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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Ödipus for ever (Kaum. Halbjahresschrift für Pathognostik 2, 1986, Wetzlar, Büchse der Pandora, 53-60)
1. Ödipus simplex
Die pathognostische Umschrift des Ödipuskomplexes macht keine besondere Probleme. Offensichtlich fungiert in der Odipusphase das Kind als ultimativer Gedächtnisträger, als memorialer Auflassungsagent der gesamtgesellschaftlichen Ödipus-Synthesis selber, und dies umso intensiver, also komplexbestimmter, als die große Anpassungsleistung der Verunbewußtung, des »Untergangs« des Ödipuskomplexes, schwerhält - schwerhält indessen zum kontraadaptiven Zwecke, die Wiederkehr der Untergegangenheit, Zerstörtheit dieser Fundamentalfiguration eo ipso als Kriegszustand frustran zu konterkarieren. Eben das Kind als Verräter dieses offenbaren Totalgeheimnisses; Kindheit ob dieser quasi naturwüchsigen Gnostik insgesamt nichts als sanktionswürdig. Aber, wie gesagt, das versteht sich unterdessen fast schon von selbst, wenn immer man die pathognostische Subversion angenommen hat. Versteht sich dann ebenso, daß alles einschlägige Fahndungswesen den Stempel der Paranoia trägt: den der tätigen, letztlich todbringenden Verfolgung von Memorialität, die mitnichten anderes ist als die Memorialität der Ödipussynthesis selber, je verdrängter, vernichteter, untergegangener, umso alternativeloser, der Transzendierungschancen bar; und nicht die Verfolgung des Anderen, heteron als solchen. Ödipus als avanciertester Kriegsrevenant, incognito versteht sich, wird aber nicht unbedingt Erziehungskonservativismen wiederbeleben müssen; nein, da die ohnedies schwächlich infantile Gedächtnisanmahnung der Ödipusphase / des -komplexes zudem vor diesem selbsteigenen maskierten Revenant, die Sistierungspotenzen betreffend, längst zur Farce geworden ist, genügt längst auch die zynische, also durchaus offenlassende Gedächtnisabsorption, eine Art der Desavouierung, die sich eh der überkommenen immanent folgerichtigen Verschlußhilfe begeben hat. (Was also wundert man sich über das Gebaren der Jugend?)
II. Ödipus femal
Freilich gilt weiterhin die berüchtigte »moral insanity« der Frau in ödipaler Rücksicht, um sogleich gebührend mono-sexuell mich auszudrücken - eben der Mangel an inzestuöser Härte notorisch wegen der Gleichgeschlechtlichkeit mit dem inzestuösen Urobjekt Mutter etc., inklusive der »terroristischen« Härtehypertrophie immer dann, wenn sich die sekundär inzestuöse paternale Bahnung zur Mutter zurück / der rein eigengeschlechtliche Muttervorbehalt nicht einstellen / nicht auflösen lassen. Doch dieser schwächere Ödipuskomplex der Frau gilt nur noch als obsolet-provinzieller Überhang aus früheren Epochen, nicht indessen mehr epochengemäß. Wenn nicht alles täuscht, so gibts aktuell in Wahrheit nur noch diesen weiblichen Komplex bei den Männern: die Söhne als terroristische Töchter im Objektiven, eo ipso verbunden mit der Verschiebung
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der gesamten Weiblichkeitsmasse hin zum Opferstoff weg von Mitkomponenten des Opferrituals (Vermittlungs- »Schematismus«funktion etc.). Wie sollte es anders auch sein - inmitten des vollstreckten Christentums, wo Filialität, männlich, den Gesamtraum von Menschheit ausfüllt? Man sollte endlich den neuheidnischen Ödipusjargon der Psychoanalyse quittieren und zeitangemessen von der »imitatio Christi« stattdessen sprechen. Endpunkt: Mariens leibliche Aufnahme in den Himmel 1950.
III. Der Schein des Anti-Ödipus
Ich sitze auf einem Stuhl, nur so; und dies führte ich weiland in der Gruppe vor, einfach so. Und ich sprach dabei: solches ist der untergegangene, milde untergegangene Ödipuskomplex; Vatermord und Mutterinzest im Jenseits der Mortalität der Dingkonsumation, Ödipus als Himmelsrevenant. Gut. Der Hegelsche Aufhebensbegriffs (beseitigen, bewahren, erhöhen) triffts indessen besser; und gewiß besser noch die grundlegenden Bildungsprozeduren des Ubw (Makro-Ubw) nach Lacan, die Metonymie (Verschiebung) und Metapher (Verdichtung), hier freilich als Konstitutionsvorgänge vindiziert.
