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Rudolf Heinz: Was ist Pathognostik?
aus: Kaum 1 (1984), 10-13; wiederabgedruckt in: Logik und Inzest. Bd. III. 1997. S. 19-22
Der Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre auf dieser Website freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
© Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Entstehung
Etwa vor einem Jahrzehnt [etwa 1984] standen wir vor dem Problem, in einem erweiterten universitären Rahmen Psychoanalyse an interessierte Studenten vermitteln zu sollen, ohne dabei auf einschlägige klinische Verfahren zu rekurrieren. Als an­gemessene Veranstaltungsform dafür setzte sich die gruppenmäßig betriebene Anwendung von Psychoanalyse auf Kunst und Kunstähnliches (z. B. Märchen, Mythen) durch, und dabei ist es, durchgehend experimentell, insbesondere die Erweiterung des Repertoires der Anwendungsobjekte betreffend - warum immer nur Kunst und Verwandtes und nicht etwa Technik? - lange Zeit geblieben.
Die dabei immer virulente Idee einer Sachvermittlung von Psychischem und gesellschaftlicher Objektivität als Inbegriff der Kritik des psychoanalytischen Subjektivismus trieb im Verlaufe dieser Arbeit - recht überraschend - einer möglichen Realisierung zu. Allenthalben nämlich begegneten in unseren Anwendungsobjekten, zumal in den außerkünstlerischen, dieselben unbewußten Konstellationen wie im Bereich der Psychopathologie, nur eben in objektiver, sozusagen autotomer Gestalt. Dies wäre nun aber in keiner Weise eine psychoanalytische Neuigkeit, wenn wir nicht sehr bald schon darauf bestanden hätten, daß diese unsere Psychoanalyse von Objektivitäten schlechterdings keine unverbindliche Spielerei mit (Sexual)symbolen sei, vielmehr Objektivitäts-Gnostik, d. h. die intellektuelle Offenlegung des Produktionsgeheimnisses der vom Menschen geschaffenen Dinge wider deren Normalverständnis, das auf deren tautologische Verschließung, Verunbewußtung, Absolutsetzung aus ist und einzig dem kranken Subjekt den Hervortritt des einen Unbewußten als Schuld-Hypothek beläßt. Folgerichtig kam zu dieser objektivitätsekstatisch gnostischen Wendung eine besondere Akzentverschiebung hinzu: dringlicher als alle pychoanalytische Inhaltshermeneutik erwies sich das Verständnis der Funktion der vorausliegenden Objektivierung, gleich in welches Objektivitätsgenre hinein, selbst: die Funktion der Ent-Schuldung. Man könnte diese doppelte Umorientierung als den subjektivismuskritischen Übergang der Psychoanalyse in Philosophie - im Sinne von Rationalitätsgenealogie, -gnostik - bezeichnen.
Hilfen (und mehr)
Am stärksten ermutigend und hilfreich erwiesen sich auf diesem langwierigen Umorientierungsweg zunächst die Wiederlektüre der Freudschen Todestrieb­theorie sowie psychiatrienahe extremere Psychoanalyseversionen, insbesondere diejenige Melanie Kleins und Heinz Kohuts (Narzißmustheorie). Die endgültige Verabschiedung aber des traditionellen Subjektivismus selbst noch in diesen fortgeschrittenen Konzeptionen wurde erst durch die Rezeption der Psychoanalyse-Philosophie Jacques Lacans, insbesondere in deren Linksabweichungen sozusagen (Félix Guattari: Schizo-Analyse; Luce Irigaray: Feminismus) mit ermöglicht und gestützt; was leider zur Mißliebigkeit eines Selbstausschlusses aus der herkömmlichen Psychoanalyse führte.
Anti-Psychiatrisches (und weniger)
Vor einiger Zeit kam das Bedürfnis auf, dieses unterdessen stabilisierte Umdenken zurückzuwenden auf Probleme der Psychopathologie. Daraus resultierte - zunächst unter dem Titel Anti-Psychoanalyse, jetzt (vielleicht unmißverständlicher) Patho-Gnostik - ein anti-psychiatrischer Verfahrensansatz, in dem Krankheit folgerichtig als eine Art Vor-Erkenntnis der jeweils in ihr betroffenen Objektivität geltend gemacht werden kann - eine Vor-Erkenntnis allerdings, die sich zugleich im Gewaltwesen dieser Objektivität verfängt. D. h. Krankheit leistet zwar so etwas wie selbst gnostischen Widerstand gegen den Unbewußtheitsverschluß des jeweils in ihr thematischen Objektivitätsausschnitts; doch da sie auf ihrem überschwänglichen Kurs der Rückaneignung desselben nicht umhin kommt, dessen Kriegs­extrem (Absolutsetzung) anzugehen und sich zueigen machen zu wollen, verfällt sie in einem diesem Extrem selbst in Form des Selbstopfers und des daraus sich ergebenden Leidens. Krankheit - das ist das in die Fühlbarkeit ver-setzte (sich absolutgebende) Kriegsextrem der entsprechenden (dinglichen) Objektivität. [...]
