Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 30.03.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 30.03.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Heinz: Die katholische Theologie hat sich festgelegt auf den Kannibalismus des "Dies ist mein Fleisch, dies ist mein Blut". Da gibt es keine Beliebigkeit mehr wie zur Zeit der Evangelien, das ist jetzt festgelegt und muss auch so transubstantiationsgemäß geglaubt werden.
Petersen: Die Transubstantiation wird als äquivalent gedacht zur Verklärung Christi. - Die Transubstantiation ist ein magischer Akt. Da wird behauptet, dass durch Sprechen (ein Sprechen, das sich der Schrift verdankt) diese Umwandlung hergestellt wird.
Heinz: Das sind die Wandlungsworte.
Petersen: Die Wandlung ist die Behauptung des symbolischen Vaters, der Signifikant sei die Erzeugung des Signifikats. Das Ganze ist eine Angelegenheit der Oralität, der Weltgebrauch funktioniert nach dem Muster der Oralität, nur so können wir Welt disponieren.
Heinz: Diese harten, dogmatischen, zu glaubenden Sachverhalte werden in der katholischen Kirche fast unter den Tisch gekehrt. Das Ganze wird immer weiter moderiert und verwässert. Aber die Verwässerung ist für mich kein Ausweg. Solange es bei der christlichen Substanz bleibt, muss ich mich davon fernhalten dürfen.
Petersen: Wobei das alles nur eine korrekte Beschreibung des Repräsentationsverhältnisses ist.
Heinz: Und deshalb bin ich philosophisch-psychoanalytisch in meinem Habitus letztlich theologisch geblieben.
Petersen: Ich hatte in meiner Beratungspraxis mit der Lüge des Vaters zu tun, er sei der Ursprung und nicht die Mutter. Was macht man damit, wenn man eine Klientin hat, die einerseits unter einem Mangel an Vater-Subsidiarität leidet, andererseits aber gläubig ist? Dann kann man nur sagen, der Vater lügt zwar, aber wir müssen diese Lüge glauben, obwohl wir wissen, dass es eine Lüge ist. Denn wenn wir sie nicht glauben, können wir nicht sein.
Heinz: Die Abwesenheit des Vaters ist in der Tat ein Leitmotiv. Das ist auch von der Psychoanalyse voll übernommen worden. Früher bestand der ödipuskomplex darin, dass der Sohn den Vater umbringt, um Zugang zur Mutter zu haben, also den Mutter-Sohn-Inzest betreiben kann und daran zerbricht. Das ist längst abgesetzt. Vielmehr braucht der Sohn den Vater, er ist nur animos dem Vater gegenüber, wenn der Vater in seiner Rolle, den Sohn vor der Mutter zu schützen, versagt. Das ist eine enorme Wandlung im Konzept des ödipuskomplexes. Der Vatermord ist dadurch bedingt, dass der Vater als Schutzfigur versagt. Er ist nicht der Konkurrent der Mutter gegenüber. - Mit der Abwesenheit des Vaters hatte ich selbst ja kriegsbedingt hinlänglich zu tun. Aber dies ist kein Zufall, dafür steht ja der Krieg. Und das ist folgenreich für die Sozialisierung des Sohnes und für das Verständnis des Geschlechterverhältnisses.
Petersen: Wenn der symbolische Vater ist nicht vor der Mutter schützt, dann bricht die Weiblichkeit über den Mann herein, und auch die Frau fällt als Tod auf sich selbst zurück. Leikert hat einmal in einem Vortrag über Ethik und Psychoanalyse gesagt, dass es Gott gibt, weil wir einen Determinationsmangel haben.

Referat Gisela Berendt:
Unio Mystica
Die Leerstelle der Erschaffung von Leben beflügelt, den entrückten Schöpfer an dem Ort zu platzieren, an dem Leben sich entfaltet. Die messerscharfe Schlussfolgerung ist: Da der Körper der Frau der Ort des Ursprungs von Leben ist, muss der angenommene Schöpfer von Leben auch hier seinen Platz haben.
Er ist dann mal weg. Auf diese Weise garantiert er Differenz.
