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Rudolf Heinz: Philosophische Einführung in die Pathognostik
Text aus "Lectiones Pathognosticae". Erschienen 1999 im Verlag Psychoanalyse & Philosophie, Düsseldorf. - Der Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre auf dieser Website freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
© Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Vorbemerkung
In der hier vorgelegten "Philosophischen Einführung in die Pathognostik" laufen meine Psychoanalyse-kritischen Motive, wie sie sich im Laufe der Zeit eingestellt haben, zusammen.
"Pathognostik" ist die Sammelbezeichnung dieser - auf eine theoretische wie praktische Alternative zur herkömmlichen Psychoanalyse innerhalb derselben hinauslaufenden - Art von Kritik.
Der philosophische Charakter ergibt sich aus dieser selbst dann schon: als Unterlaufung des Wissenschaftsanspruchs der Psychoanalyse mit deren eigenen, also selbstextrapolierten Mitteln.
Das Einführungsniveau möge dadurch gewahrt sein, daß die Einlaßstellen der pathognostischen Alternative im Freudschen Werk - hier einer dafür besonders brauchbaren Textpassage - aufgesucht werden. Deren kritische Supplementierung erweist sich als immanent subversiv und alternativenbefähigt.
Indem die "Einführung" (keineswegs didaktisch rücksichtsvoll) elaborierte Spuren in die reichlich vorhandene Explikation der Pathognostik legt, wurde deren Auswahlbibliographie am Ende dazugegeben, ergänzt durch eine kommentierte Spezialbibliographie zur Kritik der Neukantianismus-provenienten psychoanalytischen Ichpsychologie (als der Hauptfront der Pathognostik).
Introibo
"Der Hysteriker ist ein unzweifelhafter Dichter, wenngleich er seine Phantasien im wesentlichen mimisch und ohne Rücksicht auf das Verständnis der anderen darstellt; das Zeremoniell und die Verbote des Zwangsneurotikers nötigen uns zu dem Urteil, er habe sich eine Privatreligion geschaffen, und selbst die Wahnbildungen der Paranoiker zeigen eine unerwünschte äußere Ähnlichkeit und innere Verwandtschaft mit den Systemen unserer Philosophen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier Kranke in asozialer Weise doch dieselben Versuche zur Lösung ihrer Konflikte und Beschwichtigung ihrer drängenden Bedürfnisse unternehmen, die Dichtung, Religion und Philosophie heißen, wenn sie in einer für eine Mehrzahl verbindlichen Weise ausgeführt werden." (Freud 1919, 327)
Prominente Gedanken, nicht eben an einer besonders prominenten Stelle! Sie sind besonders geeignet, konstitutive - vergessene und auch überholte - Restriktionen der Psychoanalyse aufzuzeigen, die nicht zuletzt philosophische Kritik provozieren und die entsprechend mit den Ausschlag dafür gaben, die traditionellen Bahnen des Fachs unter dem Titel "Pathognostik" zu verlassen.
Die Freudsche Textpassage enthält die folgenden - in der Geschichte der Psychoanalyse zwar aufgenommenen, weitergedachten, abgeänderten, nicht jedoch grundsätzlich problematisierten und gar subversiv im Ganzen genutzten - Auffälligkeiten als die kriterialen Probleme - explizit der Homogeneität von Psychopathologie und Kultur sowie - der Differenz zwischen beiden (der unabhängigen Kulturgeltung); - implizit der psychopathologie- und kulturimmanenten Auslassungen und - der Heterogeneität von Psychopathologie und "Zivilisation".
Absehungen/Pazifizierungen/Löcher
Das Hauptproblem besteht darin, daß Freud einzig Kulturgenres (namentlich Dichtung, Religion und Philosophie) Psychopathologien (namentlich Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia) als homogen zuordnet, nicht jedoch die nämliche Korrespondenzart für "Zivilisationsgenres" - wie Naturwissenschaft, Technik, Ökonomie etwa - erwägt. Diese Diskrepanz - im Sinne einer die Psychoanalyse aufrechterhaltenden Ausblendung - blieb wie nichtexistent; und darüber hinaus wurde die verbliebene Homogeneität von Psychopathologie und Kultur so weitgehend entschärft, daß von ihr fast nichts mehr übrigblieb.
Folgeproblem der (restringierten) Homogeneitätsthese ist der genaue Unterschied zwischen beiden, Psychopathologie und Kultur; pointiert: die Autonomie/Heteronomie dieser (ehedem das Wertgeltungsproblem). Der Durchschnitt der psychoanalytischen Optionen tendiert eher in Richtung einer relativen Autonomie und depotenziert damit die eminent kulturkritische Valenz der Homogeneitätsbehauptung.
Innerhalb des Psychopathologie-Kultur-Parallelismus imponieren einige - zwar wohl charakteristische, nicht jedoch nicht komplettierbare -- Auslassungen: beispielsweise die Anführung der Dichtung wie als das pars pro toto aller dann Hysterie-korrespondenten Kunstgattungen.
Bild- und Tonausfall?
Um mit dem letztgenannten, dem ungravierenderen Auslassungsproblem - mehr nur im Sinne von zur Beantwortung ausgesetzten Fragen - zu beginnen:
Welches sind die Psychopathologieentsprechungen zur ausgelassenen Musik und zur ausgelassenen Bildenden Kunst? Allem Anschein nach fungiert Dichtung hier als pars pro toto aller Künste, so daß sich der Hysterieverweis künstebezogen generalisieren ließe. Weshalb aber dann solche Auszeichnung der Dichtung? Fast könnte man meinen, Freud optiere in diesem Zusammenhang antikisch/modernistisch, sprich: gesamtkunstwerklich: Dichtung als Inbegriff aller Kunstgenres, kultisch bis theatralisch vereint? Auch liegt ja die Hegemonie von Sprache psychoanalytisch prozedural nahe. Und das weitaus vorherrschende Kunstsujet angewandter Psychoanalyse ist notorisch die Dichtung... Weiterhin auslegungsbedürftig bleibt das allgemeinste Homogeneitätskriterium von Kunst (Dichtung) und Hysterie: die "Phantasiedarstellung", die künstlerisch wie psychopathologisch differentielle Simulakrenkreation.
Wo sind sie geblieben?
Um mit den kultur- und psychopathologieimmanenten Auslassungen fortzufahren:
Seitens der Psychopathologien inklusive je deren womöglichen kulturellen Korrespondenzansinnungen bleiben Quasi-Zwischenformen merklich unerwähnt: so die Phobien (zwischen Hysterie und Zwangsneurose) sowie das gesamte Inter zwischen Neurose und Psychose, insbesondere die Perversionen. Weshalb wohl? Dieser ihrer Zwischenstellung wegen, die sie untergründig aber dominant machen könnte? Anders, psychosenintern, die Nichteinbeziehung von Depression/Manie? Was - unter den vielen fraglichen Punkten, die gar falsifikatorisch zu überlasten hier aber unbillig wäre - die Entsprechung Philosophie-Paranoia anlangt: fernab der Einlassung auf die einschlägige Nosologiegeschichte wäre geltend zu machen, daß Freud die Paranoia als selbständige Psychosenart (versus Schizophrenie) angesehen wissen wollte.' Und freilich wird man oberflächlich entgegnen können, daß es doch auch un- bis antiparanoische Philosophieweisen gibt: solche, die der apostrophierten systematischen Überwertigkeit zu entraten suchen.
