Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 26.01.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 26.01.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)
Heinz: Nochmals zu "Le rêve" von Picasso. Offene Themen wären der Hintergrund und die Farben des Bildes. Und dann die Schieflage des Kopfes. - Es gibt viele Details, die relevant gemacht werden könnten. Aber es gibt vielleicht eine Möglichkeit, die Angelegenheit im Ganzen darstellbar zu machen. Es gibt die Geschichte von Gyges und Kandaules. Der König Kandaules holt seinen Freund, einen Hirten oder Fischer, an seinen Hof, prahlt vor ihm von der Schönheit seiner Frau und ermöglicht ihm, sie mit Hilfe eines magischen Ringes, der unsichtbar macht, nackt zu sehen. Die Königin entdeckt ihn, als er sich anschließend aus dem Zimmer schleichen will, und zwingt ihn, ihren Mann zu töten und seine Stelle als Gatte und König einzunehmen. (In einem Drama von Hebbel, "Gyges und sein Ring", tötet sich die Königin, nachdem sie diesen Verrat an ihr entdeckt hat.) - Wie komme ich auf diese Geschichte? Es ist doch offensichtlich so, dass uns Picasso seine schlafende Geliebte zu sehen gibt in diesem Bild. Picasso zeigt uns zwar seine schlafende Geliebte, aber sie ist bekleidet und sie träumt, und darin ist eine Reservation enthalten. Aber trotzdem: Das Bild sagt, ich gebe dir meine schlafende Geliebte zur Anschauung.
Petersen: Niemand schätzt es, beim Schlafen beobachtet zu werden. Die Frage ist, ob schlafend gezeigt zu werden nicht schlimmer ist, als nackt gezeigt zu werden. Und zudem scheint Picasso, indem er uns seine schlafende Geliebte zeigt, uns zu ihrem Missbrauch zu animieren. Wobei dann seine eigene Handlung selbst ein Missbrauch wäre, allein dadurch, dass er sie präsentiert.
Behrendt: Uneindeutig ist die Abgrenzung des weiblichen Körpers vom Hintergrund, er scheint in ihn überzugehen, zum Beispiel in den Sessel.
Heinz: Kunsthistorisch wäre es ein kubistischer Einschlag, entsprechend eine Fragmentierung, eine Verdinglichung.
Trinkl: Meint vielleicht Picasso das Einverständnis der Wehrlosigkeit?
Heinz: Wehrlosigkeit, aber auch konterkariert durch das Lächeln.
Petersen: Wenn wir Wehrlosigkeit durch Verdinglichung ersetzen, dann hat das diese beiden Aspekte, dass einerseits die Verdinglichung die Überführung in einen disponiblen Zustand ist, und andererseits das zweite Motiv über das Lächeln, wo die Selbstverdinglichung ein Konsumtionsangebot ist. Und offensichtlich ist diese Doppelung das Wesen des Traums.
Heinz: Hier müsste man die psychoanalytische Fetischismustheorie heranziehen, in diesem späten Aufsatz Freuds "Die Ichspaltung im Abwehrvorgang". Fetisch verstanden als die Mutter mit dem Phallus. Was in Picassos Bild explizit dargestellt ist.
Heinz: Im Anschluss an den Titel des Bildes "Der Traum" geht es für mich nicht um die Frage, was die dargestellte Frau eventuell träumen könnte, sondern war im Bild in Bezug auf die Traumkriterien selbst dargestellt sein könnte.
Behrendt: Im Anschluss an den Inhalt der Zettels der letzten Sitzung nach der Pause hatte ich mir folgendes notiert: Im Schlaf übernimmt der Körper die Regie. Ich werde zum Ding des Dings, das heißt zum Ding des Körpers und unterliege der Aufzehrung. Und der Traum ist das Exkrement dieses Prozesses. Der Opferung im Ding. Der Übergang vom Körper zum Ding, der nicht ganz klar ist. Das Bild von Picasso wäre dann das Exkrement dieses Übergangs. Und dieses Bild wäre dann selbst die Rettung. In diesem Zusammenhang würde ich auch den unklaren Übergang zwischen der Frau und der Dingumgebung sehen.
Heinz: Allein schon durch die Ikonisierung müsste man auf diese Spur geführt werden. Und da liegt auch der Grund für die Abweichung von der Hermeneutik.