Der nach Innen gerichtete blinde Blick des Propheten wird seiner gewahr. Er hat eine Offenbarung - Gott spricht zu ihm. Der Prophet und verkündet das Gehörte, den Willen des Allmächtigen. Er gründet eine Religion.
Offen bleibt in welches Innen er geblickt hat? War es sein eigenes?
Was tut die Mystikerin?
Maria hat es vorgemacht. Sie hörte Stimmen und gebar einen Sohn, der eine Religion gründete.
Sagt man(n).
Ein paar hundert Jahre später. Das oben skizzierte Denken hat sich als Religion etabliert.
Noch immer lässt sich Leben nicht willentlich aus dem Nichts erzeugen. Der Ort seines Ursprungs, nennt man diesen Schöpfung, Befruchtung oder Entwicklung, befindet sich noch immer im Körper der Frau.
über diesen zu verfügen ist ein Hobby, das bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.
Für den Mystiker hat sich nichts geändert. Er verbleibt in der Tradition des Propheten.
Der nach Innen gerichtete Blick der Mystikerin wird fündig. Da sie in die symbolisch kulturelle Mitte der (monotheistischen) Religion hineingeboren ist, kann es nur der an diesen Ort entrückte Gott sein, den sie in ihrem Innen vorfindet: Erlebnismystik: Vereinigungserfahrungen mit dem Gottessohn in diversen Formen bis zu Schwangerschaftssensationen gestalten ihre Begegnung und retten sie vor dem Aufgang im ihr zugewiesenen Status eines Ortes bzw der einer Leerstelle. Sie findet und erlebt: "Gott", der sich hierin zurückgezogen hat. Vielleicht hat man(n) ihn hier auch eingelocht. Diese Zuweisung findet nicht nur im monotheistischen Religionszusammenhang statt sondern auch in den hieraus hervorgehenden säkularen gesellschaftlichen Strukturen.
Innerhalb des etablierten Kulturzusammenhangs erscheint dieser Fund der Mystikerin alternativlos. Allerdings erhebt sich die Frage, ob sich außerhalb der patriarchalen Ordnung eine weibliche Identität ergeben könnte, die nicht der Logik der Dualität unterworfen ist? Oder anders formuliert, in welcher Beziehung steht Schwangerschaft zu Dualität?
Fazit:
Der Ort des Ursprungs von Leben ist bekannt. Es ist der Körper der Frau. Am Urheber mangelt es. Er ist entrückt und wird erwartet: Messias, Jüngstes Gericht, verborgener Iman. Der Grund hierfür ist seine Herkunft. Er verdankt sich dem Missverständnis, die Gebärpotenz von Frau beinhalte auch die Macht Leben zu erzeugen. Resultat ist eine Vorstellung von Produktions(gewalt), deren Realisierung scheitern muss. Leider hat dies bisher nicht daran gehindert, es zu versuchen.
Der erste Akt bestand darin, weibliche Gebärpotenz anzueignen. Hierzu wurde die Frau durch die Entwertung ihrer Geschlechtsorgane (Produktionsmittel) domestiziert.
  • Man(n) hält sich also an den Ort. Ihn gilt es zu disponieren und zu erobern. Folgerichtig geht es in Kriegen um Platznahme, um Eroberung von Orten. Das Ausmaß dieser "Produktion" lässt die der Frau aufgenötigte Vorstellung von Weiblichkeit als differenzgarantierende Leerstelle und den Umgang mit diesem Geschlecht in der symbolischen Ordnung wie einen Kollateralschaden erscheinen. Sie existiert zwar nicht, aber sie lebt noch.
  • Die Inanspruchnahme der Position des unterstellten Erzeugers von Leben hätte zur Konsequenz, so wie dieser zu verschwinden. Keine gute Wahl fand Man(n). Aber es gibt eine Lösung. Man(n) kann kein Leben schaffen (es wird noch daran gearbeitet). Aber Leben beenden geht. Ich kann töten. Tötungswaffen sind meist Werkzeuge der Penetration: Phalli. Der Tötungsakt als Alter ego des Schöpfungsaktes macht Sinn bzw. Schöpfer. Phalli beanspruchen fürderhin die symbolische Position der Schöpfungspotenz. Ihre Träger werden zu Produzenten. Kann es vor diesem Hintergrund eine Dingproduktion jenseits von Waffenproduktion geben? Auch der Begriff des Opfers müsste unter diesem Aspekt diskutiert werden.
