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Rudolf Heinz: Schamnotizen
Erschienen in Pathognostische Studien II, 1987, Essen, Die Blaue Eule, 81-111  - Der Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
(Zur Zitierbarkeit sind die Seitenzahlen angegeben.)
© Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Sujet
Schamgehalt ist die Ekstatik/Reflexivität des sterblichen Menschkörpers, das Begehren/der Wunsch des "organlosen Körpers", kurzum also die "Wunschmaschine"/das Selbstbewußtsein selber. Was demnach verhüllt werden muß als Ent-schämung, Schamrealisierung, in der diese hominisierende Fundamentalaffektion aufgehoben werden soll, das ist nicht, isoliert, der sterbliche Körper als solcher, den es nicht gibt, vielmehr die Provenienz der Hülle, das ist der Dinglichkeit überhaupt aus der Transzendenzlosigkeit des Hüllenbegehrens selber, die Nichtheterogeneität des Rückfalls der Hülle an das Umhüllte. "Und sie erkannten, daß sie nackt waren." Scham: das Erkennen klebt an diesem seinem Erkannten unabdingbar fest; unabdingbar buchstäblich-terminologisch.
Die Ent-schämung/Schamrealisierung muß demnach auf das Phantasma der Absolutheit der Hülle/der Dinge überhaupt aus sein, inklusive der Jurisdiktion derselben als split-diskriminative Korruptivität des also gegenteiligen Menschkörpers: Kopfstand der wahren, in Scham gesichteten Verhältnisse. Um diese fatale Abendlandleistung aber auf Dauer stellen zu können, bedarf es der Invention der Schuld. Schuld: immer das Sich-Verdingen des Körpers an den organlosen Körper als dessen herzustellende Absolutheit als peremptorische Ent-schämung/Schamrealisierung. Schuld - der Auftrag der Produktion von Hülle/Ding; dies die Produktion des ("ödipalen") Unbewußten: Mangel, Gesetz, Signifikant.
Sinne
Notorisch die Korrespondenz der Scham zum Sehen und Riechen sowie der Schuld zum Sprechen/Hören und "Fühlen". "Adam, wo bist du?" Aus dem Atheismus, dem Widerspruch der Unsichtbarkeit Gottes, in der das verfangene Extrem der Schamparade als Schamauslöschung wirksam sein
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soll, tritt schuldgenerativ/jurisdiktionell die Verlautungsepiphanie dieses Gottes hervor. Die Stimme des Gewissens, in ihrer Unbedingtheit beim Wort genommen, die ultimative Sanktion des Stimmenhörens. Daß das Sich-sprechen-hören als Phantasma-Erfüllung der Schuldabsorptivität in der etablierten Schulddimension selber fungiert (Subjektkonstitution) sowie daß das pseudos dieser Erfüllungsform auf das blinde Sehen sodann als Schrift, den Inbegriff der Depotenzierung des absoluten Schamsehens, überzugreifen genötigt ist (die Heilige Schrift), das bedarf nach Derrida keiner weiteren Ausführung mehr.
Gewiß, die Hüllenabsolutheit wird gehalten durch Sprechen/Hören und durch das vernichtete Schuldsehen der Oberfläche, zumal als verschwindende Medialität sprechautotomischer Schrift. Zweierlei aber müßte hier noch weiter getrieben werden: zunächst: daß die Verlautung kosmisch unbegrenzt/endlich dauert, und zwar nicht nur präreflexiv, also auf die notorischen Reflexionsformen hierbei hin, vielmehr im Sinne der Permanenz eines Verlautungssubstrats aller sich ausbreitenden Verlautung; dies gewiß im Gegensatz zum Sehen: die als Vorberedtheit/Stummheit anzusetzende Omnipräsenz des Sprachhauchs Gottes. (Bemerkenswert, daß man sinnentheoretisch fortwährend mit empiristischen Verstellungen kollidiert: hier mit der angeblichen Passivität der Sinnesorgane; nur das Hören sei ein Sinn, nicht das Sprechen, auch nicht etwa die Bewegung; und beim Sehen müssen dann ja die Sehobjekte von sich her Bilder aussenden etc.)
Des weiteren: als unverzichtbar erweist sich hier der Miteinbezug von Berühren/Fühlen als vielleicht gar primäres Konstituens der Hüllenabsolutheit irgend mit dem Sprechen/Hören zusammen. Kriterial dafür ist wohl der Schein der vollendeten Indifferenz des Berührten/Gefühlten mit dem Berühren/Fühlen, so als falle die haptische Reflexionsverfassung aus. Dies ist dann wohl primär die Leistung der Hand, die ja Dinge-schaffend den Sündenfall exekutiert; Leistung der Hand, deren Abschaffung menschevolutionär im Gange ist. Wer nicht hören will, muß fühlen: die Haptik ist ja nicht zuletzt der Schmerzsinn, der Schamdämon drischt mit dem enthüllten Phallus als Schlagstock darauf los; und autotomisiert ist
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dies der Hörschlag - Rhythmus, Beat, rückbezogen korporell Herzschlag, Puls, so daß das letzte Wort über den Masochismus noch nicht gesprochen sein kann. Auch die Ausweitung des Fühlens-Begriffs auf Körper insgesamt stände an: Körpercogitionalität, mit der wir es abendländisch nicht sehr weit gebracht haben. (Wahrscheinlich stellt das Labyrinth die Dingautotomie der Körperfühlung bezeichnenderweise dar.) Die dürftige Schmerzkaprizierung der Körperfühlbarkeit müßte mindest einmal auf den mißlingenden haptischen Reflexionsvorgang hin ausgeführt werden dergestalt, daß den Über-Sensibilitäten, innen, solchen Mißlingens das betreffende mortale Außen vindiziert werden könnte. In diesem Zusammenhang wäre der implosive Haptik-Rückzug als -totalisierung in Extremzuständen (Ohnmacht, Isolationshaft, Orgasmus) besonders instruktiv und stellte wohl auch den organocogitionalen Primärcharakter dieses so sträflich vernachlässigten Sinnes unter Beweis. Schließlich imponiert die seltsame Doppelsinnigkeit des Fühlensbegriffs, so als werde die haptische Indifferenzierung aufs Ganze der scheinbar integralisierenden Emotionalität des Repräsentationsvermögens extrapoliert, so als sei damit das letzte Beisichselbstsein des Subjekts gewährleistet: was haben Sie gefühlt?
Komplize
So etwas wie das volle Gewissen (Mitwissen, conscientia) wäre die Komplizität der Scham selber; das Mitwissen der Unmöglichkeit der Heterogeneität des absoluten Gottes, das Mitwissen dieser Misere als Menschheitsunheil. Wenn dieser Aufriß zu halten wäre, so nähme hier absolutes Sehen (wie Riechen) Platz, ein Sehen ohne Verlautungsverdingung, Sprechmedialisierung als Untergang in Medialität. Allemal aber muß dieses Scham-Mitwissen untergehen, um der alleinigen Herrschaft der Schuld willen, des üblichen moralischen Gewissens also als der Instanz des Nichtwissens schlechthin. Schuld - die Dienstbarkeitsmetamorphose pflichtschuldigst der eskamotierten Scham, Exklusivität der Hüllenadministration. Abendländisch aber muß es so scheinen, als sei
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dieser Wunderübergang, der Mirakelsprung in die Schuld (letztlich außerdem immer über irgend eine abgedeckte Form von Folter vermittelt) die evolutionäre - in sich freilich dilatorisch entropische - Negentropie schlechthin: Gattungsgeschichte, die sich demnach nur über solchen Verschluß, der ja christlich im Ganzen gar exkulpiert sein soll, ermächtigt. Um sogleich einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: die hier veranschlagte Sequenz Scham - Schuld meint keinerlei Reihenfolge; es ist vielmehr so, daß einzig im Totalisierungsvorausgang selbst schon entschuldeter Schuld dieser selbst, über Schuldaufkommen vermittelt, in Scham hinein flüchtig aufreißt: haltloser Unmöglichkeitsbeweis der Welttotale post festum. Der Körper ist ja immer auch anderswo (in irgendeiner absoluten Hüllengeschäftigkeit), wenn ihn der Affekt Scham irgend überfällt.
Modernerweise wäre freilich die Verschiebung dieser Anhaftungsverhältnisse in Dinglichkeit hinein zu recherchieren primär erforderlich: so beispielsweise (und mehr) diese Verhältnisse als Foto, Film, Video.
