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Rudolf Heinz: Sucht
Erschienen in Pathognostische Studien II, 1987, Essen, Die Blaue Eule, 159-169  - Der Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
(Zur Zitierbarkeit sind die Seitenzahlen angegeben.)
© Prof. Dr. Rudolf Heinz.

Was ist eine Droge?
Die Droge ist der Aberwitz der isolierten Produktion - wohlgemerkt der Produktion - des Dingphantasmas selber konsequent als Inbegriff des Konsumtionsstoffs. Notorisch erfüllt sich das Dingphantasma in der haecceitas, dem Zusammenfall des Einzeldings mit seinem Wesen, wodurch in diesen Essentialitätsgipfel der Koinzidenz die Existenz, das Sein tödlich einbricht. Im Unterschied zu den Differierungen der Fusion mit Objektivität in ihrer haecceitas-Fassung in Krankheit entfällt in der Sucht/der Droge dieser Aufschub, oder genauer gesagt: der Aufschub ist nichts mehr anderes als die Produktion der Droge, deren Anwendung dann nur noch Aufschiebungen, reine Zeitigungen rein durch sie selber effektuiert, die letztlich hinwiederum durch ihre Dauerapplikation aufgehoben werden müssen. Die Konsequenz des also eigens hergestellten Dingphantasmas als dieses haecceitashaft selber eben als Konsumtionsstoff besteht darin, daß die Inkorporation und letztlich deren Stillstellung als Einsundalles der Inbegriff von Hervorbringung, Seinsgeneration beziehungsweise deren Totalitätslimes ist.
Welches Organ ist als Droge projiziert?
Projekt ist das Selbstbewußtsein als ganzes, der organlose Körper als Synästhesie- und Raumzeitzusammenzug. Daß dessen Einzelsein als Droge eine einzige Selbsttravestie ist, Selbsttravestie auch der unendlichen Differierung darin, daß die entsprechende Drogierung ein Fühlungsstatus bleibt, verfängt insofern nicht, als diese coincidentia oppositorum ja die Selbstgeneration selber ausmacht. Freilich kann man über diese Urgroteske lachen, nicht zwar von außerhalb her, doch im Inneren der differierenstotalitären Intellektualität, die an dieser Totalitätsleidenschaft immer auch abprallt. Witz unter Tränen, "Lachen und Weinen zu jeglicher
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Stunde", indifferenziert, auf dem Wege zur eigenlebigen Ablösung dieser Indifferenz als Initiation der Gewinnung von Aufschüben, die aber wissen müssen, daß sie im Gott/dem Tode (nicht) verschwinden.
Sucht als Supra-Pathologie
Die nosologische Atopie der Sucht imponiert; sie ist nicht von ungefähr, denn Sucht geht über Krankheit hinwiederum indifferenzierend hinaus. Als freie Usurpation des Todes/des Gottes wie aus dem Nichts, wodurch sich dieser Ursprung umso mehr und kulminativ in seine Unmöglichkeit hinein vorbehält, hat diese Krankheitsüberbietung es ja auch an sich, die üblichen Krankheitsätiologien zunichte zu machen - man wird immer auf das skandalöse Phänomen stoßen, daß es ursächlich organologisch, familial-lebensgeschichtlich etc. fast nichts bis nichts zu recherchieren gibt; Ödipalisierung nicht irgend vorgegeben, vielmehr aus dem Boden gestampft durch diese allmächtige Lächerlichkeit der ganzen haecceitas der Droge selber. Und der exklusive Alltelosort kann nicht nicht die Konsumtion sein; als Zusammenzug aller Seinsdimensionen die Kontradiktion von Gebrauch und Gebrauchsverweigerung und immer zugleich die Aufhebung des Anderen mit, der Intersubjektivität hinwiederum als Kontradiktion fusionierter reiner Monaden; kurzum die Kontradiktion von Freiheit und Abhängigkeit.
