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Rudolf Heinz: Fußball-Gnostik (1982)
Erschienen 1982 in "Die Eule" Nr. 8, S. 70 - 88
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© Prof. Dr. Rudolf Heinz.

I. Eine vorläufige theoretische Skizze
"Du Fußballspieler" beschimpft in Peymanns "König Lear" der exilierte, doch verkleidet im eigenen Land verbliebene Kent die rattenhafte hilflose Hofschranze Oswald, um diesem seine ganze Verachtung zu bedeuten. Wird der komische Effekt dieser Beschimpfung nicht sogleich als alberne Regiezutat abgetan, so mag man ihn wie folgt erklären: Kent findet kein angemessenes Schimpfwort mehr und setzt in seiner wütenden Ausdrucksnot ein gänzlich deplaziertes Wort ein, womit er sich selbst lächerlich macht und auch die Ohnmacht seiner Wut einbekennt. Allein, der historisch aufgeklärte Shakespeare-Rezipient weiß sogleich, daß das Auflachen des Publikums an dieser Stelle streng genommen unpassend war und daß dessen Erklärung nur den ganzen Mangel an historischer Bildung peinlich hervorstreicht. Denn tatsächlich galt zu dieser Zeit das Fußballspiel als ein überaus vulgärer Zeitvertreib, selbst wohl für einen Haushofmeister als nicht standesgemäß; und jemandem wütend entgegenschleudern "Du Fußballspieler" heißt auf modern dasselbe, wie ihn einen Proleten schelten.
Wer mehr über solch Historisches zusammengewürfelt noch erfahren will, der lese nach bei Walter Jens, dem Beginn seiner unseligen republikanischen Rede: "Fußball: Versöhnung mitten im Streit"(1), deren theoretische Bedeutsamkeit sich in der Schlußbemerkunq erschöpft: "Auf jeden Fall ein Spiel, das rätselhafter ist, als es sich gibt." In der Tat; und aus notorischen Gründen fiel es durch alle philosophischen Maschen bislang durch; was mit zu seiner Historie gehört.
"Es gibt keine Sportart, die nicht wenigstens vom fernen Widerschein der unmittelbar körperlichen, nur rudimentär technisch unterstützten Beherrschung natürlicher Hindernisse in einem kollektiven Konkurrenz- und Kampfrahmen lebte. Diese Beherrschungsformen - man könnte sagen: die Matrixformen der instrumentellen Vernunft - werden im modernen Sport isoliert und wie arbeitsteilig spezialisiert. Ihr Austrag neigt fortschreitend zur Vorführung hochspezialisierter Körperfertigkeiten, die Professionelle vor einem Publikum prostituieren. In der Berufsförmigkeit und im Warencharakter des Sports ist die volle ideologische Zweckgebundenheit des philosophischen Spielbegriffs spätestens und endgültig bezeugt und besiegelt. Daß das Mittel zum Selbstzweck wird, was ja laut der idealistischen Spielphilosophie geschehen soll, treibt de facto eine dialektische Monstrosität hervor: im Rahmen dieser Selbstzwecklichkeit und im Modus der 'Spielteilung' und des Warencharakters wird das Eingedenken vorgeschichtlicher gesellschaftlicher Arbeitsformen sinnlich vorgeführt: ein Bild im Bilde der Fortsetzung der Vorgeschichte im verschleierten Warencharakter. ... So wird nicht etwa ein Geschichts-, Traditionsbewußtsein der Naturbeherrschung geschaffen, auch nicht die Anschauung des Fortschritts in diesem Bereich vermittelt, umgekehrt wird Geschichte im Rahmen des romantischen Schauspiels vorgeschichtlicher Arbeitsformen skotomisiert."(2)
Das darf im Grundriß so wohl stehenbleiben? Methodologisch aber bedarf es, präzisierend wenigstens, des Nachweises, wie die jeweils einschlägigen Memorialitätsfragmente von den besagten "ideologischen" Vorspiegelungsmaßnahmen absorbiert, oder besser: wie diese aus jenen wundersam gebildet, umgebildet werden; und vordringlich auch, welche Artistik diese Metamorphose dergestalt trägt, daß der Betrugscharakter dieses Ideologiewesens (ich spreche unterdessen nicht mehr so) zumindest inflationiert zu werden vermöchte - sollte man doch die These dispensieren, daß die unmäßige Faszination eben des Fußballs sich in diesem Betrug erschöpfe (unbarmherziger Moralismus!). Aber auch thematisch scheint die Korrektur angebracht, daß just im Fußball nicht vorgeschichtliche gesellschaftliche Arbeitsformen, vielmehr Tauschrituale das betreffende Substrat abgeben, Matrixformen von Interaktion (vs. Arbeit), der kommunikativen (vs. instrumentellen) Vernunft (denkbar schlecht ausgedrückt).
Fußball, das Sublimat eines Nach-Jagdrituals, nicht mehr grausames Verteilungs-hick-hack-Spiel mit dem toten Wild, Prototausch der Beute. Mancherlei Gründe wären ausfindig zu machen, um sowohl Entstehung sowie interne Rationalisierung dieser jetzt aufkommenden Reproduktionsdimension, des Tausches, als auch deren Spielsymbolisierung inklusive dessen dann wohl sogleich auch ästhetisch abgewandelten Vergewisserungs- und Verheißungsvindikation verstehen zu können. Jedenfalls motiviert diese metabasis ein adaptives Ausgleichsbedürfnis, eine Art von Sinn für ausgleichende Gerechtigkeit, ersehbar aus dem Vergleich der Tauschdimension mit der der Arbeit/Produktion, der Jagd hier selber, betreffend das Selbst-Anderen-Verhältnis.
