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Pathognostische Miniaturen
Dieser Text von Rudolf Heinz ist erschienen in: "Pathognostische Studien III" (1990), Essen 1990, 303ff.
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Schuld und neurotisches Symptom
Die Organisationsform der Schuld erweist sich in der Neurose als der ärgste Fallstrick. Es gilt das blockierende Verdikt: ich bin es nicht. In der Tat - ich bin es nicht: Ich kann es ja nicht sein; denn ich löst sich ja, psychoanalytisch ausgedrückt, im Kurzschluß von Es und Überich symptomatisch auf, den Platz von Regie nimmt eine Art Überfall des Verbotenen ein, und nicht nur das: bevor sich dieses kundtun könnte, wird es wegsanktioniert und in seiner instantanen Sanktion erhalten: Statik der Verdammnis. (Das alles ist bekannt.) Aber auch anders noch kann es Ich nicht sein: eben als das ausgebreitet residuale Normalitätsich in der Neurose eh. Nur daß diese krankheitsresistenten Anteile penibel Dauersorge darum tragen müssen, keinerlei Schuldkontigent aus dem Symptom nebenan zu übernehmen und irgend unmittelbar zu manifestieren; womit sich der neurosentypische (öfter als einem lieb sein kann unauflösbare) split etabliert: alle Schuld dem Symptom und keine Schuld dem Ichresiduum, das sich um dieser Scheinbereinigung willen supplementär immer dann mit Reaktionsbildungen, besonders harten, durchsetzen muß. Fazit: so scheint die gänzliche Unschuld des Selbst vollbracht, und zum Hauptproblem wird regelmäßig nicht die Krankheit, vielmehr die verbliebene Normalität. (Auch dieses ist bekannt.) Man wird nun nicht behaupten können, die Psychoanalyse wisse solches gar nicht, im Gegenteil. Doch neigt sie bedenklich (mindest) dazu, sowohl mit den intakten Selbstarealen übermäßig zu paktieren als auch eine weitere (ihre spezifische) Schuldverschiebung und -entlastung zu begünstigen: die ödipale Elternbeschuldigung; was sich schließlich als theoretischer (wie therapeutischer) Irrweg erweist - aus ebenso notorischen Gründen -; krankheitssuspendierende Potenzen sind gewiß nicht im residualen Normalitätsich beschlossen, wie gehabt, und die losgelassene Eltern-Ätiologie irrt sich, von der Schuldfrage exkulpativ ablenkend, letztlich in der Adresse etc.
Wie aber anders vorgehen? Auch das ist unterdessen in seinen Grundzügen unproblematisch: primär ist die Dimension des Dingverhältnisses im Symptom, worin sich aktuell die entscheidenden Schuldmigrationen abspielen - aktuell: also weder ichbestimmt-abgedeckt nicht noch als bloße Vergangenheitshypotheken. Im Dingverhältnis nun am Ort des Konsums reißt in der Art eines passiven Gebrauchstreiks/einer dissident leidenden Gebrauchsexilierung, über die Schwäche des Rechtstitels des Gebrauchs/über gravierende (als gravierend vermeinte) Nicht-Äquivalenzen vermittelt, die Produktionsdimension, das -phantasma, das crimen derselben auf; es kommt in diesem totalisierenden Rekurs, einem dimensionalen Übersprung, zur Bloßlegung dieses Makro-Unbewußten, nicht jedoch im Sinne eines entbundenen - etwa intellektuellen - abbiegenden Protestes dagegen (gegen seine Unbewußtheit allemal sowie auch gegen seinen Gehalt), vielmehr in dem Sinne einer unaufschieblichen Aneignungspassion, dieses Phantasma selber sein zu wollen. In diesem totalisierenden Vorgang aber muß die Phantasma-Entblößung jeglichen Selbstgenusses entraten; in sich nämlich wird sie sogleich konterkariert von der Sanktionsmacht desselben Phantasmas - Sanktionsmacht als vergängliche Tötungspotenz desselben. So der Symptomgrundriß in pathognostischer Transskription; Krankheit demnach als vor-letzte (prämortale) Totalentschuldungsprätention, Transzendenz-, Phantasmausurpation, gleichermaßen in einem resanktioniert; und dieser Prozeß tritt wie im Falle der Verdammnis auf der Stelle; und sieht sich in der Neurose, ebenso günstig wie überaus tückisch, verbliebenen Selbstanteilen gegenüber, die sich nachhelfend oft in der Grenzsicherung zum Symptom hin verbrauchen, normalitätsrigide dergestalt, daß man meinen möchte, sie seien nicht mehr als das Revers der Unfreiheit nebenan.
