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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Kleinbürger-double-binds. Zum Problem der Gewalt in psychoanalytischen Verfahren und Institutionen (Pathognostische Studien III, 1990, Essen, Die Blaue Eule, 108-128)
Vorgängiger Selbstkommentar zum Vortrag
Den Vortragstext habe ich so gelassen, wie ich ihn in Marburg vortrug; er war als Vortragstext konzipiert, das heißt programmatisch-überschlagshaft und - auf der veranschlagten Ebene des Gedankens, wenn immer diese eingenommen werden kann - durchsichtig-plakativ. Und in diesem seinem intendierten Charakter beruht er auf meinen langwierigen psychoanalysekritischen Bemühungen, die längst schon ihren publikatorischen Niederschlag gefunden haben. Nun aber veranlaßt mich nicht zuletzt die Art der Publikumsreaktion dazu, nicht mehr einfach davon auszugehen, daß die veranschlagte Ebene des Gedankens ohne weiteres eingenommen werden kann und die geltend gemachten Vortragscharaktere sogleich ankommen können. Deshalb erlaube ich mir, einige Hilfestellungen vorzuformulieren, die es vielleicht ermöglichen, den Überschritt in die zugemutete Dimension des thematischen psychoanalysekritischen Gedankens zu erleichtern. Drei sperrige, eng miteinander zusammenhängende Problempunkte haben sich in der Rückbesinnung auf den Vortrag herausgestellt:
  • die Referenz zur Freudschen Todestriebtheorie,
  • die Anwendung der Psychoanalyse auf sich selber: die psychoanalytische Selbstrekursion und
  • die sinnentheoretische Aufschließung des Kastrationskomplexes.
Zu diesen Problempunkten nun die folgenden hinführenden Bemerkungen.
1. Die im Todestriebzusammenhang einschlägigen - offensichtlich wenig eingängigen und bekannten - begrifflichen Differenzierungen sind den Freudschen Texten zu entnehmen. Es sind:
  • der »Todestrieb« i.e.S. oder der »Ursadismus«, mit dem »primären Masochismus« zusammenfallend
  • der »ursprüngliche Sadismus«
  • der »eigentliche Sadismus«
  • »Sadismus als Perversion«.
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Der »ursprüngliche Sadismus« bedeutet die Fähigkeit der Umwendung des »Ursadismus«, der Sterblichkeit/des Todes, in tötende Gewalt. In dieser Fähigkeit liegt die ursprüngliche Funktion des Eros.
Der »eigentliche Sadismus« bedeutet den faktischen Vollzug des »ursprünglichen Sadismus«, der tötenden Gewalt, fusioniert mit der abgeleiteten Funktion des Eros als Lustanreiz und -beglaubigung dieser Gewalt.
»Sadismus als Perversion« bedeutet den pathologischen Zusammenbruch des »eigentlichen Sadismus«, Entmischung, entropische Entspannung.
Der erfahrbare Lebensvollzug ist ausschließlich Sache des »eigentlichen Sadismus«. Um aber erklären zu können, wie dieser in seinem immer zusammenbruchgefährdeten und de facto zusammenbrechenden Erfolg überhaupt möglich sei, bedarf es der selbst nicht erfahrbaren Annahme des "Ursadismus" und dessen erotischer Umwendung in den »ursprünglichen Sadismus« als gespanntes, labiles Lebensvermögen.
Beläßt man die Todestriebtheorie auf diesem Stande, so bleibt sie freilich biologistisch. Es ist jedoch ohne besondere Komplikationen möglich, diesen - in sich außerdem exakten - Theoriebestand auf das Niveau des Menschen allererst zu übertragen. Dabei stellen sich die folgenden Transpositionen heraus: auf Menschniveau spielen sich die Wechselfälle des "eigentlichen Sadismus" als die Vollzüge des Repräsentationsvermögens - also semiologisch, dinglogisch - ab. Es sind dies die rettenden projektiv-prothetischen Ekstasen des menschlichen Körpers, der sich in der Rückwendung derselben auf ihn zurück als erfahrbarer Körper allererst ausbildet.
Demnach wäre der »eigentliche Sadismus« der Vollzug der Repräsentativität; der »ursprüngliche Sadismus« entsprechend das Repräsentationsvermögen; der »Ursadismus« die Dauererinnerung der Herkunft, der Gefahr des Rücksogs/der Wiedereinziehung dieses Vermögens; »Sadismus als Perversion« als Inbegriff von Pathologie der faktische Durchschlag dieses Monitums.
Allem Anschein nach läßt diese unabweisliche Transposition die ganze Anstößigkeit des Todestriebs überhaupt erst hervortreten. Deren Pointe besteht darin, daß das erfolgreiche Wirken des »eigentlichen Sadismus" als des menschlichen Lebensvollzugs in keiner Weise die Gewaltessenz seiner Herkunft aus dem Todestrieb - eben dann, wenn die erotischen Prämien das Gegenteil suggerieren - wegzuschaffen vermag. Bleibt aber dieses Gewaltelement unabtragbar erhalten, so entfällt auch jede Chance, gleich welche
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Ausformung des »eigentlichen Sadismus« als Exkulpationsmöglichkeit zu betreiben. Der gesamte noch so fortschrittliche Zivilisations- und Kulturprozeß wird das Stigma von Gewalt und Schuld nicht los, ja, je nachdrücklicher das Exkulpationsbegehren und die Exkulpiertheitsbehauptung, umso drohender gerät die Gewaltaufladung derjenigen Gebilde, in die hinein die betreffende Schuld vermeintlich verschwinden gemacht worden sei. Demnach wäre die Todestriebtheorie lesbar zu machen als die psychoanalytisch umfassendste Genealogie der Gewalt und Schuld subjektiv wie objektiv nicht auflösenden Verdinglichung, der Unmöglichkeit erlösender Selbstverdinglichung.
2. Man wird, denke ich, einräumen müssen, daß sich psychoanalytisch speziell im Sprachvermögen dieses Selbstverdinglichungswesen konzentriert. Also kann die im psychoanalytischen Verfahren kriterial eingesetzte Sprache vom apostrophierten Verdikt des Todestriebs nicht frei sein. Will sagen, daß alle psychoanalytische Sprachlichkeit, einschließlich der präverbalen und zumal deren Inbegriffs, der Deutung, niemals halten kann, was sie verspricht, wenn sie es verspricht, was sie üblicherweise tut: nämlich Gewaltdispens und Entschuldung zu besorgen. Was sie auf dieser Sprachebene einzig zu leisten imstande ist, das ist nicht mehr und nicht weniger, als den Sterbensantritt in Krankheit, diese sich abdichtende Opferposition, umzuwenden in tätige tödliche Gewalt, und das ist Sprache in diesem Einsatz, man möchte meinen überflüssigerweise, selber. So kann sie nicht mehr sein als das zweifelhafte Medium, den Rücksog des »Ursadismus« zu konterkarieren, dessen Inversionsform, den »ursprünglichen Sadismus", zu stabilisieren und die rechtfertigende Eroseinmischung darin als »eigentlichen Sadismus« wider die immer drohende Entmischung zu besorgen: einzig Gewalt- und Schuldmetamorphose, nicht -bereinigung. Also bedarf es innerhalb dieser Umwendung an erster Stelle der Anerkennung der so eben nicht ablegbaren Gewalt/Schuld, und dies soweitgehend, daß sich der ganze Illusionismus der Zivilisations-Kultur-, also Selbstverdinglichungsverheißung in der Anerkennung der buchstäblichen Unabdingbarkeit letztlich der Sterblichkeit/des Todes brechen würde. Damit aber würde der Todestrieb nicht zum Signum eines arbiträren weltanschaulichen Pessimismus und dergleichen, vielmehr vielleicht zum Initial einer anderen nicht-humanistischen Lebensmöglichkeit, die dem Gewalt- und Schuld- und Pathologieproblem nicht mehr auf dem Wege der allherrschenden Exkulpationsstrategien der Verdinglichung beizukommen versuchen könnte.
