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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
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Philosophie der Sexualität (Die Eule Nr. 10, 1983, Wuppertal/Düsseldorf, 23-112)
Erster Ausgang: Ferenczi
"Die Begattung erreicht aber diese zeitweilige Regression auf dreierlei Weise: der ganze Organismus erreicht dieses Ziel nur halluzinatorisch, ähnlich wie etwa im Schlaf; dem Penis, mit dem sich der ganze Organismus identifizierte, gelingt dies bereits partiell oder symbolisch, und nur das Genitalsekret hat das Vorrecht, in Vertretung des Ich und seines narzißtischen Doppelgängers, des Genitales, auch real die Mutterleibssituation zu erreichen."
(Versuch einer Genitaltheorie, in: Schriften zur Psychoanalyse II, Frankfurt - Fischer - 1972, S. 333)
Wunderlicher Trieb, der sexuelle. Er untersteht einem Wunsch, der seine Erfüllungschance gleich zweifach transzendiert, ontogenetisch wie phylogenetisch. In seiner wesensgemäßen Gehaltsdefinition verurteilt sich der sexuelle Wunsch zum Seinsstatus einer fundamentalen Illusion. Hominitätsaufriß sogleich - humane Selbstergriffenheit schickt den armen humanen Menschen auf eine unmögliche Rückkunftsreise, sofern das Reiseziel nicht nicht nichtexistent sein kann, in seiner Nichtexistenz indessen immerhin das Denkvermögen grundlegt (Halluzination), und, mehr noch, die Menschdinge (Realität) und den Sexualkörper (Symbolismus). Drastisch sagts der Text selber: die Realität dieses mehrfach hypertrophen Wunsches bestimmt sich zur autotomischen Ataraxie: fühlloser Samenrückstand, Lebendigkeit (virtueller Lebenstraditionsfluß) exklusiv nur an sich, auf die Fühlbarkeit des Wunsches hin rückbezogen dessen Erstorbenheit. Interimistisch aber als Brückenschlag zwischen dem unmöglichen Wunsch als ganzem (Wunschdenken) und dessen Tod (der Unmöglichkeitsexekution reiner Erfüllung) kulminiert dieser wie im Sinne eines durchaus gnädigen Als-Ob: (Nachträglichkeits)generation der Sexualität, (Reproduktion) der - männlichen - Genitalien.
So versteht sich diese wunderliche Stelle: Verdichtungstotale von einer noch unübersehbaren Reichweite und Vorspiel auch der Lacanschen
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Kategorien des Imaginären, des Symbolischen, des Realen. Und zudem der beiden Bildungsprinzipien des Unbewußten: Metapher (Verdichtung) und Metonymie (Verschiebung).
Allein, auch diese psychoanalytisch äußerst avancierte Sexualitätskonzeption ist falsch; falsch in dem Sinne, daß sie eine Art von gar natürlicher und in sich erheblich verkürzter Festschreibung der uns geläufigen, in unseren Breitengraden ubiquitären Organisationsform von Sexualität betreibt.
Einige Kritikmotive dazu. - Es genügt überhaupt nicht, Ferenczis biologistische Exzesse mit der abstrakten Reklamation von "Gesellschaft" (als Kontrakonditionierung und Kontingenzmonitum zugleich) (anzugreifen. Nein, umgekehrt bedarf es des Nachweises, daß der angemessen bis in die Phylogenese hinein versierte menschgenerative Regressionswunsch mehr ausmacht als Sexualität; daß er vielmehr jene Gesellschaftlichkeit, ja insbesondere die Entfaltung der Produktivkräfte miterzeugt, ja hauptsächlich erzeugt; und zwar dergestalt, daß dadurch der Wunsch mitnichten weniger imaginär wird, seine Realerfüllung in diesem Tode, der Mortalität der Menschdinge, diesen seinen rein phantasmatischen Status mitnichten verändert oder gar aufhebt. Dies ist die "Ausschreitung" von "Fundamentalsexualität" vs. "Sexualität i.e.S." - wie ich diese gebührende Wunsch-, Regressionsausweitung einmal genannt habe; wobei die Verhältnisbestimmung zwischen beiden Sexualitätsarten fällig wird (und nicht indessen die alte Vermittlung von Natur und Gesellschaft). Um aber bis zu diesem genealogischen Endpunkt zu gelangen, bedarf es des Nachtrags des Wunschultimatums, des Freudschen Todestriebs,- intrauterine und thalassalische Regression radikalisiert zur vollendeten Todessehnsucht der Rückkehr in den unorganischen Zustand. Erster Kritikpunkt also: Todestriebausweitung, wenn schon, dieser sexuellen Wunsch-Regressionstheorie; Verhältnisbestimmung zwischen beiden Sexualitätsarten (als Ablösung des alten Vermittlungsproblems). Ferenczis Genitaltheorie bricht vorzeitig - vor der Obiektivitätsekstatik des Todestriebs - ab.
Insofern kann das Verhältnis zwischen Fundamentalsexualität und Sexualität i.e.S. nicht eigentlich zum Problem werden. Offensichtlich aber wird es auch nicht zu einem solchen im verkürzten biologistischen
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Rahmen immanent nach dessen Maßgabe: nicht wenigstens zu dem des sexuellen Reizes des sogenannten Sexualobjekts, der Frau. Wo ist der genaue Blick aufs sexuelle Gegenüber geblieben? Erstreckte sich nämlich das imaginäre Wesen des sexuellen Regressionswunsches nicht in gänzlicher Inversion freilich auf den weiblichen Körper mit; spiegelte sich das je schon radikal todestriebversierte besagte Ich (quasi in Vorwegnahme seiner mortalen Samenrealität am Ziel seines großen Wunsches), eben besonders inklusive seines besagten narzißtischen Doppelgängers, des männlichen Genitals, nicht wahnhaft in diesem, dem also derart reizenden vis-à-vis, ja, dann wäre der beschriebene sexuelle Ablauf eh gestört, Partialtriebrechte setzten sich, der Metaphorisierung entgegen, absolut; was nichts anderes hieße, als daß der Wahn dieser Spiegelungssubsumierbarkeit des weiblichen Körpers brüchig würde, irgendein Stück an Heterogeneität also irgendwie herausspränge. Ferenczi versieht die Expansion des Wunschimaginären auf den weiblichen Körper als dessen phallische Homogeneisierung als des Inbegriffs des sexuellen Reizes, des Wunschreflexes von ebendort. Ausblendung also dieses Gewaltverhältnisses, der Fetischisierung, des immer nur ein wenig zurückgestellten Wunsches nach der Maschine.
Dieser Kritikzug - die Eskamotierung der Homogeneitätszurichtung des weiblichen sexuellen Körpers - ist wohl dahingehend generalisierbar, daß Ferenczi ausschließlich von der patriarchalen Gewalt-Monosexualität handelt; die einschlägige Perspektive ist rein die des Mannes. Diese Aussetzung könnte direkt auch belegt werden durch die raren Stellen zur weiblichen Sexualität(sentwicklung).
"Vom Übergang der Frau von der (männlichen) Aktivität zur Passivität kann man sich im allgemeinen folgende Vorstellung machen: die Genitalität des weiblichen Penis zieht sich regressiv auf den ganzen Körper und das ganze ich des Weibes zurück, aus dem sie ja - wie wir meinen - amphimiktisch entstanden ist, so daß die Frau einem sekundären Narzißmus anheimfällt, in erotischer Hinsicht also wieder mehr einem Kind ähnlich wird, das geliebt werden will, also einem Wesen, das noch an der Fiktion der Mutterleibsexistenz in toto festhält. Als solches kann sie sich dann leicht mit dem Kind im eigenen Leib (bzw. mit dem Penis, als dessen Symbol) identifizieren und vom transitiven Eindringen auf das Intransitive (Passive) übergehen. Die sekundäre Genitalisierung des weiblichen Körpers erklärt auch die größere Neigung desselben zur Konversionshysterie." (ebd., S. 339)
Solche notorische Desavouierung aufkommender Heterogenität nach dem Modell Mann bedarf, denke ich, keiner weiteren Kommentierung;
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die Hominisationsmechanismen, Metapher und Metonymie, sind beim Weibe eben arg lädiert. Wie sollte man(n) es sich eingestehen können, diesem prähumanen und - humanistischen Glücke zeitlebens frustran nachjagen zu müssen? Konstitutiv für den Imperialismus dieser üblichen Organisationsform (männlicher) Sexualität scheint demnach das Vergessen deren erbärmlichen Kopiewesens zu sein. Und gründlich wird das monierte Übersehen des weiblichen Körpers revidiert durch die Inversion des Kopiewesens insgesamt.
Schließlich, so muß ich es leider sagen, führt die verfehlte (Re-)naturierung des humanen hypertroph paranoiden Spiritualitätswunsches - Spiritualitätswunsches eben gerade sexuell - zur grundlegenden Denkfigur des Faschismus: Natürlichkeitsmaskerade höchster mörderischer Verkünstelung. Der unmögliche Inzestwunsch, dessen Entdeckung als des Inbegriffs des Unbewußten sich die Psychoanalyse zugute hält, scheint je schon degeneriert zum nachgerade verdrängenden Prinzip. Ferenczis kleiner Parodieansatz aber - Wunsch, der sich selbst in den Tod schickt - hält diese verheerende Degeneration mitnichten auf; denn die Verkennungen rings um diese kleine Depotenzierung herum proliferieren.
Anscheinend tragen sich die Einzelauslassungen und die Grundlage der Fehlkonzeption insgesamt wechselseitig; lasse ich aus, so begünstige ich - mindest - die Fehlauffassung in toto, und diese treibt umgekehrt die Reduktionen en detail mit hervor. Bevor es weitergeht, das Register der Lücken im Überschlag, bezogen auf seinen Grund/seine Folge, das besagte Fehlverständnis von Sexualität überhaupt:
- Fehleinschätzung der Regressionsintensität, Verkürzung entsprechend der Regressionsdimension um deren ausschlaggebendes Endstück: Verkennung des Todestriebs sensu stricto.
--> intrauterine Regression --> thalassale Regression --> Todestrieb
- Auslassung der Objektivitätsekstatik des Todestriebs als Produktionsgrund, als negentropisch sich wiederauflegende Dingveräußerungsinstanz.
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Diese Doppelauslassung muß zu einer Inflation von Sexualität i.e.S. (vs. Fundamentalsexualität) führen und allein so schon den Gewaltkontext, in dem sie spezifisch - wie? - fungiert, versehen.
- Beiläufigkeit der Berücksichtigung des differenten weiblichen Regressionswunsches, virile Autarkie des sexuellen Szenariums (so als sei kein sexuelles vis-à-vis trotz des Ausdrucks Begattung etc. da).
- Und wenn Berücksichtigung, dann Totalnachtrag der Auslöschung der Heterogeneität, Homogeneisierung mit minderem Resultat, imperiale Inversion der Kopierichtung.
Diese Verkehrung supplementiert das Gewaltelement in der vordem inflationierten Sexualität i.e.S.; die Verspätung aber rächt sich durch Manöver der Abdeckung dieses entscheidenden Elements: Verhängung, (letztlich mißglückende) Indifferenzierung (das uralte Motiv in neuer Fassung: die Frau als der imperfekte Mann) auf dem Grunde der Umkehrung, der irrigen, des Vorbildverhältnisses: offizielle Paranoisierung von Sexualität (je funktionierender, ausgewogener, umso paranoischer).
- Verwechslung überhaupt von Gewaltspiritualität und Natur, vorzeitige Naturkontingentisierung als kontrapunktische Festschreibung des scheinbar Natürlichen mit der unvermeidlichen Faschismustendenz des Natürlichkeitsköders der Gewalt.
Naturkontingentisierung vs. Menschkontingentisierung
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Dies mutet schließlich an wie die Wiederkehr des Verdrängten en gros, Rache an dessen paranoischer Bemächtigung, dem zu Ende geführten Inzestwunsch, der als das Verdrängte, Inbegriff des Ubw, der herkömmlichen Psychoanalyse sich als die verdrängende Kraft selber - antipsychoanalytisch - erweist. Ferenczis kleine "Regressionsparodie" affirmiert sich selbst sogleich seriös, entbehrt also jeglicher Gegenpotenz.
Zu den Kritikpunkten des einzelnen: Regression - Produktion - Sexualität
Sie entsinnen sich der ersten Aussetzung: Regressionsdimensionsverkürzung, horizontal wie insbesondere vertikal. Die Grundstörung der Verhältnismäßigkeit zwischen produktiver Objektivitätsekstatik und dessen Vor-gängigkeit, körperlicher Raffung (oder wie auch immer noch vorläufig zu bezeichnen), dem sexuellen Verhalten expressis verbis, besteht in jener Abkoppelung vom fundierenden Regressionswunsch (Todestrieb) - Kreation des Makro-Ubw, Realitätstautologisierung, Hypostasierung der Mortalitätsinstrumentarien (Logik, Mathematik, Wissenschaft) - und entsprechend in dieser Heterogeneisierung dazu. Solchermaßen resultiert immer wieder und wie neu eine Art von wissenschaftlich vielfach legitimiertem Normalverständnis von Sexualität, deren Merkmal es durchweg ist, das volle Licht des Tages zu scheuen, nicht einer vergleichbaren Öffentlichkeit wie die des gros der toten menschlichen Dinge, des erheblichen mittleren Bereichs der Zivilisationsgüter, selbst der basalen, würdig zu sein. Just die Selbstverständlichkeit dieses halbherzigen kleineren Arkanums, der gar von der Psychoanalyse mitpropagierten allherrschenden Toiletten- und Schlafzimmermythologie lohnt den verdutzten Aufenthalt hierbei: was hat es mit dieser seltsamen Verteilung von Privatheit und Publizität - Brücken etwa tragen keine Kleider, der zivilisierte menschliche Körper wohl - eigentlich auf sich? Gewiß, die deutlichste Prärogative des Todestriebs vor der Sexualität (i.e.S.) als eine Art von eingefleischter gesellschaftlicher (wenigstens bürgerlicher) Normkonstante, als Natur vorgespiegelt; Vorrang freilich bedingterweise, wie gehabt, unter der Kondition nämlich pseudologischer Abkoppelung - Isolierung und Heterogeneisierung - beider Bezugspotenzen, ihrer Diskrimination letztendlich in Natur und Geist. Doch weshalb? Wie immer freilich die superbe Desavouierung
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von Vorgeschichte. Tierheit/Kindheit/Weiblichkeit. Herabsetzung, Entwertung schließt aber die Gefährlichkeit ihres Objekts ein, die Bedrohung von Herrschaft. Und lassen wir uns vordringlich einmal von der Sichtbarkeit der Vollstreckungsform solcher Entwürdigung leiten, dieser kleinen Arkanisation von Verhängung, Bekleidung nämlich (notorisch außerdem nach der Maßgabe des Körpermodells der Schwangerschaft), so konzentriert sich alles Prekäre des Sexus darauf, unverborgen allzuviel aus der Schule zu plaudern, Geheimnisverrat zu begehen, und zwar betreffend die scheinbare Unschuld der also mit gutem immanenten Befangenheitsrecht abgekoppelten humanen Dingobjektivität, den Todestriebniederschlägen rein "für sich". Deren human veranstaltete Spitzentödlichkeit, die durch Rückkoppelung nicht an ihren Naturursprung, den es nicht gibt, sicherlich schwände und die sich ihrerseits am anderen Ende verheerend de facto zu arkanisieren pflegt (als Rüstungswesen und entsprechend als Agentenpolitik), hat also diese dicke verschobene Mehrfachgewandung mit der intern hypokritischen Läppischkeit des liberalistisch Leichtgeschürzten vonnöten, um in ihrem nackten Glanze, abzüglich ihres eigenen Tempelinneren voll der Kriegsgötter, in alle Ewigkeit zu subsistieren. Wie könnte es auch anders sein: - wenngleich durchaus auch in positivem (Gegen)verstande gleicht der offizielle Umgang mit Sexualität also dem mit Krankheit bis aufs Haar, dem bemitleidenswerteren Indolenznegativ des Geheimnisverrats; jedenfalls liegen beide auf der gleichen Ebene, indem sie, einerseits im Guten, andererseits im Schlechten, das innerste Wesen unserer Gottheit Rationalität auffliegen lassen könnten, ja, wenn beide nicht auf der Grundlage des breitesten Konsenses auf Dauer kaserniert wären. Die Äquivalenzen liegen doch auf der Hand? Aus-dem-öffentlichen-Verkehr-gezogen-sein, korporelle Selbstinvolution, different nach Unlust und Lust; Überwertigkeit neutralisierender Fühlbarmachung der objektiven Dingmortalitäten, different nach den spezifischen Adressen der Kriegsobjektiva und deren erotischen (Maschinen)einschlüssen; Publizitätssanktioniertheit, different nach therapeutisch-juridischer Beseitigung und Privatisierung, (mit all ihren wunderlichen Liberalismen). Manifest so der gesellschaftliche Ort von Sexualität, deren allgeläufige bürgerlich-kapitalistische Organisationsform: Privatheits-Korrespondenztabu zu den (noch verbliebenen) erotischen Maschinenimplikationen der (abendländischen) Kriegsrationalität, das deren Absolutheit voll der Gewalt trägt.
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Die Sprache entkasernierter Sexualität, das ist, so mache ich es für mich geltend, die Unablässigkeit einer philosophischen Gespensterrede, die sich dem Autarkiegebaren der Menschobjektivität, zumal deren Kriegsklimax, zu verweigern sucht. Nichts, kein Ding ohne den Schattenwurf seines publizierten sexuellen Opferphantasmas, und dessen nichtige Rede geht aus der unendlichen Fuge zwischen dem Ding und seiner Gespenstigkeit, Präphänomenalität hervor, eine Art Drittes beidseitig geöffneter, sich selbst offenbarer Fühlung desselben. Sollte dieses einzig der Philosophiemodus der Selbstaneignung von Hominität (Arbeit) sein, dann müßte man sich folglich damit vertraut machen dürfen, daß die einschlägigen wahren Verhältnisse den Kopfstand der faktischen ausmachen; denn (mindest) alle Erosmaschinen (mit ihren widrigen Erdenresten) (je ringsum) erschienen in solch penetrant schamloser Nacktheit, daß wir sie, wenn wir menschlich blieben, zu bekleiden genötigt wären und uns selbst dabei mitnichten auszögen, um diese Blöße der menschlichen Dinge also travestisch zu unterstreichen. Angemessener wäre eine solche Barmherzigkeitsaktion als der in unseren liberalen Lebenszusammenhängen eh nur kontextgemäß pathologisierte/kriminalisierte körperunmittelbare Exhibitionismus; angemessener allein schon deshalb, weil diese heitere, ästhetisch überflüssige Duplikation allein in den Stand setzen mag, sich vorzuwagen ins größere bodenständige Todesarkanum der Kriegsmaschinen, die ja ob unserer kopfständigen Betrachtungsweise der Winter-Doppel- und Mehrfachkleidung bedürfen, weil sie - entgegen aller pseudologischen Schuldmolochhaftigkeit ----- dauerbluten. (Schattenmund)
Aktion Winterhilfswerk für Atomraketendeponien.
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Legende. Dargestellt wurde nicht zuletzt die Geburt der Tugend der Scham. "Und sie erkannten, daß sie nackt waren." Aufriß von Geist und Natur, Heterogeneisierung beider gegeneinander mit eindeutigem Gefälle, ja mehr noch: imperialem Übergriff rein nach dessen Maßgabe: Bekleidung (das heißt aber: Wiedergeburt als spirituelle Re-uterinisierung, "Körper" nunmehr in diesem "Geist"gefängnis; üblicherweise wirds umgekehrt formuliert, mißverstanden; corps propre = Seele, Geist, externalisierter corps matière = Körper. Der Sündenfall (inklusive der folgenden Erlösung) kommt aber dadurch zustande, daß sich Objektivität als Todesusurpation organisiert und so nichts als verkennt. Wie ist diesem dinggewordenen Idealismus, der Pseudologie einer Urhomogeneisierung als Heterogeneitätserzeugung der Gewalt zu wehren? Das wurde schon gesagt: Fundamentaleinräumung des heteron, jedoch in beide Richtungen hinein. Soweit fürs erste das Verhältnis der beiden Sexualitätsarten zueinander: de facto die moralistische Verfehlung der Scham/Beschämung.
Was aber genau ist an der also georteten Sexualität i.e.S. so überaus beschämend (relativ auf die hegemoniale Fundamentalsexualität hin); worin besteht deren Desavouierungsgrund des nähern, inhaltlich? Fast hält es schwer, im Dauerkontext des quid pro quo der höheren Todesgeschäfte, unserer abendländischen Verkehrungsgepflogenheit von Wesen und Erscheinung, dem bloßen Symbolismus, Abglanzcharakter nicht zwar des Früheren und Ursprünglicheren, doch des gleichen Anderen, den gesuchten Feigenblattgrund namhaft zu machen - nicht unbedingt nämlich wird nur das Entwürdigte unter der Decke seiner Entwürdigung stark und rebellisch, es läuft auch Gefahr, sich ebendort quasi selber einzubüßen, sich anzupassen, zu verstellen, zu verändern gar? - Anscheinend handelt es sich um menschsexualitätstypische Ineinsbildungsgegebenheiten, abermals Verdichtungen, Metaphern, nicht indessen diesmal in Hinsicht der Libido-Verteilung und -konzentration, vielmehr - und dies wird jetzt einzig kriterial - der - bereits objektivistisch gesprochen - "ökonomischen" Dimensionen von Produktion, Zirkulation, Konsumtion. Allgemein sexuell sind nun die Metaphernverhältnisse diesbetreffend so beschaffen, daß alle drei aufgeführten Dimensionen in der sexuellen Aktion zusammenfallen; Akte, die sich in ihrer Selbsthervorbringung selber zugleich aufzehren (Koinzidenz von Produktion und Konsumtion); Akte, in denen die simultane Gegenläufigkeit der Opferprämierung den
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Opfervorgang (der Arbeitskraft der einschlägigen Organsysteme) gewaltlos aufrechterhält und in dieser Erhaltung in einem aufhebt; instantane Üerschußbeigabe von Lust zur Funktion, über die Funktionslust, die dagegen ja auf Sparflamme brennt, hinaus. Und vor allem Akte, die in ihrer Binnendynamik der Aufhebung je der anderen Dimension von der Zirkulation/Aufzeichnung her ihren Ausgang nehmen. Kurzum: Tausch, selbst aufgehend/sich realisierend in dieser Vernichtungskonservativität der Produktion in Konsumtion und umgekehrt der Konsumtion in Produktion hinein; Vermittlung, Beidseitigkeitstransit (oder, wenn man so will, die "Berührung" selber).
Die Ausgangsfrage eben war die nach dem Wesen der sexuellen Beschämung, die also die vorgeführte "Sexualitätsmetapher" zum Inhalt hat. Vordringlich scheint deren Würdelosigkeit beschlossene Sache dadurch zu sein, daß Sexualität insgesamt in dieser Perspektive ein humanistisch prekäres Verhältnis zur Zeit einzugehen nicht umhin kann: die unaufhaltsame Ausbreitung des Stigmas von Vergängnis. Kein reines Opfercogito (Arbeitskraftverbrauchsfühlung), kein dinglicher Opferabwurf (totes Arbeitsprodukt); desgleichen aber auch keine reine Opferprämien-Empirie (Konsumtionslust); und zumal dergleichen keine Spiritualitätskulmination, für sich am Tausch festgemacht und erfahren, Apotheose zwar, doch vollends eingelassen zugleich in restlose Sterblichkeit; die außerdem dann auch, ja kulminativ gilt, wenn der sexuelle Sonderfall der Zeugung/Schwangerschaft (Reproduktion menschlichen Lebens) aufkommt; denn das Produkt selbst ja - ein Göttlich/Sterbliches wiederum, und mehr noch zuvor die generationssexuelle Letalität, die sich so besiegelt. "Berührung", selbstbereinigt und - offenbar, radikale Zeitlichkeit, Insichdispens der Todesursurpation; und ihr ganzer Menschsinn ist ebendies selbst: Mortalität der Fülle der Zeit.
Inbegriff der sexuellen Beschämung wäre also die rückhaltlose Zeitlichkeit
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des einschlägigen Metaphernwesens, würdelos in seiner ganzen lebendsterblichen Blöße, würdelos - das größte aller möglichen Gerüchte von einer Zählebigkeit, die so herrschaftlich zum Dinge ward, daß diese ihre Reifikation anscheinend nicht mehr beseitigt werden kann? Die Entmetaphorisierung dieser weibischen Metaphernfusion sorgt in einem für die alleine lügenhafte menschenwürdige Zeitreform, die Abschaffung der rasenden Zeitlichkeit der (tierischen) Sexualität mit. Siehe da - das kennen wir alle allenthalben -: aus der Vormenschlichkeit solcher sich selber aufzehrenden Dialektikgebilde werde wunderbarerweise ein regelrechter linearzeitlicher Ablauf mit exakt unterscheidbaren Ablaufetappen und vor allem mit dinghaften Subsistenzen, bleibenden, immerwährenden Produkten; am besten sogleich ein schöner Regelkreis mit gebührender maschineller Perennitätsabstützung; und mehr noch, eine Progressionsspirale solcher Regelkreise.
Jedenfalls steht jetzt fest, was diese schönste Rationalität stört, alleine stören könnte: eben der Einbruch der Zeitlichkeitsmetapher Sexualität, deren Dia-bolik, die faktisch ebendann freilich als Erfüllung der Lüge der Vernunft Legion werden muß. Und jedenfalls gibt diese ratio, ungestört, Sexualität mitnichten allererst frei. Und weiter: zum Zwecke peremptorischer Immunisierung begibt sich diese entmetaphorisierte - also geordnete, abtrennungsbefähigte - Großform in ihr äußerstes Kriegsextrem: Zirkulations-Hypergeist reiner vernichtender Gewalt als Kollaps von Verzicht und Gier ineinander nichts anderes als Totalmimesis der Eros-Metapher Sexualität exklusiv im Toten, thanatologisch. Es wäre fürwahr an der Zeit, das Kriegswesen als letztes Gefecht gegen Sexualität auf der strategischen Basis exaktester Identifikation mit diesem ondit-Aggressor darzustellen - bevor es global noch nicht kracht, als theatralische Körpertravestie durch Rüstung; und ebenso zu erwägen,
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ob nicht die antiproduktive Körperkorrespondenz zum Kriege, Krankheit, mehr als die militant gemodelte Sexualität Individuationsresiduum, Restchance erotischer Selbstwahrung in pathologischer Perversion sei.
Wird man wohl in der Mannigfaltigkeit der Körpervarianten der Sterblichkeitsmetapher Sexualität diejenigen ausfindig machen können, die insbesondere im Objektiven wie ein Verdrängtes wiederkehren (und über diese ihre Herkunft wie revenants nichts verraten wollen)? Im Verband der Subsistenzsexualität liieren sich triebhafte Notwendigkeit und Überlebensegoismus, so als sei im Gegenstück der Generationssexualität das Opfer des Altruismus, der Hingabe an die Existenzobligation der eigenen Gattung, dieses Menschallgemeinen unmittelbar, mit einem entscheidenden Zuwachs an nicht triebhafter Freiheit in der doppelten Rücksicht untötlicher Totalverzichtbarkeit sowie einer nur noch moralisch- etwa notorisch päpstlich - anfechtbaren Lockerung der Kohärenz mit dem Generativitätstelos kompensiert. Letztere Doppelfreiheit wird für die aktuelle Fragestellung sogleich kriterial - Verzicht und - schwächer - moralistische Straffung sprechen Bände -: anscheinend ist der zweite korporelle Typus Generationssexualität das verhängte und unter der Decke eifrigst kopierte Basismodell. Und zwar steht des einzeln einzig diese zur Ganzsublimierung zur Objektivitätsdisposition, bis auf Nötigungsrelikte und -reminiszenzen nämlich reduzierbar. Da es sie nicht eigentlich widerständig, stringent faktisch also gibt, vermag man sie in dieser ihrer Schwäche eh derart wegzuschaffen, daß die Homogeneitätsbeziehung zu ihren memorials im Objektiven mituntergeht: endlich nur Geist... Ausschlachtbar nicht weniger auch die schwächere Schwäche, sich immer an der Grenze höherer Ziellosigkeit zu bewegen, jedenfalls kein selbstverständliches Damoklesschwert über sich schweben zu sehen, wenn das Zeugungstelos in weiteste Ferne rückt, entschwindet. Corriger la fortune naturelle - gewiß, hier mögen nicht an letzter Stelle fundamentale Modellcharaktere, ideal gesprochen, für Kunst beschlossen liegen; doch die wahre Seriösität schaffender Sublimation transfiguriert solche Freiheitsvorgabe in die - Vorgeblichkeit der Legitimation humanistisch erfundener - Überhöhung: Menschheitsethos Arbeitsmoral oder, größer noch, der Schöpfungsauftrag, sich die Erde untertan zu machen. Generationssexualität als Sublimierungsprovokation insgesamt und in diesem
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Rahmen immanent auch als stabilisierende Moralprovokation (inklusive deren humanistischer Selbstfeier): endlich nur noch noch mehr Geist, sprich: das objektive Arbeitsüberich, das sein Es, Generationssexualität, nicht umhin kann, gesetzesmäßig zu motivieren - als Konterkarierung der mangelhaften Zielstrebigkeit seines subkulturell unterirdischen Kontraparts. Urschliche unseres Humanismus. Modellgetreu enthält das sublimativ und streng geschaffene tote Menschending, allen Fetischismus (diese Verhöhnung des geistigen Parasitenwesens), einschließlich der travestischen Fetischismusproduktion gezielt von "Wunschmaschinen", anathematisierend und ins Exil schickend - impliziert es das große Opfer ans Gattungsallgemeine als Insichallgemeinheit ordentlicher "molarer" Maschinen, deren irdische Sternbildentrücktheit nur noch demokratisch entbunden werden müsse (am besten aber gar nicht); Opfer eben nicht in actu generationssexuell als Selbstbestimmung zur Generation, vielmehr als Dingquale selber, das sich kulminativ derart vergöttlicht und alle verworfenen Körper in seine Dienste bar der Rückschenkung, -verausgabung zwingt. Kein generationssexuelles memorial, das nicht von dieser göttlichen Molochhaftigkeit substantiell gezeichnet wäre, dieser läppischen Unsterblichkeit, die nicht umhin kann, über das insgeheime Vor-ding, das lebendige, Lügenmärchen, Dämonengeschichten zu erzählen: ganz umgekehrt ist es die crux des Modells Generationssexualität, viel zu wenig strikte Trieb zu sein. Also erfüllt sich das parasitäre, sich durch Moral selber nachhelfende sexualitätssubversive Überich kurzum als "Molarität" der Maschinen - Schwund des Götterjenseits, Schuldschlund.