Ursprung causa sui
Nun in medias res: zur Homogeneität von Psychopathologie und Kultur. Homogeneität bedeutet, daß Phänomene, die beiden hier, dieselbe Provenienz aufweisen: Kunst (Dichtung), Religion und Philosophie seien Herkunfts-identisch mit Hysterie, Zwangsneurose und Paranoia. Worin besteht der gemeinsame Ursprung beider korrespondenten Reihen: was verursacht/begründet und was erhält sie? Die Notwendigkeit der "Konfliktlösung" und der "Beschwichtigung drängender Bedürfnisse". Die Freudsche Auskunft wirkt recht unspezifisch, fast wie verwischt. Psychoanalytisch (und darüber hinaus) wird man den Bedürfnis- und Konfliktbegriff präzisieren müssen: Bedürfnisse, das sind die "Triebe". Da diese immer aber eingespannt sind in die generationssexuelle Grundkonstellation aller Sexualität, den Ödipuskomplex, und da dieser über die Narzißmus- und die Todestriebtheorie sich expressis verbis fortschreibt ins Begehren der Selbstgründung: sich selbst sein eigener Ursprung, absolut demnach zu sein, sind die Bedürfnisse, die "Triebe" alle nichts als Austragungen dieses letzten Wunschesinbegriffs. Unschwer dann, das Konfliktkonzept in der Folge dessen ebenso spezifisch zu fassen: der Fundamentalkonflikt liegt psychoanalytisch (und darüber hinaus) in dieser menschlichen Gottesleidenschaft beschlossen, insofern deren Erfüllung der Tod ist, die permanent also sanktioniert werden muß, und dies undualistisch mit rein internen ("erotischen") Differierensmitteln. So in etwa könnte die Skizze der revidierten Triebtheorie der Psychoanalyse insgesamt lauten; und allemal zugemutet werden müßte ein solcher Prinzipienmonismus ultimativ des Todestriebs, ohne den die - allerdings dann nur noch philosophischen (versus wissenschaftlichen) - Erklärungsvalenzen der Psychoanalyse schwänden.
Renegaten
Daß der Ödipuskomplex die Psychopathogeneität schlechthin sei, das versteht sich psychoanalytisch von selbst (nicht jedoch schon in der eben geltend gemachten revidierten - den Narzißmus und den Todestrieb mitumfassenden - philosophischen Version: als Theorie gemaßregelter Selbstabsolutheit). Daß derselbe Komplex indessen nicht weniger das Kulturgenerativum kat'exochen darstelle, das ist der Homogeneitätsthese wegen zwingend zwar anzunehmen (es steht ja da!), doch keineswegs psychoanalytisches Gemeingut. Wie auch? Da Kultur selbst ja nicht. Krankheit ist, eben nur Pathologie-homogen, muß der Ödipuskomplex in der Kulturkreation und -rezeption untergegangen sein, - wenn nicht untergegangen, dann eben, als pathogen, kulturogen entfallend. Untergang aber meint nicht Vernichtung, Aufhebung vielmehr. Aufhebung zudem hier nicht mit auch Verbergung, umgekehrt Auflassung dagegen; so daß eine besondere Untergangsform in diesem Kulturfalle veranschlagt wäre: eine solche, die keinen Einsichtsschwund nachsichzieht, ein Gedächtnis-, ein Verwahrungsgebilde im Zwischenbereich von Verschwinden und Befall, eine sozusagen verschlossene Geöffnetheit demnach ausmacht. Für den nicht-psychoanalytisch Sozialisierten mag es grobschlächtig klingen, daß das allgemeine Thema auch aller Kulturgenres nichts denn der Ödipuskomplex sei. Allein, die Variativitäten desselben sind ebenhier derart Legion, daß man deren strikte Bindung an diesen ihren rigorosen Kern oftmals vergißt. Die Geschichte der Psychoanalyse aber votiert in dieser entscheidenden Angelegenheit weitestgehend reaktionär: wie noch zu zeigen sein wird, erhält sich die Freudsche Homogeneitätsthese nicht, sie wird im Gegenteil derart quittiert, daß, durchaus im Sinne eines unerkannten Skandals der Restauration des Idealismus inmitten der Psychoanalyse selbst, Kultur ihre volle Autonomie jenseits des Ödipuskomplexes als ödipal heterogen restituiert - fragt sich dann nur, woher sie denn anders stamme ("Nie sollst du mich befragen..."?)
Schnullerkultur
Gleicherweise sei es der Zweck von Kultur und Psychopathologie, Versuche der Lösung von Konflikten und der Beschwichtigung drängender Bedürfnisse zu unternehmen (nach dem Motto: gleichwohl-Entspannung durch den Schnuller statt der Flasche oder der Brust) - Freuds Kultur- und auch Krankheitstheorie ist im wesentlichen funktionalistisch. Alles Kulturtelos versammelt sich in der Schaffung von Illusionen, in denen Trieberfüllungen sich vorspiegeln (selten genug, fast nie, gar realistischerweise antezipieren) und auf diese Weise Realfrustationen passager ermäßigen; dem allgemeinen Gehalte nach eo ipso die fundamentale Menschheitspassion, letztlich den Tod und davor alle weiteren schuldbedingenden Abhängigkeiten abzulegen. Kultur, das ist bestenfalls die Effizienz von Ersatzbefriedigungen, die, auf Dauer gestellt (wenn der Schnuller nicht wenigstens durch die Flasche statt der Brust abgelöst werden könnte), zum Hungertode grosso modo führten (Mensch, der, umgekehrt, ja nicht allein von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, der auch vom Brote lebt): psychoanalytisch (freudianisch jedenfalls) kommen die kulturellen, die Gedächtniseinrichtungen vom Stigma der Halluzinatorik, des Illusionismus nicht los, und es mag wie ein Mirakel anmuten, daß sie - im Sinne eines "Funktionswechsels"? - sekundär dann wenigstens den Zweck von Vergewisserung und Bestätigung - nicht nur selbstbezüglich, auch auf ihre memorialisierten Inhalte hin - mediatisieren. Kultur, die demnach nur intermediär fungieren kann auf Realbefriedigung einzig an materieller Kultur, "Zivilisation" hin (nicht Schnuller, Flasche mit Pulvermilch als sichernde Brustüberbietung). Das ist die eigentliche Befriedigungsform zwar, doch kommt auch sie, genährt durch die allmotivierende Unmöglichkeit letzter - ödipaler, narzißtischer, todestrieblicher - Erfüllung mitnichten (schwach ausgedrückt) je zur Ruhe.