Allein, von welcher Art ist diese meine aufgeklärte Rede? Nichts anderes vermag sie auszumachen als eine Art von Überkodierung in diesem Toten, unter der Kondition dieses Toten. Hadesrede, jedenfalls fürs erste. Wie sie sich dann aber verantworten läßt? Recht eigentlich nur im möglichen Fortgang dieser »Aufklärung«, und zwar an dem kriterialen Ort, wo es fällig würde, in dieser Makro-Unbewußtheit/Ding-Mortalität unter deren Voraussetzung selber hinwiederum den Ödipuskomplex zu repetieren, will sagen - am Beispiel -: Vatermord/Mutterinzest mit dem Stuhl zu treiben. Was notorisch nichts anderes heißen kann, als wenigstens subjektiv (und somit im Sinne der Inhibitions-Vorwegnahme als Krankheit) den Kriegsfall der Untergangsvollendung des Ödipuskomplexes zu initiieren. Ich kann versichern, daß man es bis dahin kommen lassen kann: Stuhl, der nicht mehr schlicht benutzbar ist, indem er, diese Weibsleiche, sich durch den After invers-inzestuösen Zugang zur Gesamtkorporalität, abgefangen durch irgendeine lebensrettende Repräsentationsart dieser Unartigkeit, zu verschaffen versucht. Der Inversionscharakter dieser »sublimiert« zweiten Inzestform versteht sich: der Ort desselben ist ja die Konsumtion, also der Schein der Restitution des Geopferten als Opferprämie, Weibswerdung. Und auch ließen sich, je nach dem Grad des Außen-vor-Belassens, der Kraft des irgend repräsentativen Abfangens dieser Entropie (des reinen Todestriebs), alle Krankheitsspezies an dieser einzig gnostischen metabasis-Stelle hierarchisch differenzieren: von der Stuhl-Phobie bis zum schizophrenen Stuhldelirium; immer, wie gehabt, im Ausgang vom Abendland-Ultimatum des Dinge fressenden Arsches, des Widerrufs seiner (Drecks)geburten als deren peremptorische Beglaubigung. Die Frage aber war die, welchen Status / welche Verantwortungsgründe meine Rede habe, die ja beansprucht, weder fortgerissen zu werden von diesem Erkenntnis bereitenden Todestrip (und dessen Aufenthaltsmodi, Krankheiten) noch, umgekehrt, einzugehen ins blinde Selbe des Ubw-Verschlusses
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der Normalität der Dinge und des Ich? Wie überhaupt vermöchte sich ein solcher gnostischer Querstand - im Sinne eines anweisbaren Empirietopos - zu organisieren, wo sich die Unbewußtheit einerseits und der distanzlose Befall vom Verunbewußteten andererseits wie eine strikte Alternative stark zu machen scheinen?
Dies bleibt trotz aller munteren Schreibe ein heikles Problem. Denn: so das eine Extrem, die Unbewußtheit, zu einer Art von gläserner Haut werden muß, um das andere Extrem als Selbiges, das nackte Produktionsphantasma nämlich, in seiner Letalität aufzuhalten, geht immer auch etliches an gnostischer »Materie« verloren, unwiederbringlich verloren, sofern der Nicht-Verlust in die erkenntnisdestruktive Alternativität der besagten Extreme hineinraste, einzig dieser Verlust also die allemal imperfekte Erkenntnis garantieren kann - Erkenntnis, gerettete Philosophie eo ipso demnach in sich mobile Aporie. Sie wird unvermeidlich immer etwas von einer unausweisbaren Antezipation eines schier nicht derart Antezipierbaren an sich haben, das oft schwer erträgliche Gebaren eines magischen forcements; das macht sie so haltlos und überzogen. Doch nicht nur das: zumal schrifthaft tritt die Hadesrede, die sich hinwiederum selber spricht, nicht außerhalb ihrer selbst, sie potenziert sich vielmehr nur in sich und reproduziert in ihrer queren Vertikalität dieselbe gegenläufige Fliehensbewegung / dieselbe gegenläufige Anziehensmotorik je durch den chorismos aller Differenzen hindurch, indifferenzierend, wie das Produktionstotum in der Horizontalen, das sie aufhält, aufhält jedenfalls immer dann, wenn sie ihren Querstand, den gänzlich also untranszendenten, aktualisiert. Die »Reflexion« des Stuhls »in sich«, cogitional wie maschinell der Tod, spräche sich selber also als ganzer skriptural reduziert aufgehalten; zerfallender Kriegsstuhl, der sich hier wie dort in die Schrift seiner selbst hinein zerlegt; revokatorische Mahlzeit des Arsches, hinwiederum ausgeschieden als Gedanken, Philosophie, das reinste Gift, schriftverpackt. Und wenn man dieses abermals auffräße. Sie! Wohin einen der Odipuskomplex also führt - zur Philosophie hin eben als Schandgraffiti, den Atomraketen eingeschrieben, und auf der anderen Seite endlich zum reinen Geist, nicht spürbar hier schon auf Erden.
