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Interview mit Rudolf Heinz zum Thema Melancholie (21.06.1989)
1989 befragte ich (zusammen mit Peter Leusch) Rudolf Heinz im Rahmen der Vorbereitung einer Sendung zum Thema Melancholie im Deutschlandfunk. Die Veröffentlichung der Antworten von Rudolf Heinz auf dieser Website erfolgt auf der Basis seiner Zustimmung. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. © Prof. Dr. Rudolf Heinz.
Melancholie und Depression
Es gibt keine Vorgabe der Unterscheidung von Melancholie und Depression, soweit ich orientiert bin -, doch scheint es mir möglich zu sein, eine Ad-hoc-Unterscheidung, die dann vielleicht auch mehr ist als eine solche, vorzunehmen.
Depression, das wäre eindeutig und darüber kann man so sprechen, daß man Kriterien dafür angibt: Pathologie, Krankheit; wohingegen Melancholie so etwas wie ein Zwischenwert zwischen der "normalen" Trauer und der Depression wäre, ein Zwischenwert dergestalt, daß vielleicht von der Melancholie die stärksten Zumutungen, die Augen zu öffnen, die stärksten Erkenntniszumutungen ausgehen, was an diesem Zwischenwert liegen mag. Also so vielleicht ein erster noch sehr vager Versuch, Melancholie und Depression zu unterscheiden. Also Zwischenwert zwischen Trauer, "normaler" Trauer sozusagen und der Depression als Krankheit.
Das Gesamterscheinungsbild der Depression, nicht der Melancholie - ich muß die Depression zunächst an die Reihe nehmen -, das wäre der Umstand, die hemmungslose Ausbreitung dessen, daß kein Gras mehr wachsen darf. Es darf also keine Lebensregung mehr geben. Es muß alles tot sein, aber das Tote selbst, und das wäre der erste Widerspruch in der Depression, das Tote selber soll als Totes leben. Dies ist durchaus nach außen imperial, wie gesagt, es darf kein Gras wachsen, wenngleich es ja wesentlich mit zum depressiven Gebaren zählt, zu klagen, also genau umgekehrt: nicht imperial Leben in Tod zu verwandeln, sondern die Elegie darüber anzustimmen bis hin zur unablässigen Selbstbeschuldigung. Aber ich meine, daß die Inversion der unablässigen Selbstbeschuldigung letztlich mit der Imperialität des All-tötens zusammenfällt, eines All-tötens, mit dem Widerspruch versehen, daß der universelle Tod zugleich noch existiert sein soll, man kann ja nicht sagen: lebendig sein soll, aber immerhin soweit minimalisiert und weniger noch lebendig sein soll, daß es zur spürbaren, fühllos eng ataraktischen - auch hier wieder ein Widerspruch - Existenz des All-Tods kommen soll.
Das Erscheinungsbild der Melancholie -, da würde ich eher dafürhalten, daß die Melancholie kein spezielles Erscheinungsbild hat, was aber nicht ausschließt, daß eine melancholische Position, so wie ich sie eben versucht habe geltend zu machen, eine melancholische Position als eine besondere Erkenntnisposition sich zu stilisieren vermöchte. Dies ist nicht ausgeschlossen, aber ich kann nicht sehen, daß die Melancholie ein bestimmtes Erscheinungsbild hat. Und das gehörte genau zu dieser besagten Zwischenvalenz mit dazu. Es muß von da her Erkenntnis ausgehen, dokumentierbare Erkenntnis, nicht aber, oder weniger nur eine ganz bestimmte Geste, eine bestimmte intellektuelle Geste.
Macht des Objekts über das Subjekt
Der Weltbezug des Melancholikers ist ein solcher der radikalen Inkorporation, des radikalen Narzißmus, wobei "Narzißmus" eventuell ein zu schwacher Ausdruck ist, ein Weltbezug des Todestriebs -, um es mit dem späten Freud, Freud darin rehabilitierend zu sagen; ein Weltbezug, der restlosen Inkorporation, dergestalt, daß auf der gründlichen, mit Stumpf und Stiel, daß auf der gründlichen Beseitigung alles Anderen, jedes Anderen, die Strafe auf dem Fuße folgt, daß dann derjenige, der so mit Stumpf und Stiel alles Andere, alle Anderen aufgefressen hat, zu diesen Anderen selber wird.