Behrendt: Traum als Exkrement und Rettung vor dem Dingübergang. Aber was ist mit dem Bild, was rettet da? Den Traum erinnere ich als erzählbare Geschichte, aber wenn ich dieses Bild als Traum habe, dann bleibe ich beim Traum als Bild.
Heinz: Mit dem Bild habe ich ein Repräsentationsverhältnis. Wenn es nicht exkremental, also differenzsichernd, differenzanmahnend wäre, dann würde ich sogleich mit dem eins werden. Dann würde ich darin übergehen. Das wäre eine doppelte Vernichtung. Der Übergang ist massiv das Verdinglichungsmoment. Es ist zwar ein Übergang, aber dieser Übergang wird festgehalten. Ich gehe in die Sache nicht über.
Petersen: Und da ist dann die Rettung. Der Unterschied zwischen dem Traum und dem Gemälde besteht darin, dass die materielle Basis des Traums der Körper ist, während das Gemälde ein Ding ist. Das heißt, die produktive Körperverwerfung ist die Rettung.
Trinkl: Ist nicht jedes Bild das Auftauchen an einem fremden Ort?
Behrendt: Es sind zwei verschiedene Repräsentationsformen: die Erinnerung und die bildhafte Darstellung. Was ist die Beziehung zwischen beiden?
Trinkl: Sie streifen sich.
Heinz: Das Bild bleibt etwas Fixiertes, es währt gegen den nicht-währenden Blick. Ich streife meine mich und das Bild vernichtende Fusion. Das wäre das rettende Verdinglichungsmoment, das immer auch zugleich eine Mortifikation sein muss.
Behrendt: Aber was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Repräsentationsformen? Wenn ich einen Traum als Bild oder als Erzählung repräsentiere? Was ist Sprache?
Heinz: Die Signifikation ist etwas, was die Heterogenität in ein Medium, hier die Sprache, einführt. Und da geht es auch immer um das, was die Sprache abstößt.
Behrendt: Das heißt, die Sprache garantiert das Ding als heterogenes.
Heinz: Das Sprechen, der Verbalismus verführt zu der Annahme, er könnte an die Stelle des Dargestellten treten, könnte es hinlänglich erfassen. Und das ist ein Irrtum.
Petersen: Aber ein Irrtum, der uns vermeintlich retten soll. Die so verstandene Signifikation führte in die Hermeneutik. Und das wäre das, was uns vor der psychotisierenden Tendenz des Traumes und vor allem vor den psychotisierenden Tendenzen, die einträten, wenn wir den Traum nicht als Gemälde entäußern könnten. Das heißt, die Stimme muss aus dem Bild aufstehen als rationaler Dispositionsakt.
Heinz: Diese Versprachlichung wäre eine Rettung, die zugleich dumm ist, weil sie eine unzulängliche Substitution ist.
Petersen: Deshalb mag der Künstler den Kunstkritiker nicht.
Paul: Aber jedes Bild ist auch eine Anmaßung gegenüber der Welt.
Heinz: Das gilt für jede Repräsentation. Und da kommt der Todestrieb ins Spiel, denn "Todestrieb" heißt ja nichts anderes als zu meinen, wir könnten repräsentativ anmaßend dafür sorgen, dass wir keine endlichen Wesen sind.
Paul: So könnte man die Mediengeschichte als eine Geschichte der Anmaßungen sehen.
Petersen: Das ist aber eine Anmaßung, die daherkommt als ein Versuch, sie selbst nicht zu sein. Das Gemälde behauptet die Möglichkeit eines Repräsentationsverhältnisses durch eben die voyeuristische Distanz, das heißt, der Entschuldungsversuch besteht darin, dass es nicht um Berührung/Ergreifung geht. Der Dispositions- und Gewaltzuwachs kommt aber durch Hintertür dadurch wieder herein dadurch, dass das Ergebnis des Gemäldes das Ergebnis eines hypertrophen Sehenszuwachses ist. Der Künstler sieht ja ganz anders als wir. Das Sehen ist in einer Weise dispositionell beim Künstler, die wesentlich stärker ist als bei uns. Gleichzeitig ist es der Versuch über Wahrung der voyeuristischen Distanz dem Gewaltverhältnis aus dem Weg zu gehen. Darum geht es, wenn man sagt, dass man sich an einem anderen Ort sieht. Die Repräsentation besteht ja darin, dass ich mich selbst ins Außen verwerfe und in der Begegnung mit dem Ding mir selbst begegne.
