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Protokolle

Rudolf Heinz: Arbeitspapier zu den Treffen der Arbeitsgruppe Pathognostik im Sommer 2017
Explanatorische Skizze zu Freuds früher Todestriebversion
Kontext: unser Saisonthema Abwehrtheorie
Der Rekurs auf Freuds frühes Todestriebkonzept:
"Ursadismus/primärer Masochismus
ursprünglicher Sadismus
eigentlicher Sadismus
Sadismus als Perversion"
beabsichtigt eine Art ontologischer Fundierung der psychoanalytischen Abwehrmechanismen, den besagten Freudschen Termini - allerdings, philosophiegemäß, tropologisch - entlang. Soweit meine einschlägigen Kenntnisse reichen, blieb dieser Theoriezusammenhang - weshalb? - bislang anathema. Zu gewärtigen wäre demnach, folgend, eine Premiere dessen Allererstrezeption.
Diskussionseinlassungen dazu während unseres letzten Assoziationstreffens am 27.05.17 wurden eingearbeitet.
Ursadismus : Thanatos/Tod
primärer Masochismus : Eros/Vitalität
Tod, immer nur die menschliche Vorstellung von Tod, zugleich also Todesverkennung ob seiner schlechthinnigen A-Repräsentativität.
Zumal in dieser seiner Freudschen Bezeichnung - wie unvermeidlich auch immer? - ein massiver Anthropomorphismus: Tod = Sadist, die Unterstellung eines geilen Zerstörers des Menschen/der Menschheit, unabänderlich, nicht hintergehbar. Ur.. - ein ultimatives Faktum.
Auf diese Idee kann man sehr wohl kommen, aber - "Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir"?
Hier auch müßte das Register naturwissenscheftlicher Deduktionen der unaufhebbaren Sterblichkeit des, Organismus Platznehmen.
Köhler: solche Todessignifikation sei ein Götterspruch. Ja, insofern er ausschließlich erhebbar aufgrund seines Kontrariums. Nur daß dieses einzig in der Transzendenz des Wissens, nicht in desselben Materialität die der Götter, besteht. Götter = verdinglichte Hypostasen der bloßen Wissenstranszendenz.
Diese Art der rückgebundenen Transzendierung rein des Wissens wächst sich, angesichts der gewußten Sterblichkeit (Vorsicht! - Entzug), aus zum menschlichen Grundskandal, einem unschlichtbaren Widerstreit mit der Legion seiner Pseudoschlichtungen.
Der "primäre Masochismus" - Wenn dies thanatologische Unding des Zerfalls nicht genossen werden könnte, ja wenn sein Destruktionsapriori sich in seiner rettend widersinnigen Lustausschöpfung nicht zusammenhielte, so wäre, widermasochistisch, Nichts. Wir befinden uns hiermit in der Ontologiesphäre der Seiendenkonstitution, nicht der des ausgebreiteten Konstituierten; die Freud, wissenschaftshörig, verwechselt. Demnach wäre der "primäre Masochismus" - wohlgemerkt Masochismus - die elementare Abwehrleistung der Todesimagination; wenn nicht der Bestand der Kadaverruinen dem an Defensive schon vorausginge.
Wo aber bleiben - in diesem Gefüge, pathognostisches Schibboleth - die Dinge? Sie sind die Erstgeborenen des "ursprünglichen Sadismus" will sagen: lustgehalten todgeweihter Mensch, der Sterbliche, sogleich sich zu Tode entropisierte, wenn er diesen seinen count down nicht, aufschiebend gewaltmimetisch, veräußerte - seine kulturale Rettung. Veräußerung aber wohinein? Eben in Dinge, die Megafolgedefensive: Leichensublimate also, in generationssexueller Wendung Mutterleibkadaver.
"Ursprünglicher Sadismus" - todesbeglaubigende Todes(vorstellungs)parade, unser einziges Potential des Überlebens, primär in Dinglichkeit, erfüllend in Waffen, vollbracht. Memo: Sadismusgewandung auch
hier durch Eros, den tückischen Helfershelfer, Motivator der violenten Passivitäts-Aktivitätsumwendung, dieser rettend fatalen Abwehrformation. Wie der Fall sadistischer "Affektenisolierung", der überwertigen Erosabservierung?
Der gewaltpotentiale "ursprüngliche Sadismus" definiert exakt den "Todestrieb"; so wie ich darüber, angewachsen zum Buchumfang und Freud philologisch durchaus nahebleibend, handelte.
Todestriebtheorie, das ist Rüstungstheorie; die Dinge, waffenerfüllt, Todestriebrepäsentanzen, allzeit zu todespräsentisch primären Dispositionspotenzen verfälscht.
Der Status dieser Aufklärungsrede? Erhaben kriegsreporterisch, in intellektueller Gefangenschaft im Schutze der Kriegsperistatik, von verhallend clownesker Überwertigkeit.
Mannsheroisch auch, legitim nur obsekrativ. Ungewiß verläßlich weiblicher Kustodie. Empirie der weiblichen Reaktionsvarianten ob des genderischen Anmaßungscharakters dieser Art Intellektualität?