Limes
Der Grenzwert der Scham, reine Scham als Koinzidenz von letzter Unverschämtheit und letzter Schamhaftigkeit, Beschämung und Diskretion ist die Leiche (Christuskadaver). Von diesem Limes her fiele jegliche Metabasis in Schuld hinein aus. Nicht daß die Leiche weilen könnte, doch die Erde wäre der volle un-beschriebene organlose Körper als Schamreflexion selber. Wäre! - Kein Schamkulturmoratorium ist in Sicht, umgekehrt vielmehr skandalisiert der Grenzwert des Kadavers zumal und wird entsprechend zum legitimsten Daueranlaß genommen, seine Letztbeschriftung/Verklärung zu betreiben - als Waffenwesen, Schulderfüllung, Spitze des beseitigten Schamgewissens als exklusives Schuldgewissen. Die Identität des toten Körpers mit seiner toten Hülle als nur-noch-Hülle erfüllt
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sich in der Sprengung, Explosion dieser Absolutheit, Nichts-Exekutive des Binnen-Nichts.
Frustrane Grenzbesetzung
Wegen der Pathologiekaprizierung der Pathognostik ist unterdessen darüber das meiste schon bekannt: Krankheit als Scham-losigkeit, die anderswohin ins Niemandsland aufbricht und eben durch diesen Alteritätsanspruch die ganze Jenseitsmasse der Schuld als Gerichtsbarkeit in diese Fuge verdichtend hineinzieht. Wider den Anti-Ödipus ist demnach eben in ultimativer Krankheit die reine Scham als Aufhebung derselben nimmer vergönnt: quid pro quo von Leiche/Tod und den Erkenntnissegnungen (einseitig) der Schizophrenie. Alle Schuld den Therapeuten, der scheinbar einzig ödipalisierten Gegenseite - das gilt so nicht. Die Pathologie-transzendenten Primärthemen der Psychoanalyse - Fehlleistung, Witz, Traum, Sexualität (Kriminalität müßte noch dazu genommen werden) - stellen das Register der Grenzbesetzungsmodi dar und wären als solche pathognostisch subversiv traktierbar. Wenn sich die herkömmliche Psychoanalyse nicht auf dem Wege zu einer Wissenschaft hin befände, so wäre sie freilich - als Genealogie/Gnosis, Intellektualität - der hauptsächliche Grenzbesetzungsmodus ihrer selbst; und auch die Kunst nähme dann an dieser Stelle spezifisch Platz.
Exkremental
In der Privatisierung des Afters kulminiert die Ent-schämung/Schamrealisierung: Letzthülle der Institution Toilette, auf der man ja wider den anthropos beim größeren Geschäfte schandbar breitbeinig (auchd') sitzt; wenngleich post festum der Wiedergeburt aus dem Wasser und dem Geiste (watercloset) der verklärte Leib, dieses Ganz-Phallifikat, sich
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allererst als Scheißleib in toto herausstellt - männlich zumal und weiblich wie immer unordentlich weniger.
Alle Verhüllungsanstrengung gilt diesem peinlichen Erdenrest, dem Aberwitz dieses autotom verräterischen Rückstands des korporellen Binnenopfertempels. Alle Anstrengung - insofern dieses Endstück, umhüllt, als Inbegriff aller Menschleistung in allen Dimensionen fungiert: als Kultur-, Rationalisierungsanspruch des Mehrwerts. Die Durchgängigkeit des Hygieneproblems in allen Dimensionen - diese große Theorieauslassung - weist auf die Mehrwertzirkulation, diese Ungenießbarkeit, gewiß schon hin; der Kollaps nämlich des zirkulierenden Mehrwerts in sich selbst hinein als unverhüllte Ver-ruchtheit des Exkrements blockierte den Regelkreisablauf der Ökonomiedimensionen, entropisierte diesen sogleich. Deshalb die besondere Sorgfalt des Hüllenmanagements an diesem Ende. Tausch? Nein, permanentes Ver-tauschen, Zirkularität des Unbrauchbaren, Einschreibung.
Vertraut man sich aber dem Kollaps des allherrschenden Mehrwerts in seinen Exkrementalunderground hinein an (wie das möglich ist?), so werden die Exkremente zu memorials, zum Urgedächnis; Intellektualität, das ist Exkrementenschau. Diese rettet den Schamübergang gegen dessen Absorption in Schuld hinein zwar, doch unvermeidlicherweise dergestalt, daß eine spezifische Abborgung von Schuld die Gewähr dieser Gedächnisrettung ausmacht: nämlich die Hülle als Glashülle, transparente Verpackung. Entfiele diese besondere Hüllenart, zerspränge diese, so stürzte das Selbst glashüllenunvermittelt in dieses sein Gedächtnisexkrement: Tod, davor Krankheit als Zersplitterungsübergang. Objektiv abgetrennt entspricht dieser Sequenz Krankheit - Tod die übliche Dingverfassung der undurchsichtigen Exkrementenhülle und die martiale Dingversion der Explosivität. Evolutionsfinte schlechterdings demnach: die Hüllenschwärzung, die die Greuel hinter dem durchsichtigen Nicht-Spiegel ins Spiegelbild mittels der reflektierenden Undurchsichtigkeit der Glashülle hinein verstellt: Vertauschung, Ganztäuschung. Es liegt hier mehr als nur nahe, die Funktion
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des Gehirns in diesen Gnosiskontext einstellbar zu machen; wie immer abgeleitet auch die Funktion des Auges. Was alles insbesondere schizophrenietheoretisch relevant werden könnte: Durchsichtigwerden der undurchsichtigen Exkremental-memorial-Hülle, Splittern, Zerspringen derselben, materialisierter Mehrwert als Nicht-Spiegelbild, hirnphysiologisch direkt dann auch auf den Metabolismus (subsistenzsexuell) bezogen; Gehirnstörung als Stoffwechselstörung selber. Schließlich ausnahmsweise auch einmal ein Blick über den Zaun in die Verhaltensforschung: anscheinend präfiguriert sich in der exkrementalen Reviermarkierung im Tierreich der Memoriacharakter der Exkremente, präfigurativ auch als Ineins von Institution und Ding sowie von Sehen und Riechen.
Produktion
Wegen der Opfervollstreckung selber in Produktion muß der Schamaufriß in dieser Dimension am vehementesten ausfallen, und entsprechend erweist sich der verunbewußtende Schuldsprung hier auch um so dringlicher. Die Auffangart der besonders massierten Produktionsschuld aber ist die Arbeit, Abtragen/Auftragen, die unendliche Aufgabe der Fetischisierung. Entsprechend kann sich Arbeit gewissentlich nimmer in Arbeitsethos erschöpfen; das Ethos vielmehr untersteht der Obligation der Ausbildung von Fertigkeiten, Habitualitäten, Vermögen, die sich vielfältig sodann auch in sich selbst hinein wiederum zu ent-schämen pflegen: so etwa durch den schamkonterkarierenden Stolz der sogenannten Funktionslust, die, zumal ästhetisch zuendegedacht, auf die Entteleologisierung des Arbeitsvorgangs wie -produkts hinausläuft, auf den unendlichen "Triebaufschub". Alle Größe rein dem Vorgang, diskriminiert vom verwerflichsten Produkt, das ausschließlich als transfigurierter Abkömmling des (scheinbar) überbesetzten, exklusiv gemachten Vorgangs an dessen alleiniger Größe teilhat, ja diese dann als die Edelscheiße des Ästhetischen erfüllt. Klimax des Verschlusses: die Hülle selber liquidisiert zur reinen Arbeitsfunktion, Umhüllung der Umhüllung, nur-noch-Fetisch.
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Das Medium all dessen aber ist die Hand: wie die Unmittelbarkeit der unendlichen Superfizialität in alle Richtungen, sehbeglaubigt.
Man lasse fürderhin demnach von der Ableitung der Arbeit aus Überlebensnot ab. Menschlich ist Leben immer mehr-als-Leben, und die Lebensnot geht umgekehrt aus diesem surplus hervor. No paradise auch - selbst die frühe Ökonomiestufe des Sammelns zum Beispiel stellte sich sodann als eine Art Kriegsökonomie heraus.
In aller Deutlichkeit reproduzieren sich diese Verhältnisse alle im Gottesextrapolat. Keine Einsicht in den Gott als Schöpfer, Umhüllung der Umhüllung. Die Haut (und mehr) genügt ja auch nicht. Die Exkremente sind zudem noch in den Därmen verpackt. Die Doppelhülle aber ist der Mehrwert, unverwertbar und deshalb einzig produktiv. Der Herr wirft sich zur zusätzlichen Repräsentation desselben auf, wie wenn er dieses Schutzes bedürfte: personalistisches Bewahrungssupplement als paranoisches Verhältnis. Der Knecht indessen wehrt sich dagegen nicht. Weshalb? Freilich aus Scham; was nichts als richtig ist und zugleich nichts als ineffektiv.
