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Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: KAUM 4. Halbjahresschrift für Pathognostik, Wetzlar 1987, 94ff.
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Intellektuell
Die Normalität, die Leben nicht Leben sein läßt und dessen Tötung, Getötetheit in sich anamnestisch (also eo ipso sentimentalistisch) als die Pseudologie der Lebenskulmination feiert; Expansion des Präteritums über alles und jegliches etc.
Krankheit, die umgekehrt diesen ubiquitären Gewaltsentimentalismus der Oberfläche aufreißt: konträr dazu das (als solches normal verkannte) Mortale nicht tot lassen kann, ohne indessen je dessen Macht zu brechen; die frustrane Rettung des geopferten Fleisches als die Urprovokation der Gerichtsbarkeit von dessen Ding-Transfiguration.
Und - tertium datur - jene rare Version von Auch-Indifferenz, über die vermittelt einzig die Nicht-Inquisition wie die Inquisition der Dinge sich aufzulösen vermöchte? Genannt Intellektualität, Gnosis. Sie träumt nicht von der tödlichen Totenerweckung des Mutterleibs nach dessen Schlachtung durch dessen Verzehr in der Fühlbarkeit des Verzehrenden (freilich ebensowenig von der Normalitätsinversion desselben Vorgangs: Permanenz frommer Gedächtnisfeier für den unerweckten, einverleibten); nein, sie kommt nicht umhin, verzweifelt nicht umhin, denselben tot sein zu lassen, ganz tot, den Rest der frommen Totenehrung aber funktioniert sie um in die Externalisierungsform der Verschriftung, Tätowierung, Grafitti: Totenerweckungssurrogat als Schandschreibe auf der an je diesen Stellen untangierten Leiche. Zwischending. Versteht sich, daß dies alles schon Himmelsspeise-(Mana)-Geschichten sind, in der Travestiesprache des »Oedipus for euer« Arschmahlzeiten, wobei ja die Exkrementalität den durchgebrochensten Übergang zwischen »Körper« und dieser seiner Transfiguration (das Repräsentationswesen insgesamt) ausmacht und der gesunde Körper nichts anderes ist als die ungestörte Gewährleistung dieser seiner Transfiguration, deren Freilassung und Abtrennung (vs. Einbehaltung etc.), wie man schon anläßlich der geringsten Verdauungsstörung wahrnehmen können müßte.
Allemal geht es in Intellektualität - um mich jetzt nur darauf zu kaprizieren - um einen bedeutenden Restitutionsvorgang sui generis, einen solchen also der »depressiven Position« (M. Klein), der in alle »Sublimierung« basal miteingeht. (Selbstverständlich müßten Frau Kleins Lehrmeinungen »erkenntniskritisch«, die Statusvindikation ihrer Aussagen betreffend, korrigiert werden: es sind keine solche früher cogito-Empirie, vielmehr ingeniöse solche synchron-strukturaler Genealogie, von der her dann die betreffende Selbstarchäologie allererst reformuliert werden müßte! Gleichwohl gibts nichts Gründlicheres:)
»In der normalen Trauer gelingt es dem Individuum, die verlorene geliebte Person innerhalb seines Ichs aufzubauen, während in der Melancholie und pathologischen Trauer dieser Prozeß nicht erfolgreich verläuft... Wenn die kannibalischen Impulse übermächtig sind, kommt die Introjektion des verlorenen geliebten Objektes nicht zustande, und das führt zur Krankheit. In der normalen Trauer muß das verlorene geliebte Objekt auch im Ich aufgebaut werden.« (u.v.a.m. in: Das Seelenleben des Kleinkindes, S. 163)
Gewiß - wo aber steht diese (zugegeben erkenntniskritisch verwilderte, doch ingeniöse) Rede? Eben in einem ebenso restitutiven Zwischenfeld zwischen Trauer und Melancholie, Normalität und Krankheit, zumal der Rede wert gegen die Gepflogenheit der Psychoanalyse. Weder kommt es intellektuell zum ordinären Totenkult, dem einfachen Durchgang des resorbierten Dingarkanums in progrediente Dinghervorbringung hinein, noch zum auffälligen Totenterror, der Sistierung nämlich dieser üblichen Passage durch das »Subjekt« in diesem selber (Weder-vor-noch-zurück); Intellektualität zeichnet sich vielmehr dadurch aus, daß zwischen dieser Passage und deren Blockade-Kontrarium der Resorptionsinbegriff sich in die Vertikale hinein gnostisch hochreckt: diese Grenze selber also (und ihre Raptur freilich in sich hineinnehmend) repräsentiert. Übermächtig das Melancholiemoment, der kannibalische Impuls auch hier, so daß die Introjektion scheitert (Gott - dem Phallus - sei dank dafür aber), jedoch als Selbstansichtigkeit eben gelingt.
