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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Shame and Scandal in the Family. Die Psychoanalyse als Wegbereiterin ihres eigenen Untergangs (I) (Die Eule Nr. 7 (Sondernummer), 1982, Wuppertal/Düsseldorf, 61-143)
Vorbemerkung
Der folgende Text ergänzt die vorgesehene Veröffentlichung gleichen Titels (in: Schizo-Schleichwege, Impuls) um den grundlegenden umfänglicheren ersten Teil. Um auch hier wenigstens einen Uberblick über den zweiten Teil gewinnen zu können, wurden dessen Inhaltsverzeichnis und die ihn betreffenden Thesen mitgegeben.
Inhalt
Thesen
I. DIE EINMÜNDUNG DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG IN DEN ANTI-ÖDIPUS
Auf dem Wege zum verrückten Doktor
Kritik der psychoanalytischen Bewegung: Klinik, Anwendung, Kulturtheorie, Wissenschaftscharakter
Die Todesfreundschaft der Maschinen
Kritik und Rehabilitation der Todestriebhypothese
Recht der Heterodoxie: Klein (Kohut), Lacan, Subversionsvalenz der Kunstinterpretation
Anstalts-- Hagiographie
Eschaton Schizophrenie
Diachronische Mensurabilität
Antipsychiatrische Politikkritik: Sozialismus, Kapitalismus, Faschismus, Regressionstheorien
Hypostasierte Antiproduktion
Geschichte der Anti-Psychiatrie: Daseinsanalyse, Guattari
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(II. METAKRITIK DER KRITIK DES ANTI-ÖDIPUS
Wie die Pest
Anti-Ödipus-Rezeption in Deutschland: Faschismusverdacht, psychoanalytische Orthodoxie, marxistischer Moralismus
Das verhangene Schwangerschaftsvording
Feministische Anti-Ödipus-Kritik
Geschwisterinzestuöse Geschlechterversöhnung)
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genealogischer Transkription bilden die geltend gemachten Sadismusformen (Ursadismus, ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion) die besagten Genealogieelemente: Entropie vs. Negentropie der Herstellung der vorausgesetzten absoluten Eros/Thanatos-Differenz, je schon objektivitätsekstatisch. Bis dahin gekommen, wird die Neufassung der Sexualität (Opferungs- und Rückerstattungsstoff, Grund-subiectum der Eros-cogito-Masse), des Unbewußten (Memorialitätsauflassung), der Pathologie (Triebvermischung, Todes/Maschineneinbehaltung) und der Psychogenese (Infantilität/Selbstarchäologie als genealogische Kategorie) insbesondere fällig.
7. Approximationen an die todestriebfundierte genealogische Totale sind - in verbleibender Nähe wenigstens zu Freud - insbesondere auffindbar in Melanie Kleins Infinitesimalisierung der Genesis (als schlechte Unendlichkeit von Genealogie) und radikal phantasmasierend auflassender therapeutischer "Homöopathie", bar indessen der Objektivitätsekstase: Orthodoxie auf hoher Kippe, die H. Kohuts Narzißmustheorie orthodoxieinflationär wiederum aufzufangen sucht.
Die darin fortgeschrittenste ultimative Form von Psychoanalyse stellt aktuell der Freudianismus J. Lacans dar, in dem die konzedierteste Macht des Todestriebs u.a. als Visualitätsversion (Einführung des Sehens) beschrieben werden kann. In dieser Einräumung aber wird zumindest die Gefahr spürbar (wenn nicht schon mehr), den endgültigen Kollaps der Psychoanalyse durch verbalitätsregressive Rhetorik aufzuhalten.
8. wahrscheinlich stellen sich in der objektivitätsekstatischen Fortschreibung angewandter Psychoanalyse bis ins Denken des (genitivus absolutus) Primärprozesses selber hinein, so wie wir diese bisher betrieben, Chancen der klinischen Extrapolation zum
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THESEN ZUR EINMÜNDUNG DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG IN DEN ANTI-ÖDIPUS (UND ZUR METAKRITIK SEINER KRITIK)
I. 1. Die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung steht unter dem besonderen Unstern der Domestikation der eignen zentralen Entdeckung, der des Unbewußten. Dessen Öffnung an Psychopathologie, dem Ursprungsort der Psychoanalyse, erweist sich als die gravierendste Hypothek, indem ebenhier der Wiederverschluß des Unbewußten seine stärkste Legitimation zu finden scheint.
2. Im klinischen Rahmen spezifiziert sich der Wiederverschluß des Unbewußten als die Hypostasierung der lebensgeschichtlichen Genesis von Pathologie. Die Infantilitätsqualifikation des Unbewußten, zentriert um den dem Untergang geweihten Ödipuskomplex, macht dieses zum exquisiten Schuldträger und läßt die tautologisierte Außenrealität, Objektivität ungeschoren.
Zudem geht daraus eine Therapierbarkeitshierarchie nach der Maßgabe des Auflassungs- und Befallsgrads des/vom Unbewußten hervor: Repräsentation/Neurose, Präsentation/Perversion, "Sein"/Psychose. Das psychoanalytische Verfahren, selbst repräsentativen Wesens, muß die erstere Pathologiespezies kapitulierend bevorzugen.
3. Im Kontext der angewandten Psychoanalyse mangelt Kongenialisierung an die Auflassungspotenz der künstlerischen Moderne und überhaupt der Dispens eines höchstens implosiven Sonderhermeneutikwesens mit schlechtem Gewissen, das, anstatt auf den letztlich kranken Autor als wieder sichere Kasernierungsgrundlage zurückzukommen, den Auflassungssinn von Kunst - Objektivitätsenttautologisierung - anginge; anstatt Sprechmythologie, Mortalitätsfühlung im Objektiven.
Solche "Regressions"blockade macht auch den Grund
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der augenfälligen Vermeidung von Musik und nicht weniger von Mathematik/Naturwissenschaft/Technik als Sujet angewandter Psychoanalyse aus.
4. Die frühen objektivitätsekstatisch-kritischen Potentiale der in Kulturtheorie hinein verlängerten angewandten Psychoanalyse fallen der bezeichnenden Unheilsevolution nicht weniger zum Opfer. Die Prädisposition zum schließlich kulturreaktionären Konsensus auf neukantianisch-positivistischer Grundlage liegt in den dimensionalen und funktionalen Reduktionen des Sujets Kultur beschlossen: Kultur als Konsumtionsdisziplin bei epoché der Produktion und an den Aufzeichungsvalenzen der Zirkulation vorbei, Religion als obsoleter Inbegriff dieses Gewaltreduktionismus, Anfälligkeit für tautologisierende Objektivitäts(Werte)schonung der übrigen Kulturspezies und entsprechend für das Pathologieverdikt über die Kultur-Autoren, Schuldspruch - Resubjektivation.
5. Die genealogische Selbstzerstörung der Psychoanalyse gipfelt in ihrem immer imperfekten Wissenschaftscharakter, dem Negativ der klassichen Kongruenz von "Form" (Wissenschaftsritual) und "Inhalt" (Unbewußte): die Realitätstautologisierung peremptorisch vollbracht. Dagegen kommen hermeneutische Reformversuche insofern nicht auf, als sie nämlich Sinn gegen den selbst allererst Sinn konstituierenden Mortalitätseinbruch inflationieren - womöglich bis hin zur existentialontologischen faschistoiden Tiefsinnmaskerade.
6. Freuds unter blockierenden Wissenschaftlichkeitsstigmata stehende Todestriebspekulation bedarf dringendst ihrer gnostischen Befreiung. Dann treten in ihr genealogisch unverzichtbare Elemente der intendierten Hominitäts-/Ontologietotalisierung auf, die sich als die Leitpotentiale der "zweiten psychoanalytischen Revolution" herausstellen. In strikter
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Zweck der überfälligen, doch besonders blockierten Umbildung der Psychoanalyse in Anti-Psychoanalyse ein. Grundriß dieser Metamorphose wäre die "Homöopathie" radikaler Phantasmasierung, entscheidend ineins mit deren einbezogener Spiegelung im Objektiven symptomentsprechender Ontologiedinge. Und wahrscheinlich wird es dann, fürs erste wohl überraschend, unvermeidlich, die Lerntheorie/Verhaltensmodifikation in ihrem Ansatz als bewußtlose Gestalt von Anti-Psychoanalyse anzuerkennen und aufzuklären.
9. Die Emanzipation des Todestriebs in der Psychopathologie leitet zum Rand der Gesellschaft, den Anstalten, wo mit fortschreitender innerer memorialer Auflassung in den entsprechenden Krankheiten die Kasernierungsmauern immer undurchdringlicher werden. Fürs erste sieht sich das anti-psychiatrische Engagement an jene, die Auflassung, vor der genealogischen Faszination, allein noch in der Psychose, speziell der Schizophrenie, die Sichtoffenheit der Strukturtotale von Ontologie/Hominität - im Modus freilich Pathologie ausmachender Indifferenz von Leben/Tod, Schuld/Unschuld - vorzufinden: der Grund dafür, daß die Psychose zur verstrickten Antezipation des Ontologieeschaton modernerweise avancierte. Diese Auszeichnung aber provoziert im Kontext neuzeitlicher Inkarnationshypertrophie dazu, diese Psychoseinkarnation des Produktionsphantasmas als Hypothek auszugeben und an ihr dann paradigmatisch die Unbewußtheit konstituierende szientistische Abtragung zu vollstrecken; so daß man behaupten kann, die Schizophrenie sei das eigentliche Ausbeutungsobjekt der neueren Geschichte und diese (therapeutische) Ausbeutung selbst das Modell der Antiproduktion eines Ding gewordenen Idealismus.
10. Die sich aus solcher Kritik heraus organisierende neue Antipsychiatrie sieht sich - fernab von pseudorevolutionärem Ontologie-Transzendenzpathos
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und unbesehen indolenter Funktionalisierung, und sei es auch nur philosophisch-genealogischer Funktionalisierung, der einschlägig Kranken - vor der Aufgabe einer Mensuralitätsarbeit: der Maß-nahme des geschichtlichen Ontologie-Erfüllungsgrads durch Selbstdiachronisierung sowohl gegen dessen schizophrene Unzeitigkeitsverzerrung als auch a fortiori gegen die übliche Besetzung der Ontologie-Erfüllungslücken durch Anti-Produktionsherrschaft (des Menschen über den Menschen), die eben die Schizophrenie"reminiszenz" des ontologischen Eschaton auszulöschen suchen muß. Diese Messensarbeit kulminierte im Wissenschafts-, Nichtwissenschaftskonzept der sogenannten Realhermeneutik: produktiver Produktions-, Konsumtionskurzschluß im Kollaps der sich erhaltenden maßgeblichen Zirkulationsspitze Aufzeichnung.
11. In politischer Rücksicht setzt sich solche Antipsychiatrie gegen marxistische Orthodoxien (real existierender Sozialismus) mit deren Zirkulations-, Aufzeichnungsdispens und dem resultierenden depressiven Fusions-, nicht Freigabekurzschluß von Produktion und Konsumtion entschieden ab. Aber auch vom Spätkapitalismus - dies umso dezidierter gar, als dieser am Freiheits-double-bind (der Reaxiomatisierung des Decodierten, der ultimativen Blockierung des schizophrenen Prozesses im Objektiven) festhält. Gegen faschistische Insinuationen, die Natur- und Unmittelbarkeitsmaskerade von Opferrechtfertigung, ist sie, beifallssicheren modischen Anwürfen entgegen, durch die strikteste Diskrimination Paranoia versus Schizophrenie im Objektiven bestens gefeit. Und schließlich, auf aktuelle ökologische Regressionstheorien bezogen, wendete sie sich nicht zwar gegen die emphatische Thematisierung der Antiproduktion, wohl aber gegen deren drohenden und wiederum faschismusanfälligen Regressionismus.
12. In klinisch-politischer Operationalisierung
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bedürfte es der vorbehaltlosen Adaptation der Gesamtproduktionsverhältnisse an das Modell Schizophrenie. In dieser Radikalität erwiese sich selbst auch das monierte schizophrene Uberhaupt-Synchronie-Delir als Artefakt der Produktionsblockierung, so daß sich diachronische Mensuralität, strikte diskriminativ für diese, die Paranoiablockade, einerseits und den Götterausstand, historische Ontologieerfüllungsdesiderate andererseits, mit der entsprechenden Sühneopferregulation einstellte. Diese Utopie wäre eben gegen die ständige Erfahrung ihrer faktischen Unmöglichkeit - das Verbot der Aufklärung der Produktionsblockade, permanente Reparanoisierung, überflüssige Grenzverschiebungen zurück - wahrhaft revolutionär zu behaupten.
13. Die Geschichte der Psychiatrie ist hauptsächlich in ihren Philosophiekontiguitäten (Existentialontologie usw.) von antipsychiatrischen Spurenlegungen keineswegs frei. So vermag der daseinsanalytische Philosophieüberbau in seiner therapeutisch uneffektiven Ataraxie dem höheren Beschuldigungswesen von Psychoanalyse immerhin einen Riegel vorzuschieben; nur daß solche antipsychiatrisch nicht genügend radikalisierte Philosophie leicht dann doch wiederum zur faschistoiden Feiertagsfassade degeneriert. In den nicht mehr halbherzigen antipsychiatrischen Richtungen expressis verbis aber standen Guattaris Lacan noch nähere ingeniöse Antipsychiatrieversuche im Schatten der angelsächsischen Parallelunternehmungen; durch den Anti-Ödipus, in dem der frühere Guattari aufgehoben erscheint, hat sich diese Situation indessen geändert.
II. 14. Akademisch stand die Anti-Ödipus-Rezeption in Deutschland weitgehend bisher unter dem beschämenden Fehlgriff des Faschismusverdachts. Wenn nicht alles täuscht, ist dieser rührige Argwohn eine einfache Projektion: Parade des Anti-Ödipus-Angriffs
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auf die subjektivitätsinternen Urstaat-, Despotiekomponenten, die Binnenparanoia, strukturell en miniature, deren nicht nur mehr deklamierte, vielmehr "stilistisch" vollzogene Aufscheuchung ganze Massen von blinder Wut, und dies gar mehr bei Jung als bei Alt, provoziert. Soweit solche Reaktionen schon greifbar sind, erwehrt sich psychoanalytische Orthodoxie derart mit Pathologisierung und Kriminalisierung (Enuresis, Pyromanie, Paranoia), das sich in schönster reaktionärer Offenheit alle Vorurteile des Anti-Ödipus gegen die Psychoanalyse bewahrheiten. Nicht weit von solchen Verdikten entfernt, betreiben "freie" marxistische Positionen die moralistische Verdammung der Hyperwarenästhetik des Anti-Ödipus, dies im absurden Bewußtsein einer proletarischen Moralismustranszendenz und projektiv blind für die nicht-moralistische schizoanalytische Aufhebung der Hyperwarenästhetik an ihr selber.
15. Feministische Kritik derselben Herkunft wie der Anti-Ödipus an diesem (Irigaray) zentriert sich auf die Schizophrenie-Camouflage des Mutterleibs (Gebärpotenz) als Abschlußform von Patriarchat, Endvirilismus der "symbolischen Ordnung". Da feministische Emanzipation eo ipso aber nicht umhin kann, nicht nur den ontologischen Herrschaftsbrückenschlag des Tochterstatus (Tochter-Schematismus), vielmehr - genealogische Doppelbesetzung - nicht weniger das Opfer der Arbeitskraft, selbst weiblich mitokkupiert, zu radikalisieren, enthält der Feminismus-Kontrapunkt wie sein Widerpart Potentiale einer zeitgemäßen Versöhnung der Geschlechter, einer quasi angelologischen, geschwisterinzestuösen: exkulpierende Spiegelung des Sinns der selbst angeeigneten Mutterleibsverhängung einerseits (weiblich) und dialektische Ultimatisierung dieser Mystifikation andererseits (männlich), übereinkommend im zusammenstürzend sich erhaltenden Sinn dieser Maskerade.
16. Der Geschwisterinzest, zunächst geschichtsphilosophisch rechtens eingeführt als Sicherung der Heiratsverbindung vs. der der mutterinzestuösen Filiation im Kontext der despotischen Übercodierung scheint in seiner aktuellen soteriologischen Funktion indessen nicht mehr adäquat dargestellt: scheint schizophren derart überzogen, daß die Ontologieerfüllung Mutterinzest nur mehr als vehement desavouierte Produktionsblockade (Ödipus) aufkommt, sowie objektiv nicht gespiegelt. Dagegen bedürfte es a fortiori der Sicht auf den angelologisch-geschwisterinzestuösen Maschinenstatus und der - eben doch nichts als mutterinzestuösen! - Ausstandsmarkierung darin, des verbleibenden Ausstands, der freilich zum Inbegriff des Alibis sinnloser Herrschaft dann wird. Also doch Ödipus am Ende, nicht indessen das kleine schmutzige Familien- und Couchgeheimnis, vielmehr Oedipus rex?
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17. Ontologie-Pfingstfest - aber ja! Doch strikte geschwisterinzestuös und in voller Objektivität. Und nicht zuletzt auch als diachronisches Ausstandskriterium, damit der Ausstandsrest nicht immer erneut zum Vorwand sich festsetzender Antiproduktion werde: durch deren Sigle Ödipus hindurch der Anti-Ödipus das eschaton - Oedipus rex, objektiv - "erinnern" kann.)
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I. DIE EINMÜNDUNG DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG IN DEN ANTI-ÖDIPUS
Auf dem Wege zum verrückten Doktor
Beiträge zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, kritisch derart gegen den Strich geschrieben, daß diejenigen Gabelpunkte systematisch markiert worden wären, an denen sich der Fortgang in Anpassung oder Abweichung hinein entschied, gibt es nur in ersten Ansätzen. 1) Im Vorgriff darauf bestände die Ablaufform dieser Entwicklungsversion der Psychoanalyse in der weitgestreuten und variationsreichen Mühsal, das geöffnete Unbewußte wieder zu verschließen (und diejenigen neugierigen Schließer, die den Fuß in den Türspalt, und sei es auch nur am Feierabend, zu stellen pflegen, so hart zu disziplinieren, daß sie die Neugier oh der gequetschten Füße sich verbieten müssen). Die Auflassung des Unbewußten degenerierte fortwährend rein zum Mittel von dessen umso zünftigeren Verschlusses als einer folgerichtig hochprofessionalisierten Anlegenheit schließlich. Es wäre schwerlich übertrieben, als historiographisch leitende Präjudikation geltend zu machen, daß sich der Freudianismus erfindungsreich darin erschöpfte, die eigne fundamentale Entdeckung, als gefährliches monstruöses unmögliches Ding zur Welt gekommen, zu einem in sich widersprüchlichen Gebilde zu erklären und konsequent sodann für die Tilgung dieses Widerspruchs, die Auflösung dieses Rißartefakts in ordentlicher Vereindeutigung zu sorgen. So aber mußte die Teleologie der Auflassung des Unbewußten zum einzigen Zweck seines umso kräftigeren Zuschlusses disteleologisch werden: permanent nämlich Auflassungsüberhänge über diesen Zweck hinaus produzieren, wogegen die propagierte Wehr einer höheren Vergeßlichkeit sich ihrerseits wiederum wehrlos und gewalttätig zu gerieren nicht umhin konnte. Die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung als die leidige Geschichte dieser Disteleologie-Hypothek, die schließlich zur Selbstzerstörung psychoanalytischer Aufklärungs- und Kritikvalenzen führte?
Freud selbst scheint, wie schwankend und in der Retrospektive ungenau auch immer, noch am meisten von diesen Mißhelligkeiten gewußt zu haben; daß nämlich auf der Psychoanalyse die Ursprungshypothek ihrer Invention an Pathologie haftet, daß sie sich auf dieser Genesislinie allzu rasch auf einen therapeutischen Instrumentalismus
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festlegt; daß sie sich nicht zuletzt von hier aus das Problem ihrer unzulänglichen Wissenschaftlichkeit auflädt. Selbst wenn Freud solches nicht - und gar noch innerhalb einer therapeutischen Analyse! - gesagt haben sollte, so wäre die Rede, gestützt durch viele weitere notorische Aussagen anderswo, gleichwohl gut erfunden: "Meine Entdeckungen sind nicht in erster Linie Allheilmittel. Meine Entdeckungen sind die Basis für eine sehr wichtige Philosophie. Es gibt sehr wenige, die das verstehen, es gibt sehr wenige, die fähig sind, das zu verstehen." 2) Nun, das Orakel spricht die Wahrheit; und ausgelegt bedeutet sie, daß Krankheit zwar den Bann der Realitätstautologie traumatisiert, doch just in einer Weise, die dies kleine Pathologieerdbeben ganz auf seinen Ursprungsort rechtens zurückdrängt und ebendort wieder auslöscht. Pathologie selber deplaziert die Auflassung des Unbewußten, setzt den Teleologie/Disteleologiemechanismus, die Wiederschließung, in Gang, verurteilt, diskriminiert die unbewußte Gegenrealität als Irrationalismus. Die brauchbarste genealogische Öffnungsstätte Pathologie scheint unvermeidlich von dieser Paradoxie stigmatisiert: a fortiori zum anscheinend idealen Ausgangspunkt der Geschlossenheit zurückzudrängen und das interimistisch Gewahrte als Schein zu verwerfen. In der Tat, dagegen hilft nur noch, wie Freud es schon ahnte, Philosophie.
Nichtphilosophisch den üblichen psychoanalytischen Weg der Tugend zu wandeln, führt mit Notwendigkeit aber zur Eindämmung der initialen Auflassungsuntat - Schuld und Sühne einträchtig symptomatisch also beisammen! Und solche Bußobligation schuf ein ansehnliches System von Kasernierungstopoi, von denen, der vorherrschenden therapeutischen Instrumentalisierung (bis zum bitteren Ende eines marginalen Plätzchens in der Medizin) gemäß, die klinischen die wohl härtesten, allein schon durch die psychoanalytischen Ausbildungsmodalitäten besonders fest institutionalisierten ausmachen. Inbegriff der klinischen an den geschmähten Vatergeist gerichteten Abbitte ist die thematische Hypostasierung der lebensgeschichtlichen Genesis von Krankheit, durch deren Auflösung jeweils aller Auflassungsschaden an dieser selbst (und mimetisch zugleich an der Therapiemethode) wiedergutgemacht werden soll. So aber versiegt die Kraft des Unbewußten künstlich und gewaltsam; im traditionellen Pathologie/Therapiekontext verkommen dessen Gehalte zu rein subjektiven Verhexungungszutaten, von denen die davon abgetrennte Außenrealität
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sowie die korrespondierenden Ichpotentiale möglichst radikal gereinigt werden müssen. Karikatur des universellen Produktionsgrunds Ubw: die bewahrte Auflassung seiner Inhalte transportiert nichts denn nötereicher, ehedem sicherlich zweckmäßiger Kinderkram mit sich verlierendem Schuldecho in ganze Filiationen wuchernder Kinderkramerzeugung hinein - und an aller abgespaltenen, strikte nichts als sie selbst seienden, bedeutenden, äußeren Realität scharf vorbei. Infantilitätsdisqualifikation des Unbewußten zum Echopräteritum auserwählter Schuldträgerschaft einerseits und exkulpative Realitätstautologisierung andererseits sind voll des Unheils proportional; die spezifische Entdeckung von Kindheit schlägt sogleich in deren härteste Kompromittierung um, und dies um den unbezahlbaren Sonderpreis, objektive Wirklichkeit, zumal die wissenschaftlich-technische, zum split-Produkt blind zu entfesseln. Im chorismos zwischen schuldigster Kindheit und unschuldigster Objektivität drückt, pathologisch/therapeutisch, Psychoanalyse aller gesellschaftlichen Antiproduktion herrschaftlich den Affirmationsstempel auf. In der Tat, gegen solches - zum Glück immer noch ungenutztes - Allheilmittel muß Philosophie her, die das hyperpositivistisch schuldig gesprochene Unbewußte als universellen Produktionsgrund respektive Infantilität als schlechthin unverzichtbare genealogisch gnostische Zentralkategorie, Gotteskindschaft, zu retten verstünde.
Dies splitting spiegelt sich in fataler Folgerichtigkeit nicht zuletzt in der notorischen psychopathologischen Selektionsgesetzmäßigkeit: je deutlicher und zwingender die Gedächtnisauflassung an Krankheit, umso galoppierender der therapeutische Kompetenzschwund der Psychoanalyse, abfallend von der Neurose über die Perversion/Psychopathie zur Psychose (und dieselbe Sequenz wiederum psychosomatisch). Der Grund für diese - trotz aller immer wieder aufflackernden und leicht heterodox geratenden Ausweitungsgegenversuche - institutionell vorherrschende wenn schon nicht theoretische, so therapeutische Kapitulationshierarchie besteht in der Korrelation von Auflassungs- und Selbstbefallsgrad, dem Ausmaß der Krankheitssubstantiierung auf der Gegenstandsseite. Neurotisch gerät diese entscheidende Korrelation am schwächsten: sie tritt im Modus selbstinvolutiver Vorstellungen (Repräsentation) auf; wogegen die Perversion/Psychopathie der Darstellung (Präsentation) huldigt; und die Psychose bildet in der Art des selbst-Seins ("Sein") das
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Korrelationsextrem mit durchgehend identischem Auflassungs-, Unbewußtheitsgehalt, der Dialektik der causa sui. So entspräche im Sinne einer groben Beispielskizze der repräsentativ-neurotischen Brückenphobie präsentativ-pervers der Exhibitionismus und seinsmäßig-psychotisch ein katatoner Zustand: zunehmende Verdeutlichung also desselben Unbewußten, ineins mit zunehmendem Krankheits- und Devianzgewicht, ineins mit zunehmender therapeutischer Inkompetenz orthodoxer Psychoanalyse, deren nicht aber nachlassenden "Wissens" unbeschadet. Letztlich allein in der repräsentativen, der schwächsten, Krankheitsvorgabe vermag sich traditionelle, auch noch so weitherzig traditionelle Psychoanalyse tätig zu spiegeln, denn sie selbst ist eines exklusiv repräsentativen Wesens damit, bricht sich notwendig an der sich steigernden Heterogeneität von Präsentation und "Sein". Und wenn sie es theoretisch doch wenigstens halb schafft, nicht repräsentative pathologische sujet-Überhänge gleichwohl aufzufangen, so tritt sie gegen das eigene Selbstverständnis ein in die Prärogative von Theorie, den von Freud noch aufrechterhaltenen philosophischen (versus therapeutischen) Kontrapunkt. Insofern schafft sie es auch theoretisch aber nur halb, als sie die progrediente therapeutische Ohnmacht rationalisiert: die Notbremse einer biologistischen metabasis eis allo genos womöglich zieht, so als sei das Unbewußte nicht auch restlos der Produktionsgrund des psychotischen Krankheitsextrems und als gäbe es eine nicht konstituierte, gemachte, rein organologische Autarkie - um von den psychosomatischen Kapitulationen ganz zu schweigen. Repräsentationsreduziert aber ist die Psychoanalyse insofern selber, als sie nur vom einen pathologischen Grenzwert repräsentativer Selbstverstrickung, der schwächsten Auflassungs- und Befallsform her, sich imstande sieht, ihren Doppelmythos der Realitäts- wie Ichtautologie der Abtreibung des Unbewußten in die Unbewußtheit innen wie außen hinein zurück, aufrechtzuerhalten. Die Absorption der repräsentativ-neurotischen Öffnungs- und Okkupationsart durch diese beiden Todesposten erwies sich als leidlich erfolgversprechender, weil repräsentativ selbst in der Sache schon vorgebildet, entgegenkommend: hier nur ein Teildefekt am Ich, dort nur, korrespondierend, ein verhextes Realitätsfragment, und beide tendenziell doch überhaupt voneinander getrennt, wie es sich gebührt: das Symptom eben bloß repräsentativen Charakters. Der kleinere Therapieschritt also, anscheinend heilsamen Tod- Fühllosigkeit, Blindheit - an den partiellen Konträrort dazu, den
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kranken, zu bringen; so klein wie die gefährliche provinzielle Todeskapazität, die sich traditionelle Psychoanalyse dem schwächsten Krankheitsmodell gemäß zutraut; Psychoanalyse letztlich im Dienste umfassender Ataraxie am falschen Ort - warum dann nicht gleich Verhaltenstherapie? (Wir werden bald die Rehabilitation der Todestriebhypothese hier anschließen.)