Pflanzenstoff
Metonymie und Metapher abermals: Mensch, organloser Körper des Menschorganismus, verschoben bis an die Grenze des Anorganischen, das Vegetabile als isolierte, noch nicht vollends tote Hypostase eben des "Selbstbewußtseins". Und an diesem Verschiebungsort dann mortalisierende Verdichtungsmaßnahmen, Extraktbildungen etc. Es macht dann keinerlei Unterschied ums Ganze, daß dieses Verschiebungs- und
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Verdichtungswesen im Vegetabilen in chemischen Simulationen und freilich auch diese überbietenden Innovationen fortschrittlich fortgeschrieben wird. Man siehts: die Drogenproduktion ist die Gottesgenese selber; Dingniederschlag der Disponibilitätsrepräsentanz des organlosen Körpers als Pflanzlichkeit und Pflanzenauszug, rückwirkend auf den Menschorganismus als dessen peremptorische Exkulpation. Von wegen Unschuld der Pflanzen - ob drogenstofflich im engeren Sinne oder nicht, sie sind (eben wenn nicht) das Schuldakkumulat des Gottes selber ohne dramatisch imponierender Todestransit ins Anorganisch-Tote, so daß jeder Vegetarismus Drogierung schlechterdings ausmacht: Vegetarismus, das Unbewußte des Kannibalismus schlechterdings. Unter anderem sind diese Verhältnisse leicht zu plausibilisieren, immer wenn man geneigt ist, den Spuren der exzeptionellen Abhängigkeit des Menschen von den Pflanzen nachzugehen; hier kulminiert der letale Gottesparasitismus des Menschen, der sich in der technologischen Disposition desselben immer nur steigert. (Direkte Ablesbarkeit dieses schönen Fortschritts: das Papier, auf dem ich hier schreibe, ist wie der ganze technische Schreibenskontext toxisch-vegetabil.) Paradoxe Konsequenz: der Kannibalismus wird dann zur Vergeblichkeit der Aufhebung dieser Gottespflanzenmachenschaften, und das Tieropfer erhielte die Dignität eines Differierensversuchs.
Wahrscheinlich handelt die Geschichte von Kain und Abel nicht zuletzt von dieser komplizierten Dialektik. Gott nimmt das unblutige Opfer von Kain nicht an, wohl aber das blutige von Abel. Weshalb? Die Pflanzen sind zu sehr der Gott selber. Gleichwohl protegiert dann der Gott den Brudermörder, wie bekannt. Weshalb? Wegen der recht unverhohlenen Mitaktualisierung des besagten Unbewußten des Vegetarismus, des Kannibalismus, ob dieser Fortschritts-virtuellen Totalisierung also, die danach wohl das differierende Tieropfer in sich aufnehmen kann. Imponierend hier auch der "Vorgriff' auf den Erlöser Christus.
Der Vorverweis des Abel auf den Christus ist ein christtheologischer topos. Christus - das Opferlamm selbst als Mensch, und dies unblutig eucharistisch perpetuiert als die hinwiederum vegetabilen Transsubstantiate
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Brot und Wein, wie bekannt. Damit wird Kain, die Opfervegetabilität, das aufschubslose Gottesbetreffen, restituiert durch das differierende Tierheitsopfer hindurch als die totalisierende Indifferenz aller Seinsmodi: Mensch, Tier, Pflanze, pflanzliches Industrieprodukt: Droge. Droge außerdem mitnichten in einem übertragenen Sinne, vielmehr real als der eine Abendmahlstoff Wein. Eucharistische Menschheitsdrogierung. Durch die Gottmenschlichkeit des Christus wird die Gottesidentität der Eucharistiedroge unverhohlen deklariert, und alleine schon durch diese Drogenhaftigkeit muß die behauptete Erlösung als Totalexkulpation von Mensch entfallen, ja in ihr Gegenteil umschlagen; die letzte Schuldakkumulation inkorporiert, kann nur diese im Körper hinwiederum freisetzen, entweder pathologisch letal oder aber invers martialisch als Körper, der in seiner Kriegsrüstung ataraktisch aufgeht. Also ist es erwiesen, daß das Unbewußte der Sucht der Kannibalismus sei. Und unübersehbar auch, daß der Transit zur Drogenindustrie hin über das Körperparadigma der Exkrementation, der Selbst-Ganzexkrementation der Leiche, verläuft. Allemal ist und trinkt man sich das Gericht oder aber die Gerichtsbarkeit, tertium non datur. Von hier aus gäbe es auch vielerlei Anlaß, die Christus"symbole" aufzuschließen - so den Christus als Fisch, der wie die Besetzung des Übergangs vom Chlorophyll zum Blut anmuten mag und freilich auch die Affinität des intrauterinen Zustands mit der "Unbewußtheit" des inneren Verdauungstempels darstellt.