Zirkulation
Die Unmöglichkeit des gerechten Tauschs als des Schuldgewissensideals in dieser Sphäre, der sich totalisierenden, bedarf keiner Ausführung mehr; sie beruht auf dem Durchgang des Mehrwerts selber, der peremptorischen Nichtidentität von Wert- und Äquivalenzform etc. Da hier produzierend am Produkt nichts mehr getan werden kann/getan werden darf und zugleich die Konsumtion dilatiert sein muß, hat es den Anschein, als stände der verklärte Mehrwert insbesondere auf dem Spiel, als schlüge in das blind-superfizielle Schuld-Sehen die absolute Scham-Sicht (wieder) ein. Höchste Kollapsgefahr, die zum redundanten Arbeitssupplement von Warenästhetik bindend verhält. Je mehr emanzipierte Ästhetik aber, um so mehr auch Häme, Witzhaftigkeit des Exkrementalschattens des zirkulativ
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freischwebenden Mehrwerts; Häme indessen als Selbstmotivation der zirkulativen Mehrwerthypertrophie selber. Nochmals gesagt: in dieser Sphäre kulminiert das Hygieneproblem; wenngleich die Obligation der Autotomie des Dejekts (also des Mehrwerts materiell selber) durch alle Dimensionen hindurch je spezifisch gilt, so schafft doch der heikle Freiheitstransit der Ware besondere Nöte der Wahrung dieser Freiheit, der Inhibition des materiellen Kollaps'. Diese immer besonders aufwendig verwaltete Not reflektiert sich in sich als der penible Publizitätscharakter des Zirkulationsvorübergangs: schon die kleinste Schande vermag zu imponieren. Die Kulmination des letzten Trugs der Freiheit hier aber besteht darin, daß sie sich notorisch zur Tauschhegemonialität inflationiert; Prärogative des Tauschs als der alldominierenden Machtzentrale - durchgesetzt ist die Rückbesetzung des Opfers demnach durch den totalisierten Ort seiner ultimativen Verstellung. Notorisch bringen die Wirren dieser Rückbesetzung dasjenige Unmaß an begrifflicher Verwirrung auf, das marxismuskorrektive Theorien wie etwa die von Sohn-Rethel fast unlesbar machen: Tausch als das totalisierte Opfer selber und zugleich, man weiß nicht wie, eine Dimension sui generis; und das derart letztverstellte Opfer soll der Inbegriff der Spiritualität (AÖ: Numen) sein. Gewiß, aber doch nur als Letztusurpation des schlechterdings nicht-usurpierbaren Todes, des Nichts: "die Welt hält den Atem an ..." Bleibt dieser Inbegriff des Scheins unvollzogen, so entfällt selbst die residuale Kritikpotenz in der Exposition des Tauschs gegen den Marxismus, der ja nichts als gewaltpotenzierend unter dem Anspruch der Befreiung Produktion und Konsumtion kurzzuschließen sucht: Befreiung von dem Gotte als dessen höhere Restitution. Dagegen wird man mit dem AÖ geltend machen müssen, daß in der Allausbreitung eben der Tauschsphäre, wie gehabt, überhaupt nichts getauscht werden kann; hier zirkuliert vielmehr nur entropisch die Spiritualität inklusive der Schattenmaterialität des Mehrwerts selber eben als das schlechterdings weder Hervorbringbare noch Austauschbare noch Gebrauchbare. Ubiquität der Aufzeichnung/Einschreibung. Korporell aber ist alles dies zwingend ablesbar an der Schwangerschaft und zumal an deren Freisetzung als Reproduktions-entlasteter weiblicher Orgasmus.
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Wenn nicht alles täuscht; prägen sich in der Zirkulation konsequenterweise die Chancen der maschinellen Substituierbarkeit der Zirkukationsfunktionen besonders aus; Gunst des Freiheits-Transits, und überhaupt wäre in diesem Zusammenhang auf dem Wege progredienter Entsubjektivierung die ganze Metonymie der Hominisationskategorien just in die Maschinitäten hinein zu beachten: was ist schon schamlos obszöner als beispielsweise ein Essensautomat? Souverän wie eine Leiche, schamlos-verschämtest.
Konsumtion
Die unvermeidliche Thematisierung des telos dieser Vorgänge alle, des Subsistenz-Körpers, schafft hier besondere Nöte, die Entropie der Mehrwertzirkulation aufrechtzuerhalten. Die Eßkultur soll dies leisten, insbesondere dergestalt, daß die Undurchlässigkeit dieses Körpers als reine Umhüllung des Binnenopfers in diesem Binnentempel, der Opferkorporalität als die subsistenzsexuellen Prozesse gewährleistet bleibt - besonders verpönt, peinlich entsprechend auch schon die geringste Permissivität, die das ganze Geheimnis des unsichtbaren Gottes in diesem Inneren verriete und dies gar den Schuldvorbehalt von Verlautung in der Verlautungsindolenz der Durchlässigkeiten travestierte. Angeblicher phoné-Mißbrauch, besonders verrucht; taubstumme Unsichtbarkeit die Allparole dieser Kultur. Wenn schon, dann ist es geboten, solchen Austritten austretend zuvorzukommen.
Notorisch die Auszeichnung des Orts der Konsumtion als universeller Pathologie-Einstand; sie liegt am Schein der Rückkehr des ekstatischen Körpers zu sich selber retour eben hier, Schein, der in Krankheit eben nicht bewahrt werden kann, sofern er den entropischen Fortgang als Negentropie organisiert: als Nichtrückkunft der Überlagerung der Ekstatik-Autotomie im peremptorisch Toten (Einstand: das Exkrement) von Körperfühlbarkeit, Cogitionalität, initiiert an diesem Toten und als solche
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die Erschöpfungszirkularität aller dieser Dimensionen immer reinitiierend. Wäre dies anders: käme es wirklich zum - in Pathologie intendierten - Selbst-Zusammenschluß des Körpers mit seinem Ekstatik-double, so entropisierte der Konsumtionsort in sich selbst hinein implosiv sogleich letal; aufgeschoben aber nur letal die Gebrauchsnormalität, die nicht weniger diese unmöglich mögliche Selbstrückkunft supponieren muß.
Anscheinend ist konsumatorisch für die Schamhüllenwahrung insofern besonders vorgesorgt, als der Schein der Selbstübereinkunft sich im Modus der Monadologie des Fühlens vollzieht, also der cogitionalen Binnenreservation untersteht. Entsprechend wird sich die Intersubjektivierungs-Verlautungskundgabe davor hüten, den Genuß als Lustmord einzubekennen: das Geheimnis ist mein (in der Tat ganz real), und ich hüte es wohl (sagt der Gott des Geschmacks). Die Dignität der Austauschbarkeit hat hinwiederum nur die Mehrwertabhebung des also Genossenen, dies Antezipat des Exkrements zum sujet. Nicht-Ausplaudern des Geschmacks sodann letztlich als Ästhetikum des nicht-absoluten blinden Sehens, nicht Vor-besehen auf die Nacktheit des Opfers hin, wie wenn die Nahrung eh nur mit den Augen aufnehmbar wäre; welche konsumatorische Spitzenphantasmatik hauptsächlich ja im Zusammenhang der Zwangsneurose frustran kollabiert (wenngleich man geltend machen darf, daß alle Krankheit das absolute Sehen hypostasiert und sich als Krankheitsspezifitätskriterium nur noch die spezifische Funktionsbesetzung halten läßt).
Demnach bedarf es keiner weiteren Ausführungen mehr dazu, daß an diesem Ort der Metonymie/Überschiebung der Körperzitation dieser zwei Körper, wie gehabt, Körper selber absurd zu werden sich anschickt: Opfer des telos an seine hypertrophen Medialitäten. Und schlecht bestellt ist es um die Aufhebung dieser Hypertrophie: sie artet notorisch in irgendeine Gestalt verstrickter Dissidenz aus. Prophylaktisch immerdar beißt der hungernde Gott zu: Gewissensbiß, und scheinbar milder: Einsetzung des nagenden Gewissenswurms in den Kopf, und wenn er im Besitz von Marterinstrumenten wäre: Gewissensstachel (das Eßbesteck).
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Dahin ist jegliche Scham-Erkenntnis in solchen Unverschämtheiten; Vollbeschäftigung nur mit schmerzmotivierter, verheißungsvollster, Erlösung versprechender Schuldauf- und -abtragung, Arbeit.