Bis hierhin reichten meine Vorgaben, mitsamt deren Diskussionsskizzen. Fehlen noch die Erörterungen des "eigentlichen Sadismus" sowie des "Sadismus als Perversion". Jener betrifft, im Vorgriff gesagt, das ubiquitäre mixtum compositum von Eros und Thanatosa die erotische Motivik, die Konservation und die Koteleologie subsistentieller Gewalt, primo wiederum der fundamentaldifferierenden Dingeproduktion. Und diese - als Terminus mißverständlich in der Konsequenz meiner Tropoi aber - die allgemeine Formel für (Psycho)pathologie: den Kollaps nämlich des angepaßten thanatoerotischen Zusammenspiels: beider Trennung, die Regression hinunter zum "Ursadismus", ineins mit dem bewahrend regressionskonterkarierenden Hochriß zum Status quo des "eigentlichen Sadismus" - ein persistierendes Kampfverhältnis beider extremen Antagonisten; mutuell je überkompensierter Eros- wie Thanatosschwund im Wechsel, schuldige Vermittlungsblockade, "Taumel und Totenstarre", Askese und Wollust.
Versprochen wurde die "ontologische Fundierung" der psychoanalytischen Abwehrmechanismen, die Marge bis dahin aber scheint wie unüberbrückbar groß? Nein, wenn immer der Inbegriff des Abgewehrten, zugleich ja. das Unbewußte der Dinge, zünftig präzisiert würde: notorisch die autokreationalen Absolutheitsprätentionen: "negativer Ödipuskomplex", exklusiver "Narzißmus", letale Wahnklimax "Todestrieb". Womit die konstituierenden Fährnisse der Ontologievindizierung mehr als angenähert erschienen. Über die Abwehrformen des einzelnen informiert mein Versuch deren Systematisation: (Meta)theorie der Abwehrmechanismen (in: Pathognostische Studien XI. Endlich genealogische "feriae messium". Essen. Die Blaue Eule. 2011. Genealogica Bd.44. Hg. R. Heinz. S. 82-100).
Von den vorangehend eigenen - vorläufigen, doch wegweisenden - Publikationen zu der thematischen frühen Todestriebversion sei insbesondere erinnert: Kleinbürger-double-binds. Zum Problem der Gewalt in psychoanalytischen Verfahren und Institutionen (in: Pathognostische Studien III. Psychoanalyse-Krisis der Psychoanalyse-Pathognostik. Zeichnungen: Heide Heinz. Essen. Die Blaue Eule. 1990. Genealogica Bd. 20. Hg. R. Heinz. S. l08-128). Eine Textprobe dazu (S. l09f.):
Der "ursprüngliche Sadismus" bedeutet die Fähigkeit der Umwendung des "Ursadismus", der Sterblichkeit/des Todes, in tötende Gewalt. In dieser Fähigkeit liegt die ursprüngliche Funktion des Eros.
Der "eigentliche Sadismus" bedeutet den faktischen Vollzug des "ursprünglichen Sadismus", der tötenden Gewalt, fusioniert mit der abgeleiteten Funktion des Eros als Lustanreiz und -beglaubigung dieser Gewalt.
"Sadismus als Perversion" bedeutet den pathologischen Zusammenbruch des "eigentlichen Sadismus", Entmischung, entropische Entspannung.
Der erfahrbare Lebensvollzug ist ausschließlich Sache des "eigentlichen Sadismus". Um aber erklären zu können, wie dieser in seinem immer zusammenbruchgefährdeten und de facto zusammenbrechenden Erfolg überhaupt möglich sei, bedarf es der selbst nicht erfahrbaren Annahme des "Ursadismus" und dessen erotischer Umwendung in den "ursprünglichen Sadismus" als gespanntes, labiles Lebensvermögen.
...
Demnach wäre der "eigentliche Sadismus" der Vollzug der Repräsentativität; der "ursprüngliche Sadismus" entsprechend das Repräsentationsvermögen; der "Ursadismus" die Dauererinnerung der Herkunft, der Gefahr des Rücksogs/der Wiedereinziehung dieses Vermögens; "Sadismus als Perversion" als Inbegriff von Pathologie der faktische Durchschlag dieses Monitums.
Allem Anschein nach läßt diese unabweisliche Transposition die ganze Anstößigkeit des Todestriebs überhaupt erst hervortreten. Deren Pointe besteht darin, daß das erfolgreiche Wirken des "eigentlichen Sadismus" als des menschlichen Lebensvollzugs in keiner Weise die Gewaltessenz seiner Herkunft aus dem Todestrieb - eben dann, wenn die erotischen Prämien das Gegenteil suggerieren - wegzuschaffen vermag. Bleibt aber dieses Gewaltelement unabtragbar erhalten, so entfällt auch jede Chance, gleich welche Ausformung des "eigentlichen Sadismus" als Exkulpationsmöglichkeit zu betreiben. Der gesamte noch so fortschrittliche Zivilisations- und Kulturprozeß wird das Stigma von Gewalt und Schuld nicht los, ja, je nachdrücklicher das Exkulpationsbegehren und die Exkulpiertheitsbehauptung, umso drohender gerät die Gewaltaufladung derjenigen Gebilde, in die hinein die betreffende Schuld vermeintlich verschwinden gemacht worden sei. Demnach wäre die Todestriebtheorie lesbar zu machen als die psychoanalytisch umfassendste Genealogie der Gewalt und Schuld subjektiv wie objektiv nicht auflösenden Verdinglichung, der Unmöglichkeit erlösender Selbstverdinglichung.