Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 26.10.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 26.10.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Heinz: Ein Gott, der Gesetze erlässt, der Opfer verlangt und sogar seinen eigenen Sohn opfert, ist das überhaupt noch ein möglicher Gott? Bei dieser Frage nehme ich Zuflucht bei einer Passage von Lacan: Das Trauma provoziert das Phantasma, das Phantasma schirmt das Trauma ab. Das paraphrasiere ich wie folgt: Das Trauma der Sterblichkeit provoziert das Phantasma der Absolutheit, also einer gänzlichen Unabhängigkeit von Heteronomisierungen, das ist das Gottesphantasma. Und das ist der Todestrieb.
Petersen: Pathognostik ist ein Typus repräsentations-genealogischer Philosophie, und dann ist auch die Frage, die das Absolute betrifft, eine repräsentations-genealogische. Die zentrale Frage lautet dann also: Warum stellt der Mensch das Absolute vor? Welche Phantasmatik ist damit verbunden? Mit dieser Abgelöstheit und wovon überhaupt abgelöst? Wir können sagen, dass das Absolute eine genuin humane Wunschphantasie ist, und zwar die einer ultimativen Befreitheit von allen irdischen Fesseln. Wir wollen etwas und wir haben es nicht, glauben aber, berechtigte Hoffnungen zu haben, dessen habhaft werden zu können. Dann wäre die Repräsentation des Absoluten der Ausdruck des Versuchs der Kompensation eines Mangels. Um was für einen Mangel handelt es sich? Was ist das Gegenteil des Absoluten? Nennen wir es das Adhäsive. Unausweichlich ist der Mensch ans Heterogene gebunden, wobei diese Gebundenheit eine Abhängigkeit ist und damit eine Unfreiheit, eine Knechtschaft. Die Gottesvorstellung erscheint wie die Möglichkeit, auf legale Weise aus einem Gefängnis auszubrechen.
Nun ist aber das Absolute aufgrund seiner Abgelöstheit das Unabhängige, da bekommen wir ein Problem mit dem Heterogenitätsbezug. Das Unabhängige ist das Selbstgenügsame, also etwas, was ausschließlich auf sich selbst referiert. Das ist die Definition des Narzissmus: Der Narzissmus strebt die Fülle der Selbstreferenz an.
Paul: Ist das so? Subjektiv glaubt der Narzisst, er sieht einen anderen. Die Selbstreferenz stellt sich für denjenigen dar, der draußen ist. Aber der Narzisst, der sich in sein Spiegelbild verliebt, glaubt einen anderen zu sehen. Er weiß nicht, dass er selber das ist.
Petersen: Der Narzissmus strebt die Selbstreferenz in dem Sinne an, dass für ihn der Bezug umso leichter ist, je selbstähnlicher der Referenzort ist. Deshalb hat Freud ja auch die Narzissmustheorie im Zusammenhang der Therapie männlicher Homosexualität entwickelt. Es geht um das Selbstähnliche, das sich erfüllt in einem Zusammenfall von Selbst und Selbstdouble. »Ich ist ein Anderer« (Rimbaud) bedeutet, ich denke über mich so nach, als wäre ich ein anderer, ich mache mich zum Objekt meiner selbst. - Wenn wir das auf das Gottesproblem übertragen, dann gibt es diese zentrale Stelle Mose 3,14: »Ich bin, der ich bin«. Von diesem Satz gibt es unterschiedliche Übersetzungen. Zum Beispiel in einer deutschen Nachkriegsbibel: »Gott sprach zu Mose, ich werde sein, der ich sein werde. Also sollst du zu den Kinder Israels sagen, 'Ich werde sein' hat mich zu euch gesandt.« (Hier gibt es plötzlich ein Futur.) Oder in einer späteren Übersetzung: »Wenn sie mich fragen, welches ist sein Name, was soll ich dann antworten? Und Gott sprach zu Mose 'Ich bin, der ich bin'. Und er fuhr fort, er solle zu den Israeliten sagen, der 'Ich bin' hat mich zu euch gesandt.« - Ich bin hängengeblieben an der futurischen Formulierung, und wenn man daraus noch ein Futur II macht, dann würde Gott genauso sprechen, wie das Subjekt sich seine Präsenz vorstellt. Rudolf Heinz hat sich immer wieder darüber ausgelassen, dass wir nach dem Futur II funktionieren (es wird gewesen sein). Bei Heidegger findet sich das in seiner Formulierung des »sich vorweg immer schon sein bei«. Von einem halluzinierten Ergebnis her bestimme ich den vorausgegangenen Zustand des Jetzt.