Wenn ich recht sehe, fällt dieses im Arbeits/Produktionsbereich sozusagen paranoisch aus; denn a. gewiß selbst schon metonymisch im Sinne der notorischen Mutterleibsmetonymie vom Artgenossen antikannibalistisch weg verschoben wird das Hungertriebobjekt des Wunsches nur als totes disponibel: Alteritätsauslöschung als -hervorbringung (ohne -bewußtsein); Fuge also zur Maschine hin zu deren eigentlichem Triebsonderfall der Anschlußform der Verzehrvernichtung; b. zudem untersteht die Arbeitergruppe der Homogeneität der Notvereidigung auf diese Todespraxis (ausgedehnt unter Umständen auf Feindesproduzentengruppen): zudem also Binnenalteritätsaufhebung wiederum als -herstellung als der je Dritten-Größe der Gruppe selber; Und diese produktiv/destruktiv außengeöffnete Homogeneität ist wohl der beste Boden zur Etablierung des "Rechts der Ungleichheit", quasi Selektionsdruck der Exposition der besten Jäger, die aus dem höheren Grad der Partizipation an beiden Geistern, des Jagdwilds und der Jägergruppe, ein Mehr an Verfügungsrecht über die Beute reklamieren - dies wohl bis hin zur Einerdespotie schlechterdings ungeteilten Sofortkonsums.
In der Tat, ein paranoisches Pflaster, höchste Usurpationsgefahr trotz der bestmöglichen Lösung des Nahrungsbeschaffungsproblems. Und fusionierten nun noch das Phantasma des von den Toten auferweckten Jagdwilds und die männlichen Anderen der Genossengruppe, so wäre der einschlägige Verfolger komplett und perfekt.
Wie diese prekäre Situation der Jagdentropie, den Despotenkurzschluß auflösen, diese Gefahr auch der homosexuellen Versklavung und gar des Massentods, nachdem zu Hause die lebendigen Urmaschinen, die stillgelegten kasernierten Mütter (inklusive der Waren-Töchter), der Fütterung durch die metonymisch Ihresgleichen a fortiori harren?
Ich denke, an diesem Gefahrenpunkt setzt nicht zuletzt die Tauschobligation als Rettung nachgerade ein; wobei es mehr als bloßer Verdacht wäre, wenn dieser milden Rettung die geringste der Durchsetzungschancen zugesprochen würde. Ein Entparanoisierungsversuch, und eben nicht die Legion der supplementären Paranoia-Inflationierung. Aufenthalt der entropischen Todesreise der Jagd durch diese metabasis eis allo genos. Tunlichst sollte man sich diese nicht als die moralistische Verordnung eines Gemeinschaftsethos, die Distribution betreffend, vorstellen, vielmehr arbeits-produktionsanalog hinwiederum als spezifisch abgemildertes freies Kampfritual, in dem die Beute für den gesamten Gruppenverband zur Disposition gestellt wäre und zwar nach einem anderen, dem inversen Maß als dem sich im Quantum der Beutemasse darstellenden prekären Jagdglück. Wir nähern uns nun dem Urfußballspiel.
So als hätten die humanistischen klugen Jägermänner damals schon ihren Hegel (oder gar die Melanie Klein) gelesen, ersinnen sie den prototauschgemäßen Fundamentalakt, die todeslüsterne Diskriminationslinie zwischen Freund und Feind, homogeneisierte/hierarchisierte Jägergruppe vs. Jagdwild (vs. feindliche Jägergruppe) ((vs. Haus)) sich selbst als Gruppe zu introjizieren, immanentisieren. Die Beute erjagt/der Tierfeind-Gott tot, kein Menschenfeind in Sicht, zu Hause kein Aufstand/die Frauen pazifiziert - also kann man es sich leisten auf dieser doch sicheren Arbeits-/Produktionsbasis, die narzißtisch-paranoische Diskriminationslinie immanent gemach zu simulieren (und eben nicht sogleich beseitigen!), das eigne Ensemble in zwei Verteilungskampfparteien zu unterscheiden. Wie aber? Doch wohl recht einfach dergestalt, daß die besten Jäger, also die am stärksten ermüdeten, in dieser neuen heterogenen Reproduktionsphase die ruhigere Defensivkugel schieben dürfen zum Zwecke der Schein- oder besser: Spielapologie des eben rechtens erworbenen Besitzstandes, den sie zum Spielschein an die weniger guten, weniger glücklichen Jäger, doch mutmaßlich kompensatorisch geschickteren Tauscher, die so allererst auf dieser Generösitätsgrundlage sicherlich weniger legitimierte Besitztitel erwerben, getrost abträten. Die Helden sind eben müde, werden geschont, dürfen sich schonen gefahrlos, denn ihre erschöpfte Arbeitspotenz als gründlichste kollektive Subsistenzgarantie bleibt trotz der kleinen Intervalle doch unvergessen. Mehr aber noch: undespotisch antezipieren sie als Defensivspieler den magischen Transvestismus der Selbstverwandlung ins getötete Wild, sprich: Mutterleib, bis zum Extrempunkt, daß der beste aller Jäger zum Tormann würde. Affenmutterfangarme, Baby ans Herz gedrückt, travestisch. Herakles bei Omphale, Interim der Vorbereitung auf die Fährnisse der häuslichen Konsumtion; wo die Frauen warten.
Alles weitere mag sich dann, kurzum, fast wie von selbst herstellen: das Spielarrangement des nähern, die Regeln. Bedeuten die besten Jäger mit dem allerbesten auf der kriterialen Linie, jenseits derer die also diskriminations-spiel-vermittelte peremptorische Beutedeponie vor-häuslich eingerichtet ist: wenn ihr was von der uns zustehenden Beute mitbekommen wollt, nun, so versucht es doch, mit der Beute durch unsere Reihen zu dringen; nur dann gehört euch mit. Ohne diesen supplementären Fleiß post festum keinen Preis! Seht, so können wir prozedieren (so machen es heute wohl noch die kleinen Jungen): Tauschtransit-quid-pro-quo des Geschlechts, freilich im rein männlich-Homosexuellen, wie immer, und mit dem revokationsanfälligen Sigel des Spielscheins behaftet, dieser Diskontinuität.
