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Miniaturen
Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: KAUM 4. Halbjahresschrift für Pathognostik, Wetzlar 1987, 101ff.
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Schmerzzustand
(rechte Brust, außen vor, zur rechten Schulter hin)
Zum Bewußtsein, zur Fühlbarkeit hindrängen. Das ist schon seltsam genug, daß eine bildlose, nicht-repräsentierte Körperpassage - repräsentierbar eben nur mortal-anatomisch, schier äußerlich also - zu einem Zustand hinwill - so mag es einem vorkommen -, der ihr von Hause aus, außer einem sehr allgemeinen Daseinsgefühl, wie der Verlegenheitsausdruck lauten könnte, garnicht zukommt. Und diese Hervorzerrung wie aus einem Binnenvorbehalt, einem reinen Für-sich, steht dann offensichtlich unter Strafe: Schmerz. Anmaßung von etwas direkt unterhalb der Haut im Fleisch, wie gehabt auch deutlich lokalisiert, das seinen üblichen, vorgesehenen Status eines un-spürbaren Mitdabeiseins quittiert, um seine nicht vorstellungshafte Repräsentanz, sogleich konsequent sanktioniert, unter Schuldverdikt gestellt, zu erhalten.
Anscheinend erreicht die Schmerzirritation ihren Höhepunkt immer dann, wenn die Anmaßung ihrer Genese eigens als solche sich zu konturieren beginnt: es ist dann so, als ob diese Körperpartie in aller »Freiheit« eine Kausalreihe, ja sich selber seinsgenerierend anfangen wolle, sogleich in einem damit aber wie travestisch an sich selber als das Gegenteil dieses Aufbruchs zurückfiele: Lächerlichkeit eines freien Überhaupt der Schaffung aus Nichts, ist man versucht zu sagen, als eine schäbige Lokalgröße, lokalisierbar zwar am Körper (was solches auch immer genau heißen mag), doch mitnichten ohne Riesenaufwand, verbal, mitteilbar, nie direkt vorzuzeigen, aufzuweisen. Nochmals im inneren Höhepunkt dieses Kundgabehöhepunkts kommt es einem so vor, als vermöchte man hypertravestisch diesen Gott - mehr dann zum linken Brustinneren hin -, diese unmögliche Ursprungsstelle insbesondere nicht nur spüren, vielmehr auch intersubjektiv hervorholen können. Es ist dabei dann weniger die - immer recht verhangene - Vorstellung, daß sich das Herz an diese göttliche Lächerlichkeits-Stelle begeben hätte, als vielmehr, daß der Kopf, das Gehirn begänne, bedrohlicherweise (hier setzen in der Tat Bedrohungsgefühle ein) an diesen Ort - von ferne, ganz von ferne der Herzversetzung oder besser: -Verdoppelung, -Doublierung - sich zu deplazieren und entsprechend hier nicht zwar aufzulösen, doch gänzlich zu verwirren. Die schwächere Variante dieser Krankheits-, nicht unbedingt Schmerzenskulmination läuft eher auf die Sorge hinaus, diese Schmerzempfindung fresse wie ein Moloch die gesamten Vorstellungen, Bilder weg; das Denken komme nicht mehr sozusagen darüber.
Kantsche Freiheitsantinomie demnach ineins gebildet; deren sowohl-alsauch, jenachdem, fusioniert. Das Schmerzensquale hat am ehesten etwas mit sich in sich aufhaltendem Zerbröckeln zu tun: als zerfalle etwas - binnencogitionalisiert -, ohne zuende zu zerfallen, aber nicht minder auch ohne am anderen Ende Konsistenz wiederherstellen zu können; Tortur des festgehaltenen Übergangs. Außerdem erfolgt die Auflösung des Schmerzens zu dieser, der Konsistenz hin, nicht in einem Sprung, vielmehr vermittelt über eine Art von Zerbröckelnsdissipation über den gesamten rechten Brustraum (mit einem Autonomiezug zur Außenhaut); einer Re-Konsistierung, die oft lange noch ein Übergefühl der nicht mehr schmerzenden Stelle nicht loswird.
Hypochondrische Schmerzensphänomenologie für den höheren philosophischen Anspruch? Kaum. Vielleicht aber der bescheidene Anfang solcher schamanistischer Übungen, die Krankheit eben nicht mehr einfach bloß, wie landesüblich, in Fatalitäten der res extensa letztlich abspalten, ohne außerdem mit dieser Abspaltung die falschen Schuldverdikte über diese Dissidenz im geringsten zu konterkarieren. Also ein Beitrag zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen.