Bruderhorde
Wenn immer die Homogeneität von Kultur und Psychopathologie gilt, so werden die Kriterien der Differenz zwischen beiden spruchreif. Hier votiert Freud recht deutlich (nicht indessen ohne etliche auch außerpsychoanalytische Probleme aufzuwerfen): der Unterschied beider sei der von öffentlich versus privat, sozial versus asozial, und die Tugend der Publizität ineins mit Soziabilität reduziere sich kurzum auf den Gruppenkonsens: die Verbindlichkeit für eine Mehrzahl. Pathologie ließe sich demnach charakterisieren als individuelle Usurpation von Gemeineigentum, anmaßende Umwandlung von kulturellen Produktionsmitteln der Allgemeinheit in Privatbesitz sozusagen, und dies um den pathologiekonstitutiven Preis des folgerichtigen kommunikativen Ausschlusses, wie wenn die Sanktion des angemaßten Privilegs auf dem Fuße folgte - Vorgänge, die, sofern krankheitsbegründend, freilich jenseits subjektiv-moralischer Verantwortung liegen. Diese Freudschen Auskünfte sind am ehesten wohl pragmatisch zu bezeichnen, etwa im Sinne einer empirischen Wertegeltungstheorie, deren antiidealistischer Grundzug zwar imponieren mag (und sich dem Denkethos der Psychoanalyse entsprechend auch einpaßt), die jedoch in ihrer szientifischen Ausführung (man kann so ja zählen!) den "Triebgrund" ihres Sujets zu verleugnen pflegt (und also kulturtheoretisch hinter die Psychoanalyse zurückfällt). Desiderat aber bleibt die Potenz der Gruppenbildung, sanktionsbefähigte Wahrheiten zu schaffen; was indessen kein schieres psychoanalytisches Desiderat ist, wenn immer man geneigt wäre, "Totem und Tabu" (die Urhordentheorie) und auch "Massenpsychologie und IchAnalyse" zu Rate zu ziehen: Gruppenkonsenz als Angelegenheit ödipaler Fraternität (Gruppe überhaupt als intersubjektive Vermittlung zwischen Kultur und Psychopathologie). Eher wohl auf der Strecke bleibt das Problem der Funktion des Sündenfalls der Psychopathologie angesichts deren quasi objektivierter Therapiertheit als Kultur. Kann man hier überhaupt noch funktional nachfragen? Und wenn, welchem Telos unterstände das beschriebene pathologische Usurpationswesen im außermoralischen Verstande: weshalb Krankheit und nicht sogleich nur noch Kultur, warum Hysterie, Zwangsneurose und Paranoia anstatt exklusiv Kunst (Dichtung), Religion und Philosophie? Wenn es eine psychoanalytische Antwortbahnung dafür geben kann, so wäre sie im defizitären Wesen von Kultur selbst schon angelegt. Gewiß, sie ist nicht Krankheit, bloß krankheitshomogen; kommt es zur Pathologieabsolvenz in Kultur hinein (könnte beispielsweise der Paranoiker zum Philosophen werden), so wäre diese Metamorphose die ganze therapeutische Miete. Gleichwohl wirkt sich die Homogeneitätsthese soweitgehend negativierend auf die kulturellen Pathologiekorrespondenzen aus, daß diese - davon war schon die Rede - ursprünglich (und damit persistierend) nichts mehr und nichts anderes denn Halluzinationen/Illusionen zu sein vermögen: haltlos demnach, phantasmatisch, bar der Realitätsverbürgung, letztlich scheinstabiler nur. Muß es dann noch wundernehmen, daß man sich kulturell wider Krankheit zwar zu retten imstande ist, doch letztlich vom Regen in die Traufe (und gar ins größere Faß) gerät? So daß die Funktion von Krankheit (es steht ja da!) nur scheinbar nicht dieselbe wie die der Kultur ist: ... Beschwichtigung ... Lösung ... und folglich auch jegliche Kreativitätsemphase kollabiert; nur daß die kulturelle (versus pathologische) Aufschubvalenz durchweg stärker, "erotisch" günstiger ausfallen mag. Freud, der deshalb pessimistischer Kulturkritiker bleiben konnte: weil Kultur bloß beschwichtigend ersatzweise zufriedenstellt, ihr Versprechen realer Befriedigung nicht einlösen und eben deshalb der "Triebe" nimmer Herr werden kann, und mehr noch: diese destruktiv gar auflädt und in ihrer Destruktivität in Regie zu nehmen sucht -je mehr Absolutheitsbegehren, umso mehr Enttäuschung und umso mehr Zerstörungsmotivation. Die wahre Krankheitskorrespondenz ist also der Krieg, nicht als Kulturdesaster ("Pallas Athene weint" im Kriegsfall? - mitnichten!), vielmehr als Kulturkulmination. (Um diese These zu sichern, bedarf es indessen der Einbeziehung der "Zivilisation".)
Mohrenwäsche
Offensichtlich skandalisiert(e) die herausgestrichene Homogeneitätsthese selbst in ihrer Einschränkung auf Kultur (versus "Zivilisation"). Es ist notorisch der eingefleischte Manichäismus unseres Rationalitätsverständnisses, der in der Psychoanalyse dieser Reichweite eine Art von Beschmutzungsattacke wider sankrosankte Werte befürchtet; ehedem an erster Stelle die Religion, derzeit indessen, im Zeitalter medial galoppierender Indifferenz, keine dieser Kulturinstitutionen mehr (was sonst wohl an deren Stelle?), so als habe sich die Freudsche Kulturkritik durchgesetzt (was gewiß nicht der Fall ist, sofern Aufklärung und Gegenaufklärung sich derzeit nicht weniger indifferenzieren). Da es wider Erwarten so aber geschah, hätte es auch nicht anders kommen können: nahezu eine Anpassungsgroteske in Sachen der Wertehygiene, eine reaktionär moralistische Nachgiebigkeit, die schwerlich als adaptive List nur angesehen werden kann. Verrat an den eigenen Aufklärungspotenzen ließen innerhalb der Psychoanalyse selbst nicht lange auf sich warten. Insbesondere die südwestdeutsch-neukantianisch geprägte psychoanalytische Ichpsychologie überschlägt sich im Geschäft, den Geburtsschleim an Kultur derart gründlich abzuwaschen, daß deren Taufe ("aus dem Wasser und dem Geiste") deren Geburt - als Konträrthese deren Heterogeneität - substituiert. Wie das vorsichging? Gewiß gegen die Freudsche Homogeneitätsbehauptung, die er nirgendwo widerrief, durchaus im Verein jedoch mit selbst schon seiner Neigung, dieselbe unter das Diktat der (infantilen) Regression zu stellen und ungewollt wohl damit zu entschärfen. Will sagen: wenn der Ursprung der Kultur ebenso der Ödipuskomplex innerhalb des dritten psychosexuellen Entwicklungsstadiums, der Ödipusphase, ist, dann wird die apostrophierte Menschheitspassion der Selbstabsolutheit bis hin zur Komik kindlicher Hypertrophie, deren Nachwirkungen nicht nicht kindisch sein können, heruntergefahren, und dies um des lächerlichen Vorzugs willen, den Metaphysikgehalt im Ganzen in ein wissenschaftlich disponibles Teilphänomen umgeformt zu haben. Szientismus und Moralismus, die sich also bestens vertragen - Freuds Wissenschaftspathos ist es, das die Homogeneitätsthese in sich schon vorverdarb und die Degenerationen der folgenden Entwicklung mitverschuldete. Diese - in der zitierten, historisch einzigartig erfolgreichen neukantianischen Version - braucht nicht mehr zu tun, als die Freudschen Ambivalenzen readaptiv zu vereindeutigen: die Reste des Psychologismus darin zu beseitigen, "Genesis" und "Geltung" strikte also zu (re)diskriminieren, den "genetischen Irrtum" - daß Kulturwerte psychoanalytisch desavouiert werden können - folgerichtig zu widerlegen und, die Krönung der Restauration, so die Psychoanalyse als reine Magd reiner Wertgeltungen endgültig zu domestizieren, auf daß sie endgültig weder Kultur pathologisieren und davor aus Minderem, Verwerflichem ableiten noch umgekehrt wie anti-psychiatrisch Pathologie und Körperlichkeit aufwerten könne. Wohin das führte, das kann nicht oft genug in aller schmählichen Verspätung wiederholt werden: zu einer passageren Andienung der Psychoanalyse (man liest richtig!) an den Nationalsozialismus.