Diese Gewalt- und Schuldanerkennung im therapeutischen Sprachmedium (und im wiedergewonnenen Normalitätszustand) firmiert im
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folgenden Vortrag als Fazit der Anwendung der Psychoanalyse auf sich selber, als psychoanalytische Rekursivität. Bleibt diese wie üblich aus, so muß das psychoanalytische Verfahren zu einer ungekonnten homöopathisch-magischen Prozedur verkommen, in der sich die Austreibung Desselben durch Dasselbe zu einem System paranoisch-inquisitorischer double-binds potenziert. So auch inflationiert der Spracheinsatz derart exklusiv gemachter Sprache zur depotenzierenden Redundanz eines bloßen Gewaltmediums aufs therapeutische Geratewohl, und dies umso mehr, als der Einsatz lebensgeschichtlicher Erinnerung als Mittel der emotionalen Aktualisierung den Kreis der scheinbar exkulpierenden Gewaltverhüllung in diesem Vorgehen, das längst schon im in sich verlustigen Präteritum bloß spielt, schließt. Versteht sich, daß die Folgen dieser Rekursivität für das psychoanalytische Verfahren einschneidend sind; versteht sich ebenso, daß deren Erprobung der "sprachphilosophischen" Wendung der Psychoanalyse Lacans im Ganzen verbunden ist.
3. Das ganze Gewicht aber dieser Rekursion wird allererst im sexuellen Unbewußten des Sprachvermögens, speziell der psychoanalytischen Verfahrenssprache, deutlich. Nicht hat die Sprache der Psychoanalyse unbewußte Sexualität zum Thema, sie besteht vielmehr selber aus derjenigen unbewußten Sexualität, die sie zum Thema macht; nicht arbeitet sie als heterogene Größe an der Herstellung des "eigentlichen Sadismus" wider den "Sadismus als Perversion" - so allerdings darf sie ihr Werk mitnichten benennen -, sie ist vielmehr in den "eigentlichen Sadismus" apriori eingelassen, ja dieser konzentriert selber, verbunden mit strikter Tabuverhängung über dieses ihr Wesen, inklusive der daraus hervorgehenden Tätigkeit; Inbegriff des Verdrängten, des Unbewußten ist nicht das Krankheitssymptom, sondern das psychoanalytische Verfahren in seiner Sprachlichkeit dagegen selber: die Verhüllung des "eigentlichen Sadismus", hervorgehend aus der Umwendung des "Ursadismus" zum "ursprünglichen Sadismus", gerichtet gegen den "Sadismus als Perversion" zum Zweck der Herstellung des "eigentlichen Sadismus" - umhüllt dieses Ganze, das letztlich mit Psychoanalyse nichts mehr zu tun hat, mit dem on dit barmherzigen Mantel der selbst noch in ihrer Dementierung institutionell einzig erfolgreichen Ichpsychologie.
Wohin aber führt die ausgeführte Rekursion? Zur Einsicht, daß das Sprachvermögen als solches sich zum Unbewußten dessen, was es eben psychoanalytisch aufzuschließen vorhat, verschließt: Sprache, diese notwendig korrumpierte Sprache, als Verschiebung, Verdichtung und Umhüllung dessen, was sie psychoanalytisch rückzuorten, auszuweiten, aufzulassen meint. Diesen paranoischen Verdiktcharakter der Sprache löst die Rekursion im
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konzedierenden Durchgang durch denselben auf: Sprache sodann nicht mehr der vergebliche magische Rückhalt, das von sich tabubildend abzuweisen, was sie, scheinbar nur aufklärend, sanktioniert. Was sie deutet, das ist (ist!) sie sodann selber: ihre Gehalte das "funktionale Phänomen" ihrer selbst als Vermögen, Funktion. Und dieses Wahngebilde falle in sich zur Anerkennung seiner selbst zusammen; was die wiedergewonnene Sprache der Psychoanalyse wäre, deren nimmer schließender Rest Abfall zu Schrift, des Lektüreanspruchs entledigt, werde.
Sprache als das Unbewußte selber wird im folgenden Vortrag als die phantasmatische absolute Einheit des Sprechens/Hörens und ebenso als die Fehlauffassung des (untergegangenen) Ödipus-, Kastrationskomplexes paraphrasiert. Darin ist sowohl die sinnenphilosophische Ausführbarkeit als auch der Bezug auf den sexuellen Körper dessen wenigstens angedeutet. (Freilich wäre es sogleich auch möglich gewessen, diese Einheit von Sprechen/Hören, den untergegangenen Ödipus-, Kastrationskomplex, als den zum lch verschobenen zusammengezogenen verhüllten erotisch gerechtfertigten "eigentlichen Sadismus" darzutun.) Somit wäre Sprache, die sich nicht selber aufgelassen kollabierend spricht, dieser untergegangene, das heißt allererst aufgehende Komplex selber. Er besteht wesentlich in der Allextrapolation der Einheit von Sprechen/Hören als universelle, sich das Sehen unterwerfende Lektüre (an der Spitze Wissenschaft) und enthält als usurpierter Opferstoff die Gesamtheit des weiblichen sexuellen Körpers, der am Ort der genitalen Funktionen Lektüre immer dann außer Kraft setzt, wenn sich diese nicht schon im voraus etabliert hat; was des einzelnen dem weiblichen sexuellen Körper und parallel dazu den Kriterien dieses Sprachlichkeitsphantasmas entlang noch auszuführen wäre. Zwar hätte in der Psychoanalyse die Sehensauslassung den einzigen Sinn haben können, eben nicht-unterworfenes Sehen jenseits der universellen Lektüre (des zum reinen Erosdokument verfälschten "eigentlichen Sadismus") auf deren sich dabei aufzehrenden Grundlage herzustellen, de facto aber wird dieses zentrale Methodologikum allenthalben dazu mißbraucht, den Analysanden zum Zweck der Gewaltumwendung in Normalität hinein in den Kastrationskomplex unbesehen und zusätzlich hineinzutreiben, die Gnade des paranoischen Weiblichkeitsopfers also nur zu potenzieren.
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Vortrag
Selbstverständlich habe ich mich gefragt, was es heißt, an die Stelle eines Anderen zu treten - eines groß oder klein anderen/Anderen, der der Elterngeneration angehört und der von dem, was ich kritisch vorzutragen gedenke, wohl auch mitbetroffen sein könnte; der zudem von sich her diesen Platz räumte, aus Gesundheitsgründen, um der Fälligkeit einer Therapie willen. (J. Cremerius) Wie käme ich psychoanalytisch umhin, nicht zu fragen, was all dieses bedeutet? Und schon bin ich mitten im Thema meines Vortrags darinnen.
Es bedarf - jedenfalls meinerseits - keiner Phantasie, vielmehr nur der erinnernden Mobilisierung einschlägiger Ausbildungserfahrungen, um mühelos imaginieren zu können, wie sich diese Begebenheit - daß ich den Platz eines Anderen einnehme etc. - etwa in einer konventionellen Lehranalyse ausgenommen hätte; und ich denke auch, daß ich die auf der Hand liegenden Deutungen hier vor Ihnen als Professionelle nicht des einzelnen erklärend ausführen muß. Deshalb sogleich zur annoncierten Kritik, nachdem ich die ödipale Terrormaschine nicht zuletzt auch in mir selber anspringen ließ.
