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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Wissenschaftlichkeit und »ursprünglicher Sadismus« - Zur suizidalen Verfassung der wissenschaftlichen Psychoanalyse (Pathognostische Studien II, 1990, Essen, Die Blaue Eule, 87-107)
Vorbemerkung. - Das folgende opus spielt im Vorfeld des Marburger Symposion vom 3. bis 5. Juli 1987 über: "Die heimliche Gewalt des Konformismus. Die Annullierung des Subjekts und die Auf-Gabe der Psychoanalyse", zu dem Manfred Pohlen einlud. Es ist eine Art von Bekanntmachungstext, der an eine Ringvorlesung zum Problem von "Wissenschaft und Psychoanalyse" anschließt. Die Bedeutung dieses Marburger Komplexes lag für mich in der Chance, meine Psychoanalysekritik einem umfassenderen Fachkollegium vorstellen zu können. Mein Symposion-Vortrag selber ("Kleinbürgerdouble-binds. Zum Problem der Gewalt in psychoanalytischen Verfahren und Institutionen") sollte in einem Sammelband der Marburger Vorträge bei "Athenäum" veröffentlicht werden. Unterdessen aber existiert dieser Verlag nicht mehr, und also bringe ich auch diesen Text im Anschluß hier.
Die folgenden Ausführungen knüpfen an mehrere ältere psychoanalysekritische Arbeiten über die Ichpsychologie und die Todestriebproblematik an. Zum ersten Thema sind es "Heinz Hartmanns `Grundlagen der Psychoanalyse' (1927). Eine wissenschaftslogische Fehlkonstruktion" und "Psychoanalyse und Kantianismus. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte", in: Elrod/Heinz/Dahmer: Der Wolf im Schafspelz. Erikson, die Ich-Psychologie und das Anpassungsproblem, Frankfurt/New York (Campus) 1978 (Kritische Sozialwissenschaft, Schwerpunkt Psychoanalyse als Sozialwissenschaft, hrsg. v. K. Horn u. A. Lorenzer). Ersterer Aufsatz ist vorpubliziert in: Psyche, Heft 6, 28 Jg., 1974. Der zweite Beitrag ist zusammen mit Helmut Dahmer verfaßt. Über den Gesamtkomplex "Psychoanalyse und Kantianismus" liegt zudem eine Buchpublikation gleichen Titels (Würzburg - Königshausen & Neumann - 1981) vor. - Zum letzteren Thema, dem Todestriebproblem, gibt es ebenso Ausführungen, und zwar innerhalb der Studie "Die Utopie des Sadismus. Einige programmatische Überlegungen", in: Die Eule. Diskussionsforum für rationalitätsgenealogische, insbesondere
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feministische Theorie, Nr. 3, 1980 sowie innerhalb der Veröffentlichung "Shame and scandal in the family. Die Psychoanalyse als Wegbereiterin ihres eigenen Untergangs I", in: ebd., Sondernummer Psychoanalyse, 1982.
In den folgenden Ausführungen wird der Versuch gemacht, beide Theoriestränge, die erfolgreiche Ichpsychologie und die nach wie vor desavouierte Todestriebtheorie, Psychoanalyse-kritisch zusammenzuführen. Diese Kritik geht über den Stand der Kritik der Ichpsychologie von ehedem, die gewiß noch Residuen von Subjektivismus und verstehender Psychologie enthält, mittels einer spezifischen Transkription der Todestrieblehre hinaus. Die Auseinandersetzung mit avancierten Positionen der bundesdeutschen Psychoanalyse mußte hier noch ausgesetzt werden. Ebenso bleibt es überfällig, die Psychoanalyse-Version Lacans - weit über die vorgenommenen Zitatbeglaubigungen der Kritik der Ichpsychologie hinaus - in einen solchen Diskurs gründlich einzubeziehen. Schließlich bedürfte es in weiteren Krisisschritten des genauen Aufschlusses darüber, wie die genealogisch transkribierte Todestriebtheorie Möglichkeiten eröffnen könnte, "objektivitätsekstatisch" den herkömmlichen Subjektivismus der Psychoanalyse abzulegen.
Die folgenden Ausführungen sind weder eine Einführung in die Todestriebtheorie (und deren Transkriptionsmöglichkeiten) noch in die psychoanalytische Ichpsychologie; die Kenntnis beider ist vorausgesetzt.
Ursprünglicher Sadismus
Warum der metatheoretische Bestand des Todestriebs immer noch keinen gebührenden Eingang in die Standards psychoanalytischen Denkens und Handelns gefunden hat? Schwerlich ist der Grund dafür bloß der notorische, hier vielleicht besonders krude, zu Recht oft kritisierte Biologismus und, damit verbunden, eine Art von phänomenaler Reduktion der Todestriebgeschäfte hauptsächlich auf ein Organsystem (die "Muskulatur"); wenn nicht alles täuscht, sind ganz andere Aversionsgründe im Spiel, die zumal dann stark werden, wenn es gelänge, diesem späten, heimatlos gebliebenen Theoriestück denjenigen Status zuschreibbar zu machen, der nicht mehr nur in vordergründigerer Biologismuskritik bestände: wenn man so will, einen umfassend philosophischen, mit der Potenz begabt, die gesamte Metapsychologie mit ihrer "Modelle"evolution zu homogeneisieren.
Was aber macht den Todestrieb, zumal den allererst in seine angemessene Version reformulierten, so skandalös? Könnte er genutzt werden, so
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hätte er nachgerade die Gewalt einer mythischen Intervention, also derjenigen Art von Aufklärungseinspruch, der es gelänge, unabkömmliche - absorbierte, verhüllte - Schuld zu zitieren, und zwar gar so zu zitieren, daß dagegen keinerlei Katharsis, Entsühnungsparade, Neubeginn Desselben mehr vergönnt wäre.
Machte man sich einmal die Mühe, die einschlägigen Freudschen Texte dazu in dieser heiklen Interventionsabsicht zu lesen, so würde bald wohl deutlich, worin die Absperrung des Todestriebs beschlossen liegt. Bedeutet der "Todestrieb" - der "Ursadismus", mit dem "primären Masochismus" koinzidierend - die Passion absoluter Selbstgründung, die Entropie des Begehrens selber, die drohende Selbsterstickung an der einbehaltenen Unbedingtheit, diese selber zu sein, so müßte man doch der Umwendung dieser Binnentodesfahrt in vitale Veräußerungstaten hinein, diesen Aktivitätsinversionen, die Valenz der Befreiung, Seinsermächtigung, erotischer Konterkarierung, ja der "Unschuld des Werdens" zubilligen dürfen; was ja allenthalben auch geschieht. Doch diese Fundamentaljubilatorik schlägt der skandalöse Todestrieb jeglichem Unschuldsadepten nicht nur einmal und dann vielleicht immer wieder, vielmehr endgültig aus der Hand. Wie sollte man also diesen Allbeschuldiger, diesen mißlichen Magier, der herbeizitiert, zum Bleiben bewegt, festsetzt, ohne daran den Erlösungsakt des wieder Verschwinden-Machens anzuschließen, mögen?
Peremptorische Schuldzitation - das ganze Todestriebärgernis. Was sich als Wundermetabasis von Thanatos zu Eros hinüber auszugeben pflegt, enthüllt sich als ein nur noch todesdilatorisches vom-Regen-in-die-Traufe: vom Selbersterben ins Anderetöten; und dies ohne jede Voraussicht, daß nach dieser Umwendung irgendwann doch einmal dies Gewaltsubstrat, genannt "ursprünglicher Sadismus", vom Eintritt des reinen Eros post festum durchbrochen werden könnte. Unmißverständlich die Freudsche Textur: kein Wunderumschwung in ein anderes, vielmehr die Binnendifferierung bloß Desselben.