Daß es einen transzendierungskräftigen Anti-Ödipus gebe, diese Mär sollte man sich besser sogleich abschminken. Allemal platzt die Menschheitsschwäre Ödipus, neuheidnisch verharmlosend benannt, nicht in ein erlösendes Anderes hinein auf, vielmehr immer nur, sich erfüllend, cogitional wie maschinell, explodiert sie in sich selber hinein nirgendwohinanders. Der Schein eines Anderen wird immer nur dadurch erweckt, daß sich im sistierenden Querstand von Intellektualität nicht etwa die Logik der Produktion, vielmehr die ganze Nachträglichkeit derselben als Konsumtionsapokalypse - Überhauptexkrementation der Arschmahlzeit der Dinge: Verbalität/Skripturalität (vielleicht überhaupt Zeichenhaftigkeit) - in Figurationen des festgehaltenen Übergangs, entsprechend dissoziativ, widersprüchlich, uneindeutig, etc. (wie eben die anödipalen Kategorien des AÖ), einzustellen pflegt, mehr mitnichten.
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IV. Moderne Kunst
Freilich ist die Sache mit der analen (Re)inkorporation der toten Dinge kein gag, vielmehr die gnostische Formel der exklusiven Möglichkeit, überhaupt Intellektualität i.w. S. zu generieren. Emphatisch mag man von Rückaneignung sprechen, gewiß; rückangeeignet aber wird nichts anderes, schlechterdings nichts anderes als der Produktionsinbegriff von Dinglichkeit selber, schier konservativ, und entsprechend nimmt sich die Rückaneignung oder, noch feierlicher bezeichnet, die Aufhebung der Entfremdung, auch aus; was indessen aber keinen Rechtsgrund dafür abgeben sollte, über dies Ganze an nekrophilischer Gefrässigkeit sich - wie anders als moralistisch - herzumachen. Nicht nur daß das Herzstück des Christentums, Eucharistie, sich darin bezeugt und daß demnach für die Generation aller »Zeichen« (inklusive ihrer pathogenetischen Einbehaltung) bestens gesorgt ist - die spirituelle Afterinkorporation stellt sich nicht durch Beschluß, sondern wie von selber her -, die Zeichenquerstände dieser »intellektualen Anschauung«, »produktiven Einbildungskraft« etc. biegen je auch die beidseitige Entropisierung zu Krankheit und Krieg, Tod und Apokalypse des Produktionsinbegriffs in sich selber hinein auflassend »reflexiv« zurück. Nicht daß sie das Ende allen Fleisches und aller Dinge aufhalten könnten, mitnichten; doch in der Art eines Skripturalitätseschaton absoluter Tätowierung wären die Dinge wie das Selbst nimmer nur in sich hineingetrieben, daß sie ins Nichts zerstäubten, nicht in reine Schrift; und als - freilich immer frustrane, »hyperillusionistische« - Vorwegnahme wirkt sich dieses Unding folgerichtig negentropisch aus. Von wegen Eros vs. Thanatos! Nein, es ist die List des Todes in der Art der Erfüllung der Platonischen Idee, die für Aufschub sorgt; und in diesem Kontext bedürfte es einer Neulektüre des Marxismus, sofern dieser notorisch meint, auf Intellektualität im umfassenden Sinne verzichten, zugleich indessen den Produktionsinbegriff auf sich beruhen lassen zu müssen. Desiderat abermals: die Produktionstheorie. Aber die Kunst? Freilich ist sie, das Gegenteil eines Kontrapunktes zur Intellektualität, nein, deren epochale Kundgabeweise selber, durchaus traditionell zum Zwecke ihrer eigenen Stoffe-Bildung auf die Himmelsmana-Mahlzeit der Dinge (hintenherum) und deren Zeichenausscheidung dann als sie selbst, die transparent verpackte, nichts als angewiesen. Es machte aber wohl Unterschiede ums Ganze aus, wie sie sich bereitfände, diese Unabkömmlichkeit des post-festum productionis kundzutun. Einzig angemessen wohl der Zeichenhervortritt des Produktionsphantasmas selber in Gänze und immer freilich an/auf der Grenze seines doppelten Wiederkömmer-Untergangs; was nicht ausschließt, vielmehr öfters erforderlich macht, unauflösbare Rätselfragmente dieser Schrifttotalen darzutun. Auf des Subjekts, der Fühlbarkeitsseite aber vermöchte nichts anderes mehr zu passieren als die Nichterfüllbarkeit dieses Nichts, des Unursprungs.
