Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 30.11.2019

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 30.11.2019
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Manfred Köhler, Karl Thomas Petersen)

Köhler: Ich erinnere mich, dass ich früher einmal gefragt habe, wie es uns geht, wenn wir Freunden etwas über die Pathognostik erzählen. Wenn man Glaubenssätze der Pathognostik formulieren würde, welche könnte es dann geben? Zum Beispiel, dass es keine Erfahrung von Präsenz geben kann. Oder auch keine Erfahrung von Identität. Beides - Präsenz und Identität - gibt es nur als Phantasma. Ein dritter Glaubenssatz wäre, dass der Mensch unausweichlich ein Gewaltwesen ist. - Stimmt das?
Heinz: Das stimmt schon. Ich könnte aber über den Terminus des "Glaubenssatzes" stolpern, weil das bei mir unvermeidlich assoziiert ist mit christlich-katholischen Dogmatisierungen. Ich würde eher von Prämissen sprechen.
Köhler: Oder von einem Schibboleth?
Heinz: Einem Losungswort. Einverstanden. Aber bis zur Ausschließung würde ich nicht gehen. Nur ein Beispiel: Verhaltenstherapie, die ich oft als Verdummungsmethode bezeichnet habe, was nicht ausschließt, dass ich jahrelang mit Verhaltenstherapeuten intensiv zusammengearbeitet habe. Dasselbe gilt für Homosexualität: Es geht nicht, eine Genealogie der Homosexualität zu tabuisieren, auch wenn die Homosexuellen jahrhundertelang verfolgt wurden. Aber das Ganze bleibt ein bedingtes Gebilde und man kann die Bedingungen benennen unter dem Titel der Genealogie.
Köhler: Wobei Homosexualität ein zentrales Element der Genealogie selber ist, denn die Homosexualität ist der Kern des abendländischen Denkens. Genealogie mache eine Denkhomosexualisierung erforderlich, hat Rudolf Heinz geschrieben. -
Es ging in unserer zurückliegenden Diskussion darum, die Schwangerschaft in ein genealogisches Verhältnis zur Absolutheit, zum Gottesphantasma zu bringen. Die Frage ist, was ist da Genealogie? Die Schwangerschaft war eine Art Modell von Selbstgenügsamkeit (Suisuffizienz) und bildet sich im Gottesphantasma als Absolutheit ab.
Heinz: Das wäre der männliche Zugriff auf diese Art von Vorgabe, die phantasmatisch absolutheitsanfällig wäre. Aber alle Absolutheitsbehauptungen die Schwangerschaft betreffend sind widerlegbar. Gravidität ist eine Beschwerung, dann gibt es den Gebärschmerz. Gebären ist eine Angelegenheit von Fusion und Diskrimination, von Indifferenz und Differenz. Man kann das nur so sagen: Die phantasmatische Aufladung der Gravidität ist die Folie der Absolutheit. Das ist der Mannszugriff auf solche Vorgaben des weiblichen Körpers.
Köhler: Und dann kommt es zu dem, was Maternalitätskopie genannt wird.
Heinz: Noch ein Nachtrag zu den pathognostischen Schibboleths: keine Präsenz, keine Identität, keine Gewaltlosigkeit. In diese Reihe gehört auch die Homosexualität. Schon Freud hat unverholen gesagt, dass die gesellschaftliche Libido männlich sei; also: homosexuell.
Köhler: Bei der männlichen Libido geht es um die Vernichtung des anderen, die Vernichtung des Heteron. Und das ist Homosexualität.
Heinz: Ja. Nur dass man das so nicht mehr laut sagen darf. Das Gewaltmoment in diesem Ausschluss von Weiblichkeit ist zu Recht hervorzuheben. Genealogisch gilt diese These. Aber der einzelne Homosexuelle ist zugleich auch das Opfer dieser Option.
