Name
Passwort
Pathognostische Miniaturen
Rudolf Heinz: Kicher-Engelchen
Erschienen in: KAUM 4. Halbjahresschrift für Pathognostik, Wetzlar, Büchse der Pandora, 1987, 91-93
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. © Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Kicher-Engelchen
Dinge gibts allemal - als Intermedien - in Symptomzusammenhängen: wenn diese nicht sogleich sich als Dingtelos stark machen (lassen). Im Waschzwang etwa - dessen Objektivitätsentsprechung immer auch über das Symptomenvironment hinausweisen mag (letztlich in Szenerien nach der Anwendung von Neutronenbomben) - sind es die Seife, das Waschbekken, die Wasserleitung, in gewisser Weise auch der mikroskopierbare Schmutz selbst schon (protointermediär) etc.: mythisch ausgedrückt der ganze Zwischenbereich der Halbgötter, Dämonen, Boten, Engel, die alle freilich, nicht anders als die entrückteren Götter selber, geschaffen und a fortiori unterhalten werden müssen.
Vielleicht machte es demnach Sinn, Symptome, mit der Auffälligkeit solcher Ding-Intermedien(Werkzeuge) ausgestattet, zumal wenn sie nicht sogleich letal ausfallen, als frustrane (Rück)aneignungsversuche der mit den Göttern vorgängig verwechselten Halbgötter anzusehen? Wenns so wäre, ja, dann lachten diese Zwischendinge, hätten sie alles Lachen in ihr böses Medientun hinein absorbiert.
Zum Beispiel die Seife, die eben noch Rand hält, sich vor lauter Lachen nicht bersten zu machen. Soll sie doch im Symptomkontext Waschzwang diesen zerreißenden Gegenzug in sich leisten, diesen allezeit charakteristischen double-bind: laß es doch endlich ganz, das Fleisch von den Knochen abzuschaben (sonst müssen auch noch die Knochen an die Reihe kommen - was aber dann?) und zugleich: tus doch endlich, mach alles Fleisch ins Nichts hinein vollkommen (wie zur Zeit der Entstehung der Anatomie: Abschälung zur Sicherung der Ubiquität der Sehempirie). Beide Fluchtrichtungen aber biegen sich im Selben des Einen Todes zusammen, dem noch ausgesetzten: Lachen, das so und so verstummt; so stumm wie die Seife auch.
Wenn aber am Zerreißpunkt das stumme Seifenlachen ins Fleisch des Waschzwänglers überschösse? An dieser Stelle jedenfalls flöge dieser Engel, sich verlierend kichernd, in den Himmel zu Gott zurück: das sich selbst vor Lachen schüttelnde befreite Fleisch hätte den ganzen hierarchischen Himmel abgeschüttelt; was aber heißt: wiedergeboren. Der Übersprung dieses Engellachens in den Menschen, das ist die Heilung. Als Heilung aber beglaubigt sie den Engel und noch mehr.
Postskript. Wie immer könnte man von solchen Szenerien her das Ganze der Hominisation darstellbar machen; hier insonderheit - eines der Hauptdesiderate - die einzelnen Engelarten: die Seife vs. das Waschbekken vs. die Wasserleitung etc. Freilich ist der Eine Gott der Zusammenschluß beider Fluchtrichtungen je an ihrer Grenze; und sein erfüllendes Bombenlachen auch nicht mehr stumm (rein nur implosiv). Und der
[91]
Normalgebrauch der Seife: Opferprämie (Opfermahl), doch immer um... zu... (nicht nur in sich). Wie aber greift die Pathognosis ein?
Weiteres Postskript. Offensichtlich hats die Fragestellung in sich (die Lektüre des Pseudodionysius Areopagita wird also obligatorisch).
1) Die Körperbeteiligung (instrumenteller Körper!) nicht nur beim Waschzwang (Hand, die die andere Hand wäscht etc.) müßte dazu veranlassen, diese besondere Intermediendimension zu differenzieren: eine besondere Engelsorte. Wahrscheinlich koinzidieren im - immer ausgesetzten - Ziel der Krankheit (in beide Richtungen, wie gehabt, ausgesetzt) der reine Korporalitätsinstrumentalismus (Opferexekutive) mit dem korporellen Exkrementationsujet (Opferstoff): Körper, der sich, rein medial, denselben Körper, material, wegschafft; Herstellung des organlosesn Körpers an sich und durch sich selber. In dieser Sicht fungieren die anderen Engelsorten, Wasser und Seife, sodann wie inverse Medikamente, die nicht - wie im dazu umgekehrten Fall - intermediär für den Ubw.-Verschluß sorgen (mitsorgen), für die (pathologiegemäße) Auflassung vielmehr (mit). Wie weitgehend auch immer aufgehalten noch, gilt also die Zirkularität der Herstellung des instrumentellen, intermediären Körpers einschließlich seiner Werkzeug-etc.-Prolongationen eben durch denselben Körper als wegzuschaffender Abfall - ein Vorgang, der unvermeidlich entropisiert (nicht nur den Himmel auszuhungern versucht, auch diesen subversiven Sterblichen mitvernichtet). Und wobei, krankheitsgerecht, auch die Indifferenz des instrumentellen Körpers und seiner Werkzeugverlängerungen sowie der Abfall-Autotomika (Schmutz) und des Körperstoffs (Haut etc.) veranschlagt werden muß; all diese Unterschiede sind dahin.
