Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 28.09.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 28.09.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Heinz: Wenn ich mich vom Christentum fasziniert zeige und sage, dass eine massive christliche Referenz bei mir besteht, dann heißt das natürlich - bei aller Faszination -, dass ich damit in einen Opfer-, Gewalt-, Schuldzusammenhang eintrete. Intellektuell distanziert, aber immerhin thematisierend bin ich dem dann auch verpflichtet. Und das ist das, was bei aller Beteiligung am Christentum als Mythologie mich auch wiederum abhält.
Es gab eine Diskussion zwischen Bultmann und Jaspers - im Kontext des Nachkriegshumanismus, in dem ich aufgewachsen bin -, da waren die Fronten diese: Bultmann war für strikte Entmythologisierung, womit sich der Kern des Christentums auf Existentialontologie reduzierte, während für Jaspers diese Form des Christentums zu wenig war, er wollte die Mythenbestände weiter aufrechterhalten und weiter auch der Kultivierung anheimstellen.
Faszination einerseits, aber auch Distanzierung, die ich auch bei der antiken Mythologie an den Tag lege, bei einem enormen Kulturreichtum, der sich in den antiken Mythen erschließt, im Christentum etwas reduziert, es sei denn, man nimmt das, was durch die Kanonisierung entfällt, zum Christentum mythologisch hinzu (die apokryphen Evangelien).
Zum Beispiel gab in den Schülerbibeln der Nachkriegszeit noch die Darstellung des Kampfes der Erzengel Michael und Luzifer. Luzifer als Geschöpf Gottes, um den gnostischen Dualismus zu vermeiden.
Eine andere Anstößigkeit: die Apokatastasis, die endgültige Beseeligung aller, behauptet von Origines, von der Kirche als Häresie verworfen. So gibt es nach wie vor die Ewigkeit der Höllenstrafen, das ist ein katholisches Dogma.
Heinz: Ich spreche über den Gottesbegriff im Zusammenhang der abendländischen Metaphysik. Da ist der Gottesbegriff eindeutig einer, der behauptet, dass Gott ens a se sei, Sein aus sich selbst, Absolutheit. Am Begriff des Absoluten setzt meine psychoanalytische motivierte Kritik ein. Ausgangspunkt ist die Sequenz »Ödipuskomplex, Narzissmus, Todestrieb«. Dem Ödipuskomplex ist triebtheoretisch zugeordnet Autonomie, dem Narzissmus Autarkie, dem Todestrieb Absolutheit. Generationssexuell ist das ödipale Begehren das An-die-Stelle-der-Eltern-treten, sich selbst die eigenen Eltern sein. Der Narzissmus behauptet, ich selbst bin die Welt, ich selbst bin als Selbst alles. Und dann der Todestrieb: Wenn ich selbst wie der Tod wäre, hat der Tod als Inbegriff der Nicht-Absolutheit, meiner radikalen Heteronomie, keine Macht über mich. Ziel ist die schiere Unbedürftigkeit, nur von sich selber abhängig sein, bis dahin, dass man sich selbst erschafft. Das ist das Phantasma unseres Begehrens selber (Autonomie, Autarkie, Absolutheit). Das hat nicht zuletzt zu tun mit der Frühgeburt des Menschen, der grundsätzlichen Abhängigkeit des Kindes. So kann man sagen, das es ein Phantasma ist wider die menschliche Heteronomie schlechthin. Aber darin löst sich dann auch der Gottesbegriff auf. Es gibt keinen Anhalt dafür, dass es so wäre, dass dieses Phantasma selbst für sich real wäre. Es ist einfach nur eine verständliche, sehr tückische Phantasmatik.
Berendt: Ich sehe einen Zusammenhang mit der Schwangerschaft. In der uterinen Existenz ist der Embryo gekoppelt an den Mutterkörper, vermittelt über die Plazenta. Da gibt es eine Zirkularität, die sich selbst genügt. Die Plazenta ernährt und nimmt Ausscheidungen auf und stellt zugleich die Verbindung zum Mutterkörper her. Wenn man diesen Zusammenhang nimmt als Prozess, dann hat man den Begriff der Absolutheit (wenn man diesen Zusammenhang ontologisiert). Man darf auch nicht vergessen, dass in diesem Prozess sich das Körpergedächtnis ausbildet. Und dann passiert bei der Geburt folgendes: Die Geburt ist Tod, sie ist der Tod der Plazenta. Das ist das erste Objekt, das geschaffen wird. Und dann kommt die Abhängigkeit. Ernährung und Ausscheidung findet nicht mehr innerhalb eines Kreislaufes statt, sondern es kommt zu einer Trennung. Und dann kommt die Frage der Schuld auf. In dem Augenblick, in dem ich für mich in Anspruch nehme, eine Person zu sein, bin ich schuldig. Ich bin schuld am Tod der Plazenta, ich bin schuld an der Ausscheidung selbst. Und von da an stellt sich die Frage, wer sich als Produzent behauptet. Die Schuld wird hin und her geschoben, man wird sie nicht mehr los. Und der Erzeuger bringt sich ins Spiel, der alles gemacht haben will, aber die Schuld von sich weist.