Sexualität (Genesis 1,3)
Sündenfall ist der anthropos, das sich Hochrecken, um mit Kopf und Hand die Frucht am Baum zu pflücken; diese erste Apfelpflückmaschine, Protomaschine im Übergang zur Dingkreation expressis verbis, Landwirtschaft: Werkzeug also und Produkt. Scham-Erkenntnis dadurch: die Unabdingbarkeit dieser Dingbarkeit, Aufriß des nackten sterblichen Körpers sowohl als der Impotenz der Dinge, diesen als solchen wegzuschaffen. Und die Sanktionslösung soll sodann darin bestehen, daß die unendliche Schuidobligation ans Ding als Opfer des Körpers zur Norm wird. (Fehlt dann nur noch das ewige Leben, die Exkulpationsperemptorik nach diesem Arbeitswege: der vorerst bewachte unzugängliche Lebensbaum, bezeichnenderweise mit dem Christus identifiziert). Schamaufriß mit den notierten, die Schuld exklusiv machenden Folgen freilich am Ort der Konsumtion, des Verzehrs des mittels Werkzeugen hergestellten alimentären Produkts.
Offensichtlich hat sich Eva, die Frau, derart hominisierend als erste betätigt; hominisierend zwar, doch mitnichten auf prätentivem Transzendenzkurs, vielmehr sich einpassend, nutzend pragmatisch sozusagen; Eva als Werkzeug/Maschinenverhältnis bar noch des Dingphantasmas, der Suchthaftigkeit des Verzehrs, der Hygieneschandbarkeit des Exkrements; was gewiß am geschlechtsdifferenten weiblichen Körper liegt, kurzum an Schamermäßigung. Anders entsprechend das Dingverhältnis beim Mann: zu viel der "Freiheit", zu viel des Mangels, der Transzendenzbegier. Läßt er sich auf das keineswegs überschießende Subsistenzverhältnis des Apfelpflückens und des davon auch isolierten nachfolgenden Apfelessens
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ein, so muß sich dieses vorgegebene Verhältnis durch diese Passion der geschlechtsbedingten Überschreitung gänzlich verfälschen: eben den Absturz effektuieren, den Mangel unermeßlich werden lassen, die Permanenz des uneinholbaren Ausstands schaffen. Diese die Menschevolution selber ausmachende Verfälschung aber kulminiert darin, daß der Mann der Frau für diese Misere die ganze Schuld zuschreibt: quid pro quo von subsistentieller Einpassung und Verführung, die Umwandlung einer, wie man meinen kann, fundamentalen Unfähigkeit in eine besondere sanktionsmächtige Tugend. Und der Mann wird nicht eher ruhen und rasten, bis er die abermals als Schande definierte Verführung, die gar keine ist, Eva, Äpfel-pflückend und -essend, diese Körpermedialität in eine veritable Apfelpflückmaschine und in die Gnade, den also gepflückten Apfel der Frau zum Verzehr generös zu überlassen, umgewandelt hat. Frau dann in diesem Maschinenkontext ihrer Substitution und Begnadung wird sich freilich nicht anders verhalten als Eva im Paradies: sie kehrt in dieser ihrer Substitution im Toten zu sich selber heim und kappt also die Transzendierungsgewalt des Dingphantasmas ab; was komisch bleibt, auch wenn das Lachen darin zumal zur besonderen Vernichtung ansteht.
Jedenfalls sind in der Scham-losigkeit Evas alle Ökonomiedimensionen in der Protoversion ihrer Nichtüberschießung versammelt: Werkzeugvermittelte Produktion, korporell auf Naturprodukte hin; zwar davon abgetrennte Konsumtion, doch eben keine mehrwertstigmatisierte, und - nicht zu vergessen - dazwischen ein Tauschwesen rein als Bedarfsvergabe, ebenso Mehrwert = geldfrei und ohne Äquivalenzdeklaration.
Realgnostisch ist die mitgenerierte Unterwelt der skandalösen Dinglichkeit die Koprophagie. Sie leitet zu der Delegation der Urverführung durch die Schlange über. Eva - die Schlangenpriesterin; die Schlange als die vollkommene Göttin, im Seinsrang, patriarchalisch im nachhinein tiefer, zutiefst und vor allem anderen selber sterblich: so daß es eine Idealität für (weibliche) Menschheit gäbe, die zugleich der Bedürftigkeit und des Todes eben nicht enträt. Und dieses paradoxe Gebilde bedarf dann
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nur noch, Sündenfall-vermittelt, der transfigurativen Assimilation durch den Mann, folgerichtig in der Genesis prognostiziert als permanenter Kriegszustand (jedenfalls bis zur Erlösung, diesbetreffend die Ablösung Evas durch Maria, hin). Es bedarf keiner besonderen zoognostischen Künste, die Gotteskriterien an der Schlange zu gewahren, im Sinne des absoluten Sehens sinnenfällig zu sehen: Indifferenzierungsexzeß allenthalben (um nur die wesentlichen Göttlichkeiten anzuführen): wie lebendige Exkremente: vom Aufliegen her anthropoidphallisch (wie Proto-Fliegen), fortbeweglich: kriechend, schlängelnd (die Gehenszickzacklinie rundend einschreibend, ringelnd - siehe Agoraphobie); Ganzfraß des durch Umschlingung/Giftbiß getöteten Opfers; Ganzassimilation desselben bis auf das sonderexkrementale Gewölle; Häutung: Selbst-Ganzexkrementation als "Wiedergeburt"; wie nach-außen-Stülpung des schleimigen Inneren; Nicht-Feststellbarkeit der Geschlechtsdifferenz bei der Paarung; undsoweiter - Stummheit nicht zuletzt auch als Beredtheit/Sprechen schlechterdings: Sprechen (nicht Schrift-lesen!) des absoluten scham-losen Sehens; kein vom-Hörensagen. Sinnentotale demnach in sich totalisiert hinwiederum als Häutung. Vollendung ohne Selbstbewußtsein, so daß es nur noch dessen Implantation bedarf, um den Gott perfekt zu machen; Mensch zwischen Schlange und Gott. Die Schlangenmimesis ließe sich als eine Art von Gott/(Mehrwert)-loser Elementarindustrie, auf Kleidung hauptsächlich wohl konzentriert (damit aber gewiß auf Ding/Institution überhaupt) erweisen; was der weiteren Ausführung bedürfte. Dies alles aber muß wieder Gott- und Mehrwert-bildend mißverstanden werden, die Hypertrophie des Dingphantasmas erleiden. Muß? Es ist so; und ohne dies kein Fortschritt.
Die Apfelpflückmaschine und der gepflückte Apfel als Industrieprodukt - eben jeder Blinde siehts: Kopiekonsequenz als Opferung/Tötung: Eva kopiert die Schlange und Adam kopiert die also kopierende Eva. Die Tötungskonsequenz aber vergiftet die maschinelle Erfüllung derselben. "Du wirst ihr den Kopf zertreten, und sie wird deiner Ferse nachstellen." Und "Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen." Insonderheit
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sieht man die Tochterstatus-Vermittlungsplazierung der patriarchalisierten Frau, Evas. Schließlich besteht die Auszeichnung des Apfels exklusiv darin, daß er - Kopf und Hand - mit der Hand umfaßt werden kann; und die Schwangerschaftsmimesis, Hüllenreproduktivität, darin liegt auf der Hand.
