Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 27.04.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 27.04.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Petersen: Ich hatte behauptet, dass es pathognostisch konsequent ist, wenn man sagen würde, dass jede sexuelle Annäherung von Mann zu Frau ein Missbrauch sei. Zum einen hat Herr Köhler auf Mainländer hingewiesen, der davon überzeugt war, dass sich jede weibliche Schwangerschaft einer Vergewaltigung verdanke, weil die Frau keine sexuelle Lust empfinde und sich so ihre Jungfräulichkeit auf seelischer Ebene erhalte. Schwangerschaft können wir natürlich durch Sexualität ersetzen; jedenfalls geht es offensichtlich darum, dass der generelle Missbrauchscharakter der männlichen Sexualität dadurch exkulpiert werden soll, dass das Opfer unbeschädigt bleibt. - Weiblicherseits kam der Einwand, dass, wenn ich Recht hätte mit dieser Generalisierung des Missbrauchs, dann würde sich das so anhören, als ob die Frau kein eigenes sexuelles Begehren hat. Ist das der Schluss, den man daraus ziehen muss? Wenn die sexuelle Herangehensweise des Mannes an die Frau die Struktur des Missbrauchs aufweist, dann heißt das doch nicht, dass die Frau kein sexuelles Begehren hat! Ich frage mich, ob es sich um eine Abwehr handelt, es war ja schließlich eine Frau, die das sagte. Was wäre denn die Konsequenz, wenn ich Recht hätte, und gleichzeitig unterstellt würde, dass die Frau ein Begehren hat?
Vollberg: Missbraucht ist die Frau nur als Objekt des Mannes, in der Vorstellung des Mannes, aber nicht in ihrer eigenen.
Petersen: Ich erinnere an die Äußerung von Alice Schwarzer, mit der sie den weiblichen Masochismus und den männlichen Sadismus als Perversion kritisiert ("Emma", Februar 1991): "Die Propagierung des weiblichen Masochismus durch Männer ist ein Angriff, durch Frauen ist es Kollaboration mit dem Feind." - Hier ist eine Unterstellung am Werke, die die eigentliche Kollaboration mit dem Feind darstellt, nämlich dass die sexuelle Orientierung etwas ist, wozu man sich entscheidet, dass sie ein rational-pragmatischer Akt sei. Schwarzer selbst kollaboriert mit dem symbolischen Vater; psychoanalytisch würde man das nennen die "Identifikation mit dem Aggressor". Das wäre also die These, über die wir reden könnten: Ist die weibliche Sexualität strukturiert als Identifikation mit dem Aggressor?
Heinz: Nein!
Petersen: Nein? - Wenn wir das übertragen auf das Repräsentationsverhältnis, sieht die Sache anders aus. Frau muss mit dem symbolischen Vater, mit der symbolischen Ordnung kollaborieren, um überhaupt patriarchatsimmanent existieren zu können. Andererseits lügt der symbolische Vater aber, wenn er behauptet, der Signifikant sei die Erzeugung des Signifikats. Der Vater sei der Ursprung und nicht die Mutter. Wir haben hier einen inneren double bind und das ist die typische Verfasstheit der Identifikation mit dem Aggressor, dass der Täter zugleich der Retter ist. - Es gibt unterschiedliche Formen der Identifikation mit dem Aggressor, zum einen Selbstbeschuldigung nach erlittener Aggression, zum anderen die Imitation des Aggressors. In beiden Fällen ein Selbstrettungsversuch von Frau. Es gibt keinen Ausweg, denn ohne symbolische Ordnung keine Repräsentation. Allerdings lügt die symbolische Ordnung, wenn sie sich als Ursprung behauptet. Und diese Zusammenhänge können wir nun übertragen auf das weibliche Gottesverhältnis. Am Anfang war das Wort, der Vater ist der Schöpfer von allem, man weiß, dass der Vater an dieser Stelle lügt, aber ohne seine Gnade kein Sein.
Behrendt: Wer sagt dir, dass die symbolische Ordnung so männlich funktioniert, wie du sie darstellst?
Heinz: Freud hat gesagt, die gesellschaftliche Libido ist männlich. Das heißt, sie ist objektiv homosexuell. Das ist die Selbstdarstellung der symbolischen Ordnung. Die symbolische Ordnung selber aber läuft darauf hinaus, dass eine männliche Autarkie behauptet wird, die in sich kollabiert. Und sie kollabiert auch de facto. Sie kollabiert deshalb, weil alles, was homo-haft ist, ein Ausschlussverhältnis ist, und das Ausgeschlossene ist immer in einer paranoischen Variante hinter dem Ausschließenden her. Und jetzt die Frage des weiblichen Begehrens: Wenn das so ist, dann könnte man doch verstehen, dass die Parierung dessen das Gegenteil auf der anderen Seite und damit dasselbe ist, nämlich die Behauptung des Selbstbezugs der Weiblichkeit, also Homosexualität selber dann. Und das ist dann eine Absperrung des Anderen. Das weibliche Begehren wäre dann so etwas wie die parierende Identifikation, dergestalt, dass das objektive und subjektive männliche Homo-Wesen aufgenommen wird und pariert wird mit dem selben am anderen Ende.
Vollberg: Dann wäre das weibliche Begehren nur etwas Abgeleitetes.
