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Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 29.12.2018

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 29.12.2018
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Köhler: Wie reagieren Freunde, wenn man sie mit der Pathognostik konfrontiert. Ich selbst habe fast nur Abwehr erfahren. Bis hin zu Panikreaktionen, verbunden mit der Bitte, niemals mehr über die Pathognostik zu sprechen.
Schmidt-Ott: Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch erinnere ich mich noch an meine eigene Verstörung, als ich in den 80er Jahren mit der Pathognostik konfrontiert wurde. Auch ich habe es als eine Gefährdung empfunden, mich mit der Pathognostik zu beschäftigen. Sie hat eine Sogwirkung dergestalt, dass man tendenziell untätiger wird, nicht im Sinne einer philosophischen Kontemplation, sondern dass man sich komplett aus der Regie verliert.
Köhler: Es kam bei meinem Künstler-Freund der Verdacht auf, der Pessimismus der Pathognostik könnte etwas mit einem Rachewunsch zu tun haben.
Heinz: Der ganze intellektuelle Aufwand der Pathognostik ist obsekrativ, hat letztlich Bannungscharakter. Das hat nichts mit Rache zu tun. Da müsste ich mich ja dem Sein gegenüber wie ein Rächer verhalten. So verrückt bin ich nicht.
Petersen: Vielleicht empfindet sich ja der Künstler als Opfer eines Racheaktes, wenn er das rezipieren muss.
Heinz: Auf jeden Fall ist das sehr spannend: Ihre Reaktion auf die Pathognostik als empirische Person. Daran lässt sich auch der Grad der Entfernung von der Psychoanalyse erkennen. Man könnte sagen, der Subjektivismus der Psychoanalyse ist eine Schutzmaßnahme. Die Entfernung von der Psychoanalyse ist das Dominierendmachen der Psychose (die Freud ja bekanntlich nicht mochte). Das pathognostische Interesse an der Psychose führt aus der konventionellen Psychoanalyse hinaus. Wenn die Entsubjektivierung nicht stattfindet, hat man nur noch ein eingeschränktes Verständnis von Pathologie. Da muss man sich nicht wunderen, wenn therapeutische Erfolge ausbleiben. Die Gefahr besteht in einer Paranoisierung; wahrscheinlich ist es unvermeidbar, in ein paranoisches Feld hineinzugeraten. Diese Gefahr zu minimalisieren, ist auch eine innere Obligation der Pathgnostik selber. - Ich bin ja nicht unschuldig daran, dass ich eine paranoische Front gegen mich erzeugt habe. Das ist eine Folge der Pathognostik selber.
Vollberg: Aber das Subjekt wird man nicht los. Man wird die Leerstelle der Subjektivität immer wieder besetzen.
Heinz: Ich setze in der Tat ein Subjekt voraus und die Gefahr besteht darin, an dieser Stelle ein Hyper-Subjekt zu generieren. Und dieses Hyper-Subjekt wäre dann auch die Einlassstelle für die Paranoia. - Es wäre sinnvoll, diese Leerstelle nicht neu zu besetzen, sondern die Leerstelle auszuhalten und nicht eine Machtsubstitution vorzunehmen.
Vollberg: Wir sprechen vom Traum, aber wer ist das?
Petersen: Repräsentationsimmanent gibt es das Subjekt, nur ist es nicht aus sich selbst heraus ableitbar. Da kommen dann die Dinge ins Spiel. Aber da, wo die Dinge ins Spiel kommen (paranoisierend), ist dann auch, daran entstehend, das Subjekt da.
Heinz: Die Hypertrophie, die dann entsteht, geht über die Subjekt-Hypertrophie der Psychoanalyse hinaus. Und dann kommt da die Wendung, und das ist eine Sache der Immanenz des Weiterdenkens sozusagen, da kommt das Todesproblem ins Spiel. Die Subjekt-Hypertrophie bleibt erhalten und bricht sich zugleich daran, dass ich einräumen muss, dass keine Kontinuierung möglich ist. - Damit hängt zusammen, dass die praktische Einrichtung der Pathognostik insgesamt gescheitert ist. Als Verfahren war die Pathognostik kollektiv innerhalb des Vereins nicht etablierbar. Es fehlte an Selbstbeteiligung, womit gemeint ist, dass man reflektiert, dass man selbst als empirisches Subjekt involviert ist in das, was man tut, in sein Projekt.