Heinz: Es geht um die Dispositionsverheißung in der Verdinglichung. Die Verdinglichung ist zwar vorab da als Ikonisierung, aber nun nochmals reflexiv als Verdinglichung selbst dargestellt. Von Picassos Bild her werde ich verführt zur Disposition, aber das Bild zeigt an der Figur selber, dass diese Disposition frustran ist. Die Verfügung wird verwehrt, aber das rettet mich zugleich.


Der Diskussion nach der Pause lag folgender Text von Rudolf Heinz zugrunde:
"Zunächst filial, von der Zentralperspektive des Sohnes her ausgeführt, entspricht dem Tiefschlaf der Mutter-Sohn-, dem unerinnerlichen Traumschlaf der Vater-Tochter- und dem erinnerbaren Traum der Geschwisterinzest. Einzig der letztere macht, als Traumerinnerung, den phänomenalen Raum aus, von dem her sich die vorangehenden Bewußtlosigkeiten wie Voraussetzungen, die verschoben und entstellt in die Traumrepräsentation zudem einzugehen pflegen, einstellen. (...) So invertiert in aller rettenden Vergeblichkeit NREM, der Mutter-Sohn-Inzest, in mit retrograder Amnesie bedachten REM, dem zwischen Vater und Tochter: Sohn, der diesen gebührlichen Tod abwendet durch die Hypertrophie der Schöpfung des maternalen Inzestobjekts, dessen Tochterwerdung. Welcher Wahnsinn sich abbüßt sodann in der geschwisterinzestuösen Suspension der filialen Väterlichkeit, dessen ermäßigter Simulatorik: Bruder und Schwester, die inzestuös die also substituierten Eltern mimen: REM, erinnerbar." (Traum-Deutungs-Proben; in: Traum - Traum 1999, 271)
Heinz: Meinerseits sind das Intuitionen, buchstäblich. Bevor ich so etwas versuche sprachschriftlich zu signifizieren, ist es etwas, was für mich in sich evident ist. Für mich ist keineswegs abwegig, sondern vollkommen klar. Und die Formulierung dann, so wie das hier jetzt niedergelegt ist, ist eine nachfolgende Mühsal nachgerade, es geht mir nicht leicht von der Hand. Die Evidenz ist nicht leicht einzuholen.
Köhler: Bei unserem Interesse am Traum geht es um Repräsentationstheorie. Der Traum erscheint als etwas Exemplarisches, Grundlegendes, um zu verstehen, was Repräsentation ist. Die Repräsentation betrifft die Dingproduktion. In diesem Kontext geht immer auch um die Thematisierung der Inzestformen. Aber das wirkt dann befremdend, vor allem für jemanden, dem die Pathognostik nicht vertraut ist. - Der Tiefschlaf wäre der Mutter-Sohn-Inzest, der tiefste, der psychotische Inzest, und auf der anderen Seite befindet sich der Geschwisterinzest als die gelingende Repräsentation im erinnerbaren Traum. Der Übergang wäre der Vater-Tochter-Inzest als nicht-erinnerbarer Traum, der aus dem Mutter-Sohn-Inzest herausführt und über die Zurichtung des maternalen Inzestobjektes die Repräsentation bzw. die Dingproduktion ermöglicht.
Ginuth: Geht es hier nur um den Sohn?
Heinz: Es geht hier zunächst nur um die patrifiliale Zentralsperspektive, die Vater-Sohn-Beziehung ist die Folie für das, was hier an Differenzierung folgt. Das heißt aber nicht, daß jetzt damit behauptet wäre, Weiblichkeit - maternal oder sorroral - sei damit einbegriffen. Ein Zusatztext, der dies beinhaltete, fehlt hier. Die weiblichen Korrespondezen hierzu zu formulieren, ist bisher nicht richtig gelungen.