Die Seitenabgrenzung, sie ergibt sich wohl als Funktion mehrerer Variablen (mathematisch-physikalische Sportwissenschaftler vor!): der Dichtigkeit der Feldbesetzungen mit den Distributionsspielern, des mittleren Erschöpfungsquotienten des Umgehenslaufspensums, freilich je akut auch des Erschöpfungsgrads allgemein zumal der Defensivspieler etc. Die Parade aber gegen naheliegenden Pfusch hier, die beliebige Expansion nämlich der seitlichen Demarkationslinien, besteht in der Einrichtung des Prototors (wie auch immer wohl mitbedingt durch eine Schonungskonzession dem besten, vordersten der Jäger, jetzt dem Schlußmann, gegenüber): Langlinienkomprimierung auf diesen Eingangspfortenausschnitt, der entscheidende Effeminisationsprogreß. Welchen Sinn für inventionsreiche ausgleichende Gerechtigkeit Männer unter sich doch aufbringen können!
Aber ja, ich sehe selbst auch in aller Deutlichkeit, daß damit eine Kümmerform nicht eigentlich von Fußball, von Rugby vielmehr genealogisiert worden ist. Und noch nicht einmal dies, auch dafür fehlen nämlich noch ausschlaggebende Substitutionen.
So wird sich unvermeidlich als Problem ausbreiten, wie weit überhaupt bei der vermerkten Ungleichgewichtigkeit der beiden Reproduktionssphären, Produktion und Distribution, das Gerechtigkeits-quidpro-quo getrieben werden dürfte: müßte so lange Verteilung gespielt werden, bis auf diesem schwächeren Niveau der Protozirkulation der Gesamtbestand der Beute aus den Produzentenhänden förmlich geschlagen wäre? Dieses Problem vermöchte zur Unlösbarkeit auszuwachsen; sozialer Ausgleich, Fraternität, die sich selbst vom Machtspruch ablassend rituell paralysiert? Wie sollte es anders auch sein können - bei solchen Ausmaßen an hypostasierter "patriarchaler" Homo-Sexualität, der Uraporie?
Und weiter, von diesem erstgenannten, wohl auch primären Problem weitgehend unabhängig, wie immer dann im einzelnen immanent bedingt: man wird den guten Jägern als den depotenzierten Defensivspielern schwerlich gewaltsam verordnen können, die labilen Regeln des Distributionsumkehrungsspiels durchgehend nur zu achten. Nachgerade nämlich drängt es sich hier auf, den mißqlückten, erfolgreich abgewehrten Angriff zu parodieren und so die neuen Verhältnisse primordial produktionsgemäß auf den Kopf respektive die Füße zu stellen: der Defensivspieler, der letzte zumal, der in die Offensive geht und die Beute hinwiederum der distributions-unvermittelten Erstdeponie einfach zuführt: Wiederherstellung des Ausgangszustands, basta. Was nun? - Die Binnendynamik dieser Arrangements mag sodann dahin tendieren, wenn es schon so weit gekommen ist, solchen Widerruf der beabsichtigten Verteilungsequilibristik nicht eo ipso verbieten zu können, die naheliegende Insichverdoppelung der beiden also wenn in sich ungeteilt künstlichen, zerfallenden Parteien als neueste Lösung und Fortschritt auszuprobieren (so wie heute ja in dieser Hinsicht Fußball gespielt wird). Die Erstdeponie rückte dann in die Mitte des Spielfelds, Mittellinie; Klappspiegelprinzip (überhaupt alles voller Spiegelmotive).
Doch dieser optimalen Lösung scheint die fundamentale Tücke eigen, die ursprüngliche Gerechtigkeitsintention während ihres Verfolgs immer weiter aus den Augen verlieren zu müssen. Wo definiert sich denn die Garantie, daß in diesen freilich konsequentesten Perfektionierungen der Spielritualität sich nicht das schreiendste Unrecht einstellen könnte? So etwa, in den Extremen, die Distributionsbeglaubiqung, besser wohl: allererst Kreation des befürchteten Jägerdespoten oder aber am anderen Ende dessen radikale Depotenzierung, Produzentenversklavung. Oder sind etwa diese Malaisen alle eh wurscht und die Hauptsache bloß, daß die Heimkehr gebührend lange hinausgeschoben werden kann? Jedenfalls scheint der Zerfall des Urfußballs, der außerdem nirgendwo existiert haben muß, auch nicht teilweise (was sagt die Ethnologie dazu?), um gleichwohl als Vorgabe für unser aller Fußball zu fungieren, wie vorprogrammiert, ein Integrationsprinzip, ein kräftiges, durchdringendes irgendwelcher diachronischer Observanz in dieser strikten Nicht-Wesenssphäre noch zu mangeln. Abwarten.
