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Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: "Pathognostische Studien III" (1990), Essen 1990, 336ff.
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Schlaf
Sofern der Schlaf charakterisiert ist durch den - hinwiederum im Traum spezifisch suspendierten - Ausfall der Repräsentationstätigkeit sowie der Fortbewegung, müßte er als ein Element dieser Vermögen sodann selber indizierbar sein. Gelänge diese Indizierung, so wäre Schlaf allererst abgeleitet und verstanden.
Worin besteht dieser Index, zunächst an der Repräsentation? Notorisch ist diese ein Opfervorgang, in dem die Todesfuge als Materialitätsvernichtung überschritten und im Toten beglaubigend wiederum rücküberschritten wird. Diese Prozessualität suggeriert die Möglichkeit des Vorstellungswesens als ewiger Idee, Repräsentationsimmortellen zumal in ihrer Erfüllungsform, den Dingen. Die Entropie dieses Trugs muß ich hier nicht mehr ausführen - schuldlogisch formuliert, besteht dieser Grundvorgang, der nicht umhin kommt, sich in Zerstörung als der Absolutheitsbestimmung schlechthin zu erfüllen, darin, den Körper zu entschulden als restlose Schuldeingabe, Einsperrung, ja Aufhebung in/als Repräsentation ultimativ als Dinglichkeit. In diesem Gefüge erhält der Schlaf, wie man auf diesem Gedankenniveau meinen könnte, eine einfache Funktion: er besorgt nämlich die Auflösung der Dinglichkeitsprätention, den Tod der toten Dinge, indem er das Dingphantasma selber nur, in den Körper hinübergezogen, beim Wort nimmt. Schlaf also als dieses seltsame Mischgebilde, die Nichtung der Schuld des sterblichen Körpers phantasmatisch in den Dingen körperlich als das Nichts der Repräsentation existent werden zu lassen.
Der Stillstand der Fortbewegung scheint in diesem Zusammenhang, dieser gemäß, eher die Medialitätssphäre zu betreffen: daß nämlich ein Mittel zum Zweck, und zwar zum Zweck der Selbstkonsumatorik der Vorstellung, gemäß der Aussetzung dieses Vorgangs konsequent, also in der Folge dessen nachfolgend, ebenso außer Kraft tritt. Was nicht ausschließt, daß die mediale Fortbewegung in sich selber auch nach der phantasmatischen Struktur der Repräsentation organisiert ist, was mindest daran deutlich werden kann, daß (was ja hier selber schon der Fall ist) dispensierte Zwecke in die Mittelkonstellierung dergestalt eingreifen, daß diese vernichtet wird.
Aber der Traum? Im Schlaf setzt doch das Repräsentationsvermögen, eben weil wir träumen, und zumal weil wir geträumte Träume erinnern können, mitnichten aus. Vorübergehend aber wohl. Womit aber sein Nicht-Aussetzen als Träumen nicht erklärt ist. Wie also kommt das Träumen zustande? Allem Anschein nach ist die Traumtätigkeit, zumal als erinnerbare, vom Grad der Schuldkonzentration als Schlaf abhängig, da ja der Schlaf nicht zum Tode führt, vielmehr ins Wachen zurück, so daß ihm immer auch nur Immanenzmotivik attestiert werden kann, unbeschadet der "Kritik", die er am Repräsentationswesen mit seiner Phantasmatik übt, - einer Schuldkonzentration, deren Entropie demnach als Traum negentropisch konterkariert würde, in dieser Negentropie indessen freilich wiederum in den Aufschub desselben Todessogs eben als Dingphantasmatik etc. zurückgerät. Nur meine ich, immer wieder wahrnehmen zu können, daß der Gegensog des Schlafs sich gegen das Träumen derart behauptet, daß dessen Vorstellungsanmaßung immer auch zum Traumthema wird. Zum Traumthema indessen primär immer in "formaler" Rücksicht: Traum, der sich eo ipso selber träumt und dies an sich selber sodann beeinträchtigt; und alle Inhalte sind in diesem Ansatz als wie unbegrenzte in-sich-Reflexionen dieser Formbestimmtheit lesbar.
An diesem Schlaf- und Traumverständnis ließe sich schließlich auch die notorische Analogie von Traum und Symptom in pathognostischer Neufassung verdeutlichen. Analogie fürs erste in dem Sinne, daß Schlaf und Traum die naturwüchsigen Regelfälle der Pathologieabweichung davon sind. Vielleicht könnte man so weit gehen und sagen, daß Krankheit dadurch charakterisiert ist, sich auf die pointierteste Ambiguität dieses Regelfalls (einmal subjektivistisch formuliert) nicht mehr verlassen zu können und also voreilig, vorzeitig gegen diese Normvorgabe anarchisch das Dingphantasma anzuzapfen und die Letalität dieser Dissidenz ins residuale Repräsentationswesen des Symptoms hinein bis dahin jedenfalls umzukehren, also dem Traum vergleichbar darin zu prozedieren. Allem Anschein nach wird in dieser Pathologieentsprechung die Sucht derart zum einschlägigen Paradigma, daß sie nicht mehr nur als Einzelkrankheit firmieren kann. Jedenfalls wird in dieser Schlafkonzeption, die immerhin den Vorteil für sich buchen können mag, über solche wundersamen Vermögen noch erstaunt sein zu können (und schon ein bißchen mehr), jeder Unbewußtheitsromantizismus zunichte. Unbewußt - höchste Lust - gewiß, aber als exklusives Todesdiktat, rein immanent. Denn der Schlaf kopiert nur das Dinglichkeitsphantasma, nimmt es buchstäblich buchstäblich und leitet mitnichten aus ihm hinaus - das wäre ja selber der Tod -, sondern in es, in seine ganze Phantasmatik, wieder hinein zurück.
Um dies hier nur kurz anzudeuten: es ist durchaus möglich, weitere Anzapfungsmodi zwischen Krankheit und Schlaf zu differenzieren, so gewiß an erster Stelle Sexualität, die ebenso in letzter Ambiguität auf der Gegenseite des Körpers das Dingphantasma als Rausch tödlicher/sich selber auch tötender Absolutheit kopiert. Es gibt gar auch die Entsprechung zur Rückkehr zum Repräsentationswesen, das sich sodann selbst zu konterkarieren beginnt als Traum, ebenhier: das Obszöne als Rettung der prätentiven Vorstellungspotenz (Fetischisierung), die sich selber travestiert. Man wird demnach die Ablösung der Sexualität von der Gattungsreproduktion nimmer verhindern können; und die Störanfälligkeit dieses Bereichs liegt gewiß darin, daß er in sich anders als Schlaf und die Gesamtsphäre der Subsistenzsexualität der Triebdetermination enträt, wie für den Einschuß von Phantasmen freigegeben anmutet. Subsistenzsexualität: hier kommen die umfänglichsten Desiderate, auch die Organtheorie betreffend, auf; und dabei ist doch das Essen die exemplarische Grundform der Dingphantasma-Anzapfung.
Das ganze Ausmaß der Naturwüchsigkeit dieser Schlaforganisation geht wohl nicht zuletzt aus den Ergebnissen der empirischen Schlafforschung zwingend hervor. Diese bedürften ihrer gelegentlichen Interpretation im pathognostischen Zusammenhang. Ob nicht auch die beiden physikalischen Seinsversionen sich in dieser menschlichen Ableitung von Schlafen und Wachen (fragt sich nur, in welcher Verteilung) melden?

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.