Ödipipus
Freud hat sich gegen diese seine Zähmung nicht verwahrt - überraschenderweise, denn die Tabuisierung künstlerischer, religiöser und philosophischer Gehalte, deren offene Immunisierung gegen psychoanalytische Kritik, die Duldung dieser großangelegten "Identifikation mit dem Aggressor", stehen ihm schlecht nur zu Gesicht. Weshalb er diesen - gewiß nicht expressis verbis polemisch geführten - Angriff auf die Substanz der Psychoanalyse passieren ließ? Um es nochmals zu suspizieren: der Ambiguität, des Decouragements wegen, selbst in der Kultursphäre vor dem in der Homogeneitätsthese angelegten Ultimatum einschlägiger Kritik zurückzuschrecken und wenigstens einen leidlich konventionalisierbaren Fluchtweg fast wie gegen sich selbst zu erlauben; scheinbar geschickterweise nämlich den Ödipuskomplex psychogenetisch zu diminuieren, als basales Regressionsphänomen einzuschränken und kleinzuhalten, seine infantile Überwertigkeit zu deflationieren, um freilich vom Gegenteil dieser Bannungsmaßnahmen, wie zu erwarten, bis zur Widersprüchlichkeit ereilt zu werden: von einer Art psychologistischer Inflation desselben nachgerade. Gegen welche extremen Ausschläge die neukantianische Ichpsychologie eine anscheinend wohlbegründete, Moral und Wissenschaft vereinende Moderation verheißt: in der schönen Rationalisierungsaufgabe, alle wilden Kontingenzen des empirischen Subjekts der Notwendigkeit des transzendentalen, der Ausrichtung auf die heterogenen, ja absoluten Kulturwerte zu unterwerfen. Und wer diese beruhigende Limitierung der psychoanalytischen Kritikpotenzen nicht respektiert, der leidet eben - am nicht untergegangenen Ödipuskomplex in der Form des psychoanalytischen Psychologismus. Es fällt noch auf, daß in dieser hochoffiziellen Psychoanalyse-Renegation sich das Problem der antigenetischen Geltung der Kulturwerte auf eine deren Hauptspezies, die moralischen, pointiert. Das ist bei Freud selbst zwar deutlich anders - das Recht, die Politik treten unter den psychoanalytischen genetisierten Kultursorten nicht auf, jedenfalls aber läßt er auf (inter)subjektivem Niveau keinen Zweifel daran, daß diese besonders heikle Axiologie zumal nicht heterogen bis unbedingt sei -, liegt aber äußerst nahe, insofern dieser normative (paranoische) Bereich zwischen Kultur und "Zivilisation" nicht einfach als ebenso entlastend illusionär, gleichermaßen phantasmatisch wie Kunst, Religion und Philosophie abgetan werden kann. Folglich muß die heterogene Geltungssicherung hier mit besonderem Nachdruck betrieben werden, wie es denn auch de facto in dieser Psychoanalyseausrichtung ausgiebig geschah: in der Konzession "moralischer Autonomie" als "intellegibler Wert" mit gebührendem Verweis auf das "Gottespostulat" gar. ~
Bürgergott
Soweit die Markierung der Homogeneität von Kultur und Psychopathologie (Kunst, Religion, Philosophie, entsprechend Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia), inklusive der Kritik der ichpsychologischen Kritik daran. Gleich zu Beginn wurde die Auslassung - im Sinne einer Heterogeneisierung - der "Zivilisation" moniert: daß sie nicht desselben Ursprungs wie die Kultur sei, nicht ebenso dem Ödipuskomplex (Narzißmus, Todestrieb) entstamme; welche fast immer noch wie selbstverständlich erachtete Sonderstellung, wenn immer sie gilt, allererst den zentralen Einlaßort der pathognostischen Psychoanalysekritik definiert. Um die Antithese vorwegzunehmen: zumal aber der gesamte "Zivilisationsbereich" ist mit Psychopathologie ödipal (narzißtisch, todestrieblich) homogen. Nicht wurde überhört, daß die benutzte Unterscheidung Kultur versus "Zivilisation" nicht nur obsolet klingt; sie diente bloß verlegenheitsterminologisch der limitativen Verdeutlichung auf die problematische psychoanalytische epoche hin und hat auch nichts mit der Unterstellung eines Wertgefälles zwischen beiden so oder so herum zu tun. Was aber nicht heißt, daß die Auswahl anderer, gebührend differentieller Klassifikationen (etwa systemtheoretischer) für unseren Kontext schon geeigneter wäre. Was gehört nun der kritisch von der Psychoanalyse anscheinend verschonten sogenannten Zivilisation (versus Kultur) an? Früher hätte man wohl gesagt: die Dimension der "Produktivkräfte", auch die der "Produktionsverhältnisse", nicht die der "Ideologien", des Kulturreservats; also Naturwissenschaft, Technik und (daran direkt adaptierte) Ökonomie zuvörderst sowie danach - in kontingentem Widerspruch dazu und der ideologischen Subsidien bedürftig - Politik kurzum. Innerhalb der Psychoanalyse sind es mit Sicherheit, begründbar durch das Manko derselben als Sujets angewandter Psychoanalyse (mindest) und durch deren affirmative Selbstbeanspruchung, die Naturwissenschaft, einschließlich deren Operanten; ebenso Technik und Ökonomie, schwächer indessen, weil ja nicht eigenvindizierbar. Übergängig Politik (Recht, "Institution") hingegen ebensowenig wie Kultur, wie gehabt. Eine Selektion demnach der "Produktivkräfte" pur, urbürgerlichmarxistisch, die der ödipalen (narzißtischen, todestrieblichen) Bedingtheit zu entfallen scheint! Endlich der gar transpsychoanalytische Universalhebel, dem die Psychoanalyse, wenn sie taugen soll, als Wissenschaft sodann dienen muß?! Sicher nicht, doch an diese innovative Negation muß man sich allererst gewöhnen.
Idem
Die Probleme, die diese pathognostische Wendung aufbringt, sind dieselben wie vordem die der Homogeneität von Psychopathologie und Kultur, nur daß der supplementierte "Zivilisationsbereich" materialiter wie eine terra incognita wirkt. Um mit dem Korrespondenzenproblem zu beginnen: wie steht es diesmal spezifisch mit diesen? Müßig scheint es, vergleichbare Pendants so wie vorher (Dichtung - Hysterie, und so weiter) zu konstruieren, als schon deren plakativ-eingängige Glätte sich nicht recht halten ließ - auch in diesem neuen Bereich wird man trennscharfe nosologische Einheiten nicht so einfach extrapolieren, diesen Mangel aber als Chance der Neuorientierung nutzen können, da unsere ausgeweitete Homogeneitätsbehauptung nicht schon vorbesetzt ist? Gewiß; doch bleibt der Freudsche Weg kasuistisch induktiv durchaus gangbar, wenn immer die entscheidende Herkunftsidentität ohne Abstriche gewahrt bleibt und - das ist mehr wohl als eine theoretische Oppurtunität - als Ausgangsort die eine psychopathologische Seite, Symptome nämlich in der Rücksicht fungieren, daß deren zivilisatorische Objektivitätsimplikationen, das Dingbetreffen in ihnen im Status pathologischer Gebrauchsabsperrung ansteht - Dingbetreffen eo ipso, gleich, ob es auf der Hand liegt oder erst ermittelt werden muß. Es gehört mit zur pathognostischen Subversion, diesen Akzent zu setzen: den ödipalen (narzißtischen, todestrieblichen) Aufschluß des kranken Subjekts primär auf die in seinen Symptomen betroffenen, irgend abgesperrten Dinge, insbesondere die am stärksten psychoanalytisch tabuisierten "zivilisatorischen", die ja ödipal (narzißtisch, todestrieblich) homogenen, auszurichten. Solches nennt sich "Ding-Genealogie" vermittels Krankheit, um deren optimierten Verständnisses willen; worin die pathognostische Theorie und Praxis besteht.