Ein Problem aber, gewiß mehr als nur Mitmotiv auf dem Wege zur ästhetischen Spielautonomisierung, blieb bisher unerwähnt und unbedacht: gelinde gesagt die Jagdbeutebeeinträchtigung durch solche wackeligen Distributionsspielereien. Läuft man so nicht Gefahr, das tote Wild zu zerfleddern, so als sei der Hunger gar kein Trieb und als gäbe es kein Zuhause? Genialer Rationalisierungsschritt - im weiteren Zuge der an ihrem Zweck gemessen nichts als dubiosen Spielverselbstzwecklichung -, die Beute durch ein totes Ding (wer weiß wie? Vielleicht ein zusammengeschnürtes Fell) zu substituieren, die Herstellunq dieses Symbolismus durch den Abgrund von Leben und Tod hindurch, dies schon perfekte (nur dann noch in sich rational steigerbare) Abstraktion, Ur-non-olet. "Daher ist also der Austausch abstrakt in der Zeit, die er in Anspruch nimmt. Und 'abstrakt' heißt hier abzüglich aller Merkmale möglichen Gebrauchs der Waren. 'Gebrauch' versteht sich hier als produktiver wie als konsumptiver und als Synonym mit dem gesamten Bereich des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur im Sinne von Marx." Mortale Externalisation, Abtrennung dessen, daß "selbst von der Natur ... angenommen (wird), daß sie gleichsam im Warenkörper ihren Atem anhält, solange der Preis dergleiche bleiben soll".(3) Reinste Epiphanie des schaffenden Todes - unser schöner Urfußball (fehlt nur noch die Deduktion des Fußgebrauchs) ein urtümliches Geldschöpfungs- und -tauschritual in einem, heilig durchaus, vielleicht gar "tatsächlich" so, daß der Fleischinhalt des ersterlegten gehäuteten Wilds dem Gott geopfert und das eh ja ataraktische Fell zum Urball, dem Urgeld, zusammengeschnürt würde? Gleichwohl überhaupt - da ist nichts zu machen -, der also in die Welt gesetzte Grundwiderspruch zwischen Wert- und Äquivalentform bleibt, ja er steigert sich, je fortgeschrittener, ingeniöser sich der Tausch organisiert. (Nur wissen wir unterdessen warum - ganz einfach: das Zu-Hause ward vergessen...)
Nunmehr die fortschreitende Rationalisierung des Urballs zu bedenken, leitete auch wohl zum Fußgebrauch und damit allererst zur Genealogie des integralen Fußballs wenigstens über. Der Ball - ein semivollkommener Fetisch: leere pneumatisierte tote Hülle (ursprünglich Tierfell, -haut, vielleicht auch die entleerte, aufgeblasene Blase?), unbegrenzte Rotation, auf einer ebnen Fläche aufgesetzt zugleich unbegrenzte vielfältige Fortbewegung, nicht zuletzt Hochspringen, Fliegen (so als sei das tote Wild von den Toten wieder auferstanden). Sehen Sie die Kriterien fetischistischer Perfektion, der nur noch mangelt, daß sie - etwa im Unterschied zu Auto, Flugzeug etc. - für sich autotom von außen disponiert vonstatten geht, und die immerwährend darauf hinausläuft, dinggeworden reale Phantasmen der Disposition des Mutterleibs, der Verfügungsfusion damit im Toten vorzustellen und mit diesem Herrschaftsgaranten faszinierende Zwangsherrschaft über Frau zirkulativ spielerisch, nur noch spirituell, emanzipiert "symbolisch" einzuüben - letztendlich Tore zu schießen durch die weibischen Defensivgecken, zumal den letzten, den Schlußmann (insgesamt durch diese läppische Laiosriege) hindurch. Man spürts wohl hier schon, so als habe Sohn-Rethel doch recht, mehr Recht gar, als er selber sagt: die ultimative Ästhetisierung dieses Tauschrituals dergestalt, daß dieser Reproduktionsbereich insgesamt sich in Produktion und Konsumtion hinein entgrenzt produktiv inflationiert - das wäre Krieg. Schuß, Tor... Deshalb wirkt Damenfußball im Patriarchat auch so witzig.
Gewiß, erst mit dem "richtigen" springenden Ball wird der instrumentale Einsatz der Beine und zumal der Füße über Laufen hinaus freisetzbar. Doch wird man, wenn nicht alles täuscht, darin die Basismotivik der einschlägigen metabasis in die untersten Regionen, diese un-menschliche regressive komische Artistik-Metonymie, schwerlich auffinden. Nein, der Ball fungiert als selbst wohl auch kontinqenter Exekutionsfetisch der Autonomisierungsintention der Tauschsphäre, die konsequenterweise, um nicht bloß Kopie der Produktion zu sein, Subversionen, relativ auf diese in ihrer Primordialität hin, vornehmen müßte. Also: verlief die Organisation der Jägerarbeit korporell über Kopf (Blick) und Hand (mit den entsprechenden Organsubsidien, indirekt Beine und Füße), so gilt jetzt die kapriziöse Umkehrung, Kopf und Füße tauschproduktiv zusammenzuschließen - der Tausch-"Schematismus" sui generis? Ja, aber gewiß als Verhöhnung der Jägerlogik, und mehr noch: als Grausamkeit a fortiori (sublimativer) Leichenschändung; und also bei weitem schwächer und zugleich gefährlichst stärker als der Produzentenstandpunkt. Vielleicht fällt von hier aus Licht auf Adornos antihumanistisch-provokantes Verdikt: "Denn die Rache ist das mythische Urbild des Tausches; ..."(4)
Ich lege hier einen Schnitt (in der Hoffnung, kein wesentliches Archäologikum des Fußballs ausgelassen zu haben), sofern es mir so vorkommen muß, daß aus keiner noch so trefflichen Systematifizierung der bislang mehr oder weniger lose vorgestellten einschlägigen Elemente Fußball, wie wir ihn kennen, genealogisch resultierte. Anderswohin wohl floß die besondere Rationalitätsvalenz dieser Elemente - sozusagen; es muß was hinzukommen, um sie zu sammeln und irgendwie integrativ zu unser aller Fußball hin stark zu machen. Was aber wäre dieses Hyperprinzip? Nach dem Zeugnis der Historie dieses großen Spiels greift Fußball seit dem 19. Jahrhundert progredient erst so recht um sich; und einmal in den Fängen dieser Produktionsepoche kat'exochen gewinnt es die Form, deren Oberflächennachzeichnung sich erübrigt, da fast jedes Kind sie kennt, und deren Archäologie in dieser Abschlußphase peremptorischer Durchrationalisierung schwerlich noch auf neue Motive zu stoßen vermöchte. Kurzum also, Fußball ward zum Sportereignis par excellence der bürgerlichkapitalistischen Klassenherrschaft, wie man diese Systemqualle sehr wohl immer noch nennen darf. Und demnach gilt jetzt nur noch die Frage, inwiefern Fußball nach der Maßgabe der eruierten Archäologika so einzigartig konkurrenzlos abendländisch just dafür taugt.