  • Und da wir gerade beim Opfer sind: Die Selbstinitiation des Produzenten hat ihre Grenze in der Unmöglichkeit der Selbsthervorbringung. Das Selbstopfer des Sohnes mündet zwar in seiner Gottwerdung. Allerdings geht dieser Metamorphose seine Entrückung voraus. D.h. es lässt sich nicht in Erfahrung bringen, ob es wirklich geklappt hat. Vielleicht erklärt dies auch das Verbot des Selbstmordes in der christlichen Religion. Amoklauf und Selbstmordattentäter finden hier ihren Beweggrund.
Wie kommt es zu einer psychischen Verfassung, die solche Zusammenhänge hervorbringt?

Heinz: Die Potenz der Frau - die Potenz der Frau ist natürlich auch Tötungspotenz - wird vom Mann angeeignet, und männlich kopiert. Die in sich suizidale Waffe ist die Erfüllung des männlichen Kopiephantasmas.
Petersen: Das (männliche) Töten ist der Versuch einer Belebung, und zwar in dem Sinne, wenn der weibliche Körper der Ursprung von allem ist im Sinne des Ortes. Der an diesem Ort entstandene Mann ist heillos von diesem Ort stigmatisiert. Das heißt, die Materialität muss weg. Das liefe darauf hinaus, dass der Mann nicht mehr ist als ein virtueller Pfropf auf der Körperlichkeit, auf der Weiblichkeit. Und alle Tötung, alle Vernichtung von Materialität wäre dann nichts anderes als ein Versuch des Mannes, sich selbst ins Leben zu rufen.
Vollberg: Die Frau ist zwar der Ort der Entstehung des menschlichen Lebens, aber sie ist nicht die Herrscherin über diesen Ort.
Heinz: Die Frau ist nicht der Ursprung des Lebens, das Kopiewesen des Mannes verdankt sich einem Missverständnis.
Petersen: Das Problem, der Irrtum besteht darin, überhaupt nach dem Ursprung zu fragen. Viktor von Weizsäcker hat mal gesagt, das Kausalgesetz sei selbst die Neurose. Das Problem ist das Ursprungsdenken.
Berendt: Die Funktion der Frau besteht darin, die Leerstelle zu garantieren und damit die Differenz.
Heinz: Die Leerstelle besteht in der Nicht-Repräsentierbarkeit des Todes selber, müsste man in der Ausweitung dessen sagen. Der Todestrieb ist die Anmaßung des Todes als Legitimation humaner Gewalt. Aber das geht nicht auf, die Berufbarkeit auf den Tod geht nicht, denn es ist immer der vorgestellte Tod. Und da bildet sich eine infinite Leerstelle. Diese Leerstelle begegnet dann unvermeidlicherweise, weil das männliche Geschäft der Weiblichkeitskopie todestrieblich bestimmt ist, im Geschlechterverhältnis. - Aber was macht man mit einer solchen Einsicht? Das muss doch Folgen haben. Oder man schiebt das von sich. Jochen Hörisch hat mal gesagt, ich bin die Verfallsform meiner Theorie.
Petersen: Das Problem ist, dass wir zu diesen Verhältnissen keine Alternative anbieten können.
Heinz: Und das schlägt auch auf uns jetzt zurück: Was machen wir hier? Wie binden wir unsere Gedanken zurück an uns selbst?
Petersen: Indem wir das hier machen, versuchen wir uns zu retten vor dem, was vorher in uns war.
Heinz: Das, was wir hier tun, ist ein obsekrativer Akt, ein Bannungsakt. Mehr ist nicht möglich.
Petersen: Wir können doch vielleicht ein wenig Leiden vermindern.