Heinz: Das, was ich gesagt habe, kann so nicht aufrecht erhalten werden. Man kann genauso umgekehrt sagen, dass das männliche Homo-Wesen die Kopie weiblicher Autarkie ist.
Petersen: Aber das ganze findet patriarchatsimmanent statt. Das geht so weit, dass Mann von Frau eine Teilmaskulinisierung erwartet als Bedingung dafür, überhaupt im Repräsentationswesen mitspielen zu dürfen. Dem entspricht zum Beispiel, dass es im Französischen kein weibliches Pendant zur fraternité gibt.
Behrendt: Die Repräsentation und das Begehren gehören verschiedenen Ordnungen an. Das Begehren geht der Repräsentation voraus.
Petersen: Ich habe den Begriff des Behrens unterschiedlich verwendet, einerseits als sexuelles Begehren und andererseits so, wie Lacan diesen Begriff im Zusammenhang des Todestriebs benutzt
Heinz: Nicht zu vergessen ist, dass Sexualität, wenn auch davon emanzipierbar, auch eine Angelegenheit der Prokreation ist, also der Reproduktion der Gattung. Von der sich zu lösen eine Art Säkularismus ist. - Und was den Komplex Sadismus-Masochismus betrifft: Da würde ich sagen, der Vorgang selber hat es an sich, so beschaffen zu sein - jenseits aller moralistischen Diagnose als Perversion. Und zwar - ich spreche jetzt vom Mann aus - das ist zugleich auch eine Angelegenheit des Bemächtigens und die Bemächtigung ist die Voraussetzung für die Lust, die sich da als eine Bestätigung ergibt. Weiblicherseits ist das Pendant phänomenologisch zu belegen als Masochismus. Ich vermeide diese beiden Begriffe, weil es falsche Diskussionen provoziert; die ganze Geschichte ist total daneben.
Petersen: Im Grunde handelt es sich dabei nur um eine Art Zeitrafferdarstellung des normalen Repräsentationsverhältnisses.
Heinz: Das allemal. Aber man müsste dafür andere Begriffe dafür finden.
Vollberg: Aus der Perspektive des Mannes ist es die Gewalt des Eindringens, aber aus der Perspektive der Frau die Gewalt des Verschlingens. Beides hat sadistische und masochistische Möglichkeiten.
Petersen: Wir bewegen uns dabei immer innerhalb der maskulinen Repräsentation. Denken wir an Lacans Wunsch, das Geheimnis der Weiblichkeit zu erfahren. Es mag es geben, aber es ist nicht sagbar.
Heinz: Jede Signifikation ist natürlich auch ein Zugriff, das muss man konzedieren. Aber in der Aufteilung der Geschlechter ist es keineswegs phänomenal-sexuell eindeutig. Es kann durchaus sein, dass das sogenannte masochistische Element bei der Frau über diesen Leisten geschlagen werden kann. Das Motiv des Verschlingens wäre dann eine Parierung. Beim Mann ist es keineswegs nur die Bemächtigung, sondern auch ein Art des Überströmens. So kann man diese Festlegungen auf phänomenaler Ebene konterkarieren. Etwas anderes ist es, zu überlegen, was die Rahmenbedingungen sind.
Petersen: Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, beim Mann ist der Sadismus eher eine Art Stundung des Masochismus, damit er nicht sofort zuschlagen muss.
Behrendt: Was meinst du damit?
Petersen: Dass die maskuline Repräsentation fundamental masochistisch ist ("primärer Masochismus"). Und dass der Sadismus nur eine seinsermöglichende Episode ist.
Heinz: Wenn man den "primären Masochismus" geltend macht, dann gilt das uneingeschränkt. Aber wie ist die Geschlechtsdifferenz beim "primären Masochismus"? - Der "primäre Masochismus" besteht darin, dass das ganze Mensch-Körper-Verhältnis selber nur dann möglich ist und in seiner ganzen Gewalttätigkeit - denken Sie an das Essen! - aufrechterhalten werden kann, wenn ein Lusteinschuss rettend dazukommt. Das ist die Definition des "primären Masochismus".
Heinz: Bei Lacan ist das weibliche Begehren sehr stark assoziert mit den Mystikerinnen und ihrem Gottesverhältnis. - Eins der einschlägigen Themen wäre die Christusliebe der Nonnen. Sie sind mit Christus vermählt und tragen auch einen Ehering. Der Christus ist selbst kein Mann. Es ist das sublimierte Verhältnis zu einem Mann, der nicht Mann ist, der also homosexuell ist. Das ist die Rettung des Mutterverhältnisses. Es ist ein Treuebekenntnis zur Mutterliebe.
Petersen: Aber wie kommt die Mutter dann auf. Rettung des Mutterverhältnisses?
Heinz: Es ist die Rettung als Vernichtung. Es gibt keine Mütter. Aber wenn es keine Mütter gibt - die paranoische Logik schlechterdings -, dann bedeutet das, die Mutter ist die letztlich herrschende Figur schlechthin.
Petersen: Dass es keine Mütter gibt, hat damit zu tun, dass es keine Männer gibt. Was als Mann dann resultiert, ist hoffnungslos weiblichkeitsstigmatisiert. Physiologisch, mental, Plazentabluternährung. Wie früher einmal formuliert: Der Mann ist ein virtueller Pfropf auf der Weiblichkeit. Männlichkeit und Patriarchat als Rettungsversuch.

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