Fazit: nicht zuletzt sind "Zivilisation" und Psychopathologie, wie immer auch im einzelnen derart aufeinander bezogen, homogen. (A part sei wenigstens noch angemerkt, daß die Einbeziehung nicht weniger psycho-Pathognostik, zum absoluten, selbstapplikativen Wissen übersteigert, nicht hoffnungslos? Arbeitet sie derart nicht auch einem universellen Fiktionalismus, der epochalen Referenzentleerung und Differenzabschaffung, Medien-mimetisch verstrickt, nur noch zu? Nein; denn aller Psychologismus ist apriori dadurch außer Kraft, daß es kein vor-gängiges Subjekt gibt, das sich inflationär projektiv zum metaphysischen sub-iectum, dem Letztgrund - um den Preis der Selbsteinsperrung dann - aufwürfe. Wohingegen Subjekt und Objekt gleichzeitig ungetrennt und unvereint aneinander je aus beider schlechterdings "unbewußten" Vereintheit und auf diese je hin entstehen. In solchen Todestrieb-nächsten Gedanken mag man es sogleich vernehmen: zum Glück gibt es keinerlei Chance, daß sich der psychoanalytische Theoriebestand ohne einschneidende Veränderungen objektivitätsversieren ließe; daß eine Art von "animistischem Kategorienfehler" in dieser Wendung beschlossen sei, das quid pro quo von Subjekt und Objekt darin unterliefe. Rechtens mag man nur darüber stutzig werden, daß im Registerwechsel von der Psychoanalyse zur Pathognostik initial die alten psychoanalytischen Termini wie deplaziert mehr als nur nachklingen; welches von dieser her taktisch, verfremdend nämlich, gar beabsichtigt ist. Ebensowenig verschlägt der Vorwurf der bis zum Letzten selbstreferenten Überwertigkeit, des pathognostischen sich-Übernehmens: das vernichtende Verdikt des "absoluten Wissens". Diese Potenz nämlich ist zugleich die ultimative Schwachheit: durchschauter und aufrechterhalten in sich kollabierender Wahn sozusagen, der in dieser seiner intellektuellen Fassung immer nur bis zum Vorletzten progredieren kann, will sagen: um überhaupt noch sein, um sich artikulieren zu können, dasjenige als Folie benötigend voraussetzt - eben den Verschluß desselben in diesen zugleich offen eingetragenen Gehalts (wenn man will: das darin verzehrte Unbewußte schlechthin) -, das er ineinem dementiert. Und schließlich: die pathognostische (on dit) absolute Hyperpsychoanalyse als "Medienideologie"? Nein, sie ist die - ganz gewiß erfolglose - Parallelaufklärung zu den modernsten Medien, freilich mimetisch an diese und instantan restlos nicht. Daß sie das szientistische "Realitätsprinzip" der traditionellen Psychoanalyse in ihrer insgesamtObjektivitätswendung außer Kraft setzt, heißt eo ipso nicht schon mit, daß sie diesen - in den Medien expressis verbis vollstreckten - Prozeß affumierte, im Gegenteil vielmehr, daß sie - ebenso fernab davon, als Intellektualität das Realitätsprinzip zu substituieren - die Phantasmatik der medial pointierten, medial sich selbstanschauenden Gesamtkultur, sich selbst einschließlich, eben in dieser exklusiven Phantasmatik genealogisch zu erklären sucht. Psychoanalyse demnach, die über Pathognostik vermittelt, den Status unbeschränkter Philosophie einnimmt und von dieser Ausweitung her sich an allen Verwissenschaftlichungsansprüchen vorbei, und auf dieser Philosophiegrundlage reformiert, psychopathologisch zu respezialisieren fähig wird. Da solche Ausführungen aber Gefahr laufen, allzu unvermittelt und verknappt über Intima der auf weite Strecken längst schon elaborierten (und als solcher publizierten) pathognostischen Theorie zu handeln und damit den Rahmen einer Einführung zu sprengen, mögen sie, jetzt tunlichst abgebrochen, zum allgemeinen Anreiz dienen, sich dieser Art einer zeitgemäßen Fortschreibung der Psychoanalyse als deren Dispens' mitzuwidmen.
Blumenfreud
Im Rückblick auf Freud über unsere ausinterpretierte Textpassage hinaus wird man zwar nicht in die Verlegenheit des Hasen mit dem doppelten Igel geraten, doch gibt es mehr als nur eine Stelle in seinem Werk, in der fast in apokrypher Weise die These der Heterogeneität der "Zivilisation", schwerpunktmäßig der Naturwissenschaft, zumindest traumatisiert erscheint - ein Beleg dafür mehr, daß die Psychoanalyse anfänglich breiter angelegt gewesen ist, als aus ihrer verengten, insbesondere ichpsychologischen Tradition hervorgeht. Daß einer dieser sich - selbst auch Freud selber - querstellenden Texte nicht mehr überlesen werden kann, das ist Hans Blumenberg zu verdanken. Der Text, ein protokollierter Diskussionsbeitrag, lautet:
"Freud bemerkt, daß es sich bei der Metaphysik um eine Projektion sogenannter endopsychischer Wahrnehmungen handele. Der Naturforscher könnte durch Übung seine Beobachtungsfähigkeit so weit geschärft haben, daß er sie auf die Außenwelt anwenden könne. - Aber das Stückchen Außenwelt, das er erkennen könne, sei immer nur verhältnismäßig klein. Das Übrige - 'denkt' er - wird so sein wie Ich, im Übrigen wird er also anthropomorph. Für den Rest setzt er also die dunkle Wahrnehmung der eigenen psychischen Vorgänge." (Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Band 1, Frankfurt/M. 1976, 141f)
Und Blumenberg dazu:
"In einer Sitzung seiner Mittwochsgesellschaft, der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung', am 20. März 1907 ist Freud nach dem Vortrag eines Mitglieds über Mystik und Naturerkennen - Thales von Milet nach dem Anthropomorphismus des Mythos der erste Anthropomorphiker des neuen Typs 'Wissenschaft' - zu der These gekommen, es handle sich bei der Metaphysik um eine Projektion sogenannter endopsychischer Wahrnehmungen, wovon sich der Naturforscher dadurch unterscheide, daß er eben diese durch Übung auf die Außenwelt 'anzuwenden' lerne. Freilich um den Preis, daß er nur ein Stückchen Außenwelt erkennt, vom übrigen nur 'denkt' - im pejorativen Sinne von 'sich ausdenkt' -, es wird so sein wie Ich. Folglich: Für den Rest setzt er ... die dunkle Wahrnehmung der eigenen psychischen Vorgänge. Mit dieser Restbewältigung um seine Erkenntnis herum ist der Theoretiker nicht weit entfernt vom Paranoiker, der mit 'Gedankensystemen' seine Angst 'zu verstehen sucht'. Der Mythos hat dieselbe Abkunft wie die Instanzen seiner Kritik, die Metaphysik oder Wissenschaft heißen können und die im Maß ihrer 'Systematik' in Analogie zum Wahnhaften treten - weil alles dies Zurüstungen zur 'Abwehr' aus dem Fonds der innerpsychischen Wahrnehmungen sind."