Heinz: Der Dritte hat immer die Funktion der Vermittlung. Aber bei der Absolutheit gibt es keine Vermittlung.
Heinz: Ich glaube nachgewiesen zu haben, dass die sogenannten anödipalen Kategorien des "Anti-Ödipus" Waffenkategorien und zugleich Schwangerschaftskategorien sind. Und da wäre die Einlassstelle, dass man Schwangerschaft in eine Korrelation zu Waffen bringt. Damit ist gemeint, dass man schwangerschaftlich etwas erreicht, was dann später als Absolutheit begegnet.
Berendt: Schwangerschaft entzieht sich den Kategorien von Subjekt und Objekt.
Heinz: Und das ist auch das Pathos des "Anti-Ödipus". - Das wäre eine weiter als üblich gehende materialistische Aufklärung von Philosophie.
Xu: Wenn vor der Geburt ein zirkuläres System besteht und dieses neun Monate funktioniert, zeitlos. Und dann kommt der Einschnitt der Geburt, der einen Zeitpfeil produziert. Wenn die Geburt einmal passiert ist - und das ist mit allen Absonderungen so - dann kann man sie nicht mehr rückgängig machen. Man kann das Kind nicht mehr in den Mutterleib zurückstopfen. Und dadurch entsteht der Zeitpfeil.
Paul: Den hat man vorher auch schon. Der wird nicht erst während der Geburt erzeugt. Denn dass es zu dieser Zirkularität gekommen ist, das hat ja auch einen Anstoß gehabt.
Petersen: Eine Ergänzung dazu: In der embryonalen Entwicklung bei der Ablösung von der Plazenta-Blut-Ernährung gibt es zwei Blutversorgungswege, die eine bestimmte Abkürzung darstellen, die es extrauterin im menschlichen Körper nicht mehr gibt. Diese Wege werden länger und dienen dazu, dass eine Blutversorgung ohne Plazenta möglich wird. Parallel zu dieser Verlängerung der Blutversorgungswege bildet sich die Lungenfunktion aus. Extrauterin wird dann das Bluttrinken durch das Atmen ersetzt. Diese Verlängerung der Wege zur Nahrung triggert die Sucht nach der Absolutheit.
Paul: Vor der Geburt sind wir geschlossen mit der Mutter und nach der Geburt ein Stück Schlauch mit zwei offenen Enden und Fleisch drumherum. Die Urtätigkeit des Menschen ist das Verdauen.
Petersen: Ich habe mich damit beschäftigt, als wir vom präreflexiven cogito gehandelt haben. Es muss eine pathognostische Erklärung geben dafür, dass es das Dingphantasma präreflexiv geben kann. Man muss dann aber auch bedenken, dass der Mutterkörper, in dem dieser Vorgang stattfindet, sich bereits innerhalb des Dingphantasmas befindet, also rational vordefiniert ist.
Berendt: Dann musst du aber überlegen, aus welcher Perspektive du sprichst.
Paul: Durch die Geburt wird der Mutterkörper zum Objekt.
Berendt: Nein, Objekt wird die Plazenta, totes Ding.
Paul: Du hast zwei Objekte, das ist tot, das andere lebt.
Petersen: Der Mutterkörper innerhalb des Dingphantasmas bedeutet ein bestimmtes Verhältnis des Mutterkörpers zu sich selbst.
Berendt: Das tritt nach der Geburt ein.
Petersen: Ja, aber das kann nicht ohne Einfluss auf den sich entwickelnden Embryo sein.
Berendt: Aber die Plazenta ist Teil des Embryos. Und es gibt zwei Blutkreisläufe in der Plazenta, den der Mutter und den des Kindes. Meine Geburt ist der Tod eines Teils meines Körpers.
Petersen: Ich wollte nur darauf hinaus, dass es keinen Mutterkörper und überhaupt keinen repräsentativen Zustand geben kann, der sich außerhalb des Dingphantasmas befindet - sozusagen im Sinne eines davor.
Heinz: Kein davor und vor allem keine Gegenkraft. Es ist ein Immanenzfaktor, den man genealogisch ausschlachten kann. Der Vorgriff, das apriori, ist tatsächlich dann ja Rationalität, Dingphantasma, usw. Alle Gegenführungen, bis hin zum Anti-Ödipus, sind immanente Gegenführungen und als solche Förderungen. Alles, was wir dagegen halten, als kategorial abweichend behaupten, das ist letztlich ein Progressionsgrund nachgerade dieses Rahmens des Dingphantasmas.
Behrendt: Ich habe nicht versucht etwas gegenzuhalten, sondern nur sagen wollen, dass der Absolutheitsanspruch der Versuch ist, dieses Verhältnis, das den Geburtsvorgang ausmacht, zu disponieren.
