Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 23.02.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 23.02.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Annäherung an den Themenkomplex "Gottesphantasma"; Stichworte, Perspektiven.
Köhler: Beim Gottesphantasma geht es um die Ursprungsaneignung (d.h. um den Ödipuskomplex und seine Weiterführung über den Narzissmus zum Todestrieb). Beim Gottesphantasma geht es um den Zusammenhang von Indifferenz und Differenz im Sinne einer Indifferenzierung von Differenz, das Gottesphantasma ist letztlich die Indifferenzierung überhaupt; nicht zuletzt auch als emphatisch beschworene Präsenz ("lebendige Gegenwart", Mystik). Beim Gottesphantasma geht es um das Sterblichkeitstrauma in dem Sinne, dass die Absolutheit (= Indifferenzierung) eine Parierung der Sterblichkeit ist ("Absolutheitsblende"). Dann geht es um den Zusammenhang von Für-sich und An-sich in dem Sinne, dass das Für-sich (= Nichts, Subjekt) versucht, sich dem Ding, dem An-sich zu nähern, um das An-und-für-sich-Sein zu realisieren als "lebendige Leiche". Beim Gottesphantasma geht es vor allem auch um das Phantasma der Schuldlosigkeit. Die angesprochenen Aspekte des Gottesphantasmas lassen sich auf das Thema des Inzests beziehen.
Heinz: Diese Ausführungen unterstellen die Identität von Gottesbegriff und Gottesphantasma, was ja Ziel einer Aufklärung ist.
Schmidt-Ott: Lässt sich von Derridas différance her ein Gottesbegriff formulieren?
Heinz: Zum einen geht es in der Aufklärung darum, dass die Denkmittel unzureichend sind, das zu erfassen, was zu erfassen sie prätendieren. Zum Beispiel das, was als Gott benannt wird. In dem Sinne wäre ich jemand, der eine negative Theologie betreiben würde (wenn überhaupt). Die negative Theologie treibt die Unzulänglichkeit unserer Begriffe auf die Spitze. Aber es fällt mir schwer, mir Derrida als einen Verfechter der negativen Theologie vorzustellen. Derrida ist ein jüdischer Philosoph und da kommen ganz andere Komponenten ins Spiel, was den Gottesbegriff betrifft.
Vollberg: Aber es gibt im Judentum den Chassidismus und von da her gibt es schon Begegnungspunkte mit der negativen Theologie.
Petersen: Das Gottesphantasma hat sehr viel mit den Machenschaften des Demiurgen zu tun, der unberührt vom Phantasma dennoch existieren könnte. Aber der Gott, den wir nicht erfassen können und der auch nicht mit uns in Kontakt tritt, das ist der Gott der Liebe bei Marcion.
Heinz: In der Gnosis wird der Gottesbegriff so weit entrückt, dass wir darüber nichts mehr sagen können. Es gibt den marcionischen Unterschied zwischen dem Demiurgen (= Jahwe) und dem Gott der reinen Liebe - das gefällt mir, weil ein Gott, der straft und Opfer fordert, kein Gott sein kann -, das ist tatsächlich eine Bereinigung des Gottesbegriffs als Entrückung zum Gott der reinen Liebe. (Hans Blumenberg hat mich damals auf diese Marcion-Spur gesetzt.) Dass es dann doch eine Vermittlung dieses Gottes über den Christus geben sollte, wurde für Marcion zum Problem, er konnte ihm keine Realität zubilligen, entsprechend hatte der Christus für Marcion nur einen Scheinleib. Und das wird dann zur Prämisse dafür, alles, was mit dem Leib zu tun hat, zu desavouieren. Und die Erlösungslehre ist dann - darin folge ich Blumenberg - überhaupt nicht nachvollziehbar.
Petersen: Indem man dann doch wieder versucht zu vermitteln, wird durch die Vermittlung alles korrumpiert.