Offensichtlich hat das universelle Interpretationsinstrument Odipuskomplex längst den Effekt eines Apriori angenommen, und zwar als unablässige Zitation von Schuld/Sichverschulden, zirkulär aufgeklärt durch die ödipalen Wünsche und mit der Voraussicht begabt, daß sich dieser Zusammenhang womöglich kathartisch auflösen lasse, untergehe. Ich behaupte nun: diese hochoffizielle Lesart des Ödipuskomplexes sei nicht nur immanent korrekturbedürftig, vielmehr grundfalsch; und setze mich damit dem dringenden Verdacht aus, abermals ein intellektualisierendes ödipales acting-out zum einzigen Zwecke meiner also mißlingenden Entschuldung abzulassen. Was ist an dieser Lesart grundfalsch? Bevor ich Antworten zu geben versuche, beeile ich mich noch zu sagen, daß ich auf jeden Ko-Sentimentalismus mit der das ganze Schuldtheater initiierenden Verletzungen verzichte, und daß ich das Recht meiner kritischen Rede keineswegs ausschließlich in meine langjährige Praxiserfahrung setze, so als sei ich bloß dadurch legitimiert - ja, legitimiert -, also kritisch zu sprechen.
Ich beginne mit der umfassendsten Fehlanzeige innerhalb der offiziellen Lesart des Ödipuskomplexes. In der Art einer Rahmenthese formuliert: Die gängige Version des Ödipuskomplexes verstellt den Ursprung der Schuld, setzt sich an diese Ursprungsstelle und drängt die Illusion der Möglichkeit von Schuldauflösung auf.
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Dazu nun die folgende Paraphrase, hoffentlich eine Art von Paraphrasie. Der Ursprung der Schuld liegt jenseits des ödipalen Elternverhältnisses; er ist elternlos. In dieser seiner verkannten Überbietung des ödipalen Elternverhältnisses ist er so etwas wie gewußte Sterblichkeit. Gewußte Sterblichkeit - das heißt, daß die Körpermitgift des Menschen menschwer dend aufreißt zur dinglich-toten Selbstveräußerung dieser Mitgift hin und daß diese Veräußerung zugleich zum trügerischen Rückhalt letztlich der Abschaffbarkeit des Todes verkommt. Der elternlose Ursprung der Schuld besteht demnach darin, die "Grundschuld" der Sterblichkeit einschließlich ihrer elementaren Gewaltakte im Zivilisationsfortschritt als auflösbar zu unterstellen. Das ganze Schuld- und Sühnetheater mit seinem ödipalpsychoanalytischen Höhepunkt verdankt sich der Verkennung, daß die "Grundschuld" der Sterblichkeit selber buchstäblich un-ab-dingbar bleibt. In der gewußten Sterblichkeit übernimmt sich das Wissen bis hin zur Abschaffung seines einzigen projektiven Sujets, des sterblichen Körpers.
Dazu ist nun manches noch erklärend auszuführen. Wie Sie wohl bemerken konnten, setzte ich mit dem Todestrieb - einer Biologismus-bereinigten Überschreibung desselben - an. Jedenfalls hat es Freud in seiner Todestriebspekulation verstanden, den Ödipuskomplex bis zum Letztort des menschlichen Körpers zurückzuverlagern (und damit auch alle Vorverlagerungen zu begünstigen): der "Ursadismus" (der "Todestrieb" i.e.S., zusammenfallend mit dem "primären Masochismus") ist die Letztfassung des entfamiliarisierten Ödipuskomplexes, der diesen Titel dann verliert; und die produktive Umwendung des "Ursadismus", der "ursprüngliche Sadismus", das ist der Nichtuntergang des sichverlierenden Ödipuskomplexes, Menschlichkeit nämlich als schuldige, einbruchgefährdete Gewalt, mitnichten jemals entschuldbar - die Ausdrücke sagen es ja selber schon. Wie also sollte man mit dem Todestrieb nicht beginnen müssen? - Indem ich es mit Freud in diesem zentralen Punkt der Schuldunabdingbarkeit halte, ist es nun auch nicht vergönnt, den Eintritt in den Illusionismus der Schuldablegung zu verhindern. Man ist darin je schon eingetreten, noch bevor man überhaupt auf den Gedanken kommen kann, sich abzuwenden; die gelingende Abwendung nämlich wäre der Austritt aus der Menschheit selber; und dadurch gewinnt die übliche psychoanalytische Ödipalisierung nicht zwar ihr Recht, doch ihre ganze Mächtigkeit: eben als Verkennungsreglement der generativen Sexualität - Schuld und Sühne for ever und gar deren Jenseits in den notorischen Konzepten des autonomen Ich, des reifen Selbst oder wie diese wahrhaft apokalyptischen Monstren alle sonst noch lauten. - Insofern muß es auch unterbleiben, diesen Todestriebrücksog weg vom Verkennungswesen
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des Oedipus simplex familiaris hin zum Menschkörper-Ödipuskomplex, der kein Ödipuskomplex mehr ist, im Gegenzuge als authentische Erfahrung, Wahrheit und dergleichen auszugeben; denn diese Umkehr zur Synchronie der Menschwerdung selber kommt immer zu spät (und ist, denke ich, epochal dabei, in ihrer Verspätung zudem noch aufgehalten zu sein), sie macht nur die Chance der Nichtverkennung in der eo ipso vorausgesetzten Verkennung aus und vermöchte nur als ein solcher Wahrheitseinschluß den Ödipuskomplex zu brechen, und zwar nicht in die mit ihm identische Gewalt der Normalität, vielmehr in die Anerkennung dieser Gewalt als schuldig bleibender Gewalt hinein.
Indem ich eben diese Thesenparaphrase als Paraphrasie nicht ganz unernst ansagte, verschaffe ich mir die Gelegenheit, einiges über das Verhältnis der herrschenden Psychoanalyse zur Philosophie anzumerken. Dieses Verhältnis ist gestört. Es wäre unschwer nachzuweisen, daß der skizzierte Versuch der Befreiung des Ursprungs der Schuld vom psychoanalytischen Okkupator Odipuskomplex ausschließlich eine Angelegenheit philosophischer Sprachlichkeit sein kann, exklusiv eine Sache der Philosophie, insofern sie sich ein intellektuelles Ferment bewahrt hat; eine Ausschließlichkeit, die niemanden aber, wie das Gerücht es will, in narzißtischer Hypertrophie ausschließt. Den Weg zum Ursprung der Schuld zurück, der in daseinsanalytischen )Formen der Psychoanalyse vielleicht vorgezeichnet worden ist, diesen Weg hat sich die herkömmliche Psychoanalyse versperrt, einzig um ihr ödipales Gewaltinstrument zu konservieren, und in dieser Sperre richtet sie sich oftmals in einem nahezu faschistoiden Anti-Intellektualismus, der trübsten Fusion von zwangshafter Pseudowissenschaftlichkeit und scheinsolidarischem Sentimentalismus ein, dem denkanimosen Gemisch, das bekanntermaßen den kleinbürgerlichen Typus wesentlich bestimmt. Praktisch entspricht diesem Anti-Intellektualismus die schleichende Kapitulation vor der Psychose. Der Psychotiker nämlich stößt ja - ebenso nothaft wie virtuos - die einfache Ödipalisierung ab, zieht zum Ort des elternlosen Usprungs der Schuld zurück, verweigert alle Entschuldungs- und Verschließungsangebote, dies freilich unter dem krankmachenden vorgängigen Anspruch, der Disponent der Zivilisationsveräußerung des Körpers restlos selber zu sein. Aber immerhin - Intellektualität folgt der Psychose weltaufschließend bis zu dieser Grenze des Übergangs des Körpers in die Dinge, die sie aber nicht besetzt, die sie vielmehr als diese Grenze anzuerkennen versucht. Doch das - die Psychose und auch die Intellektualität - wäre ein Thema für sich, in dem auch einmal die Entbanalisierung der Neurose fällig würde, nämlich als die Unheilbarkeit der die Symptome umgebenden, besonders rigiden,
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verbliebenen Normalität.