Pathognostisch ist es nun die Frage, wohin solche schmerztolerante Weile, die bedenklicherweise sofort zum Arzt zu laufen unterläßt, Krankheit betreffend, zu führen vermöchte. Allgemein zum Begriff des Körpers. Nach unserem Verständnis beeinträchtigt diese Erkrankung ja nicht primär den Gebrauch des rechten Arms etc., vielmehr den entscheidenden Transfer dieser Organpartie in seine Reflexion, in sein Mortalitäts-Reflektiertes/seinen korrespondierenden Dingsektor hinein: diese Inhibition ist die Erkrankung selber in basaler Rücksicht und die besagte Gebrauchsbeeinträchtigung nichts anderes als krankheitskriteriale Sanktionsfolge dieser grundlegenden Reflexions-, Organprojektionsauslassung. Wäre dem nicht so; stände durch Krankheit nicht eben die Dinghervorbringung, deren Grundakt, grundsätzlich in Frage, so würde man sich schwerlich überhaupt um Kranke, so sie bloß subjektiv-konsumatorisch behindert sind, kümmern. Da aber des Menschen ganze Passion, das Ding, auf dem Spiele steht, muß man sich schon was zu deren Freiheit einfallen lassen; und was man sich nicht alles einfallen läßt - jedenfalls hauptsächlich solches, das die Primärverschuldung des Organreflexions-Dispenses in gebührender Unbewußtheit beläßt.
Was nun der betreffende Dinglichkeitsausschnitt im gegebenen Falle auch des einzelnen sei - dessen Zustandekommen, wie gehabt, wird in/als Krankheit blockiert: post festum der Dinghervortritt - unter der Kondition des Existenzvorausgangs der entsprechenden Objektiva - einbehalten; also deplaziert, am falschen Ort nach der Maßgabe der ebendort buchstäblich genommenen Indifferenz des Normalstatus nachgestellt etc. - darüber brauche ich hier nicht mehr zu handeln: ist mit am besten pathognostisch bekannt und bewährt. In einem strikteren Sinne aber geht es im Krankheitsexempel den Körper an: als Schuld-Resorptionsstätte nämlich. Der Verfehlungsrücksog schiebt sich direkt/schiebt das Phantasma in seinen Körper-Herkunftsort hinein zurück, so jedoch, daß es freilich - des Krankheitsansinnens der Bewußtheit wegen - darübergeschoben wird. Das soll nicht schmerzen? Die Organkrankheit traut sich weit also provenienztopologisch zurück vor und gewinnt so nicht zuletzt die Pathologieprärogative. Doch dieser ultimative Resorptions-Tiefgang erlaubt etlichen Spielraum an Binnenermäßigung seiner Intensität, seiner Destruktions-Mächtigkeit - bis hin im einen Extrem zum Flunkern, der Krankheitssimulation am umso täuschenderen Körperort. Wie steht es damit im Beispiel? Irgend einen Mittelwert nimmt es wohl ein; und an diesem (gewiß präzisierbaren) Ort obwiegt wohl auch eine Art Indizierungs- und Signalwertigkeit, so als habe sich das Sanktionselement in eine Nach- und Vorträglichkeitseinräumung hinein autonomisiert? Inflation der Negativ-Fühlbarkeit schuldresorptiver Anmaßung, Schmerz? Was das aber wiederum heißen mag? Diese Outrierung? Vielleicht ein destruktionskompensatorisches Privileg der Aufzeichnung, Inskription, also des Selbstgewahrungsdrängens, der Gnosischance, der krankheitsgemäß inquisitorisch noch gefesselten: so als bedeute der wie übertriebene Schmerz, sich transformieren lassen zu wollen in die Einlösung dieser programmatischen Rede hier; und zu diesem Zwecke aber muß er sich, um so aufgegriffen zu werden, verselbständigen: - Schmerz vielleicht der zerbröckelnden Glasscheibe, -hülle.
Nun aber endlich auf zu den re-introjizierten Kriegsobjektiva, den dieser Krankheit entsprechenden. Wohin geht die beschwerliche Reise der Schmerzüberführung in die (anders schmerzende) Sicht des Schmerzenden? Das fragt sich nur so leicht, und je leichter die Frage, umso ineffektiver auch ihr Ansatz, die Re-Projektion des schmerzenden Phantasmaspezifikums bei lebendigem Leibe zu effektuieren; Re-Projektion in dem Sinne gar, daß es zum intellektuellen Aufenthalt der Unbewußtheit der üblichen (Re)Projektion, abermals unbewußt gemacht: dem unbehelligten Einsatz der rechten oberen Körperhälfte (eben als der Unbewußtheit wiederum von deren produktiver Ding-Reflexion) käme. Man kann die Sperre buchstäblich spüren: »wie die Katze um den heißen Brei«, nur daß selbst der heiße Brei seine Identifizierbarkeit verliert.