Heinz: Mit der Vermittlung gerät man in die Fänge des Demiurgen. - Blumenberg verfolgte die Spuren der Gnosis durch die Jahrhunderte hindurch und endete bei der Matthäuspassion von Bach. Seine These ist, dass Bachs Matthäuspassion noch etwas von dieser Gnosis (künstlerisch) transportiert.
Behrendt: Die Vorstellung einer entrückten Instanz kommt daher, dass man nicht alles sagen kann. Und: Was ist Glauben? - Hinzufügung zu den Themenkomplexen: Sakularisierung des Gottesphantasmas. Das Gottesphantasma ist ja allenthalben gesellschaftlich realisiert, auf wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene.
Heinz: Es gibt im Unterschied zur Gnosis in der christlichen Mystik, die ja immer mit einem Bein in der Ketzerei stand, die Tendenz, den Unterschied zwischen Kreatur und Gott zu kassieren. Also nicht die Entrückung, sondern die Inkorporierung Gottes. Und von daher kann man sagen, dass die Mystik die Sakularisierung mitbesorgte, gerade an dieser Stelle. - Ich habe ja eine gewisse Liebe zu den Mystikern, vor allem zu Meister Eckhart. Es gibt einen Text von Meister zu Luzifer, eine Eloge auf Luzifer als Lichtbringer im mystischen Sinne. Es gibt verrückte häretische Sachen, die man da antrifft. - Die Inkorporation Gottes war auch eine Passion von Karl Rahner, der deshalb mehrmals vor die Inquisition geladen wurde. Für Rahner war das religiöse Gebahren ein Immanenzfaktor des Inneseins Gottes im Menschen.
Köhler: In der Mystik geht es auch um das Scheitern der Sprache, der Bedeutung. In den Texten Eckarts wird die Sprache oft in ein Extrem getrieben, bis sie sich selber zerstört. Die Inkorporation Gottes, also die Kassierung des Unterschiedes zwischen Kreatur und Gott, bedeutet, dass ich als Mensch Gott werde. Dieser Prozess läuft bei Eckart über ein Scheitern von Sprache, also von Repräsentation.
Heinz: Das ist das Scheitern der Repräsentation im Tod.
Köhler: Was ist der Unterschied zwischen einem mystischen Zustand und einer Psychose?
Petersen: Das Scheitern der Sprache ist offenbar verbunden mit einem Scheitern des Sehens. Dem entspricht, dass "myein" bedeutet "die Augen schließen". Wenn ich nicht mehr die Welt visuell disponiere und dann auch die sprachliche Identifizierung verloren geht, dann kommt der psychotische Zustand.
Vollberg: Aber es ist ein Sehen mit geschlossenen Augen! Ein nach innen gerichtetes Sehen.
Petersen: Ich denke, wir müssten das mit der Frage nach dem Glauben zusammenbringen. Das wäre ja ein Bestehen auf der Ursprungsfrage.
Paul: Vor allem in der Beziehung zwischen Glauben und Denken. - Eine Textpassage zum Problem des Demiurgen von Gotthard Günther:
"Das idealistische Denken kann schlechterdings nicht anders als die absolute Transzendenz Gottes zu fordern. Er steht seiner eigenen Natur nach allem Welthaftem so unendlich fern, dass sich die Idee eines Mittlers ergab, um wenigstens eine indirekte Verbindung zwischen Ihm und dem Irdischen herzustellen. Als deus absconditus ist er der Welt so weit entrückt, das immer wieder der Zweifel aufstieg, dass er der Schöpfer des Diesseits sein könne, eines Diesseits, dessen Vergänglichkeit als Platz für die Buße und Reinigung der sündigen Seelen dienen sollte. Dies führte zur Idee des Demiurgen, der als Weltschöpfer zwischen dem deus absconditus und dem Geschaffenen steht. Für das idealistische Denken, das sich in der Idee des deus absconditus ausdrückt, oder sich bei Aristoteles darin manifestiert, dass in der höchsten Form der Form völlig die erste Materialität aufgezehrt ist, kann es nur eine einzige absolute Kontexturalschranke geben, nämlich die zwischen dem kreatürlichen Diesseits und dem ewigen und absoluten Jenseits. Dazwischen gibt es keinen kontinuierlichen Übergang." (Gotthard Günther, Der Tod des Idealismus und die letzte Mythologie - www.vordenker.de/ggphilosophy/tod-ideal.htm)
Heinz: Ein durchaus wertvolles Material für unsere Thematik! - Zurück zu unserer Frage, wie weit die Identität des sterblichen Menschen mit dem Gott mystisch signifiziert wird. Es ist ein alter Streit, ob das nicht auf eine volle Identität hinausläuft (Pantheismus), oder ob da immer noch eine Differenzwahrung stattfindet. Die Differenzwahrung war wesentlich für die Bewahrung der Mystiker vor einem Häresievorworf.