Heinz: Apropos Leiden - da komme ich immer wieder neu in die Verlegenheit, wahrnehmen zu müssen, dass das Leiden der Effekt einer Anmaßung ist. Einer nicht intentionalen Anmaßung, aber struktural einer Anmaßung. Aber was mache ich jetzt damit? Anstatt kompassionell zu sein, sage ich dem anderen, das sei dessen unbewusste Prätention. Es läuft auf eine Aufklärung hinaus, für die es keine vorgegebenen Muster gibt.
Behrendt: In der pathognostischen Traumtheorie wird der Trauminhalt rückbezogen auf physiologische Vorgänge, also die Repräsentation physiologischer Vorgänge plus das Prinzip der Differenzierung. Wo werden bei unserem Thema physiologische Vorgänge repräsentiert und wo kommt das Motiv der Differenzierung her? Differenzierung ist die Grundlage des Lebens. Inwieweit sind diese Vorgänge repräsentiert in unserem phantasmatischen Zusammenhang? - Eine andere Spur wäre die Unmöglichkeit sprachlicher Darstellung von Erkenntnissen der modernen Physik.
Heinz: Das wäre das Problem der Grenze der Repräsentation selber. Die Psychoanalyse versucht die Repräsentation durch die Einführung des Primärprozesses auszuweiten. In diesem Zusammenhang ist mein morgendliches Schreiben der Versuch, die Primärprozesshaftigkeit des Traums in den Tag hinein zu transponieren. Dementsprechend sind die Texte ja auch, nämlich primärprozesshaft. Das ist eine Ausweitung der Psychoanalyse als Primärprozesshüterin auch für Objektivität selber, so dass es keinen Fluchtweg mehr gibt in eine tautologische Objektivität.
Petersen: Ich habe unlängst versucht, nicht den Traum ins Wachen herüberzuretten, sondern anders herum, und das ist auch erheblich bestraft worden. Es hat einen Zusammenhang gegeben eines Traumes, den ich hatte, der vollkommen statisch war, er fand an einem Ort statt, es gab so gut wie keine Visualität, dafür wurde ganz viel geredet, es gab keinen Szenenwechsel. Also völlig untypisch für einen Traum. In dieser Nacht habe ich sehr tief geschlafen und bin mit starken Rückenschmerzen aufgewacht. Seitdem habe ich unterhalb des Lendenwirbelbereichs einen Dauerschmerz. Es war offenbar der Versuch, die Repräsentation in den Tiefschlafbereich auszudehnen, und das ist somatisch bestraft worden.
Heinz: Es gibt Tiefschlafträume, allerdings sehr selten. Es ist eine Notfallreaktion, dass man die Repräsentation dahin ausdehnt, wo sie eigentlich schon längst versagt hat. Das ist eine Anmaßung und dementsprechend erfolgt die Sanktion. Das ist eine übergriffigkeit, die nicht unsanktioniert bleiben kann. Was einen aber auch rettet vor der Auslieferung an den Tiefschlaf.
Heinz: Das bringt mich zurück zur Häresie des Schmerzes und des Leidens. Der Rückenschmerz ist dann der Effekt einer Anmaßung. Aber diese Anmaßung lässt sich nicht suspendieren, sondern macht das Menschsein aus. Die Anmaßung ist konstitutiv, damit überhaupt etwas ist, und die Sanktion der Anmaßung gehört zum Existenzprozess hinzu. Ein Fehler wäre, den Schmerz psychoanalytisch wegschaffen zu wollen. Und das ist der Grund dafür, dass die Psychoanalysen scheitern.
Petersen: Es ist ein Irrtum, dass die Aufklärung das Aufgeklärte aus der Welt schaffen kann.
Heinz: Der "primäre Masochismus"(Freud) rettet mich, indem die Katastrophen, die ich selber bin, libidinös besetzbar sind.
Köhler: Ein Mensch mit Rückenschmerzen geht zum Pathognostiker und bittet diesen um Hilfe. Was kann der Pathognostiker dann tun?
Heinz: Zunächst muss ich ermitteln, ob diese sehr verpönte Art der Aufklärung von Leiden überhaupt anbringbar ist.
Köhler: Eine Aufklärung, die besagt, dass das Leiden gewollt ist?