Also: mit einem Kugelschreiber und auch mit einem Schreibmaschinen-Kugelkopf etc. schlägt man bloß im ridikulen Sinne der Verbalinjurie drein. Und zudem ist die Vorzeit eh passe: Mann gegen Mann, Faustkampf. Und ebenso die anfängliche Geschichtszeit: mit schweren Säbeln dasgleiche; und dergleichen. Voll der Innervation strecke ich meinen rechten Arm gerade-aus, und er ist ein dingetötender Laserstrahl. Star war. (Jetzt Laserwaffen, sagt die EAP). Auto-Amputation des rechten Armes, genährt vom Herzblut, es verzischt in die Feuerstrahl-Autotomie hinein; Präsident Reagan, der herzlichst den rechten Oberarm quer über die Brust legt. Dies Opferblut aber bezieht seine Kraft aus dem Vorausgang der notorischen Dinge-Mahlzeit. Headsche Zonalitäten, aus denen des nachts dann wenigstens auch der Schüssefeuernde Prothesen(hakenundschläger)arm der Krimis als Vorgefühl des Lasers herauswachsen könnte. Und freilich: derart nichtszeugend müßte der Penis als Martialitäts-Phallus-Gipfel sein. Alle Körpersysteme beisammen? Ja: Motorik, Kreislauf, Verdauung; Sexualität. Wo aber ist das Gehirn und der Sinnesapparat geblieben? Ganz einfach - selbstverständlich besitzt meine Laserkanone ein zielsicheres Elektronenauge überallhin; denn der Feind ist überall.
Es muß nun nicht mehr ausgeführt werden - das ist im Allgemeinen längst schon geschehen -, daß Krankheit die verdammte Bewußtheit ruhender Kriegskontexte, der Waffenarsenale also, transsubstantiativ ist. Im Beispiel: der Totschlagarm mit Gefühl und himmelsbrotgenährt, modernst die Laserkanone, post festum einbehalten etc. Die vermutete Verselbständigung der Negativ-Spürbarkeits-Repräsentation, des Schmerzes, gibt dann in erster Linie wohl das Ruhende des Kriegskontextes, das waffenstrotzend-irenische Moratorium wieder.
Therapie? In allen ihren Ausprägungen besteht sie darin, das Unbewußtheitsfunktionieren (des erweiterten Begriffs) der »Organprojektion« (Kapp), abermals subjektivistisch supplementär unbewußt gemacht zum Objektivitäts-abgetrennten Funktionieren von Organsystemen, wiederherzustellen; in Kriegsbegünstigung, Kriegsbinnenrüstung also. (Auch darüber muß nicht mehr ausgeführt werden, als längst schon dazu vorliegt.) Nicht-mehr-therapeutisch (pathognostisch) gewährleistbar aber ist dagegen nur die - gewiß begrenzte, in ihrer unbekannten Begrenzung indessen noch nicht einmal zu einem geringen Bruchteil erprobte - Insistenz zu setzen, der Krankheit je die Gnosis derselben (sich noch spezifizierenden) Prätention - wie skizziert - abzuringen; Wissenstransfiguration, die erhebliche Philosophiefertigkeiten abverlangt. Solch ungemütliches Wissen aber verbraucht sich letztlich schon in seiner eigenen mühsamen Erzeugung; das Pathos des Anderen läßt sich entsprechend an seinen verzweifelten Aufenthalt nimmer knüpfen. Vielleicht aber könnte es mit zum Anlaß werden für. Jedenfalls sollte man es sich, wenn eben möglich, lange überlegen, die wohlfeile Medizinmetabasis in die res extensa seiner selbst vorzunehmen; nicht zuletzt auch in der theoretischen Rücksicht, vielleicht allererst brauchbare Forschungshypothesen auf pathognostischer Grundlage vorzugeben - was beispielsweise könnte es bio(neuro)chemisch heißen, daß sich am Unort dafür zersplitterndes Glas bildet etc. -, um bloß die Unbewußtheit mit allen ihren Folgen schließlich weiter hochzutreiben.

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.