Bisher habe ich in etwa ausgeführt, daß das Aufkommen von Schuld, immer einschließlich des Versprechens der Entschuldung, sich der Verkennung der Sterblichkeit verdankt. Oder, auf die Psychoanalyse näher hin formuliert: der Ursprung der Schuld oder wenn man es so will: der Todestriebzusammenhang wird durch den Ödipuskomplex verdeckt. Diese psychoanalytische Reduktion des Schuldproblems, um den Ödipuskomplex zentriert, betrifft freilich nur einen Sektor dieses Problems - allerdings einen entscheidenden, besonders heiklen Sektor desselben, nämlich die familial geregelte Reproduktion der Gattung Mensch, die Generationssexualität, mit der es die herkömmliche Psychoanalyse so ausschließlich hält, daß eine zu falschen Annahmen führende Problemreduktion, mitnichten nur eine sinnvoll arbeitsteilige Spezifizierung resultiert. Schreibt sich nun aber das Verkennungswesen der immerwährenden Schuldverpflichtung in die sexuelle Reproduktionskultur, in dieses psychoanalytische Isolat, ein, so ist die Paranoisierung aller einschlägigen Verhältnisse die notwendige Folge. Gewiß hat die Psychoanalyse den Ödipuskomplex nicht erfunden, seine historisch-gesellschaftliche Vorgabe jedoch wie auf Zeitlosigkeit hin affirmiert. Und diese ihre rücksichtslose Affirmation begründet sie mit dem scheinbar besten Argument, nämlich daß Verweigerung oder Übertreibung der zivilisatorischen Schuldverpflichtung - Verweigerung/Übertreibung, die in Krankheit zusammenfallen - zu Dissidenzen mit Leidensfolgen führe. Überhaupt erwies sich der Ansatz der Psychoanalyse als Theorie des Unbewußten an Krankheit als fatal: der erpresserisch stationäre, wie man meint unbrauchbare Bewußtheitsriß im Unbewußten steht sogleich zur Disposition seiner therapeutischen Beseitigung, und das geht immer zu schnell. - Folgerichtig wird sodann diese mit keinem Ingenium dieser Welt vermeidbare Paranoisierung festgemacht am familialen Agenten der zivilisatorischen Schuldverpflichtung, dem ödipalen Vater, und es erscheint entsprechend der paranoische Despot, Unvater Laios in himmlischer, also nicht mehr politischer, vielmehr nur noch sprachlicher Maskerade, der, insofern er zuviel weiß (und das bedeutet ja Paranoia), nicht umhinkommt, die projektive Selbstverfolgung aufzunehmen. Was weiß er zuviel? Er weiß schon im vorhinein, daß die gesamte Körperveräußerung und der nicht zuletzt sexuelle Körperrückbezug, Zivilisation/Kultur, ihr Entschuldungsversprechen schlechterdings nicht halten können; er kennt den "Kulturbetrug", die Haltlosigkeit des Ödipuskomplexes und seines Untergangs angesichts des Todestriebes, hintertreibt zugleich aber die Anerkennung dieses Wissens, dieser Kenntnis und splittet dieses gewußte Betrugswesen, diesen Selbstbetrug, von sich ab
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und heftet den abgespaltenen Teil dem wohl stärkeren Sterblichkeitssympathisanten Weiblichkeit an, die er jedoch, sich vor dem weiblichen Körper schützend, in die eigenen Geschlechtsgenossen, passend genau und wahllos zugleich, hineinversetzt, um die legitime Hexenjagd sodann aufnehmen zu können. Aber was erzähle ich Ihnen das, Ihnen als Professionelle? Sie wissen es ja - nur daß in inquisitorischer Sublimität dasselbe auf der anderen Seite in den scheinbar dagegen gerichteten psychoanalytischen Verfahren und Verwaltungseinrichtungen in aller Unbesehenheit fortwährend geschieht: die Psychoanalyse als schwarze Magie.
Der paranoische Charakter des institutionell festgeschriebenen, üblichen psychoanalytischen Vorgehens stellt sich als geschlossenes, inflationäres Sprachartefakt dar. Daß in diesem Artefakt nichts als Schuld herkunftsunerkannt ihr Unwesen treibt, wird durch die Spezialisierung der Psychoanalyse auf Sprechen/Hören nicht nur begünstigt, vielmehr begründet - ist doch das Sprechen/Hören als solches der konstitutive Ort der Schuld; wovon sinnenphilosophisch ausführlich zu handeln wäre, nicht zuletzt in Hinsicht der psychoanalytischen Auslassung von Schrift. (Ich komme darauf noch zurück.) Allenthalben aber wird die Überfälligkeit von Sprachphilosophie psychoanalytisch verkannt - trotz Lacan, der ja wohl immer noch zu den "Verirrten" der Psychoanalyse in der Bundesrepublik zählt. Durch diesen Ausfall aber entfällt die Chance, wahrnehmbar machen zu können, daß das sogenannte Medium Sprache eine Überbürdung erfährt, die sie in keiner Weise trägt; eine Überbürdung, die auf den Punkt hin darin besteht, daß Sprache als Ersatz- und Allinstanz der Schuldeingabe, Schuldaufsaugung, Schuldverteilung, ja Schuldauflösung frei und explizit ja auch geldgebunden gehandelt wird.
Das geht nicht und das geht allzu gut; wenn es nämlich gelänge, so implodierte Sprache in dieser ihrer unbesehenen Funktion, sie platzte in sich hinein auf; doch diese ihre implosive Selbstzerstörung (so wie etwa in Psychose) fängt sie auf und wendet sie um in inquisitorische Explosivität, wohldosiert. Anders ausgedrückt - im Sinne einer Auswegslosigkeit, die dann nur schwände, wenn der Illusionismus der Schuldbeseitigung gebrochen würde -: wenn der Inbegriff des psychoanalytischen Verfahrens, die Deutung, eine Ichleistung wäre, so wäre sie der betreffenden Krankheit vis-à-vis nicht mehr kongenial. Ist doch das Ich das potentiell immer implosive/explosive Unbewußte, der Gewaltverschluß also selber, die auflauernde Büchse der Pandora, objektiv abgetrennt nichts anderes als Rüstung, Bombendeponie. Kongenial ist der Krankheit gegenüber nur der besagte Bewußtheitsriß im Unbewußten oder, anders gesagt, die aufgelassene Eintragung des Es ins
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Überich, auf der Seite der Therapie als inquisitorische Gewalt der Normalität und auf der Seite der Krankheit dieselbe Gewalt als hermetischer Opferstatus. Beide spiegeln sich aneinander als dasselbe, und wenn die erste Seite gewinnt, so immer dergestalt, daß beide Öffnungsarten sich im verschließenden Ich auf den Ichverschluß einigen. Diese Einigung mag Krankheit durchaus zwar auflösen können, doch der Auflösung von Krankheit entspräche auf der Seite des Auflösungsinstruments, der Psychoanalyse, deren Abschaffung; was freilich widersinnig wäre. Solche Psychoanalyse betreibt demnach das Geschäft einer mißratenden, verzweifelten Selbstabschaffung.
