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Pathognostische Miniaturen
Rudolf Heinz: Vs. Anthroposophie
Erschienen in: KAUM 4. Halbjahresschrift für Pathognostik, Wetzlar, Büchse der Pandora, 1987, 98-99
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. © Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Vs. Anthroposophie
Gewiß, Anthroposophie ist keine Phänomenologie, Edelpsychologie, eidetisch - als Nachträglichkeits-Repräsentation von Bewußtseinsakten, in »Absolvenz« gar auch noch. Das solches leistende Vermögen wäre ja ein haltlos reminiszens-gegründetes Konsumtionshypertrophikum vom - bloß in sich todesbewegten - Charakter der subjektiven Idee, des Wesens etc.
Nein, das anthroposophische Ansinnen geht synchronisch darauf aus, das Übersinnliche zum Seelischen (also derart empirisch) zu machen; wobei das ominöse Übersinnliche - dies Schibboleth, das offensichtlich fast nur Mißverständnisse in die Welt setzte - strikte nichts anderes ist (bei Steiner) als, zusammengefaßt, das Repräsentationsvermögen selbst als solches, dessen Provenienzansichtigkeit nicht in es selber zu fallen pflegt. Das Übersinnliche zur Seelenempirie werden zu lassen - dieser anthroposophische Grundanspruch - bestände demnach darin, das Repräsentationsvermögen als die permanente Grenze der A-Repräsentativität selber zur Repräsentation seiner selbst zu bewegen.
Allem Anschein nach hat die Anthroposophie kein Theorem dafür entwickeln können, daß nämlich die Repräsentation dieserA-Repräsentativität des Repräsentationsvermögens selber ohne Unterlaß als Dingproduktion (bürgerlich) begegnet: das Dingphantasma (Schuldabsorption, Intersubjektivität etc.) selber ist. Gilt nun die emphatische (Rück)aneignungsabsicht, dieses Unding des Dingphantasmas cogitional, fühlbar zu machen, so führte solches zum Tode und davor, allgemein, zur Krankheit (vs. Tod, einzig auf der Grundlage des lebensrettenden Gewalteinsatzes von Residuen des besagten konsumatorischen Subjekts). Also wird das anthroposophische Grundansinnen als ganzes hinfällig, sofern es seine ultimative
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faktische Eingelöstheit als Tod und Apokalypse und davor als Krankheit und Krieg verkennt? Diese Verkennung betreffend, ja. Doch nährt sich die Anthroposophie in diesem Verkennungskontext, den ich nirgendwo ebendort quittiert sehe, von derjenigen Interim-Chance, die nicht minder auch die Pathognostik, die das aber wissen dürfte, unterhält: von einer Art von intellektuellen aisthesis, die - günstigstenfalls - an der Tötungsstelle des Repräsentationswesens (dem Opferort, dem Differenzpunkt) die Lebens-Todespassage(-transit) Desselben der Produktions-etc.-Horizontalen nur hochspannt (in die Vertikale hinein dilatiert) und also dessen Sichtbarkeitseintragung in diese Gnosis-Vertikale hinein (wie die Absorption des Schattens derselben) rein von Gnaden ein und derselben Mortalität zuwege bringt: Sichteingang des Dingphantasmas (schier keines Anderen) in diese produktionssistierende Glashäutigkeit, intellektuelle aisthesis.
Anscheinend nun wird die Anthroposophie ebenhier von der alten Verkennung der Realisiertheit ihrer Basisintention dergestalt ereilt, daß sie diese - durchaus erreichte - Gnosis, die sich im währenden Vorausgang ihrer eigenen Dingerfülltheit in sich verbraucht, als Menschbefreiung - Zugang zu den höheren Welten etc. -, in Absolvenz also (und damit unvermeidlich wiederum hyperidealistisch), transfiguriert. Was hieße, daß sie als ein Anderes schon passe gewesen wäre, bevor sie begann: nicht mehr als das eh fleisch-flüchtige absolvente Konsumtionshypertrophikum, Subjekt als Idee, Wesen; nur daß es ein wenig gehalten implosiv aufgelassen geraten wäre, dies aber eben - im Sinne eines Memorialitätursprungs - hypostasierte. Und auch das seelisch erfahrbare Übersinnliche gediehe naturphilosophisch mitnichten weiter - im Falle des Repräsentationsvermögens ultimativ selber - als bis zur maschinellen Hirnsimulation und deren Deplazierung hinwiederum als Schizophrenie und der Gnosis eben dieser Bewegung dazwischen.
Womit die Differenz zur Pathognostik auch skizziert worden wäre: diese geht von der apriorischen Eingelöstheit der Repräsentation des Repräsentationsvermögens etc. als Dingphantasma aus und vindiziert konsequent Krankheit (und als Grenze den Tod) als die Erfahrung (Cogitionalität, Fühlbarkeit) desselben. Und entsprechend überfrachtet sie dessen gnostisches Interim - als ausschließliche ausgezeichnete Immanenzprozedur - auch nicht mit dem Stigma einer höheren abgelösten geistigen Wirklichkeit, die ja nichts anderes sein kann als die Verdoppelung der peremptorischen Irrationalität ihrer eigenen Provenienz - eben als Ding.