Das immanente System der Destruktion des eigenen thema probandum mutet aber auch außerklinisch lückenlos an. Begibt sich Psychoanalyse aus der Bannmeile jeweils individuell lebensgeschichtlich bedingter Krankheitsdevianz zum Makrounbewußten der Kulturobjektivitäten; weitet sie sich derart zur sogenannten angewandten Psychoanalyse und in deren Verlängerung zur einschlägigen Kulturtheorie aus, so hat sie sich von Freud an die doppelte und auf der einen Seite abermals sich verdoppelnde Unsitte angewöhnt, sowohl in der scheinbar nur arbiträren Selektion dieser Objektivitäten wieder zu selegieren als auch umfassend das klinische Prozedierensmuster, von der Präjudikation des Scheiterns in diesen fremden Großgefilden geschlagen, hierein zu übertragen.
Um mit der letzteren generellen Blockade zu beginnen: angewandte Psychoanalyse quittiert zwar die individuell-lebensgeschichtliche Entstehungsfolie pathologischer Handlungsdissidenz ebenso wie die darauf klinisch bezogene nicht-Prothesen(Schrift)-vermittelte Sprechauslegung, doch überläßt sie sich dem Zuge dieses Abschieds in die ausgewiesenste Pathologieüberwindung, adaptionsgerechte Kulturproduktivität, und die entsprechende Schrift-Lektüreform hinein nicht oder nicht gebührend folgerichtig bis zur Freisetzung angewandter Psychoanalyse als eines reproduktiv-produktiven Vorgehens sui generis (und noch mehr). Das Kunstwerk vermag eben nicht wie der Analysand zu antworten - o weh! Als stummer Moloch möglicher Willkür eigener Projektionen scheint es für den halbherzigen, von allen negativen Affekten geplagten Psychoanalyse-Applikator wenigstens die Fiktion eines behandelbaren, gar sprechenden Subjekts, eines hervortretenden Autors, zu erzwingen, der in der Tat nur dann nicht wiederum auf mortale Schrifthinterlassenschaft und Selbstabsenz verweist, wenn er - aber doch nicht zum Zweck der psychoanalytischen Deutung der eigenen opera? - leibhaftig auf der Couch läge. Es kann hier nicht darum zu tun sein, den Finessen einer immer noch vorhandenen Kultur angewandter Psychoanalyse, die schwerlich
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aber schon dazu führte, den eigenen Ausgriff auf die Schriftabsenz von Subjektivität von der Last des schlechten Gewissens zu befreien und, also frei, den unablässigen Ausbau magischer, sprich: kunstwissenschaftlicher Schutzwälle um die Kunst herum bis zu deren Blickentrückung konsequent zu konterkarieren, des einzelnen nachzugehen. Aufschließend vielmehr für die Selbstknebelung der Psychoanalyse nicht minder als angewandter erweist es sich, den Affektionsspuren der apostrophierten mauvaise foi in diese selbst hinein zu folgen, um auch hier denselben Sachverhalt, bis zur Karikatur vorgetrieben, anzutreffen: die Perhorreszierung des Unbewußten, sobald es an dessen Todesintegralität geht. Diese aber ist bei jedem Text, und sei dieser inhaltlich noch so harmlos, abgerufen; und also richtet sich angewandte Psychoanalyse gegen die Todesfühlung - den inneren Umschwung außerdem mißglückender rein phonetisch-auditiver Selbstreflexion in die Heterogeneität optischer Schriftspiegelung als kompensatorischen Reflexionsgelingens - und weitgehend an den unverhohlen nur noch Hypermagie treibenden Wissenschaften vorbei in einer Sprechmythologie ein, die unverdrossen es in Kauf nimmt, dem bloßen Gespenst sprechender Subjektivität, Autorschaft, dann aber eo ipso kranker und Psycho- und Pathographien erzeugender, haarscharf wiederum an den Kulturobjektivitäten vorbei, aufzusitzen: der universelle Produktionsgrund als Wunde. Und wenn sie hier vollends verrückt spielt, so meint sie gar, durch ihr subjektivistisches Gespensterpurgatorium zur Kulturtherapie beizutragen. Wie müßte Kunst denn wohl aussehen, um für solche Hygiene noch vorzeigbar zu sein?
Auch die Auswahl der Applikationssujets angewandter Psychoanalyse erweist sich als symptomatisch: hochfavorisiert erscheint in aller Selbstverständlichkeit die Kunst. Aber ist diese Selektion nicht überaus folgerichtig und angemessen? Tut Psychoanalyse nicht gut daran, hauptsächlich sich dahin zu wenden, wo Kongenialität von Gedächtnis-, Unbewußtheitsauflassung sich als schon vorgegebene Institution einstellt, wo sie sich verwandter "Aufzeichnung" zugesellen kann, lernend und zugleich belehrend? So mag es einem vorkommen. Allein, die schöne Memorialitätssummation bleibt, auch wenn sie gelänge, durchweg in sich eingesperrt und summiert so nicht Erkenntnis, Aufklärung, Mensuralität, Genealogie, vielmehr reaktionär romantizistisch die Fragmentierung der gesellschaftlichen
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Produktionssphären und die - wenns hoch kommt implosive - Isolation von Kunst: Auflassung also des Unbewußten, wohl abgesichert bloß als gesättigtes Auflassungseingedenken (und Eingedenken des Eingedenkens), und dies womöglich noch eng liiert mit dem Autor-Gespenst als letztlich krankem Mann, mehrfach also an den Auflassungskräften des Aufzeichnungsmodus Kunst vorbei. Es ist nicht zu sehen, daß in der auf Kunst angewandten Psychoanalyse dies sujet nicht von dem, worein sie genealogisches Licht werfen könnte, weitgehend, ja überhaupt abgeschnitten wäre (oder in ihrer vorgegebenen Selbstabschneidung beglaubigt würde), nämlich vom Makrounbewußten der Produktions- und Konsumtionsobjektivität, aus der keinerlei opus, weder eine Maschine (eine Maschine zumal nicht!) noch ein Gerichtsurteil etwa zum vollwertigen und anerkannten Gegenstand angewandter Psychoanalyse bisher hat avancieren können. Das Makrounbewußte bleibt wie eine heilige Objektivität geschlossen, und diese ist ganz nur sie selbst und sonst nichts, und der in der Aufzeichnung Kunst geöffnete Türspalt, zu dessen weiterer Öffnung man tatkräftige psychoanalytische Hilfe vergeblich erhofft, gestattet bloß das buchstäblich absolute unendliche Eingedenken also entrückter und paralysierter Geöffnetheit. Das traurige Fazit: die Überprivilegierung von Kunst als Objekt angewandter Psychoanalyse effektiviert beider mögliche Auflassungspotenz eben nicht, umgekehrt vielmehr festigt sie den Widersinn einer Kasernierungsstrategie, die die übliche kunstwissenschaftliche überbietet: Riß zwischen Objektivität und Kunst-Genealogie dergestalt, daß jener Symbolismus sich in Tautologie hinein verflüchtigt und diese sich, losgelöst und entfunktionalisiert, in sich selbst hinein verliert und erstarrt. Die Wette gilt, daß am Autor-Gespenst dann als krank deklariert werden muß, was sich nicht so ohne weiteres in die unbegrenzte Isolationshaft des Unbewußten hinein zurückdrängen läßt - repugnante Objektivitätsspiegelungen, memoriale Auflassungsposten -; psychoanalytische Maßnahmen, die man kurzum als schwere Banausie bezeichnen darf.
Schließlich setzt sich dieses Selektionswesen in sich selber fort: in kunsthistorischen Wertakzenten und insbesondere im psychoanalytischen Interessensabzug von bestimmten Kunstgattungen. Zwar wird man nicht behaupten können, daß die notorischen Aversionen Freuds gegen die künstlerische Moderne in der angewandten Psychoanalyse einfach Schule gemacht hätten - thematisch ist dies gewiß nicht der
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Fall -; doch blieb die kongeniale Deutung der Kunstmoderne, die auf ihre Weise Psychoanalyse oft bewundernswert extrem (und gar demokratisierter) fortschrieb, bisher aus. Offenbar würde solche Adaptation zu gefährlich; die Kasernierungsfalle schnappte dann schwerlich noch zu. In dem Augenblick nämlich, wo die Traumatisierung der Isolation des unendlich in sich entrückten Unbewußten auch psychoanalytisch assimiliert würde; wo ebenso hier diese Gedächtnisfassung kollabierte und die Auflassung des Unbewußten auf deren eigene Form übergriffe; wo die Vertreibung dieses besonders abstossenden Spuks in individuelle Künstlerpathologie (den letztlich kranken Autor) hinein als letzte absurdeste Kasernierungsbastion fiele - in diesem Augenblick (re)funktionalisierte sich der Aufzeichnungsmodus Kunst ekstatisch zu Genealogie, träte lichtwerfend aus seinem Gefängnis hervor; und traditionelle angewandte Psychoanalyse wäre nicht mehr sie selbst.
Umso chancenreicher würde diese Metamorphose, je regressiver das psychoanalytisch heimgesuchte Kunstgenre von sich her ausfällt: der Grund außerdem - dies Risiko - der traditionsreichen Vernachlässigung der Musik, die in der angewandten Psychoanalyse im Schatten einer erdrückenden Dichtungsprivilegierung, gefolgt von der schon weitaus schwächeren Berücksichtigung bildender Kunst, steht. Abermals die zitierte Sprechmythologie, diesmal als Sprachkaprizierung? Der Sprachvorteil eines mangelhafteren memento mori, auf den die Psychoanalyse von jeher setzte, gerät ihr leicht zum Schaden. Gewiß, Sprache, rein nur sprachlich gehalten, bedarf sowohl keiner die Sinnessphäre wechselnden (Schrift-)Prothetik als auch kann sie, ontogenetisch recht spät an, der glücklichen Überwundenheit frühester selbstarchäologischer Klippen versichert sein: kupierte Todesposten an beiden sich zusammenbiegenden Enden, maschinell-objektiv wie in subjektiver Frühe? Doch diese ihre - allein wohl noch von der Psychoanalyse besorgte - penetrante Reinerhaltung (mit der unvermeidlichen Folge außerdem, die ganze Phantasmatik der Ersetzung unmöglicher Sprechreflexion durch -Imperativität, double-Beseitigung, zu steigern) macht sie in einem besonderen Ausmaße parasitär - an Schrift wie an Musik. Der Bereich des Phonetisch-Auditiven erschöpft sich in keiner Weise, auch schon rein immanent nicht, verbal; die Musikekstatik von Sprache gegen deren reine Immanenzprätention wähnt psychoanalytisch aber immer noch, sich einer
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abgründigen Hexengefährdung auszusetzen, wogegen es längst doch mit den auserwähltesten Geistexzessen historisch gelang, die Schreie der gequälten Hexe ins permanente Musiklob der Heiligen Dreifaltigkeit zu transfigurieren: volle Disposition des tönenden Mutterleibs bis zur fast lückenlosen Überflutung der Erde mit Konservenmusik, die es sich an ihren artistischen Spitzen in diesem hypermagischen Protektions-Großraum seit einigen Jahrzehnten schon leisten kann, die historische Grundform dieser Totalverfügung, die Dur-Moll-Tonalität, ohne Schaden zu suspendieren. Dadurch sind doch nicht die Hexen wiedergekommen? Nein, höchstens wurden deren Rationalitätserben noch brutaler, und also ist die übliche psychoanalytische Musikscheu kaum mehr als lächerlich - oder vielleicht noch ein bißchen utopistisch, indem sie aufs freilich falsche Pferd Sprache gegen solchen humanistischen Todesprogreß setzt? - Zur frühesten selbstarchäologischen Frühe aufgebrochen und voller Angst sodann vor der eigenen Courage geworden, erträgt es orthodoxe Psychoanalyse ebensowenig, wenn es naturwissenschaftlich-technisch mit der Automatenrealisierung des Spiegelbildgespenstes über dessen bloße Phantasma-Reproduktion in traditioneller bildender Kunst hinaus Ernst wird. Wahrscheinlich nämlich bedarf es dazu der die Musikmatrices regressiv noch überbietenden Rückgriffe vielleicht auf ein Motilitäts-Proto-Schriftwesen, deren ausgebildete Kulturform Mathematik wäre, die nicht minder (und gar mehr noch) psychoanalytisch eskamotiert worden ist, um in den zunächst befremdlich physikalistischen Modellen der "Hexe Metapsychologie" - symptom-, nicht maschinengenerierende Wiederkehr dieses Verdrängten - aufzuerstehen.
Der bereichstheoretischen Ausweitung solcher Sonderhermeneutik, angewandter Psychoanalyse, hochtheoretisiert zu psychoanalytischer Kulturtheorie, gelingt es ebensowenig, die hier wohl größte Chance der Grenzüberschreitung in gesellschaftliche Objektivität hinein zu nutzen. Zunächst aber hat es, weitestgehend auf Freud eingegrenzt, den Anschein, als begebe sich die psychoanalytische Kulturtheorie auf den Weg der Ausschlachtung autochthoner philosophischer Potenzen. Kultur nämlich überhaupt wird zum Thema, zudem in der kriterialen Rücksicht ihrer Funktion - der "Triebunterdrückung", und dies just nicht affirmativ. Immerhin impliziert diese Breitfrontattacke, eine Art von wünschenswerter Entklinifizierung, die es sich herausnimmt, die Anstalten, Krankenhäuser, Praxen durch
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eine Kulturpathologieklinik wenigstens im Geiste, in der der Einzelne nicht mehr primär zum verurteilten Schuldner der allgemeinen Kulturfiguration als Inbegriff der Anpassungsnormen würde, geistig zu substituieren. Diese Normen selber rücken endlich in den Blick, zumal an den Orten ihrer Trägerschaft, die zu ihrer Selbsterhaltung Aufklärung abstoßen und unterdrücken müssen. Gewiß; doch diese nicht unglückliche Wendung ausgeweiteter angewandter Psychoanalyse wurde nie derart zu Ende geführt, daß sie zum sicheren Leitfaden der überfälligen Objektivitätsversion - innerhalb der psychoanalytischen Bewegung selbst vor der Verbreitung der "Kritischen Theorie" nach dem zweiten Weltkrieg - sich hätte ausbilden können. Und so blieb es nicht nur bei den notorisch zahlreichen immanenten Ambiguitäten und Defiziten der psychoanalytischen Kulturtheorie, diese wurden vielmehr in die andre kulturkonservative Richtung hinein durchweg vereindeutigt und aufgelöst. Um deren Lücken und Schwankungen abermals anzumahnen: die Generalisierung des Kulturproblems von der Kunst speziell ein Stück weg führt kaum zu einer Rückbesinnung auf die möglichen Konträrvalenzen von Kunst als eines endlich bereinigten Objektiven und damit vergleichbarer Kulturspezies einschließlich des eigenen Fachs Psychoanalyse: zu Gedächtnisauflassung, Genealogie, "Emanzipation". Wo genau und wie wirkt denn die ominöse hoffnungsvolle "leise Stimme der Vernunft"? Nicht aber nur verhärtet sich der Begriff der repressiven Kulturfunktion mit der rücksichtslosen Thematisierung humaner Destruktivität zunehmend hoffnungsloser, die Kulturausdehnung bleibt zudem letztlich beschränkt auf das gesellschaftliche System der Konsumtionsdisziplinierungsmaßnahmen, dies wiederum um den unerschwinglichen Höchstpreis, daß die Maschinen-Rationalitätsproduktion vorhandenes Niemandsland bleibt. Immanent kulturkritisch fällt noch eine weitere Vereinseitigung insbesondere auf Religionskritik vor: immer wenn der Anschein sich aufrechterhalten kann, daß die betroffene Kulturspezies (oder Ausschnitte daraus) nicht schon obsolet und so zusätzlich repressiv sind, bleibt selbst in der Sphäre der Kulturreduktion auf Konsumtionsdrill der Objektivitätskern der einschlägigen Gebilde unangetastet, wenn nicht genealogisch überhaupt tabuisiert; was das individualpathologische Modell - den kranken Autor und das in seinem wesentlichen Momenten vom Himmel gefallene Werk - leicht wiederum auf den Plan ruft.
Dimensionale und funktionale Kulturreduktion: Hypostasierung der
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Konsumtionsdisziplin bei Ausblendung der Produktion insgesamt und an den Aufzeichnungsinstitutionen der Zirkulation (wie an Kunst und an sich selbst) vorbei; und, reduktionsimmanent, fragwürdige Auswahl einer Kulturspezies, der Religion, die die Hauptlast kultureller Zusatzrepression durch Veralterung - nach welchem Maß? - trägt, verbunden mit halbherziger Schonung der Objektivitätskerne wenigstens der anderen fraglichen Kulturobjektiva und ständige Rückfallgefährdung in den Widersinn eines individualpathologischen Kulturklinizismus - so die mehr als nur unsichere Ausgangssituation - einmal in aller retrospektiven Härte formuliert -, die sodann zum Einstieg aller reaktionären Erdenklichkeiten wurde. Philosophiegeschichtlich benannt, trug im Verlauf der Etablierung und Verwaltung der kanonischen Substanz der Psychoanalyse eine Art von neukantianischem Positivismus mit der Schaffung eindeutiger Verhältnisse (nach dem zwingenden Motto, daß der Schuster bei seinen Leisten bleiben solle) letztlich seinen Pyrrhussieg davon. Die eh schon brüchige - mehrfach selektive und in ihren Zweckvindikationen schwankende - theoretisch-genealogische Ausschreitung in Objektivität hinein wird auf dieser erfolgreichsten Institutionalisierungslinie ernstlich mit Verbot belegt: psychoanalytisch tabu der gesamte Kulturwertehimmel (und nicht mehr nur das ehedem verpöntere Religiöse darin), der sich, zu Ende gedacht, so aus sich selbst heraus gebären darf, wie es dem psychisch Kranken in seiner Krankheit untersagt sein muß. Wenn schon das Psycho- und Pathographienwesen den Autor und nicht die Kulturobjektiva des opus vornehm schuldig sprach, so sollte man jenen - Gebot der Menschlichkeit - zudem den rechten Weg weisen, jegliche Wertverwerfung vermeiden zu lernen: und zwar, ganz einfach, reine Wertdienstbarkeit, so wie die Psychoanalyse bei den zünftigen Wertverwirklichungen bis hin zum rassehygienischen Genozid besonders gründlich dienstbar nur mit- und nachzuhelfen habe, und nur keine Flausen; denn die Genese versus die Geltung gehört eo ipso in den verurteilten Unterbereich von Subjektivität, "Erscheinung" vermag die hohen Geltungen nicht anzutasten und der Widerspruch zwischen beiden Sphären bleibt frei nach der Kantschen Freiheitsantinomie insofern Schein, als er beide eben nicht gebührend auseinanderhält. Endlich Klarheit! Es geht aber noch weiter: dieser wiedergeordnete Makrokosmos spiegelt sich im Kleineren der Ichautonomie der Autonomie des moralischen Empfindens und in anderen Autonomiekraken mehr. Und dies platonistische Ganze schließlich von sakrosankter Geltung
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und diverser Autonomie (versus die arme schmutzige kindische Sinnenwelt) sperrt, wie immer, die freiidealistische Großtautologie der Maschinenrealität als die höchste Himmelsregion mit peremptorischem memoria-Verschluß kongenial aus. Als getreues Abbild des Status quo wird Psychoanalyse, vordem wenigstens zur Hälfte noch dissident, von diesem mit Haut und Haaren verschluckt. 4)
Dies Anpassungsprofil ergibt in auserwähltester Ideologieverdichtung die Psychoanalyse als Wissenschaft. Die erzwungene - therapeutische wie überhaupt Werteverwirklichungs-behilfliche - Medialität des, Gott seis geklagt, unvergeßlichen Blicks in die Hexenküche menschlichen Seins gipfelt in diesem jüngst wieder besonders beifallsicherem Inbegriff: sacra scientia. Wenn schon keine Vergessenschancen, dann wenigstens bußfertige Entrückung des eingesehenen Mysteriums, Kniefall, der sich, streng der Opferlogik gemäß, uneingeschränkte Disposition darüber einbildet. "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,/Des Menschen allerhöchste Kraft", spricht Mephisto dem weggehenden Faust nach; und Freud sprach just nicht allen Ernstes von der "Hexe Metapsychologie", die in ihrer ganzen hypermagischen Verderbnis als Naturwissenschaft des Seelischen hervortritt. Weshalb klagt man über die physikalistischen Modelle ebendort? Den inneren Maschinengraus? Wir wollen ein gutes Wort dafür einlegen, ähnlich wie Ricœur, der sich rechtens davor fürchtet, daß diese fühllose Wirrnis ganz verschwände.... Psychoanalyse als Wissenschaft erstellt das Negativ einer klassischen Kongruenz von "Inhalt" und "Form": Form - die szientifische Ritualität, Inhalt - das Unbewußte selber. Das ist mitnichten falsch: Das Unbewußte als das "Hinzugedachte", als "Fiktion", wie sich der psychoanalytische Neukantianismus ausdrückte; - und man bemerke die folgende Steigerung noch auf derselben Theorielinie?: das Unbewußte als Sprache - Schrift - Maschine schließlich-, doch unheilbar erblindet und deshalb mehr als nur falsch, was gar nicht schlimm wäre. Insoweit nämlich kann Psychoanalyse Wissenschaft sein - sie kann es in der Tat sein! -, als sie die genealogische Unhewußtheits-, Gedächtnisauflassung wiederaufgehen läßt in die unmäßig produktive Verschlußform eben von Wissenschaft, so als sei nichts passiert. Noch nicht einmal zu Ende überlegt und getan, macht vorher schon dies Szientifikationskonzept die "Entdeckung des Unbewußten" ungeschehen, und zwar ganz einfach so ungeschehen, wie die Wirkungen des Unbewußten eh, wenn es solches, Unbewußtes -
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Denken, Sprache, Schrift, Maschine -, seinen eigensten Neigungen gemäß bleibt. Und das kleine Eckchen für die endgültig nur noch dienstbeflissenste Psychoanalyse irgendwo im Medizin- und Versicherungswesen, das werden wir auch noch (am besten durch einen zünftigen therapeutischen Synkretismus) wegkriegen. Die ganze psychoanalytische Bewegung war nur ein Spuk - jetzt sagt sie es endlich selbst, auf sich bezogen, was sie therapeutisch ja längst schon über das Kinderkram-Unbewußte sagen mußte. Reklamiert werden darf dann nur noch ein wenig Toleranz gegen diesen szientistischen Teenager, den man gleichwohl unnachgiebig letztlich mores lehren muß. Kurzum, die psychoanalytische Bewegung betrieb und betreibt wissenschaftstheoretisch die Aburteilung der eigenen Auflassungssubstanz; deren Wahrung, Genealogie, wird so zum Wahnsinn, insofern sich Psychoanalyse, als Wissenschaft wieder verschlossen, mit diesem schlägt. Kann es überhaupt dann noch einen anderen Rückhalt für Gedächtnisauflassung geben als Wahnsinn?
In einer solchen unerbittlich kriegerischen Retrospektive erscheint die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung gewiß nicht unbillig über einen Kamm geschoren. Auch die von der offiziellsten Traditionsform, dem Neukantianismus/Positivismus, abweichenden und durch vielerlei Umstände (nicht zuletzt das amerikanische Exil) marginalen Ausrichtungen wie etwa, pauschal gesagt, hermeneutische, brachten keine entscheidende Korrektivkraft gegen die fortschreitende innere Selbstzerstörung der Psychoanalvse auf. Dies mag gar Lorenzer inklusive gelten, dessen Reformopus zusätzlich an einem Ende der diversen Vermittlungskatastrophen zwischen Historischem Materialismus und Psychoanalyse, dem vergeblichen Zerren an den subjektivistischen Kasernierungsketten, vergeblich durch die Unzuträglichkeit des "Symbol"begriffs, steht. Psychoanalyse als Hermeneutik weckt die Hoffnung, den selbstdestruktiven psychoanalytischen Szientismus mit Verstand verabschieden zu können. Dies gelingt in den initialen Schritten auch, um regelmäßig in die Bahnen der Erzeugung einer immanenten Sinninflation zu geraten, die scheinbar nur die einschlägige Substanz rettet, festhält, bereinigt. Die Angemessenheit des hermeneutischen Startpunkts weitet sich trügerisch zur bruchlosen Gereimtheit des gesamten Sinnfeldes aus und vergißt so genealogisch die ganze Verquerung, Verwerfung, Heteronomisierung, die immer dann penetrant sich melden muß, wenn die Sinnproduktion selbst als solche,
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der Letztgrund in nicht-persona, expressis verbis durchzuschlagen beginnt. Anders ist er implizit schon durchgeschlagen in der Sinnabflachung, die die inflationierte Sinnimmanenz von beiden Seiten - erotisch/cogitional wie thanatologisch - trifft: ein verwässertes Mischgebilde, bar des Aufrisses produktiv unheilbarer Sinnraptur, der Härte des memento mori, und der erotischen Fühlbarkeitsentfesselung zugleich, das dann doch nicht umhin kann, alle Defizite herkömmlicher Psychoanalyse, man möchte gar meinen a fortiori, nur zu repetieren. Welches da sind die Sinnbrechungs-Deplazierung in Pathologie hinein (mit der notorischen Folge, ständig die schmutzigen Therapiehände säubern zu müssen), Versperrung der maschinellen Objektivitätsspitzen, rein rezeptorische Reminiszenzradikalisierung gegenüber den Auflassungs-Objektiva wie Kunst - dasselbe also in grün, nur pseudolebendig in der Isolation der Eros/cogito-Masse, die isoliert so nicht besteht. Und dabei hatte Hermeneutik ursprünglich wenigstens doch mit Schrift, heiliger Schrift und Gesetz, zu tun... Werden die Geburtswehen dieser Sinndimension nun aber so spürbar, daß diese in ihrer inflationierten Indifferenz zu kollabieren anfängt; wird, um es historisch auszudrücken, eine existentialontologische Fundierung also dringlich, so kommt in diesem Übergang doch wiederum nicht mehr als ein Implosionseffekt zustande, der die fällige - sinnwidrige und deshalb sinnproduktive - Aufspaltung der Hominitätsmasse in die absolute Heterogeneität von Eros/cogito einerseits und Tod/Maschine andererseits zum Innensplit ermäßigt. Das Fazit: bloße analoga, nur vornehm-hermeneutische und, wenns hoch kommt, heroischere, zu den Autonomiegebilden am anderen Ufer im Szientifikationskonzept, schlecht philosophische Veredelungen, Daseinsentwürfe und dergleichen noble Dinge mehr, die, nicht als analoga wahrgenommen, wie faschistoide Ursprünglichkeitsmasken ihr Betrugswesen zu verbreiten beginnen. Verständlich zwar dann der Schrei nach Objektivitätsekstase, Hilfeappell an die Adresse des Historischen Materialismus; doch wenn die verheerenden Sinn-Originalitätsphantasmagorien im cogito-Inneren nicht vorab aufgelöst werden, wenn die erreichte existentialontologische Todesfühlung die Sinnimmanenz als ganze nicht selbst nach außen hin radikal durchbricht, so wirft der nicht weniger verwunschene Marxismus das Echo dieses Notrufs bloß als Rekasernierung, Subjektivismus in Potenz zurück; und abermals eine mißglückte Vermittlung...