Heinz: Zum Thema der Präsenz: Der Mensch kann nur repräsentativ ein Seinsverhältnis eingehen. Präsenz ist nur ein Nichts, sie ist der Tod. Und es gibt eine Präsenzideologie sondersgleichen. Zum Beispiel, dass man behauptet, dass Vergangenheit und Zukunft ein Verrat an der Gegenwart sei. Aber das ist ein letales Phantasma.
Köhler: Bei einer Passage von Rudolf Heinz zur Gottmenschlichkeit geht es um die Unmöglichkeit von Präsenz:
"Gottmenschlichkeit - die reinste obsekrative Apokalypse der Selbstliquidation der »pour soi«- und »en soi«-Extreme: der spiritualistisch körpervernichtenden Dinge sowie der entfesselt inzestuösen dingevernichtenden Körper." Dingarkanum und Psychose; in: Pathognostische Interventionen I, 120
Worterklärung: "obsekrativ" = bittend beschwörend; Apokalypse = Offenbarung, Entbergung im Gegensatz zur Epikalypse als Verschluss; wobei der Begriff der Apokalypse theologisch konnotiert ist mit Zerstörung, dem Jüngsten Gericht, dem Untergang der Welt.
Köhler: In der Gottmenschlichkeit, worum es ja in der Mystik geht, findet eine Vernichtung statt von beiden Seiten her, vom Körper (Selbst) her und von den Dingen her. Das Körper-Ding-Verhältnis soll aufgehoben werden, indem das Für-sich (»pour soi«, Selbst, Körper) mit dem An-sich (»en soi«, Ding, Objekt) zum An-und-für-sich-Sein in einer Präsenz zusammenfällt. Die Repräsentation wird in der Präsenz aufgehoben. Pathognostisch stellt sich das so dar: Vom Körper aus gibt es eine inzestuöse Aufzehrung der Dinge, von den Dingen aus eine spiritualisierende (koprophagische) Aufzehrung des Körpers. Gottmenschlichkeit wäre eine Psychose. Wenn die Vernichtung der Dinge durch den Körper und die Vernichtung des Körpers duch die Dinge gelänge, dann würde die Repräsentation in Präsenz aufgehoben.
Heinz: Das wäre Präsenz, aber diese Präsenz ist ein Unding, wir sind verurteilt zur Repräsentation. Die Repräsentation selber, die sich hypostasiert, legt damit ihr eigenes Scheitern auch an. Wenn das Repräsentationsverhältnis durchwegs nur glückte, dann gäbe es nur Frieden und keine Zerstörung und Krieg.
Köhler: Präsenz wäre der Frieden, Repräsentation der Krieg?
Heinz: Bei ekklesiogenen Erkrankungen ist die Gottmenschlichkeit einer der Hauptbezugspunkte, als eine enorme Hoffnung. Man stelle sich einmal vor, der Gott, der die Menschen geschaffen hat, kommt den Menschen so nahe, dass er seinen eigenen Sohn als Erlöser der Menschheit erwählt, so dass diese Erlösung durch den Sühneopfertod geschehen muss. Jesus Christus ist ja ganz Mensch und ganz Gott, so behauptet es die katholische Dogmatik. Bei denen, die das als Erlösungsinbegriff wählen, im Sinne einer Mystik nachgerade - Pathologie und Mystik wäre dann ein Thema -, wird das ein unglaubliches Binnentheater. Denn die Menschseite des Christus wird immer stärker zurückgedrängt (spiritualisiert). Eine Bezugnahme auf die Körperlichkeit Jesu Christi wird schnell zur Häresie.
Heinz: Die Eucharistie betrifft die Differenz von Mensch und dem Gottessohn - ob es auch um den Gottvater geht, wäre eine weitere, auch theologische Frage. Das ist ja eine Inkorporation, und zwar unverhohlen kannibalistisch.
Köhler: Es wäre ja das Gegenteil dessen, was behauptet wird: Wenn die Eucharistie die Inkorporation der Schuld ist, dann bedeutet das Christentum das Gegenteil von Erlösung.
Heinz: Aber nur unter der Bedingung, dass man sagt, dass ich den Christus inkorporiere. - Aber in der Transsubstantiation werden Wein und Brot tatsächlich zu Blut und Fleisch.