Zugegeben auch, daß die skizzierten Rationalitätsstücke, betreffend die Konstitution der Tauschsphäre als des Reproduktionstransitorgans sui generis (mit seinen Inversionen, Abstraktionen, Dilatationen etc.) rein für sich schon beträchtlich Faszinosa sein könnten, dies zumal unter der Decke bürgerlicher Gedächtnislosigkeit als residual-memoriale Verwerfungen vielleicht auf deren Oberfläche, so gehen die gesuchten Eignungsgründe in dieser Latenz gewiß aber nicht auf. M.E. vielmehr geraten sie, müssen sie geraten, um wirklich Fußball auszumachen, in den Sog des Hyperzeichens Kapitalismus, und zwar speziell in die Statikregion von dessen Kompensationsressourcen für Fundamentaldefizite, deren Ausgleichsvollzug indessen sich als Vorstellung, Präsentation der Unendlichkeit der Mangel- und -ausgleichsbildung (ästhetische Zinseszinsen sozusagen) adaptiert. So weit genealogisch allgemein vorgedrungen, liegt die Gehaltlichkeit des Uberkompensationswesens Fußball wohl auf der Hand: man muß nur diesen mächtigsten Antrieb, das Ausgleichsbedürfnis, wie einen harten Scheinwerfer auf die Kollektion der besagten Archäologika richten und sie werden sich entsprechend zusammensetzen - zu König Fußball, diesem armen Monarchen. Also: - dies freilich immer nur als bestens isolierte Theatervorführung einer Machtergreifung - die entmachteten Produzenten-Proleten tun so, dürfen so tun, als ob sie in der Machtzentrale, der emanzipierten Tauschsphäre, nichts als zu Hause und am Drücker wären; gerieren sich so, als gäbe es die vorgängige Schande der Produktionsverhältnisse und auch die nachgängige Schmach im Angesicht des "Hauses", der Frauen, schlechterdings nicht; so als vermöchte der autarkisierte Tausch, diese Vermittlung, alles zu Vermittelnde apriori aufzuzehren; so als sei der Himmel reinster Homosexualität sublimativ gar hienieden; so als sei der irreparable Riß zwischen Kopf und Hand durch den artistischen Brutalismus der Ersatzliaison zwischen Kopf und Fuß einfach reparabel. Pia fraus der Partizipation an der notorischen Totalisierung der Zirkulationssphäre, das heißt an der Allmacht des Krieges wie an deren anderem Extrem Intellektualität, wahrlich die ganze Ausbreitung des ästhetischen Dazwischen, das die Loslassung dieser Extreme zu unterbinden scheint, die große Feier, hinwiederum als Ware freilich kaserniert, Guckkastenbild letztlich frei Haus, wenn es nicht Fernsehgebühren etc. gäbe: "Bild des Bildes des Bildes der Fortsetzung der Vorgeschichte im verschleierten Warencharakter".
Von wegen, Herr Jens (ich darf die Devotion der vielen Fragezeichen einmal mißachten): noch so zünftige dialektische Paraden, Fußball betreffend, hintertreiben in mir das Hohngrinsen auf deren Gesichte nicht: Beschiß (pardon) bedeuten sie alle, noch bevor sie zu Ende gedacht. Wie soll auch aus dieser vielfach insich iterativen hygienischen Imago, dieser reinsten Vorspiegelung, ein subversiver Funken überspringen? Allerbestens ist dafür gesorgt, daß es bei turbulenter Gefängnisfestivität, dem göttlichen Schauspiel intra muros und binnenentrückt nichts als bleibt. Und was würde der Cusaner sagen wegen der coincidentia oppositorum, die zunächst freilich, kreatürlich abgeschwächt, als Paradoxie eingeführt erscheint? In der Tat, im Kriege kollabiert das Zirkulationsnumenon in die miteinander kurzschließenden unteren Ecksphären, Produktion und Konsumtion, hinein, die Gegensätze stürzen ineinander. Und in der magischen Simulation dieses Zusammenbruchs als Fußballspiel breitet sich hinwiederum die ästhetische Simulationspotenz über das Kriegsextrem und dessen Widerschein am anderen Ende Intellektualität (deshalb die Liebe vieler kluger nicht-Fußballer-Menschen zum Fußball!) fesselnd aus: ebenso eine Koinzidenz, die von Militarismus und Pazifismus. Aber ja. Doch diese Kunstbeschwörung von Krieg, ganz spezifisch gemeint wie gehabt, ist selber je schon beschworen vom größeren Zauberer, der progredienteste maschinell hochvermittelte Warencharakter stellt die Realexpansion dieser großen Kunst als Kunst selbst abermals unter göttlichen Vorbehalt - der Warencharakter als diese reservatio selber; und also gibts, das Los der Menschkreatur in humanistischem Verstande, trotz Fußball und immer mehr Fußball weiterhin Krieg. Was freilich viel besser, direkter, einfacher - und das sage ich, auch ohne Fragezeichen hoffnungslos - aus der Homo-sexualität solcher, aller Ästhetik deduzierbar wäre. Lassen Sie es sich gesagt sein: solcher Trost, mit oder ohne Fragezeichen, ist längst chimärisch, und chimaira die ganze Wahrheit. - Prompt passiert dann auch die Wiederkehr des Verdrängten als Symptom, eine Textverhexung besonders markant eben hier: "Freiwillige Selbsterschwerung statt Zwang von außen; 'Kämpfe mit angelegtem Oberarm' statt 'benutze die Ellenbogen, wo du nur kannst'?" Aua. Während ich dies las, da hat mir ein disziplinierter Biedermann mit dem angelegten Oberarm stattdessen mit seinem spitzen Knie in den Unterleib gerammt, und zwar ohne Umschweife vorne; und ohnmächtig bin ich geworden davon; und in meiner Ohnmacht träumte mir, daß im Sozialismus alles besser sei wegen der wahren Realdialektik: Spielgegner = Bruderherz.....