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Sollte sich der für Fortschrittsteufeleien allzeit hellhörige Arnold Gehlen ausnahmsweise getäuscht haben, als er vor dem in der Psychoanalyse ungeweckt noch schlummernden Jakobinismus warnen zu müssen meinte? Der Facharzt für Psychoanalyse als Revolutionär? Ein alberner Scherz! Therapeutisch spezialisiert auf anständige neurotische Erkrankungen; in seinem Kunstverständnis banausisch - biographistisch und hypermagisch eingedenkend -; insgesamt wertefromm wie weiland nur die frömmsten Neukantianer (ja, psychoanalytische Kritik kann sich bei Gott nicht auf die Werte selbst beziehen); dem blinden Fleck der Tautologie-Chimäre der Maschinen verpflichtet (allen psychiatrischen Erfahrungen zum Trotz: hier hat die Psychoanalyse überhaupt nichts mehr zu suchen); rundherum eine autonome Persönlichkeit, die den ganzen Tag das Unbewußte ihrer Analysanden ertragreich hinzudenkt im schützenden Bewußtsein der Fiktionalität dieses Tuns; und des Nachts? - man weiß es nicht -; und feiertags mit den höheren existentiellen Weihen. Rien ne va plus. Man muß den Geist dieser bewundernswerten Ichgerechtigkeit schon etwas genauer kennen, um das Lacansche Gebaren und auch die Kruditäten des gerechten Zorns des Herrn Guattari plausibel zu finden; um die Uberfälligkeit zu verstehen, die Freudschen Ambiguitäten gegen den Strich ihrer traditionellen Vereindeutigung lesen zu müssen. Wohlan, laßt uns in den Fußstapfen des verrückten Doktors bis hin zum Anti-Ödipus wandeln! 5)
Die Todesfreundschaft der Maschinen
Wiederum durch Lacan eröffnete Chancen der Rehabilitation der ominösen Todestriebhypothese, die in der Geschichte der Psychoanalyse atopisch blieb, legen weitere Spuren zum Arkanum des Anti-Ödipus hin. Wenn auch der Todestrieb als immanente Konsequenz freigegebener Objektivitätsekstase bis in die Maschinenparks hinein eo ipso begegnete, eben auf diesem Wege also bestens eingeführt werden könnte, so scheint es ob des besonderen Gewichts dieses Problemkomplexes doch zweckmäßig, die Stringenz eines solchen theoretischen Binnenwegs durch ein Stück Exegese Freudscher Todestriebtexte von außen einführend zu ergänzen.
In den großen metapsychologischen Schriften kommt Freud - nicht zuletzt unter verschärftem Erklärungsdruck, die adaptive Bedeutung
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derjenigen Phänomene betreffend, die nicht mehr eindeutig oder überhaupt nicht als erotische qualifiziert werden können - abermals auf den Sadismus zu sprechen. Nachdem er - so in "Jenseits des Lustprinzips" - den doktrinalen Stand seiner Sadismusauffassung rekapituliert hat: Anerkennung einer sadistischen Komponente des Sexualtriebs, dominierender Partialtrieb innerhalb der prägenitalen Organisation, Sadismus als Perversion, der das gesamte Sexualstreben der Person beherrscht 6a), problematisiert er die Möglichkeit, den Sadismus, der auf die Schädigung des Objekts zielt, aus dem Eros ableiten zu können, und schlägt die jetzt entscheidende alternative Ableitung aus dem Todestrieb vor. Der Todestrieb, auch Ursadismus genannt, der mit dem primären Masochismus zusammenfällt 6b), bedeutet die Tendenz der Organismen, sich in den anorganischen Zustand rückzuverwandeln. Eros, die Libido, wirken dieser Tendenz, die Lebendigkoit des Organismus erhaltend, entgegen. Eine Methode nun des Eros, dem Todestrieb entgegenzuhandeln, besteht paradoxerweise in der Fundierung des Sadismus. Eros drängt nämlich einen Teil der Todestriebpotentiale vom eigenen Ich ab und kehrt sie nach außen, wo sie am Objekt als Aggression - als ursprünglicher Sadismus - imponieren. "Liegt dann nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt?" 6c) Die Libido "hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb (sc. den Todes- oder Destruktionstrieb) unschädlich zu machen und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet". 6d) Ein bestimmter Teil des so nach außen gekehrten Destruktionspotentials tritt wiederum in den Dienst des Eros, der Sexualfunktion: das ist dann der Sadismus im engeren Sinne des Wortes, der "eigentliche Sadismus", der auf allen Stufen der Sexualitätsentwicklung unabkömmlich mitspielt. Freud schätzt diese subsidiäre Rolle des Sadismus recht hoch ein "Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt nach." 6e) Dies gilt insbesondere für die volle Ausbildung der oralen und analen Subsistenzsexualitätsformen. Der Sadismus als Perversion besteht nun in einem Übermaß an freibleibendem, mit erotischen Komponenten nicht mehr vermischten ursprünglichen Sadismus: in einer "allerdings nicht bis zum
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Äußersten getriebenen Entmischung". 6f) Um diese Verhältnisse zu Ende zu führen: der Teil des nicht als ursprünglicher Sadismus nach außen abgeleiteten, als eigentlicher Sadismus in den Dienst der Sexualität tretenden und womöglich sich als Perversion wieder von der Sexualität trennenden ursadistischen Todestriebpotentiale verbleibt im Ich und setzt dort sein tödliches Werk fort. Dort aber kann er erneut libidinös gebunden werden und imponiert dann als erogener Masochismus. 6g) Schließlich sind diese Abtrennungs-, Ableitungs-, Dienstbarkeits- Entmischungsverhältnisse als desultorisch vorzustellen: so kann beispielsweise der "projizierte" Sadismus wiederum "introiiziert" werden und sich dem Masochismus zugesellen. - Eingeschränkt auf die Formen des Sadismus - Ursadismus, ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion - bildet Freud also diesen Ableitungszusammenhang: teilweise wird der Ursadismus (Todestrieb, primärer Masochismus) durch Eros als ursprünglicher Sadismus nach außen abgeleitet. Teilweise, wenn nicht vollständig, tritt er als eigentlicher Sadismus sodann in den Dienst von Eros, verdingt sich den Sexualtrieben als dessen subsidiärer Evolutionswegweiser. Und im Perversionsfall kündigt er als eigentlicher Sadismus den erotischen Dienst auf und regrediert entmischt zum ursprünglichen Sadismus, ohne Gewähr, nicht wieder zum Ursadismus zurückzukehren und sich dort mit Eros zum erogenen Masochismus, den Tod, wenn nicht aufhaltend, so doch seine Schrecken mildernd, vielleicht zusammenzutun. Ist man bereit, die besonders abenteuerlich biologistische metapsychologische Verschalung der Todestrieblehre aufzubrechen und abzulegen, so resultiert deren genealogisch schlechterdings unverzichtbarer Kern: Freuds Kampf der Giganten, die Kollisionen zwischen Eros und Thanatos, die Gewalt der hominitätsgenerativen Entropie und deren Gegenzugs, enthält einzig die Theoriepotentiale, deren die angemessene genealogische Hominitätstotalisierung in jeder Hinsicht extensiv wie intensiv bedarf. Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen.
Gesucht ist eine philosophische Übersetzungsform, die im Keime es schon zu ersticken verstünde, den höchsten Punkt genealogischer Kunde über Wissenschaft (als Hominitätsinbegriff, Ontologieklimax) absurderweise in der Art von Wissenschaft wiederum einzurichten. Auch wenn Freud selber die Wissenschaftlichkeit seiner Todestriebgedanken, der "geradezu mythischen", mehr als nur anzweifelt, so
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bleibt doch die szientistische Attitüde voll erhalten, jener notorische Wissenschaftsidealismus, der das eigene Vermögen vom Himmel gefallen sein läßt, so daß es mit der souveränen Autonomie seiner überirdischen Herkunft auf seine Objekte hinabsieht; und dies auch auf die Gefahr hin, daß sich deren Konturen verwischen, daß sich der absolute Blick versieht. Dann wird die mißratende Erkenntnis, selbstbezichtigt und -bescheiden, eben "Spekulation" geheißen: Versehenseinbekenntnis, das die deplaziert herrschaftliche Sichtnahme indessen beibehält. Dieser Absurdität kann nur so abgeholfen werden, daß die spekulativen Gehalte mit ihrem schlechten Gewissen selbst in das durch sie beeinträchtigte Erkenntnisvermögen restlos eindringen dürfen; doppelte Heimsuchung, Heimkehr: beide sind eines Wesens und streifen, zueinander gekommen, hier die Starre, dort die Unvollkommenheit ab, indem sie sich zu der einen Bewegung des (genetivus absolutus!) also rehabilitierten "spekulativen" Gehalts, hier im Modus seiner Selbsterkenntnis, dynamisieren; und diese, Memorialität, stößt nicht von außen dazu, gehört vielmehr a priori in die ganze "Ausfälligkeit" dieses Hominitätswesens mit hinein. Kurzum kommt Freuds Todestrieblehre der Absurdität der Wissenschaftlichkeit von Genealogie, Hominitätstotalisierung, äußerst nahe. Psychoanalyse, endlich auf die Kippe gebracht, kippt aber doch nicht ab - eben durch die besonders krude Radikalisierung der notorischen Blockademaßnahmen gegen die metabasis von Wissenschaft in Philosophie hinein, freilich um den unvermeidlichen Preis kulminativer Theorieverhexung, in der der Hexenmeister sich zum Zauberlehrling zu depotenzieren anschickt. Stattdessen gehen wir den Weg einer in sich bereinigten genealogischen Initiation, eine nicht szientifische Methode gleichwohl präzise abbildbarer zielgerichteter Schritte, und dies mit der Absicht verbunden, den Todestrieblehrbestand in dieser Hinsicht durch Kontralektüre zu retten.
Ursadismus - ursprünglicher Sadismus - eigentlicher Sadismus - Sadismus als Perversion - die beiden letzten Sadismusarten fungieren als Ausdrucksweisen der beiden versteckten ersten; oder diese gelten als die einschlägigen empirischen Phänomene, zu denen jene notwendige theoretische Erklärungsagründe abgeben. So oder so hat es Freud, wie vage auch immer, wohl gemeint. Allein, die Heterogeneität dieser Sadismusspezies - Inneres versus Äußeres, Empirie versus Theorie - hängt an oft monierten unangebrachten metapsychologischen
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Konstitutionsbedingungen: dem Monadologismus und der Selbstunzugänglichkeit des "psychischen Apparats", dessen innere Funktionsweise aus Anlaß der Erklärung seiner mit Äußerem fusionierten out-put-Phänomene "hinzugedacht" werden muß - ein auf diese Konditionen hin relativ stringenter Ansatz, ein abgekapseltes und auch in sich verborgenes Kräftespiel als explanans-Inbegriff zu postulieren, aller Defizite an expliziter, ja letztlich nicht vergönnter Operationalisierung dessen unbeschadet. Typische szientistische Blockadebedingungen: Absperrung nach außen und innere Unzugänglichkeit obendrein - ein seltsam monstruöses Ding, das sich immer dann einzustellen pflegt, wenn man das Erkenntnisvermögen über seinem Erkenntnisgegenstand so wie die unsterbliche Seele über der eigenen Körperleiche schweben läßt; in der Tat: der "psychische Apparat" als Leiche, unbefähigt des Außenbezugs und der Innenwahrnehmung, und bevor man sich an Totem mit hilflosen Lebenskonstruktionen, vergeblichen Reanimationen herumplagt, fahre die Seele in die Körperhinterlassenschaft wieder zurück und nehme die Doppelfühlung auf nach außen wie nach innen, und selbst dies beides wiederum für unsere Belange memorial-sehend...
Diese genealogische Sehenskontingenz vorausgesetzt, erweist sich der thanatologische Entropiezug mit seinem negentropischen Eros-Kontrapunkt eh schon objektivitätsekstatisch und eh schon "selbst"gespürt und -reflex. Fernab einer bloßen Mechanik sich neutralisierender rein immanenter konträrer Kräfte, vollstreckt der Freudsche Kampf der Giganten den Prozeß der Selbsterhaltung, Reproduktion als destruktive Anverwandlung von Externalität und Beglaubigungsaustritt in der Art eben dessen, womit der Gesamtprozeß begann: Zerstörung. Pointiert gesagt, stellt der Spekulationszusammenhang Todestriebhypothese nichts anderes vor als die Gesamtverfassung von Sexualität in grobem Uberschlag freilich und wissenschaftlich deplaziert (und deshalb wissenschaftlich überflüssig, spekulativ), einschließlich des Grundmodells der pathologischen Störung dieser lebensentscheidenden Vorgänge. Dies Krankheitsmodell wird in seiner Reichweite allererst überschaubar, wenn im Todestriebkontext zumal Psychoanalyse die Mauern der Pathologiekasernierung niederreißt, wenn die volle Objektivitätsekstase Maschinengeburt einsetzt. Es besagt erotische Schwäche, den Todestrieb nicht vollständig externalisierend in das Außendestruktionspotential des ursprünglichen Sadismus überführen zu können: mangelhaften Todesrausschmiß durch Eros,
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unvollkommene Selbstpurgation, Implosionsrelikte, in denen Eros immerhin noch nachzufassen vermag ("erogener Masochismus" als Pathologiemodell) bis an die Grenze seiner versiegenden Kraft, wo der Letztgewinner seine Herrschaft schließlich vereindeutigt; bis dahin abnehmend schaffender, dann aber nur noch tötender Tod. Diese prinzipielle Korrektur - Doppelöffnung des psychischen Apparats, Fleischwerdung des vordem wissenschaftlich freischwebenden cogito - scheint sowohl den eigentlichen wie auch den Sadismus als Perversion zur überflüssigen Doublette der ersteren beiden -Formen zu machen; jener, paradox gesagt, abermals das Destruktionsgelingen, und dieser Inbegriff der Blockade dessen, "Triebentmischung", aber nicht schon bis zum äußersten Entmischungsgrad, dem tötenden Tod getrieben. Bestimmt man also, von szientistischem Bann befreit, den Ursadismus als den Entropiezug zur erotischen Gegentendenz des ursprünglichen Sadismus, Implosion versus Explosion, und dies von Anbeginn in Spürbarkeit, Reflexion und Außendestruktivität, so wiederholt die ursprünglich empirische (versus theoretische) Zusammenstellung, eigentlicher und Sadismus als Perversion, bloß diese genealogischen Grundverhältnisse und könnte also entfallen?
Aber trotz aller Außen- und Innenöffnung - so bleibt der Todestriebkomplex immer noch menschorganologisch limitiert in den Grenzen der Eros/cogito-Masse und vordringlich auch an diesem Orte folgerichtig Pathologiemodell; Pathologie umfassend verstanden als Ursadismus respektive Sadismus als Perversion, Triebentmischung, oder, wenn man es so will, mehr abgehoben auf die beträchtlichen erotischen Restposten in Krankheit, "Masochismus". Die Auflösung dieser Limitation wird jetzt entscheidend, historisch entscheidender als die oben vorgenommene Außen-Innenöffnungs- und Entwissenschaftlichungskorrektur, die immerhin Tradition hat, auch wenn sie immer noch nicht recht greift? Um diese Veränderungsobligation sogleich auszusprechen: a priori impliziert das Eroswerk der Veräußerung des ursprünglichen Sadismus ratio-Objektivität, Ontologiedinge, Wissenschaft und Maschine, ja mehr noch: erfüllt sich in dieser Ausschreitung, Ausfälligkeit, geht allein in dieser Ekstase auf dieser Seite der Eros/cogito-Masse entpathologisierend auf: Maschine als die "Selbstanschauung" des veräußerten Todes, schaffende Mortalität.
Einmal bis zu diesem Punkt des Ausfällungsinbegriffs des schaffenden
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Todes, Urmehrwertbildung der Opferteilhabe und an den Göttern, Makrounbewußtes, gekommen (einmal erwogen, daß alles weitere Aufzeichnung- und Konsumtionsreglement, Denken und Moral, nichts denn Ableitung, Funktion von Maschine, des Evolutionsstands der Produktivkräfte sein kann?), müssen die ontologiegenerativen Verhältnisse in der Tat so erscheinen, wie Freud sie, wenngleich nur subjektivistisch, pathologiegefangen, beschrieb. Es bedarf nur der Objektivitätstranskription, so daß historisch evolutionär en gros der eigentliche und der Sadismus als Perversion nicht wie vordem in der Synchronie des ontologischen Produktionsprozesses überhaupt bloß die überflüssige Doublette der beiden ersten angeblich allein grundlegenden Sadismusformen, freilich auch dies schon unter der Bedingung, die Pathologieeinsperrung gesprengt zu haben, abgäbe; so daß sich, wie billig ins objektive genealogisch bereinigt übertragen, der Todestriebkomplex also lichtet; und zwar in der Perspektive der Gleichzeitigkeitsabstraktion der Ontologieerzeugung insgesamt (und eben nicht mehr nur der Pathologiedissidenzen) besagen die Übergäng vom Ur- in den ursprünglichen Sadismus einerseits und vom eigentlichen in den Sadismus als Perversion andererseits dasselbe: die Urumdrehung der (Inzest-)Entropie in die (Autarkie-)Negentropie, nämliches veräußert und am anderen Ufer, letztlich Maschinengeburt. Und aus dem Blickwinkel der geschichtsbildenden Rückverbindung der Maschinen zur Eros/cogito-Masse der Menschenkörper kann die erste Sadismensequenz reserviert bleiben für die Grundlegung der folgenden diachronisch evolutionären, der ontologiegemäßen Gattungsgeschichte?
Letzteres, die Rückverbindung, bedarf noch weiterer Explikation. Nachdem der Übergang vom Ur- zum ursprünglichen Sadismus die ontologische Potenz überhaupt bereitgestellt hat (freilich nicht nur mit der Exekutive Muskulatur, vielmehr den Kopf mit seiner Hypermotilität dabei vindizierend, ja allererst ausbildend und zudem in der Voraussicht, "die Objekte der Außenwelt" nicht zu zerstören, sondern zu erschaffen), weist in der Tat, wie Freud annimmt, der veräußerte Tod ("der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus") Eros ("den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs") den Weg: erotische Freiheitsbahnung durch die Maschinen. Und daß die libido-Komponenten "späterhin zum Objekt nachdrängen", diese Tendenz formuliert, objektivitätsversiert, die Rückverbindung als den anziehenden Zweck der Maschinengeburt, kurzum "Freiheit", die Maschinenlist der "Sexualität"
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selber. Das Prinzip dieses Geschichtskonzepts aber drückt der transkribierte "Sadismus als Perversion", die "Triebentmischung" (respektive auch schon der "Ursadismus"), schließlich aus: absolute Differenz der Todes-Dinghaftigkeit und deren sub-iectum, Eros/cogito-Masse als herzustellende Differenz, unterwegs eine "allerdings nicht bis zum äußersten getriebene Entmischung"?
Vielleicht könnte man im Rückblick auf diese schwankende Todestrieblektüre sogar geltend machen, daß die beiden ersten Sadismusformen die Produktion (Opferung) und die folgenden die Konsumtion (Rückerstattung) durchaus auch geschichtlich genealogisieren; wobei, wie schon zuvor, das Verhältnis des eigentlichen zum Sadismus als Perversion (Triebentmischung) eine inverse Deduktionsbeziehung von diesem zu jenem hin ergibt. So lautete wohl die einfachste Rahmenlesart, die keine genealogischen Doubletten mehr durch Synchronie-Diachronieverteilung auflösen muß, die gleichwohl der Entwissenschaftlichungs-, Entsubjektivierungs-, Entpathologisierungsforderung uneingeschränkt verpflichtet bleibt und auch Raum dafür läßt, en detail diesen Rahmen produktions- und konsumtionsgenealogisch auszufüllen? 7)
Auf dem Wege zu einer zeitgemäßen ontologiegenealogischen Totalisierung, die Freud in seiner Todestriebhypothese so anskizzierte, als sei sie ein überaus stark beschädigter archäologischer Fund, bedürfte es über die vorgenommenen Grundkorrekturen - Philosophierung, Objektivitätsekstase - hinaus noch etlicher Supplementierungen; auch auf die Gefahr hin, des Guten zuviel mit dem Todestrieb anzustellen, sollte auf die Verbesserung der Zusammensetzungsfehler die Lückenergänzung folgen; und beide Maßnahmen mögen oft ineinander übergehen.
Um die Supplementtopoi wenigstens noch zu benennen:
Die unserer Todestrieblehre entnommenen schuld-, opfer-, gewaltlogischen Konstellationen stellen nur einen Bruchteil dessen vor, was genealogisch in kategorialer Explikation ausgemacht werden müßte. Ohne bei der hierfür das Feld eröffnenden Psychoanalyse schon Anleihen machen zu können, werden Differenzierungen in mancherlei Rücksicht fällig; so hauptsächlich die nähere Bestimmung des Opfer- und gleichermaßen Rückerstattungsstoffs (Grund-subiectum Sexualität, Eros/cogito-Masse), derart in sich aufgetrennt und identisch gemacht durch den einzigen Umweg der Maschinenerzeugnisse des absoluten
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heteron des schaffenden Todes; und so zumal die Präzisierung des Progreßcharakters dieser Opfer- und Rückerstattungsvorgänge mit ihrem überaus verfänglichen eschaton restloser Erosaufzehrung in der Totalmaschine des schaffenden Todes als ebenso restlose Erosemanzipation, Einswerden von Göttern und Menschen in deren vollbrachter absoluter Differenz "am Ende der Zeiten".
Extensiv imponiert eine seltsame Fehlanzeige: von der Gedächtnisauflassung, dem memoria-Vermögen, das selbst auch die einschlägigen Spekulationen als Zerrbilder sowohl von Wissenschaft wie von Genealogie besorgt, ist überhaupt nicht die Rede. Wo bleibt die Platzanweisung für die genealogischen Aufzeichnungsspitzen der "Zirkulation", wo "Produktion" und "Konsumtion" deutlich doch auftreten? Wohin gerät der Rückschlag der Genealogiefiguren aufs Genealogieorgan selber - ein schlechthin unvermeidlicher Memorialitätsvorgang? Abermals stößt man auf den Freudschen (und nicht nur Freudschen) Wissenschaftsidealismus, die Prätention eines für sich selbst verschlossenen Himmelsblicks, der aufgeht in den angeblickten Objekten, Produktion und Konsumtion, die eben wegen dieses Objekt-Aufgangs der Sichtung miteinander - Askese und Gier - kurzschließen, so als sei man hier vorweg schon in den real existierenden Sozialismus geraten. Keine göttlichen Skandalgeschichten und, dasselbe nur seriös, keine Freiheitsmessung auf dem Markte: Prämienzweck-monitum für das Arbeitsopfer wenigstens, ausgebaut schließlich am äußersten Ende zur Indolenz von Genealogie. Stattdessen macht die antiästhetische und antiintellektuelle Möchtegernwissenschaft eines deplazierten Materialismus das ständig doch vorausgesetzte Erkenntnisorgan zu bloßer Abspiegelung erstarren - Leichenstarre allenthalben, doch nicht nur da, wo sie angebracht wäre.
Anderes dagegen benötigte die Wiederaufnahme in den Todestriebzusammenhang, nachdem unsere Lektüre es so verwandelte, daß es in seiner genuinen Fassung ebendort schwand: so an erster Stelle der Pathologiebegriff, den Freud ja nicht zuletzt durch den Todestrieb zu verbessern vorhatte (und den wir zuvor schon streiften). Als krankheitskonstitutiv erwiesen sich die nicht schon erotisch,veräusserten Reste an Ursadismus im Inneren des "Ich", sofern Eros diesen nachfaßt und Symptome daraus bildet; "Masochismus" als Pathologiemodell, ultimative Verhinderung des tötenden Todes, noch produktive
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Kompromißeingabe von schaffendem Tod auf der Eros/cogito-Seite in deren Destruktionsfahrt hinein. Erwies sich in unserer Lesart der "Sadismus als Perversion", die "Triebentmischung", genealogisch objektivitätsversiert, als Synonym der absoluten Differenz, der Produktionsbedingung also schlechthin, so gilt paradox als Pathologieinbegriff notwendig umgekehrt zum Freudschen Wortlaut eben die Triebvermischung: lebens-gefährliche Todeseinbehaltung durch mangelhafte Opferbereitschaft, unzulängliche Maschinengeburt. In wechselnden Veräußerungsgraden bleibt die Maschine am Organismus haften, und die Skala der hybriden Verwischungsgrade der absoluten Differenz (und nicht etwa die Mischungsverhältnisse von Eros und Thanatos absolut) werden zum Differenzkriterium der einzelnen Krankheitsarten: Repräsentation. Präsentation. "Sein". Je härter also die produktive Opferdiskrimination, umso stärker, stärkermachend der Rückschlag dessen als das sogenannte "Ich", zugleich die Kraft der konsumatorischen Freiheitstoleranz aus seiner zirkulativen Selbstvergewisserung heraus respektive als Dispens des - weiterhin im psychoanalytischen Strukturmodell gesprochen - "Überich", das den Reproduktionsprozeß insgesamt paralysiert: das Überich als Krankheitskriterim kat'exochen. Gewiß. Doch verzieht sich das so vielleicht wieder nahegelegte Ichautonomiepathos sogleich zur Chimäre, wenn man bedenkt, daß nicht bloß die berüchtigte Ichstärke substantiell historische Funktion des Maschinenavancements und dessen Freiheitsteleologie sein muß, daß mehr noch keinerlei Automatismus absehbar ist, der das ichbildende Heranreichen an den jeweils historischen Stand der Entfaltung der Produktivkräfte auf breitester Front schon garantierte. Nein, im Gegenteil, a fortiori blüht die Legion der Pathologiekultur des Überich; und es ist mehr als nur ein fataler Eindruck, daß es in der großen Ontologietradition der Uberichrache Kriegsmaschinen so etwas gibt wie Objektivitätskreationen des tötenden Todes und nicht nur, wie es die Ontologiebegeisterung will, des schaffenden, unbillig oft nur aus überflüssiger Progressionsangst dämonisierten; und daß die aktuelle Kriterienlosigkeit im Objektiven diesbetreffend Freuds unbesehene Indifferenz-Souveränität in Sachen Destruktion wiederholt. Wohlan, laßt uns unser Ich versus Überich also an den atomaren Sprengsätzen bilden....
Fehlt schließlich nur noch die Einbeziehung der umwälzenden psychoanalytischen Erklärungsdimension für Krankheit: Psychogenese/Lebensgeschichte;
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nicht freilich um den Bestand der Menschengattung abermals zum pädagogischen Problem zu verharmlosen, doch immerhin um dem Skandal abzuhelfen, daß Infantilität, Genesis, früheste Selbstarchäologie pathologieüberschießend der Anerkennung als eines unabdingbar immanenten Genealogieelements trotz aller Psychoanalyse ermangelt. Längst ist es überfällig, am Leitfaden der Objektivitätsekstase und an der nicht zuletzt psychoanalytischen Kinderkramdesavouierung vorbei mit unnachsichtiger antipsychoanalytischer Gedächtnisauflassung die Vor-.und Frühgeschichte des schaffenden wie des tötenden Todes zu erkunden.