"Liegt dann nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt?" (Freud: Jenseits des Lustprinzips, in: GW XIII, S. 58) - Die Libido "hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb (sc. den Todes- oder Destruktionstrieb) unschädlich zu machen und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet." (Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus, in: ebd., S. 376)
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Eros, fernab davon, als heterogene Kraft wirksam zu sein, verrichtet in der Ubiquität des schaffenden Todes sein altes gleisnerisches, ja trügerisches Werk. Freilich effektuiert er den Umschlag der Entropie des "Ursadismus" in die Negentropie des "ursprünglichen Sadismus", jedoch als einziger Diener des sich in den Verwüstungen der Gattungsgeschichte aufschiebenden Todes. Die blendende Maske, die er sich an diesem Umschlagspunkt, damit etwas sei und nicht vielmehr nichts, aufsetzt, ist die Suggestion der Entschuldung, so als sei es doch vergönnt, das Gewaltexternalisat der einbehaltenden Schuldverdichtung des Todestriebs als das ganz Andere exkulpierter Lebendigkeit zu handeln; eben als "ursprünglicher Sadismus", der diese Exkulpationsverheißung - der Terminus sagt es ja selber - freilich dementiert. Just in der Psychoanalyse wirken sich die Folgen dieses Entschuldungstrugs selbstmörderisch aus: kathartisch intendierte Bewußtheit, die sich als das letale Unbewußte schlechthin verschließt; Ichautonomie, die diesen Verschluß zusätzlich noch legitimiert; und die Traumatisierung dieses explosiven Gewaltgefüges durch die Narzißmustheorie - immerhin Narzißmus: die Passion des reinen Selbstseins - verkommt zur Reproduktion derselben, nur ein wenig höher angesetzten Katharsisveranstaltungen: der Narzißmus vermag ja zu reifen ... Gegen diese sich steigernden Unschuldsverkennungen alle - von der Bewußtheit zum autonomen Ich zum reifen narzißtischen Selbst - taugt einzig die skandalöse Zitation des ununschuldigen Gewaltelements darin, des Todestriebs, der Eroswerke als Dokumente des "ursprünglichen Sadismus" als der Selbigkeitsinversion des "Ursadismus"; Schuldzitation buchstäblich unabdingbarer Schuld.
Als beschuldungszuverlässig erweist sich Freud, also gelesen, nicht weniger auch in Sachen der Neufassung der Sexualität in diesem radikalen Todestriebkontext.
"Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt nach." (Freud: Jenseits des Lustprinzips, in: ebd., S. 58)
Substratcharakter also des "ursprünglichen Sadismus" für die doppelte Reproduktivität - subsistentiell und prokreativ - des Eros als Sexus; Abschaffung des mirakulösen Sündenfalls in dieser psychoanalytisch zentralen Region. Und mindest ergänzbar (wenn nicht entschieden mehr) wäre diese aufschiebende Sexualitätsinskription in die Folie des angemaßten Todes durch den universellen Umstand, daß die abdeckende Libidokathexe die Fundamentalmotivation der Ausbreitung des "ursprünglichen Sadismus" in den Gestalten des "eigentlichen Sadismus" ausmacht: Eros abermals der
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profitierende Diener von Thanatos in der Expansion dieser Ableitungsgefilde. Allein, diese Rechnung geht nicht auf; gibt es doch allenthalben den Pathologiefall des "Sadismus als Perversion", diesen gegen den Aufschub gerichteten konsequenten Vorlauf, subjektiv wie objektiv, die Unvermeidlichkeit also des Kollaps all dieser vermeintlichen Unschuldsgebilde. Konzedierte man nun aber die Angemessenheit dieser Sadismensequenz - "Ursadismus", "ursprünglicher Sadismus", "eigentlicher Sadismus" - bis hin zum fatalen Beschluß des "Sadismus als Perversion", so resultierte auf dieser Todestriebgrundlage nicht zuletzt ein anderes Krankheitsverständnis: Krankheit könnte dann nicht mehr als Daueranlaß ihrer therapeutischen Beseitigung, sprich: der unbesehenen Überführung in den mörderischen Stand dinglicher Exkulpiertheit fungieren.
Die einzig angemessene Lesart oder mehr noch: Konzeptualisierung des Todestriebs, die sinnvollerweise sich nicht mehr als eine Art höherer FreudExegese ausgeben sollte und die vor allem befähigt wäre, den Biologismus der überkommenen Psychoanalyse a priori abzulegen, geht über die Korrektur einer bloß immanenten organologischen Verkürzung - auf die Muskulatur, den Bewegungsapparat - weit hinaus. Die naheliegende Ausweitung des Organsubstrats dieses letzten "Triebes" auf das Gesamtregister der Subsistenzsexualität, also der Körpersysteme der individuellen Reproduktion (nach der Tradition des Fachs in erster Linie die orale sowie die urethrale und anale Sexualität), genügt als Korrektiv - es wäre ja nur ein rein Biologismus-internes - keineswegs. Wenn schon, so zentrierte sich der "ursprüngliche Sadismus" als Eros-Inversion des "Ursadismus", konventionell ausgedrückt, im Vorstellungs-, Erinnerungs- und Denkvermögen des Menschen, kurzum in der Re-präsentativität selber, exklusiv in dieser bis hin zu deren - regelmäßig zum schwersten Schaden der umfassenden Theoriebildung ausgelassenen - Erfüllungsform in Dinglichkeit (Technologie, Institution). Auf den kriterialen Punkt gebracht: der "ursprüngliche Sadismus" ist die Re-produktivität als die humane Produktionsform selber. Für welche Behauptung, die sich als schlechterdings unabweislich herausstellen wird, es einen scheinbar überraschenden Zeugen, Heinz Hartmann, gibt:
"Aber sehen wir uns jetzt einmal die Funktion des Denkens ... etwas näher an. Dabei muß, was wir sonst über das Denken wissen - z.B. seine Speisung durch desexualisierte Libido, sein vermuteter Zusammenhang auch mit dem Todestrieb, hier unberücksichtigt bleiben." (H. Hartmann: Ich-Psychologie und Anpassungsproblem, Stuttgart - Klett - 1960, S. 51)
(Es wundert aber nicht, daß es bei dieser Andeutung und Nichtausführung ihres Gehaltes bleibt.) - Freilich liest sich auch der "eigentliche
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Sadismus" in dieser einzig haltbaren Todestriebbereinigung entsprechend neu: die Libido-Fühlbarkeit und was sie alles zu veranlassen vermag, besteht dann in nichts anderem als im Körperübersprung (Körper als "corps propre", selbsterfahrener Körper) gelingender Re-präsentativität/Re-produktivität, deren motivierender Beglaubigung an diesem Ort der Spürbarkeit. Schließlich der "Sadismus als Perversion" - allgemein gesagt, macht er dieses womöglich lustumhüllte, scheinunschuldige, unbewußte Inversionsgebilde durch Dispensierung der Inversionsfähigkeit selber, nachdem sie sich tätigte, kollabieren.
