Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 25.01.2020

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 25.01.2020
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Karl Thomas Petersen)

Heinz: Die anödipalen Kategorien (die Kategorien des "Anti-Ödipus") - das sind die transversale Konnektion, die inklusive Disjunktion und die polyvoke Konjunktion. Wobei der Ausdruck "Kategorien" etwas dubios ist, denn es dürften ja letztlich keine Kategorien sein. Aber die Autoren scheinen darauf zu bestehen, dass es sich um Kategorien handelt. Es macht auch Sinn, da sich um besondere, abweichende Ordnungsformen handelt. - Was ich vorhabe, geht zunächst darauf aus, diese Kategorien von ihrem hohen Ross im "Anti-Ödipus" herunterzuholen. Das "hohe Ross" besteht darin, dass es Überbietungsangelegenheiten sind dessen, was unsere ordinäre Ödipalität ausmacht. Überbietungen, die - wenn man das philosophisch charakterisiert - den Bereich des Transzendentalen versus des Empirischen und den Bereich des Ontologischen versus das Ontische betreffen. Was ich vorhabe, ist eine Depotenzierung oder Trivialisierung dieser anödipalen Kategorien, indem ich nach Phänomenen suche, wo sie im üblichen Sprachgebrauch Platz nehmen. Zunächst also eine Trivialisierung, allerdings muss ich danach wieder zurückfinden zu einer Art Erhöhung, Sublimierung in anbetracht dessen, dass ja die philosophischen Erhöhungen alle zurückzuführen sind auf den Mutterkörper. Das kann man so programmatisch sagen und das wäre der Inbegriff der pathognostischen Philosophiekritik. Rückführung aller "Himmelsphänomene", aller Begründungsphänomene auf Phänomene des Mutterkörpers (der ausersehen ist, die Prokreation der Menschheit zu leisten).
Heinz: Die erste anödipale (Nicht-)Kategorie der transversalen Konnexion ist eine Angelegenheit des "Von-der-Seite", der Quere. Und damit auch der Verquerung. Wir kaprizieren uns auf das Extrem dessen, den Querschläger. Und was das Subjekt angeht, auf den Querkopf, den Querdenker. Der Querdenker kommt einer teleologisierten konventionellen Geradlinigkeit in die Quere und versucht, sie außer Kraft zu setzen. Damit legt man sich mit einer mächtigen Konvention an. - Begibt man sich auf die Recherche der entsprechenden Sprachgebräuche, bekommt man ein Feld tolerierter und weniger tolerierter Abweichungen von etablierten Konventionen. - Der Querschlag kann natürlich versagen, er wird von der Konvention geschluckt und hat keine Macht mehr zu irgendeiner Gegenführung. Es kann aber auch sein, dass er die Konvention mehr oder weniger passager verletzt. Das wäre ein Querschläger der Unterlaufung. Es ist also ein großes phänomenales Feld, das damit eröffnet werden kann. Es kann aber auch sein, dass der Querschlag eine Dauerblockade der Konvention, jedenfalls an dieser Stelle, bewerkstelligt. Man sieht also, dass das, was die Autoren des "Anti-Ödipus" in die Welt gesetzt haben, durchaus eine Fundiertheit aufweist, entgegen dem Vorwurf, das sei alles philosophisch nicht stringent.
Heinz: Was wäre nun die zivil-ordentliche Version der transversalen Konnexion? Es ist die Diagonale in ihrer Inkommensurabilität.
Berendt: Aber die Diagonale wäre die ödipalisierte Version der transversalen Konnexion. Also gerade das, wogegen der "Anti-Ödipus" anschreibt. Denn so wird wieder Linearität hergestellt.
Heinz: Was ich offensichtlich mit der Diagonale verkannt habe, das ist deren Ordnungsform, und das würde dem widerstreben, dass die anödipalen Kategorien Dissidenzbestimmungen sind.
Heinz: Nun zur inklusiven Disjunktion, benennbar als In-Ausschluss. Das, was innen ist, sei außen, und was außen ist, sei innen. Man kann die koitale Friktion geltend machen: Lass mich rein, lass mich raus. Es ist ja immer eine Sache der Bemächtigung. Wenn ich von außen zu bemächtigen vorhabe, ist das Stigma bedeutend, dass ich das von außen nur kann. Wenn ich das von innen könnte oder auch tue, dann ist das Problem eben, dass ich absorbiert werden kann. Dass ich gerade durch die Verinnerung depotenziert werden kann. Ich muss dann irgendetwas suchen, was beides zusammen zu leisten imstande wäre. Das wäre der Sinn dieser inklusiven Disjunktion. - Die inklusive Disjunktion würde sich schemahaft verordentlichen, dass ich eine Schnittfläche bilde. Die Schnittfläche wäre die operative Ordentlichkeit der inklusiven Disjunktion.
Heinz: Die polyvoke Konjunktion. Das stellt sich ja so dar, dass es zum Ende dieser Abfolge - die anödipalen Kategorien lassen sich auch als Sequenz sehen - zu einer Dissoziierung, einer Polyvozität (Vielstimmigkeit) kommt, zu einer Art von Aufsprengung. Was wird gesprengt oder was sprengt sich auf? Ist es die Instanz, die den Querschlag ausmacht, was sich in die Widersprüchlichkeit von innen und außen begibt, oder ist es das, was da angegangen wird? - Und was wäre die Ordentlichkeit der polyvoken Konjunktion?
Berendt: Netzwerk vielleicht.
Heinz: Der "Anti-Ödipus" suggeriert, dass diese anödipalen Kategorien korrelativ sind zu Produktion, Aufzeichnung (Zirkulation), Konsumtion. Dass zum Beispiel die transversale Konnexion eine Signifizierung der Produktion wäre. Dazu passt, dass es sich bei den anödipalen Kategorien um eine Abfolge handelt.