Sollte man nicht meinen, daß Freud in seiner späten Todestriebhypothese selbst schon den Trumpf der zweiten psychoanalytischen Revolution in der Hand hatte? (Und auch, daß solche Meinung unabhängig von der fast modischen Ausschließungsreverenz, einer protestantischen Ursprungsverehrung, die gegen die Tradition auf die Quelle der Heiligen Schrift, Freud selber, allein noch zurückgeht, gelten kann?) Doch verlangt die Reklamation, daß der Urahn diesen Trumpf hätte ausspielen müssen, schonend gesagt, wohl zuviel. Der präsentierte Katalog aller im Todestriebkontext oft kulminierenden Mißhelligkeiten stand dem Umbruch der Psychoanalyse in Antipsychoanalyse gewiß im Wege, und post festum rekonstruierbare Folgerichtigkeiten brechen sich an der Fülle der "Kontingenzen", die diese eben noch nicht zuließen. Es mag zunächst paradox klingen, daß die gewünschte zweite psychoanalytische Umwälzung auf die Modifikation des vermeintlichen Letztgrundes Sexualität zielt, Sexualität, ingeniös zentriert auf den filialen Inzestwunsch der Ödipusphase. Nicht nur daß diese Eingrenzung immanent psychogenetisch schon nicht stichhält, sofern sich inzestuöses Begehren von Anfang an und auch an anderen Körperorten strukturidentisch einstellt; darüber hinaus erwiese sich die gesamte Konstellation Ödipuskomplex einschließlich seines Untergangs als Todestriebopus der infantilen Einübungsformen der Hominitätstotale in dieser selber, ebensowenig ihr äußerlich wie das produktive Überschwappen in die Objektivität der Todestriebmonumente von ratio/Ontologie, das sich bloß als apparatives Seelenkonzept, metapsychologisch gefesselt von Anfang an und zumal in der Todestriebhypothese, ansagt. So daß man durchaus behaupten könnte, daß die Weiterverfolgung des Ödipuskomplexes eben in die Formen seines Untergangs hinein (dies auch sexualitätsimmanent), diese Gedächtnisauflassung exklusiv
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befähigt wäre, den Sinn von Objektivität, Menschwirklichkeit zu enttautologisieren und die Todestriebimplikation der Sexualität insgesamt genealogisch, so wie oft schon schuld-, opfer-, gewaltlogisch angedeutet, erscheinen zu machen. 8)
Wenngleich die Todestriebumschrift des Ödipuskomplexes und damit der gesamten Sexualitätsorganisation inklusive deren Pathologieentgleisungen im Freudschen Werk explizit auch entfällt, so wäre es auf den Spuren einer parteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie der Psychoanalyse durchaus nicht abwegig, die einschlägigen Heterodoxien nachträglich als - wie auch immer voreilige oder halbherzige - Versuche der geforderten Umschrift geltend zu machen; und Freud hätte mit einer Todestriebhypothese, vorab zwar ohne rechten Erfolg, doch mit etlichen Spätwirkungen, seinen Häretikern ein gutes Heimkehrangebot mit Rehabilitationsaussichten gemacht.
Eine Schlüsselgestalt auf dem Weg zur zweiten psychoanalytischen Revolution, allerdings eine bloß halb-heterodoxe mit einem durchaus noch rechtgläubigen anderen Teil (split also auch hier!), ist Melanie Klein. Man muß nicht die in ihrer - mit Verlaub - theoretischen Verwahrlosung besonders pfundig mitgeschleppten psychoanalytisch-metapsychologischen Kardinalsünden - Biologismus, Subjektivismus - nachsichtig übersehen, um gleichwohl die subversiven Potentiale ihrer anstößigen Lehre prononzieren zu können, von denen aus die fällige Todestriebumschrift des gesamten Sexualitätsbestands ausgehen könnte. Der Inbegriff dieser Transkription liegt in der Vordatierung des Ödipuskomplexes letztlich bis zur Zeugung zurück. Nicht daß dies nun falsch sein könnte, im Gegenteil; doch solche Expansion degeneriert zu einer Gestalt schlechter Unendlichkeit genealogisch-intensiver metabasis der Psychoanalyse, wozuhin die Kleinsche Ödipustotalisierung am Leitfaden des Todestriebs, des wie selbstverstindlich so auch genannten, selbst genealogisch unbedarft, nur drängt. Umgekehrt bedürfte es dieser von der Klein insbesondere provozierten Genealogie-Umwendung zunächst, um dann erst die Vor- und Frühgeschichte der betreffenden Strukturtotale Ödipuskomplex freilich bis zur Zeugung zurück nachzuzeichnen. Sonst nämlich resultiert, wenns hoch kommt, eine genetisch-genealogische unvermeidlich "spekulative" Zwittergestalt, der es auf der Kippe zur Genealogie ermangeln muß, die gebührende "Perversisierung/Psychotisierung" der Psychopathologie freizusetzen, obgleich doch alle Mittel dazu
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bereitzustehen scheinen.
Dieser halb-heterodoxen Theorieabänderung entspricht die Semi-Häresie des bezeichnenderweise kinderanalytischen Verfahrens, nämlich dem Kranken den Ödipuskomplex in allen erdenklichen Varianten ganz direkt und offen um die Ohren zu schlagen, und dies insbesondere gar solchen, die an frühesten Ödipuskomplexdefiziten, wie es scheinen muß, zutiefst leiden. Die sich darüber entrüstende Verfahrensorthodoxie hat nun ebenso recht und unrecht wie der sich hier vehementer gar noch entrüstende schizo-analytische Anti-Ödipus. Denn, schlägt man die Restposten an symbolischen Substitutionen dem Psychotiker (und gar dem psychotischen Kind) aus der Hand, so läuft man Gefahr, diesen noch verrückter zu machen als zuvor. Gewiß; doch mag man allzu leicht dabei übersehen, daß die monierte rücksichtslose Phantasmasierung (und Rephantasmasierung) in diesem Vorgehen die Kräfte der symbolischen Substitution überaus zünftig zu wecken vermöchte. Und umgekehrt: erachtet man diese letztere Chance vielleicht einer Hypervalidisierung der symbolischen Ordnung als schändlich, so verkennt man, daß eben an dieser Reödipalisierungsschande die vorangegangene Auflassung des Unbewußten schwerlich getilgt werden kann; und nicht zuletzt auch, daß die dieser schizoanalytisehen Anfechtung eigenen Prämissen von nichts anderem als derselben paradoxen Restitutionsform - Auflassung, gleichwohl "symbolisch", produktiv ästhetisierend, intellektualisierend - zehren müssen. In der Kleinianischen Verfahrenskorrespondenz eines therapeutischen Homöopathiewesens radikaler Phantasmasierung zur Infinitesimalisation von Psychogenese in strukturelle Genealogie (mit deren immanenten Genesisimplikationen) hinein liegt die Vorwegnahme eines Profils von antipsychoanalytischer Theorie und Praxis beschlossen, der nur noch der kriteriale Schritt ontologieintegralisierender Objektivitätsekstase mangelt, um Modell der Antipsychoanalyse der Zukunft sein zu können. Allein, dieser Mangel - der kleinste Schritt als der größte! - macht die Kleinsche Abweichung ganz besonders empfindlich und prekär.
Mit einem Sprung in unsere Tage hinein scheint in Heinz Kohuts Narzißmustheorie eine beachtlich langatmige Reorthodoxierung der heterodoxen Kleinteile am Werk; woran sich die wahrscheinlich wieder abnehmende hauptsächlich bundesrepublikanische Reformhoffnung knüpfte, den psychoanalytischen Pelz zwar zu waschen, doch dabei nicht
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naß zu machen. Die als Narzißmusproblematik ausgegebene Neuerhebung der Todestriebrechte auf Sexualität führt die ehedem unzeitgemäßen einschlägigen Dissidenzdurchbrüche in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung - wie etwa den Adlerschen Willen zur Macht, Jungs Wiedergeburtsmotiv und manches in dieser Richtung noch mehr - domestiziert und verlockend nach Hause zurück. Dieselbe Totalisierung des Ödipuskomplexes, jedoch, entskandalisiert, nicht nur nicht mehr unter diesem Namen, auch in sich gebrochen in die Differenz narzißtisch versus objektlibidinös und umso unbefähigter, den Umschwung von Genesis in Genealogie zu vollziehen; dieselbe "Psychiatrisierung" der Psychoanalyse, jedoch stärker noch davon abgehalten, in Objektivität hinein zu überborden, fester noch subjektivistisch abgeriegelt, sofern der Bruch in der Delimitation des Ödipuskomplexes, dessen narzißtische Frühzeitmaskierung, die Sicht auf dessen Strukturidentität allenthalben abschneidet; dasselbe avancierte therapeutische Encouragement, zumindest wieder an die Ränder der Repräsentationspathologie zu gehen, jedoch so entschieden klinisch dagegen wiederum repräsentationsdiszipliniert, daß alle erforderliche homöopathische Therapiehärte schwindet. Vielleicht stellt die Kohutsche Narzißmustheorie die letzte bedeutsame Form in sich inflationierter psychoanalytischer Konservativität dar, vielleicht ein letztes schwankendes Bollwerk gegen die Invasion des verrückten Doktors aus Frankreich?
An Lacan nun scheiden sich aktuell die Geister. Es möchte einem wie eine didaktisch liebevolle Hilfsmaßnahme empfehlenswert scheinen, vor der Lektüre seiner verruchten Texte den Pfingsthymnus zur rechten Einstimmung anzustimmen: veni creator spiritus... Ernsthaft aber gilt es, vorab den theologischen und philosophischen Bildungsschwund, den die Aversion gegen Lacan und die Folgen belegt, vernehmbar zu beklagen. Allem Anschein nach nämlich blieb trotz des branchenüblichen Neo-Neo-Neohistorismus der Dauererzeugung absoluter Grabmäler des Geistes die Aufnahme gnostisch-mystischer Denktraditionen befremdlich auf der Strecke und das oft wundersam schwachsinnige Wucherungen hervortreibende anathema über dies wilde Frankreich so unbesehen, als gehöre es zur Gnostik/Mystik traditionsreich nicht mit dazu, die Rechtgläubigkeit substantiell zu bedrohen. Fernab von einem Plädoyer für historistische Pazifizierungsstrategien verfängt der Hinweis auf solche Häresietraditionen doch voll und hat den
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guten initialen Sinn, pauschale Heimischkeiten für die geschmähten Exotismen hervorzubringen. Die Historismusdienstbarkeit aber stieße am vollendeten Säkularismus dieser einzig großen modernen Form gnostisch-mystischen Denkens - skandalon sowohl für diejenige herrschende Philosophie, die den Verschluß des Makrounbewußten mitbefestigt,als auch für die Psychoanalyse als Wissenschaft, einen szientifischen teenager noch, aber auf dem rechten Wege zur szientifischen Erwachsenheit - an eine Grenze, die wohl nur durch nicht weniger historiegetreue Versetzungsnachvollzüge derselben Funktion überschreitbar würde: der Gnostiker, der zum Hofnarren wurde und schließlich zum närrischen Intellektuellen, höfisch disziplinierte Schwarmgeister allesamt; Lacan - die genealogische, genealogisch eingesperrte Virtuosität des Narrenspiegels. Aber auch im Durchgang durch diese Säkularisierungsfiliation desselben bleibt die gängige Entrüstung, jedenfalls im Narrenspiegel gespiegelt, kindisch. Sollte man nicht eher ein wenig aufatmen, als die eh dazu gehörenden Fußtritte im Geiste auszuteilen, wenn immer sich die Närrischkeit nicht ins Nichts verzieht, sich vielmehr auszubreiten beginnt? Denn, immerhin, schon bei Shakespeare ward König Lear vollends verrückt, als der Narr verschwand und erfror. Gleichwohl keine Bange insgesamt: ist und bleibt der Narr doch ein Höfling, und letztlich zeichnet er nur nach (und letztlich gar affirmativ)?
Unter den sicherlich zahlreichen Möglichkeiten, die Lacanschen Dissidenzgründe zu benennen, sei die eben veranschlagte - Lacan mit dem Narrenspiegel, der Erfinder des Spiegelstadiums - favorisiert. Die Einführung des Sehens in die Psychoanalyse macht wohl den Inbegriff der Abweichung. Die genaue Explikation dieser Ahnung aber setzte die Theorie der diversen Sinne voraus, die Lacan zwar anregte, (und zu der er auch schon etliche Gedanken generös ausstreute), die aber noch nicht existiert; Bruchstück also auch die folgenden Überlegungen.
Offensichtlich zwingt das psychiatrisch traumatisierte Sehen a fortiori zum Vollzug seiner Selbstherstellung dergestalt, daß die Enttautologisierung (das Hintergründig-, Symbolisch-, Gespenstigwerden) der umgebenden Menschwirklichkeit sich in die Innensicht, die Memorialitätsauflassung des Phantasmas der Produktion dieser Wirklichkeit selber hinein auflöst; wobei die aus der Außenwelt abgezogene Gespensterhand freilich nicht weniger nach diesem Innenvermögen
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greift, das ebenso auf seine permanente Selbstherstellung angewiesen sein muß. Aus dieser Memorialitätsherstellung - dem ganzen Hominitätsaberwitz der sogenannten Selbstreflexion mit ihrer selbstarchäologischen Matrix Spiegelstadium - resultiert sodann, versucht man diesen Mysterienweg mitzugehen, der genealogisch entscheidende Kategorienzusammenhang, die notorische Ontologietotalisierung des Imaginären, Symbolischen, Realen, dessen rasende innere Dialektik am besten wohl in unserer schuld-, opfer-, gewaltlogischen Lektüre aufgehoben wäre: dies hier nur, traditionell philosophisch namhaft gemacht, angetippt: Selbstreflexion als die Unmöglichkeit der Selbstreflexion - das Imaginäre - als der produktive Veräußerungszuschluß dieses Widerspruchs - das Symbolische - als die Selbststatuierung gegen den Selbstverlust des reinen Selbstreflexionsgelingens - das Reale. Eines jedenfalls wird man in dieser Visualitätsversion der Psychoanalyse deutlich schon gewahren können: daß die Todesstigmatisierung allenthalben ebensowenig bloße Zutat sein kann, wie große Philosophie nur von außen kontingenterweise einströmt. Anscheinend läuft das Gesicht dem Gehör, das Visuelle dem Phonetisch/Auditiven in Hinsicht des Zwangs zu Ontologietotalisierung, Todestriebumschrift, Genealogie bei weitem den Rang ab; dies freilich insbesondere gegen die bloße Scheinhaftigkeit einer Sprachheterogeneität, die sich allzu leicht zum Refugium einer ontologischen Antitotale aufwirft, ohne darin die innere Korruption zum bloßen Sprachimperativismus, dem phonetisch/auditiven Reflexions-Unäquivalent, sowie die Sinnesmetabasis, den protovisuellen Skripturalitätsbruch in der vollbrachten Reflexionsentsprechung: Sprache als Schrift und eben nicht als Sprache gespiegelt, sowie die homogen verbleibende visuelle Reflexionsform selber, die nicht zuletzt doch ontologieproduktive, noch zu bemerken. Prekärer Trug der Sprachhypostasierung, die zu allererst an traditioneller Psychoanalyse moniert werden müßte und die weitaus präzisere Fassung des Subjektivismusvorwurfs enthält. Muß nicht solche splendid Isolation der Sprachlichkeit deren Unreflexionsart Sprachimperativismus - Gott, der sprechend die Welt schafft - hypertroph machen? Ein Wunder fast schon, daß in solch rasendem Usurpationswesen Analytiker und Analysand nicht sehr bald nur noch Stimmen hören?
Damit aber kommen wir an eine Zuträglichkeitsgrenze der Lacanschen Psychooanalyse-Philosophie. Wie soll sich denn die subversive Einführung des Sehens in die Psychoanalyse mit dem notorischen
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Subversionsdictum, daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert sei, vertragen können? Hier müßte unbedingt der Text doch lauten: nein, nicht nur wie eine Sprache, wenigstens wie Schrift und mehr noch wie Maschinen. Woher auf einmal die perhorreszierte Konsequenz? Wenn sich nun auch belegen ließe, daß die Inkonsequenz nicht gar so groß ausfalle, so leitet allem Anschein nach so etwas wie ein Sehschock in der Einführung des Gesichts doch wohl ein sprachliches Regressionswesen ein, das - wiederum bestens kompatibel mit dem Hofnarren - obsoleterweise am geflohenen Tod vorbei voll des ängstlichen Hochmuts - mit Verlaub - quatscht. Der Seriösitätsschatten aber dieser virtuosen, in ihrer Virtuosität gewiß auch waghalsigen Regressionsrhetorik mag sich dann vielleicht zu dem organisieren, was zumal der Anti-Ödipus ganz im Ausgang von Lacan an diesem vehement aussetzt: eine Art von protestantisch ultimativer Restauration aller Vorurteile traditioneller Psychoanalyse, innerlich festzementiert und zugleich ihres Lebens nicht mehr sicher; denn zuvor hatten sie sich anderswo schon befunden - im Gesicht - und begonnen, sich aufzulösen. Gewiß, so funktioniert der zum ersten Mal von innen her aufgenommene Todestrieb ubiquitär: "Lust, die im Phantasma zu sich findet." Doch solche mortal-ataraktische Selbsteinholung von Sexualität muß ebenda festgehalten werden, wo die maschinelle Objektivitätsekstase ihren Ursprung nimmt (psychogenetisch im Spiegelstadium), so wie Baudrillard zunächst noch schreckhaft - der Wunsch selbst ist womöglich pervers: "semiologische Reduktion" - und dann mutig avancierter? - "simulacrum!" - und nicht zuletzt der Anti-Ödipus, hierüber keinen Zweifel mehr zulassend, es versuchte: die "Maschine ist im Wunsch".9)
Eigene Erfahrungen mit der Fortschreibungsdynamik professionell assimilierter traditioneller Psychoanalyse führte, post festum allererst derart übersehbar, zu der schwierigen Aufspaltung, einerseits in klinischer Hinsicht orthodoxe Wege gehen zu sollen, ganz nach der Maßgabe der Verwaltungsinstitutionen des Fachs, in denen diejenigen, die das Sagen haben, sich als die Inkarnation des Ich offerieren (o ewige Kindheit), dessen Autonomie zu behaupten sie irgendwann besinnungslos, doch zum eigenen Vorteil gut gelernt haben; andererseits im Bereiche der angewandten Psychoanalyse mehr oder weniger luxuriös, doch nicht uneffektiv so experimentieren zu können, daß prompt sich die Miniatur einer lokalen Parallele zur französischen
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Evolution des Fachs langfristig ergab. Je mehr nämlich sich Kenntnisse, Fertigkeiten, Verfahrenssekuritäten in unserer gruppengebundenen Praxis angewandter Psychoanalyse haben ausprägen können, umso deutlicher profilierte sich der überraschende Umstand, daß solcher Psychoanalysegebrauch nach guter alter Sitte ihrer außerklinischen Anwendung auf Kulturproduktionen zu einer erheblichen Metamorphose des Faches führte, ja Psychoanalyse fortschreitend in ihr Gegenteil hineintrieb. Nicht die Gruppenbindung der Interpretationsprozedur aber bringt solche Umwandlung hervor; es sind andere, zunächst arglos praktizierte Maßnahmen, die die betreffenden Verschuldensanteile tragen, Eingriffe, wie schon ausgeführt, in die Thematik - vom heterosexuellen Verhalten bis zu den Kernkraftwerken mit viel Märchen und Mythen und Kunst dazwischen - und in den modus procedendi insgesamt. Kurzum, nicht zuletzt die rücksichtslose Fortschreibung der Objektivitätsekstatik angewandter Psychoanalyse führte zum genetivus absolutus der Auflassung des Unbewußten, des Denkens des Primärprozesses selber, dem reproduktiven Delir der Heimholung des Geschaffenen in seinen Entstehungsgrund, um es als Nachgeschaffenes wieder freizugeben, Nach-Geburt. Und auf deren katastrophischem Höhepunkt löste sich - so erfuhren wir es immer wieder - die Zunge: Heilig-Geist-Polyglotte, Pfingsthauch, säkular freilich und trotz der Begeisterung, unverzagt reproduktiv in Produktionsnäherung Formen der Kongenialität des Nachgebärens objektiver Sinnvorgaben durchzusetzen, beileibe nicht ohne Probleme. So schmerzte in erster Linie - ein Vorgeschmack auf tiefe Fragwürdigkeiten des Anti-Ödipus? - die Wahllosigkeit, Arbitrarität extensiv-thematisch wie intensiv-mensural. Die Weckung ungeahnter Schaffensbedürfnisse in dem von uns kultivierten Verfahrenskontext stößt sich oft besonders hart an den Grenzen von Arbeitsteilung, der eigenen Produktionskontingenz, die in sich freilich effektiver ausgeschöpft werden mag; und so muß sich auch der genealogische Vollzug selbst als intellektuelle Spezialität bescheiden neu verstehen lernen? Problematischer aber noch erweist sich nach innen hin der zunächst wohl unvermeidliche Indifferenzbefall: Synchronie-Diachronie, gleichviel, so muß es scheinen; und wo genau verläuft die Grenze zwischen Produktion und Anti-Produktion? Unmäßige Theodizee?
Die Scheu, die psychoanalytische Klinik diesem Evolutionszug substantiell anzupassen, scheint proportional der Einsozialisiertheit
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der Verfahrensorthodoxie. Kein Wunder also, daß sie sich überaus hemmend auswirkt; - in den Ausbildungen, die jeder Beschreibung immer dann spotten, wenn man zu wissen reklamiert, was man psychoanalytisch eigentlich tut, fließen ja fast alle Kräfte in die Habitualisierung der Verfahrenstradition, dies oft auf der Alibigrundlage des Halbgerüchts, daß es hier - mit dem strengen Blick auf die Kranken, die zur Behandlung kommen - allererst ernst und verbindlich werde. Und derart verflüchtigt sich die Überfälligkeit, am Entstehungsort der Psychoanalyse den "Umbau" auch des Verfahrens "auf hoher See", wie sich Lorenzer einmal ausdrückte, einzuleiten; dies endlich zu tun, anstatt in den Spuren angewandter Psychoanalyse die Witterung subversiver Potenzen aufzunehmen oder die Historie der Metapsychologie als Progreß der Zerstörung der Psychoanalysesubstanz zu kritisieren.
Als Leitfaden dieser blockierten Umorganisation eigneten sich aber durchaus schon die Erfahrungen unserer Interpretationsgruppe in angewandter Psychoanalyse. Wahrscheinlich laufen diese auf Implikationen und Effekte des apostrophierten Kleinschen Deutungsungestüms mit hinaus: aufs Homöopathiewesen der unerbittlich restlosen Phantasmasierung, die auf die Re-symbolisierung, Re-projektion des (Re-)introjizierten, wie wir dies einmal nannten, auf das Bedürfnis der Rückgabe des Selbstbefalls durchs Phantasma ans Werk, heftig drückt; so daß, wenn es gelingt, sich nach der Befallsdurchschütteluung das Selbst wie das Opus wiederum fest in sich fügen und doch anamnestisch voll transparent bleiben aufs entblößteste Phantasma (wie beim Geist in der Flasche) hin. Radikale Phantasmasierung, die besonders auffällig à la longue auch dazu führte, die vermittelnden Übertragungsbrücken zwischen dem Objektivitätsvorwurf und seinen Sonderrezipienten, die bodenständige Funktion des Psychoanalytikers also, jetzt nur noch Protagonist, Gnostiker der Phantasmasierungsmotivation selber, abzubrechen (außerdem zunächst nichts anderes, als den Euphemismus des splits in Arbeitsbündnis und Ubertragung im eigentlichen Sinne seiner Albernheit zu entkleiden, um die dann erst recht erstarkende Übertragung sogleich als das zu identifizieren, was sie zu sein nicht umhin kann: perennierende letztlich unproduktive Selbstinflation, die man doch, so sollte man meinen, zu verhindern vorhatte). Der neue Umgang mit Symptomen im Krankheitsfall muß nun klinisch nicht wesentlich anders ausfallen, und das wäre
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innovativ ausschlaggebend. A fortiori nämlich bedarf die Halbproduktivität des Symptoms oder besser: dessen Produktivität am falschen - selbstinvolutiven - Ort der Giftgabe der Phantasmasierung, dies wie immer in der Hoffnung, daß es allein diesem Druck nicht mehr standhalte und daß sich die inneren Produktionsverhältnisse so neu zu organisieren vermöchten, freilich im Nicht-Übertragungsschutze der hexischen Gnostik des Psychoanalytikers als Antipsychoanalytikers. Erschöpfte sich Therapie aber nun darin, so müßte es zu einer irreparablen Vergiftung kommen; und dagegen wäre der allererst entscheidende Schritt der, sogleich die voll entbundenen Objektivitätskorrespondenzen zur selbstinvolutiven Krankheit dieser als Reproduktions-/Produktionsvorlage vorzuspiegeln: kriterialer Einbau der Objektivitätsekstase ins Verfahren also selber. Und wenn diese Spiegelung, auf die sich das künftige therapeutische Ingenium dringlichst spezialisieren müßte, gelänge, so würde die Außenentsprechung zum Symptom zum analogon des opus in unserer angewandten Psychoanalyse in Gruppen, und das gesuchte antipsychoanalytische Therapieverfahren verliefe nicht anders als diese. Sollten sich diese klinischen Vorüberlegungen ein wenig nur bewahrheiten, so stellte sich, freilich gänzlich unerwartet, der Treppenwitz ein, daß just die Mißachtung des Todestriebs der Psychoanalyse die Verhaltensmodifikation als harte Konkurrenz bescherte; und diese wäre nichts anderes als die schmählich bewußtlose Gestalt der gesuchten Antipsychoanalyse, bis ins Detail ihrer vorläufigen Grenzen und Spezialisierungen hinein als solche schon erweislich.
Hätte der Kraftakt, den ganzen bandagierten Körper in den Türspalt zum Unbewußten hineinzuzwängen, Erfolg? Fürs erste wohl schon - in mente. Denn jetzt ist die Psychoanalyse kein durch Anstandsspezialisierung fortschreitend verschwindender Teil des Heil- und Versicherungsswesens mehr. Immer wenn sie zur verfänglichen Entstehungsstätte Pathologie zurückkehrt, achtet sie sorgfältig darauf, die selbstdestruktive therapeutische Mittelsubsumtion mit dem Kinderkram-Unbewußten nicht mehr aufkommen zu lassen; der drohende Facharzt für Psychoanalyse hat sich zum Intellektuellen gemausert.
Ferner begibt sie sich als angewandte ihres alten schlechten Gewissens, interpretiert jetzt hauptsächlich Lokomotiven und dergleichen statt zum abertausendsten Male und am besten nicht allzu moderne Dichtung. Legt sie den herkömmlichen Kongenialismus zu den Sprachopera,
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diese überflüssige Doppelungs-Ästhetisierung/Intellektualisierung in der sujet-Selektion ab, so können es Realität und Ich, alle Ausgeburten des Makrounbewußten, unterlassen, sich tautologisch abzudichten. Und selbstverständlich tritt alle neukantianische Wertefrömmigkeit mit ihrer Dienstbarkeitsallüre, doch nur zum Zweck, nicht zuletzt die Konsumtion zu disziplinieren, erdacht, ganz außer Kraft.