"Von dem, was nicht sichtbar ist, von dem, was versteckt ist, gibt es keinen möglichen symbolischen Gebrauch." (Lacan, Seminar II, S. 346) In der Tat, dies fesselt den Blick an seine eigene Aufhebung, das weibliche Genitale. Diesem Körperort des Todes als des Inbegriffs der Scham ist das männliche Genitale, korporell, mitnichten gewachsen, ganz im Gegenteil. Seine Nach-außen-Verlagertheit, sein sichtbares Wesen und damit seine Verheißung, Träger der symbolischen Ordnung zu sein, verfängt schlechterdings nicht, vielmehr fungiert es als Schande, Beschämtheit schlechterdings, so daß von ihm aus, reinstens projektiv, das Geschlecht der Frau zum Schamobjekt überhaupt gemacht ist. Und die "Rettung"? Da muß der Phallus, der Allsignifikant, wider den Penis her, diese ganze Groteske der reinen Hülle/des Dinglichkeitsinbegriffs, dementiert zumal eben durch das in ihn hineingeopferte, rein schon homosexuell hineingeopferte korporelle Organ. Dagegen bedürfte es immer wieder der genauesten Darstellung der organologischen Phallustravestie durch den Penis, und dies als Freigabe des phallisch eskamotierten weiblichen Geschlechts. Abschaffung des Begehrens? Keineswegs, Gewaltminderung bloß. Wenn es möglich wäre, dies in keinerlei affirmativem Verstande zu tun, müßten die schaminitiierenden Konterkarierungschancen des Schuldverbrauchs in Sexualität recherchiert und gestärkt werden. Dies wäre zumal sinnentheoretisch zu leisten: Freigabe des absoluten Scham-Sehens als Scham-losigkeit, metabasis dieser ausnehmenden Sichtart in die Fühlungserfüllung, Cogitonalitätstotalisierung rein nur noch binnen-reflexiv/nicht-reflexiv hinein, Verlautung bloß nur noch als Redundanz dieses absoluten Sehens und absoluten Fühlens, fernab von Sprechen/Hören als Konstitutivum von Selbst/Schuld. Anti-Konsumatorik auch wider das Opfertesten und den Opferverzehr - das ist fürwahr viel
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an Binnenparierung (keineswegs Transzendenz) des Hominitätsunheils. Was wunderts, daß solche eh dann ja weiblichkeitsbestimmte Parade in sich bis zur Unkenntlichkeit reduziert und auf das Opfer der Prokreation christlich unverdrossen verpflichtet werden muß? Was aber ist verderblicher, diese Verunstaltung oder die heroische Feier frustraner Transzendenz? Letzteres wohl eher, denn damit werden die Sexualitätsverhältnisse pornographisiert. Freilich kann es nicht darum zu tun sein, das Element der Schuldtravestie als Transitmaßnahme an der freigegebenen Scham (Scham-losigkeit) um der reinen Form derselben willen abschaffen zu wollen, doch bedarf es des heiklen Grenzbewußtseins, des Übergangs der herzustellenden Scham-losgkeit in Unverschämtheit, der intentional hypostatischen Verhöhnung der Schulddimension, die sich darin letztlich nur rekreiert; zumal insofern rekreiert, als die Frau diese Intentionalität schwerlich nur ernsthaft aufbringt, wodurch sie ja als Ur-Verführerin verkannt wird. Christkatholisch aber muß man selbst in Kleinstädten unterdessen nicht lange suchen, um die unbefleckte Empfängnis, diesen Inbegriff verunstalteter Sexualität, schamlos direkt zu sehen: peep-show, gänzlich konservativ. Keine Mehrwert-verbrauchende, Mehrwert vielmehr potenzierende Scheinmaterialität.
1986

Nachträge
Weinen
Die Parierung extremer Schambedrängnis ist wohl das Weinen, bezeichnenderweise als Beeinträchtigung (oder besser: der Wiederherstellung in Richtung auf die Blindheit der Schuld) des Sehvermögens und auch des Geruchs und ein wenig mit des Geschmacks. Seelenschmerz. Aber auch jeder Körperschmerz ist eine Beschämung. Demnach kann es
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kein Schuldweinen geben. Die zwar nicht ursprüngliche, doch in der Schamdimension angemessen verharrende Parade auf Beschämung immer kraft Beschuldigung wäre die Schaminsistenz derart, daß so etwas wie das volle Scham-ge-wissen sich wissensparierend in sich selbst erhielte, ohne dabei zum naheliegendsten Beschämungs-Beschuldigungsgegenangriff überzugehen. Hier gäbe es zahlreiche Zwischenwerte zu differenzieren, beispielsweise den, die Rückbeschämung im bannenden/fixierenden Blick ohne phon&-bombardement der Beschuldigung zu belassen; auch die Unterscheidung des Einsatzes des vollen Scham-ge-wissens vom Ästhetik-generativen Blick mit seinem Illusionismus, daß die Gerichtsbarkeit der Hülle das Opfer des Körpers gar nicht reklamiere; und wenn, es die höchste Lust des Körpers sei, sich als Opferstoff zu offerieren. Radikale Nichtlösung der Beschämung: die Blendung, Apotheose-Passion so wie bei Teresias, Ödipus zumal: nur-noch-Schuld. Daß Weinen nicht in der Schamdimension verbleibt, das lehrt auch das Weinensdejekt, die Träne; nicht ist sie "reine Flüssigkeit", vielmehr Salze-Lösung, also Gottesausfällung, die sich die Flüssigkeit medialisiert zur Entstationierung. Nur das Salz aber fungiert als Schuldabsorption, mit der Rückwendung konsequent dann eines Reinigungs- und Konservierungsmittels jurisdiktionell und gratiativ begabt. Wenn immer es auch möglich ist, die sogenannten Grundaffekte zu differenzieren, so entspricht Flüssigkeitsopfer-dejektiv die Angst dem Urethralen, die Scham dem Okularen und die Schuld (ins Schwitzen kommen) dem Sudativen. Wozu manches noch zu recherchieren wäre: so beispielsweise die Urinfunktion als Lösungsmittel der faeces (Gottesspiel der Baubo!); Desiderat auch in diesem Zusammenhang: Theorie der Angst. (Bedenkt man in diesem Zusammenhang einmal, daß der geängstigte Säugling mitnichten weglaufen kann und zudem, daß Angst gewiß der primordiale Affekt ist, so wird man die Mensch-Bedeutungsausmaße der Angst schon erahnen können.)
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Exkurs zum Gottesspiel der Baubo, vom Manne her aufgezogen
Die Depotenzierung des blinden Sehens am Ort des weiblichen Genitals muß nicht - im Sinne der Fetischisierungsparade auf diese Kastrationsangst - zum Progreß der Phallus-Pantasmasierung führen und ebenso nicht zum tödlichen Extremwert des sehenden absoluten Sehens; was beides ja infinitesimal koinzidiert. Hier vermögen sich vielmehr Zwischenvaleurs einzustellen, deren nicht geringster darin besteht, daß der Kompromiß der Travestie des traumatisierten herrschaftlich blinden Sehens an diesem selber wirksam würde, und dies wäre zumal die gebrochene Selbstherstellung als der Anblick, halb so und halb anders, des Urinierens, dieses Zwielichts weiblicher Exhibition/Nichtexhibition. Ambige entsprechend auch das Opfer-/Nichtopferdejekt, als chemische Lösung wie gehabt, Schuldab- und -eingabe-Dissipation; Schuld-Nichtkonsistenz, überall und nirgends; und dies zumal, wenn der Urin hinwiederum als Lösungsmittel des schuldkompakten Kots eingesetzt würde, begünstigt wohl auch durch die geringere Distanz der beiden Niederlassungen, des Urins und der Exkremente und die eher wohl mögliche Simultaneität der Tätigung beider Ausscheidungsakte (Düngen - ebenso eine weibliche Erfindung?). Travestisch ebenso insbesondere brauchbar der Umstand, daß die Topologiedifferenz des urethralen Ausscheidungsorgans und des Genitaltrakts (Vagina), diese ordentliche Hygienediskrimination funktional instantan sein kann. Getrennt marschieren, vereint schlagen. Wobei im Instantanen dieser Akte mit ihren getrennten Örtern die funktionale Differenz hinwiederum hypermanifest wird: Abgeben versus Aufnehmen, welches letztere dem Mann genital überhaupt nicht vergönnt ist, so wenig wie ja auch die Organdifferenz zwischen urethraler Ausscheidung und Ejakulation, Nichtdifferenzierung, die aber immer nur wie sekundär als die kleinere Phallustravestie im männlichen vis-à-vis gilt, in erster Linie wie eine Urschande angesehen wird. Fraglich aber bleibt in diesem Zusammenhang, ob der Co-itus der Mit-Travestie des Mannes mitausgedehnt werden kann auch auf die Kontrarietäten der Polyfunktionalität des weiblichen Genitals im engeren Sinn: die topologische Selbigkeit des Aufnehmens
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und Abgebens, und des Abgebens hinwiederum in der strikten Diskrimination der menstruellen Todesexkrementalität und der LebensNichtausscheidung, und zwar sogleich des ganzen Menschlebens, des Kindes. Fast ausschließlich veranlaßt diese Pointierung der Geschlechtsdifferenz, die schwerlich noch travestisch indifferenziert zu werden vermag (es sei denn als Abdrift von Homosexualität), zu hygienischen Hyperunterscheidungen, eo ipso im Verein damit, alle männlichen Schwachheiten, Hypodifferenzierungen, Insekuritäten (nicht zuletzt in der Disposition der Zeugung) zur phallischen Herrschaftsgeste Penis-dementiert zu verdichten: alle Ohnmacht darin auf den weiblichen Körper als dessen nur-noch-Schandbarkeit einfach zu projizieren; die Frau als die Scham/die Schuldabtretung des zu kurz gekommenen Mannes. Der Inbegriff der Travestiegrenze aber ist das Skandalorgan Klitoris, als einzelnes Organ nämlich zugleich die Aktualitätsrepräsentanz der Indifferenzierung der weiblich genitalen Hyperdifferenzierung; kein Ausscheidungs- und kein Aufnahmeorgan, Geist. Um es nochmal zu sagen: dagegen ist die Phallusvergeblichkeit des männlichen Genitals, ganz umgekehrt wie deren Projektion lautet, so etwas wie die Urscham: Handumhüllung einer Umhüllung bereits (Schwangerschaftssichtbarkeit): Penis, der aus den Hoden hervorgeht und sich als Eichel enthüllt, sich bloß als Samenausscheidung, unblutig, doch Geschoß-vorbildlich autotomisiert etc. In all dem ist freilich nur die Visualitätsoberfläche betroffen, doch selbst diese gibt bereits den genealogischen Grundriß des Seinsganzen menschgemäß her. (Siehe Heide Heinz: handicap - digita et pollex, Grafik 1986)
Man siehts: die göttliche Dreifaltigkeit ist ausschließlich der Visualität des ausgestellten/peremptorisch verhüllten weiblichen Genitals abgenommen:
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Die Transfiguration dieser drei Exkremente in die Trinität hinein, und letztlich dann in die Maschinitätsverfassung, besorgt der Opfertod des inkarnierten Sohnes. Samen und Kind gehen mortalitätsentsprechend im Menstruationsblut auf, die Klitoris aber ist die Perichorese. Und die Brüste vielleicht die göttlichen Augen.