Vollberg: Bei Spinoza war es ja ähnlich.
Heinz: Was mir bei Spinoza immer wieder einfällt, ist, dass er Spinnen gegeneinander gehetzt hat, die sich dann gegenseitig umbrachten. Es ist überliefert, dass er dabei ein besonderes Vergnügen empfand.
Köhler: Eine Lust an der Grausamkeit, die man vielleicht in Beziehung setzen könnte zu der Konzeption seiner Ethik. In ihr geht es um eine Immanenz ohne Transzendenz, um eine Immanenz, die indifferent ist gegenüber Gut und Böse.
Behrendt: Vielleicht hat es damit zu tun, dass es Spinnen gibt, bei denen die neugeborenen Spinnen ihre Mutter fressen, die sich dafür auch zu Verfügung stellt.
Heinz: Martin Burckhardt zeigt in seinem Buch "Die Scham der Philosophen", wie Kants Rituale beim Zu-Bett-gehen ein Konkretismus seiner "Kritik der reinen Vernunft" sind. Und so könnte man jetzt mit Spinoza auch verfahren. Aber solche Fragen werden ja manichäisch abgespalten, das soll mit der hypertrophen Geltung nichts zu tun haben, im Unterschied zur Genesis. Genesis ist ja fleischlich schlecht. Und das ist immer das schöne Kunststück, wenn man zeigt, dass die Genesis in der Geltung voll durchschlägt.
Heinz: Jetzt haben wir uns historistisch mit der Mystik und anderem beschäftigt, aber wir sind ja keine Historiker! - Wie steht es denn mit unserer Selbstwahrnehmung, unserer Selbsterfahrung?
Vollberg: Ob mir Gott schon begegnet ist?
Heinz: Wenn etwas für mich einen Wert hat, dann müsste das doch ein Teil meiner Selbstwahrnehmung sein. Ansonsten wären es nur Abwehrvorgänge, der Historismus ist doch nur eine einzige Abwehr dagegen, behelligt zu werden, was da philosophisch ausgetragen wird. Immerhin hat man sich früher dafür die Köpfe eingeschlagen, vor allem im Mittelalter. Der Historismus hat dafür gesorgt, dass wir diese Leidenschaften etwas dämpfen können. Aber ist bestehe darauf: Wenn etwas nicht Bestandteil meiner selbst werden kann, ist es für mich müßig, mich damit überhaupt zu beschäftigen.
Behrendt: Mystik wäre der Eingang in die Einzigkeit, um daraus eine Einheit zu machen. Das heißt, Mystik liefe auf Indifferenzierung hinaus.
Heinz: Die "unio mystica" ist christlich vorgesehen als Eucharistie. Das wäre doch eine Art der Vereinigung, eine Vereinigung, die nicht konstant bleibt, sondern immer wieder erneuert werden muss. Eine Vereinigung, von der man nicht sagen kann, sie sei mentalistisch, sondern sie ist ganz real, denn ich esse Fleisch und Blut des Erlösers Jesus Christus. Das ist real-alimentär die "unio mystica" selber.