In diesem Zuge fällt nicht weniger die Wissenschaftsmaske des Fachs, supermagischer Inbegriff ihrer Selbstverkennung, mitsamt den letztlich szientistisch gefangen bleibenden Hermeneutik-Veredelungen. Die Absolution des Wahnsinnsbanns, der sich zwischen Logik - als Inbegriff der Disziplin des Makrounbewußten - und Genealogie, wenn beide aneinandergeraten, hin und her zu schieben beginnt, ist vollbracht.
Schließlich verkommt die einzigartige, von Vermittlungsakrobatiken befreiende Oblektivitätsbrücke, der Todestrieb, nicht weiter noch zu einem erratischen Block in der metapsychologischen Landschaft, den man am besten ganz wegschaffen sollte, sofern sich alle theoretischen Mißhelligkeiten an ihm verstärkt nur reproduzieren. Nein, die davon freigehauene Todestriebhypothese wird zum sichersten Leitfaden der gnostisch-genealogischen Fachmetamorphose - Jakobinerfeinde geht in Deckung! -, der zweiten psychoanalytischen Revolution, die keine noch so orthodox inflationierte Halb-Heterodoxie, kein Sprachlichkeitsregression initiierendes Erschrecken vor der Sichtausbreitung des schaffenden Todes, keine noch so zählebige klinische Verfahrenshabitualisierung aufhält.
Damit rücken wir dem Anti-Ödipus plangemäß sehr nahe. An einer großflächigen Stelle ward er porös für die skizzierte Geschichtswelle, mit der wir uns nunmehr in ihn hineintragen lassen könnten. Ça va - kein verstecktes Arkanum, um das wir herumschleichen müßten, so wenig wie seine Autoren - auf einem Schnappschuß wie Oma (Guattari) und Enkel (Deleuze), recht eigentlich geschlechts- und generationenvertauscht - den Eintritt geharnischt verwehren. Man täusche sich nicht: sehr gebildet von beiden disponiert, wird die Kenntnis nicht nur des dargestellten Traditionszugs, der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, im Innern des opus oft wie selbstverständlich und gänzlich unbekümmert um die Gebildetheitskontingenzen des armen Lesers vorausgesetzt, und oft auch treten Kritikmotive
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nur in äußerster militanter Verdichtung auf; so beispielsweise erscheint der Kontrapunkt der Objektivitätsekstase wie unvorbereitet sogleich als die apriorische Besetzung des gesamten gesellschaftlichen Feldes vom Unbewußten usf. Wenngleich diese Eigenart überhaupt nicht daran hindern muß, die in den Anti-Ödipus eingearbeiteten Folgerungen aus der leidigen Geschichte der Psychoanalyse - wie etwa die Kritik Kleins und Lacans - präzise zu identifizieren und systematisch zusammenzustellen; was aber unsere Pflicht im Kontext hier der Spurenlegung zum Anti-Ödipus hin nicht mehr ist. Das Ödipus-Kürzel aber repräsentiert weniger eine komplizierte und schwierig entwirrbare Verknappung, denn eine wiederaufgehende Verdichtung, in der das ganze Sündenregister der traditionellen Psychoanalyse sich versammelt. So ist es nachweislich in der Tat: grenzt man den Ödipuskomplex als natürliche Evolutionskonstante auf die Ödipusphase ein, so resultiert der ganze psychoanalytische Unsinn, dessen man sich schwerlich anders als durch die polemische Härte des Anti-Ödipus, sodann des größten Gefallens, der jüngst der Psychoanalyse getan wurde, erwehren kann. Man muß sich tatsächlich nur in die Gestalten der ordentlichen Untergegangenheit des Ödipuskomplexes hineinverlieren, um heilsam intensiv dem Tod und extensiv der Objektivität bar der mißglückenden Vermittlungsakrobatik zu begegnen. 10)
Anstalts-Hagiographie
Absolviert man die angewandte Psychoanalyse - für uns bisher der ergiebigste Startpunkt der Subversion - von ihrem schlechten Gewissen der Verwirrung ordentlicher klinischer Übertragungs- und Gegenübertragungsverhältnisse; läßt man sie los in die traditionell psychoanalytische Exterritorialität von Naturwissenschaft und Technik, der Dinglichkeits-Hauptspezies des Makrounbewußten; erlaubt man es sich unterwegs zudem, parallel dazu von Lacan und dem restituierten Todestrieb schließlich mit seiner Maschinenexzentrik gnostisch-genealogisch-philosophisch rekonvertiert zu werden; geht man kurzum psychoanalytisch und schon nicht mehr psychoanalytisch derart vor wie berichtet, so wird nicht zuletzt die Konsequenz unvermeidbar, in der apostrophierten Hierarchie der Pathologieformen - Neurose/Perversion/Psychose - die extremeren und extremsten aufzusuchen und so unaufhaltsam weiter an den Rand der Gesellschaft zu geraten. Es kann auf dieser Linie nicht mehr überraschen,
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daß die progrediente Anti-Psychoanalyse-Version orthodoxer Psychoanalyse in deren Psychiatrisierung in der Form einer intellektuellen Hyper-Antipsychiatrie einmündet, die alle Partizipation an den gewöhnlichen Segnungen ordentlicher unbewußter Maschinenentbindungen zugunsten vehementer memorialer Sichtauflassungen, kulminativer genealogischer Entblößtheitszustände eben in den härtesten Pathologieformen von Maschinengeburtsinhibition, den Psychosen, strikte verweigert. Ebendort am Rande nämlich imponiert die vorab paradoxe Proportion: je fortgeschrittener pathologieimmanent - nach allen Regeln der quasi genealogischen Pathologie - Proto-Kunst - der Produktionsgrund entborgen, das Gedächtnis aufgelassen, das Unbewußte geöffnet, die Krankheit in sich entkaserniert erscheint, umso fortschrittlicher fällt auch die Gewalt der gesellschaftlichen Kasernierung, Schließung, Blickentziehung gegen den Geheimnisverrat in extremer Pathologie aus. Es knirscht im Zug und Gegenzug dieser Paradoxie: in sich wirds immer heller im Krankheitsaufstieg von der Neurose über die Perversion zur Psychose, doch ringsum dagegen immer dunkler, die Mauern immer dicker und undurchdringlicher - im Abstieg von der guten Stube des drohenden Facharzts für Psychoanalyse über die Gefängnisse bis zu den Anstalten. Und nochmals dieselbe Paradoxie, doch schon entschieden besser gemeistert, psychosomatisch, in den ordentlichen Krankenhäusern; hier nämlich sorgt der Austragsort menschlicher Körper, die organologische Unbewußtheitsvorgabe, unaufwendig für die Verhüllung selbst schon vor, und das "psycho..." darf ganz gestrichen werden.
Das ist nun wahrlich keine vergnügliche Endstation, die unserer Subversionsreise winkt. Was an diesem allein noch totalisierungsbefähigten Extrempunkt tun, von dem ja dann auch der Anti-Ödipus permanent handelt? Versperrt die Rückkehr, das nächste Refugium, erneut die üblichen Demarkationslinien zwischen Psychiatrie und Psychotherapie wider alles bessere Wissen nachzuzeichnen. Mitnichten geöffnet der Weg nach vorwärts, den selbst doch fast nur Pathologisierung (oder noch Schlimmeres) erwartet? Die reuige Heimkehr potenzierte nur das ultimative Versagen der psychoanalytischen Psychosentheorie, nicht zuletzt die beste Schützenhilfe dafür, zur medizinischen Therapie gegenläufige Psychose-Vindikationen mit dem Hinweis auf den Bruch zwischen deren antipsychiatrischer Funktionalisierung (und sei diese nur minimal genealogisch-intellektuell),
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und dem, was diese an sich selbst sei (oder wenigstens sein könnte, wenn es sich endlich erweisen ließe), nämlich eine ordinäre organische Krankheit eben nur mit besonderen irreleitenden Symptomen, affektiv abzuweisen. Dagegen hilft kein antipsychiatrisch noch so engagiertes Deklamationswesen, vielmehr nur die zunächst theoretische Penetranz der Korrektur der Psychosentheorie durch die Auflösung der traditionell psychoanalytischen Subjektivitätssperren ebendort, wo unser genealogischer Aufbruch bereits hingeführt hat: an den äußersten Punkt der Objektivitätsekstase; dem Ort der Solidarität mit dem genealogischen Leidensgenie des Wahnkranken - in der Tat zuvörderst des Schizophrenen -, der passionierten Apologie all der krausen Dinge, die dem gewaltsam geöffnet gehaltenen Türspalt des Unbewußten entquellen, der intimen Untreue gegen die alte psychiatrische Türschließerschaft (buchstäblich wie metaphorisch), die nackte medizinische Therapie (gegen die wir freilich "nichts haben"): Effekt schon des geringsten intellektuellen touch, des deplazierten, in diesen Regionen.
Also zunächst Theorie! Was bedeutet in der unabkömmlichen Todestriebperspektive genealogisch - antipsychoanalytisch, antipsychiatrisch - der Stein des Anstoßes Psychose? Wie kann es geschehen, daß sie - Kopfstand der wahren Verhältnisse - zum eschatologischen Paradigma avanciert? Inwiefern ist diese ihre Vindikation nicht selbst nur unverantwortliche, bestenfalls kranke Besessenheit?
Das Faszinosum der Psychose liegt in der Radikalität des Selbstbefa11s von der Blockade des schaffenden Todes, der Todesverfallenheit als Restform exponiertesten Lebens: substantiell-seinsmäßig (versus präsentative und repräsentative) Erfaßtheit vom Ontologie-Hominitätsmysterium und damit immer verknüpfte Schamlosigkeitsklimax von dessen Entblößung. Intellektuell kulminiert diese Faszination immer dann, wenn die Memorialitätsfunktionen insgesamt - intellektuell der Inbegriff von Mensch - befallen sind, in der Schizophrenie also, der dann auch unvermeidlich auserwählten Anti-Ödipus-Psychose. Der schizophrene Prozeß ist nicht schon Sterben, Tod, Letztusurpation des Ursprungs und Letztstrafe dafür, davor vielmehr memorialitätsbezogene usurpatorische Blockade dar Opferausausfällung der Götter/Maschinen, Inhibition der frommen Teilhabe an den Göttern/des Maschinengebrauchs und der Vergewisserung dieses fruchtbaren Opferbezugs: Maschinen/Göttereinbehaltug also.
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Diese Einbehaltung aber geht insofern am Tod, Letzttod noch vorbei, als die einbehaltenen Maschinen anspringen/die Götter im Inneren sich göttergemäß zu regen beginnen, so daß der Mensch, scheinbar jetzt göttergleich, der Produktionsveräußerung unbedürftig, an sich selber Produktion und zugleich deren Aufzehrung und zugleich Ewigkeitsaufzeichnung dieser Fusion zu sein behauptet. Kurzschluß der Menschkreatur mit den Göttern, Himmelsvorgriff, irdische Totalentsühnung, Unsterblichkeit, Taumel und Totenstarre in toto. Die Unvorbehaltlichkeit der Götter vor aller Zeit - vor dem Letzttode als Letztstrafe und peremptorische Schuldtilgung - ist und bleibt aber die Urprätention der Opferverweigerung, und also lassen die angemaßten Götter die Voreiligkeit des Usurpators im Strafdelir tausend Tode sterben: Götterleben auf Erden als exzeptioneller Schuldabgrund des Todes in vielen Raten. Der Faszination wahrlich genug?
So aber ging die Exposition der Psychose, speziell der Schizophrenie, genealogisch durchaus in der Tradition fruchtbarer Verbindungen zwischen Philosophie und Psychiatrie derart vonstatten, daß deren eschatologische Beispielhaftigkeit explizit mitgesagt erscheint: Antezipation der Einheit von Göttern und Menschen. Fehlt jetzt nur noch der Nachweis des Alternativeausfalls, betreffend diese Paradigmatizität der Anstalt als Restrückhalt des memento mori, sprich: hominum et deorum, gewalttätigst marginalisierte residuale Auflassung des ontologischen Allerheiligsten, ultimative Anmahnungschance der Totale von Hominität. Welches Phänomen - ja, einherwandelndes Phänomen, nicht bloß Gedanke - könnte die totalisierende Genealogiepotenz der also vindizierten Schizophrenie, Ontologieverdichtung schlechthin, überbieten? Schizophrenie als Sichtauflassung der Strukturtotale von Ontologie im Herzen der Memorialität und im Status selbstexistierter Indifferenz des absoluten Unterschieds der Eros/Thanatos-Gleichgültigkeit und zugleich der Indifferenz schlechthinniger Schuld und Unschuld - was will man denn genealogisch (und mehr als genealogisch) noch mehr als dies totalisierte gar kopfige Sein der Menschtotale selber? Über ein abstraktes memento gegen die ubiquitäre Spiegelschwärzung hinausgehende Motivation der Einlassung in die allein produktive Kontrafaktur des akzeptierten Opferwesen in der Voraussicht, daran zu wirken und teilzuhaben in frommer Selbstdiachronisierung mit der kleinen Sekurität, nicht selbst in den Abgrund zu stürzen, was die Schizophrenie destruktiv insgesamt vorwegnimmt, usurpiert: den neuen Himmel und
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die neue Erde? Gewiß - so das intellektuelle antipsychiatrische Pathos, die fällige Remythisierung der Anstalt, die sich ja immer noch schwer damit tut, sich gebührend perfekt zu verwissenschaftlichen. Es kann nicht nicht die Schizophrenie sein, die das seiende Residuum geöffneter Memorialität zeitgemäß ausmacht. Doch das Pathos dieser antipsychiatrischen - theoretisch genealogischen bis politisch revolutionären - Vindikation sollte, selbst ungeschlachter Sympathien damit unbeschadet, nicht darüber hinwegtäuschen, daß dies Ganze an Beanspruchung und Beanspruchtem schlechterdings nicht mehr zu sein vermag als historisches Ontologieartefakt. Fragten wir nach den Gründen des aktuellen Psychoseavancements zum eschatologischen Paradigma, so war dies nicht zuletzt die Frage nach der Binnengenese dieses Vorgangs zum Zweck, das eigne Intellektualitätspathos nicht wiederum durch Pathos auszuweisen. Wie also ist es bis dahin gekommen?
Basisphänomen dieser genealogischen Totalisierung, dessen weitgehend noch unbekannte Historie wir hier freilich nicht nachzeichnen können, wäre so etwas wie die christlich-bürgerlich-kapitalistisch-psychiatrische Inkarnationshypertrophie: Reinkarnation des nicht wiedergekehrten Christus in der Heiliggeist-Krankheit Psychose, zumal der Schizophrenie, wohlweislich marginalisierte und kasernierte Gottmenschlichkeit, mit dem Tode bestraft und entsprechend mit Immortalität prämiert ganz auf Erden, die fortgeschrittenste Praxis des ontologischen Opferverhältnisses. Also gilt die fundamentale Ausbeutungsliaison zumal spätkapitalistischer Produktivität mit dem Psychiatriewesen: Schizophrenie als das eigentliche Ausbeutungssujet der neueren Geschichte. Und in der Anstaltsoffenbarkeit dieser Verhältnisse, im gefangengesetzten, den Blicken entzogenen, disponierten säkularen Allerheiligsten, geschieht permanent die Modellprobe aufs Exempel: die Handgreiflichkeit des Produktionsphantasmas hier, der mitten unter uns weilende Ursprung harrt als exemplarische Hypothek der restlosen Abtragung, gibt sich der Aufzehrung im Unbewußtheitskontrarium spezieller Ontologieproduktion anheim: biochemisch abgestellte Sakralität; Modellvorgang, insofern diese übliche Liquidationsart den Wahnsinnsklassizismus der Kongruenz von therapeutischer Form und Krankheitsinhalt besorgt: Produktionsabwurf, der den eignen inkarnierten Ursprung zu bemächtigen wähnt. Und solcher wissenschaftlich vollbrachte Modellidealismus kann nicht nicht zur Konsequenz haben, daß sich ganz unmetaphorisch im Ausgang
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von den Anstalten prallvolle Finsternis ausbreitet, sprich: die Indifferenz von Produktion und Antiproduktion, diese nicht in der Art von motivierender privatio, vielmehr selbst als destruktiver Produktionsmodus dinggewordenen Idealismus' allenthalben.
Es ist bloß paradox, von inkarnationshypertrophen Schizophreniebeanspruchungen einerseits und der tollgewordenen Klassizität der erfolgreichen Liquidation eben desselben im selben Kontext andererseits zu sprechen; das eine nämlich kann ohne das andere nicht sein: kein Anreiz zur Fortsetzung, die Welt materiell mit immer mehr Geist zu überziehen, ohne den Vorgang solcher sich radikalisierenden homogenen Vindikationen, deren avancierte Maschinenkongenialität dann nur gewährleistet sein kann, wenn sie den selbst seiend-seienden (versus präsentativen, repräsentativen/versus nicht am Rande der Gesellschaft zusammengepferchten) hypostasierten Krisispunkt, eben die Anstalten als manifeste Spitze des Schizo-Eisbergs im Gesellschafts-Eiswasser, zur Ontologiemachtprobe, auf Dauer gestellt, heimsuchen. Mißverständnisse mag es auch hervorrufen, fraglos hier von Artefakten und Vindikationen zu sprechen, so als seien Arbitraritäten vergönnt, ein so-und-auch-anders, anstatt der notorischen Freiheit solcher Gründungsakte, die vor lauter Freiheit keinen Sinn mehr ergeben, insofern sie ja so etwas wie Sinn allererst definieren; oder wenigstens die souveräne Chance, Psychose - Schizophrenie - von aller anscheinend aufgepfropften Funktionalisierung zu deren An-sich im Griff vor die Sündenfälle (bonne chance!) zu befreien; was in seltener Regelmäßigkeit das Konzept der organischen Krankheit wiederauferstehen läßt, so als sei dieses mehr denn die theoretische Zurichtung des thema probandum zu seiner realen Liquidation, die sich bestens damit zu rechtfertigen vermag, Leiden zu mildern oder gar aufzuheben. Nein, es gibt weder ein unberührbares Wesen der Schizophrenie im Jenseits der Sündenfall-Funktionalisierungen noch dasselbe als selbst darstellbare diffuse Hyle, die dann je nachdem teleologisiert worden wäre; und zumal stellt sich weder das eine noch das andere - das übliche begriffsrealistische absurde Pseudoszientifitätstheater - endlich als ordentliche organische Krankheit heraus. Nein - wenn dies nach dem Anti-Ödipus nicht zu den empirisch undingfestesten Fundamentaltatsachen rechnet, so wars umsonst -, die Schizophrenie, klinisch, stellt vor den seiend-seienden ontologieimmanenten Provokationsgrund von Ontologie, indem sie mit dessen
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Effektivität die unmeßbare Finsternis verbreitende Beseitigungsliaison modellhaft am Orte selbst und von hier ausgehend überhaupt eingeht.
Inwiefern aber können solche Klarstellungen mehr reproduzieren als die - zugegeben präzisierte - ordinäre Ontologieproduktion, die nimmer desavouierte, selber, zu der doch die Psychopharmaka a fortiori mitzählen müssen? Welch seltsam widersprüchliche Grenzziehung auf einmal? So scheints. Doch wenn es sich herausstellte, daß solche kriterialen Heilmittel Paradigmen des nicht nur wohlfeil vorgestellten, des vollbrachten Idealismus vielmehr wären, einer unauffällig wahnhaften Ursprungsdispositionsphantasmagorie sich durch sich selbst ungebrochen identisch behauptender Subjektivität mit der unaufhaltsamen Götterdämmerungskonsequenz der apostrophierten Gleichgültigkeit von Produktion und Antiproduktion, aus der die Abfangungsform produktionsabgesperrte Krankheit sich als fromme Legende schamhaft entfernt? Wo sind denn, zurückgefragt, die Kriterien dafür, daß dem nicht so sei; daß sich derart nicht ständig Destruktionskontinuitäten bis zu den nuklearen Waffen hin schlicht und blind reproduzieren? Eines jedenfalls ist es, das memento mori des "Einschnitts" der Maschinengeneration bei vollem Bewußtsein als Hominitätsinbegriff zu reklamieren; ein anderes aber, dieses Todeseingedenken im üblichen idealistischen Dispositionsbewußtsein so lange aufzuschieben, bis sich die Antiproduktion des tötenden Todes selbst als mörderische Produktionsform unaufhebbar, wie man meinen muß, seiend gemacht hat. Was aber wissen wir denn schon, o Friedens- und Konfliktforschung, von solchen Mensuralitäten, von denen unser Überleben abhängen könnte?
Was antipsychiatrisch zu geschehen hätte, das läge demnach auf der Hand: unterbleiben müßte die eingeschliffene Schuldmassenprojektion in den hilflosen Moloch des Absorptionsentgegenkommens Schizophrenie, ineins mit dem bösen Spiel der therapeutischen Beseitigungsexkulpation dieser vorgängigen Schuldigkeit, die ontologische Haupt- und Staatsmachtprobe nicht von Produktion, vielmehr von "produktiver" Antiproduktion eben an diesem auserwählten Ort. Die Paradoxie muß gelten, daß allein noch die Exposition des Armen im Geiste, arm belassen, in seiner losgelassenen schwarmgeisterischen Miserabilität noch Licht zu bringen, aufzuklären, Genealogie anzustoßen verstünde; ja mehr noch, daß die Armut dieses blankgeputzten Spiegels der
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lichtlosen Indifferenz von Produktion/Antiproduktion im Makrounbewußten exzessivster Maschinenontologie diesen mörderischen Indifferenzbann, den Schattenwurf der aufgelassenen Realisierung an ihr selbst, aufzulösen hülfe. Allein noch im erzwungenen Schatten des Todesengels am Mittag von Geschichte erscheint das Menetekel des absoluten Herrn, in diesem Schatten selbst: hyperintellektuelle Antipsychiatrie - die Schattenschriftlektüre an diesem schattenlosen Mittag.
Solche Maßnahmen sind aber alle viel zu prekär (und mögen deshalb auch insbesondere dazu verleiten, die mangelhafte Sicherheit des Zugriffs durch intellektualistische Gesten zu kompensieren), als daß Bedenken gegen sie schon beruhigt schweigen könnten. Kritik dürfte vor allem zu gewärtigen sein an der antipsychiatrischen Prätention insgesamt und am daraus folgenden Skandal der Verweigerung üblicher Therapie. Beglaubigt diese psychiatrische Revolution denn nicht die geltend gemachte kapitalistische Inkarnationshypertrophie, ja mehr noch: treibt sie nicht deren Säkularismus rasend auf die Spitze, um die rein immanente Steigerung der unangetasteten ontologischen Grundkonstellationen mit einem großen transzendierenden Ausbruch aus dem Ontologieganzen läppisch und gefährlich zugleich zu verwechseln? Und, praxisbezogen, da ja Antipsychiatrie nicht als Philosophie nur im Kopfe blüht, überbietet sie nicht alle Psychiatrie im Schlimmen darin, daß sie die mißbräuchlichste und rücksichtsloseste Funktionalisierung der einschlägig Kranken betreibt, die leiden gelassen werden, damit die Offenbarkeit des ontologischen Produktionsgeheimnisses - für wen denn offengehalten und welchem grandiosen Telos unterstellt? - gewahrt bleibt? Und danach die sichere Sintflut, sicher absehbar für wen - den psychiatrischen Pseudorevolutionär nämlich nicht? Nun aber geht der antipsychiatrische Ehrgeiz nicht dahin, aus dem Ontologieganzen ausbrechen zu wollen; mitnichten, auch wenn er sich oft so gerieren mag. Es wäre das erste Mal, daß sich die Klammer eines historischen Apriori wie hier der apostrophierten Inkarnationshypertrophie anders gelockert hätte als durch die - in der Objektivität des produktiven ontologischen Evolutionsstands gesicherten - Hingabe an dieses Apriori selber; Ausweg nicht, sondern radikaler Inweg, der der paralysierenden Dunkelheitsentropie,der Geschichtsdinge Licht, Produktivität, Aneignung abtrotzen können mag; Antipsychiatrie als das Gegenteil des Fanals,
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die gattungsgeschichtliche Ontologiemitgift kurzerhand und überhaupt zu attackieren, ebenso das Gegenteil der Torheit, diese Attacke als alternative Heilung der Schizophrenie auszugeben.
Wie aber müßte die diesem antipsychiatrischen Selbstverständnis angemessene - unmißbräuchliche, rücksichtsvolle - klinische Operationalisierung aussehen? Mehrere Wege bieten sich zur Antwort an. Das antipsychoanalytische Verfahrenskonzept bedürfte der Sujetausweitung auf die Psychosen, insbesondere die Schizophrenie, wohin es ohnehin ja drängen muß, und so gewänne das Antipsychoanalyse-Projekt Anschluß an die Antipsychiatrie, indem es diese generalisierte und (neu-)begründete. Aber auch von dieser selbst aus - etwa einer kritischen Historie der diversen antipsychiatrischen Richtungen - wäre die reklamierte Verfahrenstheorie sinnvoll angehbar. Weitgehend Neuland aber beides für uns, so daß es zweckmäßig sein dürfte, die antipsychoanalytische Verfahrensmetamorphose und die Kritik der Tradition der Antipsychiatrie in ihrer Wechselbeziehung bloß zu streifen und die Dokumentation des erreichten allgemeineren Erkenntnisstands dazu zunächst in den Mittelpunkt zu stellen: scheinbar selbstzweckliche Resultate eines lange schon andauernden intellektuellen Moratoriums, genealogische/"realhermeneutische" Gedankenkollektion, im Vergleich zur ausgesetzten Verfahrenstheorie nicht weniger verbindlich, und nicht zuletzt zur ausholenden Vororientierung für die entsprechenden Gedankenfelder des Anti-Ödipus geeignet.
Je genauer wir den Weg auf dieser Gratwanderung mit ihren mannigfachen Abgründen auskundschaften, umso sicherer dürfte der spätere Praxisgang geraten. So sollte in aller Psychosenliebe bei Bewußtsein gehalten werden, daß einzig die Schizophrenie sich als Liebesfavorit auf Kosten der anderen Spezies behauptet; sie allein nämlich taugt zum Modell, der intellektuell-memorialen Götterusurpation als des Ausplauderns der göttlichen Geheimnisse inklusive der Bestrafung dafür. Diese Auserwähltheit bedeutet zwar nicht, daß man nicht bei jeder Krankheit über die ontologische Produktionsstruktur, wenngleich in wechselnden Schweregraden und immer anders, stolpern können müßte - worin ja nachgerade der ontologieinterne Krankheitssinn beschlossen liegt: in diesem Stolpern, das allerdings notorisch rasch diese Struktur versieht zugunsten bloßer Hindernisbeseitigung oder Wegausbesserung ohne tiefengeologische Erkundung am Schadensort -;
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doch die Befallstopoi und -ausmaße, die Differenzierungsgründe für Krankheit, machen eben mit die Differenzen der genealogischen Exempel"brauchbarkeit" aus. Ferner müßte das Monitum erlaubt sein, es zu vermeiden, die sorgfältige Analyse der Bedingungen dieses "Gebrauchs" - als der Resistenzbedingungen gegen die Psychoseninfektion - durch den verführerischen Sentimentalismus einer neurevolutionären Schizo-Heldenverehrung, Antipsychiatriekitsch, zu substituieren. Die Liebe fällt also nicht nur hochselektiv aus; sie begrenzt sich in sich auch anders quasi vertikal intensiv überhaupt, indem sie die Berührung mit den vom Olymp zur Unzeit gestürzten und auf Erden deshalb so überaus hilflosen Göttern, zumal den kopfig-schizophrenen, nicht zuletzt zum Anlaß nimmt, sich der gläsernen Ataraxie des memorialen Ichs bei sich selber - wie des Geistes in der Flasche - zu vergewissern, und mehr noch: vielleicht sich auf das schwierigere Unterfangen einzulassen, das innere Memorialitätsglas zugleich zu verdicken und transparent zu halten, um einen Zuwachs an Nähe zu der mißglückten Götterherabkunft riskieren zu können, gegen die ganze Götterdämmerung im Ausgang von den Anstalten, die Unkenntlichkeit der Schattenschrift.