(Hans Blumenberg, Höhlenausgänge, Frankfurt/Main 1996, 686)
Nirgendwo weiter ausgeführt (ein schönes Desiderat nicht zuletzt für Philosophen!), skizziert Blumenberg mit (dem verhältnismäßig jungen) Freud ein - fast über die Psychoanalyse hinausgehendes - Programm der Genealogie homogener (!) Wissenschaft und Philosophie gleicherweise. Beide gehen auf endopsychische Wahrnehmung (Introspektion, Selbstbeobachtung) zurück; und ebenso sind beide projektiven Wesens: nämlich gehalten, ihr geteiltes formales Material, Autoskopien der Psycho-Funktionen als solchen, zu veräußern, weil im konträren Falle deren Einbehaltung die fundierende Selbstreferenz zu Tode entropisierte; womit der Abwehrmechanismus Projektion zu einem transzendentalen/ontologischen versus empirischen/ontischen Voraus-Gang avanciert: apriorische "Distanz" (Blumenberg) bewerkstelligt. An ihrem Ursprung erweist sich - in der Konsequenz der Mythologie - Philosophie ebenso wie Wissenschaft paranoischer Observanz, wie Freud hier besonders stringent stipuliert. Nicht von ungefähr bringt er diese paranoische Ursprünglichkeit in Zusammenhang mit Silberers "funktionalem Phänomen" - unser Einlaß außerdem der Revision der Freudschen Traumtheorie bezeichnenderweise! -, um sich sogleich aber von dessen Anlage zu einer ubiquitären quasi transzendentalen/ontologischen Macht, der in seinem Diskussionsbeitrag implizit ja und gar für Wissenschaft, ihn selbst also mit, behaupteten, in aller Deutlichkeit abzusetzen. Worin sich Philosophie und Wissenschaft, also überraschend homogen, dann noch unterscheiden? Diese betreibt die von Freud freilich mehr als privilegierte Disziplin der Außenanwendung endopsychischer Wahrnehmungen, deren Projektion auf Natur - ein zähes Geschäft der kleinen Schritte, in seiner Mühsal ausgeglichen durch die wissenschaftskriteriale empirische Erdung des Apriori, die (angeblich) einzige Assekuranz. Der Riesenhof rings um die Zwergeninsel der wissenschaftlichen Seligkeit ist terra incognita, gleicherweise aber wissenschaftsvirtuell, also potentialiter koinzident mit dem seiner faktischen Externitätssättigung harrenden Innen. Dagegen die im wissenschaftlichen Zeitalter schwächere Philosophie: voreilig besetzt sie die unbekannte Gegend apriori, gibt die kognitive Antezipation in mente: das Voraus der formalen Selbstwahrnehmung selbst schon als Erfahrung und Tatsächlichkeit aus, kompensiert den Mangel des Außeneinstands durch potenziert autoreferentielle Systematifikation der isolierten Innendinge, läuft so Gefahr, betrügerisch nachzuhelfen - in der Tat: "Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen / Stopft er die Lücken des Weltenbaus" - so der Philosoph im Unterschied zum Wissenschaftler, der das nämliche vorweg-denkt, doch zuwartet, bis sich die Lücken auf seine, die innen-außen-real-koinzidente Art füllen. Es fällt auf, daß Freud wie fraglos zwar anti-empiristisch rationalistisch votiert - fürs erste kantianisch gar: der Verstand als Gesetzgeber der Natur -, doch diese apriorische Binnensphäre, die sich isoliert selbstbezüglich selbstzugewahren befähigt ist, weit über Kant (und auch den Hauptzug des Neukantianismus) hinaus in eine fundamentalpathologische (paranoische) Genealogiedramatik versetzt, die ihn - Rapaports Kantianismuszurechnung im Ganzen entgegen - viel eher in die Nähe der positivistischen Konträrposition, die (keineswegs Nietzsche nur vorbehaltene) "Projektionstheorie des kategorialen Denkens" bringt, die ihrerseits befremdlicherweise fast unrezipiert blieb. Kriterial der Projektionsbegriff: das bereinigte Innen als das distanzierte Außen als Inbegriff von Erkenntnis. Grundsätzlich fraglich bleibt es aber dann, ob der projektionscharakteristische "Anthropomorphismus" gleichbedeutend ist mit einer wahnhaften Selbstkasernierung des (scheinbaren) Naturerkennens (über die kantianische Restriktion auf "Erscheinung" hinaus) oder aber, die Homogeneität von aneinander entstehenden Subjekt und Objekt präsumierend, umgekehrt eine nichts als sich selbst in Natur antreffende Selbstausweitung, zugleich dann identische Naturausweitung besagt: eine Projektion, die keine mehr ist - der Widersinn einer schlechterdings gelingenden Projektion? Dieser epistemologisch entscheidende Punkt bleibt unklar: sind Natur als Objekt und erkennendes Subjekt homogen oder heterogen? Nach Freud eher doch wohl letzteres? Und für die Psychoanalyse kommt nicht eben erleichternd hinzu, daß die empirisch referente Außenwelt innen, inneres Außen ist. Jedenfalls hat sich Freud an dieser fast apokryphen Stelle, die, wenn sie Tradition gemacht hätte, unabsehbar folgenreich hätte werden müssen, soweit in Philosophie hinein verirrt, daß die Psychoanalyse sich anschickt, selbst schon als Wissenschaftsgenealogie in stärkste Philosophie überzugehen und so die Heterogeneität der Wissenschaft, diesen also erschütterten Hort und Rückhalt ihrer selbst ja mit, abzustreiten.
*Der gesamte Passus zur Projektion:
"Während die Projektoren surrend und flackernd das Zeitalter der zwar bewegten, doch mit deterministischer Starre gekoppelten Bildfolgen - als deren Kontrast Sartre die Kontingenz des Straßengetriebes vor dem Kinohöhlenausgang erleben sollte - einleiteten, breitete in unzufälliger Gleichzeitigkeit die Metaphorik der 'Projektionsmechanismen' ihre Erklärungsmacht über den Psychologismus aus. Sie leistete, was je eine Metapher fürs Theoretische nur hatte leisten können: einem Denkmuster nahezu unbezweifelbarer Plausibilität zu verschaffen, dessen Hauptvorzug darin bestand, die Lokalisierungen 'außen' und 'innen' verwechselbar zu machen.
Dieser Effekt hatte seine ironische Entsprechung darin, daß Freuds Erfindung des 'Projektionsmechanismus' von 1896 die der 'Introjektion' durch Ferenczi 1910 zwar nicht auf dem Fuße, aber doch mit der in dieser 'Schule' immer absehbaren 'Treffsicherheit' der Nacherfindungen und Primatsansprüche, folgte. Dabei ist die spekulative Kunstfertigkeit hoch ausgebildet, nicht schon vorgegeben sein zu lassen, was Außen oder Innen ist, sondern diese Differenz erst durch den Vorgang entstehen zu lassen, dessen Bezeichnung die Differenz nur sprachverlegenheitshalber voraussetzen muß. Die jeweils neue Erfindung läßt denn auch ihren 'Mechanismus' dem schon etablierten als dessen Ermöglichung vorausgehen: Die 'Introjektion' holt allererst herein, was die 'Projektion' herausbringt. Dabei stehen die Faktoren 'Projektor' und 'Reflektor' ebenso im metaphorischen Verbund wie die Metaphorik von 'Sender' und 'Empfänger' für alle Arten von Nachricht und Botschaft ein halbes Jahrhundert später. Darauf beruht die Höhlenassoziation der Projektionsmetaphorik: Man kann nicht in den leeren Raum hinein 'projizieren'. Doch konnte der Raum selbst in der idealistischen Selbstbedeutung des späten Freud zur elementaren Projektion werden.