Köhler: Die Dinge werden lebendig, die Unterwelt des Dingphantasmas bricht hervor. Die Transsubstantiation wäre also das der Nahrungsmittelindustrie zugrundeliegende Phantasma.
Vollberg: Zur Inkorporation der Schuld: In der christlichen Vorstellung ist es ja so, dass Christus die Schuld abträgt, durch seinen Tod wird eine Entschuldung herbeigeführt, dann hätte er aber die Schuld nicht in sich.
Köhler: Wenn wir den Christus inkorporieren, dann wäre die Schuld schon verschwunden?
Heinz: Christus wird ja nicht inkorporiert bei lebendigem Leib, sondern es ist der tote Christus, und dieser hat alle Schuld abgegolten. Gleichwohl ist der Sühnegedanke dubios. Und dann kann man auch wieder sagen, dass man sich eucharistisch verschuldet. Es gibt den bekannten Ausspruch: "Man isst und trinkt sich das Gericht." - und das heißt, wenn ich nicht würdig bin, den Gott zu verspeisen und zu trinken. Und das ist rituell geregelt durch Beichte und Absolution. In einem reinen, würdigen Zustand muss man den Gott verspeisen.
Vollberg: Bei den Protestanten gibt es keine Beichte.
Heinz: Das ist eine Abschwächung der Transsubstantiation, eher calvinistisch als lutherisch.
Köhler: Auch Luther hat die reale Bedeutung der Transsubstantiation hervorgehoben.
Berendt: Und man darf auch nicht vergessen, dass es die Erbsünde gibt. Man wird schon mit Schuld geboren.
Heinz: Erbsünde kann nicht getilgt werden. Das ist dann ja auch das Argument dafür, dass man sich permanent entschulden muss (durch Beichte und Kommunion). Die Entschuldung ist nur vorübergehend, wegen der Erbsünde wird man immer wieder neu schuldig. - Aber Maria, die Mutter des Gottessohnes, wird von der Erbsünde ausgenommen, ansonsten könnte sie keine adäquate Gottesgebärerin sein. Dazu passt die jungfräuliche Geburt, wobei die Widersprüche, in die man sich dabei verstrickt, nur akzeptabel werden, wenn man das Christentum als Mythologie versteht. Und wenn man die Häresien zum Christentum hinzunimmt, dann ist das Christentum keinesfalls spärlich ausgestattet im Vergleich zur antiken Mythologie. Mein Zugriff auf diese Mythologie hat immer auch kritische Implikationen. Und da komme ich unvermeidlicherweise auf das Gewaltproblem. Die christliche Mythologie wird dann ein System der Legitimation von Gewalt.
Paul: Zum Beispiel die Linearisierung der Zeit durch die Erbsünde, durch die Schöpfung der Welt, die sich in der Vorstellung der Physik vom Urknall spiegelt. Anfang und Ende, Alpha und Omega.
Heinz: Das gehört auch zu meinen Interessen: zu zeigen, wie mythologische Bestände säkularisiert fortbestehen bis in Naturphilosophie und Wissenschaft hinein als Prämissen.

Heinz: Adorno hat immer wieder betont: Die Menschheit ist nicht erlöst. Es sei absurd zu behaupten, die Menschheit sei erlöst.
Köhler: Wie kann man behaupten, die Menschheit sei erlöst, wie könnte man das begründen? Zu behaupten, wir seien alle erlöst - und es gäbe keine Schuld.
Berendt: Also erlöst von Schuld. - Wenn es uns nicht mehr gibt, dann sind wir erlöst.
Köhler: Die Gottmenschlichkeit wäre die Erlöstheit.
Heinz: Ja - und eucharistisch bestätigt
Köhler: Die Eucharistie ist ja im Grunde eine Drogierung, es geht um ein Drogenverhältnis. Die Drogen selber sind so etwas wie der göttliche Leib. Und wenn ich esse, dann ist das auch ein eucharistischer Vorgang; kein Essen, das nicht eucharistisch wäre. - Geht es da immer auch um Erlösung?