2) Gibt es wohl auch einschlägige Krankheiten ohne solche Intermedien/ Engelokkupationen? Allem Anschein nach sinds die Phobien? Eine also protestantische Krankheitssorte? Wahrscheinlich aber trügt dieser Anschein, insofern hier die Intermedialität als solche selber außer Kraft gesetzt ist? Dafür mag vieles sprechen; denn im Phobienfalle scheint durchgehend doch der Weg zu einem Anderswohin abgeschnitten; was hieße, daß die Spitzenintermedien, die oberen Engel wohl, ihren Dienst nicht mehr verrichten können. Phobien demnach: die Aussetzung Gottes (gottseidank) durch den Streik der höheren himmlischen Heerscharen: freilich als prekäre Mitbestreikung sodann des Aussetzenden, des Phobikers.
3) Um schließlich nur noch die ganze Reichweite dieser Fragestellung festzuhalten, die eventuell dazu führen könnte, ein abweichendes System der Krankheiten nach der Maßgabe des Intermedienbezugs zu statuieren: - Welchen Status haben beispielsweise Fetische? Wie steht es mit der »Bühnenausstattung« im Falle der Hysterie? Es führt also kein Weg daran vorbei, den Dinglichkeitskontext je nach Krankheit sorgfältig zu differenzieren.
Letztes Postskript. (Vor dem Erzählen von Engelgeschichten) (zu 1) Die Odipalisierung der Waschzwangszenerie ist gewiß trivial. Doch fällt es
[92]
auf, daß die Psychoanalyse selbst auch nicht symbolistisch und familialistisch hier alle Register zieht, wie dies wohl in ihren Pionierzeiten der Fall gewesen sein mag. Mama - das Waschbecken und Papa - die Seife etc.: gar schon solche generationssexuelle Metaphorik scheint weitestgehend unseriös geworden zu sein, sprich: doch zu sehr bereits an die Ding-Gnostifikation heranzugeraten? Pathognostisch jedenfalls fällt mit dem (psychoanalytischen) Symbolismus (auf Sparflamme) zugleich auch die familialistisch-generationssexuelle Sexualitätsversion: die Familie wird - als tote, in Mortalität, Dinglichkeit, Himmeljenseits-kosmologisch; dieser Ödipuskomplex spielt schon im Olymp. Was außerdem gar nicht weit von Freuds Religions-genealogischen Überlegungen entfernt ist: Gott Vater eben als Papa-Projektion; und daß er gleichwohl »existiere«, lebe, das macht ja das rationalistische Lebens-Todes-quid-pro-quo, diese Indifferenz, aus.
Das Anankastische des Waschzwangs besteht wesentlich darin, die Einmaligkeit (das Währende) der Spiritualität durch das Kontrarium der Obligation von deren - gar zyklischen! - Herstellung korrigieren zu müssen und dies eben nicht zu können: mutuelle Blockadetravestie von Ewigkeit und Vergängnis, und nichts geht mehr. Der Wiederholungsfall, das Repetitionswesen, an das Freud ja die Empirie des Todestriebs nicht zuletzt anband, stellt die Unmöglichkeit des ideell-Einmaligen vor, und, umgekehrt, exekutiert dieses jenes: in sich verbissene Kontrarietäten, - die Entropie von Wiederholung, gleich von woher vorgenommen, allemal.
Allem Anschein nach positioniert sich das Spiel des Kindes, dasjenige mit Dingen, irgend zwischen Symbolismus und pathologischer Gnostifikation; wäre demnach proto-intellektuell, auf die Sicherung dieses Interims aus? Pathognostik, die also kindisch ist.
(zu 2) Vielleicht genauer gesagt: lassen sich die oberen Engel den Protestantismus im Ansatz der Phobie nicht gefallen; Erzengel, die bedeuten: an uns vorbei kommst Du nicht zum Herrn, der uns in dieser Funktion geschaffen hat.
[93]