In diesem Zusammenhang imponiert noch ein selten wohl genau wahrgenommener neurosenspezifischer frustraner Rettungsversuch. Der passive Verwendungsstreik pflegt sich häufig mit einer Art von Verwendungsunwürdigkeit durch mangelhaftes Gegenbieten, mangelhafte Äquivalenzbildung in der Tauschsphäre zu rationalisieren. Es liegt dann nahe anzunehmen, die Konsumfähigkeit ließe sich durch die Überkompensation dieses Äquivalenzdefizits (durch Draufzahlen) (wieder)herstellen.Diese Überlegung mag zunächst bestechen; allein, wenn nun die gewünschte Äquivalenzbildung zustandekommen könnte (was de facto eh niemals exakt vergönnt ist), so würde durch diese Legitimität die symptomatische Gebrauchsverhinderung eben nicht geschwächt, vielmehr gestärkt; denn das Recht des Zugriffs triebe denselben tiefer nur in das besagte Aneignungsbegehren hinein, und nicht umgekehrt, so daß sich die einschlägigen Signalaffekte potenzierten. Ginge man nun noch eine Dimension weiter voran und unterstellte man, daß der letzte Rechtstitel des Gebrauchs in der Herstellung des betreffenden Dingkontextes bestehe, so kulminierte nur im Schein der gegenteiligen Hoffnung das Pathologiegewicht ebenso; das eh ja schon neurotisch am Ort des Konsums aufgerissene "kriminelle" Produktionsphantasma risse den neurotisch noch geschützten Nicht-Konsumenten vollends in sich hinein. Wie dies im Ultimatum von Psychopathologie, der Psychose, der Fall ist.
Aus diesem Zusammenhang heraus ließe sich demnach auch die Hierarchie der Psychopathologika bestimmen: vom durchgehenden Initialort des Konsums aus attrahiert das Produktionsphantasma zur Produktion hin = Psychose; macht es davor in der Tauschsphäre halt, so resultiert Perversion/"Psychopathie"; und hält es sich in seinem Aufriß im Konsumareal fest, so richtet sich die Neurose ein, deren Rettungsversuch, den gerechten Tausch zu instaurieren und die Werkstatt gar aufzusuchen, nach der Maßgabe dieses Krankheitsgefälles nicht verfangen kann. Versteht sich, daß das umgekehrte Rettungsansinnen, die Protestvindikation des Symptoms, ebensowenig reüssieren kann; wegen des durchgehenden Krankheitsansatzes in der Konsumtion kommt das Aufbegehren immer verspätet/zu spät (post festum productionis et circulationis - wenngleich dann jenseits der Neurose zu diesen Dimensionen, wie skizziert, jeweils hinziehend), und insbesondere müßte das Protestmoment gegen seine instantane Sanktionsdurchkreuzung isoliert und aktiviert werden können. - Der - faktisch nicht mögliche - Versuch der Bereinigung des Tauschverhältnisses sowie gar noch das Engagement an die Produktion sind demnach therapeutische Irrwege, die dann nur keine wären, wenn die Krankheit anderswoher bereits aufgelöst wäre; ist die Heilung nicht schon zuvor geschehen, so führte diese Courage der Neurosendeplazierung in die Dimensionen der Phantasmasteigerung, tiefer nur in Pathologie hinein; und es scheint fast so, als ob die Neurose dieses wüßte - ist es doch nach aller Erfahrung fast ausgeschlossen, daß sich eine etablierte Neurose in eine Psychose hinein intensiviert.
Aber auch im nachhinein besteht fast kein Interesse, die neurosenspezifisch am Ort des Gebrauchs gewonnene Normalität durch tätige metabasis in die weiteren Dimensionen hinein zu stabilisieren; nein, der Neurotiker hat verständlicherweise die Nase vom ehedem passiv bestreikten etc. Dingkontext voll (und legitimiert mit seinem Besetzungsrückzug ja auch das Spezifikum der Neurose, so als müsse er durch den Dimensionenwechsel befürchten, erneut und noch schwerer zu erkranken). Und selbst auch im pathognostischen Zusammenhang muß mit diesem Vergessensbegehren - a fortiori gar - gerechnet werden, insofern diese andere Prozedur zum schieren Nicht-Vergessen obligiert - Nicht-Vergessen aber im Sinne einer Befallsort-gerechten Dauermetamorphose des zugemuteten Symptomgehalts in ein gehaltsidentisches Tun hinein, das ohne einen erheblichen Travestieüberhang im zurückgewonnenen Gebrauch diesen trügerisch bloß - vergessentlich - normalisierte; was ja der Sinn dieser anti-psychoanalytischen Aufklärung nimmer sein kann. Und in dieser Travestielösung dann, die auch gefahrlos(er) sich in die Neurosen-heterogenen Dimensionen hinein vorwagen könnte und die gewiß auch besondere Inventionsgaben, fernab von Normalität wie auch von Krankheit, disponiert dazwischen, erforderlich macht, erhielte der gelingende Gebrauch einen ganz anderen abweichenden Status - er würde nämlich zum travestisch eingebetteten Ernstfall, und als solcher zu mehr als bewußter Verunbewußtung, vielmehr nicht zuletzt zu einem Akt der Selbst-Beschuldigung, der Schuldübernahme, nachdem in seinem Travestie-environment eingegangene Schuld, in Gewalt umgewandelt, sich verbraucht zu einer Art Moratorium der Auflassung, Transparenzmachung und tätigen Präsentation des also entmachteten, doch nicht in Normalität hinein gefährlich verschwundenen Symptomgehalts. Irgend der Spezifität dieses Gehalts angemessene "intellektuelle" Travestie sowie deren Seriösitätskonzentration in die also restituierte Konsumtion als confiteor hinein.