Paul: Ich möchte das ergänzen: Der Absolutheitsanspruch ist das Bemühen, dieses Verhältnis zu disponieren auf dem Boden einer zweiwertigen Ontologie. Diese produziert die ganzen Verstrickungen. Wir haben die Struktur schon vorgegeben, in die wir versuchen diesen Prozess der Geburt hineinzubasteln. Aber das funktioniert nicht, weil es nicht nur zwei sind, sondern drei oder vier, und dann kommen noch tote Teile hinzu. Der Prozesscharakter geht auf der Basis einer zweiwertigen Ontologie verloren, und das einzige, was uns dann noch bleibt, ist, zu transzendieren, zu verabsolutieren.
Berendt: Nur dass die zweiwertige Logik sich einstellt mit der Geburt, denn die Plazenta wird vergessen. Die Geburt ist die Geburt der zweiwertigen Logik.
Heinz: Es geht um eine Art Ableitung der Absolutheit, des Absolutheitsbegehrens. Die Dekonstruktion der Absolutheit, des Gottesphantasmas hat uns in die Mysterien der Schwangerschaft geführt. Es wäre so etwas wie eine Dechiffrierung der abendländischen Metaphysik über den Mutterkörper. Eine Gnostifikation der Schwangerschaft. Diese genealogische Bereicherung wird allerdings von der Philosophie immer bekämpft werden. Man wäre dazu gezwungen, sich als Mann mit etwas zu beschäftigen, was am Mann kein Phänomen sein kann. Männer können nicht schwanger werden.
Heinz: Auf der einen Seite die Vorstellungen von Autonomie, Autarkie, Absolutheit, und auf der anderen Seite unsere Systeme der Abhängigkeit bis hin zur letzten Abhängigkeit der Unverfügbarkeit des Todes. Und wir neigen dazu, diese telos-Geschichte, die uns umtreibt, zu ontologisieren, zu sagen, dieses Ding existiert mit Notwendigkeit. Und wenn man sich das Absolute anschaut, gerät man nur in Widersprüche. Weshalb muss der absolute Gott einen Sohn gebären? Dies wäre eine christlich immanente Widerlegung der Absolutheit Gottes. Es ist ausdrücklich keine Erschaffung, sondern eine Gebärung. Und was hat es mit der Weltschöpfung auf sich, warum erschafft sich dieser absolute Gott eine Welt? - Es scheinen mimetische Prozesse zu sein, die der Weiblichkeit abgeschaut sind. Damit gerät man in die Vorweltlichkeit der Weiblichkeit. Die Weltschöpfung geschieht nach der Maßgabe einer Geburt. Und der Schöpfer lockt die Geschöpfe an sich heran, um sie durch die Annäherung zu bestrafen. Der Gott ist selber der Inbegriff eines double-binds.
Petersen: Wenn der Mann sich schon nicht ontisch in sich gründen kann, dann wenigstens ontologisch.
Heinz: Dann hätte er die Absolutheit dieses Gottes.
Petersen: Dann hätte er zumindest das Wort, wenn auch nicht den Mutterkörper.

Heinz: Von der Erlösungsbedürftigkeit und Gottferne der Menschheit gehe ich aus. - Es gibt aber eine Verfänglichkeit, was die Affektionen anbelangt. Was mich betrifft, ich kann mich der Affektivität der Mythen nicht ganz entziehen. In diesem Zusammenhang bringe ich den Wagnerschen Begriff der Kunstreligion ins Spiel. Indem ich die Kunst ins Spiel bringe, will ich das Ganze etwas ambige halten und nicht direkt abdriften. Da fällt mir Goethes "Wanderers Nachtlied" ein. Das, was für mich kunstreligiös relevant wäre, lautet so:
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
Heinz: Vertont wurde dieses Gedicht von Schubert. - Kann man sich dem entziehen? Wenn ich mich darauf einlasse, trete ich mythologisch in einen Gewaltzusammenhang ein. Aber ich wäre stumpfsinnig, wenn die Affektionierung, die von solchen kunstreligiösen Phänomenen ausgeht, einfach an mir vorüberginge. - Wenn man mich fragte, was denn da noch hinzukäme als Hauptbesetzung meinerseits, dann wäre das das Vorspiel zum dritten Akt von "Tristan und Isolde". Da würde ich sagen, das bin ich affektiv selber, aber in vollem Bewusstsein, dass das mythologisch ein Gewaltzusammenhang ist.

Heinz: Unsere abendländischen Denkmittel sind unzureichend und letztlich in sich widersprüchlich. Und das betrifft vor allem den Gottesbgriff.

Gegen Ende gab es noch die Frage nach der Nächstenliebe, die Rudolf Heinz so beantwortete:
Heinz: Nächstenliebe wäre ein Versuch, das apriori verstörte Anderen-Verhältnis - dass der Andere die Alterität, die meinen Narzissmus traumatisiert - per Reaktionsbildung zu ermäßigen.
Petersen: Ermäßigen zu müssen, weil ich den Anderen zur Selbstkonstitution brauche.
Heinz: Es wäre ein Akt unverantwortlicher Infantilität, wenn ich davon ausginge, dass ich den Anderen nicht brauche. Nächstenliebe wäre die Durchsetzung des Realismus, dass ich des Anderen bedürftig bin. Es ist immer eine Bedürftigkeit, die den Grund ausmacht.