Es kann hier nun nicht die Aufgabe sein, die Theorie der Re-präsentativität in ihrer angestammten Dimension von Philosophie des näheren auszuführen. Stattdessen aber soll die Gunst möglicher Psychoanalysevorgaben zum Zweck einer Ausfüllung überkommener Desiderate in diesem Theoriezusammenhang genutzt werden. Worin nämlich besteht die Ausprägungsmaßgabe des rein für sich ja "leeren" Repräsentationsvermögens? Wenn nicht alles täuscht, so schießt in diese leere, zweifellos "aggressive" Seinsbereitstellung, kurzum: des menschlichen Selbstbewußtseins, an erster Stelle die Subsistenzsexualität wie ein Modell für die gesamte Repräsentativität ein: das gefräßige "Denken", das Repräsentationswesen insgesamt als perenner Opfervorgang. Körper fungiert ursprünglich immer als Organisationsmodell dieses Allvermögens, ja geht in diesem seinem Vorgabecharakter, ohne als Vorgabe für sich selbst zu sein, auf. Dieser Körpereinschuß hat es auch an sich, jede Art von sogenannter natürlicher Triebhaftigkeit ad absurdum zu führen. Es kann beim Menschen keine Triebbedürfnisse geben; im Selbstbewußtsein tritt Mensch sogleich in die einzige Dimension des "Begehrens" und dessen Todestrieb-fundierten Phantasmatik ein - Begehrensüberschuß von Anfang an (Mehrwert-, sprich Abfallproduktion).
In dieser Körpermodell-Vorgabe primär der Subsistenzsexualität kann nun nicht nicht die exkrementale, vorherrschend die anale Sexualität die Prärogative haben; dies freilich als das hygienische Verschwindenmachen des Dejekts als des Dokuments des eh ja verborgenen, unbewußten intestinalen Opfervorgangs rein im Körpertempelinneren; Verschwindenmachen im Sinne der sublimen Wiederkehr des exkrementalen Dokuments als Repräsentation selber. Demnach wäre das Ich, das autonome, die Abgedecktheit dieses Binnenverbrechens der Subsistenzsexualität, souverän zumal dadurch, daß diese Kriminalität sich resultativ-publik im Exkrement bewahrt, und dies freilich um den Humanität konstituierenden Preis, erst recht zu verbergendes Modell der toten Vorstellungsanfüllung des Vorstellungsvermögens zu sein; die Repräsentationen als memorials, Grabmale.
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So hellt sich doch wohl Hartmanns dunkle Andeutung des Zusammenhangs des Denkens mit dem Todestrieb auf?
Das Repräsentationswesen insgesamt mit seinem Inbegriff, diesen memorials, zeigt die Befähigung, in dies Tote und nur in dies Tote den scheinbaren Kontrapart der Vitalitäten einzutragen; es gibt nicht das gar widerständige Andere des Lebens (Eros) dagegen, vielmehr immer nur, wenn überhaupt, die nachträgliche Vitalitätsrückerstattung davor geopferter und eingegebener Vitalität in dies Tote rein unter dem Stigma desselben. Das aber bedeutet für den Begriff des Körpers, gleichwie, ob als "corps propre" oder, sogleich wissenschaftlich, als "corps matière" thematisiert, daß Körper nur in diesem opferrestitutiven Rückschlag als Effekt der Repräsentativität aufkommen kann; als irgend ein modus des "eigentlichen Sadismus", sexuell präziser noch: des abgeleiteten (nicht primären) Masochismus. Die grundlegende Körpereingabe, dieses seinseröffnende Opfer der Inversion des "Ursadismus" in den "ursprünglichen Sadismus", sowie die Opferinstanz des eingebenden, des, wenn man es so ausdrücken will, "projizierenden" Körpers vor den species des resultierenden Rückerstattungskörpers "corps propre" und "corps matière", scheint der Erfahrbarkeit gänzlich zu entraten und kann allem Anschein nach, so wie dies hier versucht wird, bloß "gedacht" werden; ist doch dieser Todestrieb-etc.-Komplex der seinsgenerative Repräsentationsvorgang als Ausbildung von Repräsentation selber. Wie aber kann dieser ohne Erfahrbarkeit, wie unterstellt, gedacht werden? Gewiß nicht aus dem Nichts, doch im Rekurs auf in dieser Rücksicht ungenutzte, psychoanalytisch durchaus einschlägige Phänomene der Selbstvorstellung des Vorstellungsvermögens, die zum Beispiel der Traum leistet - die Traumarbeit freilich sub specie dieser Binnendarstellung der Re-präsentativität, traditionell gesagt, als "funktionales Phänomen" beansprucht.
Wielange muß man dies noch monieren?: hier würde Lacans Theorie des Signifikanten aufzunehmen überfällig. Hier auch bildeten sich allererst die Bedingungen aus, die eine Theorie des menschlichen Körpers, die es skandalöserweise überhaupt noch nicht gibt, angängig machten. Es wären sogleich Bedingungen, die in ihrer naturphilosophisch-kosmologischen Ausgeweitetheit "humanistische" Eingrenzungen und Verfälschungen zu verhindern verstünden. Thematische Einzeldesiderate gäbe es dann auch en masse; um nur eines zu nennen: die erforderliche Neuschrift nicht zuletzt der Sexualität i.e.S., der Generations- vs. Subsistenzsexualität, die gewiß nicht weniger unter dem Vorzeichen kurzum: des "eigentlichen Sadismus" steht.
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Wohin aber führt eine solche penetrante Zitation des Todestriebmonismus, dieses bisher fast immer erfolgreich abgewiesene Schuldmonitum unabtragbarer Schuld? Letztausschöpfung der Erkenntnispotentiale der Psychoanalyse? Gewiß - doch um den Preis einer rücksichtslos lückenlosen Paranoisierung von allem und jeglichem? Hält man an der Exkulpationsleistung des "ursprünglichen Sadismus", so als ob dieser reiner Eros wäre, also an der Chimäre des autonomen Ich/am Phantasma der Dinglichkeit fest, und billigt man folgerichtig dem Schuldeinspruch des Todestriebs wie mythisch bloß die Kraft einer kathartischen Innovation desselben zu, dann freilich muß die vorgeschlagene Durchgängigkeit des Todestriebs mehr als eine Übertreibung sein, sie würde zu Pathologie. Wenn hingegen diese Unschuldsgläubigkeit entfällt, - an diese Vernunft kann man eh nur glauben -; wenn der kulminative Respekt davor, daß die pseudologischen Exkulpationsgebilde alle, wie vom Himmel gefallen, höchst explosiv sind und so ihr wahrlich dann zu Ende gekommen absolutes Zerstörungswerk eh selber verrichten, sich als absurd erweist, dann wäre es umgekehrt wohl vergönnt, fernab von regressionistischen Bescheidungen Chancen der Binnenkonterkarierung dieses gesamten Humanismussyndroms mit seinen suizidalen Anmaßungen zu erkunden. Nicht zwar ist es möglich, die Umwendung des "Ursadismus" in den "ursprünglichen Sadismus" und die Substratausschlachtung des letzteren als "eigentlichen Sadismus" zu hintertreiben - dies ist menschenunmöglich schlechthin, führte, über Krankheit (den "Sadismus als Perversion") vermittelt, zum Rücksog des Todestriebs, des "primären Masochismus" zurück, zum Tode also -, doch ist die Möglichkeit einzurichten, dessen eingedenk zu sein, daß sich in diesem Monismus keinerlei Erlösungsgeschäfte, und seien sie noch so säkular, betreiben lassen, die nicht notwendig in der Apokalypse enden. Wie weit sind wir vom Vollzug eines solchen anderen Existenzprojekts, nicht zuletzt auch psychoanalytisch, entfernt! Und wie leicht käme die Versuchung auf, wenn diese immanente Andersartigkeit zu vollziehen angenähert werden könnte, sie ethologisch-moralistisch zu verfälschen! Pointe des monitums unabdingbarer Schuld durch die Aufnahme der Todestriebtheorie in die Psychoanalyse (und nicht nur in die Psychoanalyse): paradox gesagt, hat der Todestrieb mit dem Tod nichts, überhaupt nichts zu tun. Der "ursprüngliche Sadismus" ist nichts anderes als die Usurpation des Phantasmas des Todes als Selbstabsolutheit - und höbe sich als Phantasma eines Phantasmas darin selber auf, freilich nirgendwohin anders als in die Formen dieser Doppelphantasmatik hinein zurück und nicht irgend transzendierend anderswohin. Diese Dopplung aber, sie ist die einzige Lücke, der Aufschub selber (Derrida: "différance");
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und nur deshalb existiere "ich", immer noch, freilich todestriebtätig, zum Beispiel schreibend.
