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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Philosophenlesung über Technik - Todestrieb - Tod (Pathognostische Studien III, 1990, Essen, Die Blaue Eule, 245-259)
Vorbemerkung. - Hier eine weitere Variante pathognostischer Technikphilosophie: Vortragstext zum Kolloquium "Perspektiven des Todes" an der Universität des Saarlandes Saarbrücken (zusammen mit dem Saarländischen Rundfunk) vom 16. bis 17.2.1989
Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust -
wer trennte sie: die Worte und die Dinge
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.1
Zum Zweck der intellektuellen Anmessung an die, höflich gesagt, Ambiguität der Technik, heutzutage allzumal, jenseits des Kitschtitels - Technik - Fluch oder Segen? - schwebt es mir lange schon vor, die Freudsche Todestriebhypothese, die wesentlich besser ist als ihr Ruf, einschlägig nutzbar zu machen. Was vorzunehmen allerdings nicht vergönnt sein kann ohne deren strikte antibiologistische repräsentationslogische Transkription und, mehr noch, ohne die Hervorholung deren handgreiflichen objektivitätsekstatischen, eben techniktheoretischen, -genealogischen Implikationen; was einige Male in einigen meiner Publikationen bereits geschehen ist, ohne daß ich mich hier darauf zurückziehen kann.2
Also darf ich zunächst das Register der Freudschen Sadismus-Arten als rein metapsychologische Bestimmungen, die den Todestrieb differenzieren, ins Gedächtnis rufen, um auf dieser nicht eben stabilen Grundlage sodann einige deren technikgenealogischen Zuträglichkeiten auszuführen. Den Kontext solcher durchaus philosophisch-anthropologischer Maßnahmen bilden weder die akademische Technikphilosophie noch die herkömmliche Psychoanalyse, vielmehr eine pathognostisch genannte mutuelle Korrekturkonvenienz beider, deren Vollzug hier nicht mehr hergibt als die Evokation weniger - mythosophisch vielleicht stabilisierbarer - ad hoc-Evidenzen. Ehedem schrieb ich zur Todestriebtheorie paraphrasierend, kommentierend und auch schon repräsentationslogisch-prospektiv wie folgt:3
Der Todestrieb, auch Ursadismus genannt, der mit dem primären Masochismus zusammenfällt4, bedeutet die Tendenz der Organismen, sich in den
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anorganischen Zustand rückzuverwandeln. Eros, die Libido, wirken dieser Tendenz, die Lebendigkeit des Organismus erhaltend, entgegen. Eine Methode nun des Eros, dem Todestrieb entgegenzuhandeln, besteht paradoxerweise in der Fundierung des Sadismus. Eros drängt nämlich einen Teil der Todes triebpotentiale vom eigenen Ich ab und kehrt sie nach außen, wo sie am Objekt als Aggression - als ursprünglicher Sadismus - imponieren.
"Liegt dann nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt?"5 ...
Die Libido "hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb (sc. den Todes oder Destruktionstrieb) unschädlich zu machen und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet."6.. .
Ein bestimmter Teil des so nach außen gekehrten Destruktionspotentials tritt wiederum in den Dienst des Eros, der Sexualfunktion: das ist dann der Sadismus im engeren Sinn des Wortes, der eigentliche Sadismus, der auf allen Stufen der Sexualitätsentwicklung unabkömmlich mitspielt. Freud schätzt diese subsidiäre Rolle des Sadismus recht hoch ein.
"Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich heraus gedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt nach."7 ...
Der Sadismus als Perversion besteht nun in einem Übermaß an freibleibendem, mit erotischen Komponenten nicht mehr vermischtem ursprünglichem Sadismus: in einer "allerdings nicht bis zum Äußersten getriebenen Entmischung"8 ...
Eingeschränkt auf die Formen des Sadismus - Ursadismus, ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion - bildet Freud also diesen Ableitungszusammenhang: teilweise wird der Ursadismus (Todestrieb, primärer Masochismus) durch Eros als ursprünglicher Sadismus nach außen abgeleitet. Teilweise, wenn nicht vollständig, tritt er als eigentlicher Sadismus sodann in den Dienst von Eros, verdingt sich den Sexualtrieben als dessen subsidiärer Evolutionswegweiser. Und im Perversionsfall kündigt er als eigentlicher Sadismus den erotischen Dienst auf und regrediert entmischt zum ursprünglichen Sadismus, ...