Petersen: Wir müssen bestimmen, was mit uns ist, aber Präsenz vermögen wir nicht. Es gibt keine Präsenzformulierung. Genauso wenig wie es eine Identitätsformulierung gibt. - Das göttliche Privileg des erfüllten Narzissmus kann es nicht geben, das wäre ja die vollkommene Selbstreferenz und die vollkommene Selbstreferenz wäre der Wegfall jeder Anderenreferenz. Und das wäre die große Nichtung. Das göttliche Privileg des erfüllten Narzissmus wäre jetzt der kompensative Ausdruck des humanen Autogenese-Mangels, der als Differenzmonitum die Produktion der Fülle der Indifferenz der Selbstreferenz als Konsequenz triggerte. - Der Autogenese-Mangel ist genau das, was das Begehren nach der Produktion dieses mangellosen Absoluten motiviert.
Berendt: Gott ist also Ergebnis des Phantasmas des Autogenese-Mangels.
Petersen: Aber Gott ist nicht absolut, denn er ist anderen-referent. Einmal passiv anderen-referent, indem er der Opfereingabe bedarf (er muss ernährt werden durch Anbetung). Und aktiv anderen-referent, indem er Gesetzgeber ist.
Petersen: Die gnostische Verdopplung in einen Demiurgen und einen fremden Gott könnte aus der Klemme helfen. Erfunden hat sie Platon aus der Überlegung heraus, wie das Begrenzte das Unbegrenzte soll erkennen können. »Den Urheber und Vater dieses Weltalls aufzufinden ist schwer, nachdem man ihn aber auffand, ihn allen zu verkünden, unmöglich.« Es bleibt das Unsagbare. - Warum diese Widersprüche, warum ist das Gottesprojekt so verfasst? Wie kann es sein, dass Gott die Projektion des humanen Begehrens und seiner Erfüllungsverhinderung zugleich ist?
Berendt: Die Behauptung der Autonomie, der Absolutheit hängt mit dem Mangel zusammen. Sie ist nichts anderes als Mangel. Um das aufzuhalten, haben wir die Repräsentation. Die Autonomiebehauptung resultiert aus der Problematik dieser Verhältnisse. Das Phantasma dieses Mangels ist die Autonomie.
Petersen: Am besten wird es deutlich, wenn man einmal genau beschreibt, wie Repräsentation überhaupt funktioniert. Es ist ja nicht so, dass einzelne Repräsentationsteile nur produziert werden. Wir kennen zum Beispiel die Begriffe aus der Pathognostik wie die Verwerfung des Todes, die Verwerfung des Körpers, die Verwerfung der Weiblichkeit. Die Frage ist, warum stehen unsere Projekte - auch das Absolute kann nichts anderes sein als ein Projekt -, die materiellen und die immateriellen (die immer die disziplinierende Bannung des Materiellen leisten sollen) zu uns in der Abhängigkeit, in der wir zu ihnen stehen? Warum bedürfen unsere Projekte ihres Gebrauchs und warum bedürfen sie der Opferannahme? Weil das Subjekt nicht allein seinen Tod, seine Leiblichkeit, seine Weiblichkeit, und so weiter auf die Dinge entsorgte, sondern damit immer auch die damit verbundene Gesamtphantasmatik. Projiziert wurde das inzestuöse Begehren der Differenznichtung, der Fusion, auf die Fülle der Selbstreferenz hin, der Absolutheit. Und so eignet den Projekten ebenso wie dem Projektor dieses Begehren. Und dieses Begehren ist in sich widersprüchlich. Wenn es sich narzisstisch erfüllte, wäre sogleich nichts. Wenn aber die Normativität (die Normativität, die uns abhält von der Narzissmustotalisierung) sich erfüllte, wäre auf der anderen Seite auch nichts. Es besteht immer die Gefahr - das ist die innere Widersprüchlichkeit des Phantasmas -, dass unsere Projekte den Spieß umdrehen und mit uns machen, was wir mit ihnen machen. Und genau dies ist mitprojiziert und deshalb kann dieses Absolutheitsprojekt nur in sich widersprüchlich sein.
Paul: Das ist nur projiziert, die Dinge machen nichts, sie haben keine Subjektivität.
Petersen: Es ist alles Phantasma.
Petersen: Es gibt einen Gottesbegriff, der diese In-sich-Widersprüchlichkeit Gottes formuliert, das ist der von Aristoteles. Er beschäftigte sich im Zusammenhang der Vier-Ursachen-Lehre mit der causa efficiens und fragte nach der Letztursache und definierte als Letztursache Gott als den unbewegten Beweger. Und das ist genau diese In-sich-Widersprüchlichkeit. - Aber warum Bewegung? Warum ist Bewegung das Paradigma des Kausalitätskonzepts?