Heinz: Um zurückzufinden zu der Möglichkeit, die erhabenen Gesichtspunkte korrelierbar zu machen zu Phänomenen des Mutterkörpers ...
Berendt: Ich sehe den Ausgangspunkt in der polyvoken Konjunktion, im Platzen der Fruchtblase. Diese Sprengung wird nachgestellt in diesen Kategorien. Andererseits wird dieser Vorgang ödipalisiert, die Partialtriebe werden auf die phallische Ordnung hin gebündelt. Und (zu Recht) wird am "Anti-Ödipus" kritisiert, dass die phallische Ordnung gleichgesetzt wird mit dem Ödipus.
Heinz: Ich neige dazu, den "Anti-Ödipus" in der Spur von Luce Irigaray zu kritisieren. Dass der Zugriff auf diese Anödipalität nochmals eine hyper-rationalistische Leistung ist, wenn man so will der phallischen Ordnung sich überschlagend anheimgestellt sei. - Was die Subsistenzsexualität und die Generationssexualität betrifft, möchte ich zwei Dissidenzphänomene geltend machen, auf der Körperdimension, aufs erste jedenfalls, nämlich die Heldengeburt und in bezug auf den Metabolismus die Drogierung. Heldengeburt und Drogierung sollen meine Einlassstellen sein. Das wären jetzt Paradigmen dafür, tatsächlich die anödipalen Kategorien zu retten, allerdings geht der "Anti-Ödipus" nicht so weit, wie wir das jetzt betreiben, nämlich die Rückbeziehung auf den Mutterkörper. Wodurch das, was eine Gegenführung sein könnte, verkannt wird.
Heinz: Heldengeburt. Konsultieren Sie, wie so oft, Wagner. "Tristan und Isolde" ist ein non-plus-ultra an Kunst und es gibt eine von Tristan gesungene Formulierung der Heldengeburt: Der, der mich zeugte, starb; sie, sterbend mich gebar. Der Held kommt dadurch zustande, dass der Vater zeugend stirbt, und die Mutter gebärend ebenso stirbt. Daraus geht der Held hervor, der Held aber, der selbst damit verurteilt ist, auch als solcher, als Held, zu sterben. Die Eltern fehlen und am Fehlen der Eltern, an der Absolutheit stirbt er. Das ist der Inbegriff des Ödipuskomplexes. Man tritt an die Stelle der Eltern, das ist meine Version des Ödipuskomplexes. Die Eltern werden durch mich selber substituiert. Ich bin dann selbst mein eigener elterlicher Ursprung. Wir sind so vermessen, dass wir sowas immer wieder prätendieren, aber bezahlen dafür auch den Preis. Und der Preis ist dann der Tod. Weil das Ganze ja den Sinn hat, todestrieblich den Tod aus der Welt zu schaffen. Durch diese Absolutheit. Man ist nicht mehr kontingent, heteronomisiert, wenn man sich selbst seine eigenen Eltern ist.
Paul: Zwischen Heldengeburt und Heldentod liegt die Heldenreise. In der Heldenreise gibt einige Funktionsträger, die den Helden zum Helden machen: den Bösewicht, den Mentor, den Herold und den Trickster. Vielleicht wäre es interessant, die Reise des Odysseus daraufhin auseinanderzunehmen.
Heinz: Ich denke, dass man diese Gestalten in den Textbüchern von Wagner findet. In diesem Zusammenhang ist aber auch einzubringen die Isolde, also die Frau. Und da gibt es jede Menge Stolperstellen.
Vollberg: Beim Odysseus ist es ja so, dass er den Trickster selber verkörpert. Und er stirbt am Ende dann auch nicht.
Heinz: Odysseus ist ein Anti-Held, er tötet die Freier der Penelope, aber er selbst stirbt nicht. Odysseus ist die Gegenführung zum Helden.
Heinz: Wo ist die transversale Konnektion in der Heldengeburt? Der Vater - Samen pars pro toto - geht in der Mutter als prokreativer Frau auf. Das wäre eine transversale Konnektion. Und jetzt die inklusive Disjunktion: Tristan ist im Mutterleib, aber er ist zugleich der Vater, hin und her flukturierend. Und am Ende, was wird gesprengt? Der Mutterkörper. Der Mutterkörper wird in der Geburt vernichtet. Dann tritt der Held hervor, er ist selbst als Sohn der Vater. Und die Mutter, dieses heterogene Element, wird einfach weggesprengt. Welche Gewalt! Aber er muss auch selber dran glauben. Der ganze dritte Akt ist der Todeskampf des Tristan.
Berendt: "Der, der mich zeugte, starb; sie, sterbend mich gebar." Aber erst durch meine Geburt mache ich doch meine Eltern zu Eltern.
Heinz: Die Prokreation bringt die Eltern als Eltern hervor. Vorher sind sie keine Eltern. Und sie lassen sich auf etwas ein, was den Tod zitiert. Elternschaft ist ein Todesmonitum. Und darin wird überhaupt Elternschaft geschaffen. Und von daher wird verständlich, dass Männer und Frauen sich gegen die Elternschaft entscheiden. Wenn man dann Eltern zuhört, stellt man fest, dass dies im Inneren immer wieder ausgeglichen werden muss. Da gibt es différance-Phänomene, Befristungen, die uns am Leben erhalten. Sonst erführen wir alle das Los des Tristan. Wobei es auch immer Elemente des Tristan-Loses in der Normalisierung des Ödipuskomplexes gibt. Die äußern sich aber dann am ehesten in Pathologien.