Das Vegetativum
Das Ursprungssujet aber all dieser Verhältnisse ist die Körperlichkeit der Subsistenzsexualität, der Verdauung, die sich in dieser totalisierenden Opferekstatik projektiv prothetisiert und wiederum introjiziert. Gilt doch das Verdauungssystem als Pflanzenanteil des menschlichen Organismus, gesteuert von dem Teil des Nervensystems, das traditionell das vegetative heißt. Freilich sind diese Bezeichnungen mehr als zweifelhaft, sie sind letztlich selbst schon auf dem Niveau ihres Objektivismus und darüber
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hinaus zumal naturphilosophisch falsch. Denn: das Vegetabile eben in diesem seinem Menschkörper-Rückbezug untersteht gänzlich dem Gottesphantasma der Schuldlosigkeit und deshalb der Negativerfüllung der Schuldakkumulation. Kriminell sind demnach just die Pflanzen und die Pflanzlichkeit des Verdauungssystems, inklusive dessen vegetabiler Steuerung; und dieses hat alles und nichts mit den Pflanzen und der Subsistenzsexualität zu tun. Von hier aus wäre wohl auch die Aufnahme der schizophrenen Fechnerschen Naturphilosophie ergiebig: höchste Seinsmächtigkeit der Pflanzen. Überhaupt muß man ja argwöhnen, daß all diese ausgeweitet verschobenen etc. Opferverhältnisse, christlich auf die Transsubstantiation hin pointiert, sich als nichts anderes denn als Projektionen der Verdauungsprozesse erweisen lassen: ein restloses unübersichtliches System von Wandlungen/Metamorphosen/Transsubstantiationen immer mit der Menschpointe der dinglichen Usurpation selbst des Todes als des Fortschrittsinbegriffs der Binnenevolution der Gattung Mensch. Hier ist ein Wunder, glaubt es nur - bim bim, die Verlautung schafft es selber.
Relevant werden hier auch die Autotomieorgane Haare und Nägel. Deren Suchtfiguration bestände darin, daß sie, indem sie nach außen unendlich wachsen gelassen werden, zugleich unendlich nach innen wachsen; Indifferenz abermals von Innen und Außen, Hippietum. Auch die Anthroposophen sind ja wegen des Geistverlusts mit dem Haareabschneiden gegen dieses. Lange Haare, kurzer Verstand.
Zusammenfall
Das Begehren des organlosen Körpers (Todestrieb) dehnt grenzenlos das Innen zum Außen aus und zieht umgekehrt das Außen in die Grenzenlosigkeit des Innen hinein: absolute Einräumung als absolute Zeitigung. Doch nicht nur dies, wodurch die Uraufschiebung in die memoriale Repräsentativität desselben hin ja noch als ganze verbliebe - nein, diese
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Binnenverfassung memorialer Nachträglichkeit ohne Nachgang soll ja süchtig für sich buchstäblich genommen sein derart, daß der Allzusammenzug auf den Nichtsursprung hin resultiert. Dies passiert in einer Art von Negativdifferierung des stufenweisen angemaßten Sterbens, in dem die frustrane Absetzung des Gedächtnisses von den Sinnesleistungen zu diesen zurück "heimkehrt" und diese sich dann im Sinne einer progredienten epochö nach der Maßgabe ihrer Leistungshierarchie auflösen: Immobilität, Blendung, Betäubung/Stummheit, - für die folgenden sogenannten niederen Sinne fehlen angemessene Bezeichnungen; deshalb die folgenden Analogiebildungen: Ruch-losigkeit (Riechlosigkeit), Geschmacklosigkeit (Schmecklosigkeit). Die große Synästhesie am Ende als Fühllosigkeit insgesamt des Nichts der Sinne und der memoria. Man siehts: die Sucht vollzieht den in allen Krankheiten identischen Pathologieprozeß kriterial selbst als solchen im Ganzen (und kulminierend wird, wie ausgeführt, dieses reine Ereignis dispositionell inszeniert: Krankheitstranszendierung als Krankheitsultimatum).