Die schizophrenie-mimetisch an sicheren Transparenzen laborierende Gedächtnisauflassung rein selbst als solche reproduziert aber nur, und sei sie auf Dauer gestellt, Taumel und Totenstarre in entsprechend gesicherter Diskrimination beider in ihr selbst und ebenso beider außeninkarnierten Verschränkung als bestens distanziertes Exempel Schizophrenie: synchronisch indifferentes Uberhaupt, schlechte Gleichgültigkeit von Produktion und Antiproduktion, Lesbarkeit im allgemeinsten. Sollen aus diesem festgehaltenen Insichkreisen nicht wiederum kulminative Verfallsformen an den tötenden Tod - scheinbar harmlose neuidealistische Gedankenkraken, die alte "Ideologieproduktion" - resultieren, so bedarf dies Totalmotiv der "Enttotalisierung" zur bewegten Mensuralität des historischen Evolutionsstands von Ontologie, des Erfüllungsgrads des Fundamentaleinschnitts der "absoluten Differenz" - Maßstabarbeit also. Diese aber macht Selbstdiachronisierung in zweierlei Hinsicht aus: 1. Freigabe des "Einschnitts" (Selbsteinstellung in die absolute Differenz, Todesehrerbieten der Maschinenhinterlassung und Emanzipationsanschluß der Eros/cogito-Menschorganismusmasse an diese Hinterlassenschaft), die einzige Chance, Antiproduktion als Produktion, sei es
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so oder so: als Krankheit oder als Krieg, nichts denn Konsequenz der Selbstokkupation des Einschnitts (Anmaßung des schaffenden Todes, Ursprungsusurpation, in der Tat kulminierend dann Paranoia versus Schizophrenie im Sinne des Anti-Ödipus) aufzulösen.
Und 2. die innere und allererst Geschichte en gros freigebende Maß-Nahme des Erfüllungsgrads der Eros/cogito-Emanzipation im Maschinenanschluß durch die Einschnittfreigabe, Mensuralität des Jenseits und Diesseits der Götter. Was wissen wir denn schon, wiederum schuld-, opfer-, gewaltlogisch, von den zu verdächtigenden destruktiven Fusionsformen zwischen diesem Jenseitsverbleib der Göttermasse und der unwählbaren - über die Infantilität des Menschen fast beliebig zu vermittelnden - Willkür der Einschnittsblockade und überhaupt von den liaisons beider Selbstdiachronisierungsmodi, der überhaupt und der temporal im besonderen, genau? En detail aber entscheidet sich in der frommen Disposition dieser Mensuralität gewiß auch die Wirkung von Antipsychiatrie eben beim betroffenen Kranken. Man wird ihm, dem Schizophrenen zumal, nichts vormachen können: keine Gewähr dafür, daß es nicht restlos so im Welt- und Kosmosmaßstabe sei, wie er es sich selbst anzustecken nicht umhin kann, ohne solche Messensverfügung, die einzig antipsychiatrisch-psychoanalytisch erfolgversprechende (Nicht-)Übertragungsfolie, die nicht wie ein schwacher Windhauch vor dem legitimen Wahrheitsansturm der Psychose verweht und die alte Psychiatrie - Therapieklassizismus der die makrounbewußten Ontologiedinge antigenealogisch delirierenden Machtprobe, der Produktionsgrund selbst, inkarniert, als gänzlich abzutragende Hypothek - in ihre Rechte wiedereinsetzt.
Die der Schizophrenie adäquate memoriale Verschlußresistenz erfüllte sich in einem Typus der Ineinsbildung von Wissenschaft und deren Doppelkontrariums, des öfteren Realhermeneutik genannt, nämlich der Auflösung des Makrounbewußten in dessen Hervorbringung selber und, in einem damit des inneren erotischen Teleologieumschlags des Ontologieprodukts an ihm selbst: memorial in jeder Rücksicht transparentes Arbeitsopfer, das simultan die exakt korrespondierende Freiheitsprämie einstreicht; dunkle Helligkeit sowohl wie, auch anders fühlbar, lebendiger Tod; Einschnitt, der das absolut-Diskriminierte vertikal (von der Memorialität, Aufzeichnung, in Produktion und Konsumtion hinein) wie, davon quasi abgeleitet, horizontal (also zwischen Produktion und Konsumtion) über die belassenste absolute
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Differenz hinüber - Fortgangserzittern der Hominitätsdinge insgesamt, re-produktiv (wenn man so will im Ansatz intellektuell konsumatonisch, und dann aber) produktiv - aneinanderschließt. Die Memorialität selber begibt sich, restlos bewahrend, über den nicht verschütteten doppelten Todesabgrund hinweg dergestalt in ihre Doppelvernichtung, das Makrounbewußte: die Maschinen wie das Recht, hinein, daß diese, sich ebenso restlos bewahrend, sich aneinander zu vernichten befähigt sind; und dieser Memorialitätseinbruch aufrechterhält keinen Memoria-Rückstand derart mehr, daß, aufs Ganze dieser produktiven, sprich: diachronisierten Kurzschlußsimultaneität hin gesehen, der Unterschied Produktion-Reproduktion ebenso "dialektisch" schließlich fällt. Wenn immer Memorialität einbrechend sich selbst zu erhalten verstünde - und dies ist gewiß der Freudsche Traum von der "sehr wichtigen Philosophie" auf der Grundlage seiner Erfindung Psychoanalyse -, stigmatisierten sich die Doppeleinbruchsprodukte wechselseitig mit dem Anspruch des einen und des anderen, sich einander in vollster Sichtbarkeit auflösend und erhaltend; aufersteht also die verhangene Paradigmatizität der Schizophrenie oder, traditionell gesagt, macht es die alte Potenz der "Urteilskraft", den Schöpfungsaugenblick unendlich zu dilatieren, die negentropische Expansion des Gottes, die Menschdingwerdung seines Wortes zu besorgen. Utopisch aber bleiben diese Ineinsbildungen nur, insofern die Geschichte der Gattung diachronisch auseinandergezogen daran zu laborieren nicht umhin kann, was in der schizophrenen Auflassung, beseligt und vernichtet, gerettet und verdammt, synchronisch versammelt mitten unter uns weilt; und a fortiori utopisch, insofern diese Mühseligkeit der Gattungsgeschichte unablässig zudem Großmimesis an den destruktionsgenialen Gegenpol kulminativer Götterdämmerung en gros, die Vollstreckung des philosophischen Idealismus' Paranoia betreibt. Just währenddessen aber blüht die Theodizee nebenan hinter den Anstaltsmauern. Allein, was soll man mit dem Schizophrenen selbst, mit diesem selbst in seiner ganzen Paradigmatizität, derart antipsychiatrisch, genealogisch, schließlich realhermeneutisch mit Notwendigkeit vindiziert, um Himmels willen nur tun? 11)
Die Politisierung solcher Antipsychiatrie inflationiert diese mitnichten; deren intellektuelle Anti-Ödipus-Version erscheint vielmehr so angelegt, daß Politizität kein Supplement mehr sein kann. Da am Orte nun, abgesehen von einigen sich wieder verlierenden Sologängen,
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antipsychiatrische Erfahrungen nach der Maßgabe solcher Konzepte zu sammeln, bisher noch nicht vergönnt war, muß es vorerst genügen, rein konzeptuell politische Grenzziehungen vorzunehmen; so daß aus der Not mangelnder Empiriereflexionschancen die Tugend weiterer Vororientierung - der Aufgabenstellung des gesamten Anti-Ödipus-Propädeutikunternehmens eingedenk - werden könnte.
In einem der inspiriertesten Texte aus dem Einzugsbereich des Anti-Ödipus, in Sergio Finzis "Marx halluzinieren", sind philosophisch anstaltsgemäß science-fiction-like Christentum, Kapitalismus, Kommunismus und desgleichen alles eschatologisch versammelt, so als sei es vergönnt, sich nicht zu betrügen, wenn die sehnsüchtige Leidensverzagtheit der Endzeitimagination Adornos in seiner "Negativen Dialektik" - "Utopie wäre die opferlose Nichtidentität des Subjekts" - schwände:
"Paradoxerweise ist es das Kapital, das die unmittelbare Arbeit als Quelle von Wert erhält, während seine Zerstörung die unmittelbare Arbeit zunichte macht und die Vermittlung des 'automatischen Systems der Maschinen' unendlich, souverän und autonom macht. Die Humanisierung der Maschine und die Mechanisierung des Menschen beschwören die Figur des leuchtenden Fürsten, um den herum sich ein himmlischer Hofstaat erfreut, der den Strom der Wörter und des Geistes von einem Bambusvorhang abfangen läßt, der dicht genug ist, um die Arroganz des Erkennens zurückzuhalten, und locker genug, um den Zauber einer Anwesenheit der Abwesenheit, die Musikalität des verkleideten Körpers durchzulassen. Die Souveränität existiert und existiert nicht, sie ist im Lichte des Fürsten, den man nicht sieht. Die Passivität - Trennung von der Fähigkeit und von der Wissenschaft, von der physischen Kraft und vom eignen Willen - entfaltet sich in der Liebenswürdigkeit und in der Herablassung des Höflings. Wie im 'Genji Monogatari' ist der Austausch auf das Schenken von prachtvollen Kleidern reduziert, und die Beziehungen zwischen Mann und Frau vollziehen sich durch einen Vorhang, der die entblößende Macht der menschlichen Wissenschaften zunichte macht. Das Elend, in das die Wissenschaft vom Menschen das Individuum stürzt, wird umgangen durch den Reichtum, den ihm die Strategie der Beziehungen in absentia wiederbringt. Die Transparenz des menschlichen Subjekts wird dadurch verdeckt, daß der Höfling neben das Licht des Fürsten tritt. ... Der Fürst, der Höfling und der Vorhang sind die neuen Termini einer Dialektik, die Ohnmacht und Souveränität, Abhängigkeit und Herrschaft, Passivität und Praxis, Nicht-Sinn und Bewußtsein vereint. Der Kommunismus stellt den Menschen nicht wieder ins Zentrum des Universums, in die Position des intelligenten Souveräns über die physische Natur, sondern macht ihn zum Teilhaber einer exzentrischen Totalität ohne Zentrum und Peripherie. Er beschränkt sich nicht darauf, die kapitalistische Verdrehtheit zurechtzurücken, sondern vollendet die Entfremdung, die wie das ironische Bewußtsein Hegels 'den Höchsten zugrunde gehen läßt': im Nichtvorhandensein des Fürsten verschwindet die Macht, verschwindet der Machthaber, und annstelle der Person tritt der Hof, die Aura des Zaubers; in dieser findet die tierische und souveräne Gleichheit ihre Daseinsberechtigung außerhalb jedes Instruments der Vernunft. Die letzte Halluzination
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von Marx, den der Rausch hat schwanken lassen und den die coupure zu einem Wesen mit kindlichen und weiblichen Gliedern gemacht hat, ist seine Verkleidung in das Gewand des Hofmanns und Höflings."(12)
Solch bestrickende Marx-Traum-Synopse unterstreicht die Fälligkeit der vorgenommenen politischen Grenzziehung, die - nach alter Hegel-Dialektik-Tradition außerdem - nicht auf weitere positionale Monadenbildungen aus sein kann, die vielmehr in allen einschlägigen Axiologien, Meinungen, Aktionen die ubiquitäre Wirksamkeit der emanzipierten blockierten Ontologieproduktion aufnimmt, rückspiegelt, selbst betreibt/zu betreiben verweigert oder verhindert: politischer Standort als intellektuell-nomadische Negation desselben, freilich unvermeidlich jeweils von bestimmten Kompetenzorten - wie hier beispielsweise von der psychoanalytischen/psychiatrischen Klinik und, gleichgewichtig, der Universitätsinstitution Philosophie - aus; dies außerdem in der recht sicheren prophetielosen Voraussicht, daß Intellektualität selbst immer mehr zur Praxis wird, auf die nicht die große und dann ausbleibende Praxis allererst folgen muß, insofern nach der Maßgabe der Ontologieevolution selber Anpassung und Abweichung fortschreitend stärker eben in der memorialen Internalität Platz zu nehmen sich anschicken; wofür ja der Anti-Ödipus (und nicht nur dieser) als Paradesymptom fungieren könnte. Zu diesem politischen Abgrenzungsmodus einige erste Provinzgedanken.
Die augenfälligste Produktionsblockade expandiert - nach eingebürgerter Bezeichnung - im real existierenden Sozialismus; ob nicht zuletzt auch gegen Marx selbst, wäre, wie immer, nur entscheidbar durch dessen Neulektüre (etwa in den von Finzi veranschlagten Bahnen). In der grassierend beispielhaften Vernichtung der zirkulativen Aufzeichnungsnumenalität, des Gedächtnis-Manifests, schließen Konsumtion - sodann Überich/Es-Verschwörung eines repressiv verwilderten Entschädigungsprämieunwesens - und Produktion - sodann sinnleere Askesequal unmäßiger Arbeitsopfer - antiproduktiv - Opfer-/Gierfusion, Himmelkannibalismus - miteinander kurz. Aus dem spiegelzerstörenden Kollaps beider, Produktion und Konsumtion, ineinander, der Disteleologiefigur dieses Doppelverzichts, resultiert eine Depressionsverfassung, die die verheißene Aneignung des Geschichtsstands der Menschendinge, Eigentumsübereignung der historischen Besitzmasse auf deren höchstem Stande, nur noch als demokratische
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Hohngrimasse präsentieren kann. Kein blinder Spiegel erlaubt den Nachbau des Spiegelbilds zum befreienden Automaten; aus Spiegelerblindung gehen Unheilsmaschinen hervor, die, wenn sie nicht selbst schon den eignen Freiheitszweck in sich destruktiv quittieren, der also geschürten Verzehrgewalt zum Opfer fallen. Abgründe der heiligen Dreifaltigkeit auf diesem Säkularisationsniveau: Anankasmus, Blindheit, Verwahrlosung.
Rhizom-Reverenzen Gottes eigenem Land als Aberwitz ausgefallener 68er-Konsequenzen gegenüber sollten auf der anderen Seite nicht darüber hinwegtäuschen, daß die schizophreniegeleitete Narrenspiegelung des entwickeltsten Kapitalismus sich nicht schon erübrigt.13) Im Gegenteil; denn, was ist wohl ärger - schamlos im double-bind-Stile zu prozedieren oder apriori fast keine Köder mehr auszulegen oder nur noch eh offen moralische? Ersteres doch wohl: die Grundkorruption des beträchtlichen kapitalistischen Produktionsvorzugs. Immer wenn die Falle zuschnappt, angesichts des Freiheitsglanzes das Initiationsvergessen gefährlich um sich greift, oder, wenns beliebt in der Sprache des Anti-Ödipus, wenn "Decodiertes" wieder einmal ohne viel Sinn und Verstand "reaxiomatisiert" wurde, bemißt sich der größere Abstand zum Schizophrenieexempel hinter den Mauern, einschließlich dessen, daß dieses seiner philosophisch-antipsychiatrisch-politischen Ausziehung, Doppeldiachronisierung harrt, die wir ja allein schon, derart selbst nicht-schizophren geschichtseingedenkend schreibend, vorbilden. Denn die göttergebeutelte Memorialität, gerichtet und gerettet ineins, kennt zum allerwenigstens die Usurpation des ungestört lebendig einherwandelnden Todes, die Leiche auf Urlaub der subjektivistisch-idealistischen Maschinenkompromittierung, die Super-generalissimi von Klasse, Schicht, Rasse, Geschlecht, Generation, Persönlichkeit, Ich, Selbst, Mensch, oder wie, sie, Legion, alle heißen; kennt nur die Autarkie der Selbstinitiation - o armes Waisenkind? Nein, so seufzen die Maschinen just nicht retour (das wäre Heuchelei) und legitimieren also den maschinendisziplinierten neurepublikanischen Produktionsanarchismus (Judo-Theologie?) jenseits der Mauern nach der Maßgabe dessen, was schizophren noch dazwischen weilt.
Die Resistenz gegen den Lockvogel der tödlichen Natürlichkeiten, Faschismus, scheint allein schon in den Grundfesten einer solchen
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politisierten Antipsychiatrie durch dessen Ansiedlung am Paranoia-Gegenpol - auf der gleichen Ebene eine Stufe unterhalb - gewährleistet: diese lebendige Leiche - das Gegenteil des Produktions-Paradigmas. Während Schizophrenie die extremste Zirkulationsspitze (numen-Bergluft aufzeichnender Intellektualität, die göttlichen Skandalgeschichten, Olympklatsch, Hyperwarenästhetik) ent-re-produzierend produzierend hineintreibt in die derart durchsichtig sich erschaffende Menschenwelt und zugleich daran sich so vollkommen nährt, daß alle Mehrwertusurpation flöten geht, verrichtet der Oberopferpriester und Kriegsgott Paranoia gegenüber sein blutiges und finsteres Werk: die Kulmination des rasenden Gedächtnisverschlusses. Die Inversion der Selbstvernichtetheit übersät alle Welt mit Leichen, damit - magischer Aberwitz der Fütterung des os leonis - Materie keinen Anlaß mehr fände, rächend aufzuerstehn. Als Opfer dieser großen Entsühnung aber müssen diejenigen in Frage kommen, die diese Materierache am stärksten provozieren: die Speerspitzen der Urschuld des Ontologieprogresses. Und die Exekutoren des großen Sühneopfers bedürfen zum Anreiz unverbrüchlicher Mitarbeit der Vorspiegelung des antezipierten Versöhnungszustands post holocaustum: Natur- und Unmittelbarkeitsmaskerade, in dessen Namen es sich auf der Seite der Opferunterpriester offensichtlich bestens sterben ließ und immer noch läßt. Woher also das Recht, bei der nachweislichen Kundigkeit dieser ausschlaggebenden Differenz zwischen Paranoia und Schizophrenie, die man nicht zuletzt im Anti-Ödipus allenthalben nachlesen kann, liebe Herren Hentschel, Frank u.a., dies antipsychiatrische politische Projekt vor immanenter Faschismusanfälligkeit warnen zu müssen? 14)
Nicht jede regressionstheoretische Allusion ist indessen schon faschistisch. Das apostrophierte Racheproblem, fast ja zur politischen Signatur der letzten Jahre avanciert, bleibt auch faschismusextern rechtens erhalten. Denn: muß nicht beargwöhnt werden, daß ebendort, wo das ontologiegerechte phallisch-thanatologische Kopiewesen auf Materie auszugreifen eo ipso nicht umhin kommt, um die ureigenste Intention, Maschinen, realisieren zu können, daß die ekstatische Todesstofflichkeit selber Gleiches mit Gleichem heimzahlen könnte? Sind Regressionstheorien nicht wenigstens in diesem einen Punkte unverzichtbar geworden, daß sie das Ontologiekonzept der Gattungsgeschichte als ganzes noch sichten, indem sie penetrant
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die Frage bewahren, ob nicht solche Geschichte letztlich doch bloß einseitige Todesfahrt sei und das schöne Eschaton nichts als die Apokalypse?15) Die erreichte thanatologische Dispositionstiefe von Ontologie scheint so weit gediehen, daß nicht nur deren destruktive Begleiteffekte der Disposition zu entgleiten drohen; nein, daß sie sich vielmehr selbst nur noch als totalisierte Antiproduktion erfüllte. Im Angesicht einer solchen Prärogative des tötenden Todes aber wird die dem ontologischen Eschaton die Treue wahrende Reklamation der notorischen Ontologiedefizite in erotischer Absicht (Ressourcen-Begrenztheit, verbliebene Nicht-Dispositionsskandale, Verschleiß- und Defektanfälligkeit der Maschinengötter) fast schon zur Provinztorheit. Reiner Ursadismus en gros, Opferung der Eros/ cogito-Gesamtmasse, der befreiten Resurrektion entledigt, deren Verheißung sich als Köder der apokalyptischen Geschichtsfahrt ins Nichts, vermittelt über die Freiheitsdebilisierung der Gattung und Formen von Todesusurpation, von der bürgerlichen Klassenherrschaftlichkeit nur träumen könnte, demaskiert - stände dies tatsächlich dagegen an, so fielen die gleichermaßen antiregressionistisch wie antiszientistisch-subjektivistischen politisierten Antipsychiatrieimpulse der Aneignung der Hominitätsmasse auf der skizzierten Grundlage von Gedächtnisauflassung (Genealogie) und Gedächtniseinbruch (Realhermeneutik) wie überhaupt derartige Intellektualitätskompensationen sich ständig vergrößernder schwarzer Erfahrungslöcher in ihrer Dissidenz doch eher zu wenig radikal als nur annähernd übertrieben aus. Nur daß solche Verdikte allenthalben in den Sand geschrieben und in den Wind gesprochen scheinen, sofern die vermißte Radikalität eben nicht auf die höhere Ernsthaftigkeit einer permanenten Reinkarnationsbesorgung der besagten Paranoiageneräle hinausläuft. Unschwer wohl gelänge - selbstverständlich weiterhin bar der üblichen politischen Operationalisierungsambitionen - die Anbindung dieser einschnittsgerechten Fusionsutopie an verwandte politische Traditionen. Der nicht von ungefähr geschwundene Kredit für die Freiheitskräfte eines proletarischen Kontraparts läßt die Besinnung auf ungenutzte Emanzipationspotenzen eh mehr bourgsoisie-immanent und nicht weniger im Ausgang wiederum von Intellektuellen besonders spruchreif werden. Instruktiv wäre auch die Suche nach vergleichbaren Tendenzen anderswo. Wobei sich vielleicht herausstellte, daß unter anderem die supralinken amerikanischen "Arbeiterfraktionen" (bei uns die "Europäischen Arbeiterfraktionen"/die
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"Europäische Arbeiterpartei") am ehesten umfassendste und entfernteste Affinitäten aufweisen. Die EAP als reaktionärer Doppelgänger des Anti-Ödipus? Das Re-Produktions-Produktionspathos degenerierte zu Kreativitätstalmi; die Jakobinerdrohung mit Psychoanalyse-Antipsychoanalyse zu psychohygienischer Kadersanierung; die Antiregression zu aberwitzig moralistischer Konservativität; die Großattacke auf den Antiproduktionsinbegriff Faschismus zum Kurzschluß mit diesem - man weiß dann wirklich nicht mehr, ob die vom CIA Gejagten nicht selbst doch Agenten dieser göttlichen Superpolizei (vormals wohl Engel) sind .... 16)
Nun aber zurück zum kleinere-Brötchen-Backen, der Klinik, wo ja der Argwohn nicht weichen will, daß solche Antipsychiatrie mit schwerkranken Menschen Schindluder treiben sei. Also bitte, wenigstens ein neues therapeutisches Konzept.... Einem solchen aber scheint der Boden insofern vollends entzogen, als der Pathologiefavorit Schizophrenie nämlich selbst schon den radikalen Hominitätsaufriß nicht nur vorstellt oder darstellt, vielmehr existiert, der als quasi homöopathische Phantasmasierungs-Giftgabe therapeutisch/antitherapeutisch - also zum Zweck der Denkbarkeit des (genitivus absolutus) Produktionsphantasmas mit den entsprechenden Erzeugungs- und Verzehrskonsequenzen - allererst verabreicht werden soll. Die Schizophrenie macht ein solches Geschenk ganz und gar überflüssig; denn sie besitzt es apriori und überhaupt schon, wirft es mit schallendem Lachen ab (wohin? böswillig in den leeren Raum, wo es als Dämon zu schwirren beginnt, gutwillig aber in die wunderbaren Maschinen hinein). Selbstwiderspruch der Antipsychiatrie demnach: ihr eigenster Krankheitsliebling verweigert die große alternative Therapieform; Antipsychiatrie, die sich selbst hereinlegt? So ist es; sonst nämlich wäre sie nichts mehr als eine Spielart reformistischer Psychiatrie, also noch ein good will-Dokument. Ontologieimmanent indessen - was nicht heißt, daß irgendwelche Ontologietranszendenzen in Aussicht gestellt werden könnten - bleibt keine andere Wahl, als die Verhältnisse perfekt auf den Kopf zu stellen (die verkehrte Welt der Philosophie): die genealogische/ realhermeneutische Inspiration nämlich zur Umkehrungsmimesis der Gesamtproduktionsverhältnisse an die Schizophrenie zu extremisieren - oder aber dies in wechselnden Graden reaktionärer Sanktionen zu unterlassen; tertium non datur. Zu therapieren - die Herrenmetamorphose
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des Dieners - gibts bei ersterem nichts mehr; und Schuldspruch und Ausbeutungskonstitution fänden in diesem Dienstleistungsversiegen ihr mindest modellhaftes Ultimatum. Wer weiß, ob nicht das Schizogötterleben des Menschen auf Erden nur noch Untragik, seliges Satyrspiel wäre, wenn das Usurpationsgebaren aller Signifikanten-Legislative, die Herren hilfreiche-Blutrichter, endlich dem absoluten Herrn nicht nur in ihrem letzten Stündlein und davor höchstens noch in Anwandlungen von unverbindlichem Katzenjammer die letzte Ehre erwiesen? Wer weiß, ob nicht die gattungsgeschichtliche Destruktioonsmisere sich an der Stelle immer wieder neu auflegt, wo - in der Prolongation des intrauterinen Zustands - das Menschenkind weiterhin davon ausgeht, daß auch der außen gewendete Mutterleib Maschine sei und rasche Aufklärung seines Stumpfheitsirrtums durch die Erzwingung von Mitgefühl erfährt? Beginn des Spiels vom schwarzen Peter als Grundlegung von Humanität, die der Schizophrene mit Verstand verweigert, sofern sie ihm - nicht minder mit Verstand? - zuvor verweigert wurde? Ganz umgekehrt also Monadologismus als Gewaltstopp? Strikteste Entmischung, Eros/Thanatos-Diskrimination gleich zu Beginn gegen das ganze Usurpationsverpappungswesen mit dem obersten Staatsanwalt Phallus an der Spitze, der die ganze Schuld der Welt auf sich nimmt, um sie im Rückschlag keineswegs wohldosiert wieder auszuteilen?