Schon die Exterriorisierung des Ursadismus zum ursprünglichen Sadismus hin ist als fundamentale Umwandlung von Passivität in Aktivität ein grundlegender erotischer Akt der Selbsterhaltung, und die erotische Dienstbarkeit dieses ursprünglichen Sadismus in der Gestalt des eigentlichen Sadismus
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innerhalb der sexuellen Entwicklung nicht minder. Nur der Sadismus als Perversion trennt sich von Eros, der, in seinen Gesellungsformen mit dem Tode, freilich selbst ins Zwielicht geraten muß....
Auf der Ebene der Psychoanalyse selber liegt es indessen nahe, den gesamten Ableitungszusammenhang der einzelnen Sadismusarten aus dem Ursadismus (ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion) als Pseudonym der zu Recht totalisierten Symbolisierungs- und insbesondere Symptombildungsprozesse zu entziffern.
Ursadismus, ursprünglicher Sadismus, eigentlicher Sadismus, Sadismus als Perversion - ich habe wohl nicht zu viel gesagt, als ich eben die Kautele mitsagte, dies seien metapsychologische Terme, solche also der - so mag man sprechen dürfen - Konstitution von Erfahrung und nicht solche von konstituierter Erfahrung selber schon; so daß Sie nicht von sich erwarten können, Zugang zu deren Bedeutung zu finden, wenn Sie sich schuldverzagt an die eigenen Grausamkeiten etwa heranwagten. Nein, wie transzendental geht dieses Sadismen-System aller möglichen Erfahrung voraus, in der Art einer Transzendentalität indessen, die das transzendentale Subjekt durch so etwas wie den transzendentalen Körper (der Ausdruck sollte besser fallen!) substituiert und, darüber hinaus, dieses Substitut in die Dimension der "produktiven Einbildungskraft" (also in die besagten verborgenen Gemütstiefen) einrückt, und dies mit der Fälligkeit, den notorischen Riß/die Spaltung ebendort zu überbrücken. Mehr Fundamentalontologie demnach denn Transzendentalphilosophie? Gewiß. Daß aber skandalöserweise in dieser überkommenen Reinheitssphäre fast buchstäblich mit empirischen Schmutzbegriffen - den einzelnen Sadismen - laboriert wird, das mag viel weniger den Sündenfall der unbilligen Fusion des Ontischen mit dem Ontologischen indizieren, als die Krisis solcher philosophieüblichen Abhebung - man ist versucht zu sagen: gnostisch, materiell, fleischlich einzubekennen.
Also wären wir, Freuds Amateurphilosophie professionell korrigierend, am rechten Ort der Einbildungskraft in materialistischer Version angekommen? Sicherlich. Allein, hier stellt sich kein Weilensort gleich welcher Empirie, der niedrigen oder der höheren oder der Vermischung beider, auch nicht irgend vermittelt außerdem, her. Also müßte man es lassen, über solche endgültig absentierten Überschwenglichkeiten zu handeln? Nein, nicht ganz. Es gibt nämlich die Permanenz der verschobenen Empirie der allproduktiven Spaltung, einzig die metonymische Empirie derselben am Selbsterfahrungsort erfahrener Brüchigkeiten der (metaphorischen) Spaltungsüberbrückungen; in Freudscher Todestrieb-Sprache ausgedrückt:
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im Bereich des "eigentlichen Sadismus", der unaufhaltsam zum Entmischungskollaps des "Sadismus als Perversion" tendiert, aller gegenteiligen Beteuerungen seines ungebrochenen Wesens zum Trotz in seinem negentropischen Gegenzuge entropisch auf Pathologie hin fortgeht. Was erschreckenderweise nichts anderes hieße, als daß die (re)inkarnierten transzendentalen/ontologischen Bedingungen der Erfahrung/der Wirklichkeitskonstitution auf diese ihre Effizienz der Spaltungsüberbrückung hin zugleich die Vernichtungsgründe dieses ihres eigenen Werks ausmachen; daß der dubiose Pathologieauffang dieses Selbstvernichtungszugs die exklusive Veranlassung definiert, für die Recherche dieser Bedingungsdimension überhaupt Sorge zu tragen - Pathologie, das einzige Philosophiemovens; und daß schließlich die in dieser Dimension ausgeführte Rißverklebung/Spaltungsüberbrückung inempirisch/arepräsentativ das Unbewußte schlechterdings vollzieht, dessen Bewußtmachung einzig am Nachträglichkeitsort der Produkte, des Doppelprodukts des Körpers und der Dinge, der verdichteten Rißverschiebung in sich aufgeschoben, vergönnt ist. Ja, so unmäßig erweist sich Philosophie, dieser Nachtrag-Nachtrag im Voraus.