Heinz: Ja. - Wenn man den Erlösungsbegriff so weit fasst, dass er bedeutet, existieren zu können. Die Möglichkeit, existieren zu können, sei der Inbegriff der Erlösung. - Das ist aber christlich zu wenig.
Berendt: Werden Frauen anders erlöst als Männer?
Heinz: Ja, Frauen müssen anders erlöst sein. Wenn schon, dann gibt es nur eine geschlechtsdifferente Erlösung.
Berendt: Und wie sieht die aus?
Heinz: Als Mann kann ich das nicht wissen. Auch Freud und Lacan haben gesagt, dass sie das nicht wissen. Lacan hatte einen Kongress über weibliche Sexualität geplant, der aber nicht zustande kam.
Behrendt: Wahrscheinlich sind die Frauen schon erlöst.
Köhler: Lacan stellt einen Zusammenhang her zwischen mystischem Zustand und weiblichem Genießen. Die Frauen wären dann dem Zustand der Gottmenschlichkeit näher. Das heißt, die Frauen wären eher fähig zur Präsenz als die Männer.
Heinz: Wie kann man die Absolutheit, die Gottesvorgabe als Schwangerschaft darstellbar machen. Hier könnte man die anödipalen Kategorien des "Anti-Ödipus" ins Spiel bringen. (Es ist natürlich wieder ein männlicher Zugriff.)
Köhler: In einem Text von Rudolf Heinz werden Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt in Beziehung gesetzt zu den anödipalen Kategorien. Die Empfängnis wäre die transversale Konnexion, die Schwangerschaft wäre die inklusive Disjunktion und die Geburt wäre die polyvoke Konjunktion. Im "Anti-Ödipus" wird hervorgehoben, dass die anödipalen Kategorien zu verstehen sind als ohne einen Bezug zu einer Transzendenz, ohne Bezug zu einem Ursprung. Sie sind nur eine Bewegung in einer Distanz und lassen sich treiben ohne ein Außen.
Heinz: Transversale Konnexion (Empfängnis) ist eine Art diagonaler Durchlauf, inklusive Disjunktion (Schwangerschaft) ist der Widerspruch, dass etwas sowohl innen wie außen ist, die polyvoke Konjunktion (Geburt) ist dann die Explosion. - Die Vorgabe von Guattari ist psychosentheoretisch (das wäre quasi der weibliche Part) und die kategoriale Erfassung geht von Deleuze aus. Es soll mit den Opponenten in den logischen Operationen diese Operationen erhaltend liquidiert werden.
Anti-Ödipus, 411: "Jenen neuen Bereichen geht er [der Schizo] entgegen, wo die Konnexionen immer partiell und nicht personal, die Konjunktionen nomadisch und polyvok, die Disjunktionen eingeschlossen sind, wo Homo- und Heterosexualität sich nicht mehr unterscheiden lassen: eine Welt transversaler Kommunikationen, wo das endlich errungene unmenschliche Geschlecht eins wird mit Blumen, eine neue Erde, wo der Wunsch entsprechend seinen Elementen und molekularen Strömen funktioniert."
Heinz: Der Schizo wurde damals gesehen als eine revolutionäre Liquidation der Rationalität. Aber im Sinne einer rationalen Erfassung. In solchen Texten ist das ja wie ein immanenter Widerspruch statuiert. - Es sind also drei Referenzen: einmal die anödipalen Kategorien, eine Beziehung zur Psychose, die antipsychiatrisch entpathologisiert wird, ferner eine Referenz zur a-signifikanten, zu signifizierenden Weiblichkeitsspezifität, die sich dann letztlich konzentriert auf Schwangerschaft und letztlich sind es Waffenbestimmungen.
Köhler: Warum sind das Waffenkategorien? - Es geht ja auch beim pathognostischen Dingbegriff darum, dass alle Dinge grundsätzlich Waffen sind. Kann man sagen, dass die Dinge zu Waffen werden, wenn die paranoische Dingwache brüchig wird? Die Dingwache versagt, wenn die Paranoia versagt. Dann kommt die Schizophrenie und weicht die Paranoia auf und die Dinge werden zu Waffen.