Wissenschaftlichkeit
Wo befindet sich in diesem fundamentalen Todestriebgefüge Wissenschaft? Eben dort: in der Inversionsbereitstellung/-bereitgestelltheit des "ursprünglichen Sadismus", desselben in Reinkultur. Wissenschaftlich formiert sich dieser zu einem solchen fortschreitenden Grade von Selbstsättigung, daß sein Telos, die nachträglich konsumatorische Eros-Fühlung, in ihm, dem opferrestitutiven Rückeintragungssubstrat, verschwindet, so als sei er ein Selbstzweck, ohne Finalitätsverweis. Der Sadismus als Wegweiser für die libidinösen Komponenten des Sexualtriebs, die dann späterhin zum Objekt nachdrängen (Freud), steigert sich zum Wegweiser rein noch für sich selber; Automethodik. Nicht aber nur weist Wissenschaft teleologisch in sich hinein zurück; insbesondere absolviert, autotomisiert sie sich bis zur Selbstabsolutheit hin von ihrer verhängten Todestriebherkunft: a fortiori also genealogische (nicht nur teleologische) Zurückführung in sich selbst retour. Voilä: ein Gott, das imperiale Absolutheitswunder als moderner Inbegriff von Exkulpationsphantasmatik; nur daß dieses Unschuldsgebilde im Ganzen nicht mehr sein kann als eine unvermeidlich explosive Schuldbemäntelung, die sich als ihre Selbsterfüllung mitreißend schließlich umzubringen nicht umhin kommt. In dieser seiner szientifischen Reinkultur überbietet der "ursprüngliche Sadismus" seine psychoanalytisch angestammte Domäne Sexualität, subsistentiell und generativ (und was noch weiteres an sexueller "Ästhetik" irgend dazwischen der Fall sein mag). Mitnichten fungiert Sexualität im Wissenschaftskontext als Erosziel des schaffenden Todes, vielmehr nur noch umgekehrt als reinste Dienstbarkeit an diesem; und zwar, subsistenzsexuell, als Reproduktion der Arbeitskraft und, generationssexuell, als fast schon obsolete, wie überflüssige Bereitstellung der fleischlichen Körper, damit diese an den Geistwundern dieses Todesgottes, der recht eigentlich sich selber genügt, partizipieren. Man ißt etc. und man .... um zu arbeiten; und man zeugt/gebiert, damit sich das erstere, daß man ißt etc., wiederholt.
Wenn die Psychoanalyse, innovativ todestriebdurchsetzt, dem Thema Wissenschaft sich kritisch zu widmen vornimmt, dann müßte sie im Sinne dieser Beschuldung, die der kulminativen Binnenabsorption von Schuld in Wissenschaft als Schein wissenschaftlicher Unschuld endgültig mißtraut, vorgehen. Nur daß es sein könnte, daß dieses endgültige Mißtrauen zu spät kommt, gegen die Allmacht der Exkulpationsphantasmatik als Wissenschaft
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nichts mehr auszurichten vermöchte, zumal immer dann, wenn sich die Spitzenwissenschaften selbst schon in den sogenannten Grundlagenkrisen bis zu dieser Grenze der Schuldverhüllung vorarbeiten, und dies regelmäßig dann aber so, daß sie sich noch mehr Vorwände für ihr Fortschreiten krisisbereinigt aus sich selber verschaffen.
Der faktische Stand psychoanalytischer Wissenschaftskritik erweist sich indessen von dieser Fundamentalkritik auf Todestriebbasis weit entfernt. Geräuschlos reüssiert hier immer noch die Hartmannsche Ichpsychologie mit ihrem tiefen splitting von Genesis und Geltung, so daß sich der mögliche Kritikangang rein subjektivistisch auf Psychogeneseprobleme des Wissenschaftlers, rein des wissenschaftlichen Subjekts reduziert, und dies durchweg unter dem aberwitzigen Anspruch der Disposition von Lebensgeschichte, therapeutisch immer ad majorem gloriam scientiae, deren ungeschorener, umso blühenderer Geltungstabuisierung. Solches ist nicht nur zu wenig, vielmehr in sich falsch; denn, wie gesagt, besteht das Kritiksujet in der Ausformung des "ursprünglichen Sadismus" zum hegemonialen, absolutheitsverschlossenen wissenschaftlichen Geltungsbestand selber, gegen den die strikte Mißachtung des "genetischen Irrtums" (Hartmann) eingesetzt werden müßte. Erforderlich würde in diesem Zusammenhang an erster Stelle die Decouvrierung der Naturekstatik des schaffenden Todes/des "ursprünglichen Sadismus" als Mathematik, des universellen Mediums von Wissenschaft, in dem die Geltungstabuisierung derart kulminiert, daß es m.W. keine Abhandlung angewandter Psychoanalyse auf Mathematik - auf Mathematik selber - gibt. Hört man jetzt aber nicht förmlich Stimmen?: so würde doch die Psychoanalyse dazu mißbraucht, einem Naturwissenschaftler in Analyse seine Profession Naturwissenschaft auszutreiben! Gewiß nicht - hier aber kommt die Grenze des üblichen, auch psychoanalytischen Therapiebegriffs zwingend auf, und diese Grenze ist letztendlich die besonders skandalöse der Psychose, deren fortgeschrittene psychoanalytische Aussperrung. Weitestgehend ist es bei der bloßen Hoffnung Hartmanns geblieben, daß die Psychoanalyse der Funktion des Denkens von der der Psychosen aufgeschlossen werden könne.
"Es ist eines der Probleme, deren Lösung wir von der Psychoanalyse der Psychosen erhoffen,... " (Hartmann: ebd., S.69)
Simple Konsequenz: die Psychoanalyse bringt sich selber um, wenn sie sich zur Wissenschaft - "Naturwissenschaft des Seelischen" (Hartmann) - bestimmt. Denn: als Theorie emphatisch des Unbewußten führt sie eben das Unbewußte unaufschließbar als das wissenschaftliche Theorievermögen selber wieder ein und erzeugt so eine Art von "klassischer" Identität von Form -
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Wissenschaftlichkeit - und Inhalt - das Unbewußte - im Negativen des Verschlusses, des Unbewußten: die suizidale Verfassung der Psychoanalyse als Wissenschaft. Ein anderes freilich zumal dagegen ist es, darauf bestehen zu müssen, daß auch das Eintragungssubstrat des bewußt gemachten Unbewußten der "ursprüngliche Sadismus" ist und bleibt: dieser die verbale Einschreibungsfolie des ubw-Aufschlusses, der den "eigentlichen Sadismus" theoretisch dann, in Theorie verschoben, als Psychoanalyse ausmacht. Daß dieser Aufschluß nicht nicht von Gnaden desselben Substrats wie des der Wissenschaft sein kann, stellt indessen keinerlei verkappten Szientismus dar, vielmehr eine Art von notwendiger Schuldübernahme, in der sich die Gewaltvoraussetzung der Re-präsentativität/des "ursprünglichen Sadismus" im Modus der genealogischen Durchsicht auf die Phantasmatik derselben hin zu verbrauchen, nicht-exkulpativ aufzuzehren vermöchte. Diese "Verbrennung", das Selbstdementi des Unbewußten durch sich selber in der Gehaltenheit seiner selbst erweist sich als das geeignetste Mittel, jeglicher Mystifikation - dem Unbewußten als Ursprung, Archetypus etc. - zu wehren. Selbst auch die Todestrieb-korrigierte Psychoanalyse kann nicht umhin, mit "desexualisierter/neutralisierter Libido", also mit dem Inversionssubstrat "ursprünglicher Sadismus" zu arbeiten; das Unbewußte ohne diese Haltung, Inskriptionsfolie in repräsentativer Nachträglichkeit wäre der Tod. Diese notwendige Konzession aber ist kein Aufatmen der Ichautonomie, die den Tiebbedrängnissen entronnen wäre, vielmehr die äußerst schwerhaltende Anerkennung des Schulddebakels just ebenso in Psychoanalyse selber: ihre Partizipation an der Gewalt des "ursprünglichen Sadismus", ihres erkennenden - freilich exzeptionell erkennenden - Nachträglichkeitswesens. (Was bedeutet Neutralisierung in der Agentensprache? Umbringen.)