Ist es dann verwunderlich, daß ein solcher unmöglicher Zustand einen Moralismus, einen anarchischen Moralismus sondersgleichen hervortreibt, auf dessen Entgleisungen man nicht lange warten muß und der gewiß auch spätestens dann Leiden nachsichziehen mag, wenn man subjektiv dergleichen überhaupt nicht will? Und wer ist vielleicht nicht immer auch guten Willens? Das nutzt überhaupt nichts. - Dasselbe nochmals, anders ausgedrückt: solange man psychoanalytisch, immanent folgerichtig, dafürhält, daß die einschlägigen Krankheitssymptome Niederschläge mißglückter Abwehr, mißglückter Verdrängung seien, muß man freilich auch dabei bleiben, daß Therapie in der umwegsamen Herstellung der pathologisch mißglückten Abwehr bestehe; und ferner, daß diese Herstellung erfolgversprechend über die lebensgeschichtliche Rekonstruktion der Symptomentstehung nach der Maßgabe des Ödipuskomplexes im Sinne der Freisetzung, Rückübernahme, Verteilung, Auflösung der ödipalen Schuld vonstatten gehen könne. Allein, nicht nur daß diese Symptom- und Krankheitsauffassung noch nicht einmal die Hälfte der Wahrheit darüber enthält - Abwehr kann ja nur mißglücken, wenn sie im vorhinein selber schon mißglückt ist -, die peinliche Rückfrage, wie eine solche Therapie denn in sich funktioniere, wie sie möglich sei, erfordert vielmehr den Bescheid, daß hier ein Wunder, ein reines Sprachwunder geschehe. Ein Sprachwunder, dessen Mirakelcharakter in folgendem besteht - ich muß ein wenig ausholen -: wenn gesprochen wird, so werden zusammenhängende Vorstellungen/Repräsentationen ausgetauscht. Repräsentationen aber stellen Wiederherbeiholungen darin eo ipso vergangener "Erfahrungen" ins tote Anderswohin der Vergängnisreflexion des Sprachrepertoires hinein dar; Re-Präsentation, in der sich die vorgängige "Erfahrung" allererst als solche herstellt und - man möchte meinen, wie in der Permanenz des zweiten Futur - zugleich aufhebt. Ist nun so wie im psychoanalytischen Verfahren die besondere Art der Vorstellung die Erinnerung, so verdoppelt sich sozusagen dieser unaufhebbare, unermeßliche Verlustcharakter von Sprache selber: die Erinnerung wird zu so etwas wie zu einem
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Autosymbolismus, einem "funktionalen Phänomen" der Repräsentation in ihrer Gedächtnishaftigkeit selber.
Sie ahnen wohl, worauf ich hinauswill - überhaupt nicht anerkannt wird in der herrschenden Psychoanalyse dieser unermeßliche Verlustcharakter von Sprache, umgekehrt wird er durch die apostrophierte Erinnerungsverdoppelung weggeschafft und endgültig weggeschafft sodann dadurch, daß die in der Erinnerung aufkommenden und Übertragungs-"aktualisierten" Affektionen - also unser aller heilig-heftigen Gefühle, diese lächerlichsten aller Placebos gegen die angebliche Intellektualisierung so wie hier, also gegen die Anerkennung des Ursprungs der Schuld -, daß die in der Erinnerung aufkommenden Gefühle zum Maßstab dessen erhoben werden, daß Repräsentationen emotional verifizierte Gegenwärtigkeiten, Präsenzen seien: das reinste Präteritum als die aktuale Fülle der Zeit, emotional. Dies aber ist die Paranoia intra muros selber, und entsprechend winkt dem Adepten, der sich dem psychoanalytischen Fahndungswesen unterzog und geständig geworden ist (Sag Ödipus, oder ich knall dir eine) der große Preis, auf diesem leidigen Umwege gar der Herr seiner eigenen Lebensgeschichte geworden zu sein; sprich: ichgerecht ist auf diesem Wege seine Lebensgeschichte als Futter in die Kriegsrüstung eingegangen. - Konzedierte man, daß die übliche psychoanalytische Prozedur diese paranoisierende Verwechslung von zweitem Futur und Präsenz, diesen Ur-double-bind kultiviert; daß sie sich mit den archaischsten Abwehrmechanismen, insbesondere der Isolierung, unterhält; daß sie unbesehen eine Art von struktureller Homosexualität paranoiagemäß propagiert, so fiele es wohl auch nicht mehr schwer, Bestandteile meiner skizzierten Krisistheorie erklärend beziehbar zu machen darauf, was sich in den psychoanalytischen Institutionen an zutiefst gläubigen Mißhelligkeiten andauernd zu ereignen pflegt. Jedenfalls ist die Lückenlosigkeit des ödipalen Stimmenhörens - etwa in einer psychoanalytischen Ausbildung - nimmer reformistisch zu meistern. Und jedenfalls ist die Gruppenvereidigung auf diese paranoische Substanz zu dieser keineswegs akzessorisch, vielmehr für diese selber konstitutiv, so daß man mit dem Problem der Gruppenbildung um eine Wahrheit herum kritisch beginnen müßte. Gruppen aber, die den Eid leisten, sind eo ipso Terrorgruppen - ich verweise damit nachdrücklich auf Sartres nicht rezipierte Gruppenphilosophie in der "Kritik der dialektischen Vernunft" und auch auf einschlägige Überlegungen etwa des jüngeren Guattari dazu.
Ich kann mir nun freilich vorstellen, daß selbst manche unter Ihnen hier meiner Rede entgegenhalten wollen, sie sei unmäßig übertrieben, gebe den Stand der psychoanalytischen Dinge bei uns überhaupt nicht angemessen
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wieder. Selbstverständlich kann ich mich einem solchen Einspruch selbstkritisch nicht anschließen; und doch sehe ich mich genötigt, einige mögliche Gegenargumente, so wie ich sie kenne, aufzunehmen. Inwiefern kann es dann überhaupt noch therapeutische Erfolge geben? Davon abgesehen, daß es mit diesen selbst im besonderen Zuständigkeitsbereich der Psychoanalyse, den symptomneurotischen Erkrankungen, nicht immer zum Besten steht, bezweifle ich mögliche Therapieerfolge im Rahmen des kritisierten psychoanalytischen Vorgehens durchaus nicht. Worauf aber beruhen diese? Keineswegs unbedingt auf der Scheinentschuldung eines Gewaltkonsenses in Normalität - im schweren Krankheitsfalle ist eine solche Übereinkunft schwerlich zu erreichen -, hochbedingterweise vielmehr womöglich darauf, daß hinlänglich Lücken, belassene Anerkennungslücken, den Ursprung der Schuld betreffend, in der paranoischen Lückenlosigkeit der Prozedur mitproduziert worden sind. Da solches Nichtlückenbüßen aber gewährlos ist, müßte man es unterlassen, aus einem solchen Zufall letztlich ein Falsifikationsargument gegen meine Krisisüberlegungen zu machen. Allemal ist nicht zu erwarten - das wäre eine Wundererwartung -, daß die Paranoia des üblichen psychoanalytischen Vorgehens selber zu einem passierbaren Nadelöhr anderswohin werden könnte. ; Als insbesondere unbrauchbar aber in diesem Beschwichtigungszusammenhang erweist sich das wohl bekannte, verbreitete splitting von kritischer Gesinnung, der Ethologisierung von Unbehagen, und einem psychoanalytischen Prozedieren, das es zugleich ganz beim Alten bewenden läßt in der trügerischen Hoffnung, daß das Progressivitätsbewußtsein obenauf es irgend schon prozedural richten wird. Ebenso ein double-bind, ein sekundärer, vielleicht auch leichter identifizierbarer, wie von der Art einer Notbremse, der mit dem Hinweis, daß auch Mafiosos sonntags inbrünstig zur Madonna beten können, seine adäquate Karikierung erfahren könnte. Ich möchte aber keinen Zweifel daran aufkommen lassen, daß ich mich mit diesen Krisisgedanken uneingeschränkt in die Tradition der Freudschen Psychoanalyse stelle, und zwar, um den allverlautenden Klagen, daß es in der institutionalisierten Psychoanalyse nicht mit rechten Dingen zugehe, innerpsychoanalytische Gründe anzuschaffen. Im Innern der Psychoanalyse selber ist das Unheil zu suchen; selbstverständlich aber sind diese binnenspezifizierten Gründe der Verderbnis en gros solche des Evolutionsstands der Gattung, und es ist wohl die besondere Schwierigkeit die, daß sie nicht mehr mit den Mitteln der überkommenen linken Theorien hinlänglich diagnostiziert werden können.