Behrendt: Verweis auf das Buch von Irvin D. Yalom, "Die Schopenhauer-Kur", in dem es um jemanden geht, der sich als philosophischer Praktiker mit Schopenhauer zu etablieren versucht und seinen ehemaligen Therapeuten um eine Supervision bittet. Dieser knüpft daran die Bedingung, dass er an seinen Gruppensitzungen teilnimmt, womit gleichsam seine Einbringung von Selbstbeteiligung nachgetragen wird. Sein Rückgriff auf Schopenhauer erweist sich als Ausdruck seines Versuches, dieser Selbstbeteiligung zu entgehen.
Heinz: Die Selbstbeteiligung ist das Philosophen-Problem.
Petersen: Die Selbstbeteiligung steht in gewisser Weise in Verbindung mit dem Problem der Paranoia. Und insofern hat Freud mit seiner Philosophie-Diagnose recht gehabt. Das führt zurück zu den vorhin berichteten Ängsten vor der Psychotisierung. - Was macht man, um sich selbst zu schützen, wenn man ein Psychotisierungskonzept betreibt? Ein Künstler zum Beispiel schützt sich, indem er seine Bilder in einen Sujet-Zusammenhang stellt (theoretische Rahmung). Und das Bild selbst wird durch seinen Rahmen vor der Entgrenzung geschützt. - Für Herrn Heinz ist ganz einfach angebbar, was ihn schützt. Er deliriert nämlich nicht nur, sondern er hat auch historisch-systematisches Wissen. Und das ist das, was ihn schützt. Diejenigen in der Pathognostik, die nur delirieren, sind diejenigen, die dann ein Problem bekommen haben.
Heinz: Auch die traditionelle Psychoanalyse ist ein Schutzphänomen.
Heinz: Der Traum ist eine Selbstpsychotisierung unter bestimmten eingegrenzten Schutzbedingungen. Diese Selbstpsychotisierung aber verbleibt im Traum.
Petersen: Wie kann man da rankommen, was der Rücksicht auf Repräsentierbarkeit zum Opfer fällt?
Behrendt: Die Lösung wäre die Psychose. Aber die ist an den Traum abgetreten. Und es bleibt die Leerstelle, die man aushalten muss.
Heinz: Die Leerstelle, der Entzug ...
Petersen: Das hat etwas Bedrohliches. Dieser Entzugsgedanke gefällt mir gar nicht.
Heinz: Wir müssten - das tun Sie wahrscheinlich auch, jedenfalls ich tue das gerne - die Mystiker lesen. Denn die haben noch ein Gespür für sowas.
Heinz: Hinweis auf ein Buch von Sam Harris: Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft. (Erwähnt von Slavoj Zizek in "Der göttliche Todestrieb") Erschienen ist das Buch in einem esoterischen Verlag in der Schweiz ("Spuren"). - Aber der Schattenwurf der Wissenschaft ist ja die Esoterik.
Heinz: Harris stellt Zeugnisse der Inquisition zusammen. Davor setzt er sich mit dem Islam auseinander. Nach der Lektüre dieses Buches muss ich meine Meinung korrigieren, dass der Islamismus keine Legitimation hätte, sich auf den Koran zu berufen. Das ist nicht der Fall. Im Koran kann man seitenweise Passagen finden, in denen gefordert wird, man müsste die Ungläubigen verfolgen mit der Endlizenz, sie umzubringen. Insofern ist der Islamismus durchaus durch den Koran legitimiert.
Heinz: Aber auch die ganze Vernunftgeschichte ("Licht der Vernunft") ist letztlich terroristisch verseucht.
Heinz: Und was die Inquisition anbelangt: Das Christentum hat kein Recht zu behaupten, kein Unternehmen des Terrors, der Gewalt zu sein. Und zu bedenken ist, dass die Inquisition unter einem anderen Namen in der römischen Kurie fortgesetzt worden ist, der Glaubenskongregation, deren Vorsitzender Kardinal Ratzinger war. Dass Köpfe jetzt nicht mehr rollen, Menschen nicht mehr verbrannt werden, verdankt sich keiner moralischen Einsicht, sondern der Säkularismus hat dafür gesorgt, dass solche Terrorexzesse nicht mehr möglich sind. Insofern ist die Glaubenskongregation eine kastrierte Inquisition.
Behrendt: Aber sind nicht alle monotheistischen Religionen terroristisch?
Petersen: Das Gewaltproblem ist ein Problem des Monotheismus.
Schmidt: Aber das "Licht der Aufklärung" hat Hitler und Stalin nicht verhindern können.