V. Desiderat Produktionstheorie
Offensichtlich können wir es nur so halten, daß der phantasmatische Inbegriff von Produktion allererst am Ort der allenthalben beschriebenen
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Hyperkonsumtion, der Intellektualitäts-fundierenden, erfahren werden kann, und nicht ebendort wo diese Erfahrung doch vermutet werden sollte: in der Hervorbringung selber. Und auch ist es an dieser post-festum Stelle durchaus vergönnt, die Konditionen dieser Sichtung »methodologisch« auszuweisen. Umso mehr mag sich dann das Bedürfnis stark machen, dieses also immer verspätete nachträgliche Wissen auf den Vorausgang der Produktion bereits kritisch zu extrapolieren, so als müsse es eine Art von Früherkennung, Frühwarnsystem für die Produktion, die sich einschneidend verändern müsse, die ebendort wie blind geschehende Gewalt betreffend, geben. Allein, solches zu wünschen macht, wie ich meine, keinen Sinn. Nicht nur daß de facto alles und jegliches die Möglichkeit einer anderen Produktion widerlegt, viel schlimmer noch basiert die Erwägung solcher Kritik- und Revolutionierungschancen auf dem quid pro quo des Ubw-Charakters der Produktion mit deren Isolierbarkeit von den nachfolgenden Prozeduren - bis hin zur Hyperkonsumtion und Aufzeichnung, der gnostischen. Und zwar kann es diese Abkoppelung eo ipso deswegen nicht geben, weil sich nichts an Produktivität einstellt, das just nicht selbst am Orte des post-festum, der Nachträglichkeit, der Erkenntnis-grundlegenden, Zeichen-bildenden Hyperkonsumtion - der besagten Arschmahlzeit, deren Exkrementation ja nur ausnahmsweise in die gläserne Haut von Philosophie einzieht, hauptsächlich indessen die strenge Alternative der Selbigkeit von Psychose und Dingen effektuiert - weil sich nichts an Produktivität einstellt, das nicht ebendort und nur ebendort sich ausbildete. Wie aber vermöchte Produktion dann überhaupt zu beginnen, wo sie doch auf den Vorausgang also ihrer selbst, auf Produkte, angewiesen scheint? Nein, nicht auf Produkte selbst schon, vielmehr nur auf sich selbst vorausgehend als Vermögen, das sich selber nur in der dargestellten Auto-Konsumatorik, der Aufzeichnung abwerfenden, erfüllt. Was zugleich zur Folge haben muß, daß nach dem eschatologischen Stand dieser Verhältnisse die Revolutionierung der Produktion, einzig möglich von hier aus, entweder keine solche sein kann, Perpetuierung Desselben vielmehr, oder aber der gefürchtete Regressionismus: nicht mehr bis Drei zählen zu können, was ja nur um den Preis der Gesamtheit der humanen Verkennungen notorisch möglich ist. Rien à faire.