Und zwar im Ultimatum, ja ich sag's mal so, nicht wahr, der Nekrophagie, eben des Leichenfraßes selber dann bei lebendigem Leibe die totale Anderen-Leiche zu sein. Dies wäre, wenn man so will, der Objektbezug des Depressiven. Des Melancholikers nicht, der Melancholiker hat ja die Möglichkeit, dies, - das ist natürlich das Substrat der Melancholie selber auch -. nicht einzubehalten, nicht bei sich behalten zu müssen, und, ja daran nachgerade zu platzen. Er hat ja immer noch, und nicht nur residual Möglichkeiten der Veräußerung dessen, und die Veräußerung dessen, das wäre nun eine weitreichende lebens- und todesintime Erkenntnis eben dieses Lebens-Todes-Verhältnisses selber. Also Inkorporation wäre das Weltverhältnis, Inkorporation bis dahin, selbst dann zu dem werden zu müssen, was inkorporiert worden ist. Dies ist allerdings ein Akt von Schuld, die Strafe ist die also des Übergangs dann bei lebendigem Leibe in die Anderen-Leiche. Und was an Symptomen ansonsten in diesem Zusammenhang noch imponiert, das sind immer kleine Differierungen, kleine Aufschübe des letztlichen Todes in diesem radikalen, radikal narzißtischen, radikal todestriebbestimmten Welt-, sprich also Anderen-Verhältnis. Etwa der Aufschub, immerhin noch die Klage anzustimmen darüber, aber eine Klage, die keine Bedeutung betreffend die Auflösungsmöglichkeit dieser radikalen Position hat, das ist vielmehr eine Klage bis hin zur Selbstbezichtigung der eben erwähnten, die nicht anderes im Sinne hat als den gesamten Depressionszusammenhang in sich abzudichten, zirkulär zu machen. Wenn ich die Strafe für eine solche letzte Anmaßung selber noch mit ins Kalkül nehme, mitvollziehe, dann ist dies Gebilde dicht geworden, und diese Dichtigkeit, diese Hermetik des Depressionsgebildes wäre auch nicht zuletzt das entscheidende Kriterium dafür, daß es sich hier um eine schwere Krankheit handelt.
inkorporatives Weltverhältnis
Ich denke schon, daß die Menschen heute eher ein inkorporatives Verhältnis zur Welt haben, die Inkorporation wäre ja festgemacht am Ort der Konsumtion, ein inkorporatives Verhältnis zur Welt, insofern Konsumtion ja als die universelle Entschädigungsinstanz für alle Mühe, für alle Opfer figuriert. Wenn ich die besagte Entschädigung, das Prämienwesen an diesem einen Ort der Konsumtion überakzentuiere, wenn ich nicht umhin komme, dieses Entschädigungswesen zu überakzentuieren, und das wäre ja das Phantasma der Konsumtion selbst, endgültig entschädigt zu sein, und in der endgültigen Entschädigtheit zugleich endgültig entschuldet, wenn ich also nicht umhin komme, dies hervorzuholen nach der Maßgabe des letztlich technischen Progresses selber, dann ist es für mich nicht mehr verwunderlich, daß die Depression im Wachsen begriffen wäre und daß die nachholende Erkenntnis dieses Zusammenhanges nicht umhin kann, sich ein gehöriges Stück mimetisch zur Depression zu positionieren, das heißt also: melancholisch zu werden.
Worin besteht der Weltverlust bei einem inkorporativen Weltbezug?
Wenn die Welt in mir selber ist, habe ich keine Welt mehr: das wäre der besagte Objektverlust. Nun, ich gehe selbst dann in die Welt, in diese tote Welt, also in diese Leichen-Anderen-Welt über.