Paul: Das führt zurück zu den Vorsokratikern, zu der Differenz zwischen Heraklit und Parmenides. - Es geht um Bewegung als Veränderung, wenn sich nichts bewegt, verändert sich auch nichts. Und für eine Veränderung muss es immer einen Grund geben. So leben wir immer noch in einer aristotelischen Welt. Die meisten Physiker glauben an den Urknall und das ist der unbewegte Beweger.
Petersen: Wir bemerken, wie Bewegung zunehmend schuldbesetzt ist. So haben wir eine Zunahme der voyeuristischen Position. Aber ohne Bewegung gibt es letztlich keine richtige Anderen-Nichtung. Deshalb das Glück der Distanzwaffen. Da ist die Bewegung ans Sehen abgegeben.
Petersen: Der Gesetzgeber - der symbolische oder der tote Vater - ist der Demiurg. Der fremde Gott hat mit uns nichts zu tun und wir können mit ihm nichts zu tun haben, selbst wenn wir wollen, denn wenn wir uns zu ihm äußern, ist es Repräsentation und als solches Verfehlung des Repräsentierten.
Berendt: Das ist auch die Rettung.

Heinz: Das Absolute ist eine Terror-Größe.
Petersen: Das Absolute ist insofern eine Terror-Größe, weil die Projektion des Absoluten das einzelne Subjekt dazu bringt, das Absolute anzustreben und die Absolutheit kann man nur dadurch erreichen, dass alles Heterogene vernichtet wird. Man wäre dann das rein abgelöste Immaterielle und alle Materialität muss dann aber weg, wenn man dahin will. Deshalb darf sich das ja irdisch nicht erfüllen. - Das Absolute ist ja nicht nur Gott, es sind auch die ethischen Werte, die logischen Grundsätze, die wissenschaftlichen Axiome. Das Absolute ist immer alles das, was wir projizieren, wovon wir aber behaupten, es sei nicht projiziert, sondern wir hätten es nur empfangen.
Heinz: Das Absolute betrifft ja nicht nur den Gottesbegriff, wir haben es ja allenthalben zu tun mit Absolutheitsbehauptungen. Zum Beispiel die Menschenrechte: Es ist schlicht falsch, den Menschenrechten eine universelle Gültigkeit zuzusprechen. Sobald der sogenannte Humanismus eine Absolutheitsvindizierung bedeutet, müsste man ihn strenggenommen ablehnen. Damit ist keine Verwerfung von Werten gemeint, sondern eine Rettung von Werten.
Paul: Die Verabsolutierung von Werten ist ihre Vernichtung.

Heinz: Die Absolutheit des christlichen Gottes ist konterkariert durch die Sohnesgeburt. Und die Sohnesgeburt ist eine Angelegenheit der Homosexualität. Für das Band der Liebe zwischen den beiden steht der Heilige Geist. Aber was ist mit der Weiblichkeit? In der Ostkirche gibt es die Bestrebung, im Heiligen Geist das weibliche Element zu sehen. Folkloristisch wird manchmal auch in der Westkirche der Heilige Geist als weiblich dargestellt. Schwierig wird es bei der Inkarnation, denn dafür wurde eine Frau benötigt.
Berendt: Die homosexuellen Verhältnisse der Sohnesgeburt sind die Repräsentation des Phantasmas der Geburt.
Heinz: Das stimmt und gleichwohl ist es schwierig, da kategorial heranzugehen, das ist wahrscheinlich schon in sich selbst ein Scheitern.
Heinz: Die Gottesmutter Maria bleibt auch nach der Geburt jungfräulich. Und sie ist ausdrücklich von der Erbsünde ausgenommen. Und dann wird sie seit 1950 auch noch leiblich aufgenommen in den Himmel. Und das wird dann gefeiert als eine besondere Legitimation von Weiblichkeit. Aber das ist eine tödliche Spiritualisierung von Weiblichkeit.
Berendt: Aber diese Abgekoppeltheit dieser Sohnesgeburt durch Maria - dass es keinen richtigen Vater, sondern nur einen geistigen Vater gibt - entspricht dem Phantasma des Mannes von Geburt. Und das wird dann angeeignet, indem die Frau ausgeschlossen wird.
Paul: Wo taucht zum ersten Mal der Begriff des (männlichen) Gebärneids auf. In welchem Text von Karen Horney? In ihrem in der "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse" IX. 1923 Heft 1 erschienen Text "Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes"? (Dort habe ich ihn nicht gefunden. Er könnte auch von Bruno Bettelheim stammen.)