Aber die Kranken selbst, was sollen wir denn mit ihnen tun? Doch nicht etwa als Kranke ausschwärmen lassen (um die Bürger zu schrecken)? Die Üblichkeit solcher bedrängenden Fragen macht nichts denn das Musterbeispiel eines Pseudoeinschnitts aus. Sagt man gesprächsbereit mehr dazu, setzt man eben auch hier das Spiel vom schwarzen Peter in Gang, das letztlich zur Versicherung führen muß, daß man selbstverständlich die Geisteskranken eingesperrt lasse; Präjudikation, sich auf der Stelle zu bewegen. Bleiben wir also getrost im Theoriemoratorium, das sich als solches aufhebt, sofern die große praktische Umsetzung auf es plangemäß eben nicht folgen wird. - Ungern erinnern wir uns sodann eigner mißglückter Versuche, Schizophrene nicht sogleich zum Psychiater zu schicken - vorab ein Unding ebenso wie dieses selbst - das geht in der Tat noch nicht? In jeder Richtung nämlich entstehen so nur destruktive Fallen, die alle Möglichkeiten philosophischen, auch noch so bis an äußerste Grenzen vorgetriebenen Arbeitens schließlich blockieren. (Und wer am Ende
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dann der allenthalben bedrohte Schuldige ist, versteht sich). Gewiß, der zugelassene Kranke beginnt zu produzieren, und wie zu produzieren, so daß er gnostisch bei weitem alles übertrifft, was den gewöhnlich sterblichen Philosophen zukommt. Doch wird man ihn in seiner exzessiv unüberbietbaren Produktivität nimmer daran hindern, dieses Tun seiner höchsten Lust und Qual nicht eo ipso schon als Praxis existentiell-militant zu behaupten. Kurzum passiert es regelmäßig, scheinbar unbesehen, daß seine gnostische Fruchtbarkeit in die Offensive der Beseitigung der Legion von Hemmnissen dagegen expressis verbis geht, und spätestens dann wirds prekär. So erlebte ich immer wieder, daß meine scheinbar harmlosen höheren Ordnungsverdikte, die memorial genealogischen Glasbehälter zugleich zu verdicken und transparent zu halten, und - im Problemgewicht darunter - die habituelle Einhaltung üblicher Rituale, beispielsweise Termineinschnitte, Ausgrenzung der Privatsphäre, eine verheerende Verschlechterung des Krankheitszustands nach sich zogen oder besser, nach der eigenen Aussage des Kranken, ihn allererst krank machten; dies bis hin zur authentischen Körpertortur-Umsetzung meiner - als solcher von mir zunächst überhaupt nicht wahrgenommenen - philosophischen Verbalsanktionen. ("Sie haben mir eben die Beine abgehackt, und ich kann jetzt nicht mehr gehen" - bezeichnenderweise vermag ich den Auslöser dieser "Empfindung" in meiner Rede nicht mehr zu rekonstruieren - oder "Jetzt muß ich doch in die Klinik; ich kann nicht mehr denken und bin also wirklich schwanger geworden; die Wehen setzen bald schon ein".) Warum aber prekär? Weil durch die Masse der paranoiden Pseudoeinschnitte, und seien sie noch so spirituell, subtil, gutwillig zurückgenommen, die der Schizophrene untrüglich nicht nur mental identifiziert, vielmehr korporell "spürt", der schizophrene Prozeß in einen lebensbedrohlichen paranoiden Racheschwur umkippen kann. wehe dann dem Folterknecht; und es wäre nicht das erste Mal, daß an diesem in solchen Konstellationen unvermeidlichen Umschlagspunkt die Polizei nicht minder real zitabel werden muß. Ja, und dann hat man es immer schon gewußt und gar gesagt, und die schönste Gnosis wird für alle Beteiligten a fortiori zum Spuk. Da niemand aber in solchen freilich landesüblichen institutionellen Kontexten die offene, nicht mehr nur theatralische Inszenierung dessen, was allenthalben schlicht der Fall ist - Schizophrenie als die "absolute Grenze", permanent gewaltsteigernd paranoisch rückversetzt - erträgt, kann es nur noch überfälliger werden, eben bei der
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Schizophrenie weiterhin in die Lehre zu gehen - wo sonst, bitteschön? Man wird nun aber mitnichten behaupten können, daß dieses jetzt wohl peremptorisch verdrehte Krankheits- und Kriegskonzept auf den anderen pathologischen Kampfschauplätzen ins Leere schlage; im Gegenteil bleibt die Paranoia-Durchkreuzung des schizophrenen Prozesses, diese "unmögliche" Schuldzwischenträgerschaft, generelles Antiproduktionsmodell; und von der eignen Intellektualitätskompetenzecke her müßte es einen bald gelüsten, den Hebel dagegen nicht bei den Anstalten, vielmehr den ordinären Krankenhäusern, den schwersten organischen Krankheiten ebendort, anzusetzen.
Wo aber ist die ständig reklamierte doppelte Selbstdiachronisierung gegen das sich übernehmende synchronische Überhaupt-Rasen geblieben? Strich durch die ganze Rechnung, wenn sie verloren ging? Nein, selbst solche gefährliche Abstraktheit des schizophrenen Produktionsdelirs müßte als Artefakt gewalttätiger Pseudoeinschnitte lesbar gemacht werden. Ließe man den Kranken nicht nur in Ruhe, hätte das Einströmen seiner Gnosis in die Produktionsverhältnisse vielmehr freie Fahrt, so würde die radikale realhermeneutische Politizität seines vermeintlichen Produktionstalmi und damit die reklamierte nicht weniger radikale Selbstdiachronisierung im fraglosesten Praktischwerden von Theorie als Kampf gegen Produktionssperren und -desiderate unerträglich manifest. Kritik dieses Kalibers aber darf ja notorisch nimmer und nirgendwo sein, zumal nicht da, wo die freilich nur noch ideologische Ablösung von Fehlbesetzungen des revolutionären Geschichtssubjekts überfällig wurde (siehe die ganze Folgerichtigkeit der Psychiatrisierung von Intellektuellen in der UdSSR). Gut; doch sind künstliche paranoide Produktionsblockaden und ontologieevolutionsgemäße -desiderate zweierlei; und Selbstdiachronisierung ohne die Kraft dieser Unterscheidung hebt sich in sich selber auf? Auch ist nicht zu sehen, daß der Schizophrene schon diese Kraft präokkupierte; und insgesamt umgekehrt müßte endlich gleichermaßen quer zur - also indifferent doppelt aneckenden - Schizo-Produktivität die Inversion des Schattenwurfs der Selbstzurichtung zum Sühneopfer - ebenso indifferent wofür - Beachtung finden? Gewiß; wie sollten exakte Grenzen ziehbar sein zwischen dem Lamm Gottes, welches da hinwegnimmt die Sünden der Welt, und dem todesmutigen Fortschrittspionier? Und doch mag es nicht unwahrscheinlich sein, daß Schizophrenie eben auch diese Grenze genauestens zu existieren
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versteht; nur daß wir dieses ihr Vermögen noch nicht zu lesen wissen - kein Wunder, wo (fast) alles dahin geht, just an diesem kriterialen Gnosispunkt der Schuldzitation die große Antiproduktions-Machtprobe - Grenzverwischung, ja Eskamotierung dieser Probleme überhaupt - zu veranstalten. Schizophrenie nicht minder also Modell dieses allentscheidenden ontologiegenealogischen/realhermeneutischen Bestandstücks: diachronisierender Mensuralität? Vermutlich kommt als paranoid-masochistischer Anklage-Reflex der sinnlosen Produktionsblockade der gemarterte Christuskörper auf, und als schizophren-verwegene Motiv-Rückspiegelung des echten -desiderats, des Göttervorbehalts, der verklärte Christusleib freilich mit den Wundmalen. Wie viel gibt es also schizoanalytisch noch zu lernen! 17)
Dieser Lehre könnte nicht zuletzt auch die Wendung gegeben werden - einvernehmlich mit der Intention dieser Studie, Zugangswege zum Anti-Ödipus zu bauen -, in der Geschichte der Psychiatrie antipsychiatrische Motive bis hin zur Antipsychiatrie expressis verbis, insbesondere im Feld der Überschneidungen mit Philosophie, kulminierend im Anti-Ödipus dann selber (dessen Autorenpaar: Philosoph und Psychiater!) zu recherchieren. Wenn die apostrophierte Oma-Enkel-Konstellation eben hier anderes sein soll als ein mehr oder weniger schlechter Witz oder, was dasselbe wäre, ein signifikationsgemäßer ordinär magischer Machtspruch und höherer Ordnungsruf - vergleichbar etwa dem Freudschen Paranoiaverdikt über die philosophischen Systeme mit seiner prekär erheiternden Konzession eines vom Himmel gefallenen und also von dieser (in sich höchstens halbrichtigen) Pathologisierung untangierten Philosophiekerns (o Verkennung des absoluten Herrn - aber es gibt ja später den Todestrieb und davor den psychischen Apparat!); kurzum wenn die produktive Überich-Transzendenz dieser Konstellation in einer darin selbst sich verlierenden Weise benannt worden sei, so zeichnete sich eine brauchbare Spur zum Philosophie/Psychiatrie-Wesen ab, die Adnota-Inflationen, die sich in der Erörterung der im Anti-Ödipus zitierten einschlägigen Gewährsautoren (Reich, Szondi, Jaspers, Mannoni usf.) ergeben würde, nicht unterstützt. Sehen wir also bei des Teufels Großmutter und bei diesem selbst nach, ernsthaft also nach der schuldlogischen Zuträglichkeit solcher Figurationen.
Daß überraschenderweise Jaspers in diese (Nicht)ahnen-(Nicht)galerie Aufnahme fand, gibt einen ersten Wink. Gemäß der Anti-Ödipus-Vindikation
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des Jaspersschen antipsychoanalytischen Affekts rettet dieser die (phänomenologische/existenzphilosophische) Psychiatrie vor der Versuchung des höheren Schuldspruchgebarens. Allererst in der rücksichtslosen Katatonisierung des Philosophiespiegels, dem Zwang, alle Therapiemedialisierungsambitionen zu verabschieden, begeben sich Philosophie wie Psychiatrie in den Todesraum der mimetischen adaequatio an ihre Krankheiten selber und bereiten die Subversion in Gnosis und Antipsychiatrie also vor. Was zunächst wie ein schmählicher intellektueller Luxus philosophischer Inflationierung "natürlicher" pathologischer Substrate anmuten mag (und als solcher ständig auch desavouiert wird), stellt in Wahrheit nichts anderes dar als eine zweckmäßige Notbremse gegen die destruktive, Philosophie gar mitreißende Expansion psychoanalytischer Hypertherapie und Kulpationswesens: unerwartete Nicht-Nichteinschnitts-Resistenz gegen diese modernste Einschnittsusurpation. Und beklagenswert mag dann bloß bleiben, daß die Gnosis vielleicht zu wenig Gnosis sei, zu viel noch philosophischer Mummenschanz als Existenzphilosophie, um nicht als spinnerter Überbau zugunsten des Organkrankheitskonzepts, der Krankheit an sich, und der medizinischen Therapie letztlich das Klinikfeld, wo sie ja auch wirklich nicht hingehört, fast ganz zu räumen.
Auch die sich nicht vollends von Psychoanalyse absetzende daseinsanalytische Richtung (Binswanger, Boss) leistet einer Anti-Psychoanalyse/-psychiatrie-Metamorphose, und sei es auch ungewollt, unvermeidlich Vorschub. Die Masse der Daseinsanalysen nämlich "übercodiert" die einschlägigen Pathologiephänomene, läßt sie zu Gestirnen erstarren, läuft therapeutisch verantwortungslos leer. Die mildere Gegenführung einer thematischen "Entneurotisierung" der Psychoanalyse sowie die Rehabilitation früherer Dissidenten (insbesondere Jung in dieser Rücksicht) wird - wir streiften diese Effekte schon - notorisch dann Konsequenz, die gegenwärtig vor allem Kohuts Narzißmustheorie, entschieden darauf bedacht, rechtgläubig zu bleiben, in typischer Orthodoxieüberdehnung exekutiert. Diese - aus verständlichen Restaurationsbefürchtungen oft übersehene - Gunst der Daseinsanalyse wie aktueller Wiederaufnahmen ihrer "psychotisierenden" Motive sollte aber nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß deren innere Resistenzkräfte gegen den inneren Faschismusverfall offenbar nicht ausreichten, jedenfalls nicht in den deutschen
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Gefilden. Allzu wohlfeil degeneriert nach gut Heideggerschem Vorbild das thanatologische Einschnittswesen der Existentialontologie hier als Therapieblockade und Antitherapieumwendung - zum luxuriösen Talmi einer Hyperhermeneutik, die den freigegebenen brutalsten paranoischen Signifikanten - umso mehr also nichts denn medikamentöse Psychosentherapie! - mit verlockenden Weihefassaden bestückt: Daseinsanalyse als die die eigne Gewalt zudeckende permanente Sonntagspredigt, Mobilmachungsaufruf letztlich. Und allem Anschein und aller Erfahrung nach ist gegen die Faschistisierung schwerlich ein anderes Kraut gewachsen, als die Politizität des feiertäglichen Gedankenköders, der den Gang in den Opfertod enthusiasmiert, abzuwerfen und an dieser Fundamentalfährnis vorbei die Katatonie der daseinsanalytischen Übercodierung in sich erzittern zu machen, sprich: von Genealogie in Realhermeneutik, produktionsemanzipierende Einschnittspraxis, derart atopisch politisierte Antipsychiatrie überzugehen.
Historisch aber heißt dies nichts anderes, als erneut nach Frankreich hinübersehen, wo sich immerhin, wie es scheint, ungleich unhehelligter Philosophie und Psychoanalyse liieren konnten zum schweifenden Mobilismus einer Form von verläßlicher antifaschistischer Antipsychiatrie, die schwerlich schon Gefahr läuft, von einer Deutschland analogen, nach polizeilicher Einschreitung ächzenden intellektuellen Provinz gänzlich vertrieben zu werden. (Oder?) In unserem Kontext ("Bereitet den Weg des Herrn") muß es nun aber genügen - und freilich kommt manches so allzu kurz wie beispielsweise die frühere Schlüsselstellung Sartres hierin -, eine Spur bloß, die ganz direkt aber zum Anti-Ödipus hinführt, aufzunehmen, und zwar die Entwicklung des Antipsychiatriekonzepts Guattaris; dies zumal, als dieser, der dazu besonders prädisponierte ungetreue Psychiater, leicht zum - ach so geschmacklosen - Hauptverderber der guten philosophischen Sitten - wir sollten also einen Keil zwischen Deleuze und Guattari treiben! - im Schlimmen avanciert. In der Tat, der frühere Guattari stellt die Zugangslektüre schlechthin zum Anti-Ödipus dar, für diejenigen jedenfalls, die aus der Psychoanalyse/Psychiatrie-Ecke darauf zugehen wollen.
Will man diese antitherapeutische Innovation, deren Intellektueller Wortführer schon vor gut eineinhalb Jahrzehnten - deutlich zunächst
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mit Lacanschen Adaptationen - Guattari gewesen ist, adäquat erfassen, mag es sich empfehlen, bei der orthodoxen klinischen Zentralgröße, der Übertragung, anzusetzen. Mit einem Zeitsprung in den Anti-Ödipus hinein formuliert, bedarf es deren schizoanalytischer Liquidation nach der Maßgabe der Schizophrenie und der wenngleich maßgeblich wesentlich schwächeren Perversion. Kurzum bedürfte das ja nie ganz glaubhafte Märchen vom Psychoanalytiker als dem blankgeputzten Spiegel und der reinen Reflexion vielfacher Korrektur. Die Bereichsmetabasis-Metaphorisierung solcher optischen Geschichten zur phonetisch-auditiven Reflexion - Hörspiegel doch und sonst nichts - verwischt die Differenz im Widerspiegelungsmodus beider Sinnessphären und befestigt so die obsoletesten vormittelalterlichen Formen von Sprachimperativität: Regression, zu Unrecht verharmlost, aus der es notorisch kein Auftauchen mehr geben kann; die Verwirrungsstifterin, hinter dem verschwindenden Einwegspiegel dem Spruch der "Stimme der Höhen" lauschen zu müssen, dieser regressivsten Einrichtung modernster Signifikationsdespotie, Inbegriff paranoisch-usurpatorischer Sinnabsorption. Dagegen hilft schier nichts anderes denn den gewaltlüsternen Einwegspiegel mit seinem Stimmenzauber (Jochanaan in der Zisterne, der Schrecken des singenden Fetus) schleunigst umzuwandeln in die durchsichtigste Glasfläche dieser Erde zwischen Analytiker und Analysand vis à vis und sich endlich zu Therapie = nichts-als-Dienstbarkeit zu bequemen, den angeblichen Kinderkram, den der Kranke seinerseits auf die Glasfläche projiziert, offen gelassen und aufrechtgehalten zu beziehen auf die Objektivität der Mensch-Ontologiedinge als deren Produktionsphantasma selber; und dies nach der Lehre der vollendeten Projektionen des Schizophrenen, nach der Maßgabe dessen desavouierter Gnostik ("den erhabenen universellen Leidenschaften" - Guattari -): Antitherapie als Exkulpationsmäeutik solcher Gnosis und deren Reflexionsfreigabe (fürs erste) in den Menschdingen, dem Makrounbewußten, dem Diesseits der Götter, nur noch mittels Sprachsubsidiarität und mit entsprechend alternierender therapeutischer "Überlegenheit", je nachdem welche Krankheitsform zur Nichttherapie ansteht. Freilich vermag sich psychoanalytisch der Diener nur zum törichtsten Herrn im Angesicht der Neurose zu erheben; deshalb die Spezialisierung darauf. Doch ward es nicht zum offenen Geheimnis, daß selbst der Neurotiker sich dies nicht gefallen läßt, ja dem am kräftigsten, weil betrughaltigsten, widersteht? Projiziert er schwerlich doch unvollständig, vielmehr
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gewaltsam verkleinert, en miniature: Apologie des gnostischen Eckchens...
Es wäre ein leichtes, die Konformität dieser Vorüberlegungen mit Guattaris früheren in die Schizoanalyse des Anti-Ödipus schließlich einmündenden Initiativen darzutun. Diese bestehen alle darin, allenthalben die Permanenz eines Auto-Initiationswesens einzurichten, das seine Grenze in der Hypostasierung usurpatorischer Fremdinitiation im eigenen Selbst findet, die es abstößt, um sich neu zu versuchen; "Subjektgruppe" versus "unterworfene Gruppe", Mimesis an Schizophrenie in ständigem Transit die aufgesprengte Paranoiablockade als internes Produktionsmotiv hindurch, später: das Starten der "Wunschmaschine" mit deren obligatorischen inneren "Fehlzündungen". Und es kann nicht mehr das Problem sein, daß dem also innerlich prozessualisierten und damit aufgelösten Paranoiablock das eminente Übergewicht fixer Paranoiamassen draußen wie mehrere Goliathe einem Mini-David erheiternd gegenübersteht; nein, derart existiert - das Achselzucken - keine Innen-Außendistribution; nein, immer wenn ich das Paranoia-Opferinfinitesimal, wenn ich diesen Ursprung in mir gefangensetze, geht das Despotenvexierspiel über in die unvermeidliche Kapitulation, daß sich die Zerstörungsgewalt dieses Draußen tatsächlich steigerte - aber durch "meine eigene" Ursprungsusurpation mit ihrem notorischen Hin- und Hergeschiebe von Schuld und deren vermeintlich peremptorischer Externalität schließlich. Dies das offenbare Geheimnis der soteriologischen Schizoanalyse in der ingeniösen Sprache Guattaris 1962/63: ansteht die nichtpositionale Einführung des atopischen Einschnittstopos des "absoluten Narzißmus", des "Dings", fernab ein "rekursiver Horizont" der "Nachträglichkeit" zu sein, des "Todestriebs", des "Todes Gottes" - der "militanten Initiation". In der Tat: "Die Zuflucht zum absolut Anderen müßte im Prinzip erlauben, die Verbindung zur Grundlage aller Werte aufrechtzuerhalten (sc. zum "Subjekt", dessen "Platz" ein "Loch" als das "Nichts vom Übrigen"). Aber was ist dieses absolut Andere? Ein Steinmonument, die Statue des Komturs oder aber etwas, das nicht aus einem Stück besteht, das strukturiert ist wie eine Sprache - das heißt: 'auf die gleiche Art wie', nichts mehr und nichts weniger -, etwas, das der Gerichtsbarkeit eines schöpferischen Gottes untersteht, der sich selbst noch nicht erschaffen hat oder der sich gleich nach seiner Erschaffung wieder verliert?" 18)
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Rückblickend auf die "Anstaltshagiographie", kann von einer souverän disponierenden Präsentation des Hyperantipsychiatrie- und Anti-Psychoanalyse-Konzepts sicherlich nicht die Rede sein. Hoffentlich nicht über Gebühr irritierend, unterliegt, wenn wir recht sehen, die Darstellung einem fortgesetzten Dezentrierungsprozeß, der - Zeitraffer vielleicht einer typischen antipsychiatrischen Gedankenbewegung -, als nicht arbiträr erweisbar, erneut dazu anhalten mag, äußerste Sorgfalt des Denkens in den veranschlagten Identitätspunkten von Philosophie/Pathologie/Politik sich aufzuerlegen. - Startpunkt war die psychoanalytische Orthodoxie, die sich in den Anstalten der großen Verlegenheit exponiert sieht, die ubw-/Gedächtnisauflassung zwar in aller wünschenswerten Deutlichkeit und Kraft gar vorzufinden (und nicht erst mühsam in dieser Totalität herstellen zu müssen), der dies aber bei weitem des Guten zu viel dünkt und also gleich die Auflassungspassion ihres Beginnens gerne und am besten sogleich ganz drangibt: wie krieg ich das Ding, diese Büchse der Pandora, on dit, wieder ordentlich zu? Die Psychoanalyse am Scheideweg. Die Aufgabelung ist längst bekannt. Wir versuchten nun von jeher, den eskapistisch-therapeutischen Weg der Tugend nicht zu wandeln. Sodann aber setzen unvermeidlich die Probleme ein, deren Stigma die apostrophierte Ungleichgewichtigkeit unserer Ausführungen besorgte. - Versuchte man, die einzelnen Schritte einmal so genau wie möglich zu isolieren - genau nämlich ist die Schrittevorgabe nicht -, so breitete sich über den Zustand der Auflassung - über denjenigen, der wohlmeinend solidarisch mit dem Inhaftierten den Fuß im Anstaltstürspalt beläßt - zunächst jene Paralyse aus, die, der Auflassung unbeschadet, den Voyeurismus von Genealogie, schreckhaft hypostasierter Genealogie, charakterisiert; katatoner Geist der fluktuierenden Mitte zwischen Psychiatrie und Antipsychiatrie, deren, wenn man so will, Perversionsstatus. Es ist dies die schwankende Stunde eines Typus theoretischer Übercodierung - historisch der daseinsanalytischen Richtung etwa -, der die genealogische Ausbeutung des Wahnkranken zu betreiben nicht umhin kann; einzig halb legitimiert nur dann, wenn dieser Typus recht eigentlich ästhetisches Auflassungswesen, sich nicht zum paranoisch-faschistoiden Fassadenbau, hinter dem die Zuschlußvernichtung um so unbehelligter grassiert, hergibt. Wie aber soll diese Korruption letztlich vermieden werden, wo doch in der ganzen Halbherzigkeit ihres autoinitiativ
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halben Selbstopfers fixierte Genealogie, die freilich manches, ja fast alles zu sehen imstande bis hin zur Sicht dieser Selbstverstrickung im ubiquitären Bann der bürgerlichen Inkarnationshypertrophie selber, sich eo ipso nicht von der Stelle rühren kann: der innere memoriale Eisenphallus, Glaswände also, abgetrennte Totenstarre, diskriminiert vom Taumel hinter dem Glas, dem Präteritum-Gespensterwesen; immer noch, wenngleich gebrochener Transit vom Selbst zum Anderen in der Perspektive illusionärer Reziprozität, anstatt....
Wenn wir weiterhin recht sehen, blieb es dabei indessen keineswegs. Die Auflösung dieser quasi perversen Zwielichtblockade aber schien - wie weit sie auch immer unterwegs, allein schon also kerygmatisch schreibend, Restausbeutungen, ephemere, repetierte - ins gegenteilige Extrem abzudriften: ins volle entspenstete Leben hinter der Glasmauer, wo dieses selbst aber zudem gläsern ward. Gewiß, doch eben der bloße Repräsentationscharakter dieses einschneidenden Ortswechsels bleibt, wie es scheinen muß, potenziert gar mit der gleichen Starre behaftet, wenn immer er sich wesensgemäß erschöpft in der Imagination, drinnen in der Humanmenagerie als ein reservationslos lernender Schizolehrling zu weilen, der - Konsequenz dieser höheren Hypostasierung - revolutionär dann praktisch am Ende dafür sorgen solle, das Glashaus unendlich kosmisch zu inflationieren: die Ubiquität desselben in Grün, umgekehrte Grenzverschiebung nur - der Taumel wird ebenso totenstarr destruktiv, wenn er sich rein flächig sozusagen universalisiert, wie vordem die expansive Starre destruktiv bacchantisch; beides nur Extremzustände von Gericht, Vexierbilder der Apokalypse, die beide Memorialität in ihrer in sich doppelten Brandung wegschwemmen. Oder, kleiner gesprochen therapeutisch/antitherapeutisch: galt vorher unter dem festlichen Deckmantel letzten existentiellen Tiefsinns der Psychosenmißbrauch zum Hauptversuchstier aller Gedächtnisbeseitigung (Makrounbewußtheit exklusiv), so jetzt nichts anderes als die Racheinversion desselben: Ausschwärmen der Schwarmgeister en gros, die neuen Kreuzzüge, après nous le déluge, mit gewissestem Ausgang also. Nein - man sieht, wie mühsam noch die Wahrheit ist -, weder Super-Nobelpsychiatrie ("Was wollt ihr denn überhaupt - Gehaltserhöhungen oder Philosophie?" Guattari, a.a.O., S. 85) noch kriminalisiertes Patientenkollektiv, diese apokalyptische Einheit festgesetzter Extreme. Nein, dies Gericht des absoluten Herrn bloß als infinitesimaler
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Vorbeigang, Aufriß der memoria also, deren Erzeugungs-Verzehr-Realisierung die volle Mensuralität des immer noch verbleibenden Götterjenseits bewahrt - eben nicht zuletzt auch gegen die Schizophrenie in ihrer Synchroniegewalt der Voreiligkeit des neuen Himmels und der neuen Erde. Gelänge diese universelle Anti-...Version, so gewänne unser hochrepräsentatives Schreiben wohl einen inhärenten Sinn, wenn es eben ganz als Schrift sich zum subsidiären Transit eines resistenten mensuralen Memoria-Aufrisses bestimmen könnte fernab von rachsüchtigem Schizokitsch, dem Glasgefängnis des Großformalismus bürgerlichen Materie-Eingedenkens (bitte nur einmal das Radio anstellen, ums zu verifizieren!), das, wenns in innere Bewegung gerät, freilich nur zersplittern kann: Götterdämmerung abermals. Und klinisch/antiklinisch stellt sich allein auf dieser Spur wieder Hilfe ein, "Hilfe" für den Schizophrenen in seinem maß-losen Himmelsrasen durch dessen gemessenen Anschluß - so müßte Antipsychiatrie vonstatten gehen, wir werden sehen - an Schrift und Maschine zumal.
ANMERKUNGEN
  1. Siehe R. Heinz, Heinz Hartmanns "Grundlagen der Psychoanalyse" (1927). Eine wissenschaftslogische Fehlkonzeption, in: Elrod/Heinz/ Dahmer, Der Wolf im Schafspelz. Erikson, die Ich-Psychologie und das Anpassungsproblem, Frankfurt/New York (Campus) 1978 (Kritische Sozialwissenschaft, Psychoanalyse), S. 109- 126 (Erstveröffentlichung in: Psyche, 28. Jg. (1974), S. 477 - 493);(zus. mit H. Dahmer) Psychoanalyse und Kantianismus. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte, in: ebd., S. 127- 167. Eine Gesamtdokumentation meiner Studien zum psychoanalytischen Kantianismus ist unterdessen veröffentlicht: Psychoanalyse und Kantianismus, Würzburg (Königshausen + Neumann) 1981; sie umfaßt die betreffenden Studien von 1967 bis 1974. - Eine Fundgrube außerdem für die Erforschung der apostrophierten Gabelpunkte sind die "Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" (4 Bde., Frankfurt/M. (Fischer) 1976ff.).