Nicht also vermöchte Produktionstheorie Desiderat zu sein in Anbetracht der ausgeführten Theorie der Intellektualität; nein, diese, die letztere selber, umfaßt jene restlos schon mit. Denn nicht nur fungiert die Obszönität der Hyperkonsumation der Dinge sowie die daraus bedingt hervorgehende Aufzeichnung als exklusiver Ort der Gewahrung des Produktionsphantasmas, -inbegriffs, an nämlichen Ort stellt sich dasselbe/ derselbe a fortiori, materialiter gar, her. (So daß an diesem Punkte die schnodderige Souveranität des AÖ verfängt: alles Produktion, eben Produktion der Produktion etc., und dies freilich unter der Prärogative der Produktion der Aufzeichnung, Wunsch/Maschine; nur daß es schwerlich Sinn macht, das Ganze dieser Himmelssauerei jeglichen Mangels auch gar noch entheben zu wollen. Und so daß zudem Sohn-Rethels Philosophie - Ableitung der Natur-Dispositionskategorien aus der Tauschabstraktion -
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eine einzigartige genealogische Potenz annimmt; wenngleich die materialistisch neukantianisch verstrickte Darstellungsweise diesem Gedanken mehr als nur eben inadäquat ist - sie zerstört ihn fast.) Ödipus also for ever - als hominitätskriterial erweist sich eh die Rückkehr des untergegangenen Ödipuskomplexes im Toten, die Ding-Metonymie und -Metapher desselben, seine »Aufhebung«: fortgeschrieben also die Auto-Konsumatorik des Produktionsvermögens selber als »Geburt« der zugleich »zeugenden« Aufzeichnung. Dieses. Ich aber versehe es, genealogisch exactissime, bar der Berufbarkeit des Anderen, gleichwohl mit allen Bestimmungen des Mangels.
Nachtrag
Am weitesten all dieses betreffend ging wohl ein Text von 1979: Vom schwindenden Jenseits der Götter. Programmatische Überlegungen zur Ontologie-Genealogie (in: Die Eule, Nr. 6). Hier ist schon von der »konsumatorischen Bornierung« von Genealogie/Gnosis die Rede (sowie von deren »nicht-Substituierbarkeit durch Maschinen«) (S. 49). Auch begegnet das Motiv der Unabdingbarkeit der gläsernen Haut um das Produktionsphantasma, das sich ausschließlich in dieser Verfassung repräsentieren läßt: »Schon partizipieren wir an dieser Ichunschuld (sc. Schuldabsorptivität) eben auch in unserem genealogischen Tun als Glaswand: Genealogie - die Unschuldvitrine.« (S. 58) Ferner macht sich - besonders mühsam - das Moment der Gegenläufigkeit etc. auch und gerade in der Gedächtnisvertikalen geltend: »Läßt sich die Blicksperre öffnen, so irritiert die aufgehaltene herausgebrochene Vermittlung (Leiche - hinter Glas), in der die Spaltung als ontologisches Produktionsmovens aufgeht. Setzt sich dieses durch, erzeugt die also losgelassene Vermittlung (die zerfallende Leiche - hinter Glas), die Ontologiedinge, Maschinen. Der Vermittlungsaufenthalt schlägt ebenso ins Gedächtnis-cogito zurück wie der Vermittlungsfortgang, in welchem Prozeß dieses sich seiner memorialen Befähigung versichert (Schwärzung der Glaswand versus deren Aufhellung - ja Überflüssigkeit?).« (S. 68) Ebenso wird schon die Nicht-Isolierbarkeit der Produktion von der Konsumtion/Aufzeichnung angesprochen: »Es frommt nun aber zu nichts, dafür (sc. für die Hervorbringung »blinder Ontologiedingspiegel«) die Produktion der Antiproduktion zu bezichtigen, wo es in die Augen springt, daß dem Gedächtnis selber diese Indifferenz als Maßlosigkeit des memorialen Kritikmaßstabes anhaftet, auch dann noch, wenn man das Produktionsphantasma mit angemessenen Diachronieindizes versieht.« (S. 98). Insgesamt mag man diesem früheren Text seine Programmatik zugute halten: des öftern bricht das Räsonnement an entscheidenden Stellen ab.
Wenn es Derrida darum zu tun ist, »...das Projekt der Philosophie selbst in ihrer privilegierten Gestalt als Hegelianismus... zu verschieben und... neu einzuschreiben«, und dies im Sinne der »differance«, »Setzen der reinen Gegenwart, ohne Verlust, die mit derjenigen des absoluten Verlustes, des Todes verschmilzt«, so konvergiert solches Vorhaben gewiß mit dem unsrigen. Entsprechend auch bedarf es der »Kritik« des Aufhebensbegriffs:
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»Man gewöhnt die Aufhebung... daran, sich anders zu schreiben. Vielleicht ganz einfach, sich zu schreiben. Oder besser, ihrer Konsumption der Schrift Rechnung zu tragen«. (J. Derrida, Randgänge der Philosophie, Ullstein Buch Nr. 3288, S. 27) Nichts erscheint hier, als Erscheinung eines Wesenhaften, in der Tat.