Zu wenig ernstgenommen würde aber nun die humanistische Malträtierung der Sexualität, wenn nicht zumal die genaue Detailrecherche von Körperausbeutungen, betreffend die Objektivitätsveräußerung als -veräußerung selbst gölte und danach nicht weniger überfällig und nicht zuletzt der genaueste Nachweis des Es-Metamorphismus in den dinglich objektiven Überich-Todestrieb-Formationen. Im Kontext des zum Hauptopferstoff erkorenen - schwächeren, inkohärenteren, am andern Ufer demnach als die ganze Redundanz, ja Anarchie geistiger Ordentlichkeit und Ordnung transfiguriert und incognito wiederauftauchenden-Sexualitätstypus Generation müßten die -in Anlehnung an E.H. Erikson ausgedrückt - nicht inkorporativen, vielmehr die eliminativen generationssexuellen Körpermodi der menschkriterialen
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Objektivitätsekstase Pate stehen - nein, vielmehr noch: deren subiectum, den kaschierten, ausgebeuteten Legitimationsgrund, der sich in bloßer Virtualität seiner selbst erfüllte, ausmachen. Und innerhalb der sogenannten Eliminationsmodi gilt weiterhin die Auswahl derjenigen, die nicht Werte, Güter, vielmehr Abfall ans Tageslicht befördern, nicht also Samenentleerung und Milchfluß, einzig hingegen die Menstruation; womit sogleich der Verdacht aufkommt, daß die Geschlechtsdifferenz mächtig hier durchschlägt: hauptsächlich der weibliche Sexualkörper zur Opfermaterie, der Urmehrwertabschöpfungsfolie bestimmt erscheint. Und abermals bezeugt der aberwitzige Ausfall einer psychoanalytischen Menstruationstheorie die rationalistische Verstrickung der Psychoanalyse, unmilderbar diesmal durch den entschuldigenden Hinweis auf die Prärogative der infantilen Sexualität. Weshalb aber des einzelnen die Abfälligkeit der Menstruation? Evident bisher nur das Kriterium der Veräußerungsvorbildlichkeit, nicht hingegen die kriteriale Valenz des Abfalls, und ebenso noch nicht hinlänglich der Weiblichkeitsfavorisierung, wenn nicht - Exklusivität insgesamt, obgleich hier beide Maßgeblichkeiten quasi natürlich derart zusammenhängen, daß sie wie eine traktiert werden dürften. Also: es kann nicht nicht eine Abfall-Hervorkehrung, sexuelle Antiproduktion, absichtsvoll als solche ausgegeben, sein, sofern anders das große Geschäft spiritueller Soteriologie seiner Letztrechtfertigung entbehrte. Je einfacher, eindeutiger etc. die Chance der Desavouierung solcher "Natur", notorisch umso stärker das Rechtsbewußtsein des dagegengesetzten geistigen Kontraparts; umso stärker aber auch - von einer Art habitueller Anwaltschaft für alles Desavouierte her gesprochen - die Verstrickung darein, ins Abgesetzte, letztendlich in die eigne Vor-Mißdeutung des betreffenden "Natur"-Phänomens, das einzig in dieser seiner absurden - üblichen, offiziellen - Assimilation die blutige Fahne, fortgesetzt mißdeutet als legitimer Terror autonom gegenteiliger Provenienz, im Äther wehen läßt: Menstruationslappen humanistischer Freiheit. Wir sind der fama des Weiblichkeitsparadigma der Rationalitätsklimax Krieg auf der blutigen Spur - stimmt insofern genau, als der Menstruation, paranoisch vindiziert als weibliche Tötungspotenz (das ist die konsequent vernünftige Interpretation dieser schwarzen Natürlichkeit von einer Transfigurationskraft ohnegleichen - außerdem das ganze Geheimnis des währenden Christentums) -, als nämlich der Menstruation einzig im Kontext der
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Generationssexualität die Fassung leicht abgeschwächter Triebhaftigkeit, faktischer Widerständigkeit zukommt, die ansonsten die Subsistenzsexualität (in wechselnden Graden) determiniert: Menstruation als eine Art Brücke zwischen beiden Sexualitätstypen. Jedenfalls von der Pubertät bis zum Klimakterium erweist sich die Ausnahme von der Regel Menstruation als unverzichtbar, während alle anderen generationssexuellen Funktionen, nicht unbedingt zum Subsistenzschaden der Betroffenen, brachliegen können. Und zudem stellt sich in ihr die besagte Möglichkeit der Abkoppelung vom Generativitätstelos expressis verbis dar - jedesmal wenn es normal blutet, wird die Disteleologiegefährdung dieser Sexualitätsart, ihre (Negativ-)"Ästhetik", proliferierende Insicherfüllung, sinnenfällig, körperlich faktisch. Zuviel des Widrigen, Unordentlichen auf einmal: partielle Sperre gegen die Ganzopferung, -sublimation, Faktizitäts-, Triebrückstand; und - gewiß nicht an zweiter Stelle - derselbe, dieses Residuum, als (Abfall)zeugnis einer anti-teleologischen Zyklik unchristlichen Insichkreisens (und gar auch noch nach allem naturphilosophischen Anschein elementarisch silenisch rückgebunden); ein Hohn auf die zielbewußte Linearität. - Die Angemessenheit des sexuellen Modells der Mortalitätsveräußerung, sie macht der Abfallcharakter der Menstruation aus, objektiv pariert mit der Todeslebendigkeit von Maschinen, dieser großen Geste deplazierter Erosrettung. Und die spezifische Gestalt dieses insonderheit Geist motivierenden Natur-Spezialabfalls Menstruation - Sublimationsresistenz und Fortschrittsfehlanzeige in Sachen produktiver Zielausrichtung - effektuiert die exakte Metamorphismusentsprechung des Kriegswesens, solcher Natur/Unnatur restlos als ganzer die Apokalypse anzusagen: Exekution der Vergeblichkeit produktiver Selbstübereinkunft, "Berührung", aufgelöst in reine Destruktion/Isolierung der einen Todesseite, durchaus in scheinbar großzügigerer mimetischer Periodizität. Wenn die Menstruation gegen ihr "materialistisches" Blutvergeudungswesen - ausgerechnet Blut, das nichtexkrementale Zirkulationsmedium schlechthin, naturphilosophisch die Geistspitze - sublimierbar wäre (wenn es nur kleine Mädchen und alte Tanten gäbe)? Schwerlich kann man den Eindruck abschütteln, daß im aktuellen Rüstungsdelir, das, wie man sich in debiler Serenität auszudrücken pflegt, bloß dem Imaginären der Abschreckung, nicht aber der Kriegsrealie in spe diene, im nichts als erlaubten, ja sich zur Normalitätsnorm aufwerfenden offiziellen
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Wahne (mit der Brust voller Orden) sich die Unmöglichkeit der Ganzopferung/Totalsublimation der Menstruation vollführe.
Menstruationstheoretischer Exkurs
Es ist fast wie das Vorhaben der Abarbeitung eines Spättraumas, eines intellektuellen, auf eine Veranstaltung weiland - 1978 - zum Thema Menstruation zu rekurrieren. Nicht zuletzt an diesem vorzeitig wohl ausgewählten Gruppensujet zerbrach die Gruppe, kam es zu einem aufgedunsenen Schisma unter uns: damals unaufhaltsame Kriegsmimesis, der niemand schon gewachsen war, und ich selbst zumal deshalb nicht, weil ich, neutralisierend gesprochen, auf der "Angst des Mannes vor der Menstruation", deren Initiationsmächtigkeit, wie auf einer schieren Realie fest bestand.
Ich beschränke mich hier auf eine thematische Spezialisierung in den Sitzungsberichten, vielleicht deren Kernstück: Menstruation und Christentum - das weitestreichende rationalitätsgenealogische Motiv.
Das war damals schon sehr deutlich, wenngleich die Paranoia darin wie bare Münze, das weibliche Vorbild betreffend, genommen scheint: "Die ontologiegenealogische Realhermeneutik der Menstruation - und zumal die höhere Realisierung dessen: Abtreibung - macht den hieros gamos der jungfräulichen Mutter (Tochter-Frau) mit dem totesten Vater (Vater der Großmutter?) als Opferauslöschung des Mutterleibs und des lebendigen Sohnes-Manns zugleich: Inbegriff des radikalen Feminismus, moderne Resurrektion der Sphinx, ontologiegenealogische Urprovokation." - "Blutet die Frau, ziehen die Männer in die Schlacht."
"Wie kommt dieser Totalverlust von Eros vor dem roten Panier der jungfräulichen Göttin zustande? Offensichtlich kulminiert hier der split (Schisma) zwischen den Geschlechtern derart, daß er, notwendig im eigenen Geschlecht nachgestellt, den Aberwitz des Kampfes um das Mimesisphantasma, selbst die menstruierende Frau zu sein und der andere Mann der getötete Sohn, entfesselt. Wahrscheinlich die tiefstmögliche Gewaltentgleisung. Dagegen hilft dann nur noch, wie gehabt, Christentum: Ich, der mich selbst opfernde Sohn, gebe mich euch, den Brüdern und Brüdern zur Speise."
Allein:
"Gewiß, Mann und Frau gehen zusammen zur Kommunion, zum Abendmahl, Brot und Wein. Aber wenn sie's zusammen tun wie Bruder und Schwester, so steht die gesamte Prozedur bereits unter den Vorzeichen der durch das Sohnes-Selbstopfer, durch diesen tückischen Botmäßigkeitsumweg, angeeigneten Todespotenz der Tochter-Frau, und dasgleiche kann so dasgleiche nicht sein. Die todespotente Tochter-Frau, die in sich den Gatten/Sohn deren innerem toten Schwieger-/ Großvater, dem eigenen inneren toten Vater also opfert, tritt als virilisierte Nur-Tochter scheinbar neben, in Wirklichkeit aber unter den Sohn, der sich in selbstkannibalistischer Aufopferung diese Opferungspotenz als gesteigerte Praxis der Mutterauslöschung durch den totesten Vater zu eigen macht. Vollends dann der Symbolizitätsschematismus Brot und Wein (und vollends dann als bloßes Bedeuten?), dasselbe in Grün, sorgt für die Externalisierung, den objektiven Ontologieprogreß dieses Opferverhältnisses vor; in der
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Tat, Gott ist Mensch geworden.
Was wurde den ersten Christen vorgeworfen, später dann von den Christen den Juden? Daß sie ihre Kinder schlachteten.....
Was also geschieht der tötungspotenten usw. Frau in dieser christlichen Opferfilialität? Indem sie den Mann, wie gehabt, kommunizieren läßt, wird sie als Tochter sogleich freigegeben, freigesprochen (nicht herausmenstruiert, abgetrieben), jedoch zugleich aus der totalisierenden Vorbildfunktion ihrer Tötungspotenz entfernt, geschwisterinzestuös virilisiert und unterworfen."
Die Auswegs-Imagination habe ich damals - folgerichtig auf, der Linie der Nichteinräumung von Projektionen etc.? - verworfen: Höhepunkt der Spaltung.
"In der feministisch autarken Thematisierung der Menstruation kommen klassisch Inhalt und Form überein. Die Menstruation ist das paradigmatische Phänomen der Unterwerfung realer Sohnes-Männer zugunsten des abstrakten usw. Vaters: Panier der jungfräulichen Göttin."
"Auf diesen Spuren weitergedacht, erscheint der Vorschlag der antiontologiegenealogisch realhermeneutischen Alternative der Menstruation - das Menstruationsexkret als Nahrung - freilich ontologisch wiederum präokkupiert; und mehr noch: die Differenz von Genealogie und deren Dispenses reduziert sich auf das Problem rein der Gangart der ontologischen Einholung letztlich, wenngleich dann nicht mehr nur im Geiste phantasmatisch-magisch, sondern kürzer- und längerfristig real. Ontologisch phantasmatisch unbeschworen stürzt die scheinbare Alternative zur Zeit noch anhaftend psychotisch ab (das ist Grafenberg); à la longue mag es um sie so bestellt sein, daß ihre kollektiv subjektive Existierensmöglichkeit von ihrer eignen stabilisierten makrostrukturellen Unbewußtheitsdinghaftigkeit gewährleistet werden kann (abermals Firestone: kybernetischer Kommunismus?). Also laßt uns die Alternative gruppenprozedurgemäß phantasmatisch beschwören? Wenns nicht doch wieder mehr sein soll, so stellt sich hier erneut Gemeinsamkeit her, und die Einigung auf eine immanent magisch angemessene Gangart mit dem entsprechenden Abbau allzu präjudizierlichen Gebarens in diesem Rahmen dürfte nach aller bisherigen Erfahrung unproblematisch sein? Gewiß, doch unsere Beschwörung hat leider nur in der Philosophie und kurioserweise auch in der Psychoanalyse Premiere. Ansonsten gilt der nicht minder voreilige Hinweis darauf einschränkungslos, daß große revolutionäre bürgerliche Kunst dies Alternativemotiv längst enthält: so beispielsweise Wagners Tristan und Isolde, der Liebestrank."
"Das Essen des Menstruationsexkrets wäre Werk der masochistischen Opfertücke männlicher Selbsterhaltung, letzte Rettung vor dem Tode: nekrophile Selbstkommunion als Einswerdung mit dem totesten Vater, des ausgelöschtesten Mutterleibs. So also sollen wir die Götter loswerden? - das kann in diesem Hyper-Schizo-Ödipus des Menstruationsexkretsverzehrs nicht wirklich im Ernst gemeint sein."
Die deutlicher ehedem als hier im fortlaufenden Text praktizierte generationssexuelle Dechiffrierung dieses Rationalitätsarkanums muß nicht abermals ausgeführt und begründet werden. Freilich gilt diese weiterhin, nur mit der unterdessen vorgenommenen Korrektur der Mitformalisierung der Objektivitätsekstatik, die damals noch in den Grenzwerten der nichtobjektiv-mortalen Immanenz der Gegenseite versiegte. Entsprechend hätte dieser - jetzt mindest stärkere - Objektivitätsakzent zur Folge, in der Genealogie dieser christlich
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avancierten Rationalität den Transsubstantiationsgedanken zentral zu machen: dieser als Inbegriff der - in Realitätstautologisierung, paradoxal "christlich" aber immer noch aufgelassen im Widerspruch des berühmten "Ist" (dies ist mein Fleisch, dies ist mein Blut) - Homogeneität als Kontradiktion -, einmündenden ubwgenerativen - einschneidenden/heterogeneisierenden Objektivitätsekstase; Transsubstantiation als dieser Fugenpunkt, mitnichten ein Glaubensmysterium, unmöglich vielmehr "nicht wie das Reale es wäre, vielmehr das Symbolische es ist" (Anti-Ödipus, S. 206), über die Unmöglichkeit des Inzest).
Im Überschlag bietet sich folgende Sequenz an:
Das ganze Problem aber dieser ubiquitär christlichen Rationalitätsverhältnisse konzentriert sich genealogisch um die Haltlosigkeit der Alternative Projektion oder Realität der weiblichen Tötungspotenz (mit der entsprechenden Redundanzgroteske der Dauerwanderschaften des schwarzen Schuldpeters - siehe die Patriarchatsentstehungsdiskussion). Nein, die menschkriteriale Selbstraptur als Scheinselbstduplikation dürfte es nimmer erlauben, erlaubt es aber in Permanenz gleichwohl, den Teilen der gebrochenen Scheinselbstdoublette wahlweise - hauptsächlich aber historisch de facto der linken Scheinnaturseite - die Seinsschuld gar des Hominitätsrisses selber zu imputieren. Gilt die Projektion, so demnach gleichermaßen die Realität, nur daß die Identität beider Pseudoalternativen an der besagten "Berührung", der selbstbereinigten und -offenbaren sich bräche? Menstruationstheoretisch konkret bedeutete diese "Besinnung" nichts anderes als die schiere Entfesselung des Widerspruchs im "Ist" der Transsubstantiation (selbstverständlich das Gegenteil der großen Gewalthuldigung seiner logischen Entfesselung, logischen Kritik); und dies mit der augenfälligen Konsequenz der restlosen Sichtung des verdrängten Repräsentanten, der verdrängenden Repräsentation und des verschobenen/entstellten Repräsentierten als solcher: gnostische Liquidisierung dieser Gewaltsequenz. Und also müßte ich die leibhaftig alimentäre Parallele dazu - die, gelinde gesagt, strittige Hexenmahlzeit (deren Imagination) von ehedem, diesen Teil der schwarzen Messe, diese Liebeszauberpraktik, die vorgeschichtliche - als korrekt, angemessen, subversiv, fernab davon, das abstrakte Gegenteil der Realitätstautologisierung (Nahrung unter dem Erlösungsfluch unser aller Rationalität) bloß verstrickt zu potenzieren, einräumen?
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Zurück zur Rationalitätsmotivik der Menstruation - Opferblockierung und Zyklik. Mit Zeugung/Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt scheint der ganze Menstruationsspuk sein glückliches Ende zu finden, glücklich für die Kriegsmißhelligkeiten des rationalen (männlichen) Naturkopiewesens, sofern es der Befreiung von diesem Gewalt- und Destruktionsextrem harrt. Solches Harren aber müßte man - jedenfalls in Epochen und Breitengraden fortgeschrittener dingversierter Rationalität - arg bezweifeln; anscheinend geht der kollektive Wunschstrom primär gar nicht dahin oder nur soweit in diese Richtung, um eben noch diese Aufsprengung der Todeszyklik, deren Lebenslinearisierung, -teleologisierung sowie die Restitution totaler Dispensierbarkeit als den generationssexuellen Ausnahmefall einräumen und es ansonsten bei der Prärogative des Todesblutens, Lebensaborts bewenden lassen zu können. Man stelle sich einmal vor, die reifen Frauen bluteten von Natur aus nimmer (nicht nur nicht durch Schwangerschaft), und nicht etwa nur spielten sie das Spiel der Spitzenkulpation dieses ihres einzigartigen Stigmas durch dessen Schuldanerkennung und Wegopfernsbereitschaft oder wenigstens dessen Pathologisierung (die notorischen Menstruationsbeschwerden und -folgehandlungen einschließlich ihrer rührigen Therapie), wie es ja nichts als de facto passiert, mit; es käme je nachdem weder "Tante" noch "Hausfreund". - Gewiß wird sich die paradoxe Proportion von teleologiebotmäßiger Ganzsublimierbarkeit und Eroskonzessionen im "abgeguckten" korrespondierenden Objektiven a fcrtiori hierbei einstellen - je weniger "Trieb"resistenz dort, umso größere Milde hier, so mag es jedenfalls scheinen; es wäre jedoch nicht nur wohlfeil, vielmehr verlogen, in dieser allüblich also konditionierten Eros-Generösität, -Dankbarkeit unter dem strikten Vorbehalt, daß es um Himmels willen bei der apostrophierten Schwangerschaftsschwäche bleibe, die Freilassung des generationssexuellen Eros-Ernstfalls als des Produktionsparadigmas schlechthin zu feiern. Nachweislich ist das Kasernierungsgegenteil der Fall; die natale Grauensreminiszenz und der Gebärneid, diese patriarchalen Spitzeninszenierungen, obsiegen rachegemäß gegen die Utopie, das Todesding-Telos des größeren Hervorbringens in seiner Autarkisierungsentropie in sich konträr teleologisch, erosgemäß durchkreuzt aufzuhalten und aufzureißen. Dies Wunder korporeller Produktion im harten Griff seines objektiven Vorkriegsabglanzes auf der Folie legitimer (immer legitimer) Kriegsdrohung - dafür taugt es zwar
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insbesondere in seiner Verzichtbarkeitsschwäche und seiner Dissidenz von schwarzästhetischer Zyklik; doch in sich - aufkommend, existierend - zeigt es sich mitnichten als unbedarft und schwach. Und das vom Kriege abstandnehmende großzügige Lebenskonzessionsgebaren gerät entsprechend vom Regen in die (größere?) Traufe; alle Hände voll hat es zu tun, das immer voreilig zugelassene heterogeneitätsverdächtige Wunderwerk gebührend zu fesseln; zu fesseln rahmenmäßig en gros durch mimetisch konkurrente Produktionsexzesse im Toten, deren Abgrenzung von Kriegsvorbereitungen mindest letztlich nicht verschlägt, so daß sich Kontinuität ergibt zwischen der menstruationsbezogenen Kriegs-, Vernichtungsresignation und dem auf die Faktizität der Schwangerschaft rückzuführenden Delir der "Zeugung im Geiste", dinglich. Einsamkeit des irdischen Vaters, der lebendtote Kopfmonstren gebiert; erpresserisches monadisches Solistenwesen - wirklich friedlich könnte ich nur werden, wenn es überhaupt keine dicken Bäuche mehr gibt -, das sich in seiner gewaltigen Phantasmatik, gegen die Schmach der Sterblichkeit, des unbedeutenden Vorübergangs des Zeugungsaktes gekehrt, in seiner rein gedanklichen grandiosen Selbstverlängerung in die Leibesfrucht = den Phallus des himmlischen Vaters, den Mutterleib darin auflösend, ganzsubstituierend, hineinimmortalisiert. Wie drückte sich Ferenczi hier aus? Einzig das Genitalsekret, das fühllose, regrediert real vollkommen, begeht wirklich den Inzest. ... Jetzt ist die Himmelsentrückung der treulosen menstruierenden Frau Schwangerschaftstatsache geworden - bleibt nur noch, mit dem Himmelkind und dem Himmelsvater, wie beschrieben, zu kommunizieren, am besten nämlich sogleich dergestalt, daß sich in dieser homosexuellen liaison der Mutterleib als ganzer verflüchtigt und im Maschinenhimmel folglich als tote Hüllenhaftigkeit wiederkehren kann.
Diese Schwangerschaftstransfiguration erweist sich als der phantasmatische Inbegriff rationalistischer Hominisation im Objektiven, "unmöglich, wie das Symbolische es ist", überhaupt.
In toto scheinen beide angedeuteten Traumen, frühe das der Geburt und viel später das der Vaterschaftseinsamkeit, jener eiskalte Prolongation mit ihren zahlreichen, diese Unheilskontinuität stiftenden Zwischenetappen in die Erwachsenenzeit hinein, verflüchtigt, ja aufgehoben positiviert in der reinen Maschinen-Gedanklichkeit der nach außen grenzenlosen Immanenz totaler Disposition: Sohn als
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sein eigner Vater, in der Mutter verblieben, und diese als unendliche tote Hülle lebendig. Anders ausgedrückt, indifferenziert dieser rationalitätskonstitutive Kopistengipfel von nur-noch-Schwangerschaft alle human ausschlaggebenden Differenzen: die des Geschlechts, indem Sohn/Vater Mutter substituieren und als solche in diese übergehen; die der Generation, sofern Sohn Vater impliziert und beide dann etc. in Mutter schwinden; und die des Seinsstatus letztlich, weil die Mortalität der Mutterhülle keinerlei Grenze bildet zu ihrem Sohn/Vater-cogito-Inhalt. Diese ewige ödipale phantasmatische Schwangerschaftsnachstellung als des Rationalitätsinbegriffs (Maschinenproduktion im weitesten Sinne), dieses henkaipan kreiert jenen objektiv erlaubten, ja einzig geforderten Makrowahnsinn an Homogeneität, auf deren Grundlage sich überhaupt erst so etwas wie Logik als polizeiliche Regulation dieses Fundamentaldelirs ausbreitet - der Satz vom Widerspruch in seiner "zirkulativ" gipfelnden Form als Kriegserklärung, auf Dauer gestellt. Nichts als weiße Magie (weiß also nicht nur gleichermaßen tödlich). Wiederkehr der ausgeräucherten Vorzeit, christlich der verbrannten Hexen - es muß nicht mehr ausgeführt werden, daß die Anhaftung, Selbstinvolution Desselben dann krankheitskonstitutiv ist in diesem Rahmen.
Freilich wird man nicht ohne apriorische Hexereiandichtungen an die ratio-motivierende Zentrale Schwangerschaft diese rechtmäßig, wie ausgeführt, transfigurieren dürfen; und diese Imputationen machen das ganze Geheimnis der Zurichtung des zur Verdrängung bereitgestellten Repräsentanten aus - Repräsentant/Signifikat im vorhinein eingetreten in den ganzen Repräsentations-/Signifikationskontext. Das Rationalitätsphantasma sagt dieses selber mit: die angebliche schwarze Urhexerei - christlich entmachtet sodann wie bekannt, und glaubensnobilitiert (welch schöne Geste!), das ist die Parthenogenese von derselben Proto-Grandiosität am anderen Ufer, nur invers: Vaterphallususurpation als Selbstgenerierung und maternaler Indifferenztransit in diese göttliche Frucht hinein in höchster Lust. Äußerst instruktiv fielen hier Recherche und Musterung der Sexualpraktiken der Hexen aus. Also: nicht nur daß die mit unserem Winterhilfswerk bedachten Atomwaffen immer noch dauermenstruieren; ebenso unsere nicht direkt gar so militanten, vielmehr auch heilsamen und unterdessen von uns ja schmuck eingekleideten
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Maschinen, verwandelten sich alle in perenne Frautafeln, millionenfache Auflage der Heiligen Gottesmutter Jungfrau Maria. 0 Wunder! Und wer sich immer noch daran stößt, daß gegen dieses Wunder niemand so recht protestiert, und dies aller Aufgeklärtheit unbeschadet, der möge bedenken, daß bereits die alten Athener den Mädchen-/Tochterstatus (kore) erfanden, mit dem sie dies abendländische Grundmirakel und diesen abendländischen Haupttrick erfolgreich rechtfertigten. Aber wie sollte auch die als solche definierte Tochter von diesem ihrem gar objektiv gewordenen, dinglichen Spezialwunsch nicht insonderheit fasziniert sein? Sie sieht sich selbst doch in diesem Spiegelbild! Bedrängend die beiläufig schon gestellte Frage aber dann, warum es den buchstäblich generations-sexuellen Sonderfall bei uns überhaupt noch gibt. Makaber wäre es, daran - an seine erstaunliche Redundanz - Eros-Hoffnungen, die eben doch nur humanistisch ausfielen, zu knüpfen; wenn ich recht sehe nämlich, ward die ehrwürdige Kanonenfutterthese unmetaphorisch global. Subjektiv indessen, wie man das so schön ausdrückt, und unterhalb oberflächlicherer Unbesehenheiten indiziert der historisch befremdliche Kinderwunsch oft das plötzliche Erschrecken vor der Apokalyptik der fleischlich undurchkreuzten Rationalitätsteleologie: Aufgang von Sexualität dann durchaus, der doch vergönnten Sterblichkeits-Erfüllungsmetapher. Sobald aber dieses monitum, memento - fürwahr keinerlei Aufforderung, Kinder zu zeugen - sich vernachträglichend sentimentalisiert, schlägt es sich eo ipso den ubiquitären faschistischen Vernichtungsmaskeraden zu: Sexualität selber dann, kulminativ als Vollbringung des Konträr-Umwillen von Rationalität, unrettbar als Köder der Todesfahrt der Gattung Mensch. Kinderwunsch, recht eigentlich männlich. Dann aber schlösse sich vollends der rationalitätsgenerative Kreis, wenn die ganzintegrierte Motivrealie Schwangerschaft selbst als solche maschinell nachstellbar würde: allererst eschatologische Klassizität der Übereinkunft von Form und Inhalt als dieses Absorption von jener ganz, endlich das perfekte simulacrum. Man möge nicht sogleich vergessen, daß dies alte homunculus-eschaton aus einer feministischen Marxismusecke (S. Firestone) über den großen Initiationsteich retour kam. Alle Rationalitätsproliferationen, überfließend im Toten wie die Lustprojektion in das Vording immerwährender Schwangerschaft hinein, laufen entsprechend daraufhin zusammen und schleppen freilich alles Obsoletgewordene, Aufgeweichte an Protoformen unmittelbar rationalisierter
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Schwangerschaft - ganze Fabriken, Kliniken, Justizpaläste etc., der Mutterleibsadministration direkt dienend, mit. Schöner Leichenzug!
Das wurde schon angedeutet: die Triebhaftigkeit der Subsistenzsexualität könne keine rationalen Motive höheren Stils in Richtung spiritueller Autarkie, reinen Maschinismus', aufweisen (und die Menstruation sei als Übergang in diesen andersartigen Sexualbereich ansehbar). Das mag zwar so stehenbleiben, doch liefe es auf den fatalsten Irrtum hinaus, diese Triebversion, die Subsistenznötigung als Durchbruch von Natur gegen alle Künstlichkeit, gar befreiendes Erdungsphänomen oder dergleichen märchenhaft mehr auszugeben. Umgekehrt wird es sich mühelos zeigen lassen, daß das hier kriteriale Ganzdefizit an Opfer/Sublimationschance - vom ersten bis zum letzten Atemzug - den rationalistischen Würgegriff an den einschlägig naturalen Schandbarkeiten unmittelbar selber bis hin zur Totalverhängung ihres unablässigen Mordswesens provoziert. Je buchstäblich bedrängender die Sterblichkeitsmetapher Sexualität, umso fülliger, ausgeprägter auch das Schampotential, nicht indessen unbedingt als Affektivität (Signaleffekt), vielmehr dinglich als Kasernierungsritualismus besonderer Arbeit an dieser spröde(re)n Sinnlichkeit - humanistische Mühsal, die sich selber subjektiv dann ganz schamlos (trotz der buchstäblich größten Sauereien) geben darf. Just diese Sorte Resistenzen harrt ihrer Aufhebung an diesem selber; da sie nicht zu beseitigen sind, der härteren, härtesten Transfigurationsweise, der über die Geistkopie von Naturverzicht vorzugehen nicht verstattet, die vielmehr dazu gezwungen ist, Unverzichtbares an ihm selber - das größere Kunststück womöglich auch? - zu verwandeln eis allo genos. - Dieser entscheidende Umstand kommt hier noch hinzu: die Triebhaftigkeitsditferenz der beiden Sexualitätsbereiche darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß beide in einem erheblichen Maße miteinander zusammenhängen, funktional spezifisch liiert sind (Ferenczi: die "Amphimixis der Erotismen", Rolle der Partialtriebe); mutmaßlich derart erheblich wohl, daß wenigstens die männliche Generationssexualität bar der Basismotoren des Gegenbereichs, der Subsistenz, brachläge; daß Heteronomieverdacht für die männliche Genitalität gilt; daß der besagten "Schwäche" noch diese Ohnmachtsdimension hinzugefügt werden müßte; womit außerdem der ganze Problemkomplex "infantile Sexualität"
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spruchreif, würde.