So denkend, könnte es zweckmäßig sein, eine angemessene Disziplinbezeichnung für die Eigenart der Erkennenspotenz der Psychoanalyse nicht zu erzwingen, die Stelle eines Titels dafür fürs erste freizulassen? Insofern sie eo ipso keine Wissenschaft sein kann, ist sie mitnichten aber eine Art von wie auch immer besonderer Hermeneutik. Gewiß, die Verfänglichkeit mag groß sein, sie eher in deren Tradition, die historischen Geisteswissenschaften, einzustellen. Diese nämlich überheben sich theoretisch dergestalt, daß selbst, noch die geschichtliche Evolution der Naturwissenschaften wie alle Kulturobjektivationen ihr sujet ausmachen; doch bis ans Todestriebarkanum der Theorie der Re-präsentativität insgesamt reichen sie ebensowenig heran wie die Naturwissenschaften für sich - im Gegenteil; alles spricht dafür, daß sie in dieser ihrer traditionellen Theorieüberhebung die letale Kultur des Verschlusses, des Unbewußten, oft in der Maske des gegenteiligen Ansinnens
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selbst gar an von sich her weniger Verschlossenem, nur potenzieren. Und in einer solchen Potenzierung verfehlt sich das Verständnis von Pathologie zumal.
Kritik der psychoanalytischen Ichpsychologie, abermals und anders
"Nun - halten wir vorerst fest, daß wir gehört haben, das Ego sei der Verbündete des Analytikers, nicht bloß der Verbündete, sondern die einzige Erkenntnisquelle. Wir kennen nur das Ego, schreibt man gemeinhin ... Auf der anderen Seite, konträr, läßt sich der gesamte Fortschritt dieser Ich-Psychologie in den Satz zusammenfassen - das Ich ist genau so wie ein Symptom strukturiert. Im Inneren des Subjekts ist es bloß ein privilegiertes Symptom. Es ist das menschliche Symptom par excellence, es ist die Geisteskrankheit des Menschen." (J. Lacan: Freuds technische Schriften, Das Seminar von J. Lacan, Buch 1, 1953-54, Olten/Freiburg i. Br. - Walter - 1978, S. 24)
Psychoanalyse als "Naturwissenschaft des Seelischen" - liegt es nicht doch nahe, Hartmanns umfassenden, szientifischen, ichpsychologischen Intentionen entlang Lesarten zu erproben, die den möglichen Wahrheitsgehalt dieser erheblichen Anstrengung bewahren könnten? Wird hier nicht exemplarisch Wissenschaftlichkeit wider den medialen Einbau der Psychoanalyse in rationalisierende axiologische Systeme (Ideologien, Weltanschauungen) geltend gemacht? Wenn immer einzig Wissenschaft gegen einen solchen Mittelgebrauch resistent wäre, dann stellte die Psychoanalyse in dieser Version als "Naturwissenschaft des Seelischen" eine adäquate Wehr gegen diesen ihren Mißbrauch dar. Allein, selbst schon in dieser prima vista plausiblen Pointierung enträt dieses Konzept der Durchführbarkeit. In dieser Durchsetzungsausrichtung fungiert Wissenschaft nämlich als nicht hinwiederum aussetzbares, unbegründbares Axiologikum, dürfte aber zugleich - nach der Maßgabe der Ausnehmung von Wissenschaft davon - keine solche Wertbestimmung sein; wie ja überhaupt der Einsatz von wissenschaftlicher Aufklärung nicht eben als leidenschaftslose Anerkennung ihrer Wahrheit de facto begegnet. Wenn Wissenschaft einzig dagegen resistent wäre ... sie ist es nicht mit ihrem immerwährend suggestiven Gerücht der Neutralität als eines an sich unschuldigen instrumentellen Zusammenhangs und hat je schon ihre Aggressionschancen gegen ihren Gebrauch und Mißbrauch, durch welchen übergeordneten "Wert" auch immer, eingebüßt; was sie einzig
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zu hintertreiben behauptet, hat sie in dieser Auffassung vorher schon voll konzediert. Hartmann, der diesen lähmenden Widerspruch klassisch vollstreckt, ist ja wohl der Erstgeborene des strikten Verbietens jeglicher psychoanalytischer Geltungskritik von "Werten". Welch verheerende Folgen diese Neutralitätsdeklaration in ihrer ganzen widersprüchlichen Haltlosigkeit als direkte Ableitung des kaschierten "ursprünglichen Sadismus" - der absolute Werteherr in der rührenden Maske des Knechts - hatte, das sollte sich herumgesprochen haben: die - außerdem neukantianisch fundierte - Ichpsychologie widerstand dem Faschismus nicht.
Weiterer Rettungsversuch: der Naturwissenschaftscharakter der Psychoanalyse sei doch gegen die ständige Gefahr einer inneren Aushöhlung der konzeptuellen Schärfe des Unbewußten gerichtet; Aushöhlung, die darin bestehe, das Unbewußte der Alldisponibilität des Verstehens (der verstehenden Psychologie, der Hermeneutik) preiszugeben und es so, in diese Verstehensimperialität eingerückt, zu verfehlen, wenn immer die hermeneutische Methode post festum bloß vorkonstituierten Sinn inflationär reproduziert, anstatt auf die bei weitem "unverständlichere" Konstitution desselben, kurzum: auf dessen Genealogie abzuheben; und wenn immer das Verstehen in dieser seiner zur Absolutheitsüberhebung hintendierenden Reproduktivität die Vollmacht des autonomen Ich zumal mitbehauptet, anstatt daß es dieses genealogisch depotenzierte. Wenn dem so ist, so bleibt in der Tat keine andere Wahl, als ich-inkompatible Vorgänge als die kriterialen des Unbewußten stark, ja exklusiv zu machen, und dies gar bis hin zur Aufnahme des grundsätzlich also legitimen Metapsychologiebestandes des Psycho-Physikalismus, des energetischen Modells etc.? Gewiß - doch diese genealogische Last kann die verwissenschaftlichte Psychoanalyse mitnichten tragen. Notorisch führt diese Belastung zur unaufhörlichen Herstellung einer unmöglichen Situation, Wissenschaft sein zu wollen und keine rechte Wissenschaft werden zu können. Wie sollte das auch möglich sein, insofern Wissenschaft die hermetischste, ja paradoxerweise bis zum ichfremden Selbstentzug reichende Ichautonomie voraussetzt, die psychoanalytisch zugleich aufreißen, zerspringen und darin instantan durch sich selber gehalten sein müßte? Abermals die Ausführung eines klassischen Widerspruchs: derjenige von (philosophischer) Genealogie als (Natur) Wissenschaft, der nicht mehr zu leisten vermag als die Krisis des apostrophierten hermeneutischen Elements (also der insonderheit imperialen Inflation scheinbar absoluter Sinnreproduktivität, der Nachträglichkeitshypostasierung), ohne daß durch diese mögliche Kritikgunst der absurde Anspruch, letztlich der von Philosophie als Naturwissenschaft selber, aufgelöst wäre.