Es leuchtet demnach unmittelbar ein, daß Demeters naheliegende Depressionen durch diese Memorialitäten der Tochter auflösbar gewesen sind.
Fell
Das befellte, beschuppte, gefiederte etc. Tier enträt wegen der Verwachsung von Körper und Hülle als eines Körperteils der Scham mit allen ihren Konsequenzen mit ihrem Inbegriff der erythrophoben Hüllenphantasmasierung. Insofern ist es wie Menschheit überbietend vom Menschen her rückgesehen wie im Stande der Erlöstheit. Deshalb wohl auch die jedenfalls vorchristliche Eignung des Tiers zur Gottesepiphanie, zumal als Verführung von Frau. Allein, phylogenetisch erweisen sich solche Perfektionen regelmäßig ja als Sackgassen der Evolution. Es bedarf der Einführung progreßmotivierender Unvollkommenheiten, so wie eben beim Menschen der Hüllenautotomie als des Dauerauftrags der zivilisatorischen etc. Menschevolution. Im Rückschlag der Hüllenausschöpfung auf den Körper gibt sich die Differenzierung menschmäßig als Zuwachs der Fühlbarkeit, die sich in der Ausbreitung des Schmerzes aufs Ganze der Menschvita zentrieren dürfte; nicht koiinzidieren tierisch Schmerz und Tod selber, als Todesdilatation vielmehr der Schmerzausbreitung schafft diese in erster Linie wohl das Todesbewußtsein.
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Traum (Vorblick)
Es spricht alles dafür, daß jeder Traum eine Art von Krisis der Hülle als der Traumrepräsentation selber vollführt. Der Erwachensgrund wäre dann die drohende Entblößung. Botschaft des Traumes: der Stand der Hüllenkrisis, immer rückbeziehbar auf den entsprechenden reflexiven Körper.
Die kannibalistische Ordnung
Wenn immer zutrifft, daß der Sündenfall in der Industrie besteht und die "Unterwelt" der Werkzeug-vermittelten Dingproduktion wie schon angedeutet die Koprophagie sei, so müßte dieser verbotene Schatten zum Kannibalismus hin auch totalisierbar sein. Riskant historisch genetisch gewendet, ginge demnach der Werkzeug- und Dingschaffung der Kannibalismus voraus, der sich als Koprophagie abschlösse, in diesem unabschließbaren Abschluß indessen zur Aufgabe des Kannibalismus geführt haben müßte, so daß die Koprophagie isoliert dann zur Überleitung der vollen Selbstbewußtseinsausbildung/Dingproduktion veranlaßt haben würde. Die Zumutung der Hominität = des Selbstbewußtseins gebietet solches zwingend, und daran hat sich, aller Kulturmetonymie in progress unbeschadet, nicht das geringste geändert. Ganzexkrement vor dem Körper, Teilexkrement hinter dem Körper - von der schwächeren Version des Mehrwertauffressens (Koprophagie) ginge also, wenn die Leiche irgend weggeschafft wird, die Fortentwicklung aus. Nicht zu vergessen aber, daß sich am Leichenganzexkrement unverzehrbare Reste - das Skelett etwa - behaupten. Vielleicht ein Grund der Aufgabe des Kannibalismus dann? Offensichtlich ist es unvergönnt, die Materialität des Mehrwerts aus der Welt zu schaffen: er begegnet an der Leiche des Artgenossen sowie im perpetuum des Exkrements: zwei Mehrwertsformen also: Mehrwert an Code, Mehrwert an Strömen. Die Industrie schließlich beseitigt dann diese angeblichen Greuel der Vorzeit - oder ist es nicht vielmehr so, daß
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der Sündenfall der Industrie selber am Anfang steht und zu seiner Stabilisierung allererst Kannibalismus und Koprophagie nachsichzieht? Und freilich ist die also dann ursprüngliche (?) Industrie eo ipso gesellschaftliches Produktionsverhältnis, in dem sich institutionell sodann die kannibalistische Ordnung auf Dauer stellt.
1986

SCHAM UND PHOTOGRAPHIE
Warum eigentlich das Delir der Abbildung der Sehobjekte, die doch schon gesehen werden? Es ist die Passion des sich-selber-sehen-Sehens, die Erzwingung der visuellen Reflexivität, des währenden Blicks gegen alle gegenteilige Blickfaktizität des sich-nicht-Sehenkönnens, des Alternierens von Augenauf und Augenzu, die Liquidation des Scheins des Ausnehmung des Sehens vom sich schließenden Selbstbezug - des Scheins, insofern das offenbare Paradigma der Sinnenreflexivität, das sich-sprechen-Hören, in diesem seinem Beispielcharakter ebenso, anders, a fortiori kollabiert.
Probe aufs Exempel: das Abbildungsphantasma des sich-selber-sehenSehens wäre korporell die Augenverdoppelung vis-à-vis der Augen. Es bedarf keiner weiteren Begründung dafür, daß diese Wunschverdoppelung, die vollkommene Realjustierung des Spiegelbilds, das Sehen auslöschte, den Sehtod/den Tod nachsich zöge. Es bleibt dabei: das Sehen, das sich selber sähe, das ist eo ipso der Blick des Anderen; so daß, präziser noch, das Phantasma der Visualitätsreflexion die restlose Disponierung des blickenden Anderen besagt.
Das geht nicht, und weil es nicht geht, muß eben wie immer die prothetische Projektion dieser Verhältnisse her, die ebenso nicht geht, indem sie nichts als geht. Die Abbildung des Sehobjekts verwechselt nämlich die Erfüllung der Autoreferentialität des Sehens mit den abbildungskonstitutiven Finten des autotomischen Stationärmachens und der unendlichen
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Superfizialisierung des Gesehenen. Und mit diesem quid pro quo vermag das Sehen nicht die gleiche Beziehung einzugehen wie mit dem Sehgegenstand im einfachen nicht-prothetisierten Sehen. Die Unabschließbarkeit dieses iterierenden Bezugs, sie ist die simple Widerlegung des sich-selber-sehen-sehen-Könnens als Abbildlichkeit. 0 platonische Idee! Ausgeträumt auch der Traum der Vernichtung des blickenden Anderen, dieser Illusionismus peremptorischer Ent-schämbarkeit. Doch dieser sich austräumende Traum, er träumt sich solcherweise nichts desto trotz: das absolute Auge des Anderen als sehende/blickende Leiche, entweder als toter Blick, als Abbildung inkorporiert, oder als Greuel des nur lebendigen Blicks die Blenduüg/der Tod. Welch schöner Humanismus sodann - pseudos des tertium datur -, wenn sich der Andere mit mir sich selber abgebildet anschaut und also behauptet, er sei die Anderen-Leiche gar nicht; wie ja Intersubjektivität überhaupt funktioniert, nämlich als Reziprozitätsphantasma, Gerechtigkeitsilluminismus. Teiresias - der Urphotograph, nur daß der Mythos in aller Schärfe aufrechterhält, daß damit die Blindheit in die Welt kam, Blindheit, die dann zu ihrer immerwährenden Überkompensation sich selbst als das potenzierte Phantasma des sich-sprechen-Hörens (Paradoxie des Sehertums) realisiert.
