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Rudolf Heinz: Zur Philosophie von Krankheit
aus: Psychoanalyse und Philosophie 2 (1999). H. 1, 17f.; wiederabgedruckt in: Retro III. 2006. S. 145 ff. - Der Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre auf dieser Website freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
© Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Die Philosophie der Krankheit hat wesentlich bessere Zeiten gesehen, und zwar bezeichnenderweise um die Schübe der ersten Medienrevolution herum, zu Beginn unseres Jahrhunderts. Dies notorisch im Ausgang von der Phänomenologie sowie der Daseinsanalytik/Existentialontologie, die weit in die Psychopathologie hineinstreute. Alle diese reputierlichen Krankheitsphilosophien sind in ihren Vertretern zwar irgend Psychoanalyse-provenient, gehen aber über die Psychoanalyse kritisch dergestalt hinaus, daß diese in ihrem Zwitterwesen zwischen Wissenschaft und Philosophie philosophisch vereindeutigt werden sollen. Ich darf davon ausgehen, daß die einzelnen Ausrichtungen bekannt sind, die später dann ihre Tradition im Lacanismus, in der Schizoanalyse des "Anti-Ödipus", in Irigarays Feminismusversion und zuletzt in unserer Pathognostik fanden.
Was nun ist an diesen Krankheitsphilosophien spezifisch philosophisch, in Absetzung wogegen? Sie setzen sich von der naturwissenschaftlich begründeten imperialen Organmedizin ab, teilweise aber auch von ihrer Mitherkunft, der herkömmlichen Psychoanalyse, sofern diese sich als wissenschaftliche Psychologie versteht. Die Pointe der Absetzung von diesem psychoanalytischen Selbstverständnis besteht in der Kritik der psychischen, genauer: psychogenetischen/lebensgeschichtlichen Kausalität, dessen in der Psychoanalyse veranschlagte Reichweite bezweifelt, wenn nicht im Ganzen in Abrede gestellt wird.
Was aber tritt an deren Stelle?
Phänomenologisch die Wesenheiten;
daseinsanalytisch/existentialontologisch die Daseinsmodi/Exist-entialien;
strukturalistisch die begehrensdynamisierten Strukturen/Funktionen;
schizoanalytisch die Maschinenordnungen;
pathognostisch die Leib-Gedächtnis-Dingdramatik.
An einem Beispiel, der Klaustrophobie. - In phänomenologischer Betrachtung ist die Angst, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten "Phänomen": ein zwar abweichendes, in seiner Dissidenz jedoch sinnhaftes Gebilde, das in einem Befindens- und Verhaltensstatus besteht. Eher befindlich ist der Innenzustand: der Affekt Angst; eher verhaltensmäßig: der Gesamtausdruck desselben. Die Abweisung einer Hierarchie zwischen diesen Phänomenbestandteilen, etwa nach der Maßgabe ihrer Wissenschaftsdignität, ist typisch phänomenologisch: alle Phänomendimensionen gelten gleich und bilden ihrer ursprünglichen Gegebenheitsweise nach eine Einheit.
Was aber ist der Logos dieses einen Phänomens, der Klaustrophobie? Logos, das ist der Zusammenhalt, das Wesen, das Bleibende, ohne das die Phänomene nicht sind, was sie sind. Und die Klaustrophobie, wesensgeschaut, ideiert? Das sagt sich am besten moderat exotisch, lateinisch:
angor - Beklemmung, Angst, Bangigkeit;
ango - beengen, zusammendrücken, würgen; (sich) ängstigen, beunruhigen, quälen;
angustiae - Enge, enger Raum; Kürze; Mangel, mißliche Lage, Verlegenheit; Engherzigkeit;
kurzum, psycho-somatisch-topologisch: E N G E.
Wenn man nun fragte, was solche Sprachfeierlichkeiten an allem Kausalitätsverweis vorbei mit Therapie zu tun hätten, so gälte als Antwort, daß längst noch nicht alles vom Angang auf dieser phänomenologischen Ebene damit gesagt sei; und ferner daß die Recherche solcher Ideierungen auf ihre Effekte hin, ihr Beschwörungscharakter wohl, eben auch in therapeutischer Rücksicht einer weiteren Erörterung würdig sei.