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Letzter Rettungsversuch: aber ist nicht doch die Kraft der Theorieanmessung der Ichpsychologie an den Inbegriff des psychoanalytischen sujets, des Unbewußten, wider seine zugegebenen Verstellungen stärker als diese? So etwa im Diktum vom "Unbewußten als einem Hinzugedachten", das wie von einer Lacanschen Bereinigungsingeniösität sein könnte? Fürwahr, das Unbewußte ist hinzu-gedacht, sprich: ohne Ichsubstrat (Unbewußtheit) kein Bewußtwerden, Erkennen des Unbewußten darin; ohne die bleibende Eintragungsfolie der Inversionspotentiale des "ursprünglichen Sadismus" keine psychoanalytische Sonderrepräsentativität, letztlich diejenige ihrer selbst als solcher gar. Allem Anschein nach projektiere diese anstößige Definition allererst den vollen Umfang und die Binnenerfüllung der Theorie des Unbewußten: die unbegrenzte Permissivität des Ich (und zumal aller Dinge), durch sich selber darin gehalten? Nein, ichpsychologisch leider überhaupt nicht. Denn eben diese Porösität des Ich, das Wissen selber, - wer hält diesen Selbstverbrauch des Unbewußten (des Ich) in seiner Bewußtwerdung (der genealogischen Ich-Durchsicht) aus? Diese Selbstreproduktion des Unbewußten dann auch im Rückstand seiner "Selbstverbrennung" (Sprache und Schrift), der es in seiner schulddokumentarischen Aufgelassenheit, so sie bliebe, bedeutet, daß die Schuld der Seinsgeneration inklusive dieser ihrer Ansichtigkeit un-ent-schuldbar bleibt? - eben diese Porösität degeneriert zum autonom wissenschaftlichen Sonderakt eines Hinzudenkens post festem, zum herrischen Geschäft des Lückenbüßens im nachhinein. Hartmann hat sich von diesem Schreckensort weg in Sicherheit gebracht, und das Genealogietor fällt schwer ins Schloß. Und also richtet er sich in der Täuschung ein, Genealogie als Wissenschaft zu betreiben, und dies rein neutral. Spitze der Widersprüchlichkeit dieses Unternehmens: ausnehmende Geltung für die Pseudologie dieser szientiftschen Bescheidung zu behaupten und zugleich weit von sich weisen zu müssen; denn Geltung könne ja kein psychoanalytisches Kriterium sein. Also lassen wir uns, die einzig geltenden, von anderswoher gelten machen. Wofür? Für uns selbst, der wir eh schon nichts als gelten. Was hat das überhaupt noch mit (Psycho)Pathologie zu tun?
Zur Aktualität der psychoanalytischen Ichpsychologie
Die Absicht liegt fern, einstmals verdienstvolle, jedoch unterdessen überholte Psychoanalyse-Positionen mit anmaßender Kleinlichkeit überflüssigerweise zu schelten. Überholt nämlich ist die Ichpsychologie keineswegs,
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sie definiert vielmehr immer noch den Standard der bundesdeutschen Psychoanalyse oft selbst auch gerade dann, wenn keine ausdrückliche Berufung auf diese Fachausprägung vorliegt. Auf dieser unerschütterten ichpsychologischen Basis tradiert sich Psychoanalyse vorherrschend als Psychologie; was das Ärgste ist, das ihr passieren kann - wenn man es will, so kann man es in jeder Illustrierten nachlesen. Genauer: als verstehende Psychologie, die, am Todestrieb vorbei, das unbegrenzte Ferment des Nichtverstehbaren, hervorgehend aus der "unverständlichen" Sinngenesis, nicht aus dem antigenealogischen, inflationären Nachträglichkeitswesen bloßer Sinnreproduktion, der so berauschend verständlichen, durch pseudowissenschaftliche psychophysikalistische Metatheorieüberbietung, wie wenn ein dumpfes Wissen vom Irrtum universalen Verstehens existierte, vergeblich zu bewahren sucht. Selbst aber diese haltlose Konterkarierung des Verstehens ist wohl - freilich aus guten inneren Gründen gegen die verderbte Sprachlicheit dieses Einspruchs - rückläufig geworden. Nur noch reproduktives Verstehen muß in sich verkommen, und es ist dann nur noch ein wenig schade, daß diese anerkannteste Sinnkorruption sich immer noch nicht wissenschaftlich vollkommen ausweisen läßt; doch gegen diesen Mangel kann man manches mit szientistischen Nachträglichkeits-Nachträglichkeits-Riten tun. - Verstehende Psychologie, die kaum mehr denn in sich variativ als ihren Gehaltsinbegriff den Ödipuskomplex handelt: ihr universelles Verkehrsmittel, das sie dem Untergang weiht. Ginge dieser in seiner Verfallsform einer heiklen, Entwicklungphasen-relativen, familialen Empirie des Kindes auf, so mag sein Untergangsansinnen vielleicht gar angehen; von einer Begründbarkeit aber dieser Auffassung kann die Rede nicht sein. Wenn schon, dann gilt die Identität des Ödipuskomplexes mit dem "ursprünglichen Sadismus": die Ichautonomisierung stellt sich, todestriebbelehrt generationssexuell, als Vatermord und Mutterinzest und, resultativ, das filiale autonome Ich als paternale Mutterleiche heraus. Und sein Untergang liegt in nichts anderem als in der Eskamotierung dieser Mordsgeschäfte, der Einhüllung des Ich, dieses kriminellen Über-Lebensdokuments, mit dem Gewaltmantel der Autonomie. Nimmt man diese Hülle weg oder, weniger tödlich: macht man sie transparent, zitiert man wider dies große Unbewußte beschuldend den umgewendeten Todestrieb als "ursprünglichen Sadismus", so müßte es endgültig deutlich werden, daß der Ödipuskomplex in dieser seiner angemessenen genealogischen Rückversetzung schlechterdings nicht untergehen kann; auch nicht untergeht in dieser Offenlegung seines Nichtuntergangs und zumal nicht untergeht in seiner selbstgewirkten Explosion/Implosion, sei es subjektiv als Krankheit ("Sadismus als Perversion", generalisiert) oder objektiv
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als Krieg. Also wäre sein Untergang der Tod selber, so daß die Pseudologie seines Untergangs als exkulpative Unbewußtwerdung desselben in Objektivität ausschließlich deren suizidale Gewaltaufladung ist; wozu die herkömmliche Psychoanalyse wie eine Tiefenverstehensseuche einen nicht nur marginalen gesellschaftlichen Beitrag leistet. - Verstehende Psychologie auch mit dem Akzent auf Psycho-logie. Worin sich keinerlei sinnvolle arbeitsteilige Eingrenzung mit interdisziplinären Ausblicken effektuiert, vielmehr nur noch eine subjektivistische Verwahrlosung nachgerade, die alle ausgesperrte gesellschaftliche Objektivität (Technologie, Institution), ichpsychologisch begründet in der psychoanalytischen Geltungstabuisierung, zur fast beliebigen Anpassungs- und Therapienorm überhebt. Die strikte Diskrimination von Genesis und Geltung sowie die ausschließende Kompetenzzuweisung der Psychoanalyse an jene (das Hartmannsche Theorem des "genetischen Irrtums", auch des "Funktionswechsels") ist mitnichten eine harmlose kantianisch-neukantianische Angelegenheit, in ihrer durchgängigen psychoanalytischen Institutionalisation vielmehr der Inbegriff der substantiellen Kritikschwächung der Psychoanalyse, deren Degeneration zu einem sich vornehm dünkenden, längst subakut aber "demokratisierten" Anpassungsinstrumentarium: immerwährende Mohrenwäsche der Objektivität. Es ist in diesem Zusammenhang schon absurd zu sehen, daß selbst inmitten eines nebenan womöglich geschärften politischen Bewußtseins und auch womöglich einer besonderen immanenten Sorgfalt der Epochenanmessung des Fachs, auffälliger Um- und Neuakzentuierungen (wie beispielsweise vorübergehend durch die Kohutsche Narzißmustheorie) der der Psychoanalyse eingebrannte Subjektivismus oft gänzlich untangiert bleibt. Die verstrickte Thematisierung von so etwas wie der objektiven Schuld der Dinge, die etwa Symptomneurosen (beispielsweise Phobien) mit ihrem auf der Hand liegenden, symptominternen Dingbezug auffällig macht, wird nach subjektivistischer Gepflogenheit durchweg a priori in eine rein subjektivinfantile, überflüssige, schuldhafte Zutat zu der, an dit, unschuldigen Objektivität an sich umgebogen. Dagegen hülfe nur noch die synchrone Versetzung des Unbewußten (des Ich) mit seiner verhüllten Schuldmasse in die pathologisch ja thematisierte Objektivität, in diese Erfüllungsform des "ursprünglichen Sadismus" hinein zurück; sowie die entsprechende Umformulierung von Pathologie, die sich in diesem durch sie selber geöffneten Unbewußten als Objektivität so verfängt, als sei Bewußtsein und Unbewußtsein in einem abstandslos realisierbar. Die letzte Rettung des Fachs, die sich dann nicht mehr in der immer wieder fälligen Kritik der ubiquitären Ichpsychologie erschöpfte.
