Protokolle
Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik am 29.02.2020

Notizen zum Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik 29.02.2020
(Leitung des Treffens: Rudolf Heinz, Susanne Vollberg, Karl Thomas Petersen)

Vortrag von Susanne Vollberg über den französischen Symbolismus und über "Die Gesänge des Maldoror" des Comte de Lautréamont

Zur anschließenden Diskussion:
Berendt: Ein Hauptmotiv bei Lautréamont scheint die Rache des geopferten Sohnes am Vater zu sein, also die Rache des leidenden Christus am Kreuz. - Das Böse tun, um das Böse zu vernichten, ist eine Umkehrung des leidenden Christus am Kreuz. Das Besondere bei Lautréamont scheint zu sein, dass er die Position des Sohnes und des Vaters beliebig einnimmt, er wechselt immer wieder die Position, von der her er schreibt. - Was die Episode mit dem Haiweibchen betrifft, so scheint er zu versuchen, die phallische Mutter zu werden (oder das, was er sich darunter vorstellt).
Vollberg: Aus einer narzisstischen Grandiosität heraus will er alle Positionen erfassen und abdecken.
Berendt: Die Position der phallischen Mutter wäre die der absoluten Grandiosität.
Heinz: Beim späten Freud hat die phallische Mutter eine fetischismustheoretische Bedeutung; die phallische Mutter ist der Inbegriff des Fetischs. Wobei die Exkrementalsphäre in dieser späten Fetischismustheorie Freuds keine besondere Rolle spielt. Auf generationssexuellem Gebiet wäre die phallische Mutter in der Tat die Totale.
Vollberg: Der Narzissmus schluckt alles.
Heinz: Eine Totalisierung, die einen Moloch-Charakter der vollkommenen Assimilation aufweist. Und fetischismustheoretisch wäre das die Aneignung der phallischen Mutter durch den Sohn. Und diese Aneignung besagt, dass alle Todesgewalt erotisiert werden kann. Und diese Erotisierung wäre dann die Rettung.
Petersen: Nun hat die geschlechtliche Totalisierung der phallischen Mutter etwas mit dem christlichen Gott zu tun. Zum anderen steht dieser ganze Vorgang in einem immer wieder aufkommenden Motiv von Naturregression. Und zwar hier insbesondere bezogen auf die Tierwerdung. Das gibt es in der Psychiatrie als eine bestimmte Ausprägung eines psychotischen Phantasmas, bezeichnet als Lykanthropie (wörtlich die Werwolfswerdung) oder Zooanthropismus. Diese Naturregression dürfte in Bezug auf die Blasphemie etwas mit Exkulpationsbedürfnissen zu tun haben. - Die Paraphilien im "Maldoror" funktionieren nur in Bezug aufs Christentum, sie sind ans Christentum gebunden, nicht nur von ihren Inhalten her, sondern dass sie strukturäquivalent zum Christentum sind. Die Blasphemie besteht darin, dass eine Strukturäquivalenz zum Christentum verraten wird. - Das Hauptsymptom des "Maldoror" ist der Pädosadismus (Pädophilie in Kombination mit Sadismus). In den Sprüchen Salomos (3. Kapitel, Vers 12) finden wir: "Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er gleichwie ein Vater seinen Sohn, an dem er Wohlgefallen hat." Das ist aber das, was Maldoror tut. Und heute weiß man, dass es das ist, was in christ-katholischen Zusammenhängen vorkommt. - Bei den Interpreten des "Maldoror" hat man den Eindruck, dass sie das Christentum vor diesem Buch schützen wollen. Möglicherweise kommen wir zu der Ansicht, dass die Phantasie des Maldoror nichts weiter als eine projektive Identifikation der christ-katholischen Institution ist, wobei wir einen Unterschied machen müssen zwischen der christ-katholischen Institution und dem Christentum.
Heinz: Der leidende und sterbende Gott ist die letzte Grandiosität des Christentums - mythologisch gesehen. Dass der Gott Mensch wird, ist ziemlich einzigartig, auch wenn man in der Mythologie ähnliche Beispiele finden kann, zum Beispiel den sterbenden Gott Dionysos, aber so exponiert wie im Christentum findet sich das sonst nirgendwo. Keine größere Annäherung ist möglich zwischen Gott und Mensch.
Heinz: Bei der Tierwerdung (in psychiatrischer Hinsicht) ist ein Motiv das Sühneverhalten. Wir fügen ja den Tieren permanent schwerstes Unrecht zu. Die Tierwerdung wäre so etwas wie eine Sühnung.
Vollberg: Beim Tourette-Syndrom und seinen Tierlauten spielt das auch eine Rolle.
Heinz: In der antiken Mythologie ist die Tierwerdung eine Angelegenheit der Götter.
Petersen: Es ist ja nicht nur ein psychiatrisches Symptom. Es geht nicht nur um Sühne, sondern um exkulpierte Gewalt.
Heinz: Die Götter nähern sich den Menschenfrauen in tierischer Gestalt. Und nur in Tiergestalt haben sie Erfolg, den sie als Männer nicht hätten.
Vollberg: Und da gibt es einen Unterschied zum Christentum, wo das Tier mit dem Teufel assoziiert wird.
Petersen: Es geht darum, was Maskulinität und was Feminität ist. Und das Patriarchat hat die Neigung, eine Parallele zwischen Tieren und Frauen zu sehen.
Heinz: Eine Abwertung, die aber auch einen Ermöglichungsgrund von Sexualität beinhaltet. In dieser Hinsicht könnte man die Abwertung auch etwas neutralisieren. Denken Sie an Pasiphae: sie ließ sich von Daidalos ein Gestell bauen, so dass ein Stier sie begatten konnte. Woraus der Minotauros entstand, eine Missgeburt, als Bestrafung. Das wäre die exemplarische Mythologie dafür, dass weibliche Sexualität nur möglich ist, wenn der Gott - und der Stier ist ja göttlich - zum Tier wird.
Heinz: Und was ist mit den Tieren in der christlichen Mythologie? Tiere sind zwar vor allem mit dem Satan konnotiert. Aber es gibt auch das Lamm Gottes. Und die Taube und den Fisch.
Petersen: Es gibt die Geschichte, dass Gott das Lamm gefragt habe, es müsse doch soviel erleiden, ob er ihm nicht scharfe Krallen und Reißzähne geben solle. Und das Lamm habe geantwortet, nein, es möchte da lieber darauf verzichten, denn besser sei es Unrecht erleiden, als Unrecht tun.
Paul: Man bräuchte einen Katalog der Tiersymbolik, denn vieles speist sich aus einem verschütteten animistischen Zusammenhang. In verschiedenen Kulturen haben die Tiere oft eine verschiedene symbolische Bedeutung. So ist für die Azteken die gefiederte Schlange der Erlösergott.
Petersen: Und für die Psychoanalyse ist die Schlange der Phallus. - Apropos Sexualität: Es macht ja Maldoror nichts aus, kein sexuelles Begehren und keine Zeugungsorgane mehr zu haben. Und das ist das Gottesphantasma. Gott ist dadurch definiert, dass er kein Begehren hat. Im Kontext der Paraphilien ist die Begehrenslosigkeit die Forderung der masochistischen Position an die sadistische Position. Jemand, dem man sich unterwirft, der muss selbst eine Art Gottesposition einnehmen, das heißt, der darf selbst kein Begehren haben.

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