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Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: "Pathognostische Studien III" (1990), Essen 1990, 323f.
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Gedächtnis
Urgedächtnis: Selbstveräußerung im Ganzen und mortal sowie Selbstverinnerlichung dieser Äußerlichkeit überhaupt retour; Urprojektion und Introjektion des Projizierten. Gedächtnissubstrat i.e.S. = Vor-/Rückübergang selber. Projektion bereits "Opfervorgang" (siehe Lebensdefinition bei K. Lorenz), "Abtötung" zwar im Ganzen, doch diachronisch progredient. Reintrojektion als Rückeinschneidung des Imaginären/Toten ins Reale/Lebendige als Bruch. Dieser Bruch selber dann genauer das Gedächtnissubstrat, Wundercharakter. Im Inneren sozusagen Rückverwandlung des Imaginären/Toten, Binnenleiche restlos in Leben und wieder Ausstoß desselben, wie gehabt, in einem/instantan. Was stellt sich von diesem Vorgang dar? Nicht mehr als der "freie Verkehr" hin und zurück, dies als der hochgezogene quere Passagenpunkt selber = Gedächtnissubstrat.
Was memoriert diese memoria? Sich selber "verstellend" als Ursprung, ist selber also gedächtnislos. Unter welchen Bedingungen aber gewinnt das Gedächtnis Gedächtnis so wie hier?
Gedächtnisgenesis: die Ineinanderschiebung des Realen und Imaginären/Lebendigen und Toten führt zur Aufstauchung und -türmung und zur Drehung des Aufgestauchten. Wie aber kommt dieser Vorgang wieder zurück zum Spiel der Ineinanderschiebung des Differenten? Durch Überhöhung und Überdrehung (Ausdünnung), durch welche zurück sich das Differente in einem infinitesimalen Prozeß des Abfallens (also der unablässigen Spiegelwahrung!) wiederherstellt/herstellt. Darin liegt auch die Potentialität des Gedächtnisses der Theorie hier beschlossen: in der Redifferenzierung jeden Augenblick.
Von woher wird der Tod des Narziß gesehen? Man guckt ihm über die Schulter: Draufsicht. Selbst bleibt man stehen und gibt ihm vielleicht gar einen Schubs, das heißt: blickend bin ich genötigt, mich blickend zu doppeln: einerseits den Blick zu opfern bis hin zur Spiegelbildung wie gehabt (Spiegel selber als der geopferte Blick), Gesamtkörpereinschluß in die Fläche - Augenlider; andererseits denselben Blick vor diesem Opfer zu bewahren. Nur diese Doppelung gewährleistet Sehen, Sichsehen im Spiegel, allerdings mit allen Einschränkungen des Spiegelbilds; diese Einschränkungen dann als kompromißhafte Opferanerkennungen. Was nicht zuletzt heißt, daß im Mythos überhaupt keine Geschichte erzählt wird; der Geschehensrapport ist nichts anderes als der Austrag, Mehrwertaustrag der oben skizzierten Doppelung, des Sehenskompromisses. Ich schicke den Anderen in den Tod, nur daß ich dieser Andere selber bin. Und ich hole mich selber dann sehend ein auf dieser Selbstopfergrundlage als das notorisch eingeschränkte michim-Spiegel-Sehen. Dies Sehenkönnen, um zu sehen zu geben, verhält in einem ersten Schritt dazu, mich in meiner blickkonstitutiven Selbstzurückhaltung in einer Wendung um 90° in die Ebene des wie gehabt gebildeten Spiegels zu begeben; von wo aus ich zu zeigen vermöchte, wie ich mich im Spiegel sehe.
Allein, wie sollte man diese Drehung überhaupt vornehmen können, und, könnte man sie vornehmen, so könnte nur in einem noch reduzierteren Sinne als das Spiegelbild betreffend von Sehen/Sichsehen die Rede sein: sähe man sich selber doch nur im Profil, sähe man zudem nur den entfunktionalisierten Spiegel wie eine Wand? Also: dieses Zeigen ist sehempirisch uneinlösbar, es wird irgend anders supplementiert. - Weiter und schließlich: die sehempirische Unausweisbarkeit vollendet sich in der fortgesetzten Wendung um 90° an den Ort des Spiegelbilds selber, von dem her ich mich als das Original, Spiegelbild des Spiegelbilds sähe. Nicht nur, daß ich im vorhinein nicht dahinkomme, dieser Ort ist auch so beschaffen, daß es überhaupt nichts mehr zu sehen gibt - außer der blinden Rückseite des Spiegels etc. Und also fliehe ich zurück zum Spiegelbild auf der anderen Seite, über das Profil vermittelt, zurück. So schließt sich der Kreis. Kein Panorama.

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.