Da wäre in diesem Zusammenhang das Pendant der Depression miteinzubeziehen, nämlich die Manie. Ich habe eben in meinen Ausführungen allemal ja nicht das Ganze im Inkorporationswesen dagestellt, es fehlt das Ende sozusagen der Verdauung, die Ausscheidung, die Exkrementation. Die wäre für die Depression entscheidend, und zwar so, daß man, - das bleibt jetzt noch leidlich im Rahmen der Psychoanalyse -, sagen könnte, daß das Phantasma einer Inkorporation ohne daß es zu diesem schmählichen Rest des Exkrements darin käme, die Manie wäre, die Hochgemutheit, der Höhenflug, der ganze Überwert, mit dem Anderen in dieser letzten Fusionsweise der Inkorporation als eins geworden zu sein, - dies also die Hypertrophie von Herrschaft selber, das wäre die Manie. Und der Absturz, das wäre nichts anderes, dieses Selben, das Absturz und Selbstsanktionselement darin, das wäre die Depression. Es gibt ja in einem bestimmten Krankheitsbild eh auch diese Kombination von Manie und Depression. Aber beide können auch notorisch getrennt auftreten. Und die Depression, wie gesagt, wäre dann bezogen auf die Ausscheidung, die ja selbst besagt, es ist dieses Anderen-Verhältnis nicht restlos in ein Selbstverhältnis umzuwandeln. Und dies imponiert sozusagen als Schande am Exkrement, und das Exkrement ist dann der Daueranlaß der zirkulären - wie eben ausgeführt - Selbstbeschuldigung. Also man muß schon den ganzen Verdauungsschlauch mit ins Spiel bringen, um den Zusammenhang von Manie und Depression überhaupt bestimmbar zu machen.
Schatten der Selbstverwirklichung
Melancholie bedeutet Selber-schwer-werden: Schwermut
Schwermut, das Selber-schwer-werden, das bedeutet nichts anderes, mit der ganzen Leichenmasse des Anderen belastet zu sein, sozusagen kurz danach, nachdem diese Anderen-Leichenhaftigkeit den Höhenflug zugleich hintertrieb und zum Absturz brachte, kurz danach, und kurz davor, bevor es zur Ausscheidung des Anderen, inklusive meiner selbst dann mit kommt, also zu diesem Sühne- und Bußakt für diese grandiose Anmaßung, die dem sozusagen vorausgegangen ist, es ist also ein Übergangsmoment, die Schwere, ein Übergangsmoment zwischen der Manie und der symptomatischen Depressionserfüllung darin, daß ich zirkulär meiner eigenen Schuld bekenntnishaft, selbstbeschuldigend, exkremental inne werde.
Die Schwere wird zur Leere: das sind alles nur, wenn man es überhaupt in eine Sequenz zu bringen vermag, das sind alles minimale Übergangsphänomene, die Schwere geht sogleich in eine Leere über, nämlich exkremental verliere ich ja nicht nur den Anderen, sondern mich selbst, insofern ich ja mit dem Anderen, ich selbst mit dem Anderen fusioniert bin. Ich verliere mich selbst und den Anderen exkremental, insofern ist also der Ausscheidungsakt und die Ausscheidung die Katastrophe selber. Ich muß allerdings dann, um dies also immer weiter fortzusetzen, dieses Phantasma der Autarkie, der Autonomie, Autonomie ist vielleicht etwas zu schwach ausgedrückt, Autarkie scheint mir besser zu sein -, um dies zu Ende zu führen, muß ich dann - ich sprach ja eben schon von Nekrophagie - koprophagisch werden und hinwiederum das, was ich ausgeschieden habe, mir zuführen, um diese Zirkularität von Anmaßung und Selbstbestrafung der Anmaßung zu Ende zu führen. Aber daran kann man ja schon sehen, daß irgendwann sozusagen frisches totes Fleisch angeliefert werden muß. Dies kann sich nicht in sich selber immer weiter selbst reproduzieren, das wäre dann in der Tat der Beginn der Todesfahrt, in dieser Erkrankung der Depression. Also wir sprachen ja jetzt, um in dieser Unterscheidung zu bleiben, von Depression, es ist aber nicht vergessen, daß die Depression in ihrer sozusagen ablösbaren Zwischenform,- insonderheit erkenntnispotenziell, daß dies die Melancholie ist.