Jedenfalls bildet das Sadismen-System einen Regelkreis hypersystematisch wie eine Todesspirale. Im Zug und Gegenzug des "Ursadismus" und des "ursprünglichen Sadismus" fällt sich der "eigentliche Sadismus" aus; der "eigentliche Sadismus" wiederum mit seinem Gegenzug des "Sadismus als Perversion"; abgeleitete in-sich-Kontrarietät, die sich zur grundlegenden wieder zurückbildet, grundlegende, die abermals dann zur abgeleiteten avanciert, und so progredient weiter; und dies unbegrenzt und endlich - um jetzt schon den Tod zu avisieren.
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Freilich kann man diese Verhältnisse, wenns beliebt, auch erzählen. Begehe ich eine Brücke, so erschafft meine Begehung diese allemal nicht. Wie aber bin ich auf diesen seltsamen Gedanken, diese Verneinung gekommen? Vielleicht erinnerte ich mich eines leichten Anflugs von Beängstigung neulich, als ich mitten auf einer Brücke stehenblieb? Aber das war doch nicht Angst vor dem Einsturz der Brücke, wenngleich es dazu immer einigen Anlaß geben mag (jede wievielte Brücke in Amerika ist laut "Spiegel" baufällig?)? Wahrscheinlich kam mir das Ding ausnahmsweise doch ein wenig ungeheuerlich vor: eine archaische Untat, auf Dauer gestellt, synchron monstruös? Man bedenke, worüber hinweg und worinnen/wodurch und womit in diesem Fall Kontinuität versus Diskretheit hergestellt wird. Für welche mechané ich nutznießend die Verantwortung zumal mittragen solle, obwohl ich kein Ingenieur und kein öffentlicher Auftragsgeber bin und einen pauschal-zivilen Rechtstitel auf den Gebrauch dieses Gemeineigentums durchaus besitze.
Warum aber dann diese gebrauchshinderliche Ranküne? Da man so offensichtlich nicht weiterkommt, löse man das Problem, das kein rechtes ist, auf die übliche Weise. Man trage irgend mit Sorge dafür, daß der Brückenbau mit allem Drumherum arbeitsam fortschreitend perfektioniert werde. Indes, bei diesem konsequentesten, weil alle Angst doch wegnehmenden Gedanken merkte ich alsbald, daß mein Angstanflug von eben sich absurderweise zu steigern begann. Durch diese Fortschrittskonzeption wurde alles nur schlimmer. Ich möchte Brücken überhaupt nicht mehr, könnte sie aus Angst nicht mehr begehen. Und bevor ich gar vor mir selber weglaufen müßte, weil mein Körper weniger hysterisch (arc de cercle) als kataton zu werden sich anschickte, meinte ich, mir voll des Gefühls einer rettenden, an der Brücke teilnehmenden Höhnung - pardon - Exhibitionshandlungen herausnehmen zu sollen. Wodurch die Szene endgültig desolat wurde - wie beginnt Kafkas Erzählung "Die Brücke"? "Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich."9 -; alle Brücken nämlich stürzten, alle Körper mitreißend, vor meinem geistigen Auge zusammen.