Paul: Das Gemeinsame der monotheistischen Religionen ist die Erlösungsfunktion. Aber von was soll erlöst werden?
Petersen: Hat die abendländische Metaphysik monotheistische Strukturen? Und die Wissenschaft. - Die Erlösung wäre die technologische Aufhebung des Menschen.
Heinz: Metaphysik ist Ursprungsfrage.
Petersen: Und dann gibt es einen inneren Progress, der auch erklärbar machen kann, wieso es dann im 20. Jahrhundert einen besonderen Gewaltfortschritt gegeben hat.


Der Diskussion nach der Pause lag folgender Text von Rudolf Heinz zugrunde:
"Subsistentiell (existentiell!) im Wachen sind die Dinge in mir Körper, wo ich sie aufzehre: Dingmortalitätsopfer an die Körperhüllenfühlbarkeit. Die verbleibenden ungenießbaren Außendinge aber fungieren als différance-Inbegriff und damit als wie unendliches, scheiß-iges Opferreservoir nur, mit welcher Fundamentalfunktion sich zwingend erklärt, warum es Krieg, Dingdestruktion - die Voreiligkeit der Zubereitung des Dingspeisebreis für den Gott - gibt/ja geben muß. Umgekehrt im Schlaf aber bin ich Körper im Ding, wo ich aufgezehrt werde: das inverse Opfer, zum Ausgleich dann. Und umgekehrt, körperlich, ich Körper als Dingverzehrresistenz: die Bedingung der Möglichkeit des Träumens, pointiert dann das Exkrement, jedoch dergestalt, daß es, ebenso invers, den fäkalischen Dingablaß als restierendes Körperbelassen, Differenzstattgabe selbst sodann korporell, gäbe." (Traum-Deutungs-Proben; in: Traum - Traum 1999, 328f.)
Heinz: Im Wachen bin ich Körper und die Dinge sind in mir, wo ich sie aufzehre. Das wäre eine Paraphrase der Inkorporation. "Dingmortalitätsopfer an die Körperhüllenfühlbarkeit": inkorporativ werden die Dinge ja getötet. Die Dinge werden zerlegt, dissoziiert, also umgebracht. Und das ist ein Opfer an die Körperhüllenfühlbarkeit. Die Inkorporation besitzt also eine cogito-/Fühlbarkeits-Valenz. Was im Inneren ist, bleibt unter dem Vorbehalt dieses Ding-Verhältnisses. Das Fühlen selber ist eine Angelegenheit der Hülle, nicht des Inneren. Das Cogito wäre dann selbst die Hülle.
Heinz: "Die verbleibenden ungenießbaren Außendinge ..." - Es ist ja so, dass es immer noch die Sperre der Alimentierung gibt. Ich fresse ja nicht zum Beispiel den Tisch hier auf. Das wäre damit gesagt, denke ich. Nicht alles ist Nahrungsmittel.
Köhler: Ist das konkret gemeint, das Auffressen, oder ist das anders gemeint? Geht es nur um Nahrung? Ich habe jetzt gedacht, dass ich den Tisch auch auffresse.
Heinz: Ja, aber dann hat das Auffressen einen anderen Status als das Auffressen irgendeines Butterbrotes. - Aber hier ist ja auf die différance abgehoben, das heißt, dass die verbleibenden ungenießbaren Außendinge fungieren als différance-Inbegriff. Das heißt, sie bleiben auf Abstand. Wenn ich von Aufschub spreche, dann präjudiziere ich, dass es irgendwann doch dazu käme, dass ich dann den Tisch auffresse. Das wäre das psychotische Telos des Ganzen.
Petersen: Ein wenig entspychotisiert könnte man zunächst einmal sagen, dass Auffressen Gebrauch ist (Konsumtion).
Heinz: Zunächst kann man mal sagen, ich kann nicht alles fressen. Die verbleibenden ungenießbaren Außendinge, die als différance-Inbegriff fungieren, werden zum Opferreservoir, das heißt, zukünftig werde ich zulangen. Und warum ist das jetzt schon exkremental? Die Ungenießbarkeit ist hier noch einmal zusätzlich markiert. Das ist also ein permanentes Reservoir der Bereitstellung dafür geopfert zu werden, ist aber auch gesperrt für die Konsumtion, wie wenn das bereits Exkremente wären. - Das ist eine alte Geschichte in der Psychoanalyse, dass man die Dinge und die Exkremente in eine Nähe zueinander bringt.