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"Monsieur Hartmann, der Cherubin der Psychoanalyse, verkündet uns die große Neuigkeit, die uns erlauben wird, ruhig zu schlafen - die Existenz des autonomen Ego ... Diese Überzeugung geht über die individuelle Naivität des Subjekts, das an sich glaubt, das glaubt, es selbst zu sein, hinaus - ein ziemlich gewöhnlicher Wahnsinn, der jedoch kein vollständiger Wahnsinn ist, ... Man will uns ... nicht nur zu diesem naiven Glauben zurückführen. Es handelt sich streng genommen um ein soziologisches Phänomen, das die Analyse als Technik betrifft oder, wenn Sie so wollen, als Zeremoniell, als durch einen bestimmten sozialen Kontext determiniertes Priestertum ... Wenn man näher hinsieht, dann handelt's sich um je nach den Individuen mehr oder weniger egale autonomous egos. Wir fallen da einer Entifizierung anheim, demzufolge nicht nur die Individuen als solche existieren, sondern einige auch noch mehr als andere. Das kontaminiert, mehr oder minder implizit, die sogenannten Begriffe des starken und des schwachen Ich, ... " (J. Lacan, Das Ich in der Theorie Freuds und die Technik der Psychoanalyse, Das Seminar von J. Lacan, Buch II, 1954-55, ebd. 1980, S. 20)
Ausblicke
So kann in der Tat der erbarmende Sozialdarwinismus, die mikropolitische Pointe der herkömmlichen, ichpsychologisch fundierten Psychoanalyse lauten. Deren verheerende Folgen bis zutiefst in die psychoanalytische Praxis (und zumal die Ausbildungspraxis) hinein machen entsprechend radikale Eingriffe in die essentials des Fachs, so wie es allenthalben tradiert wird, erforderlich; es bedarf nicht zuletzt der einschneidenden Modifikation der einschlägigen Verfahrensweisen, ihres "Umbaus auf hoher See" (Lorenzer).
Um mit den verfahrenstheoretischen Inbegriffen, Widerstand und Übertragung, im Überschlag kritisch zu beginnen: es gibt keinen Widerstand als den der Ichautonomie, deren praktischer Inanspruchnahme, als das beim Analytiker bereits vorgegebene Therapieziel für den Kranken selber; keinen anderen Widerstand denn diesen Unbewußtheitsinbegriff, der zum Schein exkulpierenden Gewaltbemäntelung, des Terror-Verschlusses. Und diese einzig angemessene Widerstandsfassung bedarf, wie mehrfach schon angedeutet, dringlichst der objektiven Ausweitung auf Dinglichkeit als der bislang überhaupt noch nicht thematisierten Gewährleistung hinwiederum der Ichautonomie in subjektivem Verstande, die sich vom vollbrachten Phantasma der Dinglichkeit, also der Abdeckung der Todestriebherkunft derselben,
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in der Art einer rein nur noch konsumatorischen Beglaubigung ableitet. Genauer noch auf die psychoanalytische Verfahrensinitiation hin fomuliert: es gibt keinen anderen Widerstand im psychoanalytischen Verfahren als denjenigen der Binnentransparenz der Ichautonomie (des Unbewußten) - es geht ja hier um nichts anderes als um die Bewußtwerdung des Unbewußten -, exponiert als die letzte Souveränität der psychoanalytischen Sprachhandlungen, deren Brechung in der Art einer confessio, der Annahme bleibender, buchstäblich unabdingbarer Schuld im Pseudos dieser ihrer Überhebung gänzlich ausbleibt. Geschieht diese Brechung nicht (wo geschieht sie überhaupt?), so verkommt jeglicher Spracheinsatz, zumal der, emphatisch, der Deutung - und seien noch so löbliche subjektive Absichten des schieren Gegenteils dazu am Werk - zu einer sanktionierenden Überichmaßnahme, einer inquisitorischen Handlung, einer Paranoisierung der psychoanalytischen Initiation: das geöffnete Ich, das nicht nicht - in der Doppelüberheblichkeit dann auch noch seiner Öffnung dazu - Über-Ich sein kann. Und das heißt, daß dieses - von Lacan außerdem längst mindest theoretisch kompensierte - Defizit einer todestriebversierten sprachphilosophischen Kritik des psychoanalytischen Sprachwesens eine schon nicht mehr schleichende, vielmehr galoppierende Kachexie der Psychoanalyse insgesamt hin zu einer marginalen Anpassungsstrategie für die gebildeteren Stände zur Folge hat. Dieser immanent schlechterdings unauflösbare Fundamentalwiderstand bedarf der vorgängigen Klärung, und dann erst könnte der Widerstand der Krankheit selber thematisch werden. Krankheit, das ist nichts anderes, als die Exkulpationsverheißung der Ichautonomie buchstäblich zu nehmen, also beides widersprüchlicherweise in einem disponieren zu wollen: diesen Gewaltverschluß und seine Geöffnetheit instantan. Nur daß die geöffnete Ichautonomie, die Bewußtheitsofferte dieses Unbewußten, dies Trugbild selber vorspiegelt. Widerstand als die Identität von Krankheit und deren Gegenteils.