Nach diesem mythosophischen Vorlauf zurück zur »Sprengmaschine« der korporellen Transzendentalität/Ontologiemaßgabe des Sadismen-Systems: Allentscheidend ist die avisierte Umschlagsstelle, der Inversionspunkt vom "Ursadismus« (dem Todestrieb i.e.S.) zum »ursprünglichen Sadismus«, die Wende vom Leiden zum Tun, vom Sterben zur Gewalt, vom Tod zu den Arbeitsprodukten, den Dingen. Diesen Schreckensort (realisiert der Brückenscheitel etwa) einzunehmen, bleibt schlechterdings unmöglich, möglich bloß die nachträgliche Konzeption eines einnehmend-uneinnehmenden
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Sprachartefakts davon. Wie aber lautet der Nachtrag dieses peremptorisch verhüllten Vorgangs? (Die »Verhüllung der Differenz als solcher, welche Verhüllung ihrerseits sich anfänglich entzogen hat«.10) Es ist so etwas wie die Urverwerfung/Urverdrängung des korrumptiblen Menschkörpers und die Überaufwertung (Überkompensation)/die Uberbietungswiederkehr desselben als totes Körperdouble/Ding, kurzum Technik. Das »Ding mit mir« (mit den Klängen, den Worten, den Schriften, den Bildern als beider Auseinanderhaltung im Gefolge), so daß der »ursprüngliche Sadismus« zum technischen Vermögen, zur produktiven Gewaltparade der Sterblichkeit, zum schaffenden Tod mit seiner Sterbehilfe, den Dingen, diesen Körperrevenants, avancierte. Weshalb aber diese Urverwerfung/Urverdrängung? Jedenfalls kann es dafür keinerlei kausale Erklärung geben, vielmehr nur den Nachtragsverweis der nachträglichen Empirie der besagten Inversion in der konsumtiven Haltlosigkeit des »eigentlichen Sadismus« immer schon. Und es klingt dann bloß noch schön spekulativ, diese Inversion sowie den Auseinanderhalt des Körpers und des Dings (die Nichtentmischung) als Werk der Kontrapotenz des Eros geltend zu machen. Von wegen Dualismus - die erotische Aufschubsgunst im Doppelaufschub der besagten Inversion und des besagten Auseinanderhalts bleibt restlos homogen im System der Sadismen, über die es hinaus nichts anderes gibt. Eros, der Schieber, sein gleiß/snerisches Werk.
Technik - der Wiederkömmer. Nichts ging zwar weg, doch kam etwas wieder, todesverwandelt und buchstäblich wesentlich verbessert und auf dem Wege gar der endgültigen Korrektur. Bevor ich diesen Technikbegriff immanent weiter differenziere, noch einige kommentierende Zwischenbemerkungen, Außenbetrachtungsniederschläge dazu. Es muß den Anschein haben, daß die Einbeziehung der Freudschen Todestriebtheorie die ohnedies schon verworrenen Denkverhältnisse hier, die die Gunst der Verwissenschaftlichung philosophisch abweisen, nicht eben entwirren hilft. Das trifft wohl zu, mag aber durch etliche Vorteile auch dieser Einbeziehung ausgleichbar sein. Erster Vorteil, den man bereits in den Ausdrücken der Sadismen-Unterscheidungen vernehmen kann: der »Todestrieb« mahnt die buchstäbliche Unabdingbarkeit von Schuld und Gewalt an. Wenn Eros sich zur Nichtgegenkraft bloß des inneren Aufschubs bescheiden muß, so entfällt der ultimative Gewaltposten allexkulpativer Transzendenz, diese Blockade der, wenn es sie gäbe, offenen Schuldzirkulation als Akkumulierung und Versteckung derselben nur. »Todestrieb«, der alle Verhältnisse nackt werden läßt und so die Phantasmatik der Dinglichkeit, zumal in der lustbestimmten Konsumtion, als Entschuldungsinbegriff konterkariert;
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»Todestrieb«, der das von H.-D. Bahr erfragte "Bild" der "Elementarität" der »Entschuldung als maschineller Transmission«, »elementarer noch als das Selbst und die Selbstlosigkeit«, erbrächte.11 Verständlicherweise versucht sich die Unerträglichkeit dieser kenosis zum dubiosen Ethos/zur kontingenten Weltanschaulichkeit zu ermäßigen (der alte, kranke, pessimistische Freud); nur daß die dissidente Aufkärungsvalenz - Gegenaufklärung als Aufklärungsspitze (was nicht zuletzt die Aktualität der Todestriebtheorie besorgt) - in dieses Schuldabsorptionsorgan der Unverbindlichkeit, die just die Schuld an dieser Zumutung/diesem Skandal trägt, hinein aufgelöst sein soll. Nächster Vorteil: notorisch liegt es immer wieder allzu nahe, Immanenzposten dieses Systems, die zugegebenermaßen den Aufschub mittragen, als Transzendierungschancen zu vindizieren: Körper, Sinnlichkeit, Sexualität. Radikal aber stellt sich der Todestrieb zu diesem wie immer auch verständlichen Ansinnen quer. Korporalität nämlich gibt sich ursprünglich nur als Nichterfahrung der Körperentropie, als Entschwinden schon eines Schwunds (Verhüllung.... die sich anfänglich entzogen hat); gibt sich ursprünglich demnach überhaupt nicht. Wenn Körper, dann die Gabe desselben als »Ding mit mir«, korporell, als Nachtrag des apostrophierten Auseinanderhalts, als "eigentlicher Sadismus" (immer noch und immer wieder Sadismus!). Lacan würde sagen: der Körper ist Signifikanteneffekt; doch der Körper-effektuierende Signifikant selber wiederum körperprovenient in der Zirkularität eines Körperprozesses, der zwei Körperbegriffe (wie auch zwei Signifikanten-, also Dingbegriffe) ergibt: den geschwundenen Schwundkörper und den organischen cogitionalen Nachträglichkeitskörper, die Dinglichkeitsmetamorphose des ersten Körpers und das Gebrauchsding im "Ding mit mir", korporell. Nichts oder Danach; Nichts und Danach; NichtsDanach (was freilich von einer unabsehbaren körpertheoretischen/medizinischen Reichweite wäre).