Heinz: Nicht gewollt im Sinne bewusster Akte, sondern unbewusst gewollt. - Was den "primären Masochismus" betrifft: Wenn dieser sich durchgesetzt hat, dann lässt sich nichts mehr machen. Dann hat man sich in die Sexualisierung des Leidens gerettet. Dann wäre jede pathognostische Intervention verfehlt. Wenn das nicht der Fall ist, wäre zunächst zu erkunden, ob es sinnvoll ist, diese Art verpönter Aufklärung ins Spiel zu bringen. Wenn das gewährleistet ist - und das ist selten -, kann es sein, dass dann etwas in Bewegung gesetzt wird. Die Umgangsmöglichkeiten mit Symptomen könnten verbessert werden, indem sie mehr als Teil meiner selbst empfunden werden und nicht mehr rigoros abgespalten werden, sondern in meine Lebensgeschichte mehr oder weniger integriert werden. Dadurch könnte die Symptomatik, die ja die Neigung hat, sich zu fixieren, in Bewegung geraten.
Petersen: Bei einer Somatisierung handelt es sich um einen besonders tiefen Grad der Verunbewusstung. Da nützt dann auch keine Einsicht mehr.
Heinz: Somatisierung ist eine Abspaltung, das Symptom entfernt sich immer weiter von mir. Die Physiologie ist ja schon von sich selbst her ein Spaltungsphänomen. Und diese Abspaltung gilt es zurückzuholen.
Köhler: Abspaltung bedeutet, das ist kontingent, das ist Körper, das bin ich nicht. Aber ich bin das Symptom.
Behrendt: Man braucht beides. Abspaltung ist ein notwendiger erster Schritt. Der zweite Schritt der Einholung ist das Akzeptieren. "Ungetrennt und unvereint": das ist der herzustellende Zustand.
Heinz: Wenn ich von Abspaltung spreche, habe ich bereits ein Symptomverständnis. Als ein Zwischenstück der Re-Integration muss das aufkommen dürfen. Das hat etwas mit dieser Selbst-Alienisierung zu tun, die gehört mit dazu, auch wenn man sie nicht auf sich beruhen lassen darf. Sie bleibt als Fremdkörper-Gefühl. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss man argwöhnen, dass der "primäre Masochismus" sich durchgesetzt hat. Man darf das oblique Oppositionselement in Symptomen nicht einfach wegtun. Die Opposition ist ja in das Opponierte zugleich verstrickt. Es geht ja darum, das Moment der Opposition zu isolieren.

Heinz: Die Absolutheit Gottes ist ein unvorstellbarer Schmerz. Die narzisstische Erfüllung sozusagen. Der Christus, der Gottessohn wird als Schmerzensmann bezeichnet.
Köhler: Einfügen ließe sich hier vielleicht ein Hinweis auf Philipp Mainländer (1841-1876), ein Anhänger Schopenhauers. In seinem über 1000 Seiten starken Werk "Philosophie der Erlösung" begreift er die Erschaffung der Welt als Ergebnis des Selbstmords des Gottes, der aber nicht gelungen ist und den die Menschen zu vollenden haben. Die Menschen vollenden nach Mainländer Gottes Schöpfung, indem sie sich selbst suizidieren. Was er für sich selbst dann auch getan hat, nachdem er sein Buch veröffentlicht hatte.
Heinz: Ein konsequenter Gedanke innerhalb der abendländischen Metaphysik, die ja das Christentum substantiell mit enthält.
Behrendt: Indem wir uns umbringen, werden wir zu Gott.
Petersen: Ob nicht die Selbstkastration von Origines auch in diese Richtung geht?
Heinz: Origines hatte 17 Sekretärinnen, denen er seine Texte diktierte. Seine sexuellen Gelüste störten ihn bei seiner intellektuellen Produktion; deshalb hat er sich schließlich entmannt.
Köhler: Mainländer war überzeugt, dass sich jede weibliche Schwangerschaft einer Vergewaltigung verdanke. Weil die Frau keine sexuelle Lust empfinde, bleibe ihre Jungfräulichkeit auf seelischer Ebene erhalten. In seinem Tagebuch schreibt er über seine Mutter als seiner jungfäulichen Geliebten. Ein erster Schritt zur Vollendung der göttlichen Schöpfung war für ihn die Verweigerung der Zeugung von neuem Leben.