Zudem ist das Theater der Übertragung und Gegenübertragung ichpsychologisch längst auf das Niveau einer Farce heruntergekommen. Übertragung, das ist nichts anderes als der initiale Betrug der Krankheit durch deren Heilungsideal, der apostrophierte paranoische Effekt spürbaren Schuldaufkommens im Symptom für den Kranken als Widerschein der Souveränitätsverfolgung des Psychoanalytikers. Es bleibt zwar unbestreitbar, daß diese initiale Blockierung lebensgeschichtlich geöffnet und perspektiviert werden könne - die herkömmliche Psychoanalyse hat an dieser Stelle nicht anderes im Sinn -; doch diese generationssexuelle Rück-Sicht besteht nur in der Verschiebung dieses Verfahrensinbegriffs, der widerständigen
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Übertragung also selber, dahinein: in dieses Niemandsland der generationssexuellen Filiationen. Recht eigentlich stellt diese offensichtlich apriorische ödipale Elternübertragung rein nur das "funktionale Phänomen" dieses strukturellen Verfahrensinbegriffs dar, dessen unerkannte familial personale Verdopplung. Psychoanalyse-eröffnend führt die Unerkanntheit dieses "funktionalen Phänomens" allererst zur Paranoisierung der Prozedur im strengeren Sinne dieser Bezeichnung: nämlich zur Personalisierung dieses dinglich-institutionellen Verfahrenszusammenhangs, der hinter dieser seiner Personalisierung verschwindet. Die Abschiebung dieses aberwitzig paranoischen Über-Ichs des Verfahrens selber in die Absenz des Elternverhältnisses, der ödipalen Situation, suggeriert die Chimäre der Disposition der eigenen Lebensgeschichte. Disponiert wird überhaupt nichts; einzig dagegen vollzieht sich die ganze Pseudologie der Eingabe ödipaler Schuld in verbale Repräsentationen, in ihrem Entschuldungsillusionismus hier dadurch potenziert, daß sie Erinnerungen sind - Erinnerungen als die Duplikation des Memorialitätswesens der Repräsentationen schon selber. Nicht nur daß die absenten frühen Eltern immer auch eine Fehladresse des ödipalen Schuldunterkommens sind, die Präsenzfüllung dieser Abwesenheit durch die Erinnerung, und falle diese noch so dramatisch aus, läßt die Phantasmatik der Entschuldung ob des bezeichneten Charakters von Erinnerung nur kulminieren.
Und der Analytiker? Als paranoischer Agent der abgedeckten Verfahrensparanoia selber, des widerständigen Übertragungsinitials, zieht er sich aus der Affäre, indem er auf die Erinnerung des Ödipuskomplexes, also dessen verbale Repräsentation, ablenkt; es handele sich ja nur um Übertragung ... Und es bleibt beim blanken Phantasma disponibler Lebensgeschichte und der Überich-Ichautonomie des Analytikers und der Paranoia der psychoanalytischen Prozedur und zumal der paranoisch auflauernden Verschlossenheit der Synchronie aller einschlägigen Dinge obendrein. Nimmt es dann noch Wunder, daß der Psychotiker, der all dieses nutzlos befangen weiß, davor das Laufen kriegt (und nicht nur der Psychotiker)? Die Prognose gilt: wenn sich die Psychoanalyse nicht bereit findet, diese ihre Praxis in der Todestriebperspektive sprachphilosophisch zu korrigieren, so ist es um sie als die Spitze psychopathologischer Aufklärung und deren Anwendung geschehen.
Um schließlich noch auf die weiteren umfassenden essentials der Psychoanalyse - das Unbewußte und die (infantile) Sexualität - zurückzukommen:
- wie wäre es mit der Überlegung, sich den Begriff des Unbewußten als die auf der Straße obenauf liegende innerste Unterwelt der Ichautonomie
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(und zumal der korrespondierenden Dinge) zu verbieten oder, schwächer, diesem wenigstens keine Aufklärungskraft mehr zuzutrauen? Nicht nur daß fast schon ein Jahrhundert Psychoanalyse deren ausnehmendes Wissen verbraucht hätte, der epochale objektive Status unserer großen Entschuldungsinstanzen - allgemein: Technologie, diese säkulare Heilsverheißung der Moderne - hat längst deren Scheitern offenbart; die Schuldeingabe, die sie zu vernichten hätten, dringt ihnen nämlich aus allen Poren, und sie tendieren unaufhaltsam dazu hin, sich in der Waffenhaftigkeit aller Dinge/der Martialität des autonomen Ich, in dieser Virtualität ihres Suizids, des Absolutheitsgipfels, zu erfüllen. Die grassierende Selbstdecouvrierung dieses rasenden Unbewußten nötigt dazu, ihm nur noch diesen Charakter zuzubilligen, insofern ihm die doch kriteriale Regie abhandengekommen ist; ansonsten ist es nichts denn zuhöchst bewußt, offenbar. Wenn diesem Grundbegriff überhaupt noch ein Sinn zukommen kann, dann in der Art einer intervenierenden Versetzung weg vom Widerspruch seiner objektiven Offenbarkeit, vom quidproquo des "ursprünglichen Sadismus" mit dem Eros in ihm, "zurück" zu dem Ort der Inversion, des Umschlags des "Ursadismus" in den "ursprünglichen Sadismus": einzig unbewußt - peremptorisch entzogen, indisponibel (mitnichten aber im Sinne der produktiv-befreienden Irrationalität etc.) - ist diese Fuge, Zwischenstelle mitsamt derjenigen entropischen Schuldmasse, die sich im seinsgenerativen Gegenzug dann verfänglich re-präsentiert. Der Einspruch der riskanten, der Inversionspotentiale freilich bedürftigen Weile an diesem Transitpunkt bestände darin, den maßlosen: über keinen Maßstab an einem festzumachenden Verlorenen verfügenden Verlust in den Inversionsgebilden des "ursprünglichen Sadismus"/der Repräsentativität insgesamt gegen deren Widerspruch, Mehrwert (Revers des Abfalls, von Exkrementen) zu sein, auszuspüren; in dieser unbekannten Kunst: Maß-lose Verlustausspürung der Repräsentativität, die nicht zuletzt davor schützte, die ganze Haltlosigkeit deren Entschuldungseschaton, der Überkompensation deren unaufhebaren Privationen, immer nur weiter zu treiben.
Und die Sexualität? Auf sie als psychoanalytisch bestens rationalisierte Redundanz einer sensuellen Beglaubigungsrückwirkung der Vollmacht von Repräsentativität, auf ihr also verkappt homosexuelles Wesen, sollte man doch wohl verzichten dürfen? Anders aber darf sie nach den psychoanalytischen Reifekriterien nicht sein - ist doch die (infantile) Sexualität dem Arkanum der Ichautonomie/der Dinge strikte vorbehalten, und wehe dem, der daran rührt: er vollbringt therapeutisch zu beseitigende Verhexungen, die mit dem Ich und den Dingen, die das sind, was sie sind, und sonst
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nichts, überhaupt nichts zu tun hätten. Vielleicht aber vermöchte Sexualität die vielleicht entgegenkommende Folie der besagten unbekannten Kunst mit sein, nämlich kriterienlos die Verluste der Repräsentativität auszuspüren, unverführbar von deren Allmacht scheinexkulpierender Mehrwertkompensationen, von der Unbedingheitsfaszination des Toten?
"Das also ist der grundlegende Unterschied zwischen Aufregung im wirklichen Leben und auf der Bühne, im wirklichen Leben gipfelt sie in einem Gefühl der Vervollständigung ob eine aufregende Handlung oder eine aufregende Emotion geschehen ist oder nicht, und auf der Bühne ist der aufregende Höhepunkt eine Erleichterung. Und die Erinnerung an die beiden Dinge ist verschieden. Wenn Sie sich die Einzelheiten überlegen die zum Höhepunkt von irgendeiner Szene im wirklichen Leben führen, finden Sie daß jedesmal wenn sie Vervollständigung nicht erreichen können, sie aber Erleichterung erreichen können und so verwandelt schon Ihre Erinnerung an irgendeine aufregende Szene an der Sie teilgenommen haben es in die gesehene Sache oder die gehörte nicht in die gefühlte Sache. Sie haben wie ich sage als Resultat eher Erleichterung als Kulmination. Erleichterung von Aufregung, eher als den Höhepunkt von Aufregung." (G. Stein: Theaterstücke, in: Was ist englische Literatur, Zürich - Arche - 1985, S. 88)
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