Wie sich dieser »eigentliche Sadismus« in Bewegung setzt/aktualisiert? Als »Ding mit mir«, dem Auseinanderhalt von nachträglichem Körper und elaboriertem Ding ( je ausschnittshaft bis schließlich ... ). Und zumal als die Liebesbeziehung zwischen beiden, diese Basisintersubjektivität, die die konsumatorische (Rück)einschneidung, (Re)sorption des Dings in den Körper retour, diese (Re)unionsblessur mit Beglaubigungslust zu heilen sucht, und dies immer im Sinne einer (je partiellen) Wiederaufbereitung des cogitionalen Nachträglichkeitskörpers zum geschwundenen Schwundkörper, und so fort. Freilich bleibt dieses ohne Gewähr, denn permanent lauert im "eigentlichen Sadismus" der Pathologieinbegriff des »Sadismus als Perversion« die Triebentmischung, sprich: die letale Fusion auf: Schmerzeinschnitt
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im Ganzen, Dingphantasma insgesamt, das den Körper insgesamt (wieder)heimholt, retour zum »primären Masochismus« im Ausgang vom differierenden, universell-konsumatorisch-produktiven »erogenen Masochismus«. Abermals der Regelkreis der Sadismen, nur von der anderen, der Passivitätsseite her formuliert. - Weiterer Vorzug: das Gefälle zwischen Normalität und Krankheit mäßigt sich erheblich, unter Umständen gar bis zur Vertauschung beider Posten. In der Homogeneität der Sadismen nämlich taucht Pathologie als eine systemimmanente Zirkulationsphase auf (»Sadismus als Perversion«): als Gewalt- und Schuldverdichtungsmodus, mit der Gefahr der Phantasmaentblößung ausgestattet. Pathologie - der Rückeinschnitt des Dings in den Körper im Ganzen an einem Teil und darin in sich aufgeschoben, wie zu einem skandalösen Memorial quergestellt/aufgetürmt; Schuldresorption der dinglichen Schuldepikalypse in den Körper retour, sistiert zum Zug und Gegenzug, dem Gezerre je eines semiapokalyptischen Symptomblickfangs.