Philosophie und Psychoanalyse des Essens - man kapiert es nicht immer - sind wieder einmal rar. Wenigstens ein Exempel: Hegel, Die sinnliche Gewißheit, Phänomenologie des Geistes:
"Bei dieser Berufung auf die allgemeine Erfahrung kann es erlaubt sein, die Rücksicht auf das Praktische zu antizipieren. In dieser Rücksicht kann denjenigen, welche jene Wahrheit und Gewißheit der Realität der sinnlichen Gegenstände behaupten, gesagt werden, daß sie in die unterste Schule der Weisheit, nämlich in die alten Eleusischen Mysterien der Ceres und des Bacchus zurückzuweisen sind und das Geheimnis des Essens des Brotes und des Trinkens des Weines erst zu lernen haben; denn der in diese Geheimnisse Eingeweihte gelangt nicht nur zum Zweifel an dem Sein der sinnlichen Dinge, sondern zur Verzweiflung an ihm, und vollbringt in ihnen teils selbst ihre Nichtigkeit, teils sieht er sie vollbringen. Auch die Tiere sind nicht von dieser Weisheit ausgeschlossen, sondern erweisen sich vielmehr am tiefsten in sie eingeweiht zu sein; denn sie bleiben nicht vor den sinnlichen Dingen als an sich seienden stehen, sondern, verzweifelnd an dieser Realität und in der völligen Gewißheit ihrer Nichtigkeit langen sie ohne weiteres zu und zehren sie auf; und die ganze Natur feiert, wie sie, diese offenbare(n) Mysterien, welche es lehren, was die Wahrheit der sinnlichen Dinge ist."
Keine Bange aber: diese tiefsinnigen Allusionen haben ihren fixen, außerdem untersten Stellenwert in einem Großprozeß, der mitnichten diesen Vorübergang der Sterblichkeitsmetapher Sexualität in ihrer härtesten subsistenzsexuellen Version aufrechtzuerhalten geneigt sein könnte. Essen als praktische Verzweiflung an der Sinnlichkeit, schön. Sobald aber die Nahrungsmysterien und zumal die Eucharistie zitabel werden, hebt sich das Peremptorische solcher Verzweiflung christlich zumal dergestalt auf, daß deren unsymbolisches Transfigurat, der tote Gottessohn eben in seiner (oral-sexuell nicht schon ausgeschöpften) Totheit selber den Kontrapart der sinnlichen Vergängnis, Geist nämlich zum immer höheren Genusse als Sinnlichkeitsopfer, so wie es eben schon skizziert wurde, ausmacht, "ist": Himmelsbrot, sterblichkeitsenthoben. Und Hegelsch spricht gegen diesen Idealismus sicherlich nicht, daß in "Herrschaft und Knechtschaft" der Genuß dieses gesamten säkularen Opfer-, Gewalt-, Schuldzusammenhangs, nicht indessen die Materialität eines einzelnen knechtigen Arbeitsprodukts, gleichermaßen nur vorübergeht etc. Zugespitzt gesagt, wird christlich/bürgerlich/kapitalistisch der Tauschwert als solcher, der den Gebrauchswert ganz und gar absorbierte, nein, vielmehr noch: der Mehrwertabwurf darin, aufgefressen; recht eigentlich immer "nur" Cages Schweinefotos, die gekocht
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nach Rauschenbergs Erfahrung scheußlich schmecken, so daß das gesuchte Band der Sympathie zwischen diesen und wirklichem Schweinefleisch zur Fehlanzeige ward. Und von diesem Immortalitätstelos her, den also opfernd genährten unsterblichen Göttern/dem unsterblichen toten Gott, fließt die Geistmasse selbst in den Opferstoff als deren human-humanistische Präparation, damit nur nicht irgendwo an dieser gefährlichen Stelle eine Geistlücke klaffe, zurück. "Allerorten ist ein Hyperkannibalismus am Werk, der nicht nur die Speisen selbst verzehrt, sondern die Produktionsformen der Küche verschlingt..." (U. Hermanns, Kartographie des Kulinarismus, Eule Nr. 6). Hypokritisch also die Vorzeitschauer des Kannibalismus; in der christlichen Mythe nämlich, kaum verhohlen, gedeiht die einzige Sohnesleiche zur sich mit Ursprünglichkeit ausstattenden kannibalistischen Metapher, die sich als Fäulnisschematismus in den Widerspruch der Transsubstantiation, die außermenschliche Natur herrschaftlich metonymisiert - und dies hier noch mit vegetarischem Euphemismus, möchte man meinen, so als ernähre sich die Menschheit von Brot und Wein (letzterer verräterisch wenigstens dann Plazenta-Blutrausch-Reminiszenz, zivilisierter Vampirismus). Sohn, der den Vater in seine höheren Wesensrechte einsetzt, indem er dem schmählichen Vorzeittreiben der kannibalistischen Mutter durch die besagte Opfertücke und die kannibalistische Geistmimesis der Eucharistie - alle Welt fortan der verklärte Sohneskörper/Mutterleiche - den Garaus macht. - Erster Zusammenhang auch zwischen Generation und Subsistenz: jene wie die Garantie dieser, und zwar angefangen vom Verzehr des Menstruationsexkrets/des Aborts/des Säuglings, über die Protomaschinenfunktion der zunächst ungeschlachteten Nachkommenschaft vermittelt, bis hin zu den wirklichen Maschinen diesbetreffend (und immer darüber hinaus) selber; inklusive dem schönen supplementären Schein, dem wohlfeil säkularen, in seinen Nachkommen weiter zu leben: auch ein Aspekt der einzigen Inzest-"Realität" des Samens (Ferenczi). Eine Serie, die selbstverständlich die Kontinuität der Vorzeit, die es als Diskontinuum also nicht geben kann, bis in den Himmel hinein indiziert, wo wenigstens dann, unseren Blicken und unserer Erfahrung allerdings entzogen, das fällige Malheur passiert, daß unter der Anführung von Baubo alle geschlachteten Schweine wenigstens auferstehen und die unsterblichen Seelen darum bitten, Abbitte zu leisten. Was aber müßten wir jetzt schon auf Erden tun mit diesem besonderen Maschinenfall?
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Diskontinuierlich ist die apostrophierte Serie der Dienstbarkeit der Generation, des "Entsprungenen", für die Subsistenz, den "Ursprung" zwar nicht, sofern es die Identität der Vorgeschichte mit der Spätzeit zu erheben galt. Nicht aber kann sie faktisch existenzhomogen sein und ebensowenig einhellig wohl im angeführten Subsumtionsverhältnis: die ersten Vorzeitglieder nämlich präsentieren die abendländische Basisfama, die den Inbegriff von Krankheit - verstrickte Opposition gegen die ordentliche Rationalitätsgeschichte - aber zu formulieren erlaubt; und sobald diese (der Glanz in den Augen der Gottheit), sich also absetzend um sich greift, grassiert, wirft sich je auch das "Entsprungene" zur bleibenden Subversion der "mythischen" Herrschaftszustände auf: Einrichtung der umgekehrten Dienstbarkeit, deren Legitimität sich aus dem identisch filialen Blickwinkel auf die phantasmatisch inversive Schuldzuweisung an das Autarkiemonstrum Mutter sogleich in kosmischen Dimensionen stützt. - Rückgebunden wiederum an die beiden Sexualitätsbereiche der Generation vs. Subsistenz, die nunmehr in ihrer wechselseitigen Opfernsdurchdrungenheit aufkommen, und traditionell psychoanalytisch (Kohutsch) ausgedrückt, ist damit die "narzißtische" Substanz der ("objektlibidinösen") Sexualität zum Problem geworden: das Apriori der Selbstinflation mit seinen opulent phantasmatischen Prozessen eben in dieser Scheinheterogeneität der Scheinnatürlichkeit der "Triebe". Man sieht sogleich auch die mentalistische Verfälschung dieses naturphilosophisch nur in Gänze erfaßten real-materiellen Kampfbestandes; nicht weniger dessen psychoanalysetypische subjektivistische Absperrung, die den Todestrieb phantasmatischer Selbsthomogeneisierung als Objektivität, das gefesselte heteron, außer acht läßt und die Krankheit der narzißtischen Entgleisungen entsprechend nicht auf dies Objektive, den Schein narzißtischen Gelingens, zu beziehen vermag; was überfällig wäre. Narzißmustheorie - ein Reformansatz, der schon in seinen Anfängen steckenbleibt: Mentalismus, Subjektivismus, davon stigmatisiertes Pathologieverständnis. - Entwaffnende Selbstentschuldigung der Rationalität: sie zahle der göttlichen Vorzeitmaternalität mit der gleichen Münze heim; auf ihr, der Herrin, der alles verschlingenden Erde, müßten zur ausgleichenden Gerechtigkeit wenigstens Maschinenimmortellen stehen, Zeichen der Subversion der Vatersklaverei am dienstbaren Sohn in beider alleinige Herrschaft. Korrespondenz der Erfindung des radikalen maternal-filialen
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Inzestsogs und der Invention maschineller Gegenautarkie, dieser Todesextreme. Und den Korrespondenzgenerator dazwischen macht der doublebind, den die Mutterheit als abendländische Fundamentalhypothek aufgehalst bekommt (je schon), die sie sühnend/büßend bis in alle Ewigkeit abtragen müsse: die in der Tat konfundierende Doppelmißhelligkeit, mit der einen Hand zu kassieren und instantan mit der anderen wegzuwerfen, die Unmöglichkeit von Retentionelimination und Eliminationretention; Inbegriff der Gewaltrechtfertigung, die unter der oktroierten Sühnemaske freilich nichts denn erhalten bleiben muß, und wehe, sie wird von ihrer angeblichen Urheberin usurpiert - dann folgt die supplementäre Strafe der Krankheit auf dem Fuße. Mutterpflicht im Patriarchat: Sühne-Entäußerung - Hergabe -, Geschenk dieses double-bind, den man nur noch anthropologisch zu- und abdichten braucht (mit den notorischen Märchenerzählungen über Autonomie etc.), und alles weitere stellt sich durch den zappelnden Vatersohn fast schon wie von selber ein: die Parade auf die Konfusion - die Paradoxie, Retention sowie Elimination bis an ihre Todesgrenze voranzutreiben, so daß sie je ins Gegenteil ihrer selbst hinein befreiend, die Mutterhülle aufsprengend, explodieren; Geburtsknall, einladend hinwiederum zu seiner unendlichen Jenseitsmimesis Krieg. Und die kranke Vorzeitsexualität ist die bestrafte Bewußtheit von dessen ungestrafter Unbewußtheit.
Anscheinend verdichten sich wenigstens sekundär diese Verhältnisse im Vorübergang der zumal rationalistisch realinterpretierten Laktation: "Ursprung", dienstbar dem "Entsprungenen"; dessen Subsistenzsicherung im direkten Ausgang von der Generation, fortgesetzt als vermindertes Opfer; nicht-Reziprozitätsumkehrung als extrauterine Miniatur des intrauterinen Existenzparasitismus; die Schrecken des maternalen Vorzeitkannibalismus invers domestiziert zur Stillensinsel partialisierten Semi-Kannibalismus (Semi - allerhöchstens, Körpersekrete sind ja körper-autotom; es sei denn, man billige Abrahams zweiter Oralitätsphase, der oral-kannibalistischen, wegen der Zähne/des Zubeißens Buchstäblichkeit zu; was aber, wie immer im Kontext der infantilen Sexualität, übertrieben sein muß); und der gesamte Vorgang, befristet, zwischen dem Mutterleibstatus und dem direkten Anschluß an die Nahrungsmaschinen: Protoeucharistie. Offensichtlich kam Ferenczi nicht auf die Idee, metaphorisch/metonymisch die Laktation vergleichbar dem Genitalakt darzutun; ging
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wohl insofern nicht, als die Geschlechterposition, wie leicht zu sehen, doppelt haltlos würde, und dann gar dieser Greuel der manifest weiblichen Homosexualität zwischen Mutter und Tochter. Wie immer wären die in diesem Rahmen als pathologisch sanktionierbaren Laktationsdissidenzen äußerst instruktiv im Hinblick auf die Unbewußtheit der militanten Nahrungsmaschinen, die sie ja befangen rückspiegelnd offenlegen; in diesem Kontext immer nur Usurpationsvarianten des ausgeführten double-bind zwischen den Eckwerten von Verhungernlassen und Ersäufen, deren Gefährlichkeit allererst durch die Maschinensubstitution der mammae insgesamt beherrschbar wird; was - die Sonderschwäche der Laktation? - de facto am weitesten fortgeschritten scheint. Halbherzig dagegen die übliche immanente Zeitdisziplinierung (bis hin zum Abstillen) des Stillaktes, dessen "Ästhetisierung" allerdings eine Art von natürlicher Grenze, die Subsistenztriebhaftigkeit selber, aufweisen dürfte.
Fehlt nur die anale/urethrale Subsistenzsexualitätsausprägung, die das authentische Abschluß- und Kulminationsstück in rationalitätsgenealogischem Betracht bildet: Arsch der Welt, ganz zuoberst. Evident, wie ich mir denke, deren eliminative Triebhaftigkeit mit der notorischen Folge des Ausfalls ihres Ganzopfers/ihrer -sublimation. Unschwer wohl auch, die Differenzierung dieser ihrer Triebverfaßtheit nach deren Intensitätsgrad en detail - urethral vs. anal, beides vs. oral (und auch menstruell) etc. - zustandezubringen. Trifft man beim Essen aufs Kriterium der mühselig humanistischen Rationalisierung der Speise an ihr selber, wie ausgeführt, die, so möchte man oft meinen, in ein komisches Mißverhältnis zur stupiden Identität der einschlägigen Organapparatur tritt, so entsprechen im Exkrementalbereich diesem harten Rationalisierungsmodus nicht, weniger hart, verwandte, äquivalente: supplementäre Exekutoren der Zerfallshaftigkeit, des Leichencharakters dieser Dejekte, so als müsse man wie natürlicherweise seine liebe Not mit dieser anscheinend kurios überflüssigen Offenbarkeit des intestinalen Mordwesens haben; schlechterletzt also doch noch diese peinliche Anschauung/Anriechung des unpeniblen Todes, nachdem er wie in einem Tempelinnern bis dahin so verläßlich verborgen war. Weg damit. Kurzum: die Rationalitätsform dieser Triebbranche, sie bildet sich als "Privatisierung des Afters" (AÖ) - die offene Geheimniskrämerei unser aller Toilettenmythologie, Selbstarkanisierung,
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Autoagententum/Spionagesystem, Sühneverhängung selbstinduzierter Opferschuld durch Monadenhermetik, vorübergehend, und abschwächbar nur durch "kindliche Unschuld" - und als Hygienewesen - am Ort das rasche UnterdieErdebringen dieser Leichenschandbarkeit, Liquidisierung am besten (unbeschadet deren wissenschaftlicher Großverwertung - siehe Kläranlagen!), das zu unmäßigen Extrapolationen Neigung hat, so als besitze der Miniaturtopos After mit seiner Todesausscheidung die mirakulöse Gabe, zur Fülle des Seins selber zu expandieren. Von der Hexenverbrennung zur chemischen Kriegsführung. Sie bemerkten es längst, denke ich: am übelsten stinkt die blankgescheuerte Erde. Abermals trüge es ein kleines Stück Weges, die Psychoanalyse diesbetreffend zu Rate zu ziehen. Befremdlicherweise aber versiegt deren genealogische Potenz schon vor der exakten Logik der keinesfalls ja natürlichen Entwertung, Verwerfung der Exkremente: der betreffenden Monadologisierung und der expansiven Hygiene. Sogleich dagegen, der Eingangsfrage entlang: inwiefern macht diese Subsistenzsexualitätsbeendigung den rationalitätsgenealogischen Schlußstein aus? Man muß sich sogleich mit dem allerchristlichsten Bürgergedanken vertraut machen, daß rationalerweise nicht minder der gesamte Subsistenzprozeß, und keineswegs nur der der Generationssexualität, unter dem Stigma der Trinität steht: letztendlich dramatisch Vater und Sohn im Geiste vereinigt, post festum, nach dem Weiblichkeits/Mutteropfer, vermittelt über die Tochterpermissivität dafür, des Sohnes; und dies, wie immer, automotiviert durch die Kollapsfolie der Vorzeitsumkehrung dieser rationalen Grundkonstellation: dem Verschwinden von Vater und Sohn, inklusive dem Tochterschematismus, in der Urmutter. Das heißt nun, subsistenzsexuell spezialisiert, daß der Inkorporations(Verdauungs)-Körper des Menschen, der humane, sich differenziert in die Inkorporation in actu zunächst, bestehend aus deren Körperinstrumentarien (V+) und aus deren Ingangsetzung, Funktionalisierung durch die Absonderung ($ / S) des Inkorporats (T ((M)). Wohlgemerkt trägt der Subsistenz-Körper selber, derart unvermeidlich, wie es scheinen muß, vindiziert, diese Gesamtheit der sexuellen Strukturbestimmungen in sich: tochtervermitteltes Mutterleibopfer am sich diesbetreffend selbstopfernden Sohn als funktionsstiftender Eingang in den himmlischen (toten) Vater; Strukturbestimmungen, deren christliche Fortschrittsobservanz pauschal sowohl in der Ineinsbildung von Tochter und Mutter als auch in der filialen Vorausokkupation dieses
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Fusionsgebildes besteht. Imitatio Christi demnach, indem ich mich essend und trinkend also am Leben erhalte; das derart garantierte fonctionnement meiner einschlägigen Organe - die Erdenvollendung der Heiligsten Dreifaltigkeit.
Allein, dieser numenale Körper, er scheißt und pißt gleichwohl. Verrat also in dem doppelten Sinne, daß Verborgenes verboten offenbar gemacht wird und daß diese Offenbarung das tabubegründete Gesamtarrangement expressis verbis dann auch noch zerstört. Höchste Kollapsgefahr für die bis dahin gediehene, noch nicht ultimativ bewährte Rationalität: Mutterleichenresurrektion, Urmutter-Schlangen-revenant, der paranoische Verfolger, männlich - denn diese Wiederauferstehung subvertiert ja - und darin gipfelt das Grauen - die maternale Opfermaterie in den Vater, der sich als der Seinsverlust des Sohnes mit diesem tödlich entzweit; was Homosexuelle zu bannen suchen - durch das Opfer der Generation an diese Subsistenznot; und ein simpler Gedanke außerdem, wenn man Krimis und Spionagefilme zumal sich anzuschauen nicht verschmäht. Vornehm ausgedrückt: Erdenrest, aufs peinlichste zu tragen, blödsinniges Naturmitgiftmalheur, diese Irriduzibilität, einfach tierisch. - Allentscheidend für den Ausgang dieser Gigantomachie also werden die Rationalitätsregie-Finten, dieses Endstück betreffend. Und wir kennen sie ja schon, jedenfalls zum Teil, diese Basisgroßtaten des fortgeschrittenen Abendlandes: Opferpotenzierung, Zusatztötung gar des Toten, Leichenschändung, Nekrophilie, dies unüberbietbare Opfer nach der Maßgabe des peinlichen Verrats, der Veräußerung, rekaserniert: das Häuschen und die Klärgrube, siehe da, das künstlich im Toten restituierte Tempelinnere Mutterleib (Vereinzelung und Hygiene). Was aber täte man bürgerlich rationalitätsgerecht auf der Toilette (man bemerke den schönen Mehrsinn dieses Worts!), nein, was tut man längst schon ebendort? Man tätigt den split der Subsistenzkörperverklärung, Wiedergeburt aus dem Wasser und dem Geiste: watercloset. Ja, aber es ist das offenbare Mysterium solchen Endsplits, daß die gesplitteten Sphären zugleich eo ipso in sich zusammengestürzt sind (fair is foul and foul is fair); und das hieße, heißt: der wiedergeborene verklärte Subsistenzkörper ist selbst als solcher das Inkorporat seiner verworfenen Hinterlassenschaft, selber nichts denn faeces-Leib, Hadesschatten. Und wie hat er sich dahin gebracht, zu diesem Hominitäts- und Humanismusultimatum, das die memoria-Funktion, das menschliche Selbstbewußtsein
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allererst generiert? Koprophagisch ganz und gar, subsistenzsexuell; und generationssexuell homosexuell; wobei beide ungleich gewichtigen (wegen des Triebhaftigkeitsgefälles zwischen beiden Sexualitätsbereichen ungleichgewichtigen) (klinischen) Greuel abermals die verstrickte ("kranke") Bewußtheit, Gnosis, des korrespondierenden Unbewußtseins dieses Endspiels, der Ur-, Protomaschine: Scheißhaus/ataraktischer Lichtkörper (Depersonalisation) ausmacht.
Jetzt aber könnte es so aussehen, als sei der mehrfach angeführte Rationalitätsmodellcharakter weiblicher sexueller Leiblichkeit - Schwangerschaft/Menstruation etc. - quittiert. Nein, dieser Schein trügt. Denn - erstens, und das ist trivial - heben die nachgezeichneten Manöver der Subsistenzsexualität mit ihrer "natürlichen" Geschlechtsdifferenz diejenigen der anderen, der generationssexuellen Seite, aufs Produktionsvorbild Weibskörper bezogen, mitnichten auf. Und - zweitens, das wurde eben ausgeführt - sind jene, die subsistenzsexuellen Rationalisierungsmodi, der "natürlichen" Geschlechtsindifferenz dieses Bereichs unbeschadet, keineswegs nicht wiederum weiblichkeitsmotiviert im Sinne der zitierten Kollapsfolien-Projektion in den gesamten Subsistenzkörper, Projekt des paranoischen Todesschattens seines Funktionierens. Nur dieser Unterschied zwischen Subsistenz- und Generationssexualität tritt - zunächst - hervor: daß nämlich jener Rationalisierung nicht nur an ihr selber in ihrer undispensierbaren Triebhaftigkeit sich ausführen muß, daß zudem die Motivik all dieser humanistischen Vergeistigung ebenhier genötigt scheint, ein (doch wohl fast gänzlich) geschlechts- und generationsindifferentes (Natur-)Substrat sexuell zu differenzieren, und zwar durch Interpretation sozusagen, die keinerlei Sinnenfälligkeitsbeweise zu ihren Gunsten geltend zu machen vermag, die sich offensichtlich einer total phantasmasierenden Extrapolation sexueller Differenziertheit aus dem generationssexuellen Nachbarbereich verschuldet: Ensemble also der Obligation härtester Arbeit und reiner Phantasiebegründung dafür. Und solche Gebilde sind der allerbeste Vaterboden für die Mannheit - das ist jetzt der nächste Schritt -, deren generationssexuelle Unbedarftheit subsistentiell überzukompensieren - bis hin zur obligatorischen Ausschweifung, der tunlichst sogleich verunbewußteten (denn deren Bewußtheit gehörte fürwahr hinter verschlossenste Türen), in diesem Solistenhimmel die Fülle der Weiblichkeit mannbar selber zu sein
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(transsubstantiationsgemäß zu sein, und nicht zu bedeuten). Rache der einsam verlassenen Virilität, aus der herben Menschnot der Triebwiderständigkeit der Subsistenzsexualität diese Tugend ihrer Domänisierung zu machen; bebender Grund großspuriger Okkupation eines Neutrums - mit viel Isolierung und Retouchen am Isolat zu einem solchen gemacht (man muß Frauen eben nur umdrehen / auf den Bauch legen etc.), wiederkommend als die angebliche Geschlechtsneutralität der Maschinen- durch Deneutralisierungsphantasmatik mit erborgten, ja gestohlenen Prinzipien. Vatersohn kann alles und alles auch besser - o Heiligste Dreifaltigkeit, dieses buchstäbliche Scheißhaustheologoumenon: das Sein insgesamt ist (ist!) der Sohnesabort - Ganzkörperleichfaeces (wieder)gegessen. Gott restlos des Menschen ... Unmöglich also der weibliche Körper; la femme n'existe pas. Sie existiert nur nicht, wenn sie mords- und mannmäßig ... nun ja, Sie wissen schon; worauf die Mannbarkeit aber als den Vermittlungsinbegriff der Transsubstantiation (und überhaupt des Erlösungswerks) angewiesen ist. Abermals, jetzt zugespitzt die ganze Rationalitätsgunst der Tochtererfindung, das Zentrum weiblicher Unmöglichkeit. In diesem Schlußposten wird offenbar, daß die Rechnung des Abendlandes nicht aufgehen kann; dies freilich keineswegs in hoffnungsvoller Rücksicht. Hauchdünn dies Ultimatum patriarchaler Legitimität - man sieht die ganze Übertreibung, vornehm gesagt. Lebenstodeshymen - "also doch die Apokalypse"?
Die urethralen Subsistenzsexualitätsanteile blieben erneut bisher auf der Strecke. Der Schein der quantité négligeable - "ich muß klein" - hat wohl mehrere, sich genealogisch zusammenfügende Gründe. Zuvorderst der einschlägige Vorderfront-, Frontalcharakter, diese Devianz vom rechten Wege der läppisch-grandiosen Neutralisierung durch einfaches Umdrehen; womit die Deplazierbarkeit des Urethralen am generationssexuellen Gesamtort aufkommt. Und ferner führt die Nässespur allzu deutlich ins Mutterinnere (bis zur thalassalen Regression) zurück: ein kräftiges Pedal der für das Los der Generationssexualität ja typischen Blickentrückung, Entwirklichung. Und ferner muß das an diesem falschen Orte nicht sogleich kapitulierende Indifferenzierungsbemühen scheitern: notorisch doch erstreckt sich der Geschlechtsunterschied, wie immer auch schwächlich, hier auf ja mit, bis dahin. Seltsame Polyvozitäts-Resistenz (nicht Fisch und nicht Fleisch), die sich abrundet dadurch (gewogen und zu leicht befunden - urethrale Pornographie als Ausgelassenheit,
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Spritzigkeit), daß die Verworfenheit des inkonsistent liquiden Dejekts wesentlich unausgeprägter bleibt im Vergleich. Brauchbarkeit höchstens als Winde-begleiteter Herold der größeren Geschäfte. Auch hat der Mann rein für sich selber hier ja allen Grund, urethral nicht sogleich direkt nachzufassen - wegen der Infantilitätsschande bloßer Urethralität des Phallisch-Exhibitionistischen, der Enuresis und Herostratismushaftigkeit des großen Ehrgeizes. Und wie fatal fallen beide, Urin und Samen, später dann als Austrittsort gar zusammen. Frontaldeplacement mit "elementaren" Mutterleibsinneres-Evokationen, verbleibende äußerliche Geschlechtsunterscheidbarkeit vergleichweise schwächeres Verworfenheitsgewicht des Produkts - in der Tat: "ein seichtes Wässerlein verleumdet oft den Inzest" (AÖ, u.a. S. 206), dies bis in ärgerliche psychoanalytische Nachlässigkeiten diesbetreffend hinein. Die irritierende Ambiguität des Urethralen, zu seiner offiziellen Verkennung fast dauerveranlassend, besteht darin, weder vorne noch hinten recht zu passen und sei es hier sei es dort rationalitätsmotivierende Gewichtigkeit auszubilden; eine Art von wenig nur gerne gesehenem Verwandlungskünstler, unschickliche Vexierbildhaftigkeit - so muß es zunächst wohl scheinen. Doch eben diese seine Sperrigkeit gegen ordentlich-restlose Subsumtion - es dürfte, recht eigentlich nach geistigen Gütemaßstäben besehen, nur eine einzige subsistenzsexuelle Austrittsstelle geben, hinten freilich und als ganze geschlechtsneutral und auch nicht "flüssig" und "fest" diskriminierend und ohne die phantasmatische Regressionsanlockung nicht weniger auch - und zumal die Gefahr des plötzlichen Befalls durch diesen Weiblichkeitszug am dafür nicht vorgesehenen Phallusorte (Ejaculatio praecox, Impotenz - unter diesem Aspekt), und dieser gar auf dem Naturfatum der besagten Schandidentität des Autotomieorgans ganz unphantasmatisch realbegründet, und zudem die schwere phallische Ohnmacht der Kindheit unvermeidlich memorierend - also: eben diese sich durchaus urethral konzentrierenden Mannesnöte aber lassen die unseriösen, leichtfertigen urethralen Sexualitätsanteile, mit zu den brutalsten Rationalisierungsmotoren werden, deren Spezifik unschwer nicht zuletzt aus den erwähnten Pathologiekorrespondenzen rekonstruierbar wäre; das Geringgeschätzte gewaltgenerierend also mit zuoberst, das Sichübernehmen (freilich virtuell immer auch für den Partisanenunderground, auch intellektuell, zumal).
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Exit Ferenczi: unter den Stichworten Regression - Produktion - Sexualität versuchte ich, Grunddefizite dieses Autors in eigner Regie und bald sehr weit auch von diesem Ausgang weg aufzufüllen, und zwar zunächst die Auslassung des "Todestriebs" und dessen Objektivitätsekstatik zumal; was zu einer Gesamtberücksichtigung der Sexualitätsverfassung in hominisationslogischem Betracht nötigte. - Der darauf folgende Kritikpunkt betraf nun Sexualität im engsten Sinne, die genitale: sie sei, so das Verdikt ehedem, fast ausschließlich aus dem Blickwinkel des Mannes, dessen Regressionswunsches, dargestellt; und wenn sogleich nicht, so verkomme Weiblichkeit, männlich homogeneisiert, zur imperfekten Kümmerform dieser Mono-Sexualisierungsgewalt. Quid pro quo demnach der Kopierichtung, des Vorbilds, Paranoisierung der genitalen Sexualität solchermaßen. Letzteres nehme ich als weiterführendes Stichwort wieder auf:
Paranoisierung der genitalen Sexualität.
Nicht daß Ferenczi den (genital)sexuellen Wunsch nicht adäquater als alle unangebrachte, ja schlicht oft falsche Triebtheorie monadologisch vom Manne her dargetan hätte - diese unmögliche Metapher/Metonymie, die sich in sich wiederum metaphorisch/metonymisch vielfach bricht, pars-pro-toto-Serie, die, sich realisierend, sich sogleich auflöst: Regressionswunsch, Körper, Penis, Samen, die Endstation Erfüllung als Tod - das ist schon so, sehr nahe unserer "Sterblichkeitsmetapher" Sexualität: das Opfer dieser Unmöglichkeit als virtueller Produktionsgrund im Lebendigen, Generation (und wahrlich noch von mehr), doch wo bleibt, wie schon moniert, das vis-à-vis? Fällt es, der weibliche Sexualkörper, auf diese schöne Metaphern-Todeslebensfahrt gegenüber bezogen aus, so scheint doch eine Art von monosexueller Selbstinduktion unterstellt, deren unterlaufendes Zutreffen nicht aber der Theorieaufgabe enthebt, diese, die virile Selbstinduktion in Sachen Sexualität (jetzt Sex), Homogeneisierungszurichtung des weiblichen Körpers, ausdrücklich darzustellen. Also muß ich das bloß unterlaufene Nichts des weiblichen Körpers in diesem Szenarium, Ferenczis Leertopos, immerhin besser als die Deklaration natürlicher Reize und dergleichen mehr an Lügen, nachtragen. Was macht das nicht natürliche, gemachte Reizsame des anderen Gschlechts, diese herrschaftliche Homogeneitätsprojektion, Differenzbeseitigung - paranoisch, insofern der
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Abgrund der Aufkündigung dieser Heiligen Dreifaltigkeit immer gähnt und wenigstens die Scheinbarkeit gelte, daß der Kollaps im männlich Homosexuellen verharre - en detail aus?
