ich in der Fusion verharren würde und mich nicht erholen könnte in der traumgemäßen Repräsentation, dann würde ich sterben, das wäre dann der Tod. Am anderen Ende lauert aber auch der Tod, das wäre dann das absolute Erwachen. Also eine hypostasierte Repräsentation, die nicht mehr fusionsbegierig ist.
Heinz: Und das, was so hinsichtlich der Immanenz des Traums ausgeführt wurde, lässt sich auch medial darstellen in Bezug auf den Film. Und alle diese Vorgänge haben außerdem ihre physiologischen Entsprechungen Womit aber nicht gemeint ist, dass man einen körperlichen Ursprung dieser Phänomene geltend machen kann.
Paul: Aber wo, wenn nicht im Körper?
Heinz: Nein, die Ursprungsfrage löst sich sozusagen selber auf, auch evolutionsbiologisch. Biologie ist keine Ursprungslehre. Der Ursprung selber widerlegt sich an sich selbst.
Paul: Wenn ich die Frage nach dem Ursprung der bildhaften Phänomenologie stelle, wo lande ich dann? Gibt es einen Ort, wo ich das festmachen kann?
Heinz: Ich kann es nicht festmachen.
Paul: Zu sagen, etwas entspringt - woraus auch immer - und findet den Weg in diese Welt, führt zu einem Verhältnis zwischen uns und der Materie, was ich als Konstitutionsverhältnis beschreiben würde. Die Materie ist das Subalterne, und dieses Prostitutionsverhältnis straft uns andauernd. Die entscheidende Frage für mich ist: Was billigen wir der Materie zu.
Behrendt: Wenn wir uns immer nur in der Repräsentation bewegen, wie können wir dann nach dem Original fragen?
Petersen: Man könnte die Frage nach dem Ursprung ersetzen durch die Frage nach der Leidenschaft des Ursprungsdenkens.


Der Diskussion nach der Pause lag folgender Text von Rudolf Heinz zugrunde:
"Differenzkriterium von Wachen versus Schlafen: Sprechen/Sprache. Wie geht die Halluzination von Wahrnehmung/Bewegung in deren Realität über? Wenn immer der Schlaf selbsthypnotisch ist und der Traum der - das Verschwinden in dieser Selbsthypnose aufhaltende - Gegenblick wider das Selbstdouble, so ist das Wachen dadurch charakterisiert, die Hypnosenstimme des Doubles zum Gegensprechen, dem Selbstsein desselben, zu internalisieren. - Hypnotisches Intrauterinitätsmodell: nur-Hören, kein Selbstverlauten. Wachsen des Kinds im Mutterleib wie ein posthypnotischer Auftrag? - Die reale Wahrnehmung/Bewegung wäre demnach Zuspruchseffekt auf der Grundlage der phantasmatischen Hierarchie der hypnotisierten Willfährigkeit: Dinge, Medien, Anderer. Eine Hierarchie, die freilich in sich zugleich invers organisiert ist. Darin die Selbst-Anderen-etc.-Differenz eine Schutzbehauptung der Selbigkeit."
(Schlafen - Träumen - Wachen; in: Metastasen, 111)

Zwischen Tiefschlaf und vollständigem Erwachen liegt der Traum und der Wachzustand, wobei letzterer eine andere Art von Traum wäre. Die beiden Enden - der Tiefschlaf und das vollständige Erwachen - laufen beide auf den Tod zu (vollständiges Erwachen als Vollendung der Repräsentation, in der die Repräsentation mit dem Repräsentierten zusammenfällt).
Der Unterschied zwischen Traum und Wachzustand hat zu tun mit dem Unterschied von Blick und Sprechen/Sprache.
Die Selbsthypnose ist noch nicht Traum. Schlafend gerate ich in einen Zustand der Selbstabsenz, wovon ich nicht der Autor bin (es geht um den Vorgang selbst). (Hypnos ist der traumlose Schlaf.) Der Traum hält das Verschwinden in der Selbsthypnose auf. In der Absenz ist ja dieser Schwund gegeben. Der Traum als Gegenblick wider das Selbstdouble, wobei dieses Selbstdouble durch den Gegenblick entsteht.
Zu unterscheiden ist das Traumsubjekt vom Subjekt, und das Traumsubjekt bin nicht ich, wenn ich träume. Das ist das Selbstdouble und sollte nicht mit mir verwechselt werden. Die Traumhermeneutik basiert hingegen auf dieser Verwechslung.
Der Selbstbezug wird mir aus der Hand geschlagen zugunsten des Traumsubjekts selber. Es gibt eine Differenz des Subjekts zum Traumsubjekt (Das bin doch nicht ich!), und diese Fremdheit ist zu wahren gegen den hermeneutischen Traumzugriff.
Im Übergang vom Traum zum Wachzustand wird die Hypnosenstimme des Selbstdoubles zum Gegensprechen internalisiert. Das Double beginnt zu sprechen, dieses Sprechen wird internalisiert, und dadurch komme ich zu mir selbst?
Die Hypnosenstimme ist etwas, das gehört wird, ohne dass sie sich zeigt. Die Hypnosenstimme ist der Sog des Wegschlafens, gegen den ich mich mit meinem Gegensprechen wehre. Das Gegensprechen erhält dann des Status einer hypostatischen Größe. Und das muss ich mir zu eigen machen. Wenn mir das nicht gelingt, dann kann ich nicht wach werden. Wenn mir das nicht gelingt, bin ich dazu verurteilt, immer wieder zurückzufallen in den Schlaf (das wäre eine Form der Psychose). Internalisierung bedeutet die Entmachtung der Hypnosenstimme. Ich muss sie mir zu eigen machen. Und das geschieht dann selber im Traum. Es ist der Traum, der mich als waches Subjekt gleichsam konstituiert.
Wenn ich existiere (Wachzustand), dann als Effekt eines Zuspruchs, als ob es einen posthypnotischen Auftrag gäbe. Das wäre dann die hypnotisierte Willfährigkeit. Und phantasmatisch hierarchisiert, denn der Andere ist eine Ableitung des Dingverhältnisses, deshalb sind die Dinge als erstes genannt, denn sie sind hierarchisch höher, die Medien hängen sich an die Dinge dran. Zuerst kommen die Dinge, Intersubjektivität ist ein Appendix der Dinge. Ontologisch gibt es nur das Subjekt und das Objekt. - Ur-Paranoia.