Es kann keine Maßnahme geben, Schuld zu eskamotieren; man vermag sie nur in ihren dazu benötigten Gewaltumwandlungspotentialen gnostisch aufzuzehren (und dies kann immer nur partiell und transitorisch geschehen) und sie im Praxis-Ernstfall - in der Neurose am Ort der Konsumtion - einzugestehen; wohingegen Normalität und Krankheit eines Wesens darin sind, daß sie den Trug der Schuldvernichtung bzw. der Schuldabtretung letztlich erfolglos suggerieren. Freilich liegt die Prognose nahe, daß der Haupteinwand gegen dieses Konzept den Kranken dagegen in Schutz nehmen zu müssen meint: er sei damit sträflich überfordert. Gewiß - doch dann nur, wenn die globale Anpassungsnorm, Konsumsouveränität (am besten sogleich american like), ihre n-te Beglaubigung erfährt. Und da diese Norm nichts als Dingverheerung, demokratisierter Opfermahlexzeß bedeutet (so etwas wie universalisierter Krieg in kleinen und kleinsten Raten), ist dieser Einwand nichts als zynisch/hypokritisch.
Anscheinend kommt im pathognostischen Rahmen unter Umständen ebenso ein - psychoanalyseanaloger - Schuldfallstrick auf, die Meinung nämlich, daß alle Schuld den Dingen, der Dinglichkeit inhäriere - gilt doch die einschlägige These, daß Dinglichkeit die Schuldabsorptions-, die Verunbewußtungsinstanz schlechterdings sei. Gewiß, aber nicht in dem Sinne, daß damit, korrespondierend, die Selbst-Exkulpation vollbracht wäre. Im Gegenteil, auf diese irrige Weise eingesetzt, stellt die aufgeklärte Schuldträgerschaft der Dinge (des Makro-Unbewußten) nichts anderes dar als das Negativ der Normalitätsverfassung, eben den Schulduntergang ebendort, und folgerichtig resultiert das Gegenteil des Exkulpationsansinnens auf diesem Wege, nämlich die einzige Schuldigkeit des Selbst ineins mit der der aufgelassenen Dinge, wie umgekehrt ja auch in der Normalität Unschuldsding und Unschuldsselbst in ihrer supponierten Unschuld identisch sind (und diese Identität den Grund dafür ausmacht, beide überhaupt unterscheiden und hypostasieren zu können).
Der irrige Schuld-Unschuldchorismos zwischen Ding und Selbst macht also die haltlose Voraussetzung der Möglichkeit, beide Bestimmungen heterogeneisierend voneinander abzukoppeln, so als stammten die Menschdinge gar nicht vom Menschen ab, vielmehr von einem Dämon; so als führte Produktionsenthaltung von sich her zum Selbst-Purismus, der sich im Schuldigkeitskontrarium gegenüber, in den von woanders herrührenden Dingen, erkennte; so als gäbe es bereits eine apriorische Katharsis in der Produktionssphäre, als erschöpfe sich Unschuld nicht letztlich im konsumatorischen Opferprämienwesen; kurzum: so als vermöchte diese exakte Nachzeichnung von Krankheit selber diese zu beseitigen. Es bleibt also dabei: die Schuld bleibt - als Verschlußgewalt der martialen Normalität ineins mit der Selbst-Aneignung derselben als Leiden, Krankheit, und ebenso im Modus ihrer "intellektuellen" (gnostischen) Verbrauchstravestie einschließlich deren Ernstfalls des - der Neurose entsprechenden - gelingenden Gebrauchs als einzuräumende Verschuldung.

© Prof. Dr. Rudolf Heinz.