Bevor ich die Kritik der offiziellen Lesart des Ödipuskomplexes noch weiter präzisiere, ein paar Worte zum Mißbrauch der Ödipusmythe in der
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herkömmlichen Psychoanalyse. Das ist fast schon wie ein Symptom - der Gesamtbestand dieses Mythos wird, so wie ich es erfahren habe, von den Psychoanalytikern partout nicht rezipiert, und dabei wäre es doch ein leichtes, den sophokleischen Ödipus, zumal "Ödipus auf Kolonos", einmal einzusehen. Sophokleisch stellt der Ödipusstoff eine politisch-institutionelle, gegen die Tyrannis gerichtete, die demokratische Polis legitimierende Mythologie dar. Ödipus steht bis zum letzten als die Opferfigur dieser neuen antiparanoischen Ordnung, indem er den paranoischen Schuldtypus, tödlich an ihm vollstreckt, eben nicht anerkennt - er fühlt sich bis zuletzt überhaupt nicht schuldig mit der über ihn verhängten falschen Schuld -, diese Nicht-Anerkennung als die Art seines Todes, restlos nämlich zu verschwinden, endgültig bestätigt und seine eigene Leichenlosigkeit einzig dem Athener Theseus als das Geheimnis der neuen Ordnung offenbart. Ödipus der Krüppel, Schwerbeschädigte, wenn schon, dann mit einer traumatischen Neurose befrachtet, die auch als solche im Mythos keine Krankheit ist; Ödipus das restlose Opfer der falschen paranoischen Schuldordnung um der neuen, ihrem Anspruch nach nicht-paranoischen Ordnung willen. Folgerichtig wird diese Abschlußhaftigkeit mythologisch derart dargestellt, daß die Ödipusmythe zur autosymbolischen Mythe, Mythen-Mythe selber wird (vergleiche Lacan: Das Seminar, Buch II, S. 291 ff - Herr Pohlen hat einige dieser Passagen in seine Studie "Zu den Wurzeln der Gewalt" mitaufgenommen).
Was bei den Psychoanalytikern davon alles eskamotiert wurde, das muß dringend zurückgebracht werden. Auch wenn die Ödipusmythe so etwas wie die Selbstdarstellung politischer Mythologie selber ist - was sie gewiß auszeichnet und auch den eigentlichen Grund ihrer Allverwendung ausmacht -, so bedarf es innerhalb der Psychoanalyse doch des ausdrücklichen Monitums, daß es nun wahrlich noch andere Mythen gibt mit ganz anderen zur legitimatorischen Aufklärung anstehenden Themen. Es sind - und das muß eigens markiert werden - insbesondere Produktivkräfte-, Technologiemythen, die von der Psychoanalyse insofern mißachtet werden, als der gesamte Bereich von Dinglichkeit in ihr tabuisiert erscheint und also zur umso verrammelteren Wahlheimat des Unbewußten wird. Um wenigstens zweie solcher exponierten, auch auf Kunst bezogenen Technologiemythen zu nennen: Orpheus (den gibt es überhaupt nicht - ein paar Sätze von Lacan wiederum ausgenommen -; das würde in der Tat auch äußerst heikel) und Narziß. Ja, gerade die Narziß-Mythe, denn die wahrscheinlich wieder rückläufige Virulenz der Kohutschen Narzißmustheorie unserer Tage führte zu nichts mehr als zu einer weiteren Inflation des Ödipuskomplexes,
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mitnichten zu dessen Entmachtung. Auch Kohut weigerte sich, weigerte sich zumal, die narzißtische Erfüllung als Dingwerdung des Anderen, letztlich als Dinglichkeit überhaupt anzuerkennen. Die Einschwörung auf Ödipus, die so weit zu gehen pflegt, selbst auch heterogene Produktivkräftemythen über den ödipalen Leisten zu schlagen, stellt demnach einen exemplarischen Fehler der herkömmlichen Psychoanalyse dar: bezeugt deren Subjektivismus. Selbst aber der politmythologische Reduktionismus ist des Schlechten noch nicht genug. Aus dem mythisch aufgeklärten Kampf um die angemessene politische Ordnung wird schließlich ein kleinfamiliales Bürgerpseudodrama; aus der politischen Leidenschaft der Brechung der Willkür und der Schuldverkennung in der paranoischen Despotie wird die Rechtfertigung derselben am Rückzugsort letztlich des einzelnen, sich in jene hinein purgierenden Subjekts; aus der - als Utopie freilich haltlosen - Polisutopie, die paranoisch-arbiträre Schuldverkennung zu quittieren, wird letztlich die Verschiebung und Verdichtung derselben Schuldverkennung in Dinglichkeit hinein, in dies eigentlich moderne Unbewußte, die vorgebliche Allinstanz der Entschuldung, des vorgeblichen Untergangs des Ödipuskomplexes. Binnenreduktionismus demnach des eh schon reduzierten mythologischen Bestands bis auf das nur noch konsumatorische, vollends ignorante Einzelsubjekt; nur daß alles Weggeschaffte ebendort, von woher es weggeschafft worden ist, als Terrorrevenant wiederkommt und entsprechend die Willkür und die Schuldverkennung, betreffend die Institutionen und zumal die Dinge, wuchern läßt. - Ödipus hatte keinen Ödipuskomplex. Wenn schon, so ist er dieser selber - das "ist" wäre, wenn überhaupt psychopathologisch, der entscheidende Psychosenindex, doch diese "Psychose" spielt im Objektiven von Politik, man ist versucht zu sagen: in absoluter Politik. Genauer noch ausgedrückt: dieses paranoische Großgebilde ist ein reines Sprachartefakt, Artefakt des Orakels, so daß in aller "psychotischen" Folgerichtigkeit die sprachliche Aufklärung zur Hervorbringung, Schaffung des in ihr Aufgeklärten, des aufgeklärten Unheils selber wird. Die Gegensprache, nein: Gegenschrift der klassischen Tragödie aber, die ja dramatisch präsentativ die kathartische Ablegung der alten Paranoia mitbesorgen soll (wenn sie es als Tragödie soll?), läuft mindest Gefahr, sich als Eintritt in die neue, ganz andere Ordnung zu übernehmen; jedenfalls ist die Polis diese ganz andere Ordnung nicht. Was aber macht die herrschende Psychoanalyse daraus? In ihrer Sprache, der Deutung, vermischen sich der Orakelspruch als Induktion des Unheils im Objektiven und die verwahrloste scheinbare Gegensprache des Dramas als des Scheingaranten der Auflösung dieses Unheils für das einzelne Subjekt: eine kuriose Mischung aus dem komischen Gott, dem das
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Malheur der objektiven Unheilserzeugung unterläuft, und einem mehrfach epigonalen Provinzregisseur, der dem schuldverstrickten Subjekt, halbiert in eine halbe Opferfigur und in ein halbes Publikum, die Katharsis, die es überhaupt nicht gibt, in Aussicht stellt. Das alles sind Wunder - an den Produktivkräften und gar den Produktionsverhältnissen vorbei, von der absoluten bürgerlichen Kleinfamilie zum absoluten Einzelsubjekt, ein System von Isolierungen, die Karikatur des Ödipus.