Schatten der Selbstbehauptung
Melancholie als Erfahrung von Sterblichkeit, Endlichkeit
Dies ist nicht nur sozusagen ein Prozeß ohne Subjekt, es ist ein Prozeß, und zwar ein nothafter Prozeß sondersgleichen mit einem Residual-Subjekt mindest, oder mindest mit einem Subjekt-Posten, der die Möglichkeit hat, dieses Verhältnis selbst erkennbar zu machen. Dabei aber in der Erkennbarkeit nicht in eine Meta-Position hineingerät, sondern dasselbe auch in der Erkennbarkeit hinwiederum vollstreckt. Das könnte man zeigen etwa am Problem von Sprache versus Schrift, und und und. Also Schrift als das Melancholicum selber.
Melancholie als Schatten der Selbstbehauptung
Ich glaube, das kann man als Charakteristik des betreffenden Stücks Geschichte, Gattungsgeschichte behaupten, daß spätestens von Beginn dessen, was man so à la Blumenberg humane Selbstbehauptung nennen kann, spätestens von da an die Melancholie der notwendige Begleitschatten der humanen Selbstbehauptung in Richtung humaner Autarkie, und mehr als nur humaner Autarkie ist, der notwendige Begleitschatten, und zwar in dieser Doppelung als Akzentuierung von Depression, als Funktionalisierung besser vielleicht von Depression zu diesem Schatten der Autarkie, einerseits, und auch der Etablierung von Erkenntnisformen, die dann ebenso unvermeidlicherweise melancholiebegründet sein müssen. Was nachzuweisen wäre, etwa von innen in der Geschichte der Philosophie, von diesem Zeitpunkt an. Da wäre auch keine Sorge, dies nachzuweisen, denke ich.
Atopie der Melancholie
Wenn es keinen Ort der Melancholie gibt und zugleich aber die besagte Autonomie und gar Autarkie zum Selbsterfüllungsprinzip gemacht wird und als solches erhalten bleibt, dann mußte sich diese Atopie, diese Ortlosigkeit der Melancholie, der Depression, - ich sage jetzt einfach mal der Kürze halber Melancholie -, rächen. Und zwar müßte sich diese Ortlosigkeit bitterst rächen, weil nämlich die Anmaßung, die in diesem Menschheitsprojekt liegt, ohne daß sie mindest immanent und mehr als nur immanent ihre eigene Ermäßigung mit sich führt, eine solche Übersteigerung der Bewältigungsansprüche an Welt transportiert, daß man sich am Ende nicht wundern muß, daß die Zerstörung der Welt letztendlich zum Ziel dieses Unternehmens wird. Also, um es vielleicht einmal paradox zu sagen, je mehr Schattenwurf von Melancholie, ohne daß dieser Schattenwurf sich nochmal immanentisiert zur eigenen Selbstbestrafung und eigenen Selbstmotivation dieses Gebildes, je mehr melancholische Schattenwürfe, die anerkannt würden als Monitum, als Anmahnung dessen, daß der Mensch nun einmal ein sterbliches Wesen ist, um es kurz zu sagen, umso mehr Gegenwirkungen gegen die nicht nur letztlich, sondern von Anbeginn an zerstörerische Potenz dieses humanistischen Aufklärungsprojekts.
Die Utopie ist die Atopie der Melancholie, insofern die Melancholie in ihrer ganzen Schrecklichkeit immanentisiert in die Utopie eingegangen ist.
Das gefällt mir sehr jetzt, das ist ja gar kein Wortspiel zwischen Utopie und Atopie; da gibt es die besagte, ich hätte beinahe gesagt, gesetzliche Korrelation zwischen Atopie und Utopie: je weniger, oder anders gesagt: je mehr Atopie dieser - ich bleibe einmal bei dieser Metapher - der Schattenwürfe, um so ausgeprägter das utopische Bewußtsein. Und das utopische Bewußtsein erweist sich dann, quasi am anderen Ende, ortlos betreffend dieser Schattenwürfe, das utopische Bewußtsein erweist sich dann regelmäßig als eine Überforderung, um es sehr höflich zu sagen: Überforderung, es ist ja mehr als eine Überforderung, es ist einfach der Inbegriff der Zerstörungspotentiale selbst.