Aus der letzten Zeit in London 1938 gibt es die den Bogen der Projektionserfindung ausziehende und abschließende Notiz - mit der charakteristischen Altersvorsicht der spekulativen Selbsterfahrung -: Räumlichkeit mag die Projektion der Ausdehnung des psychischen Apparats sein. Keine andere Ableitung wahrscheinlich. Anstatt Kants a priori Bedingungen unseres psychischen Apparats. Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon. Daß aus dem vier Jahrzehnte zurückliegenden Einfall der Selbstwahrnehmung des psychischen Apparats noch eine Rivalität mit Kants Apriori der Form des äußeren Sinnes werden könnte, war wohl der Tendenz spekulativer Steigerungen nach, nicht aber in der erreichten Höhenlage des Anspruchs der Erklärung absehbar: Der psychische Mechanismus der Projektion schafft sich außer dem Reflektor auch noch den Raum, der ihn auf Distanz hält. Denn 'Distanz' ist der funktionelle Sinn der Projektion; sie ist an ihrer Wurzel ein Instrument der Abwehr und bleibt es noch in der pathologischen Verzerrung der Paranoia.
Der Grundgedanke der Projektion ist Distanz; der Preis für die Distanz ist die von Sartre reklamierte Fatalität des derart Entäußerten. Im Gegensatz zum 'Leben' draußen als einem Betrieb, zu dessen Betreiber man wird, indem man auf Distanz verzichtet. Vom Typus der Projektion ist auch und vorzugsweise der Traum. Nicht nur, weil er Abwehr gegen die Störung des Schlafes ist, vielmehr noch, weil sein manifester Inhalt so 'fatal' ist wie der Ablauf des Lichtspiels, wobei es für den Träumer keine Abwendung gibt. In der zensurverformten Entlastung vom latenten Traumgedanken wird dessen Wunschgehalt ebenso 'erfüllt' wie illusionär 'verfehlt'. Dabei ist es sekundär, was mit dem Traum analytisch anzufangen ist. Seine Deutung ist ein Nebenprodukt aus seiner Funktion, die nicht indikatorisch, sondem projektiv-illusorisch ist. Veräußerlichung eines sonst unentäußerlichen Inneren: Anthropomorphismus in dem von Nietzsche geschaffenen weitesten Sinne, der nicht nur Beseelungen und Personifikationen umschließt, sondern auch das theoretische Einheitspostulat der Naturerklärung, den Begriff der Kausalität, die Identität der 'Dinge' als Projektionen des 'Ich' im Verhältnis zu seinen 'Äußerungen'."
(Hans Blumenberg, Höhlenausgänge, Frankfurt/Main 1996, 684ff.
ungetrennt und unvereint
Was zu wissen auch für Philosophen nicht uninteressant sein könnte: das Hauptmotiv der pathognostischen Psychoanalyse-Subversion war praktisch-therapeutischer Natur: nämlich - das mag paradox anmuten - die enorme Widerständigkeit psychoneurotischer Erkrankungen, zum Beispiel von Phobien. Nach eigener Erfahrung damit genügt es keineswegs, auf das isolierte - lebensgeschichtliche und in der Übertragung reinszenierte - Intersubjektivitätsdrama allzeit generationssexuell-ödipaler Observanz zu setzen und in dieser notorischen Konvention sich der Schauplatzverschiebung und -ersetzung sowie zumal darin der Potenzierung der im Symptom ausgelassenen Ebene der Subjekte (in der fast immer trügerischen Hoffnung, auf diesem Umweg das Objektverhältnis mit zu restituieren) anzuvertrauen; nein, die im Symptom ja schon betroffene todestrieblich organisierte Objektivität muß unumwegsam zur primären Referenz werden, sofern des Objekts Produktionsgrund im Voraus dasjenige ausmacht, was ihm angeblich verunklärend pathogen projektiv ex post vonseiten des Subjekts angetan wird: seine vermeintliche ödipal symptomatisch hypersymbolische Überformung. Psychopathologie, die demnach die in ihren Symptomen fungierenden Dinge nicht etwa unbillig sachfremd hintergründig, erhaben, sakral macht, die vielmehr das objektiv schon also "symptomatische" Dingarkanum im Sinne eines anmaßenden Tabubruchs, diese göttliche Vollmachtsreservation sozusagen, zu usurpieren sucht. So daß die auf dem Fuße folgende Sanktion mitnichten die eines Irrtums, ja einer Dummheit, sondern die einer letztlich tödlichen Prätention nur sein kann. An einem Phobiebeispiel: in pathognostischem Verstande ist in der Gephyrophobie die Brücke als solche Thema, das phobische Objekt selbst als zwingendes Monument der vorgängigen Untat der kryptischen Aktualität des Ödipuskomplexes (bis zum Todestrieb) auf dingliche Weise; und das phobische Symptom entsprechend die Indifferenzverkeilung des darin kranken Subjekts mit diesem Objekt, der Differenz-, Vermittlungsdispens zwischen beiden: Despekt des in diesem, dem Objekt, untergegangenen (aufgehobenen) Ödipuskomplexes (bis hin zum Todestrieb), so etwas wie der Raub dieser dinglichen Binnenpotenz; und eben nicht die Intersubjektivitätsabdrift isoliert in Infantilität, deren Verstörtheitssubsistenz sich kontingenterweise an dingliche Gebrauchszusammenhänge wie eine Brücke, die nichts sind als sie selbst, anheftet. So etwa lauten die pathognostischen Verfahrensprämissen, die längst schon praktisch operational erprobt sind.
Obskurantismus
Es wäre ganz im Sinne dieser Anwendungsgedanken, wenn sich eben durch sie das Gespür der ganzen Anstößigkeit der generalisierten Homogeneität von (Psycho)Pathologie und Gesamtkultur intensivierte. Ein Schlag ins Gesicht der wissenschaftlichen Rationalität, finsterste Restauration des Mythos wider die Aufklärung - wird so nicht das große Philosophiewesen beispielsweise der Brücke, dieses harmlosen, nicht eben auch technisch avancierten Dings, mit rein subjektiver, klinikreifer, mitnichten harmloser Verrücktheit verwechselt?! Dagegen hülfe nur noch, wenn nicht am besten sogleich Psychopharmaka, Lerntheorie und Verhaltenstherapie!? Gewiß nicht; in der Tat jedoch: nur durch Schizophrenisierung noch könnte die Gesamtkultur derzeit "apo-kalyptisch" gemacht werden - so versteht sich pathognostische Vernünftigkeit durchaus. Die Traumatisierung aber, die sie effektuiert gehabt haben würde, pariert sich nicht in institutionell paranoischer Inquisition (die freilich - als cultural lag? - immer noch fortbesteht), vielmehr rein objektiv in der bloßen Existenz schon der ausnehmenden, eschatologischen (?), ineinem offenen Verschlußvalenzen der epochalen Vermittlungsprothetik, der Medien. Schlechte Aussichten für die Pathognostik! Endgültig finster aber wird es erst dann, wenn gälte - inwiefern sollte es aber nicht so sein? -, daß just diese nicht weniger magische rabiate Aufklärung rein nur von Gnaden dessen wäre, was sie aufklärt: den Stand der Dinge buchstäblich, der "Produktivkräfte": der modernsten Medien, der Vermittlungsdinglichkeit der zugleich gänzlich verstellten Selbstanschauung des Phantasmas selber.