Ich habe lange überlegt, wie ich meine Kritik fortsetzen soll in der Absicht, die an den Anfang gestellte Rahmenthese zu differenzieren, also aufzuzeigen, wie sich das apostrophierte Verkennungswesen verfahrensmäßig-methodisch der Psychoanalyse einschreibt und ein sich wie automatisch durchsetzendes Gewaltpotential strukturaler Gewalt, die sich notorisch als stärker als alle löblichen Gegendeklamationen erweist, akkumuliert. Möglichkeiten der Fortsetzung der Kritik gibt es gewiß viele; ich möchte nun aber dabei bleiben, nicht eben einen unteren Weg zum Abschluß nunmehr einzuschlagen, vielmehr einen fast noch nicht vorhandenen, allererst anzulegenden, indem ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Beteiligung der einzelnen sogenannten Sinne irrpsychoanalytischen Verfahren zu lenken suche; wozu ich vorher schon eine kurze Andeutung machte.
Die psychoanalytische Spezialisierung auf Sprechen/Hören ist das Gegenteil einer Selbstverständlichkeit, die keiner weiteren Befragung bedürfe. Mit allem Nachdruck gelten die Fragestellungen, was alles in dieser "Spezialisierung" entfällt, welche Folgen diese Wegfälle nachsichziehen und inwiefern solche sich womöglich als methodologische Beschränkung drapierende Isolierung unbesehen, ja in Form einer gewalttätigen Tabuisierung praktiziert wird. Offensichtlich setzt diese psychoanalytische "Spezialisierung" auf Sprechen/Hören darauf, daß sich in dieser Sinnenbeziehung (und immer mehr als Sinnenbeziehung) der Zusammenschluß des Selbst, des Subjekts mit sich selber als Selbsterfüllungszustand herstellen oder wiederherstellen läßt. Offensichtlich auch setzt diese Spezialisierung aus, wie es scheint, guten Gründen auf das Gelingen dieses Werks: es kann nämlich nachgewiesen werden, daß die Übereinkunft von Sprechen/Hören den Inbegriff rationaler Erfüllung, subjekt- wie objektkonstitutiv - man ist versucht zu sagen: vom Anfang der europäischen Rationalität an - darstellt. Peinlicherweise aber läßt sich ebenso zeigen, daß dieser rationalitätsentscheidende Zusammenschluß ein illusionistisches Kurzschlußphänomen des schieren Selbstverlustes bedeutet. Wozu ich mich ja schon weiter vorne kurz geäußert habe: zur psychoanalytischen Paranoia der Verwechslung von Gegenwart und Vergangenheit, insbesondere hermetisch gemacht durch den Einsatz
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des Erinnerungsvermögens und der zum Scheine aktualisierenden Emotionalisierung des Erinnerten. Ebenso aber von Anfang an ist das Mittel erfunden worden, nicht zwar den paranoischen Zusammenbruch des Sprechens/Hörens schlechterdings zu verhindern, wenigstens jedoch auszuweiten und aufzuschieben; und zwar durch die disziplinierende Einbeziehung des weggelassenen Sehens, dieses auf Rationalitätsfundierung hin äußerst unsicheren Kantonisten - durch die Wiederaufnahme des Sehens im Sinne des zumal illusionistischen endgültigen Abschlusses der Einheit des Sprechens/Hörens als Schrift, überhaupt als Zeichenhaftigkeit, "Semiotik", der sodann botmäßigen Sehensausführung des Sprechens/Hörens als universelle Lektüre/Wissenschaft.
Wie stellen sich diese Verhältnisse in der Psychoanalyse dar, die immer noch außer Lacan weit davon entfernt ist, dieses ihr eigenes "Medium", Sprechen/Hören, als Krisisthema zuzulassen? Ich kann nicht sehen, daß sie dem Kurzschluß-lllusionismus erfüllter Selbstaktualisierung in Sprechen/Hören nicht vollends aufsitzen würde. Zudem hält sie es sich besonders zugute, den "rettenden" - vonwegen rettenden! - Schriftauflaß zugleich zu hintertreiben. Womit sie sich in die widersinnige Situation begibt, genauestens darin Krankheit zu kopieren, die selber ja darin besteht, den SemiotikAuflaß des Verbalismus einzubehalten, vorauszubesetzen und dadurch die Sprechens-Hörens-Einheit expressis verbis brüchig zu machen. Also nimmt sich die herrschende Psychoanalyse als über sich unbelehrte und der rechten Giftdosierung unfähige Homöopathie aus; sie verabreicht den Odipuskomplex des psychoanalytischen Verfahrens selber gegen die pathologische Fixation desselben Ödipuskomplexes. Und wiederum muß ich einräumen, daß gleichwohl wie zufällig diese homöopathische Prozedur glücken kann und daß ebenso wie zufällig das gelingende produktive Aufplatzen dieser Magie irgendwohin, die Gewinnung irgendeiner "Schrift" als "Lektüre"Anhalt sozusagen, sich nicht nur zu der besagten Gewaltübereinkunft ichgemäß verschließen muß. Allein, sollte man es weiterhin auf solche blinden Zufälle ankommen lassen?
Ich denke, daß ich insofern nicht nur abgehoben spreche, als ich über die psychoanalytische Verfahrensweise, also mit diesem empirischen Bezug mich theoretisch äußere. Vielleicht aber könnte der Eindruck von Abgehobenheit sogleich schwinden, wenn es gelänge, den allgegenwärtigen sexuellen Körper in diesen "sinnenphilosophisch" dargestellten Krisisverhältnissen der Psychoanalyse eigens zum Thema zu machen. Ich versuche es, freilich von einer schon im vorhinein äußerst eingeschränkten Stelle aus: unvermeidlicherweise spreche ich als Mann.
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Die besagte Schrift/Zeichen/"Semiotik"-Abkoppelung vom in sich geschlossenen Sprechen/Hören als Einheit des Selbst, wie gehabt, das erzeugt nicht nur den Inzestwunsch und die Kastrations-, die Selbstvernichtungsangst - das ist diese selber. Was nämlich passiert in dieser Isolierung und implosiven Abdichtung des Isolierten, im isolierten Sprechen/Hören? Es geschieht eine Art von dreifachem Aufkommen des weiblichen sexuellen Körpers, und zwar erstens als Nicht-Sehen, Un-Sicht der weiblichen Genitalien, die die Einheit des Sprechens/Hörens verstummend einziehen; zweitens, angststeigernd, als nicht durch Sprache unterworfenes, in diesem Sinne vor-sprachliches, zumal nichtschriftliches, lektüreloses HyperSehen des Gebärens, des Initiationsakts schlechterdings, in dessen BlickHand-Schmerzschrei-Integration der Lektürefluchtweg sich versperrt - das ist dann der sogenannte Gebärneid in der Kastrationsangst; und drittens - der Abschluß dieses männlichen Selbsteinbruchs, wenn man es so will: penisneidbestimmt-menstruell - als Versagen des Mannes, dagegen im Fleische die eigenen Genitalien als eh ja nur kopierende/nachstellende Parade einzusetzen: mißlingende Gebärmimesis.