Behrendt: Das liegt daran, dass die symbolische Ordnung patrifilial organisiert ist. - Man könnte sagen, der Mutter-Sohn-Inzest, also der Tiefschlaf, wäre die Schwangerschaft. Der Zustand der Schwangerschaft mit dem Problem, dass sich von dort her keine Perspektive ausbilden lässt. Dieser Zustand lässt sich weder von der Frau aus sehen noch vom Kind her. Diesen Zustand als Mutter-Sohn-Inzest zu bezeichnen, ist der Versuch, das von außen zu sehen. Hier gibt es keine Erinnerung. Der unerinnerbare Traum ist der Zustand nach der Geburt, aber man weiß nicht genau, ist es eine Abtreibung oder eine Geburt. Umgewendet in die patrifiliale Ordnung sagt der Sohn, du bist jetzt mein Exkrement, das heißt, ich habe dich gemacht, ich mache dich zur Mutter. Und der Geschwisterinzest wäre dann die Repräsentation dessen. Die Repräsentation ist die Selbstdarstellung des Exkrements.
Heinz: Dies wäre der Aufschluss dessen, was hier an Inzestkonnotierung passiert. Aufgeschlossen hinsichtlich Schwangerschaft, aber welche wäre das? Es wäre die Schwangerschaft der Exkrementeneinbehaltung.
Behrendt: Es spielt sich in dem Spannungsverhältnis ab: befreit sich das Exkrement von selbst oder wird es abgetrieben. Also: Was ist der Unterschied zwischen Geburt und Abtreibung?
Heinz: Es wäre dann so, dass diese Inzestabfolge ein Körperpendant hätte in diesem Teil des Metabolismus, also der Ausbildung der Exkremente und der Exkrementation und dann der erscheinenden Exkremente.
Behrendt: Und der Sohn sagt dann, ich habe das alles so gemacht, das ist meine Voraussetzung.
Heinz: In die so korporalisierten Inzeste könnte man dann auch die Entgleisungen eintragen, immer mit der Maßgabe, dass es die Gefahr gibt, dass es nicht zur repräsentativen Veräußerung kommt oder nur halbwegs kommt. Das wäre wie ein Muster für Pathogeneität.
Schmidt-Ott: Die Evidenz dieser Aussagen erschließt sich nur unter der Voraussetzung der pathognostischen Todestriebtheorie.
Heinz: Nur wenn es der Todestrieb ist, können sie im Nachhinein die ganze Geschichte ödipalisieren. Das geht immer, es ist nur die Frage, was der Ertrag dessen ist. Das kann davon ablenken, dass es immer im Repräsentationsverhältnis letztendlich um Dinglichkeit geht. Die Ödipalisierung führt dazu, dass die Dinglichkeitswendung ausgesetzt erscheint. Und da ist der Schnitt, Psychoanalyse wird ja an der Stelle quittiert.
Behrendt: Muss nicht unbedingt so sein. Wenn man Lacans Auslegung des Ödipuskomplexes aufgreift, kann man es so fortsetzen: In der Erkenntnis meiner Mutter fehlt etwas, nämlich ich fehle ihr. Indem Augenblick, in dem ich mich als Objekt behaupte, fehle ich meiner Mutter, ist sie nicht komplett. Da kommt auch die Vorstellung her, dass der Körper der Mutter ein Ding ist, eine Mutterleibsleiche. Und diesem Ding fehle ich jetzt, aber ich muss aufpassen, dass ich da jetzt nicht gefressen werde.
Paul: Hinweis auf den Film von Louis Malle "Herzflimmern" von 1971, in dem es um einen Mutter-Sohn-Inzest geht.
Heinz: Man nennt es Über-Tragung als physiologisches Geschehen, wenn eine Mutter ihr Kind nicht hergeben will zur Geburt (nicht zu verwechseln mit der psychoanalytischen Übertragung). Ich behalte das Kind bei mir, denn wenn ich es gebären würde, dann bin ich es auch mit allen Zwischenstadien quitt. Also behalte ich es im Sinne einer Dauerschwangerschaft in mir. - Mir fehlt etwas: das wäre aus der Position der Mutter gesprochen.
Behrendt: Die Position des Sohnes sagt, ihr fehlt etwas, nämlich ich. Aber seine Erfahrung ist, dass sie ihn nicht will, sondern den Vater.
Heinz: Das wäre die phänomenologische Kasuistik dieser Inzestform.