Die erste einschlägige Rahmenmaßnahme im Zusammenhang der Normalfetischisierung von Sexualität im engsten Sinne wäre Ikonisierung zu nennen. Dem zum Gesamtkörper metonymisierten/metaphorisierten Regressions-, Inzestwunsch entspricht auf der Gegenseite das Mortalitätsanalogat zum Spiegelbild, gestaltkonserviert, doch phantasmatisch totalentrückt: Ganzporträt-, Ganzakthaftigkeit von Frau. Die Maschine ist im Wunsch, fürwahr, und diese Rahmenikonisierung (Ausbreitung des weiblichen Phantasiephallus, Fetischs in psychoanalytischem Verstande auf den ganzen Körper, objektiv) der erste Schritt der Erfüllung dieser humanistischen Implikation. Ewigkeit des entrückten Narziß, Lacansche Jubilatorik: das heteron geopfert und als geopfertes jenseits voll erhalten (oder jubelt das männliche Baby nicht vielleicht doch sogleich über den größten aller Treppenwitze, diesen? Oder sind Männer dafür zu dumm?). Als Philosoph bin ich jetzt freilich äußerst versucht, die Genealogie der platonischen Ideenlehre hier und nur hier anzusetzen; und große Ausflüge auch in Plotin hinein zu unternehmen ... Jedenfalls extrapoliert Mann in dieser seiner Großtat der Tetanisierung/Katatonisierung des weiblichen Körpers insgesamt rahmenmäßig (siehe da, der platonische Ideenhimmel exklusiv voller Mutterleibleichen, mumifiziert! Bedenken Sie aber, in der Moderne wunderbarerweise wieder zusammengefügt und aufgeschminkt, nachdem ... nun Sie wissen ja ... da müssen einen doch die stärksten Adorationsgelüste überkommen!) - also jedenfalls extrapoliert Mann das Distanzfluidum seiner Blick/Handpotenz, Kopf und Hand - man(n) kann's ja sowohl anfassen wie auch ansehen ohne Spiegel - ins vis-à-vis, so dieses gefügig wäre, zu dessen höherer Ehre, nämlich menschliche Arbeit an ihm zu verrichten, dafür die apriorischen Bedingungen der Möglichkeit bereitzustellen, män(n)schliche Arbeit, sagt Irigaray. Und soviel bleibt vom Sexualtrieb, seinem Beginnen, übrig.
Also die erste rein platonische Phase des "Begattungsakts", rein noch aus dem Blickwinkel des projizierenden Mannes dargestellt - wie es dem vis-à-vis dabei zumute sein kann, davon im Zusammenhang später. Nun zur zweiten Arbeitsmaßnahme, entsprechend der
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fortschreitenden Metaphern - etc. - Diminuierung: Einschuß des Wunsches, über den Gesamtkörper vermittelt, in, als die Re-produktion des männlichen Genitals, Erektion. Dieser korrespondiert fortgesetzt projektiv (und nicht ohne die präparierende Blick/Handwanderschaft einer Art stufenweisen Annäherung - nates, mammae - an diesen prekärsten heteron-Inbegriff) die Auswahl, Verausschnittung des Genitalsektors, Fragmentierung/Isolierung die angemessen disponibel Todesspiegelung der jenseitigen Erosverdichtung, Metaphorisierung; so ähnlich wie man in der Chirurgie prozediert oder früher wohl auch bei bestimmten Erschießungsriten: anzügliche Reduktion auf den Eingriffs-, Einschußort. Die exklusiv das Feld weiterhin beherrschende platonische Eidetik schreitet nach der Rahmenbereitstellung ihrer Himmlischkeit überhaupt fort zur ideierenden Exekution nun des einzeln - es gibt der Ideen ja viele, und sie bilden ja auch ein hierarchisches System mit der ... an der Spitze. Breitete sich eben im Bereitstellungsakt, der "transzendentalen Grundlegung" der Fetisch, der phantasmatische Weibsphallus, aufs Körperintegrum objektiv ikonisierend aus - so die Spiegelung des Begehrens (immer Selbstgründungsbegehren) als dessen Fundamentalsujet insgesamt selber so beginnt jetzt, parallel zur genitalen Begehrensverdichtung, im Schein der Homogeneität dieser Seinsfestlegung das opus ordentlichen Unterscheidens, Semantikschnittigkeit, der Fetisch nunmehr - die Opferhandlung ist angelaufen - als Isolationsprinzip, Garant des Widerspruchssatzes, philosophisch. Die Vorzeitkonkursmasse fäkalresurrektiver Mutterleibleichenkonservate in die Höhe bürokratischer Verantwortung genommen, katalogisiert, und dies alles durch diesen Anfang der Erektion (Zauberflöte).
Die nächste dritte dornenreiche Arbeitsmaßnahme sieht sich vor der Aufgabe, den eignen Erektionsprogreß restlos im gleichermaßen zur Disposition fortgeschrittenen Gegenüber extrapolativ zu machen, wiederum zu spiegeln. Bei sich selbst besteht er in einer (wenig außerdem genau beachteten) in sich gestuften Insich-Metaphorisierung: Penismetapher des genitalen Gesamt (der testes, dieses arg vernachlässigten paarigen (!) Organs - aus zwei mach eins) zunächst und darauf hinwiederum Metaphorik der glans penis: deren Geburt aus der Vorhauthülle, wie der Abschied residualer Mutterweiblichkeit an diesem ganz-anders-Orte (gewiß nicht unwichtig als Mitgrund der Beschneidung?). Und gegenüber paßt dazu, wird angepaßt zu dieser
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nacktesten Lebensglutspitze das Projekt der Bloß- und Offenlegung - Denudation des Ikonie-Isolats, und zwar in striktester Fortgangskorrespondierung der Glansgeburt. Denudation des Nichts der Öffnung, des Genitallochs, Positivität der Nichtung. Folgeakt also im Rationalitätsmysteriendrama überhaupt: Homogeneitätsfragment, jetzt zur Binnenbearbeitung gestreng auf dem Ausgangsniveau präpariert; geistige Würde gebeut das verlockende Nichts an Materialität; die gut sortierten Ideen steigern sich je immanent zu Quantitätskontinua, nachdem sie vorher schon, schwächer, Mengen waren; der Mathematik-Fetisch sorgt für die restlose Geistpenetration insichkontinuierlich vor. Faßt man hinter den Spiegel, befindet sich ebendort ja - nichts.
Und dann die Kopulation, Begattung etc. Wie errettet man(n) sich vom sicheren Tode des Narziß, wenn die Kraft des Sehens verlischt, die Sehensprojektion genötigt scheint, sich ganz in inneres Sehen zu verwandeln - ebenso ein memoriakonstitutives Krisismotiv? Die gesamte (visuelle) Vorarbeit steht auf dem Spiel, wenn diese metabasis nicht gelingt, ihr Verspielen das Ende von Mann/Mensch. Die Reüssierensbedingung, sie aktualisiert sich in der Invisibilität der phallischen Selbsteinstülpung des Anderen, des also berührbar gemachten, nicht heterogeneitätsabfälligen Nichts. Wenn man es fertigbringt, die tödliche Unsichtbarkeit der Materiekontiguität humanistisch zu subvertieren in die memoriale Binnenimagination, fensterlose Vorstellung reiner Selbsthohlraumhaftigkeit (retroussement); wenn sich, selbstarchäologisch angesehen, das Wunder des funktionalen Totalphänomens der Selbstdenkung der eignen Intrauterinität einstellt, jetzt in genital-haptischer Metaphorik, in diesem allentscheidenden Ewigkeitsaugenblick umfänge ich mich selbst, dränge ich in sich selber ein, gefahrlos (und fände sich schließlich in diesem reinsten Selbsthüllenjenseits geistgeworden in Gänze wieder). Dem Blick-entschwundenen Eindringen entspricht vis-à-vis der binnenmemorial-imaginäre Phantasmakulminationsanfang der phallischen Vaginalinversion, des Selbstretroussement in genitaler Verdichtetheit, und dies auf der ausgeführten Basis visueller Ikonisierung, Isolierung, Denudation/Nichtung. Und diese Binnengesichtetheit, retroussement, bedeutet rationalistisch generalisiert quantifizierende Naturwissenschaft in actu, angelaufen. "Ja mein Freund, sie schwärmt nur für Physik, ist streng physikalisch" - der
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sentimentale Knochen.
Nicht aber sind wir schon am Ende. Auch diese neuen Berührungs- und Imaginationsverhältnisse unterstehen einer dem vorhergehenden vergleichbaren phasenbestimmten dreitaktigen Entwicklung, die jetzt zur sogenannten Friktion übergeht: den erreichten projektiven Selbstimperialismus in sich in Bewegung zu setzen beginnt. Diese, fortgesetzt, gesteigert memorial/imaginär phantasmatisch, exekutiert die Souveränität des Selbstretroussement in actu als Rhythmik vollkommener Selbsthervorbringungsdisposition: sich nichts als bewährende Einstülpung im vor-und-zurück, raus-und-rein-Freilegung und und Bedeckung der Glansmetapher, Himmelsspiel von Geburt und deren Revokation etc. Was will man "ästhetisch" noch mehr, wenn transitorisch auf Dauer in diesem Geistjenseits gar Spielzyklik gestattet, ja geboten ist? Und das vis-à-vis geht entsprechend restlos auf in diesem seinen jetzt dynamisierten Einstülpungsaufgang, reinstes Spiegelungsmitgehen, coitus - mit dem paranoisch zugeschütteten Abgrund freilich des Ausfalls jeglichen Kriteriums dafür, daß der Mitgang des restlos selbstbesetzten homogeneisierten heteron - jetzt im Stadium des bewegten retroussement - auch ein solcher von Fühlbarkeit, emphatisch, sei; was er selbstverständlich sein solle, müsse. An dieser Stelle allerspätestens erweist sich das Begehren des Mannes ausdrücklich als verrückt, wahnhaft in dieser Alternative: entweder bin ich ganz es selbst (reiche, auf Dauer gestellt, dem Komtur die Hand zum Pfande - fröhliche Kriegswissenschaft) oder aber es ist ganz der Tod, ich selber bin tot (Kriegsopfer); tertium non datur dessen, was wir groß dann Subjekt, Subjektivität etc. heißen. Rationalitätsmotivisch kann diese Krise der Berührung gar nicht hoch genug veranschlagt werden; denn, wäre sie durchstehbar - und es spricht nichts dafür, daß sie es jemals wäre -, so löste sich in dieser usurpationsentledigten Todessympathie (eben nicht post usurpationis) aller Narzißmus und dessen Folgen wahrhaft, unmoralisch, auf. - Zurück zum erreichten Punkt im genitalsexuellen Paranoia-Kontext: die genichtete Materialität scheint haptisch(-imaginär) doch mindest so viel Zweifel provozierende Resistenzen aufzubieten, daß - wenn ich recht sehe (sehe!) - die Suche nach subsidiären Rationalisierungserfolgszeichen hier einzusetzen anfängt. Und man könnte durchaus erwägen, ob nicht diese Supplement-Reklamation u.v.a. auch phoné-generierend mitwirke: sag es mir wenigstens doch,
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wo ich es, streng genommen, nicht selbst spüren kann, ob ich der absolute Herr der Berührung als deren Aufhebung rein in meine Lustfühlbarkeit als die deine ganz (gewesen) bin. Vorprogrammierung der Lüge freilich auch. Vielleicht zudem eine neue musikgenealogische Ansatzstelle? Wie stehts terminologisch? (Imaginiertheit vs. Gesehenheit der) Einstülpung, retroussement in actu, schwierig für sich bündig zu benennen: Lebenstodesdispositionsrhythmik oder so ähnlich (typische Binnensichtverwischung). Und rationalitätsgenealogisch verallgemeinert die besagten Konservate, die restlos aufgehen wollen in ihrer Todesvivikation, der Beiwohnung des Gottes, und, damit ihre Lust offenbar werde, zusätzlich Musik zu machen beschlossen haben. Kurz vor der Erkenntnis eines Naturgesetzes, zumal eines technisch verdingbaren.
Und schließlich die Endphase: Ejakulation. Jetzt steigert sich das zyklische Dispositionsspiel zur Göttlichkeitskulmination seriös erfüllter Selbst-autotomie, die vermeint, den gesamten Selbstraum bruchlos, bar der Heterogeneitätsraptur, in grandios totalisierter Indifferenz bleibend aufzufüllen; Selbsttransit rein in sich selbst hin- und zurück stehend bewegt ohne Rest, Himmelsrasen. Daß Narziß an seiner Selbstliebe zugrunde gegangen sei, das ist ein ebenso bangemachendes Gerücht wie Ferenczis fast hämisches Verdikt über die Realerfüllung des Regressionswunsches. Gar nichts sieht man mehr an Ort und Stelle, und also gilt entsprechend die Klimaximagination der unsterblichen Seele. Deutlich wird dieser Höhepunkt auch an der Zuordnung von Spiel und Eigenleistung vorher und von Ernst und Gnade jetzt: "Natur"virulenz der souveränen Selbstproduktionsannihilisationsrhythmik, der absolute Genitiv der Welle des Seins selber, Todeseroserostod. Und das Gegenüber ultimativ das memorialimaginäre Spitzenphantasma, ganz zu sein diese Gnadenmitgängigkeit, apotheotisch, und zudem nur noch Zeichen dieser, und alle Zeichen diese selbst. Die Einstülpung (retroussement) dynamisiert sich also doppelt, kompensatorisch, aufeinanderfolgend, sich steigernd - einmal als Aufwand, das andere Mal als Geschenk, Lebenstodesdispositionsrhythmik zuerst aktiv, dann passiv, und vollendet sich schließlich (Freud zunächst angenähert ausgedrückt) als Todestriebentropie von Eros, Exekution des Nirwanaprinzips der Triebe selber, Wiedergeburt, Maschinenindustrie.
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Abermals gewahrt man, denke ich, die ganze Unmöglichkeit dergestalt paranoischer genitaler Sexualität, des sexuellen Normalfalls, idealtypisch. Besteht dieser humanistisch üblich und ubiquitär nicht auf seiner Erfüllung - und, wie sollte er nicht eben, wenn überhaupt, darauf bestehen müssen? -, so ist er wesensmäßig genötigt, an der "Sterblichkeitsmetapher Sexualität" vorbei, sein Todestelos in die Mortalität von Maschinengebärung, Objektivität hinein zu transfigurieren; zwingend paranoisch diese Weibsverfallenheit menschlich/männlicher Ausschweifung, die immer größere Leidenschaft. Die li-la-Leidenschaft, des mi-ma-Mannes (schöne Gesangsübung). Muß ich mich darüber weiter noch auslassen?
Was aber bleibt dann von Sexualität i.e.S., sofern nicht-triebhaft, im engsten Sinne, von der Generationssexualität, nicht auf der Strecke? Es wäre irrig zu meinen, es gäbe deshalb - der Eindeutigkeit der passion-Prärogative wegen - nicht doch allenthalben viel Sex (wie Kinsey einmal trocken bemerkte), Sex gar. Wie aber ist dieses Mirakel, der extraordinären Maschinenkeuschheit des Abendlandes unbeschadet, möglich?
Im paranoischen Auslegungskontext von Sexualität im engsten Sinne wäre exklusive Maschinenaskese - so muß es scheinen - die Paradoxie von tödlicher Gefahr post festum, immer noch. Wird aus dem Jenseits des Geistes des Körpers gedacht - und im Großrahmen der männlichen Geistexzesse kann Sexualität nichts anderes bedeuten als Körperreminiszenz, -eingedenken, der Memorialität, zumal der intellektuellen, restlos entledigt -, so entsteht ja der Schein der Selbstrückbindung, von der Selbstüberholung her"gedacht": Pseudologie eines Ganzheitsbewußtseins (Person etc.) als sentiment, Sentimentalität (der sentimentale Penisknochen), das maschenlose Netz ewigen Eingedenkens, sound, der die Erde längst blutüberkrustet (man stelle in diesem Augenklick das Radio einmal an). Allein schon dieser
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urbürgerlichen (urfaschistischen) Ganzheit wegen muß Sexualität ausnahmsweise en masse sein - als Übergriff paranoischer Ataraxie auf die Fühlhaftigkeit als deren bodenständig sentimentalistisch eingedenkende Verunbewußtung. Je mehr Sex auch gar noch mit Gefühl zu tun haben solle, umso gekonnter die Kürung von Schlachtvieh darin. Mann, gedenkend des Körpers, rein des eigenen, als die Präteritumskraft vollkommener Fetischisierung, der Opferanverwandlung des Weibskörper-heteron. In diesem (i.e.S. sexuellen) Rückgriff, dieser Retrospektive in ihrer ganzen Institutionalisiertheit (als Sieger kehre heim) wird der weibliche Körper, der längst ja schon, je schon zahlreiche Geistgeschwisterjunge gekriegt hat, unehelich aber außerhauses, vom himmlischen Vater geboren, abermals unterworfen nach seiner Unterwerfung: Erinnerungsopferfleisch jetzt, in die Maschine, dessen Vorvollendung, eingetragen ("fetischistische Eintragung"). Das ist nachgerade ein Mangel, sehe ich jetzt erst, meiner sublim pornographischen Beschreibung des Sexualaktes eben, daß sie das Pferd vom Schwanze her aufzäumt, anstatt vom Maschinendouble, das faktisch ja hilfreichs Legion, den Ausgang zu nehmen und so sogleich auch die ganze (Pseudo)Retrospektivität von Sex zu erfassen. (Woraus sind unsere Maschinchen eigentlich gemacht? Doch nicht aus rohem Frauenfleisch!?)
Unser so gänzlich unnatürlicher Sex in seiner ganzen Natürlichkeit als faschistischer Opfermaskerade doppelter Weiblichkeitsopferung wird im einzelneren aber auch deswegen nicht gänzlich von unserer gewaltigen Maschinenjungfräulichkeit absorbiert, weil er dem Doppelopfer in diesem hermetischen Raume seiner Doppelopferhaftigkeit uneingeschränkte sexuelle Selbstentfaltungschancen beläßt: das eingeräumte Gefängnisentzücken. Man täte partout nicht gut daran, dies patriarchale Großmanöver mit dem Riesenerfolg, den es tagtäglich, sich permanent also rechtfertigend, aufzuweisen hat, nicht mehr - etwa zu Gunsten eines besonderen feministischen Engagements - wahrzunehmen. So schwer es mir auch fällt, muß ich also nicht weniger versuchen darzutun, wie die Rechnung des paranoiden Sex im weiblichen vis-à-vis aufgehen könne; wie die Vergewaltigungspermanenz ebendort gleichwohl einschlägige Menschlustfrüchte trüge; wie das Mannsprojektionswesen identisch phantasmasierende Wurzeln im Opferstoff Frauenkörper schlüge - der apokalyptische Co-itus: endlich versteht man(n) sich ganz und gar, wenn es doch die Frauen selber sagen...?
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Den einzelnen paranoischen Geschlechtsakt-Entwicklungsphasen entlang gedacht, entspricht - jeweils als inverses Opferluststadium - der Rahmenbildung Ikonisierung der Tochterstatus, der ja bereits als abendländische Fundamentalerfindung vermerkt wurde. Dem dargestellten split des heteron im Modus der projektiven Identifikation (M. Klein), Monosexualisierung mit dem Effekt, daß das Ausgelöschte gegenüber dieses Auslöschungsvermögen ganz befällt und stigmatisiert, imperiale Monosexualität als Geschlechtsmetamorphose und -positions-quid-pro-quo - diesem splitting korrespondiert an der weiblichen Front keineswegs nun aber das schiere Selbe - und dieser co-itus-Basisdefekt ist kriterial; denn das Opfer-vis-à-vis kommt auf der Grundlage der eignen Geschlechtsmitgift schlechterdings nicht umhin in der Opfer-Introjektion der Opferungs-, Verwerfungsprojektion auf es, die sich auf der Gegenseite des Mannaggressors des Labilitätsstatus der projektiven Identifikation freilich nimmer begibt, sich selbst und eben nicht das Andere, männlich, zu annihilieren. Es bleibt also, gleichwie, bei der Identität des heteron als Weiblichkeit bei beiden Geschlechtern unter dem diese verwerfenden Paranoiaregime; und darauf gründet sich die apostrophierte Doppelbemächtigung der an dieser also mitwirkenden Frau. Dieses Mittun erweist sich als durchaus aktueller Stein des Anstoßes: - also doch co-itus trotz, ja eben gerade wegen dieses Basisdefekts, der Identität des nur noch nichtigen heteron Weibskörper? Man wird gewiß nicht behaupten können, daß diese verheerende Kooperation - das Alibi aller Gewalt - eine vom darob beschuldbaren Manne, gar dem einzelnen, realen, zumal aufgenötigte sei, so als bestehe das entfaltete Patriarchat vom Beginn der Menschwerdung an. Nein, jenseits aller Alternative von so etwas wie Zwang und Freiheit zeigt sich in diesem weiblichen Mittun die patriarchatskonstitutive paranoische Einigungsformel zwischen den Geschlechtern, die wie ein Fluch die abendländische Geschichte determiniert. In einem einzigen genealogischen Kontext begriffen, kommen die Geschlechter (mit allem, was daraus historisch resultiert) darin überein, daß Mann sich den Wunsch gestattet, Frau zu werden, und Frau sich den Wunsch gestattet, Frau zu bleiben. Die uns exklusiv geläufige Bestimmung des anderen Geschlechts - Sie existiert als Parodie/Travestie der Opferintrojektion einer projektiven Identifikation, in dieser Erzeugung
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des Widerspruchs der Vernichtung sich erhaltender Weiblichkeit an ihr selber. Und, das Lachen dieser Humanitätsentstehung erfüllt das widerhallende Weltall? Mitnichten - hoffnungsloser Fall; denn dieser Widerspruch, die subakute Besorgung des Weiblichbleibens von Frau, Virginitätsapriori, fungiert in ihrer Alibifundamentalität als Inbegriff zugleich von weiblicher Fundamentalschuld: Frau, objektiv-strukturell, eine einzige Lüge, unter Paranoiaregime, in dem sie paranoiagemäß freilich restlos einbegriffen ist. Also die höhere Logik des fortgeschrittenen Patriarchats. Alibi/Schuldigkeitslimes ihrer apriorischen Lügenhaftigkeit, dieses Existentials, das ist der Krieg, wie gehabt, menstruationstraumatisch, den sie selbst nicht führen darf. Und die Virginitätsmaskerade, erotisch, zumal im engsten Sinne sexuell, läuft konsequent auf je schon aufgedeckte pia fraus hinaus. Leichter dann auch nach diesem Rahmenvorspann jetzt wieder en detail zu gewahren, daß die Rechnung des paranoiden Sex, die besagte, im weiblichen vis-à-vis aufgehen kann unter der paranoia-immanenten Kondition des Betrugs, Selbst-Betrugs, emphatisch, der als je aufgeflogener Rechtsgrund die Urmehrwertabschöpfung des Humanismus am weiblichen Körper erfolgreich fundiert. Und es bleibt also nichts anderes zu tun übrig, als die Betrugsverkehrungen der einzelnen Fetischisierungsetappen aus der "Sicht der Frau" darzustellen - als die Bedingungen der Möglichkeit ihrer sexuellen Reaktion in diesem schönen Rahmen; denn direkte "positive" Korrespondenzen kann es nicht geben - sie wären der sexuelle Tod, zumal der von Frau.
Nun: indem die Frau der Verführung durch die besagte projektive Phallifikation (Fetischisierung), triumphal töchterlich opferindividuiert die Mutter total zu substituieren, erliegt, sieht sie den Täter dessen, den Mann gegenüber, konsequent als dessen Wunscherfüllung selber, nämlich als Frau/beglückender Mutterrevenant, und braucht dann nicht mehr, nach dem dieses klarsteht, zu blicken, das vis-à-vis zu besehen; was sich für den Fortgang ihrer Sexualität als entscheidend herausstellt. Wenn diese abgedeckte männliche und diese weibliche Homo-Sexualität gleicherweise eine solche wäre, so gäbe es in dieser Egalitätskorrespondierung keinen die intendierte Gleichgewichtigkeit zerstörenden Bruch. Sogleich aber organisiert sich diese als inegal, different; und also passiert sogleich auch das - sogleich wiederum invertierte - Gefälle zwischen den Geschlechtern: beidemale und also grundverschieden der Mann die
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stählerne Brücke hin "zu den Müttern" zurück, für sich selbst und ebenso für die Frau - seine Machtohnmacht, ihre bloß unterworfene, mit keinem Mittel der Welt zerstörbare Mächtigkeit. Demgemäß stellen sich die folgenden Korrespondenzen als Nichtkorrespondenzen ein: Paradoxiegebilde, die, der umgekehrten vis-à-vis Ansehung unbedürftig, sich ausnehmend sogleich in einem unberührbaren, un-memorialisierten, nicht eo ipso schon hochphantasmasierten, doch eben deshalb nur noch hyperimaginären Inneren abspielen:
"die Genitalität des weiblichen Penis zieht sich regressiv auf den ganzen Körper und das ganze Ich des Weibes zurück, ..., so daß die Frau einem sekundären Narzißmus anheimfällt, in erotischer Hinsicht also wieder mehr einem Kinde ähnlich wird, das geliebt werden will, also einem Wesen, das noch an der Fiktion der Mutterleibsexistenz in toto festhält." (Ferenczi, S. 339)
Dies also die Nichtkorrespondenz zur Ikonisierung, schlicht nur lebendig beim Wort genommen: Ausbreitung des Fetischs auf den ganzen Körper, jetzt jedoch anti-thanatologisch. Und wieder Ferenczi, jetzt zum Übergang der Ikonisierung in die Isolierung, Denudation/ Nichtung, Einstülpung etc. auf der Gegenseite, der sogleich fühlend nach innen gekehrten:
"Als solche kann sie (sc. die Frau) sich dann leicht mit dem Kind im eigenen Leib (bzw. mit dem Penis als dessen Symbol) identifizieren und vom transitiven Eindringen auf das Intransitive (Passive) übergehen." (ebd.)
Der Isolierung "entspricht" eine diese erotisch verwandelnde/absorbierende, (scheinhaft) fühlungs-unmittelbare (vs. beim Manne selbst-sicht-vermittelte) "vagere" Genitalmetaphorisierung, ein nach-unten-Lustzug als Erektionsnichtäquivalent. Und der folgenden Denudation/Nichtung eine fortschreitende Genitalkonzentration, und zwar als Klitorismetaphorisierung (die nicht nur Ferenczi tunlichst ganz übersieht): so etwas wie nicht zuletzt auch die Binnenhüllenerweckung (und mehr als nur dieses initium), im Stadium ihrer Erreichtheit sodann die Nicht-Spiegelungs-Verfühlung der Einstülpung. Und schließlich der Parallelismus der von Aktivität zu Passivität steigerbaren Hüllenrhythmik-Lebendigkeit selber, kulminierend in der Totalabsorption des PhallusMannsKindes der nur-noch-Lusthülle Ganzausmessung: Ferenczis Identität der Frau mit dem Kind im eignen Leibe bzw. mit dem Penis als dessen Symbol. Mann, der sich selbst mittels der Fetischisierung (Virilisierung) der Frau sexuell affiziert, visuell und memorial/imaginär (mit dem entsprechenden Fühlungseingedenk(ns-Nachtrag) vs. Frau, die diese Fetischisierung
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in ihren einzelnen Etappen gesichts- und imaginationslos (deshalb hat sie gegebenenfalls die größere Phantasie, sexuell), respektive unter dem geschenkten Apriori des Weiblichkeits-vis-à-vis des Mannes eh, in bodenlose absorptive nur noch imaginäre Fühlung hinein verwandelt. Notorisch türmen sich die Erregungswogen insbesondere um die Einschätzung der Klitoris herum. Der recht offen paranoische Mannstrost der Miniatur-Kümmerpenishaftigkeit dieses skandalösen Organs beginnt allem Anschein nach der paranoiasteigernden und allein wohl auch physiologisch angemessenen Penisverhöhnungswertigkeit zu weichen: Organ schlechthin des korporellen Fühlungsrückschlags der Hüllenerweckung und -belebung, Autarkieparade der großmächtigen Penetration sondersgleichen, wahrlich das Kontrarium des Penis/Phallus. Und mehr noch: dies exzeptionelle Verinnerlichungsorgan ist in sich selber wohl der ganzen Hüllenekstase wie im Vorgriff vaginalvorbehaltlich befähigt. Ja, das geht zu weit: den "autonom" vaginalen Orgasmus gibts nicht in seiner restlosen Wunschheterogeneität. Und dieser Sonderspuk findet sein Ende einzig nicht mehr im engeren und engsten Sinne sexuell in der einschlägigen "symbolischen" Totaldektomie der objektiv-mortalen maschinellen Nachstellung dieses skandalösen Selbstinduktions/Absorptions/Introjektions/Selbstautarkisierungswesens: dies entmachtete, thanatologisch angeeignete (und nachträglich sexuell "eingedenkend" abermals und wenigstens durch Ignoranz scheinbezwungene) Skandalorgänchen - gibt es überhaupt andere denn Klitoris-Skandale, ganz spezifisch?