Projekte
Leicht wohl zu ersehen, daß die Reichweite dieser - im Kern unterdessen disponiblen - Umorientierung noch nicht abgeschätzt werden kann. Theoretisch ist es immer überfällig, das Ausmaß der impliziten Voraussetzungen zu mindern und dieselben zu begründen. Und experimentell verfahrensmäßig wäre es einerseits zwar müßig, theoretische Fortschritte abzuwarten, doch andererseits ebenso unangebracht, rein nur der einschlägigen Empirie die Kraft der nötigen Differenzierung anheimzustellen. Jedenfalls befindet sich die verfahrensmäßige Erprobung weitab vom wuchernden Psychotherapiemarkt. Auch gibt es ja andere Betätigungsbereiche als psychopathologische Phänomene - abermals Kunst zum Beispiel.
Vs. Psychoanalyse
Die einschlägigen Differenzen zur herkömmlichen Psychoanalyse lassen sich verfahrensbezogen bereits formulieren: Es handelt sich schlechterdings nicht mehr um die lebensgeschichtliche Krankheitsgenese aus dem familialen Zusammenhang heraus im Medium der Über­tragung, vielmehr einzig um die (aneignungslogische) Erschließung des Binnenverhältnisses des Symptoms zu dem von ihm selbst avisierten (dinglichen) Objektivitätsausschnitt im Medium erklärender Diskursivität.
Selbstverständlich kann Lebensgeschichte - im Sinne der Infantilitätsgrundlegung des fragwürdigen Vermögens zur Krankheit - ergänzungsweise Aufklärungs­the­ma werden, nicht jedoch mehr unter dem zirkulären Anspruch des Orts von letzter Krankheitsverursachung und -auflösung; selbstverständlich auch geht vom psychoanalytischen Erkenntnisstand nichts verloren - im Gegenteil, das ganze Wissen kommt, objektivitätsversetzt-entsubjektiviert, kategorial bereinigt und zum ersten Mal gewaltkongenial wieder; und selbstverständlich schließ­lich sind Nachstellungen der inneren Krankheits­szenerie im pathognostischen Verfahren selbst kein Tabuthema, nur daß diese, strukturell, auf die Verfahrensmodalitäten als solche bezogen werden müssen, und eben nicht ohne Umschweife auf Subjektivität, die verfahrensimmanent übertragungsgemäß den double-bind-Charakter der Zita­tion des Unbewußten nur verstärkt: es wird hervorgelockt, um bestraft zu werden, so als sei dies nicht längst schon internes Krankheitskriterium selbst.
Die mühsame Verfahrensdisposition dieser Umorientierung gibt zur Hoffnung Anlaß, daß sich der Aneignungsüberschwang, also die auf der Seite subjektiver Fühlbarkeit mit dem Kriegsextrem von Objektivität geteilte Anmaßung - letztlich der des Todes - mildern könnte; schlechterdings jedoch nicht dergestalt, daß der Krankheitssinn wieder untergeht im Verschluß der betreffenden Objektivität (bzw., was dasselbe ist, im diesbetreffend (re)stabilisierten Ich); daß die freigesetzte Schuldmasse wiederverschwindet in deren - der dinglichen Objektivität - schuldabsorptiven Funktion; daß sich das alte Therapieübel wiederauflegt: den Krankheitsbann nämlich zu ersetzen durch den begierigen, all­er­laubten unseres Realitätsprinzips selbst. Substantiell aber muß es fraglich bleiben, ob die Pathognostik dessen Macht nicht vielleicht unterschätzt. Und vorerst bleiben alle Dinge, ihrer Gnostik unbeschadet, so wie sie nun einmal beschaffen sind.
Anhang I: Pathognostik in Kürzstfassung
Mir schwebt ... vor, ... in das psychoanalytische Therapieverfahren selber den symptominhärenten Bezug zur menschlichen Realität expressis verbis aufzunehmen und umzudeuten. Beispiel: Phobien beziehen sich meistenteils auf technische Gegenstände (etwa Brücken); und die übliche subjektivistische Lehrmeinung dazu lau­tet: der Phobiker verhexe diese Gegenständlichkeit, tue etwas zu dieser hinzu, das man von ihr, die eben nichts anderes sei, als was sie sei, wiederwegnehmen müsse: ein Stück projizierter Unbewußtheit, nicht überwun­dener nothafter Infantilität etc. Wohingegen ich immer mehr dazu neige anzunehmen, daß diese sogenannten unbewußten Phantasien, die man vom phobischen Objekt sozusagen substrahieren müsse, selber ganz und gar den Produktionsgrund desselben als scheinbar selbstverständlicher Gegenständlichkeit ausmachen. Wenn dem nun aber so wäre - und davon gehe ich "pathognostisch" aus -, so gilt diese übliche Unterscheidung nicht mehr: hier die menschliche Realität, die so ist, wie sie eben ist, und dort die Subjekte, die im Krankheitsfalle ihr Unbewußtes in diese hinein unbillig projizieren.
(aus: Kaum 1 (1984), 10-13; wiederabgedruckt in: Logik und Inzest. Bd. III. 1997. S. 19-22.)

© Rudolf Heinz