Heinz: Das ist eine schöne Ableitung.
Berendt: Was ist die paranoische Dingwache?
Köhler: Das ist die Repräsentation.
Petersen: Es ist die Repräsentation, aber eben im Ontischen vor allem diejenigen, die sich dazu berufen fühlen, die Repräsentation vor Aufklärung zu schützen, also die sogenannte Normalität.
Heinz: Es sind die Erzengel vor dem Gott, Michael an erster Stelle, der fragt "Wer ist wie Gott?" angesichts der Anmaßung des Luzifer.
Petersen: Der Begriff der paranoischen Dingwache ist von Rudolf Heinz erfunden worden im Zusammenhang der Pathologietheorie, im besonderen in Bezug auf die Phobien. Über den Schutz der Repräsentation strukturell hinaus, was unsere normativen Systeme und dergleichen wären, gibt es auch die empirische Erscheinungsform der paranoischen Dingwache. Im Falle der Phobien kann man die Erfahrung machen, dass Menschen, die in eine phobische Situation geraten, das Gefühl haben, sie seien exhibitionistisch präsentiert - alle würden sie anstarren mit dem unausgesprochenen Vorwurf, der Kranke sei jemand, der eine Abweichung begangen habe und die Strafe würde nicht lange auf sich warten lassen. Das ist die paranoische Dingwache.

Köhler: Bei einem zurückliegenden Arbeitstreffen wurde ein Verhältnis zwischen Schwangerschaft und Gottesphantasma herausgestellt, das aber nicht im Sinne einer einfachen Kausalität zu verstehen ist. Was bedeutet Genealogie im Sinne der Pathognostik? In einem anderen Zusammenhang ist von »metonymischer Kausalität« die Rede. Dinge werden aufeinander bezogen als Analogien. Ein Beispiel solcher Analogien ist die Durchsetzung des genetischen Geschlechts gegen das hormonelle beim männlichen Embryo und der Stimmbruch in der Pubertät als die Wiederholung des pränatalen Kampfes des Männlichen gegen das Weibliche. Der Stimmbruch ist die Durchsetzung der männlichen Stimme gegen die vorherige weibliche Stimme des männlichen Kindes.
Heinz: Das wäre ein Beispiel für metonymische Kausalität. Und es stimmt: das wäre der alte Analogiebegriff.
Köhler: Eine anderes Beispiel für eine Analogie: das weibliche Genital als Modell der Brücke und der Brückenphobie. In der Sexualität wird gleichsam eine Brücke gebildet zwischen der Klitoris über den Urethralausgang hin zur Vagina.
Heinz: Entstanden sind solche Analogien oft durch Allusionen meiner Analysanden.

Köhler: Zur Transsubstantiation:
"Was also ist Transsubstantiation? Der Abgrund der Rechtfertigung des Dingphantasmas, der Unterwerfung der Erde in progress, der Gottesbeweis (Essenz, die die Existenz mit Notwendigkeit impliziert); in fundamental-onto-logischer Pointierung (produktions-theoretisch): der allentscheidende Moment des Opfertransits, der Todesfuge, als Hominitäts-konstitutive Indifferenzierung der absoluten Differenz: Selbst(cogito-Fleisches)eingabe ins tote Selbstdouble, des Ding-topos, und Selbstrückerstattung dieses Toten in seinen Gegenort zurück. An diesem mittleren durchbrochenen Widerspruchsort (dem des Tauschs in fundamentaler Rücksicht) kommen in der Doppelausrichtung auf Produktion wie auf Konsumtion hin die Dinge gleichermaßen auf wie - ebenso doppeltgerichtet (und immer unter der Prärogative konsumatorischer Polung) - das Selbst." (Transsubstantiation. Über Tausch und Christentum; in: Pathognostische Studien I, 177)
Heinz: Abgesehen davon, ob die Transsubstantiation ein Vorgang ist, der außerhalb der Imagination platzierbar wäre - es wird ja behauptet, Brot und Wein würden sich verwandeln in Fleisch und Blut des Gottessohns.