Gebührend vor-dem am Ort noch das Opfer selber formuliert, ist das Malheur der Schlachtung paroxysmal, in aller bewußtlosen Zeitraffer-Plötzlichkeit (wie wenn die absolute Zeitmetaphorik,-verdichtung apriori möglich wäre) passiert (als das Delir der Selbstgründung ohne Schuld). Versteht sich, daß das Restitutionsgebaren nicht weniger vehement ausfallen muß: das Stadium der Nekrophagie als Totenerweckungsverzweiflung. Es kommt aber eben nicht - alles Mirakel! - zur letalen Leichenvergiftung, wie billig, vielmehr zu deren Exkrementation, die sich als solche (wie für die Ewigkeit) erhält: Schrift. Man sieht: hier ist ein Mortalitätssubstrat am Werk, das das Schlimmste verhindert: durchaus entsprechend der »depressiven Position«, die selbst ja nicht die primordiale ist. Intellektualität - solche Leichenkosmetik; im Geiste freilich, doch ebendrum dem absenten Materialitätsvor»bild« gänzlich verfallen. Die Selbstarchäologie der Intellektualität wird von hier aus wieder virulent, das skizzierte Restitutionsgebaren wohl ihr brauchbarster Leitfaden. Höchstwahrscheinlich sind nicht zuletzt Defekte im Bereich des »Übergangsobjekts« recherchierbar: eine Restitutionsverzweiflung (nach dem Vorausgang eines totalen Schlachtfeldgrauens, vielleicht auch - wer weiß? - Regressionsresiduen der »paranoiden Position« in der »depressiven«), die vor lauter Restitutionsnötigung die Dinge nicht mehr anfassen und visuell entsprechend inquisieren kann, ungeometrisch vielmehr, a-taktil, den Abzug von Sehresten einzig noch binnenphonetisiert, also in in sich schließende Halb-Ding-Imaginaria, das ist Schrift(-Sprache), überführt. Man sieht den Kompromiß in solcher Verlautungsregression im Ausgang vom Sinnesquidproquo: der wundersamen Verwandlung sich verlierenden Sehens in Klangrepräsentation (mit dem entsprechenden Verbalitätsakzent auf dem Repräsentierten). (Welche Desiderate an einschlägiger Theorie!) Der bewußtlose Mörder, der in der produktionsfundierenden Folge der Morde partout nichts anderes mehr sein kann - ob des Ausgleichs der besonderen Schuldbilanz - als Kriminalreporter, seine Art der bedenklichen Sühne.
Zu mutmaßen aber wäre, daß dieses Malheur bereits intrauterin vorbereitet wird (vergleiche EULE Nr. 8, S. 33 ff.): in der unterstellten Sonderdramatik der Durchsetzung des »genetischen« wider das »hormonale Geschlecht«, mit einer Art von Übermotivation,-kompensation der Zirbeldrüse verbunden. Im Spiegelstadium sodann müßte entsprechend der phonetische Beglaubigungsoktroi der Selbstidentität dominieren: dieselbe Verschiebung, Labilisierungsmetonymie demnach des »Schriftlesens«. Und weiter - notgedrungen ohne systematische Prätention (denn trotz aller Psychoanalyse tastet man in einer terra incognita) - sind auch spätere Proto-Symptome desselben Aufbaus naheliegend wie z. B. das Isakower-Syndrom: allemal Aufenthalt der Selbstgründungsentropie vertikal in exotische Gnosis-Interimfelder hinein, die allein schon insofern wenig oft nur torturieren, als sie eben restitutiver Observanz, restitutiv freilich wie immer nur im Toten. (Versteht sich - dies alles ist nicht nur in sich rhapsodisch noch, auch knüpft sich keinerlei kausalgenetische Vindikation daran; denn auch Intellektualität entscheidet sich - gewiß auf diesen Präparationen aufruhend - rein »statistisch« nach der Maßgabe der Konservierungsnötigungen der Dingverfassung, objektivitätsekstatisch also.)

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.