Devotionalien
Selbstverständlich fiel auch die Pathognostik nicht vom Himmel, sie knüpft an vielerlei philosophische und durchweg philosophisch geleitete psychoanalytische Traditionen dankbar an. Und zwar in aller Merklichkeit an Melanie Klein (psychogenetische Ödipalisierung bis zur Stunde Null zurück, Todestriebadaptationen, Psychotik) und zugleich an den (Schein?)Kontrahenten Kohut, die neuere Narzißmustheorie (mit ihrer Revision des Triebbegriffs) - immer abzüglich freilich des eben in diesen (halbwegs) heterodoxen Positionen insbesondere proliferierenden Subjektivismus. Die daseinsanalytische Psychoanalyse, die, von Freud überraschenderweise nicht anathematisiert, ihrer eindeutigen Philosophieprovenienz wegen aufzunehmen a fortiori naheliegt und die in der Tat auch manches zur Kritik des Triebbegriffs und des psychogenetischen Kausalismus beitrug, verabsäumte es aber, Heideggers "Kehre" einschließlich deren technikphilosophischer Version zu rezipieren; blieb also auf dem Niveau von "Sein und Zeit" ethosgebunden stehen. Wie auch der Freudomarxismus (bis zu seinen späten Ausläufern, etwa Lorenzer), der einzig die pathognostisch entscheidende Objektivitätswendung vorbildete, als Referenz schließlich ausfallen mußte, insofern dieses Schibboleth sowohl in einem bloß inversen Kausalismus mündete als auch der marxistischen Unschuld der Objekte (just der besagten Heterogeneität der "Zivilisation") verhaftet blieb. Daß die neukantianisch geprägte psychoanalytische Ichpsychologie, wenngleich die erfolgreichste Psychoanalyseausrichtung, die Hauptfront und zentrale Absetzungsfolie der Pathognostik darstellt, daraus wurde ja kein Hehl gemacht. Lacan aber und die Folgen? Höchste Stufe der Wertschätzung zwar, doch denkt die Pathognostik haarscharf an Lacan vorbei (und entsprechend wird man dessen Jargon missen müssen), insofern niemals die Absicht bestand, Freud quasi positiv zu "dekonstruieren", und dies mit der unvermeidlichen Folge gewaltiger theoretischer Implosionsmassen dann, die weitestgehend im Banne des Subjektivismus folgerichtig verharren (oder mindest in keiner vergleichbaren Weise ausbrechen?) und auch der prozeduralen Konversion ungenehm entraten. Neben dem intellektuellen Feminismus Irigarays sei in diesem Kontext, dem die Pathognostik am ehesten mitzugerechnet werden könnte, schließlich noch des "Anti-Ödipus" gedacht, dessen dezidierte Objektivitätswendung (Kapitalismus und Schizophrenie, Wunschmaschine, Schizoanalyse) sich als äußerst subsidiär erwies. Allein, dessen nahezu frühsozialistische, Marx überbietende, ja mit einer Art Hyperliberalismus entfesselter universeller Kreativität fusionierende, "post-moderne" technosophische Unschuldsoptionen sind unsere Sache überhaupt nicht. Der mit allem Nachdruck geführte Ausweis der Homogeneität von Gesamtkultur und (Psycho)Pathologie wäre, würde diese Dingemphatik geteilt, frustran gewesen.
Zusammenfassung
Versuchte man sich im Übergang von der Psychoanalyse zur Pathognostik, so ist es gewiß opportun, diejenigen Freudschen Ausführungen zu rezipieren, die von sich aus schon Potentiale dieses Transits enthalten. Wie zum Beispiel die prominente Textstelle, in der die Herkunftsidentität (Homogeneität) von Kulturgenres und Psychopathologien angesprochen ist. Deren Exegese läßt sich, nicht zuletzt auch kritisch gegen die herkömmliche Psychoanalyse rückgewandt, zu einer Einführung in die Pathognostik ausformen.
Dabei stellen sich in der Spannweite von Bestätigung und Kritik die folgenden Aufgaben heraus:
Die Homogeneitätsthese bedarf der genaueren Explikation des gemeinsamen Genus von Kultur und Psychopathologie: des Ödipuskomplexes, der in der Narzißmus- und Todestriebtheorie sich selbst progredient aufklärt und radikalisiert: als Phantasma der causa sui.
Gleich dieses gleichen Ursprungs wegen, wird der Unterschied zwischen beiden, Kultur und Psychopathologie, besonders relevant: die Differenz zwischen der Wahrheitsbefähigung des Gruppenkonsenses und deren Defizits im usurpatorischen, sodann individualpathologischen Alleingang.
Die strikte Aufrechterhaltung des nämlichen phantasmatischen Grundcharakters beider, Kultur und Psychopathologie, erfordert - bereits gegen Freud - die intersubjektivistische Verkleinerung des Ödipuskomplexes zu einer psychogenetischen Entwicklungsphase, dessen Regressionswesen, aufzulösen; und zumal gegen die weitere Verkleinerung dieser Verkleinerung bis hin zur restaurierten Geltungsautonomie (Heterogeneität) der Kulturwerte, wie in der erfolgreichsten, der ichpsychologischen Ausrichtung der Psychoanalyse geschehen, vorzugehen.
Eher marginal sind die Präzisionsdefizienzen in den Kultur-Psychopathologie-Entsprechungen im einzelnen.
Die kritische Hauptaufgabe aber besteht darin, die Homogeneitätsthese auf den ausgelassenen, als heterogen belassenen Bereich der "Zivilisation" - Naturwissenschaft, Technik, Ökonomie - auszuweiten; das allererst macht den die Psychoanalyse in Pathognostik subvertierenden entscheidenden Schritt. Insbesondere in dieser der (angewandten) Psychoanalyse, die selbst ja Wissenschaft sein will, nicht angestammten Sphäre ist es dringlich, alle die im Kulturbereich schon hemmenden Restriktionen der Herkunftsidentität, jetzt ja auch von "Zivilisation" und Psychopathologie (Diminuierungen, Kompromisse, Widerrufe), nicht aufkommen zu lassen.
Bei Freud selbst nicht ausgeführte, nur angedeutete, doch keine Tradition in der Geschichte der Psychoanalyse ausbildende Extrapolationen der Homogeneitätsthese auf das Verhältnis Wissenschaft und Psychopathologie vermöchten für diese subsidiär nutzbar zu sein.
Nicht handelt es sich dabei um die einfache Übertragung psychoanalytischer Kategorien nun auch auf "zivilisatorische" Objektivität als deren Ursprungsbestimmung; in diesem kriterialen Transfer verwandeln sich diese, auch in verfahrenstheoretischer Hinsicht, in selbstreflexive philosophische Theoreme.
Auch wenn diese kritische Wendung schwerlich sogleich so anmuten mag, so läuft sie doch auf die Subversion der Psychoanalyse im Ganzen hinaus und skandalisiert durch den Tabubruch, die Phantasmatikunterstellung gleichermaßen für Wissenschaft, eben diese als neuzeitliche Realisierung/unbedingte Realität der Metaphysik betreffend.
Tödliche Konkurrenz der Pathognostik sind die avanciertesten Gedächtnis-, Vermittlungsprothesen, die modernsten Medien, in denen sich das Phantasma gänzlich verdunkelt zur Selbstanschauung bringt und so, als Gewähr (auch) der Pathognostik, diese zur Wirkungslosigkeit verurteilt.
Ihren historischen Provenienzen nach favorisiert die Pathognostik eher solche Psychoanalysegestalten (M. Klein, Kohut, Freudomarxismus, Daseinsanalyse), die sich immanent schon, wenngleich subjektivistisch verbleibend, wider die Orthodoxie des Fachs richteten. Aktuell gehört sie am ehesten - als selbständige, sich von allen postmodernen Affirmationen (wie etwa die des "Anti-Ödipus") absetzende Position - in den nachlacanschen nicht-mehr-und-noch-Psychoanalysekontext.

© Rudolf Heinz

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