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Miniaturen
Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: KAUM 4. Halbjahresschrift für Pathognostik, Wetzlar 1987, 107ff.
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Normalgebrauch
Freilich wünscht der Kranke, sofern er noch - neurotisch - wünschen kann, sehnlichst den Normalgebrauch der von ihm anscheinend sinnloserweise bestreikten Dingzusammenhänge. Und die Verfänglichkeit ist immer wieder groß, diesem so sehr rationellen Wunsch nachzugeben und gar die Theorie an diesem Nachgiebigkeitspunkte zur Rationalisierung des Nachgebens zu korrumpieren. Wie? Ganz einfach: Man mäßige, dispensiere eben den krankmachenden Rückaneignungsanspruch mit seinen ja nicht emanzipierten, vielmehr nur prä-gnostischen Valenzen, bringe dieses Opfer (eines nicht-Bewahrenswerten), und - siehe - man tritt wieder versöhnt und beglückt in die an dieser Stelle quittierte Menschheit ein. Fehlt dann nur noch, diese gnadenträchtige Konsum-Frommheit als Todesrespektierung auszuzeichnen, und die Normalität tritt wieder in die Rechte der schlechthinnigen Wahrheit (eindundalles) ein.
Also soll es beim kranken Gebrauchsstreik bleiben? (Man hört förmlich schon die Entrüstung darüber.) Gewiß nicht - doch das ist pathognostisch nicht das Problem; man darf sich um Himmels willen hier nicht, durch nichts, erpressen lassen. Argumente also wider diese Normalitätsauszeichnung, den funktionierenden Gebrauch:
Normalität in der Konsumphase - dem Phaseninbegriff derselben - ist nichts anderes als abschließender Ubw-Verschluß, der die gesamte Ubw-Generation voraussetzend zirkulär zuende führt (und entsprechend von vorne wieder beginnen läßt). Daß sich die Normalität der Oberfläche hier verdichtet, das macht die den Gebrauchsort konstituierende Opferprämienverheißung, die sich wie ein fundamentaler Rechtstitel der Rückerstattung des Geopferten geltend macht. Da es nun aber keinen Fall gibt, in dem der Gebrauchsakt nicht selbst wiederum Opfer wäre, richtet sich konsumatorisch die Suggestion ein, Opfer und Restitution des Geopferten pflegten zu koinzidieren: wohl ein Hauptgrund der notorischen Konsumtotalisierung, die nicht zuletzt wohl die Pathologie-Topologisierung in dieser verfänglichen Abschlußphase (mit)bedingt? Und eh untersteht ja diese Erfüllungsmetonymie dem Phantasma von so etwas wie Materie-Fühlung. Nimmt man schließlich kriterial hinzu, daß alles Pseudos der Restitution formal-energetisch wie selbst auch material nur die nächste Runde des Opferns, gleichwo, einläutet, das (on dit) Restituierte immer erneut zur Opfer-Disposition steht, so wird wohl die »Unmöglichkeit« dieses süchtigen Normalitätsinbegriffs deutlich: nichts als ein Betrugssystem, lückenlos in seiner Sucht-Metaphorik, der allerwünschten.
Zusammengefaßt besteht der Konsumköder, ontologisch, darin, daß die Verheißung gilt, selbst die Differenz, die keine sein kann (innerontologisch), hinwiederum endgültig rückgängig machen zu können; Cogito und Maschinität, selbst schon notwendig indifferent gehalten (als universalisierte Totheit, just der Normalitätsstatus), in dieser ihrer Indifferenz tätig in einem besonderen Akt - dem des Gebrauchs - so zu beglaubigen, daß keinerlei Zweifel mehr daran aufkommen kann, daß diese Indifferenz irgend brüchig wäre: peremptorischer Schlußstrich unter die Aufhebung eines fundamentalen Scheins - das Selbe kommt rein ins Selbe zurück.
Das komsumatorisch also beglaubigte Phantasma der Selbst-Absolutheit gibt sich eo ipso sodann als die Fülle des fühlbaren Fleisches: Materie-Fühlung. Und selbst wenn Skepsis aufkommt darüber, daß das Schlaraffenland doch noch nicht erreicht sei, gibts immerhin den schwächeren Trost, daß die Verzehropferkraft-Hingabe instantan rückerstattet wird: Koinzidenz des Opfers und der Restitution des Geopferten eben (nur) im Konsum. Entsprechend kulminiert hier der Ontologie-Betrug (und entsprechend macht es einzig auch Sinn, daß sich an diesem Kulminationsort Krankheit dann einrichtet): Schein der kassierten Differenz zu den Göttern / dem Gott (deren Gnade - »und meine Lust ist es, bei den Menschenkindern zu sein«) - das also überbürdete Fleisch beginnt zu faulen, die also konsumatorisch erfüllte Selbst-Absolutheit insinuiert sich selber als Opferstoff schlechthin; Mangel über Mangel, Seinsmangel.
Überfällig also ist die Metabolismus-Gnosis, Stoffwechselphilosophie (gewiß anknüpfbar insbesondere an deren Idealismus-Version, die Hegelsche Dialektitk), patho-gnostisch präziser Suchttheorie. Normalität = das Unbewußte der Sucht selber: Sucht - diese Spitzenkrankheit unserer Epoche - ist entsprechend notorisch die Duplikation der Normalitätsphantasmagorie konsumatorisch erfüllter Indifferenz im Ort der Fühlbarkeit. Freilich gibts dann keine andere Therapieadresse als diese Normalität selber.

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.