Der Korrekturperfektionierungsprogreß des Spiegelbilds im progredienten Photographiewesen treibt die Phantasmapassion der Sehreflexivität auf ihre Spitze. Als erstes wird das Spiegelbild vom Gespiegelten autotomisiert und ab dem 19. Jahrhundert für die maschinelle Autotomiegewährleistung gesorgt. Versteht sich, daß dabei auch für die Korrektur der Rechts-Links-Vertauschung im Spiegelbild, die ja gewußt wird und deren Wissen ein skandalös-rettendes Differierensmoment impliziert, aufgekommen wird. Weiter: der Film ist die nächsthöhere Stufe, insofern in die Mortalität der abgetrennten und korrigierten Spiegelimago, der Abbildung, entstationarisierend der Mobilismus der Körper eingeführt wird: Hadeslebendigkeit. Im Video schließlich konnte dann noch die Zeitverschiebung zwischen dem Abbildungsvorgang und der Vorstellung/Reproduktion des Abgebildeten aufgelöst werden: Absolutheitsvollendung der
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Historie als Vernichtung der Geschichte, herabgekommene haecceitas. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Fazit: die Kon-sequenz der differierenspotenten Grundaffektionen Angst/Scham/Schuld verendet in der Selbstaufhebung der letzteren als die Erlöstheit der Schuld-absorptiven, -vernichtenden maschinell exekutierten mortalen Abbildung. Zumal die Drohung der Scham scheint so für alle Zeiten pariert; und dies Abbildungspseudos der Sehreflexivitätsabschließung ist mehr geworden als das blinde, der unendlichen Oberfläche verpflichtete Sehen, schon ging es über irl die Unsichtbarkeit des sich-sprechen-Hörens als permanent stumm verlautender Inquisition der Verpflichtung von Menschheit, den Fortschritt des sich-sehen-Sehens prothetisch zu betreiben.
Wie also sähe die Urphotographie im eschatologischen Stande der Genealogie derselben aus? Siehe "Othämatom" : sie ist selber das geschlossene Ohr demnach, Selbstmetabasis des sich-sehen-Sehens in die Inquisition der scheinbar vorgegebenen Selbststatuierung des sich-sprechen-Hörens hinein. Wer nicht hören will, muß fühlen: so sprechen stumm die Waffen. Wenn darin also das Sujet der Photographie zum funktionalen Phänomen derselben geworden ist, was soll man dann noch photographieren? Freilich bleibt das Problem des Sujets in Hinblick auf die Sujetvalenz von Verstellungssupplementarität weiterhin relevant. Man wird aber a priori geltend machen können, daß es kein anderes Sujet, wenn immer man auf dieses abhebt, als die Leiche mit ihrer Legion begrabener Ableitungen gibt.
Zurück noch einmal zur korporellen Sinnenhaftigkeit des Sehens. Man wird behaupten dürfen, daß bereits jede Objektkathexe des Sehens in dieser "Dualität" des Sehens und seines Gesehenen ekstatisch ist hin auf ein anderes Drittes/den Anderen, der selbst nicht blickend die Fest-stellung des Sehobjekts, sei es als Körper, sei es als Hülle, die selbst dann diese Fixation ist, besorgt. Zumal ist der Andere in dieser Funktion dann phoné (allemal die Stimme des Vaters). Dieses Verhältnis erweist sich insbesondere perversionstheoretisch als aufschlußreich. So zum Beispiel zweiteilt sich der Exhibitionist prätentiv an sich selber als pseudos von Einheit in
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die Stimme des Vaters, das Fixationsmedium als entblößter erigierter Penis als Phallus/Signifikant, sowie in den diese also von anderswoher, dem Phallus, herrührende Fest-stellungsmacht exekutierenden Blick. Es bedarf dann nur noch der Scheinbarkeit, die Hose wieder zuzuknöpfen, um beim Glotzen der Psychoanalytiker, so sie residual überhaupt noch blicken müssen (sie blicken blind ja nur), anzukommen. Einer dieser Sorte glotzte so entsetzlich, daß er sich wie beim Verdammten des Michelangelo fast schon die Strafe dafür mitverpaßte. Ein anderer, die delikaterweise als Frau der Exhibition ja nicht mächtig sein konnte, meinte dies durch einen Hyperblick, der regelmäßig dann in Wässerigkeit überging, kompensieren zu sollen.
Die verstrickte Parade eines Kandidaten im Erstinterview bestand sodann folgerichtig darin, auf dem ein wenig deplazierten Thema des Milchtrinkens zu insistieren. Freilich streckte der Kandidat sublim ihr damit die Zunge heraus; was zu vielerlei linguagnostischen Überlegungen Anlaß geben müßte - über die Zunge nämlich findet man im Psychopathologiebereich nichts (welch ein polyfunktionales Organ! Siehe Heide Heinz: "Lingua", Grafik 1986). Versteht sich, daß diese immer heikle Drittenekstatik sich im photo-graphein zu unifizieren intendiert, wie ausgeführt.
Was kann man demnach vor/angesichts der tödlichen Phantasmatik der Abbildlichkeit anderes tun denn sich als emphemere Leiche schamlos-verschämt zu hinterlassen?
"..., in Florenz und in Venedig und in Perugia und ich begann vor Ölgemälden zu schlafen und zu träumen.
Ich sah aus den Fenstern der Museen aber es war wirklich nicht nötig.
Es gab damals im Sommer sehr wenig Leute in den Galerien in Italien und es gab lange Bänke und sie waren rot und sie waren bequem wenigstens waren sie es für mich und die Aufseher waren gleichgültig oder freundlich und ich konnte mich wirklich hinlegen und vor den Bildern schlafen. Sie verstehen, daß es nicht nötig war aus den Fenstern zu sehen. (...)
Wie ich sage beim schlafen und erwachen vor all diesen Bildern begann ich mir wirklich klar zu werden, daß ein Ölgemälde ein Ölgemälde ist.
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Von da an war ich imstande jedes Ölgemälde mit Vergnügen zu betrachten."
(Gertrude Stein, Bilder, in: Was ist englische Literatur. Vorlesungen, Zürich [Arche] 1985, B. ,63/64)
1986

NACHTRAG
Man sagt viel zu rasch, daß das eigene Spiegelbild durch den Verstellungsinbegriff der Seitenvertauschung ein Trugbild sei. Von Trug kann nicht die Rede sein, sehend bin ich vielmehr selber unverstellt mein Spiegelbild. Weshalb? Es bedarf der Frage nach der Bedingung der Möglichkeit, überhaupt den Anspruch der Korrektur des Spiegelbilds zu stellen. Die bloße Behauptung dieser Verstellung, die keine ist, hängt in der Luft. Zur Antwort muß abermals die unabkömmliche Leitphantasmatik des Sehens als das sich-sehen-sehen-Wollen als die Inkorporierung des Blicks des Anderen erinnert werden. Das Spiegelbild erweist sich innerhalb der Totalität dieser Phantasmatik als das Dementi derselben nach deren eigener Maßgabe selber. Das heißt, daß das sich-selber-sehen-Wollen gebrochen ist als das "einfache" Sichsehen, als solches es selber unverstellt. Die in dieser Sündenfalldifferenz nachtragbare Seitenvertauschung ist sodann nichts anderes als der Revenant des Blicks des Anderen, der mich ebenso
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seitenverkehrt sähe, wenn dieser, der Blick des Anderen, der andere Blick, der nicht also menschliche Blick wäre. Wird in dieser positiven Defizienz nicht mehr als dieses statuiert - wird also die Paranoia der Hypertrophie des Menschblicks des Anderen zum anderen Blick vermieden -, so konvenieren das einfache unverstellte mich-selber-Sehen und der Blick des Anderen auf mich. Insofern wird man auch behaupten können, daß die Korrektur des Spiegelbilds, nicht in mente nur, keineswegs korrigiert; sie stellt nur den beängstigend vergeblichen Versuch dar, die besagte Leitphantsmatik zu realisieren, deren Brechung, die sich so nur potenziert, zu widerrufen. Eine Vergeblichkeit, die sich darin pointiert, daß ich den weggeschafften Blick des Anderen als den anderen Blick als den Menschblick des Anderen darin nur beglaubige.
Daß indessen die Phantasmatik des sich-sehen-sehen-Wollens gleichwohl nicht ruht und nicht rastet, bezeugt das wie im einzelnen immer auch spezifizierte Abbildwesen bis hin zur Abbildaufhebung der Gegeständlichkeit; die Kulmination der Gegenständlichkeit der Körperprojektion aber ist keineswegs die Endphase dieser Differenzierung - vom Spiegelbild über Ikonographie zu den Dingen -, vielmehr deren Apriori. Aus diesem Apriorismus der Phantasmafixation, der "Idee", ist eine exaktere Herleitung des Photographierens vergönnt. Diese ist die neuzeitliche Spitze der Selbstwiderlegung des Phantasmas an sich selber so, daß es sich darin zugleich wahrt, auf dein Niveau der Ikonographie, also des Übergangs, des paranoischen Transits von der Gegenständlichkeit in die Vorstellung. Kurzum die Prothetik des resultierenden Menschblicks selber aus der Blickabsolutheit: flächig, nicht seitenverkehrt, über das seitenverkehrte Negativ vermittelt.- Weshalb aber müssen dann Gegenstände zumal abgebildet werden? Weil eben der Spitze der Phantasmarealisierung am allerwenigsten zu trauen ist, und also die immer drohende Schizophrenie der Gerichtsbarkeit der Dinge mittels der Paranoia der Ikonographie gebannt werden muß als rückläufig zirkuläre Vergeblichkeit dieser gelingenden differierenden Magie.