In der affektentheoretischen Zuordnung der einschlägigen Affekte zu diesem epoché-Prozeß stellen sich erhebliche Schwierigkeiten (thematische Auslassungen, sprachlich-terminologische Fehlanzeigen) ein. Die notorische Trias Angst, Scham, Schuld, korrespondierend zu Motilität, Sehen, Sprechen/Hören, inklusive der ebenso bekannten Primordinalisierung der Schuldkategorie und damit kurzum der Sprache erweist sich als letztlich unschwer darstellbar; die Darstellung ist ja auch schon unsererseits geschehen. Doch wo nehmen Riechen und Schmecken Platz? Und wie heißen die entsprechenden Affekte? Terminologischer Vorschlag: jenseits im Selben des Schuldzentrums dem Riechen das Entsetzen und dem Schmecken das Grauen zuzuordnen; dem Schmecken, das zugleich die Motilität zur Kinästhesie "internalisiert". Ekel wäre davor noch sowie Angst/Scham/Schuld auch, aber nicht nur, Parierens-befähigte Affektionen; Entsetzen und Grauen (sprachlich geht leider aber die Sinnenbezüglichkeit in diesen Ausdrücken verloren - oder ist es nicht vielmehr umgekehrt so, daß dieser Verlust selbst kriterial für diese extreme
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Sinnesdimension selber ist?) hingegen solche der Nicht-Parierung oder der inversen Totalparade. Die niederen Sinne haben es also in sich: ihre Opfernäherung, ihre martialische immerfalsche Todesprophylaxe. Organologisch gewänne man hier weiteren Aufschluß etwa über die Zunge in ihrer Multifunktionalität: Sprechorgan, Geschmacksorgan, in permanenter Kinästhesie, und selbst zur Beschämung herausgestreckt geeignet etc. "Organologisch"-epigenetisch wären auch die ersten, im engeren Sinne subsistenzsexuellen Akte des neugeborenen Kindes in diesem Zusammenhang wiederaufzunehmen: o Subjekt, aufgelöst in das Wo und das Wann, und wenn, dann als indifferenter Strom, und wenn viel später dann Sehen, bloß das Begehren nach einer "Gestalt", und vieles weitere an Widerlegungen mehr. (Man kriegt das Glucksen.) Und auch technologisch/dinggnostisch: die Pseudologie der Dingphantasmaerfüllung als Waffenhaftigkeit: Ding, das mich ängstigt, beschämt, beschuldigt/beschuldigt, entsetzt, mir Grauen einflößt (!). Davor aber abermals Differierungen: spitzentechnologisch insbesondere die An- und Einsaugung als Fortbewegungsmedium; Magnetbahn, Düsenflugzeug, selbst beim Autofahren merkt mans noch. Wie aber steht es mit der Kunst, betreffend das Entsetzen und das Grauen?