Existieren an der Grenze
Das ist die in Permanenz, in Verschiebung begriffene Grenze zwischen Leben und Tod selber. Der melancholische Grenzposten als ein Posten exzeptioneller Erkenntnis vielleicht wäre in der Tat ein Posten vor dem Psychopompos sozusagen, - das kann man als Mensch ja selber nicht sein, aber immerhin man kann, das ist eine heikle, gefährliche, schmerzliche Position, ein wenig auch an dieser LebensTodes-Grenze weilen. Und wenn diese Weile nicht mehr möglich ist, wenn von daher nicht eine Chance aufrechterhalten bleibt, ja - ich muß es jetzt wiedersprüchlich sagen -, das Jenseits nicht zu inspizieren, das wäre ja die Inspektion des Jenseitigen, des Todes selber, wenn diese Chance nicht verbleibt, dann resultiert allemal ein grenzenloses Gebilde, ein Gebilde der Einheit, der Homogenität, das so beschaffen ist, daß in seiner Herrlichkeit, in seiner ganzen Vollmacht alles das, was ausgelassen ist an Grenze, an innerer Einsicht in das Zustande-kommen dieses herrlichen Dings, dann kommt alles Ausgelassene wie ein Wiederkömmer, wie ein Revenant darin tödlich, letal wieder. Auch dies ist wie ein Gesetz!
In der Zeitschrift "Du" vom November 1988 gab es eine Foto-Serie, die die melancholischen Gesichter von Fernsehzuschauern zeigte.
Eine Illustration des baudrillardschen Gedankens; das wäre so mehr à la Lyotard gesprochen so, daß alle Medien ein Modus des Erhabenen seien, und das Erhabene tut ja der Einbildungskraft Gewalt an, das wäre also etwas, was letztendlich auf ataraktische Weise nichts als Schmerzen verursacht, also der Terror, wenn man so will, des Allgemeinen als Medium selber; und das würde mich garnicht wundern, daß dies gar, da weiß man ja viel zu wenig bisher noch, daß sich die Gesichter der Fernsehzuschauer, wenn man sie so einmal isoliert, herausstellen können als Dokumente von Depression, oder vielleicht ein bischen noch davor, aber ohne viel Erkenntnisabwürfe von diesem Ort her, also als melancholische Gesichter, und das wäre ja genau das, was ich ja eben sagen wollte, als ich ausführte, daß die Melancholie als eine Erkenntnisposition selbst ungestisch sozusagen ist, sie muß keinen Ausdruck haben, in dem sie ihre Chance der Sondererkenntnis nutzt, das muß ja nicht der Fall sein. Aber sobald dies stillgestellt ist und sozusagen im Übergang auch hier wieder Grenzwerte, minimale Übergänge, sobald sie im Übergang zur Depression ist, dann meine ich, dann würden genau solche Fotos resultieren mit erschreckenden Gesichtern. Man meint, was ist da los, sind die schon in der Klinik, oder ich weiß nicht wo, jedenfalls irgend in der Psychiatrie, in Wirklichkeit aber, das Geheimnis ist gelüftet, sind es Gesichter vor dem Fernseher.
neuzeitliche Subjektivität
Also: die neuzeitliche Subjektivität als das Programm der Weltvernichtung (deutlicher kann man nicht mehr sprechen), dies war durchaus positiv, affirmativ im Sinne der Befreiung der Menschheit gemeint, bei Descartes, so wie Herr Welsch das dargestellt hat ... Ja, ein Weltvernichtungsprogramm; wie soll ein Weltvernichtungsprogramm sich ausgebend als die Befreiung der Menschheit, als die Befreiung der Menschheit gar vom Schmerz, wie soll ein Weltvernichtungsprogramm anders dann sich darstellen in seiner inneren Entropie als daß immer größere Massen dann gleichwohl von Schmerz dann auf der anderen Seite erzeugt werden. Dies Programm schneidet immer, und zwar immer mehr, je stärker es in sich fortzuschreiten versteht, rückwirkend in die Körper der Menschen bis hin zur Vernichtung der Körper selber, ein. Ich glaube, damit wäre auch das Motiv des Schmerzes, der Zerrissenheit, oder wie auch immer die Ausdrücke lauten, da wären diese Motive abgeleitet aus dem Progreß selber von Rationalismus, von der Aufklärung an bis heute; es gibt ja so etwas wie ein rasendes Kontinuum von Rationalismus und Aufklärung bis in unsere Tage hinein.