A fortiori sprechen diese Erwägungen gegen den Residualtrost, wenigstens noch grenzenloses Mitgefühl gegen diese Proletenverarschung zu erübrigen und auch in aller anthropologischen Vagheit geltend zu machen, daß es ohne Fußball noch mehr Gewaltmisere gäbe. Nein, sowohl die Apologie erotischer Residuen wie auch noch so honorige moralische Affekte weben nur am universellen Schleier mit, nicht wahr? Nicht weniger dubios aber dünkt es mir, mit einem mental wohlfeilen ekstatischen salto mortale die Fußballpassion zugleich als Passion zu feiern: henkaipan seiner Drogenhaftiqkeit. (Man müßte sich wohl immer mehr darauf verstehen, daß selbst schon die gebrochensten Affirmationen faschistisch geraten!)
Kollektivpsychopharmakon, das bislang bestgemachte, ist er allemal, Neuopium des Volkes, damit nicht die atomare Rüstung und überhaupt die Menschdinge alle wenigstens noch einen schwachen Windhauch von Fühlbarkeit in ihrem Lebensjenseits abzuwerfen vermöchten, damit sie bewußtseinsmäßig nicht einholbar seien - transzendenzlos freilich, nein, viel mehr: noch nicht einmal immanent zum Teil; und dieser Teil driftet in tödlicher mimesis, auf seiner Todesfahrt Reklame machend für den Tod, in sich hinein, implosiv, ab. Aber die Marxsche Verelendungstheorie, meine Damen und Herrn, ist ja längst falsifiziert.
Anmerkungen:
1. In: Republikanische Reden, München (Kindler) 1976, S. 177-187. Die theoretisch relevanten Passagen (etwa S. 185 und 187, der Schlußseite) müßten bis zur Unkenntlichkeit interpretiert werden, um die ersten Spuren eines spezifischen Sinns für Fußball herzugeben.
"Fußball, logisch und variationsreich wie ein Schachspiel und dennoch unberechenbar, ist im Grunde - eine einzige Paradoxie. Ein martialischer Kampf: Schüsse und Kanonaden, Schlachtpläne und Spione im feindlichen Lager; aber die Schüsse werden beklatscht, und die Spione nehmen, statt verhaftet zu werden, Platz auf der Ehrentribüne. Womit gezeigt wird: Krieg ist absurd. Ein Spiel, das den Operationen in der Arbeitswelt kongruent, bis ins letzte durchgeplant ist - vom Intervalltraining bis zum taktischen Rezept: ein Triumph der Wissenschaft! Aber wenn es dann ernst wird, heben sich die Pläne der Parteien auf - womit gezeigt wird: Drill ist nicht alles. Entlarvt vom Sport erweist sich die Logik der Maschinenwelt als - inhuman. ... Fußball: idealtypisches Abbild einer vom 'Erfolg' und 'Gewinn' bestimmten Gesellschaft, wo sich das fair play nicht 'bezahlt macht', und Vorblick nuf eine Welt der Freien und Gleichen, in der die Regeln des Fußballspiels zum kategorischen Imperativ der Allgemeinheit geworden sind: Freiwillige Selbsterschwerung statt Zwang von außen; 'kämpfe mit angelegtem Oberarm' statt 'benutze die Ellenbogen, wo du nur kannst'?
Fußball: Wirklichkeits-Verdoppelung und zugleich Entwurf von Möglichkeit? Widerschein und Vorausschau in eins - wie die Kunst? Fußball die coincidentia oppositorum? Die Versöhnung mitten im Streit? Auf jeden Fall ein Spiel, das rätselhafter ist, als es sich gibt."
2. Rudolf Heinz, Spiel, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Bd. 3, München (Kösel) 1974, S. 1380-1381
3. A. Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit, Frankfurt/M. 1972, edition suhrkamp 555, S. 47
4. Th.W. Adorno, Fortschritt, in: Stichworte. Kritische Modelle 2, Frankfurt/M. 1970, edition suhrkamp 347, S. 48

II. Von der Angst des Tormanns vor dem Elfmeter (für Ellen Alexander van de Bärenhorst)
Der größte Jäger, der der heterogenen Logik der Distributionsgeschäfte nicht gewachsen ist, nicht gewachsen sein muß - dies jedoch im Rahmen rein der Vortäuschung, ebenhier überhaupt mächtig positioniert zu sein und nicht zuletzt Jagdgröße als Ausgangsbedingung dieses quid-pro-quos geltend machen zu können. Das war also einmal und war demnach nimmer: diese Verkehrunq aus fraternalem Gerechtigkeitssinn, deren Freiwilligkeit, sich wenigstens unter Brüdern wie weiland Herakles zu Omphale (Bauchnabelin) zu begeben und transvestitisch die Prämie des großen Opfers der Arbeitskraft apriori (das heißt vor den häuslichen Mißhelligkeiten - wegen der Frauen) einzustreichen, Nein, man sieht es durchaus direkt, der Tormann ist der allerletzte Arsch: entrechteter Produzent, nein, mehr noch, von wirklicher nicht auch zutiefst in sich entfremdeter Arbeit kann überhaupt keine Rede mehr sein, und zugleich der minderste der Händler, Weibsmann, Schwuler, von Hause entlaufen und immer auf dem Sprung dahin zurück.