Heinz: Vorgebildet ist das Motiv der trotz Sexualität jungfräulich bleibenden Frau in den antiken Mythen der Hera. Durch ein Bad gewann sie immer wieder ihre Jungfräulichkeit zurück.
Petersen: Direkten sexuellen Körperkontakt generell als Missbrauch zu sehen, scheint eine aktuelle Tendenz sein. Dies entspräche auch dem männlichen Phantasma bezüglich Sexualität.
Heinz: In diesem Kontext müsste man hinzuziehen, was Lacan über die weibliche jouissance ausgeführt hat. Er rekurriert auf die Mystikerinnen, ihre Sexualität. Da geht es um das, was sich entzieht als Begehren der Frau. Und dann wird die These von der Gewaltförmigkeit des sexuellen Aktes problematisch.
Petersen: Aber das männliche Phantasma in Bezug auf Weiblichkeit gibt es nicht ohne Gewalt. Das Anderen-Verhältnis ist gewaltstrukturiert.
Heinz: Das geht aber auch nicht ohne Zugeständnis in dem Sinne, dass diese Gewalt bereits eine Reaktion auf auf eine andere übermacht bedeutet. Und diese übermacht wäre die Potenz der Frau.

Der Diskussion nach der Pause lag folgender Text von Rudolf Heinz zugrunde:
"Organismusgenerisch pathogen rückeinschneidet sich das Ding in den Körper (»en soi« in »pour soi«, Nichts in Sein) und veranlaßt derart diesen, instantan sich in jenes hineinzutotalisieren. Was, wenn es gänzlich gelänge, ja das Gottesphantasma, der Tod wäre."
Heinz: Es kommt zu einer Dramatik des Körper-Ding-Verhältnisses, und zwar so, dass die dingliche Veräußerung (Körperprojektion) nochmal zurückkehrt in die Veräußerungsinstanz Körper. Das ist mit Rückeinschneidung des Dings in den Körper gemeint. Und wenn das so ist, wird sich das Ding im Körper infinit ausbreiten. Diese infinite Ausbreitung wäre dann nichts anderes als das Phantasma des An-und-für-sich, und das ist der Aufgang des Körpers im Ding selber. Und das wäre der Tod.
Behrendt: Das ist das, was passiert in Bezug auf Frauen. Dass die körperliche Projektion nochmals projiziert wird auf den Körper; in dem Sinne wird der Körper der Frau bei Lacan als Phallus bezeichnet.
Heinz: Das wäre die filiale Perspektive, die des Mann-Sohnes. Gilt dieser Vorgang auch für Frauen? Oder ist das selber schon ein Geschlechtsverhältnis, was hier virulent gemacht wird? Was wäre dann das Ding? Das Ding wäre dann die Mutterleibleiche. Wenn die jetzt rückeinschneidet, ist die tödlich, für den männlichen Körper. Vom Mann her gedacht, ist das Ding, wenn man das sexualisiert sozusagen, tote Weiblichkeit, und die Rückeinschneidung ist dann todbringend. - Dieses Körper-Ding-Verhältnis ist ausschlaggebend für die ganze Theorie.
Petersen: Diese Darstellung ist eine Hilfskonstruktion. Hier ist eine Zirkularität namhaft gemacht zwischen Körper und Ding, die aber im Grunde ein instantanes Aneinander-Entstehen ist. Das ist aber nicht formulierbar. Man muss - wie in der Hermeneutik - irgndwann an einer Stelle in diesen Zirkel einsteigen, und von da aus kann man dann die Sequenz des gegenseitigen Bezugs beschreiben.
Heinz: Das stimmt, da ist keine Rede davon, wie diese Relate entstehen. Das ist hier vorausgesetzt. Was fehlt, ist die Entstehung der Komponenten Körper und Ding. Das wäre nachzutragen.
Petersen: Der dingphantasmatische Urknall.