Paul: Etymologisch verweist das Wort "Scheiße" auf das indogermanische Wort "skei-d" = "spalten", "trennen" zurück.
Petersen: Verweis auf das Buch von Dominique Laporte: "Eine gelehrte Geschichte der Scheiße".
Heinz: Weshalb die Notwendigkeit des Krieges? - Die Dinge, die sich weigern aufgefressen zu werden, sind zugleich die permanente Aufforderung zerstört zu werden. Die Sache mit der différance scheitert: der Widerstand gegen meine Konsumatorik muss fallen. Und deshalb müssen die Dinge daran glauben. (Da spielt auch meine eigene Kriegserfahrung mit hinein: Der Inbegriff der Dinge waren die zerstörten Dinge.) Das wäre das objektivistische Pendant zur Verspeisung.
Behrendt: Der exkrementale Charakter der Dinge müsste doch der Verweis auf die Konsumtion der Dinge selbst sein. Die Dingzerstörung wäre dasselbe im Bereich der Konsumtion, wäre eine Reproduktion der Dinge. Also Konsumtion und Produktion fallen zusammen. Das wäre der psychotische Kurzschluss ohne Differenz.
Heinz: Hinzukommt, dass die höchste Souveränität der Dingsuizid ist. So kommt der zirkuläre Prozess von Dingproduktion und -zerstörung in Gang. Die Zubereitung der Dinge als Brei ist dann die Gottesspeise selber.
Petersen: Das macht den Gott zum Hungersäugling, der durch die Nahrungsaufnahme in einen ataraktischen Zustand gerät. Und diesen Zustand zu erreichen ist das Telos aller Repräsentation.
Heinz: Das ist auf den Punkt gebracht mein atheistisches Argument: Den Gott kann ich nicht als Gott anerkennen, der Opfer fordert und der Hunger hat.
Heinz: "Umgekehrt im Schlaf aber bin ich Körper im Ding ... und umgekehrt, körperlich, als Dingverzehrresistenz ..." - Wenn ich Ding bin, dann bin ich verzehrresistent als Bedingung der Möglichkeit des Träumens. Wenn das Ding nicht verzehrresistent wäre, dann könnte es keine Repräsentation geben.
Paul: Und die Körperhüllenfühlbarkeit (= cogito) entfällt im Traum.
Heinz: Das Träumen wäre selbst das Exkrement. Die Repräsentation wird nur dadurch gewährleistet, dass ich nicht eins werde mit dem, was ich verschlinge. Dann gäbe es keinen Abstand mehr. Alles, was in diesem Abstand passiert, ist memorial, Erinnerung. Der memoriale Abstand ist immer auch eine Art Abfall hinsichtlich der inzestuösen Einheit. Insofern Exkrement. Und dann kann man sagen, dass das Repräsentationswesen selber exkremental ist, - restbestimmt. Gingen wir in dem auf, was wir inkorporieren, wäre das unsere Auslöschung. Davor retten uns die Exkremente, wenn auch schandbar. Und an dieser Stelle kommt die Dinggenese ins Spiel.
Petersen: Der Fäkalitätscharakter wäre erst dann weg, wenn es einen inhaltsfreien Traum geben könnte. Aber was könnte ein leerer Traum sein? Eine Form der Psychose?
Heinz: Der leere Traum wäre vielleicht der Traum im Tiefschlaf. Das wären dann keine Szenen mehr, sondern Dingfragmente. Aber das ist nicht zugänglich, sondern gesperrt.
Heinz: "... den fäkalischen Dingablaß als restierendes Körperbelassen ..."
Behrendt: Das bedeutet: Wenn ich morgens aufwache, bin ich nicht tot.
Heinz: Genau so! Das heißt auch, ich muss mich aus dem Tiefschlaf retten. Zunächst durch Motilität, die dann den Übergang zum rettenden Träumen ausmacht.
Köhler: Der Traum ersetzt die Motilität im Tiefschlaf; wenn man träumt, muss man nicht mehr um sich schlagen, das macht dann der Traum.
Heinz: Der Traum szenifiziert dann die Bewegung in eindrücklicher Form. Zum Beispiel, indem ich irgendwo hinkommen will, was mir aber nicht gelingt.
Heinz: "Der fäkalische Dingablaß als restierendes Körperbelassen" ermöglicht das Erwachen, und das ist eine Sache der Differenzstattgabe. Der orale Inzest, wenn er gelänge, würde mich vernichten. Rettend ist die Exkrementation. Und überhaupt alle dejektiven Vorgänge des Körpers.