Doch halt, das stimmt alles nicht - Tormann, Profi, das ist doch sein Beruf womöglich, der lukrative. Und in der Tat, welche Gnade: Ausgleich der ärgsten Demütigung (durch die Ur-bälle, wie gehabt), ein Künstler ist er, ein Komödiant, ein Komiker. Sepp Maier, meine Verehrung. Unbeschadet dessen aber dürfte es doch nicht ganz egal sein, was man des einzelnen tut, zu tun nicht umhin kommt? Schwergewichtige Gedanken vor dem Einschlafen.
Und im Übergang zum Schlaf wurde die Aporie der eignen Binnensituation des Tormanns, die leidige, übermächtig; und die durchaus gegebene Stabilität seines Geldverdienens floß über in die feste Rahmung seiner Halbschlafphantasien, in deren also neutralisierte, indifferente, eingeebnete Bedingung der Möglichkeit.
Die schwere Stunde, der Strafstoß, in Sonderheit der Elfmeter. Pariere ich das Ding nicht, so hatte ich, unter Fußballbrüdern gesagt, eben den Arsch auf; Vergewaltigung, abermals unter Brüdern, die ja der Neigung notorisch nicht entraten, rein um unter ihresgleichen zu bleiben, das Spiel der Gewalt, sprich: die Selbstauslöschung des Anderen zum Zweck der eigenen schutzreichen Selbstinflation, der -vergöttlichung, zu monosexualisieren. Welche Schande, so einfach und ganz selten nur für eigene Untaten sich niedermachen zu lassen.
Der Tormann, ich, die einzige Fühlbarkeitsmasse (fehlt nur noch die Nacktheit) inmitten reinster Mortalitäten, des Tors - dieses ätherischen absolut porösen Hymen -, des Balls - dieser autotom prothetischen Kanonaden-Intensitäts-Prolongation des Schußexekutors, dessen Kinästhesie-Spürbarkeiten doch wesentlich anders geraten sind als meine vergleichsweise inerte korporelle Vergeblichkeit, Uberlistbarkeit oder auch Verletzbarkeit; dieses Schußphallus mit seiner Abtrennungspotenz vom impulsierenden, sich im Erfolgsfalle erfolgreich opfernden Körpers und seiner Entdinglichungsmächtigkeit als gerichteter sich verbrauchender massiger Rundkraftstrahl. (Ja, Physiker müßte man sein.) Mein schäbig vulnerabler Wachpostenkörper mit seinen affenmutterigen Fangarmen, dem konzidierten Residuum des Traums der Kopf-Handgrandiosität von weiland, armes Söhnlein, verschwindend da unten im Muttertor sich aufreckend, lebendiger Jammerpenis der großen entschwundenen Mutter, die je schon in ihrer Tormortalität dem größeren Bombardementphallus gehuldigt hat und, dessen todesproduktiven Eindringlichkeit erfolgreich zu wehren, in dieser Elfmeterprüfungslage den unwahrscheinlichsten aller Fälle ausmacht. Der Sohn wird geschlachtet, wenn er dahin gerät.
Doch immerhin, ein Deut von Chance verbleibt, diesen Strafstoß zu parieren. Aber gewiß, was indessen ist damit gewonnen? Trotz allen Beifalls und des sozialdarwinischen Freudengesangs meiner anschwellenden Bankkonten - für meine innere psychische Ökonomie nichts; mehr noch, im Gegenteil, schwach ausgedrückt, ein Pyrrhussieg sondergleichen, Niederlage just durch Sieg, nichts als inverser Masochismus.
Nicht daß ich den Abprall und den tödlicheren Nachschuß besonders fürchtete, nein; eben wenn es mir gelingt, den Ball zu fangen und festzuhalten, dies energetische Bündel zu rematerialisieren, der Penetration passager endgültig zu wehren, eben dann trete ich nicht als Lichtheld, Christ-König, siegreich hervor, die mortale Weiblichkeit des Tors hat sich in mir vielmehr auf der Grundlage des Schützenversagens zur Mutter vivifiziert, die ihr Baby fest ans Herz drückt. Was aber habe ich als Mannessöhnlein davon, die eh in fiesem Fall schwächere Phalluskanone in mein Kind zu transfigurieren, mich maternal in ein sogenanntes phallisches Weib zu verwandeln, was selbst ja Frauen zu nichts mehr frommt: letztlich nur Bruch macht, Hysterie und so. Und bloß symbolisch ist der Balg ja eh, und in der Monstruösität dieses Symbolismus - tatsächlich habe ich, entre nous verraten, Angst davor, daß der Ball zu bluten begänne - steht Gewalt nur gegen dieselbe Gewalt am anderen Ufer, rein im Homogenen: der Wildschütz sieht sich in der Affenmutter im Spiegel und vice versa. Spätzeitliche Depression, die aus allen Ritzen kriecht; kein Vergnügen, daß Spiel zur harten Profiarbeit ward und doch den Ernstfall vielleicht ein wenig dilatiert; keinerlei Freude über die unmäßige Witzigkeit dieser symbolischen Ordnung eben in diesem ultimativen Sohnesposten mit seinen fetischistischen Hexereien. Und man kommt in einer solchen Gemütsverfassung als Tormann nicht umhin, den prekären Abprall allein noch gutzuheißen, denn das peccatum originale, das ist der Torhütererfolg, schier nicht die nicht verhinderte Vergewaltigung, das geschossene Tor, vielmehr die Mannsschwangerschaft und -Mütterlichkeit, die so sichtbar (ganz im Gegensatz zu Zeus' einschlägigen Erfahrungen) weibsnah bleibt. Beim bloßen Abprall aber hat der Tormann symbolisch seine Tage. Und doch wird das malheur später so oder so passieren.