Köhler: Wir haben immer schon den Körper und das Ding, wir haben die Rückeinschneidung und die Ausbreitung des Dings im Körper. Und diese Ausbreitung wäre dann der Prozess der Gottesgenese. Die Ausbreitung des Dings im Körper als Gottesgenese. Und diese Gottesgenese ist tödlich.
Heinz: Das wäre dann weitergedacht: die Exklusivität des Dings im Körper wäre der Tod. Und Gott wäre nichts anderes als dieses Tod-bringen.
Petersen: Also wäre Gott die notwendige Entäußerung, damit Ding und Körper nicht so ineinanderstürzen, dass es zur Indifferenz kommt, damit der Tod sich nicht im Körper erfüllt.
Köhler: Aber Gott ist auch die Erfüllung als Tod.
Petersen: Aber als Repräsentation und nicht als reales Zusammenfallen von Körper und Ding.
Köhler: Die Vollendung der Ausbreitung des Dings im Körper ist auch das Ende der Repräsentation.
Heinz: Aber ein Ende, das als Ende nicht konzipierbar ist. Das kann ich zwar noch sagen, aber nicht so, dass es noch ein Repräsentationselement sein könnte.
Petersen: Würde es passieren, wenn wir nicht den Gottesbegriff entäußern würden?
Heinz: Da gibt es ja noch den Aufenthalt sozusagen, aber das ist jetzt hier nicht mit aufgegriffen. Das Ultimum der Durchdringung des Dings im Körper ist der Tod, aber davor ist das die Stätte der Symptomgenerierung. Der Tod wird aufgehalten in pathogenen Varianten des An-und-für-sich.
Köhler: Diese pathogenen Varianten des An-und-für-sich sind mehr oder weniger weit gehende Ausbreitungen des Dings im Körper.
Heinz: Das ist graduiert. Die Psychose wäre zum Beispiel kurz vor der Tödlichkeit dessen.
Heinz: Bringt man das Geschlechterverhältnis mit ein, muss man behaupten, dass Ding tote Weiblichkeit ist. Und der Rückeinschnitt im Sinne der Identifikation mit dem Aggressor - und das ist das Dilemma der Abwehr - wirkt sich dann selbst tödlich aus. Und dann muss man sehen, dass es in diesem Zwischenfeld gestufte Moddi der différance, der Differierung gibt.
Köhler: Kann man sagen, dass Frauen zu der Warenwelt eher eine Affinität haben als Männer? Im Sinne des Erwerbs von Dingen.
Heinz: Aber konsumatorisch; und wenn ich das richtig sehe, befindet sich die Dingproduktion eher in der Hand der Männer.
Köhler: Die Männer produzieren die Dinge, die Frauen konsumieren sie?
Behrendt: Warum werden die Dinge, die Männer konsumieren, nicht als Dinge angesehen?
Heinz: Die Konsumatorik der Frau beinhaltet ein zynisches Moment. Das Objekt hast du mir zugemutet? Ja, das kannst du haben
Melanie Xu: Das Objekt rächt sich. Das Objekt, das ich konsumiere ist total verschlagen. Das legt mich dauernd rein.
Heinz: Das macht man dann der Frau zum Vorwurf, dabei ist es nur eine Rückspiegelung dessen, was der Mann der Frau zumutet.
Petersen: Vom Mannsphantasma her würde das bedeuten, der Frau würde zugemutet, das Tote ihrer selbst zu fressen.
Heinz: So wäre es, wenn man das Warenverhältnis sexualiert. Das führt zutiefst in das Tochter-Mutter-Verhältnis. - Wichtig wäre also, das Körper-Ding-Verhältnis nicht neutralisiert zu belassen, sondern als Geschlechtsverhältnis zu explizieren. Und dann käme auch die Tod bringende Mutter ins Spiel (als Teil einer Paranoia-Theorie).
Köhler: Kann man sagen: Je weniger man Dinge besetzt, desto weniger kann sich das Ding im Körper ausbreiten?
Heinz: Das wäre ein Versuch, diese Rückeinschneidung zu moderieren. - Für mich persönlich würde ich sagen, dass aus einer Körpersehnsucht heraus mich Dingbesetzungen eher stören.