Melancholie als Erkenntnis, Erkenntnis in der Melancholie?
Es bleibt natürlich immer noch ein garnicht so leicht traktierbares Problem, was denn nun die Bedingungen dafür sind, daß die Melancholie überhaupt als ein differenter Posten im Unterschied zur Depression als Krankheit bewahrt sein kann; das ist immer noch die Frage, was ist dies; ich muß ja an einer Stelle eine Anerkennung leisten, mindestens an einer, und wenn ich es an einer tue, tue ich es an allen, dann tue ich es im Ganzen, daß ich zwar nicht umhin kann, in dieses Phantasma selber auch mit all dem, was es dokumentiert, hineinzurasen, daß ich aber zugleich wissen kann, daß dies die Katastrophe ist, eine Katastrophe, die sich immer einer mangelhaften, aber zugleich immer nur im nachhinein vollziehbaren und damit schwerlich nur vollziehbaren Anerkennungsleistung verdankt, also der Anerkennungsleistung betreffend, ja, ich komme immer wieder auf dasselbe der Sterblichkeit und Tod. Was ja in der Postmoderne offensichtlich, so wie das Welsch dargestellt hat, Dauerzumutung ist, Anerkennungsleistungen zu vollbringen unter dem Stichwort des Pluralitätsrespekts, - das wäre ja so ein Topos der Postmoderne, Anerkennungsleistungen unter diesem Stichwort zu vollbringen, die alle darauf hinauslaufen, daß dieses Projekt, dieses europäisch-abendländische Weltvernichtungsprojekt als Erlösung der Menschheit in säkularem Betracht beendet werden soll. Nur die Folgelasten sozusagen nach der Beendigung werden dann ja weiter zum Problem, einmal abgesehen davon, daß ich auch skeptisch bin, ob die besagte postmoderne Beendigung, dieses Beendigungsansinnen überhaupt möglich ist. Auch hier ein skeptisch-melancholischeres Votum, als das, was ich bei den postmodernen Freunden bislang vernommen habe.
Melancholie und Intellektualität
Warum gibt es Melancholie und nicht nur Depression, oder: warum Intellektualität und nicht nur Krankheit? Intellektualität als Gratwanderung; Gefährdungen intellektueller Selbstpositionierung (Verweis auf die aristotelische Verknüpfung von Genialität und Melancholie)
Ein sehr schönes Konzept "Aristoteles". Mir fällt außerdem auf, daß wir bisher hier in dem Gespräch, unbeschadet meiner heftigen Zitierung von Verdauungsvorgängen und dergleichen, viel zu wenig physiologisch vorgegangen sind, und dies sind freilich alles Naturvorgänge des Körpers, also nicht daß da jetzt neben dem Menschen ein Naturvorgang wäre, den er gar auch noch irgend anzustreben hätte oder zu verwerfen hätte, so meine ich es nicht, aber dies ist alles eine Angelegenheit von Physiologie. - Zurück zu dieser Gratwanderung: ich sagte, ein schönes Konzept, ein bißchen zu schön, weil ich davon ausgehe, daß die Gewalt-förmigkeit als Fundament der Intellektualität, also als Adaptation an das Normale unvermeidlich ist, um diese Position als eine nicht-kranke Position zu halten. Nur könnte man dann fast wie zu seiner Rechtfertigung intellektuell sagen, daß Intellektualität zu der Gewalt des Normalen ein parasitäres, also ein Aufzehrungsverhältnis eingeht. Nur sollte man nicht so weit gehen, zu meinen, im Anschluß daran, daß die Gewalt des Normalen durch die anwachsende Fülle des Intellektuellen, die es nicht gibt, in der Tat aufzehrbar wäre. Es bildet sich dieses Gewaltpotential allenthalben immer wieder