Wie soll man bei solchen Gedanken einschlafen? Am besten ich lese noch ein bißchen im Borneman: Sexuelle Fußballfolklore. Am quälendsten ist außerdem der Gedanke, daß es der Schütze nimmer auf das Tor, vielmehr auf den Tormann abgesehen hat, so als sei Schwangerschaft und Geburt nichts anderes als ein Nebeneffekt der homosexuellen Beseitigung des mutternahen Sohnes-Rivalen durch den Vater.
"sie hat einen Fußball verschluckt: sie ist schwanger
Fußballhemd: Schwangerschaftskleid"
(Ernest Borneman, Sex im Volksmund I, Sachbuch rororo 6852)
Er träumte - und es war nicht zu klären, ob er dies Ding selbst selber war oder es etwa nur anschaute (solche Grenzen sind im Traum ja oft nur schwer zu ziehen) -, daß sein Tor respektive er selbst aus einer dickeren naturfarbenen Sperrholzplatte bestände, so recht nach den Tormaßen, vielleicht etwas zu hoch nur, und daß wie reliefartig, für ein Relief allerdings ein wenig zu stark plastisch nach außen gestülpt, auf dieser Platte ein wohl mit Watte lose ausgestopfter weißer Spitzenbüstenhalter mit einer Art von Radmuster befestigt sei, und zwar dergestalt, daß die oberen Träger wie körpergerecht über die obere Kante und die Seitenhalterung über die beiden Seitenkanten geführt würde - weiß Gott, wie sie hinter der Platte übereinkommen mögen.
Günstige Verschiebung von unten nach oben, keine Öffnung mehr da unten mit ihren notorischen Mißhelligkeiten. Und prompt halten alle Stürmer wie angewurzelt schon vor dem Strafraum inne: vor diesem magischen Hohngebilde, sie meinen doppelt zu sehen, beginnen gar zu schielen, fallen um. Und dieser korporellen Verschiebung entsprechen sogleich zwei weitere verwandte: die temporal psychogenetische, weg von den Zeugungs- und Geburtsgeschäften zur Laktation, und die der Reproduktionsdimensionen, von der Zirkulation hinüber zur Konsumtion. Umfassende Metonymie. Und vorbei ist die schwere Stunde unseres Tormanns - welche Lösung: er ward zum Gastwirt. Und also vermag er gefahrlos auch die Justierung der stieren Schielblicke seiner umfallenden Triefmaulgenossen zu besorgen: ganz einfach, er führt den erlösenden Dritten am Platz des medizinischen Busens - als Tischtennisbällchen (ein fahriger Geselle also) mit der Aufschriftseite sichtbar nach oben gekehrt ein (Hanno... extra prima... etc.). Dies war er also selbst einmal, der fleischliche Tormann, im Jenseits jetzt das residual korporelle Söhnlein von weiland ebenso ein Ball, ein Bällchen, aber ja. Und man muß gar nicht mehr weiter ausführen, als wie gerecht diese Phallusmetamorphose in der Wirtschaftsmetaphysik dieses nicht-mehr-Tor-Gebildes imponiert. Alles Männliche ist von der Bildfläche verschwunden und weiblich substituiert, aber nein, dies Ganze ist zugleich nichts denn mortal viril, nekrophiler Phallus auf Oralitätsebene, die diese Totalisierung sicherlich erleichtert.
Voilà, dieser Teil des Ganzen hinwiederum als das Ganze, dieser windige Fetisch im Fetisch, dieser in toto und doch nur partiell, er kommt auf - man ist versucht zu sagen, problemlos antinomisch - wie ein attraktiver Leitstern des Allgemeinen, eine platonische Idee, die es nicht verschmäht, vom Himmel gefallen zu sein: ein Wirtshausschild "Zum begossenen Bällein". Unser Extormann hat seine Tormetamorphose flugs in ein Holztablett (welch schöne Natürlichkeit - fehlen nur die Jahresringe oder Ähnliches) verzaubert, und auf diesem findet sich alles weitere als Jägertorte wieder, hygienisch mit durchsichtiger Plastikfolie abgedeckt, so daß die symbolischen Brustwarzen eingedrückt erscheinen. Hinterrücks gehend, trägt er dieses handliche Extor vor sich und vor den Visagen der also so recht auf menschliche Weise hungrigen Genossen, starrend auf dies kleine Mittelding, daher, wie einen Jagdköder, der auf direktem Wege in die Stammkneipe - wie sie heißt, wissen wir schon - geleitet. Der gefährdete Tormann aus dem Schneider.
Doch wie immer trügt der Schein. Mitnichten wurde ich der folgenden Mahlzeit froh. Nicht daß es anstößig gewesen wäre, daß sie Holz-, Watte-, BH-Stoffspitzen, ein Tischtennisbällchen, himmelblauen Wachszuckerguß, Klarsichtfolie verschlangen; nein, die Wirkungen dieser himmlischen Speise fielen in einem äußersten Maße befremdlich aus, denn die Genossen waren nach kürzester Zeit stockbesoffen und fingen unaufhaltsam übel zu randalieren an.
Und von hier an verwischen sich die Bilder. Tormann/Gastwirt auf der Flucht aus dem eignen Heim, in Frauenkleidern. Wohin? Nirgendwohin. Blauweiß preußisch Zucht und Ordnung Maria Himmelskönigin. Fühllos fand er sich schließlich, bevor dann auch sein Traumbewußtsein schwand, zwischen diesen toten Weltenbusen ungenießbar eingeklemmt. Unlösliches Problem.