Vielleicht ist es jetzt ein wenig einfacher einzusehen, daß die ärztliche Verordnung gegen die Krankheitsfixation des Ödipuskomplexes in demselben Ödipuskomplex als das psychoanalytische Verfahren selber besteht: homöopathische Intoxikation des Ödipuskomplexes gegen den Symptomstillstand desselben. Dies wäre nach allen Regeln der Kunst auszudenken wider die übliche verfahrenstheoretische Ignoranz, die notorisch falschen Dosierungen und zumal die Unbesehenheit der homosexuellen Enteignung von Weiblichkeit im so überhaupt nicht wünschenswerten Falle der Heilung. Geschieht diese Selbstaufklärung nicht, so verkommt die Psychoanalyse, die wahrlich doch, anderes im Schilde führte, denke ich immer noch, zum Aberwitz der modernen Hauptvollstreckung des Unbewußten als des Unbewußten selber. Und in der institutionellen Normierung all dessen als
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arbeitender Bürger zu existieren, führt zu der Alternative, entweder wohlmeinend gewalttätig andauernd Bruch zu machen oder, was letztlich dasselbe ist, krank zu werden.
Von woher aber kann ich so sprechen? Nur weil dieses paranoische Gebilde Psychoanalyse eben nicht eo ipso schließt; weil ich mich dafür herzugeben versuche, die immer auch verbleibenden Risse nicht zum sich immer erneuernden Vorwand ihrer nur umso härteren Verschließung zu nehmen - nur dieser schwarzen Löcher wegen, die, wie ich zu Anfang hervorhob, Sterblichkeit kontraparanoisch anzumahnen verstünden, ist diese Krisisrede vergönnt. Freilich setzt sie die ganze Schriftlichkeit, die Lektüre - Sie haben es ja erlebt - voraus: als die Totalität des Phallokratismus den scheinbar überwundenen Inzestwunsch, die scheinbar überwundene Kastrationsangst, den scheinbar überwundenen Gebärneid, die scheinbar überwundene "Blutscheu", also Sprache, Schrift, Lektüre, das Exhibitionswesen dieses Vortragssolos. Dergestalt indessen setzt sie diesen Inbegriff des Unheils voraus, daß sich diese unvermeidliche anerkannte Voraussetzung, indem sie sich selber aussagt, zugleich aufzubrauchen vermöchte. Was freilich nimmer restlos aufgehen kann.
Über Gewalt in psychoanalytischen Verfahren und Institutionen zu handeln, darf sich demnach nicht in einer antimoralistischen Schelte, die des höheren Moralismus selber dann aber nicht enträt, erschöpfen. Freilich, die Verführung dazu ist wegen der schwer nur heilenden Verletzungen durch Psychoanalyse recht groß; und zudem wird man oft überhaupt nicht mehr verstanden, wenn man sich der Verabschiedung auch der höheren Gegenmoral und davor des wissenschaftlich-neutralen Poker-face befleißigt. Fällig ist dagegen vielmehr, eine Art von rekursivem Verfahren zu praktizieren, die Psychoanalyse also auf sich selber - eben auf ihre Verfahrensweisen, ihre sogenannten Medien, ihre Institutionen - anzuwenden; es also nicht zuzulassen, daß sich das ganze Unbewußte ebendort auf Nimmerwiedersehen einnistet und verhüllt, um sich mittels dieser Einrichtungen, die es selber, das Unbewußte, sind, freilich anderswo, am leibhaftigen Anderen, unvermeidlich beschuldigend dann, absurderweise zu offenbaren. Wir spielen so nur hemmungslos das Spiel des Gottes und des Menschen, den ganzen Betrug des mythischen Verhältnisses, gerade dann auch, wenn das folgenlose Lästern umsichgreift. Im tabuisierten Vorbehalt des Gottes geschieht in höchster Potenz ausschließlich dasjenige, was der Gott sodann am Menschen unablässig inquisitorisch verfolgt. Der psychoanalytische Gott, eben das mediengebundene Verfahren und dessen Institution, bis hin zur unausbleiblichen zusätzlich subjektiven Resorption dieses Unheils als subjektiv
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paranoisches Gebaren der höheren Psychoanalyse-Agenten, das ist ein einziger double-bind. Welche Konsequenzen aber wären zu ziehen, wenn sich herausstellt, daß die besagte Rekursion glückt, die Selbstanwendung der Psychoanalyse auf sich selber aufgeht? Mindest müßte dann die Rekursivität von Anfang an der Inbegriff des psychoanalytischen Verfahrens sein, das sich darin ersatzlos selber durchstreicht, indem es sich tätigt. Es ist überhaupt nicht zu sehen, daß das nicht ginge; allein, wer kann es so schon? Insofern die Psychoanalyse die Psychose mitnichten doch ausläßt, muß es einem befremdlich vorkommen, daß die Reklamation dieser Rekursivität, die der Psychoanalyse kein Jota wegnimmt, wie die schlimmste Zumutung ankommt - ja, sie ist in der Tat nicht-psychotische Psychotisierung des psychoanalytischen Verfahrens. Aber die "Entpsychiatrisierung der Geisteskrankheit" gehört ja zu den "kulturrevolutionären Gefahren" unserer Zeit (Strauß).
Kleinbürger-double-binds. Zum Problem der Gewalt in psychoanalytischen Verfahren und Institutionen - worin bestehen diese double-binds? Inwiefern erzeugen sie Gewalt'? Inwiefern sind sie Kleinbürger-Artefakte?
Die grundlegende Doppelung im psychoanalytischen Verfahren besteht darin, daß die apostrophierte Rekursivität, die Selbstanwendung der Psychoanalyse auf sich selber, ausbleibt. Dadurch wird die Prozedur zur Unbewußtheit dessen, wogegen sie sich richtet: kurzum zum Odipuskomplex.
Verfahrensimmanent stellt sich diese verdeckte Magie als die Doppelung der Vorgabe von Vergangenheit als Gegenwart, unermeßlicher Verlustigkeit als Dispositionserfüllung dar. Es ist dies der double-bind des ungeklärten Repräsentationswesens, das sich in der ausgeführten Erinnerungsverdoppelung sowie in der emotionalen, übertragungsbestimmten Aktualisierung des Erinnerten endgültig verunklärt und verschließt.
Es ist dies, sinnenphilosophisch und, den sexuellen Körper einbeziehend, präzisiert, der double-bind einer Sprache ohne Schrift, einer Initiation am weiblichen Körper, die zu dessen verleugneter Opferung führt.
Als zusätzliche Doppelung begegnet in diesem Zusammenhang, ineins mit der Progression der inquisitorischen Gewalt darin, die Vorspiegelung einer politkritischen Sondergesinnung als Reformgarantie des Verfahrens mit, das dadurch seine innere Doppelung nur umso gewalttätiger ausführen kann.
Die Festschreibung dieser Doppelungen, nicht indessen im nachhinein, vielmehr grundlegend a priori, leistet die Institutionalisierung der Psychoanalyse. Der besondere double-bind in dieser immer vorgängigen Dimension besteht darin, daß die autonomen Subjekte der Institution nichts als Parasiten des Gruppeneids auf die inneren Doppelungen des Verfahrens sind.
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Daß double-binds Gewalt erzeugen, das bedarf hier keiner weiteren Ausführung. Es handelt sich eo ipso um die Gewalt der Beschuldigung, der Inquisition als der zirkulären unbewußten Identität mit dem Beschuldigten. Dabei bleibt der Ursprung der Schuld auf der Strecke, und an seine Stelle tritt die Verteilung der herkunftsunerkannten Schuldmasse. Diese Verteilung aber enthält, um durchführbar zu sein, als Ziel die Unschuld, sprich: die Umwendung verhüllter Schuld in tätigen Terror.
Es ist wohl aufrechtzuerhalten, daß diese Maßnahmen alle den kleinbürgerlichen Typus repräsentieren; nur daß es keinen anderen Bürgertypus und überhaupt keine Alternative mehr gibt? Dann aber müßte - wegen der ausgebreitetsten Egalität dieses in der Psychoanalyse sich gewiß verdichtenden Verkennungswesens - diese soziologische Zuordnung fallen?
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