Fehlt aber noch an der genitalen Sexualität der Ernstfalleinstand von Zeugung und Schwangerschaft. Darüber zu streiten, erübrigt sich daß exklusiv moralisch nur dieser Spieldispens-Großcasus in Sachen Sex als deren einziges Ziel deklarierbar sei; durchweg rückt diese Teleologie bloß immer nahe, wenn sie nicht eigens ausgesetzt wird, und welche Mühe... aber das ist alles ja trivial. Die metabasis-Stelle aber zu dieser höheren, wenn nicht einzigen Seriösität repräsentiert eine Art von Gabelpunkt, von dem aus die Geschlechter jeweils ihre eignen differenten aufeinanderbezogenen Wege gehen; und zwar in genealogischem Betracht doch dergestalt, daß innerhalb der paranoischen Phantasmaselbigkeit die Differenz zwischen dem Äther des Zeugungs-/Empfängnisaktes, der sich ja a fortiori ästhetisch wie ziellos in sich selbst zu verbrauchen vermag, einerseits
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und der Erdenschwere, der möglicherweise folgenden, der Schwangerschaft andererseits, "Fiktion vs. Realität", fortgeschrittene Humanität bedrängend dauermotivierend durchschlägt. Dies neue "Wirkliche" der Trieb- und Notfallhaftigkeit der Subsistenzsexualität wenigstens in diesem seinem Realien-, Materiecharakter angenähert, drückt erheblich auf das mortale Kopiebedürfnis, mit dieser Wirklichkeit, an der der Mann ja nicht innensinnlich-empirisch partizipieren kann, gleichzuziehen am anderen Ufer, und dies sicherlich über die arbeitsteilige Besorgung bloß der nötigsten Subsistenzmittel mit dem typischen Menschsurplus von Maschinengeburten mit all ihren Redundanzen von Anbeginn hinaus. Insbesondere kriterial wird in diesem Gabelungs/Parallelitätszusammenhang (mit seinem Angstgefälle) die Innenverlagertheit dieser neuen Aufbau- (vs. Abbau-Assimilations-)Materialität, die Aussperrungsmotivik darin. Von hier her erreicht Ferenczis Regressionsprinzip allererst seine volle "Tiefe": der hyperimaginär-dispositionelle Totaleinschluß, diese Gegenführung im Toten, jetzt nur noch von außen, vom Blick und höchstens der Peripherieberührung her; diese Monstruösität der Realerfüllung des Retourwunsches als die Fühllosigkeit des Samens, und dieser dann totalisiert zur schier unmöglichen metabasis eis allo genos des cogito-Todes ins Jenseits des cogito-Lebens hinein überhaupt, so als sei die absolute Differenz überwindbar, erschafft die erinnerungslose, memoriale, hyperimaginäre Gnostik (inklusive ihrer umwegsamen Realisierungsinstrumentarien) nachträglicher Wiederintrauterinität in maschinenproduktiver Hinsicht: Mann nichts als und wieder Fetus/Embryo - doch jetzt fährt er Auto (und viel mehr freilich noch). Schwangerschaft - sie ist also das Trauma jetzt der Hyperimagination rein von Außen unmöglicher Berührung als imaginäre Materieausfüllungsregie, und diese Außenpotenz kurzgeschlossen mit/als Intrauterinitäts-Gnostik. Allererst diese Außenverlassenheit ultimatisiert diesen gnostischen Intelligenzinbegriff, Realisierungs-, Menschding-Virtualität, nichtreminiszenzmemorialhyperimaginär.
Ohne der fälligen "Integration" dieser letzten Hominitätsverhältnisse vorzugreifen, dürfte aber schon deutlich werden können, daß der christliche Basismythos - das Sohnesopfer - eben nicht zuletzt als Basismythos des fortgeschrittenen bürgerlichen "Säkularismus" die gesuchten Systempotenzen impliziert. Nichts, was des Menschen
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ist (und die Verstrickung darin scheint menschlich ja total, ist (transsubstantiativ emphatisch) nicht restlos auch der von der Menschjungfrau geborene göttliche Sohn des Himmlischen Vaters; Hominitätshumanismus, Rationalität, demnach kurzum Mutterleib-Metapher und -Metonymie. Allenthalben ist die Wirksamkeit dieses "Grundgesetzes" demonstrabel, diese unbegrenzte Inflation von "Sexualität". Und diese gleichwo-Demonstration obwiegt auch in meiner Darstellung, gewiß nicht unbedingt zu Gunsten der Sichtung der mobilen Immanenzsystematik dieses Homogeneitätsrahmens. Aber vielleicht liegt dieses Defizit an der Art der Selbstreproduktion von Rationalität selber? Gleichwo-haftigkeit ebenso "der Sache nach" mit arbiträren Befallstopoi, arbiträr auch in der Tiefen-, Intensitätsausmessung, und immer mit der Selbstblockierung ihrer Dingabwürfe, deren Uberfluß-Abfalleinschlüssen? Jedenfalls schwebt mir "theoretisch" weiterhin vor, von der Humanismuszentrale der ultimativen Imaginarität der Fetal/Embryonal-Gnostik aus diese Dimensionen unterscheidbar zu machen:
die der absorbierten - in diese Zentrale eingehenden - Rationalisierungskräfte insgesamt;
die der rationalistischen Zwangsinterpretiertheit deren Provenienzstellen;
und die der "abgeleiteten" Verbindbarkeit/Verbundenheit dieser topoi (besagte Immanenzsystematik).
Wie aber ist die eigne indolente Rede möglich? Frage der Selbstposition. Vorerst habe ich nicht vor, mit etwas anderem darauf zu replizieren als mit Branders Lied aus Auerbachs Keller, Faust, erster Teil.
Anscheinend existiert die rationalistisch stipulierte, unter Kuratel gestelle Masse der geschlechtlichen Leiber, die paranoisierte Sexualität, nur in dem/durch den Abendschatten der Legion ihrer Störfälle: ein nirgendwo auf dieser Ebene bestehender herrschaftlicher Idealtypus, der sich unendlich selbstauflegt in der Normierung des von ihm selbst allererst zu einem solchen dabei gemachten Chaos; und diese Automotivation am Kontrarium seiner selbst, das in diesem Kontext keinerlei Heterogeneität auszubilden befähigt, ist auch der unüberwindbare leidige Grund dafür, daß - allem ersten Augenschein entgegen - der ganze Uberfluß der Dissidenzen keinerlei Sprengungseffekt zustande bringt; umgekehrt schnappen in
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sexualitätsrevolutionierender Rücksicht diese Pseudoabweichungen als Falle zu Gunsten der eh schon inflationierten paranoischen Immanenz von Sexualität, ehe man sich versehen hat, zu. - In diesem System macht die Grenze je schon eingefangener Flüchtigkeiten Krankheit, Pathologie aus; extreme Unbotmäßigkeit, die sich als kranke zurücknimmt und sanktioniert, sofern sie in nichts anderem ihren Oppositionsrückhalt hat als in Geheimnisverrat, der Offenbarung der rationalistischen Betriebsgeheimnisse: Krankheit - eines Wesens mit dem, was sie quittieren möchte, nur daß sie sich schuldig macht durch mangelnde Diskretion; die Diskretion schlechthin aber herrscht in den jeweils korrespondierenden Maschinen.
In besonders heimischen Gefilden angekommen, versuche ich mich nun - bezeichnenderweise, siehe die Entstehung der Psychoanalyse! - dadurch zu disziplinieren, daß ich fürs erste den in diesem Paranoiazusammenhang geltenden Inbegriff weiblicher Rebellion, als Krankheit sanktioniert, auswähle: die Hysterie. - Sie entsinnen sich wohl des letzten Zitatsatzes Ferenczis zur weiblichen (genitalen) Sexualität:
"Die sekundäre Genitalisierung des weiblichen Körpers erklärt auch die größere Neigung desselben zur Konversionshysterie." (S. 339)
Kann man Richtiges überhaupt noch verkehrter ausdrücken? Nach meinem ausgeführten Verständnis bedeutet diese "Genitalisierung" die Parade-Vivifikation des getöteten Weibskörpers, in direktem Ausgang von dessen mannsprojektiver Leichenhaftigkeit so etwas wie deren rein nach innen versierte und sich ebendort "kinästhetisch"- hyperimaginarisierende Spiegelung. "Sekundär" ist diese Parade bloß, insofern sie, reaktiven Wesens, wie es scheint, die (nicht linear temporal) vorausgehende Mortalitätsmetamorphose gründlich konträrkompensiert, korporell in toto die Rahmenikonisierung, mitnichten aber dann der progredienten Genitalmetaphorisierung (Verdichtung) unbedarf; nicht hingegen in dem defizitären Sinne, den Penismangel penisneidisch unrealistisch also ausgleichen zu wollen; was ja der Ausdruck "Genitalisierung" = Phallifizierung zusätzlich suggeriert. Nein, selbst die brünstigste Adoration des Phallus kann nichts anderes sein als die Scheinbarkeit von Unterwerfung zum Zweck, dem einzigen, ein Maximum an Todesmaterie zur haltlos inneren Lebensfühlungs-Rückumwandlung bis hin zum Ernstfall der Schwangerschaft sich zu verschaffen. Je stärker die weibliche Lust, umso bedeutender
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auch im paranoiden Verstande der weibliche Betrug, just immer nur so zu tun, als ob der Mann der Exklusiv-Autor ihrer blühenden Sexualität wäre, begehrend hinlangte ans Begehren des Anderen (der Anderen) wirklich. Welche Verkennung - diese unabkömmliche Leidenschaft für den "toten Vater" = den Fetisch, dessen Herkunftseingedenken allein ja auch die immer schwächere Sexualfühlung des Mannes besorgt, zu diesem Unding "sekundärer Genitalisierung", quid pro quo der Krankheitskorruption mit deren Oppositionssubstrat, herunterzukompromittieren. Krankheitskonstitutiv erweist sich der im Ferenczizitat vermerkte Zentripetalismus, Entmetaphorisierungszug der Hysterie - bis hin zur nothaften Keuschheit, der Verfallsmimesis ans männliche Leichenverdikt, Beschuldigungsvorpreschen gegen und zugleich im Einvernehmen mit der Fetischisierung: das hast Du apriori mit mir sexuell gemacht - die Hygiene-Termini Ikonisierung, Isolierung, Denudierung, Nichtung etc. geben diese Vorgänge brauchbar wohl wieder. Hysterie als selbst dann auch Todes-Spiegelung dieser "projektiven" Serie, Mortalitätsverdoppelung. Und diese Krankheitsverstrickung, Selbstinvolution erfüllt sich in der dolorosen Scheinbelebung dieser Todesduplikation: dem hysterischen Anfall, Schmerzstrafe, die die Flucht der Schwangerschaft ereilt. Hysterie, komplett, die mimetisch befangene Blockierung der paranoisierten genitalen Sexualität, mindest dieser.
Solche Begrenzung aber kann nicht gehalten werden; die eingefaßte Hysterie-Konfiguration tritt über alle Ufer eh, breitet sich im Objektiven a fortiori, wie immer a fortiori, aus. Verurteilt sie sich in der "Nachträglichkeit" genitaler Sexualität zu frustraner weiblicher Notwehr, der Vergeblichkeit, im magisch adaptierten Tode, in diesem immanent, das Schuldlied des Lebens anzustimmen, so fällt im Makrounbewußten schier alles Lebendige, Fühlbarkeit, Cogitionalität überhaupt, unter dieses Verdikt, Großextrapolat des skandalösen Weibskörpers zu sein: Eros insgesamt geriert sich im Angesicht des dinggewordenen maschinellen Thartatos hysterisch, rüttelt erfolglos, wenns hoch kommt geräuschvoll (noch), an den Gitterstäben seiner Schuldigkeit, geht über in dieses dann sich rüttelnde Eisen, Lebensschicksal, fortgeschritten christlich, schlechthin: der im Tode eingesperrte eingedenkende hochpositivierte Klagelaut, sich selbst bestrafendes Hexengeständnis, und selbst dieses ist in seiner memorialen Verlautbarung (ästhetisch/künstlerisch)
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immer noch erstaunlich viel. Oder (immerhin) Totentanz vor dem Gerippe-Spiegelbild. Oder Eros-Eintragung in den Fetisch, so nannte ich dies schwindende Residuum (und noch weniger) auch einmal. Die objektive Hysterie des Lebens/Eros selber zieht die Opfer-Todesfahne auf, klitoridal/menstruell, Inbegriff angeblicher Schuld. Der kasernierte Eros-Kundgabe-Rest als ultimatives Schlachtvieh des tötenden Todes.
Nochmals zurück zur kleineren Leidenschaft der Sexualität im engsten Sinne und zu deren klinischen Problemen, ebenso Nobelgefängnisprobleme freilich. Der schwarze Paranoiafetisch verdammt das heteron Weiblichkeit inklusive deren Wesensgeneralisierungen zur Selbstverdammung Hysterie, die über diese hinaus in Gänze jedoch durch therapeutische Kreuzzüge geopfert werden muß; und im Übergang zu ihrem Ganzopfer geht Hysterie in Depression über. Im genitalsexuellen Verstande nun wird man mit der internen Inflation des Hysteriebegriffes rechnen müssen - verständlicherweise; denn weibliche Sexualität kann im Zusammenhang ihrer ubiquitären paranoischen Definition nicht nicht hysterisch geheißen/gescholten werden; Hysterie also i.w.S. vs. i.e.S., wie man solches dann ausdrückt. Diese die Mitte einer vorgestellten Skala, die sich nach beiden Richtungen in jener Konkretionen hinein erstreckt. Nach der einen Seite hin begegnen die Hysteriegestalten, die sich am tiefsten kräftig ins Paranoiageschäft genital-sexuell hineinzubegeben riskieren; und auf der anderen Seite diejenigen, die durch fortgesetztes Fliehen imponieren; in den Extrempunkten weiblicher Masochismus vs. weibliche Homosexualität. Die Eckwerte rechterhand, diese wird man - zur Zeit jedenfalls - mehr oder weniger mit der mal stärkeren, mal schwächeren Generösität der Macht ihrem Schicksal überlassen; die Desavouierungsberechtigung liegt ja auf der Hand, offene Karten. Linkerhand indessen, jene, der Schein des so innig herbeigesehnten, erlösenden, botmäßigsten Mittuns, setzt sich systemimmanent der Gefährdung aus, als weibliche Betrugsklimax entlarvt und entsprechend auf das Härteste bestraft zu werden: Risiko, nicht mit offenen Waffen, mit dem Pseudos apriorischer Kapitulation, unflüchtig, vis-à-vis und Innen dann zumal, den Kampf aufzunehmen, scheinbar ganz direkt: Dreistigkeit, Tollkühnheit des weiblichen Masochismus als Modernität des Hexenwesens? Es macht die ganze gar zur Ausbreitung neigende Humanität des paranoiden Despoten, zentral in Sachen
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Sexualität, der genitalen auch, betrogen zu werden, werden zu wollen; ja, man kann es dem Alten recht machen (siehe besonders hier auch Massenpsychologie: Masse als kollektiver Weibskörper!). Und Humanismus überhaupt, der ist essentiell ja die Toleranz für den selbstkreierten weiblichen Betrug; Iphigeniefreuden. Diese Rekorporalisierung aller Musik, die Metamorphose des Schreis der gefolterten Hexe ins Gestöhn selbstvernichtender Lust - Dauervorwegnahme des Gebärens nicht zuletzt und also Zeitraffer des Gesamts weiblicher Sexualität - als limes-eschaton letzter Todeshuldigung und -bannung zugleich? Nein, so emphatisch gewiß nicht, auch wenn paranoiaimmanent diese Grenzwertthese - limes aber als Binnenmotivik - zutrifft. Die großen Schlachten nämlich werden anderswo geschlagen: der Schlachtenlärm der einzig wahre Brunstlaut. Wir müssen uns in acht nehmen, die paranoiamotivierende Kraft sexueller Limesformen nicht zu verkennen; und vor allem auch davor, uns nicht permanent blind von der längst schon diesbetreffend eschatologisch perfekten Kriegsobjektivität überholt erfahren zu müssen.
Unschwer zu sehen, daß im männlichen Gegenüber mit einer typischen auf der Geschlechtsdifferenz-Differenz beruhenden Verschiebung nach der Maßgabe des rationalistischen Paranoia-Apriori dieselben Zustände herrschen müssen. Bei den Männern gibts kurzum keinerlei Sexualität, eben auch keine genitale, die nicht homosexuell wäre; wobei dann auch Homosexualität i.w.S. vs. i.e.S. zu unterscheiden wäre etc. Warum aber diese Verschiebung? Immer weil, wie gesagt, der Mann beschließen muß, Frau zu, werden, die Frau hingegen Frau bleibt. Und das heißt für die Entsprechung von Hysterie und Homosexualität: jene, die bestrafte (phantasmatische) Geschlechtsumwandlung vollzieht sich, dem Fraubleiben gemäß, in-statisch; wohingegen diese, im Schein der Identität der sanktionierten Geschlechtsmetamorphose bei beiden Geschlechtern - Schein wegen des nicht-Mannbleiben-Könnens - auf Ek-statik angewiesen ist. Diese Verschiebung zieht sich durch die gesamte Skala der Konkretionen der männlichen Homosexualität i.w.S. hindurch; und freilich wären Detailausführungen dazu weiterführend instruktiv, so beispielsweise dazu, zu welchem Gegenüber der männliche Masochismus paßt. - Weiter: die notorisch höhere Sanktionswürdigkeit männlicher Homosexualität verdankt sich dem Zug der Mannsekstatik ins Mortal-Objektive hinein; wenngleich gewiß nicht (nur) zu recht bei so viel spiritualistisch
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fliehender Divergenz muß das Paranoia-Herz unseres Seins befürchten, die allererst erfüllte Homosexualität des Mortal-Objektiven durch deren wiederum korporellen Nachträglichkeitsvollzug zu beeinträchtigen - immer noch zuviel der Weibsreminiszenz trotz deren reinster Travestie... Der genital-sexuelle Dissidenz-Inbegriff im Mannslager, Homosexualität, bestände demnach hysterieäquivalent in der travestisch exaktesten Rekorporalisierung der heteron-Adaptation, des Fetischs, dessen konsequenter Einbehaltung/Vorenthaltung; fetischistische Eros-Fühlungsinskription "phobisch" - schonend/vernichtend - mit sexuellem Selbstpostfestum in den entsprechend versierten Mannskörper vis-à-vis, versiert zur Todesvermählung des Samens in die Mutterleichenfaeces, den totesten Vater, hinein. Tabula rasa, Letztapotheose, totale Kriegserklärung, gemimt, die Nachträglichkeit alles korporell fühlbar Sexuellen allererst in die Reihe gebracht: restlos nämlich dem rückangepaßt - der fundamentalsexuellen Erfüllung Maschinen Objektivität -, von dem aus es sich ein-(ge)-denkt/eingedacht wird; endlich der perfekte Kurzschluß des Geistes mit sich selbst rein nur noch als seine selbst eigne Materialität. Und die Heiligste Dreifaltigkeit (inklusive der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel - Hiroshima, mon amour) frohlockt - sie steht ja längst nicht mehr unter dem göttlichen Vorbehalt ihrer selbst im Jenseits, als reifizierte; nur daß sie immer noch in dieser ihrer Reifiziertheit das Kontrastprogramm korporeller Manifestation, das Unseriöse dieses Spiels nicht nur wenig stört und sie also Neigung haben muß, das allein adäquate Mannskörper-vis-à-vis hinwieder durch den Scheinscheinschein von Frau leiblich zu substituieren. Haben Sie Geistpotenzbildungen mitgezählt? Vier ist eine runde Zahl.
Es ist also nichts damit, der Verfänglichkeit nachzugeben, daß, wenn schon alles homosexuell organisiert sei, Homosexualität i.e.S. als der einzig aufrichtige Modus (genitaler) Sexualität gälte. Das Argument der unmoralischen Aufrichtigkeit stößt auf mehrerlei Grenzen. Denn wieder einmal kommt es, streng genommen, bloß für Männer in Frage; unmoralisch die Nicht-Lüge, wenn (wie bei sogenannter manifester Homosexualität) faktisch, ja auch in dem Sinne, daß sie sich keiner Selbstverordnung verschuldet (man beschließt nicht etc.... die Beschlossenheit reduziert sich durchweg auf die Aufdeckung des internen Normalmaßes eh vorhandener einschlägiger "Gefühle"); und dieser Immoralismus vermag sich letztlich nur just
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seine Aufrichtigkeit, den besagten Geheimnisverrat, zugute zu halten; die Exaktheit der Nachstellung dessen, was rationalerweise unbewußt mortal-objektiv je schon der Fall ist - was denn mehr? Und selbst die eingeräumte mimetische Genauigkeit scheint, wenn sie unüberbietbar sein soll, nicht fraglos: wird sie nicht durch die Wiederersetzung des männlichen durch den weiblichen Körper, der eschatologisch kein solcher mehr ist und dies Nichtsein gar auch noch von sich her sexuell im engsten Sinne verlautet, überboten? Der heterosexuelle Normalfall als Inbegriff der Klassizität der Kongruenz beider Homosexualitäten, objektiv und subjektiv, dann?
Dieser Normalfall nimmt sich durch restlose Verunbewußtung des genitale Sexualität bewegenden Fetischs aus, erfüllt sich in der Vorspiegelung dieses Kunstwerks der Gewalt als natürlich, ja als das Natürlichste - naturfaschistisch also bis ins Mark. Des nähern vollzieht sich diese Vortäuschung als Kurzschluß zwischen der Nachträglichkeit der Selbstaffektion des Mannes am eignen opus magnum der Fetischisierung des weiblichen Körpers einerseits und der Rückaneignung dieser Fetischismusimputation an ihr selber durch die Frau andererseits; Kurzschluß der Fühlungsprämienenden, der heterogenen, des Opfernden und des Geopferten, der die radikale Vermitteltheit beider Fühlungsextreme, deren Nachträglichkeit, ebenso ausblendet wie die metabasis eis allo genos der Vermittlung ins Vermittelte, Ebenenwechsel in die Fühlung hinein, wie die ganze Unterschiedlichkeit beider vermittelten Versetzungsenden: Opfervollstreckung vs. -sbeglaubigung. Ein kaum mehr entwirrbares Truggebilde, diese Totalherrschaft von Frau als geopferte, sich opfernde; der ganze Götterbeschiß auf einmal.
Wie kommt diese schönste Naturharmonie zustande? Da capo: welche Skotome: weg die Vermittlung(sinstanz), weg die cogito-Versetzung des Vermittelten, weg deren Gewaltdifferenz. O Natur - du Inbegriff des Unbewußten. - Da aus dieser Gnostik nicht indessen wunderbarerweise die Neugeburt einer alternativen Totalverfassung von Sexualität
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schon hervorgeht - was eigentlich könnte, auch im engsten Sinne sexuell, daraus resultieren? -, wird die Versuchung groß, pseudognostisch dies Betrugswesen mit dem plausibelsten aller Argumente - daß es nämlich schadlos funktionieren könne, wenn es eben nur funktionieren gelassen würde - gutzuheißen, zu beglaubigen, zur Norm zu erheben; wovon traditionelle Psychoanalyse mitnichten frei ist - umgekehrt steht sie gut ichpsychologisch als einschlägige Gerichtsbarkeit - die reife Genitalität, die Orgasmuspotenz insonderheit der Frau etc. - oft gar an der die selbstgeschaffene Norm kontrollierenden Spitze. Es geht so schlechterdings nicht. Selbst nämlich wenn gegen das angebliche Geschwätz angeblich hysterischer Feministinnen einräumbar wäre, daß im Superbeschiß der besonderen Natürlichkeit des gemeinsam erlebten genitalen Orgasmus (der gar auch noch zu einer gewünschten Schwangerschaft führte!) gar nichts Schlimmes passieren könne; daß die beiden ihrer (demokratisch gehüteten) Selbsterfahrung nach gänzlich auf ihre Wunschkosten gekommen seien, so bleibts nicht nur dabei, daß auf der veranschlagten Ebene schon unsere Götter wieder einmal mit Verdummung zuschlugen, daß vielmehr a fortiori auch diese so überaus glückliche Blindheit den Widerpart der guten Natur als die Voraussetzung ihres großen Glücks a priori schon abgesegnet hat. Längst nämlich schon ist der Fetisch zum weitaus größeren Teile vorher Menschding, Maschine geworden, das Objekt der größeren Liebe, und erst recht driftet dieser als die perfektere Mortalität der natürlicheren Empfindungen in die höhere Makrounbewußtheit kriegswissenschaftlich ab. Siehe da, abermals unser aller allernatürlichster Faschismus. Fügen wir also unserem Graph von eben die ausschlaggebende Objektivitätsperfektionierungs-Abdrift, die ebenso eskamotierte, des Fetischs hinzu.
Nebenher war es schon die Frage, was aus dieser Gnostik sexualitätspraktisch folge. Nimmt man die Macht des ultimativ Gnostifizierten in seiner Faktizität (die Atomraketen) "ernst", so geht just genital sexuell (von den anderen Subsistenzsexualitäten ganz zu schweigen) nichts mehr, schier nichts mehr. Hölderlinsche "Invalide
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des Apoll", die höchstens noch das "ästhetisch" leidlich abgekoppelte Vor-spiel des objektiven Grauens spielen, sofern sie der Spielgehalt nicht sogleich paralysiert, impotent macht, immer wenn sie vermeinen, keine schwarze Messe zu zelebrieren (aus der nicht nur Teufelsbälge womöglich folgen). Verstricktesten Durchbruch aber verschafft sich im abendländischen Großgefängnis Sex einzig noch in Formen der Unbewußtheitsabmilderung des leitenden Fetischs wenigstens im Sexuellen selbst; in dem, was je schon bestochene Polizeilichkeit Perversionen heißt, diese spätkapitalistischen Kunst-Gottesdienstlichkeiten hysterischer/homosexueller Konvenienzen, ohne - wie im Normalfall - ineinander zu kollabieren, und ohne - wie bei beider i.e.S. - nur noch deren Scherenarme unendlich zu beglaubigen. Und dem ist immanent gut so, oder? Wenngleich das angstvolle Drängen dahin keinerlei die paranoische Immanenz übersteigende Wahrheit indiziert und keine Gewähr dafür besteht, daß die Perversionspunkte der Entmachtung des Makrounbewußten (in seiner Unbewußtheit freilich "nur") diesem nicht doch durch notorische Schuldzuweisungsmanöver nur zugute kommen, selbst auch wenn es in seiner faktisch festgeschriebensten Unabkömmlichkeit als Todes-Weltzentrale sich leistet, mal generös lustfreundlich verspielt zu sein. Jedenfalls machts bloß einen diachronischen Unterschied, ob nun Tobias und Sarah in der Brautnacht zum Herrn beten oder ob ein modernes Ehepaar irgendeinen der zahlreichen Beate-Uhse-Fetische ob dergleichen Drittenreverenz liebesnächtlich übers Wochenende.
Zurück zum letzten Ausgang - Exit Ferenczi -, dem dritten Kritikkomplex, dem Naturbegriff. - Ich sagte damals allgemein schon, daß Ferenczi die Objektivitätsekstatik des Todestriebs, zuvor abgeschwächt zum intrauterinen Regressionswunsch, zu dubiosen Gunsten dessen Generalisierung, des thalassalen Rückkehrzugs, offensichtlich überspringe. Dieser Kurzschluß menschlicher Sexualität mit der Phylogenese über die Kultur/Zivilisation hinweg schreibt, naturkontingentisierend (ohne Kontingentisierungseffekt freilich) biologistisch (den Gepflogenheiten der frühen Psychoanalyse gemäß) die dargestellte paranoische Organisation der (genitalen) Sexualität dergestalt fest, daß sich diese indessen in sich kontrariesiert,
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so als auferstehe die geopferte Weiblichkeit in Riesenausmaßen rächend als Urwasserschlund: Paranoia-Inflationierung, die rein nur - theoretisch - in sich kollabiert und diesen Inversionskollaps en gros sich als besondere - heroische bis resignative - Naturreverenz - protofaschistisch fast, möchte man meinen - zugute hält. Zumal in solchen biologistischen Pseudofundierungen läßt sich das Verdikt des AÖ bestens nachvollziehen, daß der - nach Meinung der Psychoanalyse - Inbegriff des Verdrängten in Wahrheit umgekehrt die verdrängende Instanz selber ausmacht, nunmehr naturphilosophisch totalisiert. Selbstverständlich spreche ich mich damit überhaupt nicht gegen "Naturphilosophie" aus, im Gegenteil: der Mentalismus der Psychoanalyse bedürfte dringendst solcher "Erlösung", ausschließlich gegen den Naturalismus als Mißbrauch zitierter Natur unmittelbar als menschätiologischer Zeuge, und dies womöglich auch noch in der Außenstülpungsversion, der mortalen, der "res extensa". Erst jenseits solchen Naturalismus, speziell Biologismus, kann die Frage nach der Natur gestellt werden; und ich stelle sie jetzt im Problemkontext menschliche Sexualität.
Biologistische Naturverfälschung, aufgehoben
Sie kennen alle wohl das seltsame Kontingenzbewußtsein, das, wie man meinen möchte, ad libitum, aufkommt in der Ansicht der zwingenden Mitgift an Körperlichkeit, zumal derjenigen des geschlechtlichen Körpers, des Geschlechtsunterschieds: es sei dies etwas Indisponibles, in seiner bloßen Außenansicht auch keinerlei seine Funktionalität transzendierenden Sinn Hergebendes, in diesem Kontingenzverstande ein Stück "Natur" - Natur also als Selbsterfahrungsmoment von Selbstentfremdung, -entrückung, Totwerden von Körper an ihm selber, Vor-autotomie, die Generierung von sich konservierenden Leichenteilen. Was ist das für eine seltsame Erfahrung? Daß sie eben keine entgleiste, pathologische sei, vielmehr eine solche der Automotivation von Hominität selbst (Lacansch jene déhiscence, discorde etc.), verdeckt sich meistenteils durch das drängende Bedürfnis, sich ihrer zu entledigen; Beseitigung, die dann zwei herrschaftliche Bahnen einzuschlagen sich angewöhnt hat und nicht also reverenzvoll abgestoßen heiligkeits-generativ, tabubildend an dieser Todesklippe weilt (dies alles viel "später" aber partialisiert und usurpiert, generationssexuell etwa herrschaftlich
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macht: das Gefälle Eltern- Kind etc.); zwei Bahnen, in denen, spezifisch wiederum aufeinander bezogen, sich die Eine Substanz (dies Ganze von Lebenstod als Todeszumutungsmotivik) in die beiden Attribute res cogitans und res extensa hinein unterscheidet. Einerseits ist es der Einschuß von Fühlung, cogito, in den entleerten korporellen Selbstteil, Binnenrückaneignung des entschwundenen; Vorgang, der (mindest) zu der Hypertrophie neigt, den cogito-Todeswiderpart zu peremptorischer Immortalität zu inflationieren (das idealistische Selbstbewußtsein!); und, um dies bewerkstelligen zu können, andererseits, sich nach außen umzustülpen nicht umhin kann: metabasis eis alle genos in die andre Bahn der res extensa hinein bis hin zur Erfüllung dieser Immortalität, der Menschrealisierung der einen Substanz, die mathematisch disponierte mortale Außenstülpungshülle zur Maschine autotomisiert. Wiederbelebte Zeichenhaftigkeit des Ausgangs, deren Trauma - an dit - überwunden; und diese fungiert sodann als Universalinterpretament, wahrlich nicht zuletzt genital-sexuell, woran es sich nicht auch, sondern a fortiori bildete (eben wegen der Geschlechtsunterschiedsmitgift, in der sich Generation und Tod mitgewahrt).