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Dieses Phantasma letztlich der unendlichen Superfizialität als Auflösung des Tabu-Opaken der Dinge ist selbst nichts anderes als Sprache selber und keinerlei Sehleistung. Konvenienzmöglichkeiten, wie eben angedeutet, verdanken sich demnach dem Dispens dieser Sprachmetabasis, freilich immer unter ihrer eigenen Vorausgesetztheit. Die Konvenienz selber, das sind die vier Augen, paradoxerweise die anerkannten vier Augen. Würde es fällig, diese Ansätze der Projektions-/Reflexionstheorie über das Sehen hinaus fortzuschreiben, so würde freilich ebenso gelten, daß die ausgeweitete Selbst-Erfahrung ebenso wenig verstellt sei; Verstellungen kommen ja nur durch die Maßgabe der apostrophierten unendlichen Superfizialität, die eben an kein Ende kommt, auf. Und zudem und a fortiori ist das nach dieser Maßgabe Verborgenste zugleich das extern Manifesteste, dessen Oberflächenabtragung dann allein zu mir selbst korporell zurückführt. Weshalb dann aber der Ansatz am falschen Ort? Weil sich der richtige sonst nicht einstellt ...
Freilich hat die Konvenienz der vier Augen ihre Geschichte als die des Kosmos selber. Doch wenn es zufällig in dieser Historie zur Ausbildung des menschlichen Gehirns/des Selbstbewußtseins gekommen ist, so passiert immer zugleich der Rücklauf dieser Genese selber, dessen Aktualität/Synchronie mitnichten dann als zufällig angesehen werden kann. Dieses nicht feststellbare Wundergebilde aber, die in keiner Weise transzendentale Bedingung aller Möglichkeit, ist eben, ans Ursprungsphantasma gebunden, zugleich die Kontradiktion allen Ursprungs.
"Generell ist das Verhältnis des Blicks zu dem, was man sehen möchte, ein Verhältnis des Trugs. Das Subjekt stellt sich als etwas anderes dar, als es ist, und was man ihm zu sehen gibt, ist nicht, was es zu sehen wünscht. Deswegen kann das Auge als Objekt a, das heißt auf der Ebene des Fehlens (- ψ), fungieren."
(J. Lacan, die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Olten/Freiburg i.Br. 1978, S. 111)
Man trifft im Ausgang vom Sehen bei der Musterung der weiteren Sinnesleistungen bis hin zu denen der sogenannten niederen Sinne sehr bald kriterial auf deren Nichtreflexivität, ihren strikten irreversiblen Charakter
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(und ebenso auf die Nicht-Mutualität ihrer Beziehung aufeinander: das Sehen kann ich nicht hören etc.). Nun wird aber der Schein der Reflexivität der Sinnesleistungen permanent dadurch erweckt, daß diese, jedenfalls die höheren Sinne betreffend (und dies zeichnet sie als höhere aus), vorgestellt, und das heißt eo ipso erinnert/memoriert werden können. Die Möglichkeit der metabasis ins Repräsentationsvermögen/Memorialität ist der Inbegriff des pseudos der Reflexivität der Sinne und zugleich der Vorstellungen selber, und dies empiristisch gar bis hin zu dem Pseudologiegipfel, daß die Nachträglichkeit der Reflexivität vortäuschenden Repräsentation sowohl in einem temporalen wie auch ontologischen Sinne nachträglich sei; was die rationalistische Konträrtheorie bloß ebenso falsch umdreht.
Dieser Reflexionspseudologie unterliegen wie schon angedeutet die sogenannten höheren Sinne: Bewegung, Sehen, Sprechen/Hören, und deshalb sind sie ja die höheren Sinne. Deren Binnenhierarchie hinwiederum mit dem Sehen an der Spitze, jedoch, wenn an der Spitze stehend, bereits in den notorischen logo-phono-Zentrismus hinein aufgelöst, soll hier nicht weiter interessieren - dies zugunsten der Akzentuierung des folgeschweren Umstands, daß die sogenannten niederen Sinne, die darum minder sind, in ihren Leistungen nicht selber der Pseudoreflexivität der Repräsentation/memoria untertan sind. Riechen, Schmecken und zumal die Kinästhesie, die das Idealitätspseudos der Reflexion quittieren, und also so heikel werden in ihrer Opfernähe, daß sie verworfen werden müssen.
Der Inbegriff der Verwerflichkeit dieser Sinnesarten aber besteht darin, daß die Stelle der besagten Reflexionspseudologie von der Exkrementation eingenommen wird, zumal von der Defäkation, der verwerflich ruchbaren Nicht-Nahrung. Von wegen Kulturartefakt über der Ursprünglichkeit der Nicht-Verwerfung - es ist vielmehr hominitätskonstitutiv, daß diese schandbare Wahrheit über die Reflexivität, die es nicht geben kann, just auch den Blicken ins Nichts hinein (Umhüllung) entzogen werden muß. Die Souveränität dieser Nichtung aber rächt sich verheerend; denn
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mit der Aufrechterhaltung des Reflexionsphantasmas der höheren Sinne werden diese mitsamt ihren Intentionalobjekten zu Revenants der verborgenen Exkremente; Scheiße-Übiquität der gesamten Sehwelt, die ja selbst schon gar keine Sehwelt ist.
Von hier her sind etliche überfällige Differenzierungen möglich. So die genaue Unterscheidung des Analen vom Urethralen. Dieses ist der Frontalität des Sehens nicht gänzlich abgewandt so wie die unsichtbare Unterwelt des Sehens, dessen Schattens, der Defäkation. Es liegt schillernd dazwischen und erhält so den Charakter eines Spiegels (wie außerdem in der Enuresie nachweisbar: der nicht sterbende Narziß). Zudem bringen die Exkrementationsakte diejenige Motilitätskörpersistierung auf, die der Mortalität der Ideierung in der Reflexionspseudologie der Vorstellung/memoria exakt entspricht. Es geht zwar kinästhetisch hinten los, doch im Stillstand. Wenn der Gott die Welt ersieht, dann scheißt der Teufel. Urlachen hier auch, Mundverschluß. Und das Denken? Was wir hier tun? Es kommt empiristisch weder an dritter Stelle noch rationalistisch an erster; und gründet einzig darauf, daß es Reflexion nicht gibt. Insofern ist jedes Denken, das meint auf Reflexivität zu beruhen, in Kontradiktion zu sich selbst mit der simplen Konsequenz, nichts anderes als die Reflexivitätspseudologie denkreduktiv zu reproduzieren. Und die lebendige Mutterkörperexkrementation des Kindes? Skandal des nicht verworfenen Ganzexkrements als Basismotivation des verwerflichsten Kannibalismus. Was aber muß dann mit den Kindern geschehen, wenn sie nicht sogleich aufgefressen werden? Weder Ideierung noch Beerdigung ... Schließlich: von hier her fände auch als Metonymie der Sehensfrontalität als des höchsten Sinnes der Signifikant Phallus seine fällige Ableitung.
Warum sind Nahrungsmittel so selten - höchstens in Stilleben (nature morte!) - sujets in bildender Kunst, inklusive Fotografie? Weil das Visualitätsphantasma durch dieses sujet in sich konterkariert wird, wie ausgeführt.
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"Die Ebene der Analität ist der Ort der Metapher - ein Objekt für ein anderes hergeben, Kot anstelle des Phallus." (Lacan, ebd. S. 110)
"Was in der Malerei zutage tritt, wird in seiner Authentizität bei uns Menschenwesen durch den Umstand eingeschränkt, daß wir unsere Farben da suchen müssen, wo wir sie haben: in der Scheiße. Wenn ich von den Vögeln gesprochen haben, die sich ihrer Federn entledigen können, so deshalb, weil wir eben keine solchen Federn haben. Der Schöpfer wird allemal nur an der Schöpfung eines Schmutzhäufchens, einer Reihe aneinandergesetzter schmutziger Häufchen teilhaben. Diese Dimension versetzt uns in die Sehschöpfung - die Geste als Bewegung, die man sehen läßt." (Lacan, ebd. S. 124)
1986/87
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