neu, so wie der Hydrakopf, der besagte, nach. Dies also zur einen Seite: Partizipation der Intellektualität an der Gewaltförmigkeit des Normalen, und damit Gewaltförmigkeit des Intellektuellen, wie eingeschränkt auch immer, ich habe ja eine gewisse Einschränkung formuliert. Dies zur einen Seite. Zur anderen Seite, zur Krankheit hin, da ist die Abgrenzung unter Umständen noch komplizierter, oder besser: noch kriterienloser, so, daß sich Kriterien, die hier eingesetzt sind, als solche zu verwischen beginnen, wenn sie veranschlagt werden. Das Verhältnis der Intellektualität zur Krankheit wäre vielleicht so zu bestimmen, daß der Übergang in Krankheit, und das ist der Übergang in die Begierde, dieses Unheil selber sein zu wollen als letzte Macht inklusive der Selbstsanktion, der Sühne dann dafür, daß dieser Übergang selber immer auch intellektuell genähert ist, nicht eingenommen ist, sonst würde ja Intellektualität sogleich kippen in Krankheit, und das wäre ja nicht gerade leichte Krankheit. Dieser verheerende Übergang muß gar genähert werden, weil ohne diese Näherung es ja nicht zu dem Erkenntniseffekt selber darin kommt, nur ich muß dann von daher auch meine Haut wiederum retten in die andere Seite hinein, und dann dieses parasitäre Verhältnis zur Normalität eingehen. Also es ist fürwahr eine Gratwanderung, nur daß ich in dieser Gratwanderung eigentlich immer mit dem einen Bein dahinein in diesen einen Abgrund tappe und mit dem anderen Bein in den anderen, und das heißt aber, so wäre kein Gehen auch keine Gratwanderung zustande zu bringen, wahrscheinlich muß ich dann immer auch wiederum die Beine von da nach da auf diesen mittleren Grat, auf diesen schmalen Grat bringen und dann ein kleines Stück weiter gehen, aber es wäre allemal ein mühsamer Gang, dies mindest! Es ist also ein mittlerer Weg, aber dies bitte nicht als Harmonikum zu nehmen, es ist ein mittlerer Weg zwischen Epikalypse, Verhüllung, Unbewußtheit, das wäre ja der Bereich des Normalen, und - buchstäblich zu nehmen jetzt - Apokalypse, also ein Weg auf der anderen Seite mit dem Gegenteil des Verschlusses, einer Über-Auflassung, einer Über-Bewußtheit, eines Zuviel-Wissens. (...)
Melancholie und Reisen
Unruhe, Heimatlosigkeit, Auf-der-Strecke-bleiben.
Auf-der-Strecke-bleiben, das gefällt mir, in diesem mehrfachen Sinn gehört das Nicht-ankommen, das wäre ja die andere Formulierung für das Auf-der-Strecke-bleiben, das Nicht-ankommen, das ist aber so etwas wie ein magischer Schutz davor anzukommen, nämlich die Ankunft wäre ja todestriebbestimmt hinwiederum die eben dargestellte Inkorporation und so weiter alles Anderen mit den entsprechenden argen Folgen, die dies immanent hat, wobei die Folgen selber hinwiederum als Selbstsanktion das Depressionsgebilde entsprechend krankheitskriterial abdichten. Wenn ich am Ziel ankomme, dann muß ich mindest depressiv werden, wenn nicht sterben, was ja eigentlich auch jeder Traum auch "bedeutet". Also verhindere ich die Ankunft durch die absolute Methode. Die absolute Methode aber ist ein schmerzliches Werk des Auf-der-Strecke-bleibens; aber immerhin: dies scheint eine Melancholie-Position zu sein zwischen Manie und Depression, irgend dazwischen, so, daß es ja auch noch mindest dann die Hinterlassungen dieser Position z.B. als Gedichte gibt.