Köhler: Kann man nicht Transsubstantiation übersetzen mit Stoffwechsel? Und ist es nicht so, dass ich, wenn ich Wein trinke, den Wein zumindest teilweise in mein Blut verwandle? Und beim Essen des Brotes dieses in mein Fleisch (meinen Körper)?
Heinz: Wenn man das so wendet, dann bekäme der Transsubstantiationsgedanke eine alimentationstheoretische Fundierung. Und es würde sich die Möglichkeit einer Entmystifizierung ergeben.
Köhler: Das beträfe dann nicht nur die Alimentation, sondern auch die Repräsentation. Das, was wir Intellektualität oder Denken nennen als Assimilationsvorgang. Das wären alles Transsubstantiationsvorgänge.
Heinz: Was wird hinsichtlich der Dinge durch die Transsubstantiation und die Eucharistie angemahnt? Es wird angemahnt das Opfer der Arbeitskraft betreffend die Produktion von Dingen, in diesem Fall von Nahrungsmitteln. Wenn man sich vergegenwärtigt, was vorausgesetzt wird an Opferungsvorgängen, damit solche Dinge resultieren, gerät man in einen großen Kontext der Opfervorgänge. Und beim Opfer der Arbeitskraft kommt der Körper ins Spiel. Es wäre die Kunst der weiteren Aufschlüsselung der Transsubstantiation, nachzuweisen, was an Körper daran glauben muss, damit Dinge entstehen können.
Köhler: Es geht um die Anmahnung des Opfers in der Produktion. Die Transsubstantiation wäre ein Aufstand des Untergrunds der Nahrungsmittel. So wie in einem Traum einer ihrer Patientinnen sich eine Torte in ein Reptil verwandelt.
Heinz: Einfach die Nahrung genießen zu wollen, geht nicht; es ist ein sich verschuldender Akt. Wenn sich die Torte in ein Reptil verwandelt, dann ist das eine Sperre der Nahrungsaufnahme, denn ein Reptil kann man nicht essen. Eher kehrt es das Konsumtionsverhältnis um und frisst mich auf. - Das fraglose Konsumieren erweist sich als ein Akt der Verschuldung.
Köhler: In der Transsubstantiation bricht die tautologische Version der Dinge auf. In dem oben zitierten Text ist von der "Blutgerichtsbarkeit der Dinge" die Rede. Es ist die Unbewusstheit, die zerfällt.
Heinz: Bei der Transsubstantiation geht es die Empfindung des Grauens angesichts der Belebung der Dinge.
Köhler: Wobei ja offensichtlich die katholischen Christen kein Grauen empfinden, wenn sie den Leib des Herrn verzehren. - Eine Frage in einem der Texte von Rudolf Heinz war, ob Jesus selber am Abendmahl teilgenommen hat.
Heinz: Das wäre eine innertheologische Frage, die, wenn auf ihr besteht, häretisch wird.
Köhler: Das wäre dann Autophagie.
Berendt: Frage zur Transsubstantiation/Eucharistie: Wieviel eigener Körper geht in die Exkremente ein? Und wäre das eine mögliche Entschuldung?
Heinz: Dass also nicht nur die Nahrung sich partiell exkrementalisiert, sondern dass das Exkrement Körperanteile mitenthält. Und wenn es Körperanteile enthielte, dann wäre das exkulpativ.
Berendt: Und das ist ja bei der Menstruation der Fall.
Heinz: Da ist es eine Hergabe des Körpers, eine Opferung von Teilen des eigenen Körpers.
Köhler: Die Exkremente bestehen nicht nur aus Resten der Nahrung, der Darm baut permanent Zellen ab, die in die Exkremente eingehen. Man würde auch Exkremente produzieren, wenn man nichts mehr essen würde (zumindest für einige Zeit; einige Heilige haben dafür ein Beispiel gegeben).
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