Wie also kann Natur, die Natur des Menschen begegnen? In diesem paranoisch-abendländischen Hominitätsentwurf, dem Humanismus, überhaupt nicht. Fundamental nämlich nichtbegegnet sie als die verstellte absolute Differenz = gewaltgenerierende Fremdheit, Rationalitätsimperialismusmotiv, vor dem man freilich die ganze sentimentalistische Scheußlichkeit tiefer Kniefälle praktizieren muß, als Pseudosühne, um... ; und abgeleitet als Isolat der einen Differenzableitungsseite, der res extensa = Heimischkeit des Getöteten/Toten, hehre Wissenschaftsnekrophilie. Wie aber könnte menschliche Natur begegnen? Eben als der Vorbehalt der absoluten Differenz; als ihre Nichtüberwindlichkeit in Fühlung und in der Fühlung Pseudotelos Maschine zumal; als Sichfreigeben beider aneinander radikal nicht eingedenkend in Sterblichkeit. Wie könnte diese Alternative zum Gegeninterpretament ihres zentralen Erfahrungsorts - der Sexualität - werden? Durch sich selbst, wenn nicht längst sich der paranoische Nichtnaturbegriff reifiziert hätte. Biologismus - ein zu schwacher Ausdruck demnach, sofern er ja zeitgemäß Menschsein auf natürliche Weise begründet durch den Gipfel solcher menschlichen Natur, die Atomraketen, getreu dem Begründungspostulat, dessen Erfüllung
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Vernichtung ist.
Die ganze "Tragfähigkeit" dieses Hominisationstheorems vermag ich freilich hier nicht auszumessen. Überdeutlich jedenfalls, daß ohne es keine angemessene Pathologie konzipiert werden kann. Es geht schlicht nicht an, die bürgerliche Zurichtung des menschlichen Körpers mit dessen Natur zu identifizieren und dann auf der Grundlage dieser grandiosen Natürlichkeit therapeutisch der reinsten Hypermagie der naturwissenschaftlichen Medizin das Feld zu räumen. Von woher derart gesprochen werden kann und wie dieser Ort sich als Ausgang eines tief auch ins Pathologieverständnis hineinreichenden Kontraparts stark zu machen vermöchte, stellt diesen topos fragend antwortend her - als regressiv devote Selbstmaschinisierung bei Dispens der Maßgeblichkeit des (Im)mortalitätsmaschinentelos auf der herrschenden Gegenseite, antihumanistischer Beschluß der "Tierwerdung". Menschnatur also als der Traum, die eigne Fremdheit an ihr selbst zu existieren, ohne daß sie zum permanenten Vorwand jener üblichen Art von Beseitigung diente, die Todesmonumente, memorials, mit der Finalität peremptorischer Heimat immer dann begründet verwechselt, wenn der Sühnesentimentalismus der Gewalt das sich darin herstellende humanistische Subjekt überkommt. Menschnatur fortgesetzt als dieser Gegentraum, der, anstatt sich zur Immortalitätsveräußerung aufzuladen (bis zu deren Erfüllung, die Inflation von Leben/Fühlung/cogito durch Selbstsprengung rein im Mortalen zu substituieren), den Abwurf gnostischen Nicht-Sinns gegen dies so überaus sinn-volle Großunbewußte zu verstatten, den Gegenzug der Offenbarkeit als - unter Todesvorbehalt der einen Substanz - vollzogener Parallelismus der beiden Attribute, res cogitans und res extensa, zumal deren mortaler Veräußerung. Jedermann aber sieht sogleich die Verworfenheit dieses Naturtraums; wer ihn über ästhetische (Re)präsentationen hinaus zu existieren versucht, gehört zu den Armen im Geiste.
Nicht auch zu sehen, daß dieser Menschnatur (allererst Natur) Ursprünglichkeit irgend zukäme (und, darauf gegründet, fertige Vorzeithistorizität); allem Anschein nach vindiziert sie sich als Schatten der "faktischen Originarität" ihres Gegenteils, wenn immer dieses noch sich über sich selbst zu erschrecken vermag, gleichwo, gleichwie, geichwann; nur daß der Exzeß der Dinglichkeitssouveränität, Todesreifikation, Waffentheologumena allen pavor rationalitatis
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zu absorbieren scheint. Von diesem aus sieht man das Malheur jedenfalls immer beginnen, wenn im Aufriß von Hominisation das Bestechungswesen der Selbstalterität gegenüber einreißt, der Kniefall der Bemächtigungsgier, angefangen von der Heiligung des Mangels (und des Wunsches) in der Gestalt der Selbstheterogeneitätsverschiebung auf Weiblichkeit als Vorwand von Gewalt bis hin zum Exekutionsdelir desselben, dem totalen Krieg. Selbstphobifizierung als Alibi, in dies Autoarkanum schändend derart einzufallen, daß es sich rein im Toten in Einundalles verwandelte; das Gegenteil von "Berührung" an der Stelle des "Risses" - Mortalität des Pseudoimmortalen, nicht aber umgekehrt dann die Gegenunsterblichkeit des nicht Aufgeopferten.
Es bietet sich hier wohl die beste Gelegenheit, die sogenannte infantile Sexualität genealogisch angemessen zu orten. Eben im Kontext des Traums von der alternativen Menschnatur scheint Kindheit sich als Skandalon apriori schon querzustellen: das Gezerre (doublebind der Infantilität an ihr selbst) der Inflation des Regressionswunsches in den der Mutterleib-mortifizierenden Wiedergeburt aus dem Geiste verschuldet sich prima vista so weitgehend der unmöglichen nachgeburtlichen Situation des Menschen, daß, den Menschnaturtraum gleichwohl zu träumen, immer dann wohlfeil nur gerät, wenn man berechtigte Zweifel an einer Erwachsenheit hegt, die diese fundamentale Kindheitsschmach wirklich ablegen, ohne Verdrängung vergessen könnte. Aus der Traum - der Mangel, dieser Mangel, inklusive seiner Folge währt in alle anthropoide Ewigkeit amen? Gewiß wäre es fahrlässig, diese Not der Kindheit gering zu veranschlagen. Nein, die Todesmisere steigert in der Tat den Regressionswunsch - in "projektiver Identifikation" - zu dem von Disposition, ja Tötung, einschließlich reinster Lebenswiederkehrwahrung in diesem Todesfelde. Und doch ließe sich zeigen, daß der peremptorische Querstand der Fundamentalinfantilität gegen die Menschnaturalternative zu den verständlichen Grundverzagtheiten des Antirationalismus zählt, so als bliebe doch keine andere Wahl, als diesem größten Gotte der ratio letztendlich als Opfer in die Fänge zu geraten. Dispensiert werden müßten nur -und dies "nur" macht die Koketterie des Gegensätzlichen - die landesüblichen Schuldverschiebungs- und -verteilungsautomatismen, diese eingebrannten Kindheitsgründe der Rationalität, nämlich das patriarchalismuskriteriale Exkulpations-quid-pro-quo
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dergestalt, daß die Verwerflichkeit des Progressionszugs in der Regression, die Dispositions-/Tötungspotenz des Rückganges selber, diese schuldigste Männlichkeits-/Paternalitätsseite, gänzlich übergeht auf die alleinig schuldige maternale Gegenseite, die sodann tötend nur-noch-regressive. Man muß aber dringendst davor bereits ansetzen, nicht bei der vermeintlichen Originarität der "Vaterschuld", die wie gehabt, ihre notorische Mohrenwäsche betreibt; nein, im voraus schon bei der (generations)sexuellen Schuldzuschreibung selbst als solcher, gleichwie sie sich auch polarisierte, auch wenns umgekehrt wäre: Menschnatur-Alternativeansatz mit deren strengster Verweigerung. Wie aber soll diese Basisintervention überhaupt möglich sein, einmal von ihrem prekär moralischen Charakter, so post festum, abgesehen? Zeugt nicht die außerordentliche Ungleichgewichtigkeit der Geschlechter im Geschäft der Reproduktion der Gattung jeden Augenblick dagegen? Wie sollte es denn anders sein können, als daß die Torheit der maternalen Todesfälle sozusagen von Natur aus schon grassierte, wenn sie nicht Schritt für Schritt durch den paternalen Aktivposten der Lebensrettung der inversen Tötungspotenz pariert würde? Permanente Todesnot des infans und Beteiligungsgefälle natürlicherweise der Geschlechter daran sondersgleichen - müßte man nicht umgekehrt das Menschraffinement bewundern, solches leidlich adaptiv überhaupt meistern zu können? Welcher Einspruch kommt dagegen an? Gewiß nicht der der verfänglichen Rekulpation der "Vater"seite, die eh ja kontextuell im Toten viel mehr reproduktiv beteiligt ist, als es dem direkten Blick auf die lebenden Körper scheint. Nein, einzig - abermals - derjenige Einspruch nur, der den restlosen Tod des Einen Gottes des Menschen apriori zu vollziehen vermöchte, die Urversuchung hinter sich ließe, den tötenden Tod als die Erlösung auszugeben. Es wäre demnach schon die "historische" Erosaufgabe zumal des Mannes, am anderen Ufer nicht mit Unsterblichkeit zu locken, überhaupt nicht damit, weder säkular (mit Maschinen) noch sonstwie (sentimentalistisch) auch. Entfiele dieser Köder, so entriete jenseits die Maternalitätsserie eo ipso auch der tötenden Racheregressivität. - Chiliastische Phantasien? Typische Besinnung auf die historisch erfolglose Christlichkeitsversion von Patriarchatskritik, so die Patriarchatsapokalypse ins Haus steht? Wahrscheinlich ja. Ich weiß nur, "phantasie"-immanent, daß dieser Menschnatur-Kontrapunkt nicht falsch sein kann; und ebenso, daß er die infantile Sexualität unserer Breitengrade en
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detail auch außer Kraft setzen würde, die Extrapolation nämlich des im voraus schon mißinterpretierten Hominitätsaufrisses der Selbstfremdheit des einzelnen auf den geschlechtlichen Körper, primär freilich der Mutter, und auf den eignen entsprechend ebenso: Tabuisierung, Arkanisierung des Sexualleibs, artificium des Verbotenen als der wahren Heimat; und dies infantil zudem unter dem schmählichen Verdikt des Erwachsenheitsvorbehalts. - Selbstverständlich kann es nicht darum zu tun sein, weder die Differenz des Geschlechts noch der Generation zu verleugnen; im Gegenteil, nur deren überfälliger Herstellung dient diese Kritik, einzig die des Machtusurpationswesen in der Vorgabe von Differenz. Ja, wenn sich Papa geriert wie ein Gott in dreifacher Hinsicht, dann ist er es auch mit allen Gewaltfolgen, und Freuds Deduktion der Gottesvorstellung aus der kindlichen Ohnmacht verfängt. Die Voraussetzung aber dafür, die als Natürlichkeit ihrer Folgen überspielte, macht das Apriori der Mißdeutung des Menschaufrisses, auf der leider auch die gesamte Psychoanalyse beruht (das verdrängte als die in Wahrheit verdrängende Instanz!); und fiele dieselbe, so auch unser aller Rationalitätsmythen des einzelnen mit. Es führte hier zu weit, alle diese, betreffend die infantile Sexualität, namhaft zu machen. Eine aber zu erwähnen, ist mir besonders angelegen: die der sogenannten Latenzzeit, wo offensichtlich doch die Jüngstmänner das offizielle Mannsbandenwesen spielerisch voreinüben - und selbiges soll gar nicht sexuell sein? So wie der generationssexuelle Aufbruch beim Jungen von besonderer Triebhaftigkeit, wenngleich er der Präparation der Gewaltdurchsetzung exklusiv dient? Und was wohl meint die große sexuelle Selektionskraft der Verliebtheit anders als die Tiefstorganisation der humanistischen Fundamentalverkennung von Mensch etc.? Daß Höhepunkt und Inbegriff des pflichtschuldigsten Gezerres der Ödipuskomplex sei, dessen krude mythische Version just die Legitimationsauflassung seiner nicht untergehbaren Objektivität darstellt, dies bedarf wohl keiner weiteren Ausführungen mehr. Jedenfalls wächst die einschlägige Wunschinsinuation mit ihrer vorprogrammierten Vergeblichkeit, dieser Kompromiß des Imaginären, dessen mortal dinglicher Großrealisierung als Grundkraft zu: die Organisationsform der infantilen Sexualität insgesamt als Geistigkeitskonditionierung, die schwungvolle Brücke über das durchaus begehbare Wasser.
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Im Kontext der verstellten Menschnatur kam die autotomische Fühllosigkeitsabtrennung, Nachaußenstülpung rein der res extensa als Denaturierungsendlösung vor. Dies klingt nun wahrlich nicht eben wissenschaftsfreundlich, sofern sich Naturwissenschaft eben auf diese Phantasmaaufgipfelung gründet, ist in der Tat auch nicht freundlich gemeint. In der Domäne dieses erfolgreichsten und prominentesten Wertes, werthafter als alle anderen, kann es nicht angehen, gute und schlechte, weiche und harte Wissenschaft (und Technik) zu splitten; ebenso wenig darauf zu setzen, daß betreffendes Tun bei rechtem kritischem Bewußtsein (Zweckmonitum etc.) ein anderes, besseres sei. Gegen diese Inflationsmotive müßte Ihre Heiligkeit Wissenschaft, wenn schon, als ganze subvertiert werden, getreu der Menschnaturalternative (und bereinigt spinozistisch ausgedrückt) unter dem Vorbehalt der Substanz deren beide Hominitätsattribute parallelführen, und nicht dem Veräußerungsvektor entlang aneinander gewaltig erschöpfen, so als seien diese zwei Attribute deren ganze Unendlichkeit. Freilich gäbe es dann immer noch gar mathematische Naturwissenschaft, rein jedoch als Psychopompos zum Gräberinnersten, Totenkult mit schuldentledigtem, uneingedenkendem, ganz zur Vergängnis befreitem cogito-Reflex, "Berührung". Wie sähe diese neue Wissenschaft aus, wenn sie faktisch noch möglich wäre? Langsamster Rückaneignungsgang, strikte kollektiv; keine Genealogienachträglichkeit mehr, diese selbst als Produktivkraft der besagten absoluten Kontiguität; die Ubw-Spitzenphänomene passé. - Man täte nun aber der Geschichte dieses humanistischen Grundwerts Unrecht, nicht zu konzedieren, daß nicht nur die szientifische Disposition nicht eo ipso auch schon die technische nach sich ziehe, daß vielmehr bisweilen, wenn auch rein immanent in den Erfolsbahnen der abgedichteten, hypostasierten, herrschaftlichen res extensa selber immerhin traumatische Grenzerfahrungen imponierten; daß sich das Bewußtsein des Sandbaus (oder noch labileren), die Phantasmafundamentierung eben der Wissenschaft regte, freilich meistens sodann, um die Polizeilichkeit der Verdeckung dieser Schwäche a fortiori auf den Plan zu rufen - auf in die nächste und umso härtere Immortalisierungsrunde! Die von Ferenczi bemühte Evolutionstheorie zählt zu solchen traumatischen Wissenschaften selber (oder Wissenschaftsphasen), wie allgemein bekannt: zwingendes ausholendes Menschkontingenzmonitum, gewiß aber (längst) nicht (mehr) mit spürbaren metanoiete-Valenzen, Sterblichkeit en gros betreffend, begabt. Auf den ersten Blick geht
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Ferenczi gar auf Parallelisierungskurs: was äußerlich, in der res extensa, als Augenfälligkeit eines Auseinanderhervorgehens imponieren mag, begegnet binnenreflektiert im cogito als Drang retour, so als hätte der Entwicklungsfortschritt etwas wiedergutzumachen, ließe diese Reparationsobligatorik eben in der Endgestalt Mensch durch dessen paradoxen Regressionswunsch ganz besonders spürbar werden; oder wenigstens so, als entschwände anders überhaupt das Gefühl von Zeit, Kontinuität, Zusammenhang und -halt, gegenläufig besorgt von Kontrapunkt des Bewußtseins, dieser Widerhallinstanz büßender Synthesis. "O wie möcht ich dann gern ein Fischlein sein." Und also doch stringentes Sterblichkeitsmonitum in dieser Menschprätentionsparodie der thalassalen Regression? Prima vista ja. Doch Ferenczi nimmt nicht nur die Immortalitätsanmaßung des Menschen nicht gebührend ernst; was ja viel für sich haben könnte - Fundamentalwitze-reißendes schallendes Lachen darüber; er tut vielmehr so, als gäbe es sie nicht, und also bleibt sein Denken biologistisch an der fälligen Menschbiologie vorbei. Nicht bloß fungiert das cogito-Schuldecho mit seinem Rückkunftsog ur-pervers und -sentimentalistisch und fast ausschließlich als Motor unserer hausgemachten Apokalypse; (scheinbar) schuldvernichtender Tötungstrip, thalassale Regression als Ineinsprogreß dinghaft mortalen Rationalitätsterrors: um bei den Fischen zu bleiben, Hochseefischereiflotte (mindest), der Mensch ist, was er ißt, als imperialistisches Homogeneisierungspostulat, versteht sich - rein auf die Gewaltindifferenz des Humanum hin -, dieser Reflex muß sich selber auch, allererst menschbiologisch, vorbehaltlos als Selbstbewußtsein, einschließlich dessen Prätentionslimes der Nicht-Vergängnis, zum Einstand bringen, um die Subversion zu sich selbst auf menschliche Weise zu vollziehen: eben das Selbst, emphatisch, des Selbstbewußtseins, als der nichts denn konzedierte Tod selber; hier - "phylogenetisch" - die ins Selbst eingebildete Potenz, die eigne Naturherkunft zu disponieren - als nichtiger Abgrund sich wissender Kontingenz. Ecce homo. Gewiß, bis dahin ist Ferenczi nicht gekommen, sofern er biologistisch beides unterschlägt: sowohl die Regressionsumkehrung in, Rationalitätsprogression hinein als auch diesselbe als Wendepunkt in die Menschnaturalternative "zurück", menschgemäße, also vermittelte Sterblichkeitsfühlung. Und indem er diese Kriterien quittiert, blockiert sich auch der Witz der Phylogenese, indem reklamierte Natur nur noch inflationiert. Exit Ferenczi.
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Ich habe nun wenig nur Neigung, zum Abschied dieses Natur- und Wissenschaftskapitels mich auf die neuere Sexualwissenschaft des nähern einzulassen (Kinsey, Masters/Johnson, Sherfey, Giese, etc.). Wenngleich in diesem offiziöseren Perversionssektor - Obszönismus der Nachaußenstülpung mit seinem recht unvermeidlichen quid-pro-quo von spätkapitalistischen Passionen und menschsexueller Natürlichkeit - ausschlaggebende neue Demütigungsfakten, durchaus der Tradition der humanistischen Wissenschaftsschlappen würdig, begegnen: so zentral das exakte Studium der Orgasmusphysiologie zumal der Frau, das die fama eines genuin vaginalen (sprich: exklusiv vom "Manne" hervorgerufenen) Orgasmus widerlegt. Und nicht zu vergessen insbesondere auch die Fährnisse der sekundär hormonalen Durchsetzung des genetischen Geschlechts intrauterin beim Manne. Wissenschaft indessen bleibt auch hier traditionelle Wissenschaft; und eo ipso stehen die progressiven Mannsparaden auf diese empirisch relevante Schande vor der Tür, dies wenigstens.

ZWEITER AUSGANG: LACAN
Melodie: Mir ist manches schon passiert ...
Mme Lacan chantant tout le jour:
Je n'existe pas, cher Jacques
Je n'existe pas, cher Jacques
Je n'existe pas, cher Jacques
Je n'existe pas, cher Jacques
Je n'existe pas, n'existe pas, c'est la vie
M. Lacan: Heiliges Kanonenrohr, verbogenes!
(Heide Heinz)
Im folgenden Ausgang - Lacan - beschränke ich mich auf einige Stichproben, von denen her es möglich sein mag, einiges vom Ganzen des selbst ja schon philosophisch kongenialen Gedankens zu erreichen. Und da ich nicht eigentlich ein Lacan-Kenner bin, ist es nicht ausgeschlossen, daß meine zu gewärtigende Kritik a priori schon in die entsprechenden Lacanschen Paraden hinein überfließt.
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Wahlakzent aber soll sein die weibliche Sexualität, eine der Haupthypotheken der psychoanalytischen Bewegung, als solche von Lacan auch kritisch aufgegriffen.
Erste Stichprobe: XXI., Sosias, in: Das Seminar von Jacques Lacan, Buch 11 (1954 -1955):
" ...,die symbolische Ordnung in ihrem initialen Funktionieren ist androzentrisch. Das ist eine Tatsache." (S. 333)
Daran läßt Lacan keinen Zweifel: was humanistisch der Fall, ist zugleich auch "patriarchalisch". Wie aber sagt ers (jedenfalls hier)? In der Form der grausamen Rede eines genealogischen Positivismus, zum Scheine geschwätzig-milder, sofern Genealogie nicht schon entbunden ist, skizzenhaft in der Anweisung von topoi bleibt; was sich ebenso der Positivität des Gedankens zuschlägt wie in den Schreibtexten das Eloquenzpendant, gnomische Härte emanzipierter Genealogie, deren Assimilation nicht von ungefähr oft wie eine intellektuelle Tortur geschildert wird.
Dies klingt dann wie ein hellsichtiger Selbstkommentar:
"Daher taucht der Dämon des αιδως (Scham) gerade in dem Augenblick auf, in dem der Phallus in den antiken Mysterien enthüllt wird. ... - Er wird dann zum Balken, der in der Hand dieses Dämons das Signifizierte schlägt und es dadurch als bastardhafte Nachkommenschaft seiner signifikanten Verkettung kennzeichnet." (Die Bedeutung des Phallus, Schriften II, S. 128f)
Schamhafte Rettung der Würde des Verborgenen gegen die Entbergung als dessen Sanktionspotenz, Versklavung der offenbarenden Indolenz; internalisiert die sich selbst bestrafende Un-verschämtheit, von einer solchen implosiv hermetischen Imperalität, daß man eben auch als Anderer die selbstverpaßten Phallusbalkenhiebe des Schamdämons inklusive der wunden Schamlosigkeit an sich selbst verspürt. Ein seltsames binnenverlagertes "mystisches" Martyrium, blickbezogen. Ich vermute, argwöhne so etwas wie die permanente Transitüberbrückung des Selbstsplits in Engel/Teufel, Faust/Mephisto, Christi Versuchung, nicht gar nur gigantisch, einfach grausam vielmehr, sofern die Extreme, Vatergott und Urmutterschlage, abgekappt, nichtusurpiert erscheinen, und also die im Transit ausgefällte Rede/ Schrift sich nicht eigentlich psychotisch, doch kantig anankastisch "pervers" geriert: Unverschämtheitsikonen, eingefrorene Schandbilder, homo-sexuell durchaus - Phallusenthüllungen eben, ohne daß
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diese Denudation so ohne weiteres ganz woandershin geriete (wie mir es dauernd passiert); mitnichten Magazinbusen und -popos - Lacans Faszination von der Zwangsneurose fände so eine erste Plausibilität? - Der verläßliche Dispens des üblichen psychoanalytischen Subjektivismus erweist sich deshalb auch als halbherzig: zwar hat Lacan denselben hinter sich gelassen, doch wenn ihn die Scham der Unverschämtheit überkommt, begibt sich das Phantasma auf des Fleisches Seite, und die toten Menschdinge gegenüber bleiben, als ob sie tautologisch wären, im Dunkeln (an jeder Ellipsenstelle scheren Maschinen aus; sie entziehen sich aber wie schwarze Löcher, meinten wir einmal): Objektivitätsekstatik wie zurückgenommen, wie hypostasierte Sexualität i.e.S.
"Es ist das Ich, sofern es selbst seine Enteignung trägt, es ist der imaginäre Tod." (XXI., S. 341)
Abermals Selbstkommentar, dieser ingeniöse Satz über den Zwangsneurotiker, intellektuell veräußert, produktiv gemacht, wie man das verlegen ausdrückt.
Was aber sagen alle diese Gedanken über Weiblichkeit aus, und zwar im Lacanschen Räsonnement selber (Tic-Räsonnement, der seriöse Clown mit dem Chirurgenbesteck, sagten wir einmal), längst bevor die Sprache darauf ausdrücklich inhaltlich kommt? - Weiblichkeit - das liegt buchstäblich fast auf der Hand, offen auf allen aufgeschlagenen Seiten dieses Totenbuchs -, sie ist der a priori schon phallisch substituierte Opferstoff, der sich zugleich dieser seiner Funktion peremptorisch sperrt. Die harten Tautologisierungshiebe frommen nicht, denn der Stock (vorgesehen rein für Männerhinterteile) war vorher unvergeßlich als Fleischstange symbolisierungsoffen evident; und also müssen sich (müssen?) das renitente Opfer und seine ohnmächtige Opferung unverbrüchlich aneinanderketten, sich durchdringen, fusionieren und also leidenspermanent den großen Gottesdienst ableisten nach beiden ausgelassenen Enden hin, wie gehabt, nein, nur blickend in die eine, des "toten Vaters", Richtung. Woraus später im AÖ der Witz wird, daß der Signifikant das Signifikat... na, Sie wissen ja schon.
Zurück zum Seminartext: "Daß die Frau derart eingebunden ist in eine Ordnung des Tauschs, wo sie Objekt ist, das macht den grundlegend konfliktuellen, ich möchte sagen ausweglosen Charakter ihrer Position aus - die symbolische Ordnung unterwirft sie buchstäblich, transzendiert sie ... Es liegt für sie etwas
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Unüberwindliches, sagen wir Inakzeptables in der Tatsache, in die Position des Objekts in einer symbolischen Ordnung gestellt zu sein, der sie andererseits ganz ebenso unterworfen ist wie der Mann." (Ebd., S. 334)
In der Tat: Lacan sagts zudem, was er eh sagend tut; und, so kongruent, bekommt die symbolische Ordnung einen intellektuell-anankastischen Riß, Auflassungsriß verpaßt: eben Frau als sperriger Opferstoff und Mann als die darein ohnmächtig verstrickte Opferexekutive. In der Tat - ein "grundlegend konfliktuelles" Verhältnis. Ob Lacan diese Kongruenz selber auch weiß? Verstehen Sie mich nicht falsch - selbst wenn ers nicht wüßte und also in blinder Vereinseitigung dächte, so wäre dies mitnichten schon ein abkömmlicher Erkenntnismangel - Mangel nach dem Maß der Wissenschaftlichkeit, die es bei Nicht-Verzicht auf Erkennen, emphatisch, hier gar nicht geben kann. Und mehr noch: Genealogie, deren Lacansche Virtuosität nun wahrlich nicht strittig ist, verdankt sich eo ipso denselben tributreichen Rissen in der ubiquitären "symbolischen Ordnung", der Rationalität, welche die Selbstinvolution von Pathologie generieren, nur daß sich dieselben genealogisch/produktiv - verbal/skriptural - zu autotomisieren vermöchten; und es scheint zudem eine Frage der Gewaltprogression der Rationalität immanent selber, inwieweit sich Krankheit und Intellektualität schließlich überhaupt noch unterscheiden lassen. (Immerhin sind die Lacanzitate bisher gut ein Vierteljahrhundert alt - alt angesichts des großen Fortschritts...) Man wird nun nicht behaupten können, daß genealogisch einzig ausschlaggebend die Rißkonservierung, gleichwie auch, sei; deren Modalität zeigt sich als kriterial nicht nur für den kontroversen Wahrheitsaustrag auf dieser intellektuellen Ebene, zumal auch für die Frage der Subversionschancen, um die es nicht nur im Ausgang von Lacan sehr schlecht steht. Daß meine Andeutungen zu Lacan mit/gegen Lacan, der Versuch der Erfassung eines genealogischen Profils, auch davon befreien könnte, in exegetischer Botmäßigkeit, die ich eh nicht aufbringe, unterzugehen, ist mehr wohl ein marginaler Gunsteffekt.
Diesem Profil getreu geht Lacan in der Qualifizierung von Weiblichkeit en detail aber weiter. "Dual" prallen weibliche Renitenz und männliche Ohnmacht immer dann duellhaft in "allen möglichen Formen imaginären Verfalls" aufeinander - und wir werden gleich hören, wie Balint dafür zum Zeugen wird, für die ganze Mißhelligkeit der
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"genitalen Liebe" -, wenn nicht die besagten abgekappten Kontrarietäts-/Identitäts-Extreme - himmlischer Vater und Urmutterschlange - hilfreich zitabel würden. Allererst erträglich wird das heteron Weiblichkeit für den Mann, nur insofern es in eine Art jungfräulich töchterlichen Besitzstands des himmlischen (toten) Vaters eingeht, sprich (was Lacan hier so deutlich nicht schon sagt): wenn Mann sich homo-sexuell in dieser Weiblichkeitsversion anamnestisch identifiziert. Lacan eilt dem armen Mann mit diesem besten aller möglichen Subsidien der symbolischen Ordnung etappenweise gar zur Hilfe. Hier die drei Etappen - man gewahrt sofort die Schonung in der Einführung des erforderlichen Drittengottes -: er inkarniert sich ja in Dir, mein Lieber. Nein, nicht ganz so - er ist - aber nur zu Deinen eignen Nicht-Ohnmachtsgunsten - letztlich das eigentliche Liebesobjekt Deiner ansonsten getreuen Gattin. Nein, so doch wiederum nicht ganz, Ihr seid eben immer zu dritt (pikant, nicht wahr?).