Freilich: die Arschmahlzeitsszene ist insofern travestisch, als dieser Basisvorgang im »selbstreflexiven Körper« (es bedarf hier noch der Terminologisierungen) mit Mitteln nicht desselben, sondern des »corps matiere«, selbst indessen wiederum mit Evokationen des »corps propre« durchsetzt, dargetan wurde. Ein solcher Verschnitt hat aber wohl immerhin den Vorteil der Totalisierung eben aller drei Körperbegriffe implizite im Bezug aufeinander. - Leicht zu ersehen in diesem Zusammenhang, wie restlos homo-sexuell dieser Ding-Ödipus (fortgeschritten: Ding-Jesus) ist. Und Homosexualitäts-theoretisch - das versteht sich - rekorporalisieren die Homosexuellen bloß travestisch diese Ding-Ubiquität exactissime - das bedarf keiner Ausführung mehr: Phallus ist eben die allnährende (Identität mit der) Mutterleibleiche - eben als verschreckter Penis, der um Himmels willen nichts mehr an differenter Weiblichkeit wittern darf, sonst ist er ganz dahin. - Selbstverständlich spielt diese Szene rein im Dreifaltigkeitshimmel, dem nur-noch-männlichen. Fraglich bleibt also, wie sich diese Verhältnisse bei der Frau ausnehmen, sofern sie nicht nur, wie es ihre angestammte Rolle will, als selbst wiederum unkenntlich gemachter Opferstoff fungiert. - Alles aber zu erkunden wäre noch, betreffend die freilich eo ipso organischen Vorgänge dieser phantasmatischen Mahlzeit - auf der einmal schon veranschlagten Linie der Psychosen-Naturphilosophie. Erst wenn dies gelänge - die Erhebung der Freisetzungsmodi dieses giftigen Himmelsbrots -, wäre der Anschluß an die Medizin, der gesagt werden könnte, was sie erforschen solle, gewonnen.
Die Natur-Metonymie und -Metapher des Ödipuskomplexes, also dessen Ding-Untergang, Verdinglichung ist m. E. bisher am genauesten ebenso im »Schwindenden Jenseits der Götter« ausgeführt worden; was ist was am Ding ödipal genau? - die Antwort wäre hier abzunehmen, neuheidnisch allerdings nur:
Opferstoff
causa materialis
Opferritual
causa formalis
Opferexekutive
causa efficiens
Sphinx
Tochter
T
Laios
Vater
V+
Ödipus
Sohn
S
lokaste
Mutter
(M)
Die Opferausfällung, causa finalis - ist das Ding also selber, das Unbewußte, Phantasma der Schuldabsorptivität.
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Indem Heidegger diese Aristotelische Ursachenlehre gegen ihre römisch-christliche Verfälschung zu retten versucht, gerät er - über Verursachung als Schulden - nahe daran; biegt aber, meine ich, rechtzeitig noch in eine Art Ding-Kitsch-Verwirrung ab; was hier nicht weiter interessieren muß.
Der empfindlichste Mangel all dieser Ausführungen: die - weitestgehend wohl isolierbare - Mitberücksichtigung der Opferrituale (causa formalis) auf dem Niveau der Ingenieur-Artistik selber. Solange diese Mathematik nicht mit dargestellt werden kann, gibts keine rechten Wehrmöglichkeiten gegen deren Abstraktion im Dienste der Verunbewußtung. Desiderat in diesem Zusammenhang auch: Diachronie - Fortschrittskriterien, genealogische freilich, - solche der Verdinglichungsexpansion und des -»tiefgangs«.
Auf das Desiderat: Ödipus und Hygieneproblem habe ich unterdessen reagiert: siehe mein Beitrag über »Das Heilige«: Postskript über Hausarbeit. Die vielerlei Schuldabsorptionsmängel, Ubw-Risse der ödipal, nein: christual, stigmatisierten Dinge muß kurzerhand nicht diesen selbst, vielmehr der Faulheit der Menschen, zumal der Weiber, angelastet werden; nur daß die große Putzfrauen-Selbstetablierung der Autarkisierungseffekte potenzierter Opfertücke teilhaftig ist und vielleicht sogar jenseits ihrer dafür bußfertig verfangenen Viskösitäten die Gunst der Mortalitätszulassung impliziert? »Verbleiben ihre/diese Abfälle: Gott und die Frau, >zum Beispiel>«. (Irigaray, Mechanik des Flüssigen)
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