  2. H.D. (Hilda Doolittle), Huldigung an Freud. Rückblick auf eine Analyse, Frankfurt/M./Berlin/Wien 1976, Ullstein-Buch 3217, S. 49
  3. Frühere eigene Versuche in traditioneller angewandter Psychoanalyse (so z.B. Das Sujet der "Verklärten Nacht". Eine Interpretation des Dehmelschen Gedichts, in: Zeitschrift für Musiktheorie,
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5. Jg. (1974), S. 21- 28) führten regelmäßig zum Effekt wenn schon nicht der Vorauswahl, so doch der Uberakzentuierung wenigstens - angeblich - dissidenter Kunst-"Gehalte": "matriarchalisch-homosexueller". Auf dieser Linie brach - zunächst mehr oder wenigerr unerkannt - sowohl das alte schlechte Gewissen wie auch die Sprachrestriktion fürs erste ein in einem Interpretationsgruppenexperiment auf Musik applizierter Psychoanalyse, dessen Dokumentation veröffentlicht werden konnte ((zus. mit F. Rotter, Hg.) Musik und Psychoanalyse. Dokumentation und Reflexion eines Experiments psychoanalytischer Musikinterpretation in der Gruppe, Herrenberg (Döring) 1977, jetzt: Rohrdorf (G. Schmidt). Vorabdruck einiger Beiträge in: Zeitschrift für Musiktheorie, 7. Jg. (1976)). Und fortan gab es kein Halten mehr: unsere fortwährenden Abwendungsprozeduren, aus denen die "Arbeitsgruppe für Anti-Psychoanalyse" jüngst hervorging, stellten sich als die fundierteste Methode der Objektivitätsekstatisierung von Psychoanalyse heraus. Unter dem Titel "Minora aesthetica" wird 1983 der tende-Verlag eine Reihe dieser Interpretationsversuche - von der psychoanalytischen Kunstkritik zur künstlerischen Psychoanalysekritik - veröffentlichen.
  1. Vergleiche die eignen Kantianismus/Psychoanalysetitel in Anmerkung 1., in denen der faschistische Psychoanalysekollaps auf neukantianischer Basis hauptsächlich beim neukantianischen Philosophen Carl Müller-Braunschweig erörtert wird. Grundzüge der ausgeführten Kritik der Ichpsychologie, des disziplinären Inbegriffs kantianischer Einflüsse finden sich freilich viel früher schon bei Lacan, so - ein schönes Beispiel für die von diesem ausgehende schleichende Schizophrenisierung des psychoanalytischen Feldes - in: Das Seminar von Jacques Lacan, Freuds technische Schriften, Buch 1, 1953- 1954, aus dem Franz. von W. Hamacher, Olten/Freiburg 1978, S. 24/25. "Nun - halten wir vorerst fest, daß wir gehört haben, das Ego sei der Verbündete des Analytikers, und nicht bloß der Verbündete, sondern die einzige Erkenntnisquelle. Wir kennen nur das Ego, schreibt man gemeinhin. Anna Freud, Fenichel, fast alle, die seit 1920 über Psychoanalyse geschrieben haben, wiederholen - Wir wenden uns nur ans Ich, wir stehen nur mit dem Ich in Verbindung, alles muß über das Ich laufen.
    Auf der anderen Seite, konträr, läßt sich der gesamte Fortschritt dieser Ich-Psychologie in dem Satz zusammenfassen - das Ich ist genauso wie ein Symptom strukturiert. Im Innern des Subjekts ist es bloß ein privilegiertes Symptom. Es ist das menschliche Symptom par excellence, es ist die Geisteskrankheit des Menschen.
    Das analytische Ich auf diese schnelle, verkürzte Formel zu bringen, ist die beste Zusammenfassung der schlichten und einfachen Lektüre von Anna Freuds Buch Das ich und dir Abwehrmechanismen. Unmöglich, nicht betroffen zu sein von dem Umstand, daß das Ich sich aufbaut und in der Gesamtheit des Subjekts genauso situiert wie ein Symptom. Durch nichts ist es davon unterschieden. Dieser völlig einleuchtenden Demonstration ist nichts entgegenzusetzen. Nicht weniger einleuchtend ist die Tatsache, daß die Begriffe in ihr einer solchen Konfusion ausgeliefert sind, daß der Katalog der Abwehrmechanismen, die das Ich konstituieren, eine der heterogensten Listen ist, die man sich nur vorstellen kann. Anna Freud selber unterstreicht das sehr gut - die Verdrängung Begriffen wie der Wendung des Triebs gegen sein Objekt und der Verkehrung seiner Ziele ins Gegenteil anzunähern, das heißt Seite an Seite stellen, was in keiner Weise homogen ist. An dem Punkt, wo wir uns jetzt noch befinden, können wir's vielleicht hier nicht besser machen. Doch wir können sehr wohl die tiefe Ambiguität/li>
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im Ego-Begriff der Analytiker aufdecken - daß es alles sei, was man erreichen könne, und im übrigen nur ein Stein des Anstoßes, eine Fehlleistung, ein Lapsus bleibe."
Vielleicht noch instruktiver darauf der zweite Seminarband (Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse), ebd. 1980.
  1. Ohne positionale Grenzen verwischen zu wollen und unterdessen ja auch unverdächtig, metapsychologisch auf irgendeiner Hermeneutikschiene zu fahren, sehe ich bei P. Ricœur gleichwohl wenigstens Ahsprungstopoi von der Hermeneutik weg; so in: Die Interpretation. Ein Versuch über Freud, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1969 u.a., S. 159: "Der irriduzible Charakter des Affekts in ökonomischer Hinsicht - d.h. hinsichtlich des Spiels der Besetzungen - bringt eine Situation zum Ausdruck, deren Züge sich allmählich präzisieren...: die Sprache der Kraft ist von der Sprache des Sinns niemals zu besiegen... wir... sagten... nichts anderes, als wir behaupteten, die Topik und ihre naturalistische Naivität seien dem Wesen des Wunsches gemäß, insofern er 'unzerstörbar', 'unsterblich', d.h. der Sprache und Kultur immer vorgängig sei.
    Es ist nicht möglich, diese reine Ökonomik am Rande des Darstellbaren und Sagbaren zu realisieren; wir können das Unnennbare des Wunsches nicht hypostasieren, wollen wir nicht in eine 'Psychologie' zurückfallen.
    (Anmerkung) .. ; was sich im Affekt repräsentiert und nicht in die Vorstellung eingeht, ist der Wunsch als Wunsch; die Psychoanalyse ist die Grenzerkenntnis dieses Unnennbaren an der Wurzel des Sagens; hier werden wir die letzte Begründung für den 'ökonomischen Standpunkt' im Rahmen einer Reflexionsphilosophie suchen."
    Es mag dann immer noch ein weiter Weg sein bis hin zum Endpunkt des "maschinellen Charakters des Unbewußten selber wie bei Guattari zeitlich nicht viel später (so z.B. in: Maschine und Struktur, in: Psychotherapie, Politik und die Aufgaben der institutionellen Analyse, Frankfurt/M. 1976, edition suhrkamp 768, S. 135), doch immerhin! "Das Wesen der Maschine als Bruch, als atopisches Fundament dieser Ordnung des Allgemeinen findet ihren Ausdruck darin, daß man das unbewußte Subjekt des Wunsches nicht mehr von der Ordnung der Maschine selbst unterscheiden kann. Diesseits und jenseits aller strukturellen Determinationen begegnen das Subjekt der Ökonomie, das historische Subjekt, das Subjekt der Wissenschaft, demselben Objekt 'a' als wunscherzeugendem Einschnitt."
    Vielleicht wäre in dieser Todestriebperspektive nicht weniger eine Neulektüre des Opus Lorenzers möglich? Allem Anschein nach müßten die Objektivitätsekstatikspuren trotz der notorischen Vermittlungsmißhelligkeiten hier doch ausgeprägter sein als in Ricœurs religionsphänomenologischen Nobilitierungen?
  2. a) S. Freud, Jenseits des Lustprinzips, in: GW XIII, S. 58
    b) ders., Das ökonomische Problem des Masochismus, in: ebd., S. 377
    c) ders., Jenseits des Lustprinzips, S. 58
    d) ders., Das ökonomische Problem des Masochismus, S. 376
    e) ders., Jenseits des Lustprinzips, S. 58
    f) ders., Das Ich und das Es, in: ebd., S. 270
    g) ders., Das ökonomische Problem des Masochismus, S. 376
  3. zur weiteren Entkomplizierung dieser genealogischen Kontralektüre des Todestriebs das folgende Schema:
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Legende:
Man schreite zunächst im Ausgang von 1 den Kreis der Sadismusformen ab. Jeweils im Übergang von 2 zu 3 und von 4 zu 1 führt der Weg über einen (denselben) Abgrund, der sich Freud-immanent (und wahrlich nicht nur Freud-immanent) bestimmen läßt als die Differenz Innen/Organismus vs. Außen/Umwelt, epistemologisch auch als Theorie vs. Empirie, so daß die linke Kreiswegstrecke nur anamnestisch-"mental" hat sein können. Auch die von uns eingeführte Synchronie/Diachroniedifferenz bleibt fürs erste im Bann dieser Links-Rechts-Aufteilung. Will man nun aber diesen schönen Platonismus bis Aristotelismus quittieren, fahre man erneut im Sadismusformen-Kreisel, wie gehabt. Doch da wir jetzt nicht mehr anamnestisch vs. i.e.S. empirisch oder dergleichen sein können (wollen), müssen wir einiges an Versetzungsakrobatik aufbringen, die unser Text erprobt: nämlich geradewegs von 1 über den Graben nach 4 springen und sowohl 1 als auch 4, gleichwie, als diesen Abgrund selber definieren. 2 und 3 verbleiben dann homogene Masse, nur in sich selbst gerissen, gespalten. Und nichts dagegen dann auch, dieses Aufzeichnungsgebilde, die Identität von 2 und 3, terminologisch in Produktion vs. Konsumtion zu splitten. Und schließlich nicht zuletzt den Diachronieaspekt nach dieser dringlichen Metamorphose, das Ganze dieses numen betreffend, wiederaufzunehmen. Genealogisch resultiert aus der Todestriebspekulation also die in sich selbst thanatologisch diskriminierte Eros/ cogito-Masse, ganz einfach: ursprünglicher Sadismus/eigentlicher Sadismus als diese, vom Ursadismus/Sadismus als Perversion todesgemäß aufgespalten; und ursprünglicher Sadismus/eigentlicher Sadismus (wie Ursadismus/Sadismus
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als Perversion auch) terminologisch arbiträr aufteilbar auf Produktion/Konsumtion; und dies Ganze, selbsteinschließlich dieser Aufzeichnung selber, jeweils sub specie der synchronischen Teleologie dem ontologischen Erfüllungsgrad nach diachronisiert.

Stolpern könnte man im Text unserer schwankenden Todestrieb-Kontralektüre, die freilich der Freudschen Spekulation Gewalt antut,
über die sogleich geltend, wenn auch nicht sogleich deutlich gemachte Inversionsbewegung zwischen eigentlichem Sadismus und Sadismus als Perversion im Unterschied zu der Bewegungsrichtung zwischen Ursadismus und ursprünglichem Sadismus:

jedenfalls bis sich schließlich genealogisch die Identität dieser Extreme und dieser Mitte bestätigt;
ferner über das Gewicht, das die Verteilung der Sadismusformenpaare auf Synchronie versus Diachronie (wenngleich ephemer) erhält - jedenfalls im Vergleich zur peremptorischen Befestigung (Distribution auf Produktion/Konsumtion usw.), die dann recht knapp ausfällt; schließlich erweist es sich ja, daß die Synchronie-Diachronie-Subsumtion an dieser Stelle den Freudschen "Platonismus" höchstens in seinem Inneren leicht traumatisieren mag, nicht aber schon aufsprengt;
schließlich über die vielleicht an der betreffenden Stelle (Diachronieseite) verwirrende Vindikation des Sadismus als Perversion (wegen der Triebentmischung!) als Ausdruck der absoluten Differenz selber; als was ja diese Sadismusform (wie der Ursadismus) schließlich genealogisch fungieren kann.
Vielleicht aber macht es sich besser, um des Nachvollzugs willen den Text eben nicht von den höheren Sekuritäten dieses seines Anmerkungsabschlusses her zu retouchieren, vielmehr in seinen ganzen Schwankungen (Ausschläge einer unvermeidlichen Sinnbewegung von Genealogisierung) zuzumuten.
  1. Eigene ausholende Versuche der ontologiegenealogischen Totalisierung
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enthalten insbesondere "Vom schwindenden Jenseits der Götter. Programmatische Überlegungen zur Ontologie-Genealogie", in: DIE EULE. Diskussionsforum für rationalitätsgenealogische, insbesondere feministische Theorie, Nr. 6, S. 37 -128. Etwas eingegrenzter, fakultativ spezialisierter und vorläufiger hingegen diesbetreffend sind "Die Utopie des Sadismus" und "Logik und Inzest" (in: ebd., Nr. 3, S. 24 -71; Nr. 4, S. 3- 86) verfaßt; während (Pathologie-) Beiträge wie "Krankheit und Konflikt. Das psychoanalytische Krankheitskonzept" (in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie Bd. LXIV/1 (1978), S. 19 -34), noch vor diesen ontologiegenealogischen Versuchen liegen, dahin höchstens stellenweise schon mit viel Reibung aufzubrechen suchen. Die Weiterentwicklung geht am ehesten aus den neuerlichen "Arbeitsblättern für Anti-Psychoanalyse" (in der EULE ab Nr. 4) hervor.
  1. J. Lacan, Kant mit Sade, in: Schriften II, Olten (Walter) 1975, S. 144; J. Baudrillard, Fetischismus und Ideologie: Die semiologische Reduktion, in: J.-B. Pontalis (Hrsg.), Objekte des Fetischismus, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1972, Literatur der Psychoanalyse, S. 318; ders., Die Präzession der Simulacra, in: Agonie des Realen, Berlin 1978, Merve 81, S. 8- 10; G. Deleuze/F. Guattari, Anti-ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1974, S. 368. Zu erwähnen in diesem Vincennes-Kontext sind zudem noch von Baudrillard "Der Tod tanzt aus der Reihe" (Berlin 1979, Merve 85 5. Kapitel aus L'echange symbolique de la mort, Paris (Gallimard) 1976), insbesondere S. 61ff: "Der Todestrieb". Und nicht zuletzt von J.-F. Lyotard "Apathie in der Theorie" (Berlin 1979, Merve 88), ebenso (S. 73ff) eine Diskussion der Freudschen Todestriebhypothese. "...und ein vierter (Heinz, 1976) entdeckte darin (sc. in Kohuts Arbeiten über den Narzißmus) die Philosophie Sartres; (H. Kohut, Die Heilung des Selbst, Frankfurt/M. (Suhrkamp), Literatur der Psychoanalyse, S. 15). Dies geschah aber (in: Jean Paul Sartres existentielle Psychoanalyse. Korrektur der Metapsychologie und narzißmustheoretische Antezipationen, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Bd. LXII/1 (1976), S. 61-88) in kritischer Absicht insbesondere gegen den metapsychologischen Bezugsrahmen, den Kohuts letztzitierte Arbeit dann auch zu quittieren sucht. Wesentlich aber ist jetzt die Kritik der Kohutschen Reorthodoxierungsmaßnahmen, die ausbleibende Grenzüberschreitung an den erreichten Grenzposten, deren "Widersprüchlichkeiten" dem Autor selbst zu vermitteln bisher noch nicht gelang.
  2. Die angedeutete unumgängliche Sicht auf die Lerntheorie/Verhaltensmodifikation hat nun beileibe nichts, gar nichts zu tun mit irgendeiner verkappten reuigen Heimkehr zur Wissenschaft, dessen Pathos bei etlichen Verhaltenstherapeuten (immer noch) uns vielmehr in seiner unsäglichen, fast schon polizeilich verbotenen Indolenz bei Bewußtsein geblieben ist. Wir haben auch keinerlei Vermittlungsversuche etwa im Stile Heigls/Triebels (Lernvorgänge in psychoanalytischer Therapie, Bern/Stuttgart/Wien (Huber) 1977) im Sinn, wohl aber eine nicht imperialistische psychoanalytisch-anti-psychoanalytische Interpretation der Verhaltenstherapie, die eine Art wissenschaftlicher Verschlußform durch den Todestrieb kollabierter traditioneller Psychoanalyse auszumachen scheint. Das ist unsere künftige Arbeitshypothese, die zur besonderen Exposition solcher verhaltensmodifikatorischer Elemente führt, die einen plausiblen Belegwert für sie haben können; welches da sind (rhapsodisch aufgeführt): Dispens der psychoanalytischen Sprachinflation; offen magische Konfrontation
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mit dem Symptom im Nicht-Ubertragungs-Schutz von Verschlußdispositionen; Objektivitätseinbezug am Leitfaden der Symptome selbst gegen dessen Sprachkonvertibilität, Währungsmetabasis sozusagen. Von daher versteht sich wohl auch die anfängliche Favorisierung von Phobien, in denen ja - das phobische Objekt! - die Veräußerung der gebrauchs- (und auch produktions-)blockierenden Objektivität (des Objektivitätsfragments) sprachtranszendierend am fortgeschrittensten ausfällt; man kann also diese Objektivität unmittelbar selber magisch spiegeln.
  1. Der Terminus "Realhermeneutik" hat hauptsächlich die Funktion, die wissenschaftliche/nicht wissenschaftliche "Praxis" von Genealogie selber zu bezeichnen; traditionell ausgedrückt die "Urteilskraft" selbst als Produktionsweise o.ä. In der Evolution der Ermöglichung dieser Potenz des idealistischen (und nicht nur idealistischen) Traums erfüllter Erkenntnis spielt bis hin zur modernen Version dieses Erkenntnisideals, der Schizoanalyse, die Psychoanalyse die hervorstechendste Rolle (vgl. u.a. Habermas' noch naiv hermeneutisch treffliche Paraphrasierungen: Selbstreflexion als Wissenschaft, Synthese von Erklären und Verstehen als Begreifen (Erkenntnis und Interesse, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1968, III, 10.-12.); auch: O. Marquard, Uber einige Beziehungen zwischen Ästhetik und Therapeutik in der Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts, in: Schwierigkeit mit der Geschichtsphilosophie, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1973, S. 85-106).
    So könnte man die Produktionsrevolution Realhermeneutik aufzeichnen:

    Im einstürzenden/sich erhaltenden numen der Aufzeichnung schließen Produktion und Konsumtion, sich zugleich aneinander freisetzend, kurz.
    Dagegen die nicht-revolutionäre wissenschaftliche/rechtliche/ästhetische (einschließlich genealogische) Produktion: Verunbewußtung und Disteleologisierung.
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Blendet man nun die Zirkulations-, Aufzeichnungsspitze dieses Dreiecks ganz aus, so gerät man (siehe gleich: Kritik des Marxismus aus dem Geist der Antipsychiatrie) in den real existierenden Sozialismus.

Der kriterial realhermeneutische Vorgang besteht, um es nochmals zu sagen, darin, die Defizite des Diesseits der Götter nicht zum Vorwand zu mißbrauchen, die Produktionsdimensionen gegeneinander bis hin zur Abkappung der Zirkulationsspitze schließlich zu hypostasieren.
  1. S. Finzi, Marx halluzinieren, in: Antipsychiatrie und Wunschökonomie, hrsg. von A. Verdiglione, Berlin 1976, Merve 59, 5.125/126. Th.W. Adorno, Negative Dialektik, dritter Teil, Modelle, 1 Freiheit. Zur Metakritik der praktischen Vernunft, S. 275 - die dem Anti-Ödipus wohl nächste Stelle; ein gutes Wort aber bitte für die Divergenz: die Verzagtheit!
  2. Siehe G. Deleuze/F. Guattari, Rhizom, Berlin 1977, Merve 67. Die prima-vista-Peinlichkeit mancher Passagen (über Amerika) vermöchte zu schwinden, wenn man D. Charles "John Cage oder: Die Musik ist los" (Berlin 1979, Merve 87) dazu liest: Cage - der rhizomatische Nicht-Vater! Ansonsten aber läßt auch der Anti-Ödipus in der schmählichsten Tradition der angewandten Psychoanalyse die Musik aus. (Doch das hat sich im zweiten Teil "Mille plateaux" (Paris, Les editions de minuit, 1980) stark verändert.)
  3. Zu R. Hentschel, siehe II. Gemeint ist M. Franks "Schmerzbetäubung oder: Die Welt als Wunsch und Repräsentation. Einspruch gegen ein 'deleuzianisches Zeitalter'/'Anti-Ödipus' und seine deutschen Folgen" (in: FR, Samstag 12. Januar 1980, Nr. 10, Feuilleton, S. 19). Franks Gedanken wären als qualifiziertes Exempel der Inflation von Hermeneutik einmal zusammenhängend zu diskutieren; selbstverständlich bleibt auch die Sorgfalt der Diskrimination von Schizophrenie und Paranoia im Objektiven Dauerproblem. Und doch kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, warum die Geistgeneräle neuerdings immer jünger werden....
  4. Die Passioniertheit der Ökologie-Bewegung, das Problem der Antiproduktion rücksichtslos aufzunehmen, führt unvermeidlich wohl zu einem regressionstheoretischen Gebaren; und das muß nicht eo ipso falsch sein, wenn immer Regression die Verabschiedung eines zwar fortgeschrittenen, doch nicht gesicherten Adaptionsniveaus zugunsten eines zwar obsoleten, dürftigeren, doch stabileren bedeutet: Atemholen. Es passiert aber allzu leicht, daß sich das Atemholen verselbzwecklicht, daß es beim Ausbau der Ausweich- und Ersatzbasis, ohne daß diese zu einem neuen Startpunkt würde, bleibt, die sich dann zur höheren Wahrheit fassadenhaft pseudologisiert: Regression versus Regressionismus. Kurzum, so wird die Gefahr der Faschistisierung wiederum heraufbeschworen, studierbar etwa nicht
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zuletzt am aktuellen Feminismus: vergleiche H. Heinz, Faschistische Analogien in feministischen Publikationen, in: mamas pfirsiche - frauen und literatur 6, Münster (frauenpolitik) 1977, S. 4-110; Vom Kurzschluß der Frau mit Kapital/Staat. Frauenemanzipationsstrategien im Dienste des Kapitalismus? in: DIE EULE. Diskussionsforum für feministische Theorie, Nr. 0, Münster (frauenpolitik) 1978, 5. 8 - 67.
  1. Siehe R. Heinz, Lyn Marcus (Arbeiterfraktionen): Jenseits der Psychoanalyse. Wie studentische Sinnwünsche in eine Falle geraten, in: Kritik der Hochschuldidaktik, hrsg. v. K. Horn, Frankfurt/M. (Syndikat) 1978, S. 296-357; Aus dem Jenseits der Psychoanalyse. Beitrag zum Verständnis einer politischen Sekte, in: Analytische Sozialpsychologie, hrsg. v. H. Dahmer, Frankfurt/M. 1980, edition suhrkamp 953/2, S. 534-550 - bisher die einzige ausführliche politische Auseinandersetzung, deren lokale Kulmination in der Dokumentation des Hochschuldidaktik-Bandes leider ausgelassen und die allerdings im Übergang von der Kritischen Theorie zum Poststrukturalismus lokalisiert ist.
  2. Die angedeuteten Erfahrungen hauptsächlich mit einem schizophrenen nomadisierenden Studenten, den ich deplaziert zu "halten" suchte, waren hochtraumatisch und, wie man so sagt, deshalb besonsonders lehrreich. Aus Scheu vor der besagten Ausbeutung, die ich als Ausbeuter lebhaft spüre, aus keinem anderen Grunde, jedenfalls sicher nicht aus Angst vor irgendwelchen institutionellen Repressalien, kann ich nicht umhin, mich wider die eigene Gepflogenheit zurückzuhalten, auch im Hinblick auf die umfänglichen bewundernswerten Schizotexte, die ich in Händen habe.
  3. Einführung in die institutionelle Psychotherapie, in: Psychotherapie, Politik und die Aufgaben der institutionellen Analyse, Frankfurt/M. 1976, edition suhrkamp 768, S. 88f und 96.
    Man möchte verfahrenstheoretisch freilich noch viel mehr von dieser Antipsychiatrievariante wissen! - Daß Deutschland kein Antipsychiatrieland ist, das versteht sich. Dazu fehlte der gebührende antifaschistische Widerstand und heutzutage der Widerstand gegen Fehlformen der Verarbeitung des bundesrepublikanischen Terroristenschocks. Wo gibt es bei uns Vergleichbares etwa zu dem, worüber Gnattari (a.a.O., S. 82) zu berichten weiß?
    "Nach der Entlassung aus Gefangenen- und Konzentrationslagern sah eine Reihe von Pflegern und Psychiatern die Probleme des psychiatrischen Krankenhauses mit neuen Augen. Außerstande, konzentrationslagerhafte Institutionen noch länger zu ertragen, begannen sie, kollektiv die Abteilungen zu transformieren, die Mauern niederzureißen und den Kampf gegen den Hunger zu organisieren etc. In Saint-AIban war die Lage vergleichsweise noch militanter, da das Krankenhaus unter anderem als Versteck für Widerstandskämpfer gedient hatte. Dort fanden sich Intellektuelle aus dem Kreis der Surrealisten, von Freud beeinflußte Ärzte und engagierte Marxisten zusammen. In diesem Schmelztiegel wurden neue Instrumente zur Aufhebung der Entfremdung geschmiedet - zum Beispiel der erste intramurale therapeutische Klub (der Klub Paul Balvet)."
    Umso bedeutsamer müßten für uns dann wenigstens doch Lesarten der Daseinsanalyse werden, wie sie U. Sonnemann (Negative Anthropologie, Reinbek (Rowohlt) 1969) betreibt. Fast nichts dergleichen aber ist zu spüren, stattdessen oft nur die fiesesten Diffamierungen selbst derer, die es in der Psychiatrie bei braver Psychoanalyse belassen...
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Zur geforderten Ausdehnung der Antitherapie selbst auf die Intensivstation siehe Susan Sontag: Krankheit als Metapher (München/Wien 1978, Reihe Hanser 262). Was aber bleibt nach der krankheitsfördernde Schuldverdikte mit aufhebenden Entmetaphorisierung übrig - wiederum der Krebs, organologisch, an sich? Zur Modifikation selbst auch des Neurosenverständnisses siehe - aus einer ja unverdächtigen Ecke - Kohuts weiteres Vorhaben einer narzißmustheoretischen Umschreibung der nicht-narzißtischen Neurosenformen. "I can say furthermore, in agreement with you, that the total area of the transference neurosis will have to be re-evaluated... The essay to which I am referring contains such chapter headings as: the re-evaluation of the Oedipus complex; the re-evaluation of castration anxiety; the re-evaluation of agoraphobia; etc. ..." (Brief vom 25. Juni 1979) (Nicht nur Lacan, auch Kohut ist unterdessen tot. Die annoncierte Re-Evaluation konnte er noch fertigstellen.)
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