"Eben weil sie in einer zweitrangigen Beziehung zu dieser symbolischen Ordnung steht, inkarniert sich der Gott im Mann oder der Mann im Gott, ... " " ..., wenn in der ursprünglichen Form der Ehe die Frau nicht einem Gott, nicht etwas Transzendentem gegeben wird und sich gibt, dann unterliegt die grundlegende Beziehung allen möglichen Formen imaginären Verfalls,... " (S. 334) " ... - damit die Situation haltbar ist, muß die Position triangulär sein. Damit das Paar zusammenhält auf der menschlichen Ebene, muß ein Gott da sein. Es ist der universale Mann, der verhüllte Mann, von dem jedes Ideal nur das idolatrische Substitut ist, an den sich die Liebe richtet, diese berüchtigte genitale Liebe, die wir uns zum Sonntag machen und über die wir pausenlos reden." (S. 335)
Siehe da - die Ohnmacht ist dahin; das ist die Hauptsache, nicht aber der Preis für diese Ermächtigung, nämlich eine Selbstalterierung des Begehrens, deren Differenz zur Zwangsneurose hin nur noch hauchdünn sein kann (" ... - der Zwangsneurotiker ist immer ein anderer." etc., siehe S. 341ff). Never mind. Und leichtere Schwächeanfälle, mehr kokett als decouvrierend, gehören zu dieser konservativen Mannserstarkung mit dazu; so die paranoische Schelte über die Treulosigkeit des Weibes eben in ihrer Nicht-Renitenz (" ..., daß unsere Frau uns sicherlich von Zeit zu Zeit mit Gott betrügen muß." S. 330); und vor allem dies schöne Bedauern, das ein wenig ketzerische, gegen die Vater-Pietät:
"... denn wir sind, und zwar seit langem, nicht Manns genug, Götter zu verkörpern. In den noch rauhen Zeiten gab's den Herrn. Und das war die große Zeit, in der die Frauen ihren Anspruch geltend machten -" (S. 334) " ... - der Gatte ist zum Kind geworden, und seit einiger Zeit lehrt man die Frauen, ihn auch gut zu behandeln. Auf diese Weise hat sich der Kreis geschlossen, wir kehren zum
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Naturzustand zurück." (S. 335)
Gleichwohl, recht und vernünftig bedacht, überwiegt der Vorteil der Konzession des himmlischen Vaters im Ehebett bei weitem; abschreckendes Beispiel, wie annonciert, Balint:
"Sie werden sehen, wenn die Autoren nur ein wenig streng sind, ein wenig nur der Erfahrung folgen, dann gelangen sie zu der Schlußfolgerung, daß diese berüchtigte Liebe überhaupt nichts ist. Die genitale Liebe erweist sich als absolut unassimilierbar mit einer Einheit, die die Frucht einer Instinktreifung sein soll. In der Tat, in dem Maße, in dem diese genitale Liebe als Duell / als dual begriffen wird, in dem Maße, in dem jeder Begriff des Dritten, des Worts, des Gottes fehlt, fabriziert man sie in zwei Stücken. Primo, der Geschlechtsakt, der, wie jeder weiß, nicht lange dauert - das ist gut, aber das hält nicht vor -, und das etabliert absolut gar nichts. Sekundo, die Zärtlichkeit, von der man erkennt, daß ihre Ursprünge prägenital sind. Das ist die Schlußfolgerung, zu der die ehrlichsten Geister kommen, wenn sie sich an die duale Beziehung halten, um die Norm menschlicher Verhältnisse aufzustellen."(S.335f)
Meinen Sie nun nicht, ich überhörte den Klang von Witz und Ironie darin. Sie überschlagen sich aber, wenn ich recht sehe, spätestens an der Stelle der unglaublich totalen Auslassung des weiblichen Begehrens als solchem - jedenfalls hier -, die nur die dunkle Faktizität bisweilen für sich haben könnte, daß die rechte Triangulation mit männlichem Übergewicht alleine schon der Quantität nach in einem Aufwasch auch die weibliche Sexualität miternährt und -motiviert, bisweilen freilich nur - fragt sich aber wie genau, worüber Lacan hier keine Auskünfte mehr gibt. Kurzum bleibt das andere Urmutterende ungenutzt, im Dunkeln liegen, ausgeblendet, wie inexistent; und dies, wo es doch selbst in dieser radikal konservativen Sexualitätsverfaßtheit der symbolischen Ordnung hyperevident scheint - wenn man sich diesem Riß wenigstens auf der einen Mannsseite nur ein wenig anvertraut -, lag just der schamhafte Prügelphallus in seiner herrlichen Läppischkeit hin überspielt triumphal ins Grinsen und Zischen der Urmutterschlange, wenn Frau ihn gewahrt und spürt, zumal in der homo-sexuellen Kriegsabdrift der Männer unter sich. Indem Lacan der Frau diese aufgeklärte, sakramental-pornographische Frauwerdungshilfe gezielt verweigert, traditionelle Sexualität bloß semi-entparanoisiert, betreibt er tatsächlich intellektuell (wie sexuell) produktive mimesis an die Zwangsneurose, die er so ingeniös versteht. - Das heiße ich mir, den status quo der symbolischen Ordnung in Sachen Sexualität beglaubigen, ja nachgerade heiligen: ihm die sakramentale Würde - als Ehe - rückerstatten. Spätkapitalistisch aber gilt, diese Dignität betreffend, die Alternative von Sakramentalitätsnostalgie
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und säkular-pornographischer -substitution; und nur, indem man sogleich ins Theater geht - zu Molières Amphitryon - und über diese Präsentation gescheit sodann redet, scheint man vor solchen korrupten Weggabelungen geschützt. Und wo bleibt demnach im Angesicht dieser trüben Aussichten die Sicht auf die längst doch bestehende mortal-dinghafte Objektivität des reklamierten, also sinnloserweise reklamierten Sakraments, Maschinität, wie wir sie betreiben, überhaupt nämlich? Vor lauter immer-noch-Psychoanalyse, deren extraordinärer Verphilosophierung unbeschadet, wird man, wenns so nur weiterginge,- Objektivitätsekstase-faul, je rechts schon unwissend überholt von dem, was restlos derart im Toten der Fall. Alles in allem ists also kein subjektiver Intelligenzentschluß, Ausdruck bloß der verheerenden Ungleichzeitigkeit von gesellschaftlicher Tatsächlichkeit und Intellektualität, nicht unschuldig, vielmehr wissend, augurenlächelnd modern moralistisch über das ernsthafte Geschäft solcher Sakramentalität zu handeln; das höhere Bewußtsein. Wächst dann aber nicht die Versuchung, die eh ja unmögliche ordentliche Re-sakramentalisierung, diesen schönen gebrochenen Konservativismus ob seiner Unmöglichkeit dranzugeben und die Legion der Formen des imaginären Verfalls, der Dual-Duellistik des "Geschlechterkampfs" ihrem Schicksal zu überlassen, und dies vielleicht gar in der Hoffnung, daß deren Sabotagevalenzen die unmögliche symbolische Ordnung aushöhlten? Das sagt sich so leichthin, wenn man nicht auch - Psychoanalytiker in praxi wäre. Die alltägliche Konfrontation mit diesen Verfallsformen nämlich - dieser ganze Kitsch von Zweierbeziehung und genital sexueller Natürlichkeit - ist tagtäglich schlicht so scheußlich, daß man - faute de mieux, denn Großauswege sind von den Adaptionsverstrickungen je des individuellen Falls her nimmer in Sicht - zum aufgeklärten Moralisten (sowohl aufgeklärt wie auch Moralist) Lust verspüren muß, meine ich. Die widrige "therapeutische" Verklebung, die sich mit dieser Perspektive unabdingbar einstellt, hat immerhin dieses Zuträglichkeits-, ja flüchtige Wahrheitsmoment an sich, den Idealtypus des ausgefransten verderbten Faktischen, rein genealogisch und allererst angepaßt freilich, gewahrbar zu machen. Ultimativer Konservativismus. Und nichts geht eigentlich mehr.
Paradoxes Ansinnen, von jemandem, der schriftlich noch gekonnter - gezielter, abgehackter, härter, schmerzender - den Schlagstock der
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Scham der Enthüllung zu schwingen versteht, zu fordern, daß er über seinen eigenen Schatten springe. Und dies im Angesicht des allenthalben grassierenden Denkschunds (zumal der aktuellen deutschen Philosophie). Auf welcher Grundlage soll dieses Zauberstück denn gelingen können? Ich bin sehr ungerecht.
Zweite Stichprobe nun unter diesem Blickwinkel: Die Bedeutung des Phallus, Schriften II, insbesondere die Stellen zur weiblichen Sexualität.
"So paradox diese Formulierung auch erscheinen mag, wir behaupten, daß die Frau, um Phallus zu sein, Signifikant des Begehrens des Andern, einen wesentlichen Teil der Weiblichkeit, namentlich all ihre Attribute in die Maskerade zurückbannt. Ausgerechnet um dessentwillen, was sie nicht ist, meint sie, begehrt und zugleich geliebt zu werden." (S. 130)
So ist es (welche Befreiung von allem Biologismus!); das habe ich exakt(er) schon "beschrieben": differente Weiblichkeit als Weiblichkeit (euphemistisch ausgedrückt: deren wesentlichen Teil, namentlich all ihre Attribute) muß werden zur geopferten Mortalitätsfassade, hinter der das Geschlechtskontrarium lebenderweise phantasmasiert, damit sich an dieser Homo-sexualität des Einen Phallus, hüben imaginär/versteckt/seiend und drüben real/offen/gehabt, das Begehren des Anderen, des Mannes entzünde etc. - Allein, ich stolpere ein wenig über die Art der Exposition dieser unbestreitbaren genealogischen Wahrheit. Lacan scheint nämlich zu supponieren, daß diese ihre Begehrlichkeit die Frau in eigner Regie selber mache und sich dabei selber dann täusche: sich ihr eignes Betrugsanlockungsmanöver selber abkaufe. Seltsame Wendung - es muß mir so vorkommen, als gehe Lacan hier den zweiten Schritt vor dem ersten, indem er die (freilich nicht linear temporale) Vorgängigkeit der männlich homosexuellen Fetisch"projektion" auf den weiblichen Sexualkörper ausläßt und stattdessen nur noch deren weibsgemäße "Introjektion" wie ein autonomes Tun der Selbstverkennung dartut. Offeriert wird so die bereits fetischistisch stigmatisierte sprich: sexuell selbstbewußte Frau wie wenn sie autark darin wäre (um nicht zu sagen: natürlich), scheinbar losgelassen, um im nächsten Augenblick in irgendeiner Hysterievariante diesen Selbstaufgang in ihrer homosexuell-phallischen Begehrlichkeit adäquat auch zu exekutieren. Wird aber so die Szene nicht allmählich sehr fatal? Frau, ihrem Introjektionsschicksal überlassen, an dessen Unverschämtheitsgrenze
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offener Hysterie (wie auch im einzelnen) der strafende Schambüttel aus dem Dunkel heraus voll in Aktion treten kann, damit nur nicht irgendwo dazwischen und sichtbar im vis-à-vis die ganze fleischliche Enthüllungskomik ausbreche, nur nicht sinnenfällig werde die pralle Lächerlichkeit dieses Basisbeschiß' der Begehrlichkeit. Nein, bevor diese Seifenblase platzen könnte, hat sich der gute Mann unsichtbar gemacht und die Frau ihrem eigensten sexuellen Wesen, begehrenswert zu sein, geliebt werden zu wollen, schuldsprechend darüber anheimgegeben. Und also alleine gelassen, wird sie sich gewiß auch selber expressis verbis schuldig machen, damit zur Krönung dieser ordentlichen Verhältnisse die wahre phallische Würde, der Büttel Überich endlich hervortrete. Hurenbestrafung immerdar. Wie lange soll denn noch dieses schöne Stück vom Zwangsneurotiker und der Hysterika psychoanalytisch laufen? Endloskino. Es währt nicht zuletzt so lange, weil es so überaus dumm ist, spätestens beim zweiten Mal, eben auch in dieser Lacanschen moralistischen Aufklärung, ebenhier zum zweiten Mal besonders (und geht außerdem nur in seinem Philosophiecharakter über Ferenczi hinaus). Die apollinische Seite aber dieses Theaters, der wohlgefällig lüsterne Blick des himmlischen Vaters (unsichtbar) auf die töchterliche Erdenjungfrau, diese Weile vor dem Gericht, macht keinerlei Außenposten; diese Usurpation ist nur möglich als Tischgebet.
"... so wird ... sein eigenes Begehren nach dem Phallus seinen Signifikanten hochkommen lassen in seiner übrigbleibenden Divergenz auf 'eine andere Frau' hin, die auf verschiedene Weise diesen Phallus bedeuten kann, ob als Jungfrau oder als Hure." (S. 131)
Und nun das weibliche Begehren selbst: "Was indessen ihr eigenes Begehren anbelangt, so findet sie dessen Signifikant im Körper dessen, auf den sich ihr Liebesanspruch richtet. Man darf aber gewiß nicht vergessen, daß das Organ, das mit dieser signifikanten Funktion ausgestattet ist, von sich aus den Wert eines Fetischs annimmt." (S. 131)
An die Knappheit der Rede - Schlag auf Schlag - mag man sich gewöhnen können; auch ist man ja durch Melanie Klein (und den späten Freud - Fetischbegriff) durchaus vorinformiert. Und doch will es mir abermals so vorkommen, ja a fortiori so vorkommen jetzt, als werde der intransigente genealogische Begriff weiblicher Sexualität im Gefängnis der symbolischen Ordnung selbst als dieser "gnostische" Begriff zur rigorosen, nachgerade moralistischen Norm derselben gekürt: wenn man genau weiß, wie es einschlägig ist, dann ist dieses: wie es ist, auch (praktisch) schon (mit)geläutert. Genealogischer
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Positivismus, philosophische Letztaufklärung selber als normative Idee, "moralischer Intellektualismus", typisch eben für die "therapeutische" Perspektive. Dadurch wird das Räsonnement auch, schriftlich zumal, so initiationshaft hart; und die Wendung von (leicht mißratender) Wissenschaft weg zu genealogischer Philosophie tut das ihre stählernd durch Internalisierung, unausweichlichen Binnenbefall hinzu. - Zurück zum thema probandum. Freilich treffen die Lacanschen Rätselsprüche zum weiblichen Begehren philosophisch abermals nichts als zu. Die Grenze ihrer Geltung aber, wie gehabt, sie ist die crux dieser neuen Psychoanalyse. Einzig begehrt werde der Phallus (Vaterphallus) im Mutterleibinnern - als phantasmatische Mutterleibhaftigkeit des Mannes; und das Organ, das für diese Allsignifikation steht, gedeihe so zum (Universal)fetisch. Eben ja, wenn zugleich überhaupt nicht! Diese äußerst verknappte Auskunft hat etwas vom Sprunge an sich, sogleich zur höheren Tagesordnung überzugehen:
"Deswegen wird, wie man beobachten kann, das Fehlen der dem Sexualbedürfnis eigenen Befriedigung, anders gesagt: die Frigidität, von der Frau verhältnismäßig gut ertragen, während die dem Begehren innewohnende Verdrängung bei ihr geringer ist als beim Mann." (S. 131, ebd. die Inversion beim Mann)
Kalt und unverschämt und (hinzu kommt dann noch) insgeheim promisk vs. heiß und schamvoll und offen treulos - welch ein Gegensatz der Geschlechter! Wie sollte es anders auch kommen können: Frau hat sich, begehrend, von ihrer vorangehenden Selbstverkennungs-Autonomisierung mit dem Hysterieextrem (und dem vis-à-vis männlicher Unsichtbarkeit, übergehend in die Aktionen des Uberich-Phallus, jurisdiktionell) nimmer erholt. Nicht kommt sie eigentlich dazu, zu begehren gegen die erwünschte Hysterie-Kulturation ihrer Begehrlichkeit, diese indolente, verschlagen ungetreue Frigidität, hinter der als deren Inbegriff die Schwangerschaft lauert. Wenn überhaupt (und eh ja sekundär), bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit diesem Begehrensresiduum vorlieb zu nehmen (und dabei kanns dann doch recht hoch hergehen): nämlich die Phallushiebe auf die tote Weiblichkeitshülle (Maskerade) als Anregung zu nutzen, just nicht den inneren phantasmatischen Phallus, dieses Nichts an Auffüllung, unter Schmerzen hysterisch zu gebären: phantasmatisch autotomisch herzugehen, vielmehr übergehen zu lassen belebend in die Weiblichsmaske, den ganzen Weibskörper, sexuell. Begehrt wird, weiblich, demnach, immanent, die Emanzipation vom phallischen Bann, transitorisch,
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nach seiner Verhängung; und dies post-festum drückt sich selbstverstellt dann recht so aus, den Begehrenssignifikanten im Körper des liebenden/geliebten Mannes anzutreffen. Und abermals - welch umwerfende Komik - nur daß Lacan mitnichten lacht (oder etwa doch?). Wie war das noch mit dem Schamdämon? L'homme n'existe pas - als penishabender pimmelbehangener Körper vs. die schamloseste binnenversierte Leiblichkeit von Frau. Derart riesig die Schmach der Notdurft der Männlichkeit, daß instantan zur einschlägigen Enthüllung die Prügel mit dem toten Stock, der Phallus-Autotomie, einsetzt: reines Himmelsszenarium, in dem der generalissimo-Schlegel es sich leistet (in Permanenz leisten kann), im delirium seines Straffestivals wunschgemäß durchaus kassiert, sprich: kastriert worden zu sein. Lacan sagt's ja selbst mit seiner charakteristischen Strenge humanistischer Normoffenbarung (und man versteht jetzt wohl auch besser die Stelle von weiland über die Männer, die längst nicht mehr Manns genug seien, um Götter zu sein): himmelsverwischt muß solch ein Mann im nebulosen, inhibierten vis-à-vis der Frau dieser eben wie eine solche, Weibskörper mit der besagten mysteriösen Inneneinstülpung, vorkommen; und siehe da, diesen begehrt sie, heterosexuell, wenn es nur ein Mann ist, der sich solches anzutun geneigt sein kann, diese herrschaftliche Hundeknechtigkeit. Aber es ist ja ihre Verkennung, eben, der Begehrenspreis; und also bleibts rechtens bei der fama, daß der lauteste Lustklang der Weiblichkeitsmaske als Nichtsvollstreckung des Phallus dessen höchste Adoration, ja die schreiende Selbstvernichtung von Weiblichkeit vor diesem sei. In der Tat, man sollte sich vor lauter Lachen nicht mehr halten können....
Auch ohne gnomisch angesteckt zu sein, ließe sich die Hyperschamhaftigkeit des Mannes viel einfacher, direkter als das Skandalon weiblicher Selbstaffektion, der Klitoris also, dartun; wovon (und von manchem anderen differenter weiblicher Sexualität) Lacan, diskreter noch als ein Gynäkologe, partout nicht spricht. (Man kann dies als Mann ja auch sehr schlecht!) Wenn ich recht sehe nämlich, entspräche der Entblößung auf des Mannes Seite - der vollen Entblößung der glans penis - gegenüber die Manifestation dieses Selbsterregungselements: die symbolischen Phallusprügel des kastrierten/kassierten Mannes als die "Schläge" der Klitoris, Transit der inneren Phallusnichtung in die affizierte klingende Hülle,
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die Weiblichkeitsmaske. Und insofern diese männliche Schamlosigkeit entfällt, müßte auch das Klitorisbewußtsein expressis verbis entfallen. - Anscheinend aber wirft Lacan doch noch einen flüchtigen Blick auf diese unseriöse (schwach ausgedrückt) Devianz vom rechten genital-sexuellen Opfervollzug: auf die "männliche Parade", seriös nur a fortiori, insofern sie kollektiv rein unter Männern militärisch-mortal-sexuell vonstatten geht:
"Die Tatsache, daß die Weiblichkeit ihr Refugium in dieser Maske findet durch die Verdrängung, die dem phallischen Kennzeichen des Begehrens inhärent ist, führt zu der merkwürdigen Konsequenz, daß beim Menschen die männliche Parade selbst als weiblich erscheint." (S. 132)
Wie zu erwarten, ein militant-militärischer Beschluß: Marie und der Tambourmajor. Effektiv flieht Weiblichkeit in sich selbst, ihre Maske hinein, und kommt ebenhier zu sich selbst auch, integral, unter der stabilen Voraussetzung einer totalen Korporalitätsscham des Mannes (der Verdrängungsimmanenz seines Begehrens), seines himmelsspirituellen Paradeuniformismus. Siehe da, dieser Mann ist endlich wunschgemäß Weib geworden im Toten, und dieses selbst als solches, es steht darob in Flammen. Und wieder vermag ich es mit dem besten Willen nicht zu verhindern, meine lieben Lacanfreunde, daß mir Valerie Solanas jetzt einfällt. Und den Schuß, den sie auf Andy Warhol abfeuerte, spüre ich im Geiste schuldig mit, der ich - ich - weder Marie noch Wozzeck noch der Tambourmajor - wie der grausam lüsterne Autor dieses Szenariums geriere; grausam nicht minder, nur anders, vielleicht ein wenig wozzecknäher? Jedenfalls dürfte diese Tiefsinnsverbeugung schließlich nicht kommen - früher Streitpunkt außerdem, wie man jetzt wissen kann (siehe Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung) zwischen Freud und Adler:
"Korrelativ dazu läßt sich der Grund für jenen Zug begreifen, der nie aufgeklärt worden ist, und an dem die Tiefe der Freudschen Intuition noch einmal sich ermessen läßt: warum Freud nämlich behauptet, daß es nur eine Libido gebe, wobei seine Schriften zeigen, daß er sie als männlich auffaßt. Die Funktion des phallischen Signifikanten mündet hier in seine tiefste Relation: die, durch die Alten hier nous und logosFleisch werden ließen." (ebd.)
In der Tat: eine männliche Libido mit der Wunderkraft der Geschlechtsmetamorphose im Toten begabt, die entsprechend alles Weibsfleisch verbrennt. Wer hat schon einmal etwas von den Hexenverbrennungen gehört? Oder auch nur von Freuds spätem Todestrieb?
Ich sprach schon in etwa davon, daß Lacan alle Anti-Subjektivismustrümpfe
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gegen die traditionelle Verfassung der Psychoanalyse in Händen halte, ohne diese aber auszuspielen. Für den klügeren Spätling in aller wünschenswerten Evidenz begegnet dieser besondere Skandal insbesondere hier, sofern der Text fraglos doch, wie es scheinen muß, bis zur Paradeuniform vordringt, um dann aber - nur des bißchen genitaler Sexualität, dieser Vor-/Nachspeise des Paradesonntags wegen - die Fortsetzung des einschlägigen Rapports durch Tiefsinnsverquerungen abzubrechen. Als ob die Leidenschaft des Geschlechts mit diesem raren Festtag ende, dessen Putz darüber hinwegtäuscht, daß die Wäffenarsenale währenddessen ungeduldig auf ihren Neueinsatz warten oder, tiefsinniger ausgedrückt, daß nous und logos ihrer werktäglich größeren Weibsfleischration begierig harren. Kurzum, doch ungnomisch - denn Gnomik befindet sich nicht zuletzt immer auch anti-szenisch auf Himmelfahrtsverdichtungs(metaphern)kurs, wahrscheinlich um der Gefahr der Blendung zu entkommen -: der Mannsschamdämon gibt nicht eher Ruhe, bis er die "bastardhafte Nachkommenschaft seiner signifikanten Verkettung" totgeschlagen hat - um sie im Jenseits vielleicht sodann ganz in eigner Regie (als Maschinen) totzuerwecken. ....
Bislang also bleibts bei dieser "unerhörten" Klippe ultimativer Lacanscher Psychoanalyse (so ähnlich wie in Kreneks "Pallas Athene weint"): der Unerbittlichkeit ihres moralischen Intellektualismus, dem konservativen Postulat genealogisch-gnostischer Reinigung der symbolischen Ordnung von ihren unendlichen Schlampereien in der Zentralsphäre genitaler Sexualität. Will man Psychoanalytiker sein und bleiben, so geht es ausschließlich so herum. Und indem Lacan diese Alternativelosigkeit rigoristisch (protestantisch) vollzieht, löst sich die Möglichkeit von Psychoanalyse für den Spätling wie unsereinen auf. Als ob der Humanismus nicht die grausamste Opferreligion aller Zeiten wäre, wenn er nur in seinem Inneren mit dem hellsten, ganz verinnerlichten Bewußtsein, seiner selbst und rein durch dieses Ordnung zu schaffen verstünde, Ordnung primär bis ausschließlich in den Angelegenheiten, den persönlichen, genitaler Sexualität.
Dritte und letzte Stichprobe (nur wenig später verfaßt): Leitsätze für einen Kongreß über weibliche Sexualität, Schriften III.
Meine Verlegenheit zuvor: wenn es nun so ist, wie es Lacan sage und
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schreibe bedeutet, so hintertriebe ich mit meiner Kritik: diesem Nur-noch-lächerlich-machen der lückenlosen symbolischen Ordnung, in einem die Möglichkeit des weiblichen Begehrens mit? Ja - man müßte wenigstens achtgeben, daß bei unerschüttertem Fortbestand dieser Ordnung solche höhnenden Hilfsaktionen fürs andere Geschlecht (und selbstverständlich mit fürs eigene) nicht in subtile Rachemanöver umkippen. So einfach nämlich läufts zumal im Falle wohlmeinend heroischer Selbstverordnung nicht, daß die Quittung des alten Begehrens und seiner Begehrlichkeiten das insinuierende Niemandsland sodann in positiv innovativem Verstande schon ausfüllte. Demnach: von woher spricht diese meine Kritik? Und: wie sähe das ganz andere Begehren aus?
Folgerichtig nimmt Lacan die weibliche Sexualität expressis verbis als Problem auf, und dies sicherlich auch in der Absicht, von diesem entscheidenden Felde aus die explizierte Genealogie der (genitalen) Sexualität auf ihre Festigkeit hin zu prüfen - oder gar daran revisionsoffen der Falsifizierbarkeit auszusetzen? Mit etwas gemischten Gefühlen vielleicht - so zwischen Selbstbeschwichtigung (ob des Sakrilegs darin) und selbstbetreffender Hellsicht (nun wahrlich nicht eben ein besonderer Verehrer des blinden Sehers bislang gewesen zu sein):
"Ein Kongreß über die weibliche Sexualität ist nicht dazu angetan, über uns die Drohung des Loses eines Teiresias zu verhängen."(S.226)
Und auch wohl mit ein wenig ritterlicher Verärgerung in der Retrospektive, gleichwohl "gnostisch" im Stich gelassen worden zu sein, so als müsse chevalereske Scham mit besonderer Aufrichtigkeit belohnt werden.
"Die Repräsentantinnen des Geschlechts, welches Gewicht auch immer ihre Stimme unter den Psychoanalytikern haben mag, scheinen nicht gerade ihr Bestes getan zu haben, um dies Siegel (sc. insbesondere aber den Vaginal-Orgasmus) zu brechen." (ebd.)
(Hätten sie es getan haben sollen, wenn sie es gekonnt haben würden? Schwerlich - denn auch die purifizierteste symbolische Ordnung hat soviel Kreditwürdigkeit mitnichten....).
Gestatten Sie mir bitte nun, nicht die gesamte Palette wenigstens nachgeholter Fragemotive in der angeführten Kongreßvorbereitung mustern zu müssen (und auch nicht diesen Kongreß selber weiter zu verfolgen), sogleich dagegen einen Stichprobensprung in die hinteren fortgeschrittensten Passagen zu machen:
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"Warum nicht anerkennen, daß, wenn es keine Männlichkeit gibt, die nicht von der Kastration besiegelt ist, es ein kastrierter Geliebter oder ein toter Mann (oder beides in einem) ist, der sich für die Frau hinter dem Schleier verbirgt, unter dem er ihre Anbetung fordert - das heißt von demselben Ort jenseits des mütterlichen Ebenbildes aus, von dem ihr die Drohung einer Kastration kam, die sie nicht wirklich betrifft.
Demnach ist es dieser ideale Inkubus, demgegenüber eine umarmende Empfänglichkeit sich als Sensibilität der Scheide auf den Penis zu beziehen hat." (S. 232)
Also doch der Sprung über den eignen Schatten? Nein, letztlich überhaupt nicht und also auch nicht davor. Manifest indessen der "Fortschritt" im genealogischen Verständnis (weiblicher) Sexualität. So als stecke das Thema in Hinsicht der oftmals apostrophierten höheren weiblichen Schamlosigkeit an, trägt der Text überraschenderweise jetzt nämlich die bislang tunlichst abgedeckten, "verdrängten" Szenensegmente/-phasen nach, ja heftet sogar den Blick fast ausschließlich daran: die neu belassene Entblößtheit des Mannes, dies mit dem unvermeidlich verqueren Resultat, daß nunmehr im Kontext der ausdrücklichen Thematisierung weiblicher Sexualität noch weniger über diese selbst ausgeführt erscheint. Sagt also der Text in aller immanenten Konsequenz: wenn ich schon nicht mehr umhin kann, dem unheimischen Bann weiblicher Indolenz zu verfallen, so nehme ich es mir dagegen wenigstens heraus, mimetisch eine indolente Momentaufnahme platonisierend zur Abschreckung just der männlichen Gegenseite zu machen, halte die gefährliche Schandbarkeit dessen wohleingesperrt fest, was üblicherweise im Himmelsnebel schamhaftester Entkörperlichung (mit deren Sanktionsrevenant, der männlichen Mortalitätsparade) entschwindet, und bin so, wenngleich tüchtig angesteckt, inkubiert, immerhin wieder auf der rechten Seite. Nicht gerade erhebend, diese neue Entbergung: auf irdischem Körperniveau weibisch besehen (vor der Himmelfahrt und der fulminanten Paraderückkunft von dannen) - exaktest das Bild der Pietà. Und bleibts noch eine Weile körperlich - darauf hat sich Lacan neu ja eingelassen -, so ists nur noch ein kleiner Schritt bis hin zur Verteufelung des Szenariums, die tatsächlich auch simultan dem physiologischen Sündenfall - Penis (mitnichten noch als Organ Fetisch) und Scheide (sonst nichts?) - konsequent einsetzt. Die Pietà des Michelangelo im Dome zu Florenz, mit deren offenbarendem, gänzlich nackten Mordswesen, in Stein gehauen, gemordet, es freilich kein Sprach- und Schriftmagier magisch aufnehmen kann. Der himmlische Vater: ein hilfloser (vielleicht sich daran weidender) Greis (Nikodemus, josefhaft);
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die Jungfraumuttermaria, die den kastrierten Geliebten/toten Mann (oder beides in einem), den Christus, auf dem Schoße hält; und dann diese deplazierte Maria Magdalena, die begehrende, die begehrt auf der Höllenbasis der körperlich-sexuell sistierten Heiligen Familie. Sexualität - als Christi Höllenfahrt (dies unklarste aller christlichen Mythologeme); transitorischer Umschlag des Erlösers in den Inkubus (mindest); Sexualität als solche unter weiblicher Hegemonie eo ipso Hexenvorzeit. Jetzt wissen wir es endlich: restlos aufgelassene Sexualität, die Totalexpansion weiblicher Unverschämtheit, Nichtverdrängung, moral insanity, insgesamt der outlaw der symbolischen Ordnung, dessen großen Menschheitssinn (inklusive dessen moralistisch hygienischer Konservierungsobligation) man jetzt allererst bis ins letzte einsieht. Und abermals sind wir beim apokalyptisch springenden Punkte angekommen.
"..., erscheint die weibliche Sexualität als Anstrengung eines Lustempfindens, das in seine eigne Kontiguität (...) eingehüllt ist, um sich zu realisieren in Rivalität mit dem Wunsch - à l'envi du désir, den die Kastration beim männlichen Geschlecht freisetzt, indem sie ihm im Phallus seinen Signifikanten verleiht. Ist es dann also dieses Vorrecht des Signifikanten, das Freud im Blick hat, wenn er nahelegt, daß es vielleicht nur eine Libido gibt und daß diese von männlicher Prägung ist?" (ebd.)
Ich selbst aber führte/führe die Sprache männlich angemaßter weiblicher Homosexualität, auch dies ist jetzt klar:
"Es ist nicht eigentlich das inzestuöse Objekt, das sie (sc. die Homosexuelle) um den Preis ihres Geschlechts wählt; was sie nicht akzeptiert ist vielmehr, daß dieses Objekt ihr Geschlecht nur um den Preis der Kastration auf sich nimmt." (ebd.)