Wenn ich angekommen bin, riskiere ich, um bei Schlaf und Traum zu bleiben, das Erwachen, das ja immer eine Katastrophe ist, es ist letztlich die Katastrophe dieser narzißtischen Fusion als Einswerden mit allem Anderen; dem auszuweichen führt dann dazu, depressionsstigmatisiert freilich die Methode absolut zu machen, das wäre immer unterwegs zu sein, auf der Strecke zu bleiben und sich auch der Entropie, die ja darin hinwiederum liegt, es geht ja nicht, zu stellen, denn es ist ja auch eine finale Vorstellung: ich bleibe auf der Strecke ...
Es gibt die unvermeidliche Unterbrechung, sowohl des Essens als auch des Ausscheidens (z.B.), und nicht zu vergessen, die Unterbrechung von Schlaf und Wachen. Das Auf-der-Streckebleiben hat seine Restriktionen, insofern die Unterbrechungen anmahnen, als Verhinderung, am Ziel anzukommen, nicht umhin kann, immer wieder kleine Ziele einzuführen, das ist eine Anmahnung von Endlichkeit. Nur, die Anmahnung von Endlichkeit wird sehr schnell und sehr leicht zum Motiv, immer wieder neu den Versuch zu unternehmen, nur auf der Strecke zu bleiben. Das wäre auch etwas, was wir vielleicht etwas stärker noch betonen müssen, daß die Monita, die Endlichkeitsmonita allzu rasch zu Motiven werden, nochmal einen neuen Anlauf gegen die Endlichkeit zu nehmen. Ein neuer Anlauf gegen die Endlichkeit ist auch, permanent auf der Strecke zu bleiben; das ist ja eine List und eine Tücke, nicht anzukommen und dafür eine absolute Methode einzuführen. Die guten Monita verderben dadurch, daß sie zu Motiven dessen werden, was sie ja eigentlich verhindern wollen, nämlich nicht zu gedenken der Endlichkeit. Einen neuen Anlauf zur Uberwindung der Endlichkeit zu nehmen. Und das dann immer in der absoluten Methode selber. Das ist das letzte Raffinement der Melancholie, dauernd zu reisen.
Selbstpositionierung als Melancholiker
Sehen sie sich selber als Melancholiker?
Ja! Ohne Einschränkung, ja, nur! meine ich, daß es mit zur Melancholie dann gehören müßte, daß man lachen kann, daß der Melancholiker Witze machen kann. ... Wenn ich gerne reise, so ist dies, der ich ja zu wissen meine, was Reisen melancholischerweise ist, dann ist Reisen nichts anderes als ein großer Witz. Und jetzt müssten wir dann beginnen, über die Dialektik des Lachens sozusagen zu handeln. Das Lachen wird aufhören müssen! Es hört auf! Es erschöpft sich! Sonst lache ich mich nämlich tot. Und das ist ja nicht der Sinn des Lachens, mich tot zu lachen. Auf das Lachen, es ist kein Prinzip, das meinte ich damit, ist nicht zu gründen, daß tatsächlich das, was momentan im Lachen als besondere Erkenntnis hebbar ist, endgültig weilen könnte; ich kann es weilend machen, indem ich es niederlege schriftlich, aber dann ist es schriftlich niedergelegt, und ich selber beginne eine neue Runde, ein Prozeß, gründen, es bestenfalls des Lachens abermals. Es wird also immer kein Progreß sein, da ist keine Progression darauf zu gründen, es wird immer ein Prozeß sein, Erkenntnis zu gewinnen melancholischerweise im Lachen, diese Erkenntnis niederzulegen und selbst davon nochmal absent zu sein und eine neue Runde desselben.
Und das ist auch eine mühsame Sache, unterwegs praktizieren zu müssen. Es gibt nur Phantasmen der Ankunft, und darüber haben wir die ganze Zeit gesprochen, das ist die Depression, das ist der Tod, und das ist keine Ankunft, daraus ist nun aber nicht zu folgern, daß es nur die absolute Methode gäbe, die ist dauernd durchbrochen, also muß ich mich arrangieren mit Strom und Einschnitt und dem, was an diesen Einschnittstellen für den sogenannten Intellektuellen insbesondere an Wissen, an Wissensmöglichkeiten abfällt.
© Rudolf Heinz