Signatur der Epoche
Die Drogierung, dieser vierte Weg, ist die exakte Hyperpathologiekorrespondenz zur Rüstung: in beiden Fällen die integrale Herstellung des Gottes. Man müßte einmal recherchieren, ob sich nicht genaue Entsprechungen dann zwischen Waffentypen und Drogensorten ergäben. Mitnichten obsolet aber stellt sich die Verelendungstheorie heraus, und zwar als Eingang der Proletarisierung in die höheren Klassen dadurch, daß die Waffenförmigkeit aller Dinge fortschreitend ebenso insinuiert wie die frustrane Drogierungsprophylaxe dagegen als Ausbreitung ubiquitärer Sucht. Nicht zuletzt stellt sich der Ausnahme-Erfüllungscharakter dieser Krankheit auch so dar, daß ihre Expansion dazu führt, ihren
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Krankheitscharakter auszuhöhlen; universelle Drogierung - keine Drogierung. In dieser Tendenz schwindet dann die Körperentsprechung der Sucht zur Waffe; Sucht wird so exklusive Kriegsbeglaubigung ohne die ansonsten für Pathologie typische immanente Beglaubigungsresistenz in einem mit. Es ist offensichtlich, daß die Sucht, diese letzte Akzelleration als Stillstand selber, der Schein gelingender Rückbiegung irreversibler Linearität, den Inbegriff des Begehrens ausgedrückt, daß nämlich die Subsistenzsexualität als ganze abgelegt werden möchte, abgelegt aber eben letztlich als die Indifferenz von Rüstung und Drogierung, also als dasselbe selber; so als sei es schlechterdings unerträglich, daß es nicht-eßbare Dinge gibt. In der Rüstung, in drogierter Verzückung nicht angeblickt, vollstreckt sich das Letztphantasma des endgültig domestizierten Hungers; die Zivilisation als einziges Waffenarsenal, die Menschheit restlos drogiert zu ekstatischer Ataraxie, das wäre die Erfüllungsgestalt von Ästhetik und Kunst. Versteht sich schließlich auch, daß die Kriminalität der Drogierung in allen Dimensionen, zumal im Drogenhandel, die von Pathologie ja auch deutlich wegrückende Kriminalität der Rüstung selber ist; die Drogenbekämpfung ist überhaupt nichts anderes als der Kampf der Rüstung gegen das eigne Körperpendant, die Drogierung, in die hinein sich die Rüstung zu purgieren meint.
Ohn Erwachen
Nicht zuletzt ließe sich Sucht darstellen als die Aussetzung von Schlaf und Erwachen und als die Totalisierung des Traums, der seine Doppelpointierung auf diese beiden identischen Extreme hin dann verlöre. Nur noch Traum als Dauerausdruck des Begehrens selber, der keiner mehr sein kann, seiner Aufschiebungsmechanismen und der Schlafens-/Erwachenswiderlegung des Nicht-Aufschubs verlustig geht. Das kränkende Tun, die eigene Aktivität, muß sich in diesem Beiwohnensmitriß des sich-nur-noch-Ereignens auf allerhöchstem Intensitätsgrad auf den Initialakt
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der Drogeneinnahme restringieren; alle weitere Eigenaktivität wäre katastrophisch. Man sieht daran die Suizidverfassung der Sucht: Tätigkeitsinitial, das in einem in sein Finalkontrarium umschlägt, nur daß die Sucht das letztere bis zum goldenen Schuß dilatiert.
Rauchend über Rauchen nachdenken
Die gerauchte Droge ist die Organprojektion des korporellen Metabolismus, organloser Körper also dieser Organizität, nicht sogleich organloser Körper schlechthin, also das Selbstbewußtsein, vielmehr differierend dazu, so daß das milliardenfache Zigarettenrauchen jedenfalls als Alldrogierung seine Suchthaftigkeit fast quittiert. An diesem Aufschub wie am Ultimatum des organlosen Körpers vorbei, an dieser wie noch inhaltsbezogenen Projiziertheit eben des Stoffwechsels liegt dann auch der über die Liaisonarten der Suchtmonade hinausgehende stärkere "intersubjektive" Gruppenbezug des Rauchrituals: Vereidigung im eben noch sinneswahrnehmbaren Projektionsdritten, dem mortalen, der Rauchdroge.
Zur Ausbildung der hier entschieden mehr extensiven denn intensiven Suchtapotheose - läuft doch die apotheotische Atemsistierung unvermeidlicherweise über die unendliche Repetition disponierten und in sich gesteigerten Atems - müssen nun am Projekt dieser Projektion weitere kriteriale Vorgänge statthaben. Die ausschlaggebende Maßnahme, dies Projekt zum Gott zu machen, ist die Aufhebung der Irreversibilität, die Inversion des Metabolismusvektors daran: Verbrennenmachen des externalisierten Stoffwechselkörpers, der invers die Verbrennungsmedialität seiner selbst produziert: Rauchhervorbringung. In dieser Inversion, die in aller Gründlichkeit ja der Verbrennensmetamorphose sich abspielt (Miniaturwaffenhaftigkeit der Rauchdroge), erfüllt sich die gebührende Absolutheit dieses auf Extensität ausgehenden organlosen Sonderkörpers, der ja noch Körper bleibt.