Da bricht man auf mit vielgroßer Hoffnung und endet in dieser scheußlichen Aporie: Sexualität, zuende aufgelassen, genealogisch gnostifiziert (gegen den "natürlichen" Schameinspruch des Mannes), gebiert je neu die symbolische Ordnung als Inquisitionswesen und Weltenbrand. Also muß mans lassen, es eben nur als Gefahr der sexuell proliferierenden Pietà (der Höllenfahrt Christi) zur Abschreckung aufblitzen lassen (so wie Michelangelo); und dies im kleinen psychoanalytisch eh - das geht hier nicht anders, schlechterdings nicht anders, zugegeben -, und, von hierher extrapoliert, zumal auch en gros. Dann aber ist dieser ultimative moralistische Subjektivismus mit seinen Maschinenauslassungen ebensowenig ein Denkmalheur (und ein weiterreichendes obendrein) wie die daraus folgende Verengung des Sexualitätsbegriffs auf diese im engsten
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Sinne, die genitale, wie der anti-naturphilosophische Mentalismus der einschlägigen Kategorien.
Allein, während ich dieses eben niederschrieb, drängte sich mir die Vorstellung auf, nachdem ich lebensgeschichtlich schon am Leitfaden der Adaptation weiblicher Homosexualität als Basis meiner Kritik abgedriftet war und mich nicht mehr mit dem refugialen Morgengedanken, daß Lacan fast gar mein Großvater sein könnte, abzulenken vermochte - daß der Text eine absichtsvolle Abfolge unlösbarer Rätsel sei -, was ich töricht verkannt hätte -; und seine einzelnen Abschnitte formten sich allmählich in Edelsteine der verschiedensten Sorten um.

DRITTER (UND LETZTER) AUSGANG: IRIGARAY
Luce Irigarays Kritik an Lacan konvergiert mit der eben vorgestellten, wie immer auch anders ausgedrückten, bis zur Identität. (siehe Psychoanalyse und weibliche Sexualität, Die symbolische Ordnung: Jacques Lacan; Fragen zu den Prämissen der psychoanalytischen Theorie; insbesondere auch: Cosi fan tutti, in: Unbewußtes, Frauen, Psychoanalyse, Merve 66, u.v.a.m.)
Da ich mich zweimal ausführlich zu Irigaray geäußert habe (siehe: Taumel und Totenstarre; und: Schizoschleichwege), bin ich auf die Vermeidung von Doubletten bedacht. Es macht sich nicht ungut, daß ich bisher fast ausschließlich die polemischen Studien Irigarays, nicht aber die "positiven" diskutierte - aus dem naheliegenden Grunde besonderer Perhorreszierung feministischen Kitschs -, die das ganz andere Begehren direkt thematisieren; worauf sich ja mein Interesse fortwährend stärker konzentrierte. Und da ich als Mann umgekehrt an die Situierung ebenso alternativer Sexualität engagiert sein muß, exponiere ich diese als Ausgangsproblem: welche Chance hätte männliche Sexualität angesichts des ganz anderen, nämlich freigesetzten, schein-, selbstverkennungsfreien Begehrens der Frau?
Sie entsinnen sich: Lacan sprach zuletzt von der Einhüllung in die eigene Kontiguität, sexuell, der Frau als Kontrapart zum
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kastrations(selbstverlust)fundierten (Himmels)wunsch des Mannes: körperimplosives Sichselbstberühren, das zu den Ausfällungen des Mannsmangelwunsches, zumal den dinghaft-mortalen, in einem Verhältnis der Exterritorialität steht und das - daran läßt Lacan keinen Zweifel - wenn es sich vogelfrei derart auszudehnen verstände, daß das entrückende Manns-vis-à-vis sich nicht mehr fetischistisch maschinell, sondern schamlos körperhaft davor wiederniederschlüge (Jammerpenis) die Heraufkunft von Vorzeit und Unterwelt wäre. Ich selbst sprach hier, christlich "metaphorisch", von der unendlichen Dilatation des Moments der Höllenfahrt Christi, in der die besagte Maria Magdalena der Pietà des Michelangelo sexuell, begehrend, die ganze Szene beherrschte. Wenn ich recht sehe, so setzt Irigarays "positives" Sexualitätsräsonnement eben an diesem Moment an. Freilich ganz anders als in der Vorgabe des despotischen Meisters, mit dem sie sich außerdem recht schön anzulegen versteht, schaut sie endlich nun auf die Frau hin, und nicht mitleidsvoll auf den bejammernswerten, vor Scham fast in den Erdboden versinkenden Mann, aber verständlicherweise ebenso nicht auf denselben, wie ich es vorhabe, der also die sexuelle Chance seines Lebens hätte (nur wie?); und der Modus ihres so gar nicht anamnestisch-eingedenkenden, unsentimentalistischen Hinschauens auf dieses traditionelle Höllenmysterium, dessen Erhebungen auf der Oberfläche der Erde immerhin die besondere gefühlsbetonte Reverenz eines Opfers gezollt zu werden pflegt, gerät recht unmagisch; haut den offenen Skandal im Augenblick seiner Kulminierung weder grausam in Stein noch, viel schwächer, in Sprache/Schrift, um ihn, also deterrorisiert und mit der ganzen Masse der Schuld befrachtet, zum Teufel zu schicken, wohin er einzig als solcher, untransfiguriert, gehört: nein, von einem Skandal, diesem Basisgerücht der symbolischen Ordnung, kann überhaupt nicht die Rede sein; dieser Skandal, das ist die ganze unverstellte Wahrheit der Frau, den mit der männlichen Mangelwunsch-Invention parieren/paradieren zu müssen von nirgendwoher sich als Ananke begründet; und wenn dem so ist - also spricht (spricht!) Irigarays nicht nur wie ein Strohfeuer abbrennendes Lachen, gleichwohl einzig Lachen -, so löst sich zugleich auch der Zwang der magischen Vindikation von Sprache und insbesondere von Schrift, diese eh verwitternde Immortalität der Skandaleinsperrung - Medium beides nunmehr nur, sich selbst aufhebend redundant machend im Transfer ins heteron der Fühlbarkeiten hinein, "Berührung", endlich
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der Tod des Todes Gottes, jedenfalls im Rahmen des eignen Metiers; was man ihr akademisch viel mehr ja verübelt, diesen Versuch der Subversion der Kundgabemodi, als ordentlich dargestellte anarchische Gehalte, die wegen der Pluralismusverpflichtung demokratisch vermeintlich geschützten.
Und weiter: mir erscheints nicht zwar als automatische, immerhin jedoch als Konsequenz dieser Nichtbeschwörungsbeschwörung der lichtdunkel sexuellen Unteroberwelt, dieser frömmsten Exkulpation der "sich-sprechenden-Lippen", daß Irigaray es versteht, von Lacan nachgerade gezielt geopfertes - mehr noch als ansonsten in der herkömmlichen Psychoanalyse eh geopfertes - Terrain als autochthones sujet ihrer "säkular"-mystischen Weibsgebete zurückzugewinnen. So an erster Stelle, so widersinnig dies auch anmuten mag, den verlorengegangenen Todestrieb. Die Lacansche Gunst der Fusion desselben mit Sexualität im Obersignifikanten Phallus - dieser Schlag sondersgleichen gegen alle Triebnatürlichkeiten, allen psychoanalytischen Biologismus, der in einem auch frühe einschlägige (Schein)dissidenzen (den Jungschen Wiedergeburtswunsch,den Adlerschen Willen zur Macht etc.) dezent heimholt -, hat nicht zuletzt ihre ärgste Kehrseite, nämlich, um sogleich mit Irigaray zu sprechen (ich beziehe mich durchgehend jetzt auf "Die 'Mechanik' des Flüssigen", in: Unbewußtes, Frauen, Psychoanalyse), den "Wunsch", (den männlichen kastrationsfundierten Mangelwunsch) gegen das "Geschlecht" (die weibliche Selbstinvolutionserfüllung der Selbstkontiguität), den "Sinn" gegen das "Lustempfinden" (das "black-out des Sinns") derart zu totalisieren, daß dies totum der einen Seite ganz und gar von dieser seiner Urverdrängung der anderen Seite hörig stigmatisiert sein muß. Der enorme Theorievorzug des Signifikanten Phallus kollabiert, indem er theoretisch, als Begriff, sich also überkodierend, wiederholt, wofür er in seiner (kontingenten) Faktizitätsmächtigkeit einsteht: für die letztendliche Vernichtung des Geschlechts, das als vernichtetes ihn je einholt: dessen Resurrektion rein im (tötenden) Toten. Und "nur" insofern, nicht hingegen schlecht restaurativ, zählt Irigarays Neigung, Sexualität und Todestrieb zu re-entfusionieren, zu den zentralen Motiven der Reform hinwiederum des Lacanschen Ausgangsopus: der Aufhebung des immer wieder begegnenden positivistischen Rückverfalls der vorzüglichen Genealogie-Kategorien an sich selbst in ihrer Verdrängungs-, Verunbewußtungsvalenz,
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kurzum: ihren aufgeklärt verunklärten und deshalb im Geiste umso herrischeren Patriarchalismus.
Diese fusionsvermittelte (und diese Vermitteltheit ständig bewahrende) Entfusionierung beider Triebbereiche, Präludium ebenso allererst möglicher Geschlechts-Differenzierung, führt noch weitere bedeutsame Restitutionseffekte des einzelnen mit sich; auf die zu achten mir außerdem den Rückanschluß an mich selbst, die Weite meines dargestellten "Sexualitätsbegriffs", wiedervergönnt. So kehrt sexualitätsimmanent die unter dem phallischen Transfigurationsansinnen höllenverbannte (und ebendort freilich nichts als in vollsten Zügen ausgebeutete) Körpersichtigkeit des Geschlechtswiderparts in Ehren zurück: der Sexualkörper spezifisch der Frau.
"... Was hätte verwundern können, verwundern müssen, ist, wenn man diesen Ausdruck beibehält, die Vielfalt der genitalen erogenen Zonen in der weiblichen Sexualität." (Fragen zu den Prämissen der psychoanalytischen Theorie, ebd., S. 64)
Und nicht weniger auch gibts mindest wieder Allusionen an diejenigen "natürlich" geschlechtsindifferenten (darüber hinaus jedoch sogleich wieder "differenzierten") Sexualphänomene, die das Feld der (von mir so genannten) Subsistenzsexualität festlegen, und zwar nicht nur in der verkürzenden Perspektive infantiler Sexualität (wie genealogisch allrelevant diese auch immer sein mag - das bleibt unbestritten), vielmehr in derjenigen von Sexualität synchron genealogisch überhaupt - als Opferstoff insgesamt und mit seiner verdrückten Schuldabwurfpotenz, sich geschlechtlich vielleicht der Hegemonie des tollgewordenen Wunsches zu entwinden. - Anders (und wohl genauer auch) gesagt, löst der von Sexualität wiederabgespaltene (und auf diese hin kontingente) Todestrieb die unglaublich paradoxe Lacansche Blockade der Objektivitätsekstatik mit auf, weitet genealogisch - mindest genealogisch zunächst - den Blick auf das ganze, dinglich-mortal fest verankerte System der symbolischen Ordnung hin, und zwar über die üblich reduktionistischen Überbaureverenzen hinaus auch auf das Organ der Entfaltung der Produktivkräfte Naturwissenschaft, endlich mit. Kehrseite der Gunst des signifikanten Phallus abermals: Lacansch verbraucht er sich seltsam subjektivistisch, eben indem er in anankastischer Klassizität theoretisch an sich selbst verfällt; vielleicht nicht unähnlich dem, was im Surrealismus an Reaktionärem vergleichsweise deutlich ward: das sperrige Unbewußte goldgrunddiszipliniert als solches
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(wohingegen Irigaray eher - nach einigen Äußerungen zum Schall (S. 96) und auch zum "Abfall" (passim) - als Theoretikerin von dadaistischen Traditionen stark werden könnte). Schon der kleinste Diskretheitsriß in der rasenden Homogeneität dieses Sichselbstanheimfallens in seiner Blutgerichtsbarkeit könnte die Ablösung dieser intellektuellen Justiz durch eine Art von ebenso sublimiertem Ingenieurswesen besorgen, das, wenigstens zum Scheine unversessener auf solche direkte Verdrängungsgewalt, der mortal fetischistisch gnadenreichen Wiederkehr des Verdrängten, Weiblichkeit, als Maschinenparks versichert sein kann; Riß indessen, der bloß einen Gradunterschied der Wunschreverenz wider das Geschlecht produziert, der letztlich die jurisdiktionelle (zur medizinischen Herkunft außerdem passende) Intransigenz unten und als harmlos rangieren läßt.
"Aber zur Wissenschaft muß man Vertrauen haben. Und zur Technik. Zumal sie Besetzungsmöglichkeiten bieten, die die 'Libido' von den peinlichsten Fragen abbringen. Und wäre es nur die nach der Langeweile des 'Subjekts', noch einmal und immer wieder die gleiche Geschichte zu wiederholen." (S. 99)
Nicht aber dieser objektivitätsekstatisierenden Wieder-absetzung des Todestriebs in rein genealogischer Absicht weiß sich Irigaray verpflichtet - diese begünstigte doch bloß die Inflation des Wunsches gegen das Geschlecht, wie sie dem AÖ nicht ganz fern sein dürfte - ingenieurphilosophische Expansion des genealogischen Positivismus Lacans? -, vielmehr der Subversionsbesetzung desjenigen Punktes, an dem "der Sache nach" Sexualität und Todestrieb, Geschlecht und Wunsch, Lustempfinden und Sinn sich dergestalt diskriminieren, daß diese Seite einzig hegemonial jener als Hegemonie, bis daß die Welt in Stücke bricht, verfällt; Selbstplazierung, die endlich wieder Anstalten dazu treffen kann, ein Stück "Naturphilosophie" zu riskieren: eben auch objektivitätsbezogen Geschlechtsalternativität projektiert. - Um bis dahin zu gelangen, kehrt Irigaray - durchaus auch dankbar - zurück zum Ansatzpunkt des "Lacanismus", dem Spiegelstadium, und erwägt ebendort, in aller Folgerichtigkeit den Nachtrag dessen weiblicher Version, in der die Abdingbarkeit von "spekulärem Gewinn" und "spekulärer 'Entfremdung'" beim männlichen Geschlecht, dessen sekundär abkünftiger Charakter, in einem miterwiesen werden könnte, vielleicht.
"Daher ist es angemessen, sich über den Status des 'Außerhalb' dieser Form ... zu befragen, darüber, womit sie ein anderes Außen (einen anderen Körper als den dieser 'totalen Form') abschirmt,..." "Und, was das Organische anbetrifft, was
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geschieht mit ihm, wenn der Spiegel nichts zeigt? Vom Geschlecht, zum Beispiel. Wie für das Mädchen." (S. 101)
Es ist die Verkennung der "frommen" Analogizität in der "Berührung" selber, die imperiale Hypertrophie der Selbstidentität, des Selbstbewußtseins, der Zwang des "du bist es", Subjekt, ohne wenn und aber, im Spiegelstadium die frühe Antezipation dieses Anderen des Selben, mit ihren unvermeidlichen Konfusionsfolgen, schmeichelhaft ausgedrückt (denn üblicherweise wird Konfusion hier mit doppelter und dreifacher Gewalt begegnet), die das Exil von Weiblichkeit angesichts dieses faulen, doch unvorstellbar erfolgreichen Spiegelzaubers bewirkt.
"Wobei das Ähnliche sich als dieses Andere des Selben vorwegnimmt, dessen Fata Morgana das Subjekt für immer verfolgen wird in dem fortdauernden Prozeß zwischen einem eigentlichen Ich (moi) und einer Instanz der Gestaltung, die es sich nicht aneignen kann, wenn es auch die seine ist. Wobei künftig die Trennung unentscheidbar sein wird zwischen dem, der wirklich der eine, und dem, der wirklich der andere ist, wer wen verdoppelte in diesem Streit ohne Ende bezüglich seiner Identität mit sich." (S. 102)
Ausgeschlossene Weiblichkeit stände also für den bloßen Analogiecharakter des Selbst selber, der ja notorisch nimmer die Gnade seriöser Logik fand; dafür quasi von "Natur" aus, nicht post festum kritisch deklarativ. Und diese "Natur", das Geschlecht (vs. Wunsch), trüge im Kontext männlicher Spekulationsanmaßung eo ipso dann das Zeichen der "hysterischen Verdrängung" des Sich-nicht-ordentlich-sehen-könnens, des Hominitätslachens über die ganze Hinfälligkeit der Humanismusprätention, über den Todesphallus, der wesentlich Nichts ist hinter dem Spiegel: Lachen, verurteilt/sich selbst verurteilend zur Krankheit; Lachen, mißgedeutet/sich selbst mißdeutend hysterisch als neidische Gier auf ein - Gespenst. Warum - so scheint mir Irigaray andauernd (auch) zu fragen - unterstellt man denn dem Manne/unterstellen sich die Männer selber ein solches Ausmaß an Dummheit (um, wiederum schmeichelhaft, nicht sogleich zu sagen, an Paranoia), diesen simplen Trug der "Spekulation" nicht selbst auch in Heiterkeit durchschauen zu können? Vielleicht hat Lacan bereits die besagte Säuglingsjubilatorik mißqualifiziert? (Kinder und Narren sagen doch die Wahrheit?) Warum die Scheu, nach alter Philosophenmanier diesbetreffend bei Weibern in die Lehre zu gehen? (Wegen Sokrates' schlimmem Ende?) Bedenkt man aber, daß solche Abdingbarkeitsmotive für das Spiegelstadium - Geschlechtsdifferentheit, mutmaßlich doch, die alle Lacansche Mono-sexualität hier kontingent
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machen könnte -, so müßte der eigentliche Sündenfall dergestalt früher liegen, daß seine Erbsündenmitgift das viel spätere Spiegelstadium deformierte - eben in der symbolischen Ordnung selber, die man vergeblich also versuchte, an einem Infantilitätspunkte, und sei dieser noch so ausschlaggebend, genetisch/genealogisch festzumachen.
"Wenn der Wunsch darin (sc. im Spiegelbild) längst geronnen ist, wäre die durch das Spiegelstadium re-markierte Neutralisierung Bestätigung einer 'archaischeren' Vereisung." (S. 102)
Die Entfusionierung von Sexualität und Todestrieb (im Durchgang durch ihre Fusion) dient nicht, wie ausgeführt, der Amplifikation des Lacanschen genealogischen Positivismus über dessen Pathologie-Jurisdiktion hinaus auf den "mortaleren" Makrofetischismus des Maschinenwesens (i.e.S.), vielmehr - man möchte meinen ausschließlich - dessen geschlechts- vs. wunschfundierten Subversion. In dieser Ausrichtung wird eine entsprechende Reformulierung des Todestriebs selber auch fällig, die - gegen dessen vertrauten Augenschein - Sterblichkeit, von Aktivitätsusurpation befreit, in ihre Rechte wiedereinsetzt, das quid pro quo fataler Naturalität und rein phallischer Gemachtheit ebenso, ja insbesondere in dieser Maschinensphäre liquidiert.
"So werden bestimmte Eigenschaften des 'Lebendigen' in der 'Konstanz', die erforderlich ist, um ihm Form zu geben, mortifiziert worden sein, aber diese Operation kann, noch darf sich repräsentieren - sie wäre selbst im Unbewußten durch eine Null des Zeichens oder des Signifikanten markiert - bei Strafe, die ganze diskursive Ökonomie umzustürzen. Diese wird nur durch die Affirmation gerettet werden, daß das Lebende selbst danach strebt, sich zu zerstören, und daß es diese Selbstaggression bewahren muß, indem es seine Energien in quasi feste Mechanismen bindet." (S. 99f.)
Wie aber wären Maschinen i.e.S., die sich diese verbotene Repräsentation jenseits des Signifikanten Phallus, unseres Todesengels, herausnehmen - über revolutionierte Sprache/Schrift hinaus - wohl beschaffen? Gewiß wie die weitere Ausführung der "'Mechanik' des Flüssigen"; und gewiß käme es sodann auch zur Umfunktionierung vorhandener in Wunschmaschinen, etwa akustischer, so weitgehend, daß endlich sogleich nur noch Wunschmaschinen fabriziert würden.
"Und es wäre nötig, daß der Sinn sich mit einer Geschwindigkeit, die derjenigen des Schalls identisch ist, verbreitet, damit alle Formen von Hüllen - Räume der Taubheit beim einen oder anderen - in der Ubermittlung von 'Nachrichten' verfallen. Aber die kleinen Variationen der Schnelligkeit des Schalls riskieren dann, die Sprache in jedem Augenblick zu deformieren und zu bestehlen. Und wenn
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man sie nach den Gesetzen der Ähnlichkeit zerlegt, indem man sie in Stücke schneidet, man deren Gleichheit oder Differenz schätzen, vergleichen, wiederholen kann.... der Ton wird dabei immer schon gewisse seiner Eigenschaften verloren haben." (S. 96)
Hört man nicht Cage und dergleichen mehr? Allein, bei aller Sympathie mit dem liebenswürdigen Irigarayschen Habitus, aufs Letztfundiertheitsgebaren des Spiegelgespenstes nicht mehr hereinzufallen, dieses nicht größer zu machen, als es nach alternativen Geschlechtsmaßen offen sein könnte - selbst die ingeniöseste Wunschmaschinenkunst, selbst wenn sie (mehr noch) von Frauen stammte, verschwindet auf Nimmerwiedersehen und -hören in der ganzen Harmlosigkeit des Spekulationsschemens, dieses Nichts, das es längst fertigbrachte, die apokalyptischen Kräfte der unterworfenen Materie selber zu entfesseln. Gewiß, ein bloßes Nichts, zumal in klinischer Perspektive, die allzuleicht auch die Adaptionsbindungen dieses Nichts-environments übersieht, aber .... (wieviel TNT...?) Mir kommts dann doch oft so vor, als wolle Irigaray diesen Stand der Dinge, humanistisch, nicht recht wahrhaben?
Unverkannt aber bleibt, gleichwohl, daß sich die Emanzipation des Geschlechts einen (nicht linear zeitlich verstandenen) sehr weiten Weg vorgeben muß, der es ansichzuhaben oft nicht verhindern kann, dem Ziele ganz entgegen, in seinen Fortschrittsetappen-Ausbuchtungen die symbolische Ordnung immer auch mitauszubauen; so daß sich die subversivsten Voten unter der Hand zu "ästhetisieren" pflegen, sich am ehesten noch wie ein Stück nachgeholter philosophischer Kunsttheorie der Moderne, subversionsabgeschwächt (mindest), lesen und goutieren lassen. So passierte es im Zusammenhang insbesondere der paradoxen Re-sexualisierung Lacanscher Strukturbegriffe, hier des Objekts klein a.
"Denn wenn auch das geschlechtliche Sein dieser 'nicht-alle' Frauen sich nicht über den Körper herstellt - zumindest nicht über ihren Körper -, so werden sie doch nichtsdestoweniger die Funktion des Objektes 'a', dieses Restes von Körper, zu tragen haben. Das Sein des weiblichen Geschlechtes durch den und in dem Diskurs wäre zudem ein Ort der Ablagerung von Resten, die beim Funktionieren der Sprache abfallen. Dazu muß die Frau Körper ohne Organ(e) bleiben." (Cosi fan tutti, ebd., S. 74)
Weiblichkeit als entgeschlechtlichte Statthaltung des Residuums an hyle, Vor-Humanität, Tierheit, deren scheiternde Exkulpationserzwingung ja die Essenz der Psychose, Verworfenheit des hereinragenden Realen, ausmacht: Weiblichkeit, kurzum, eh verrückt. Auf diese Art der Wiederkehr des Urverdrängten, mit Weiblichkeit freilich nicht
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schon ausgeschöpft, nein - falsch - mit dieser gänzlich kontingent im voraus besetzt, legt Irigaray nun auffällig wenig nur den Problemakzent, gewiß dies, um den Lacanschen Neidzynismus, die Frau, die also äußerst heilsprivilegierte, in die Vorbehaltlichkeit Gottes als das Reale einzuschließen (Gott oder die weibliche Lust), mit gebührender Verachtung, Nichtbeachtung zu strafen, vornehmlich aber auch, um die alltäglich-offizielle, weder pathologisch noch tiefsinnig-mysterisch stigmatisierte Objekt-klein-a-Kontiguität der Frau innerhalb der symbolischen Ordnung - ihre Hausfraulichkeit nämlich - zu sichten. Denn "normal" konkretisiert sich die Vorbehaltlichkeit Gottes als das weibsinkludierende Reale (Pythia, die in Apolls Sonne sitzt) durchaus als die hausfrauliche Administration der besagten "Ablagerung von Resten, die beim Funktionieren der Sprache abfallen" (Sprache, pars pro toto der symbolischen Ordnung), des "Abfalls der ganzen Spekulation" (S. 98). Und dieser Normalfall an Trivialität repräsentiert eher, ja einzig die Wahrheit der weiblichen (Haus)situation denn alle Mysterienerhebung (für den Sonntag), über die man eh argwöhnen müßte, daß sie männliche Alibiinvention, de facto wohlfeil längst hinter Gittern, sei. Nein, Gottes Transzendenz in toto witz-reifiziert als der hauswirtschaftliche Abfall, auch Sperrmüll. Es gibt keine Ordnung, die soviel Dreck produzieren kann, wie es die symbolische tut. "Verbleiben ihre/diese Abfälle: Gott und die Frau, 'zum Beispiel'." (S. 94) In der Tat, kokett betrachtet, spielt der ganze Dreck als Anmahnung Gottes beiher.
Also ist dies der bodenständige Ort der Hoffnung des Geschlechts gegen die doch brüchig permissive Todeshomogeneität des Einen Wunsches? Der Hort des Widerstandes, eben in seiner besonderen Banalität so göttlich, nein, göttinnenhaft? Mitnichten - jedenfalls so einfach wiederum nicht. Man wird nämlich immer damit rechnen müssen, daß die symbolische Ordnung (ihres Symbolismus eingedenk) ganz besondere Sorge darum trägt, das Abfallproblem auf ihre eigentümliche Weise zu lösen. Und zwar - so lautete das philosophische Sublimat u.a. des Gastarbeiterproblems - gilt ordentlicherweise die Wiederbefreiung der Strukturbegriffe, insonderheit des Objekts klein a, aus ihrem weibischen Sexualisierungsbann (dieser widerliche Geburtsschleim!), nicht aber um auch dessen Kontingenz zu offenbaren, ausschließlich vielmehr in der Absicht der Neutralisierung,
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(gänzlich vorgeblicher) Geschlechtsindifferentiation. Und bis zu diesem Wiederaneignungsschritt des eh Unverlorenen gediehen, restituiert sich auch, in klassischer Selbstkongruenz, die Herrschaft der Fäkalien über diese selber: diese ganze verheerende Vermeintlichkeit, das Geschlecht mittels dieser Mutterleiche zu quittieren. Sehr weitreichende, auch aufs männliche Geschlechts-, nicht Wunsch-vis-à-vis hinüberblickende Uberlegungen, mit denen erst ich zu mir selber, zur Dimension meines Sexualitätsbegriffes, zurückkäme.
"Und das Objekt 'a'? ... dieses 'Objekt' verweist meistens auf eine flüssige Eigenschaft. Milch, Lichtfluten, Schallwellen..., ganz zu schweigen von den eingeatmeten, ausgeatmeten verschieden parfümierten Gasen, vom Urin, vom Speichel, vom Blut, vom Plasma selbst etc. Aber solcher Art sind nicht die in der Theorie bezifferten 'a'. Werden die Wohlinformierten sagen. Antwort: die faeces werden also - in ihren verschiedenen Verkleidungen - privilegiert sein, als Paradigma für das Objekt 'a' dienen. ... Wäre das Objekt selbst des Wunsches, und für die Psychoanalytiker, die Transformation des Flüssigen in Festes? Was, und das ist durchaus eine Wiederholung wert, den Triumph der Rationalität besiegelt." (S. 97) "... Und von daher, wohin sich der Abfall der ganzen Spekulation projiziert, kann die Angelegenheit der Anderenfrau wiedererweckt, in ihre historische Position gesetzt werden. Bleibt abzuwarten, wie weit die Verdichtbarkeit dieses Überbleibsels gehen wird." (S. 98)
Bleibt abzuwarten, ja, diese Lösung des Abfallproblems wäre der Eintritt der Apokalypse: ultimative Transsubstantiationserfüllung, endlich das wasserdichteste "ist", selbst nicht mehr Heideggersch befragbar, Wunschgeist mit dem toten Geschlecht darinnen.
"Die Anderefrau würde so ... zur kopulativen Verbindung im Satze dienen (sc. eschatologisch jetzt). Aber diese Kopula wäre schon einem Projekt erschöpfender Formalisierung angeeignet, schon der Konstitution des Diskurses des 'Subjekts' in Ganzheit(en) verpflichtet." (S. 93)
Welche Chance aber hätte "geschlechtlich" der Mann?
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"Im Rahmen der gleichen Problemstellung (sc. der Besetzung des Objekts klein a) kann man (sich) fragen, weshalb das Sperma niemals in die Funktion des 'a' gelangt ist. Seine Unterordnung allein unter Fortpflanzungsimperative, ist sie nicht wenn in die Dynamik des Wunsches das Problem der Kastration - Phantasie/Wirklichkeit einer Amputation, eines 'Zerbröckeln' dieses Festen, das der Penis repräsentiert - interveniert, dann bleibt Verallgemeinerung einer Ökonomie des nur Festen in der Schwebe." (S. 98)
Das ist so ziemlich auch schon alles, was der arme Mann, der Mitgift differenter Sexualität gemäß, emphatisch "geschlechtlich" zu
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bieten hätte: die Spermaflüssigkeit. Rien à faire? Und gewiß wird, dieser Unbedarftheit eingedenk, die Versuchung immer wieder groß, die uralte Parade dieses Mangels: Brechung des Geschlechts durch den sich in mortale Produktion verlierenden Wunsch, zu bemühen (und so auch traditionellerweise der weiblichen Gnade, die ja Männlichkeit ebenso nur als "kastrierte" erlaubt, diese letztlich allein reklamiert, versichert zu sein). Gleichwohl mag es - unregressiv, als historische Einspruchsleistung sozusagen (wie immer auch auf Individualitätskontingenzen noch aufruhend) - sexuelle Formen der Reverenz geben können, die das Mortalitätskopiewesen ins Geschlecht selber hinein suspendierten, so wie wenn der Mann die besagte Lacansche Enttäuschung der Homosexuellen an ihm, der er sich selbst als Geschlecht bloß über dessen Aphanisis annimmt, aufzulösen vermöchte. Und dies alles nicht zuletzt in der Rücksicht nicht-regressiv, als eine solche Wunschsubversion ja keine sexuelle Insel der Seligen, umhüllt am besten sogleich von Atombunkern, hervorbrächte, vielmehr, primär gar, die Makrounbewußtheit der schuldabsorbierenden mortalen Menschdinge gnostisch aufhielte und in ihrem Aufenthalt aufließe und in diesem revolutionierten Rationalitätsgesamtkontext Sexualität im engeren und engsten Sinne derart mitfreigäbe, daß sie sich nicht mehr als Entschädigungsnachträglichkeit sui generis von dieser neuen Objektivität absetzen müßte.
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