Petersen: Aber gibt es da irgendeine Erfahrbarkeit?
Heinz: Ja, die gibt es. Da ist viel Körperbeteiligung in diesem kannibalistischen Akt (der ja keiner ist, zum Glück). Vor dieser konkretistischen Form der "unio mystica" rettet man sich (protestantisch) in einen Symbolismus.
Köhler: Man könnte die Katholiken beneiden um dieses Reale der "unio mystica" als eucharistischen Gottesverzehr gegenüber dem armen protestantischen Symbolismus.
Vollberg: Es ging doch bei der Einsetzung des Abendmahls um die Abschaffung des Opfers.
Köhler: Jesus als das letzte Opfer, und danach soll es keine Opfer mehr geben.
Heinz: Was mich an dem Symbolismus stört, ist das Wegschauen von dem realen Opfer, was da geschieht. Der Symbolismus ist ein Versuch, die Schrecken des Opfers zu mildern. Und da bin ich zwangshaft konkretistisch: die Eucharistie ist konzipiert als kannibalistischer Akt. Und dies ist die höchste Form der Vereinigung.
Köhler: Könnte man dann sagen, wenn die Eucharistie die "unio mystica" ist, dass es keine mystische Vereinigung mit Gott gibt, die nicht kannibalistisch ist?
Heinz: Das könnte man so sagen.
Petersen: Trotzdem gibt es eine Differenz zu dem, was die Mystik anstrebte. Im Prinzip ist bei all diesen Ritualen das Heil vertagt. Das kommt nämlich erst nach dem Tod. Während der Mystiker darauf besteht, dass er es direkt haben will als Präsenz. In den 70er Jahren war die richtige Religion die Mystik in esoterischen, durch östliche Philosophien inspirierten Formen. Da ging es um das Indifferenzerlebnis, oft unterstützt durch Drogen. Alle Indifferenz- und Fusionserlebnisse kranken daran, dass man hinterher nichts mehr davon weiß, wenn sie funktioniert haben. Man muss unterscheiden zwischen diesem Fusionswunsch und einem abgeschwächten Fusionswunsch, der diese Fusion noch erleben will. Das wäre eine halbherzige Fusion, die ein Restsubjekt erlaubt.
Heinz: Wenn die Differenz entfiele, dann wäre die Übergangsform in eine selbst nicht mehr repräsentierliche Fusion die Psychose. Sie wäre noch erfahrbar, aber nicht als das, was sie für uns beinhaltet.
Petersen: Im Moment der Verschmelzung würde der Körper völlig verschwinden.
Heinz: Und das muss aufgehalten werden. Denn das wäre der Tod.
Köhler: Wir sprechen immer von Mystikern. Aber die meisten Mystiker waren weiblich, es gab nur wenige männliche Mystiker (Johannes vom Kreuz zum Beispiel; und bei Meister Eckhart erscheint es mir fraglich, ob er jemals eine mystische Erfahrung erlebt hat, vielleicht hat er sich dieser nur intellektuell-sprachlich genähert). Die Mystikerinnen sind jedenfalls eindeutig in der Überzahl. Ist die Mystik vielleicht eher ein weibliches Phänomen?
Heinz: Die "jouissance" bei Lacan ist das weibliche Genießen, und sie ist konnotiert bei Lacan mit mystischer Erfahrung. Ich denke, da gibt es eine Verbindung zur Schwangerschaft. Und davon ist der Mann ausgeschlossen. Aber es geht auch um Heterosexualität, in ihr soll ja eine vorgegebene Differenz aufgelöst werden.
Köhler: Die "jouissance" bei Lacan schließt den Schmerz ein und kennt keinen Schutz des Selbst.
Heinz: Da gibt es kein Selbst, auf das man sich repräsentativ berufen kann.
Petersen: Wenn man das zu Ende denkt, dann würde die sexuelle Mystikerin dem Mann vorwerfen, er könne sich nicht fallen lassen.
Schmidt-Ott: Aber wohin?