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Der konsumatorische Anschluß (mit allen notorischen Auszeichnungen der Konsumtion versehen) besteht dann im Rauchen selber, also hinwiederum in der Gebrauchsdifferierung des sich rauchenden Rauchens, etwa der sich selber rauchenden Zigarette. Respirativer Gottesfraß, die Herrschaft der Zirkulation über alle weiteren Ökonomiesektoren, Gott, der den Lebensodem einbläst, Psyche, Seele. Der Gott als die Rauchsäule, das Rauchopfer, das Raucherkollegium als sublimes Gottesmahl. Es ist sicher so, daß die sublime Allherrschaft der Zirkulation eben im Rauchen den Hauptgrund der Allverbreitung ausmacht: so wie beim Fußball.
Konsumatorisch fungiert der Rauch dann als Inbegriff der Inregienahme des Atmens und dessen gesteigerter Selbstfühlung, so als könne die beschränkte Willkürbeherrschung der einschlägigen Organe entgrenzt werden. Das Rauchen kann zwar nicht umhin, sich der Rhythmik des Atmens zu adaptieren, doch setzt es die Souveränität eigener Zeiteinteilung darauf - bis hin zur Rauchenserfülllung des Kettenrauchens, in dem Rauchen und Atmen phantasmatisch dann zusammenfallen. Der Mundatmung dabei entspricht, die Regie betreffend, das Sprechen und hinsichtlich der Selbstfühlung die Anstrengung: Rauchen wie ein intensiver Sprechakt demnach. Daß Rauchausatmen Mund und Nase indifferenziert, signalisiert nicht nur die Souveränität göttlicher Hergabe ohne Verlust, trägt auch das Riechen invers nach/vor: endlich das sich selbst riechende Riechen, auch das sich schmeckende Schmecken, das aber phantasmatisch nicht gar so wichtig ist, sofern das Riechen auf diesem Spiritualitätskurs prävaliert und mehr (einmal ganz abgesehen davon, daß sich, nicht mehr phantasmatisch, der Schmeckensvorgang - die Lage der Geschmacksnerven, die Mundumhüllung etc. - viel weniger zur Vortäuschung von Reflexivität eignet).
Imponierend dabei der Aberwitz der Nobilitierung der niederen Sinne. In ihrer Rauchinitiierung geben sie vor, daß die Reflexivitätstravestie von Riechen und Schmecken als Exkrementation, wie ausgeführt, inexistent sei. Und selbst wenn Rauchen "zum Zwecke der Evakuierung" (Kant, der
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allfrühmorgendliche Pfeifenraucher) eingesetzt wird, so behält immerhin noch diese Respirationsphantasmalogie die Herrschaft über diese Nichtreflexionsschande. Nicht nur ist die Hand wie beim Kulturessen dabei - sie vermag sich zudem ja auch etwa in eine Zigarettenspitze hinein wie beim Eßbesteck zu prothetisieren -; ausschlaggebend vielmehr ist das Sehen, die im Rauch sichtbar gemachte Luft als Nicht-Gestalt (deshalb auch die Erpichtheit auf Rauchgestalten!), so als vermöchte die substitutionelle Phantasmatik des Sehobjekts (die Sehdinge als Scheiße), die sich im Kontext der niederen Sinne immer ja breit machen muß, sich an sich selber im blauen Dunst (dieser Dunst ist blau!) aufzulösen; Repräsentanz des organlosen Körpers als hegemoniale Pneuma-Atmosphäre. Hommage ä Anaximenes. Nuggelpenissymbol pneumatischer Phallus zum Blasen. Wie ihr einen organlosen Körper machen? Wohin aber diese Phantasmavirtuosität des Menschen führt.
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