Wie also schreibt sich daseinsanalytisch/existentialontologisch die Wesenheit Enge fort? Ebensowenig kausalistisch so, daß gerade solche Dissidenzphänomene nicht nur bevorzugt erscheinen, daß sie vielmehr - und so mögen sie sich bereits von sich aus geben - quasi unabständig gemacht werden. Will sagen: solche logoi liegen recht spürbar, fast wie unmittelbar, im Körper quer. Mehr aber noch: der Zauber der phänomennologischen Zauberworte (angor, angustiae ...) färbt sich schwarzmagisch in dieser Wendung ein: die Wesensmagie geht zu Bruch, weicht derjenigen des Seins - Todesanmahnung, die die Abwendung durch Zuwendung, ja Aufnahme und Einverleibung, radikalisiert in magischer Rücksicht ersetzt. Wann nämlich geschieht Kontraktion, wann auch Expansion? Im Verletzungsfalle, auch schon einem imaginären, drohenden, nicht eo ipso körperlich materiellen, ziehe ich mich selbstbezüglich auf mich zurück und in mich zusammen, versuche den ultimativen Schwundwert, die Nullstufe meiner selbst einzunehmen; und dies vorausgehend überhaupt, in ontologischem Verstande, im Sinne des Urtraumas sozusagen, nämlich: selbst-seiend auf der Stelle Sein von seiner Nichtsherkunft stigmatisiert zu erfahren. Kaum daß ich die Augen aufschlage, bin ich mitten im Leben vom Tod umfangen ... Und das Revers der Enge, das ist die infinite Selbstexpansion, die Endlichkeitsparade am anderen Ende. Deflation - Inflation - es fehlt, wie immer pathologisch, der Ausgleich, die Vermittlung, die Weile des Gedächtnisses.
Wie lauten hier nun unsere pathognostischen Voten?
Wir machen den magischen Charakter, die magische Prophylaxe der Pathologien (und überhaupt der Abweichungen) stark - sie sind imaginäre mißratende Sterblichkeitsparaden. Unsere psychoanalytische Rückbezugsgröße ist entsprechend der Todestrieb. Pedalisierende Absetzungsfolie dafür ist Lacans strukturalistischer 'linguistic turn'. - Ferner beziehen wir expressis verbis die Dingkontexte in diese Seinsdramatik ein; dies in kritisch rückgewendetem Ausgang vom "Anti-Ödipus" (und nicht zuletzt auch in Reverenz zu Heideggers späten Technikphilosophie). Wir verfahren Technik-mythosophisch, spielen das Symbolisch-, das Symptomatischwerden der Dinge dergestalt aus, daß der Symbolgehalt selbst schon den Produktionsgrund derselben ausmache.
Also lautet unsere Leitfrage für die Klaustrophobie: Was ist ein geschlossener Raum und weshalb ängstigt dieser? Ja, die Decke fällt einem auf den Kopf, der Fußboden hebt und senkt sich, die Seitenwände kesseln mich ein, zerdrücken mich ... Das passiert aber nicht real, ist also die Vorabbeschwörung, die mißratende, die in sich steckenbleibt, der Kriegskatastrophe (oder auch einer Naturkatastrophe), so wie wir diese auch träumen können. Also ängstigt sich der Klaustrophobiker ganz einfach davor? Gewiß - davor aber begehrt er sich selbst als den obersten Kriegsherrn. Weshalb? (Weshalb Krieg, weshalb bringt es die Menschheit nicht zustande, den Inbegriff ihrer selbst, Kultur, nicht zu zerstören?) Pallas Athene weint nicht! - weil Zerstörung der phantasmatische Gipfel der Herrschaft über Zeitlichkeit, Vergängnis, Tod sei: der verheißungsvollste Schein der endgültigen Abwendung des Nichts, paradoxerweise, homöopathisch. Und Krankheit ist diesem Phantasma hörig, im Extrem soweitgehend, daß sie sich die Strafe, die auf dem Fuße dieser Todesusurpation folgt, als Selbsthermetisierung zirkulär hypergläubig selbstverpaßt. Und die letzte Katastrophe dieser Gläubigkeit, das ist die unabweislich horrende Evidenz, daß die Vollmacht der Zerstörung, der oberste Gott, selbst von derselben Urangst geschlagen ist, wie wir, die Menschen, die ihn fürchten, so er uns zerstört. (So der "Tod Gottes".) Ob dieser Bann gebrochen werden könnte? Wenn, würden dann diese ängstigenden Mauern um uns uns nicht mehr befürchten machen, sich unendlich zu verdicken und/oder zu verdünnen? Wenn, würden sie dann bleiben, wie sie eben sind, vermittelnd eben dieses äußere Innen mit dem nämlichen abgesperrt außerhalb, und selbst nicht mehr im Sinne gelingender Magie? ...

© Rudolf Heinz