Vielleicht erinnern Sie sich der narrativen Passage von eben?: des sich potenzierenden Verletzungsübergriffs des Dingphantasmas in seiner Schuldabsorptivität (dem Gerücht des mortalen Nichts der Schuldvernichtetheit) auf den anmaßenden Körper in der Sequenz von Phobie, Exhibitionismus und Katatonie (Neurose, Perversion und Psychose), erschwert hier sozusagen dadurch, daß der Rückübergriff sich am Exkulpationsvermögen selber - der produktiven Einbildungskraft, objiziert der Brücke - vollstreckt? Allemal droht jedem »eigentlichen Sadismus" dieser Krankheitskollaps als Gebrauchsbestreikung; allemal infinitesimalisiert sich dieser (dies wenigstens) im Falle der Nichtpathologie, des gelingenden Gebrauchs zum Transit in die nächste sadistische Zirkulationsrunde, dem Übergang vom »eigentlichen Sadismus« zum "Ursadismus« zurück. Fernab von irgend planen antipsychiatrischen Voten, dem Widersinn der Transzendenzauszeichnung der reinen Immanenzkonzentration des Schuldfluchtinbegriffs schwerster Pathologie, hörte in diesem endlichen/unbegrenzten Sadismengefängnis, wenn immer es auch anders fluchtlos gebilligt werden würde, die übliche therapeutische Paranoia nach der Maßgabe der Normalität versus Pathologie (inklusive der weiteren Abweichungen) auf. Längst ja macht man, vom Unbewußten der Dinge buchstäblich geblendet, die Jagd auf Krankheit dergestalt, daß mehr als nur die Gefahr droht, mit dem ätiologischen overkill zusammen auch die Potenz dieses Vernichtungsgeschäfts selber mitabzuschaffen. Freilich, Pathologie mäßigte sich im Gegenlauf dieser unmöglichen Billigung nicht zuletzt zu einer Art frustranen magischen Prophylaxe objektiver Destruktion, dem Nichtzuwarten, daß das »Ding mit mir« mich kurzum als Leiche
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heimholte; die Isolierung des Körpers/des Subjekts von den Dingen/den Objektiva, jenes Basisaufbereitung zur selbstverständlich wissenschaftlich wohlbegründeten therapeutischen Verfolgung entfiele durchaus. Nur daß mit zunehmender Abrüstung (so es sie gäbe), also der Rüstungsdiffusion auf Alles und Jegliches sodann, die magische Kriegsantezipation der Dissidenzen sich, inklusive diffundiert je exakter Kriegsführungen dagegen, nichts als steigert; welche Steigerung im vollen Gange ist. Wo also vermöchte noch die unflüchtige Billigung, die Entblößungsmaßnahme des Todestriebs zu residuieren, wenn dieselbe sich am anderen Konträrextrem der Verdeckung schon zu realisieren angesetzt hat? Selbstüberführung der Epikalypse in die Apokalypse? Apokalypse indessen als Allranküne, Alldestruktion? Wo in diesem Delir postmoderner Indifferenzierung nähme der Widerspruch der rein internen Alterität der Anerkennung (des Todes) Platz? Eine heillose Situation.
Aber der Tod? Wenn schon die Produktion als solche, isoliert, der Selbstdarstellung/Erfahrbarkeit schlechterdings enträt; wenn sie sich - absolut, möchte man meinen - substituieren macht bloß als die ganze Labilität des Gebrauchs: als die Auflauerung des »Sadismus als Perversion« im »eigentlichen Sadismus« mindest im Sinne von jenes Übergangsinfinitesimalität; wenn dem so ist, dann muß der Tod, dieser Inbegriff des Nicht-Anderen, von dieser Paradoxie einer (Stell)vertretung ohne Vertretenes zumal betroffen sein. Man wird es behaupten dürfen: der Tod sei einzig dieses selber: die Absenz des Repräsentierten in der Re-präsentation bis hin zur Nicht-Grenze der A-Repräsentativität, der Begriff des Entzugs als Entzug (abermals Verhüllung .... die sich anfänglich entzogen hat); die maß-lose/unmäßige Marge des Verlusts im Urmehrwert der Dingausfällung; die üppige Not alteritätslediger, transzendenzloser repräsentativer Selbstbezüglichkeit; der begrenzt unendliche Einfang allen Ausscherens, zumal des Ausscherungsmodus Pathologie hier. Ohne Zweifel aber ist dieses Todeswissen nicht quasi unmittelbar, vielmehr immer quasi vermittelt in der mächtigen Haltlosigkeit der Usurpation des nicht usurpierbaren Todes; im Umstand also der Besetzung der absoluten Absenz des Repräsentierten durch den sich absolut behauptenden Nachtrag der Repräsentation. So drückte ich mich vordem einmal aus: Maschine (Ding) als die (blinde) »Selbstanschauung« des veräußerten Todes (der Gewaltinversion der Sterblichkeit), schaffende (entropische) Mortalität.12 Wodurch der Tod in die Welt kommt? Durch diese anmaßendste Statthalterschaft, in deren Zerfall sich nicht zuletzt auch dieses Wissen Sprachschrift-integriert (und abermals in diesem verfänglichen memorialen Aufzeichnungsquerstand) wenn nicht wieder zerfällt, so
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nichts-sagt und). Woraus Kautelen folgen mögen, auf daß der schöne Titel »Todesbilder« nicht zu einem Ausdruck sentimentaler Verschließung mißrät - ist der Tod doch ohneSprache, ohneSchrift, ohneBild, ohneDing; die Systemtotale des Todestriebs hat mit dem Tod schier nichts zu tun und freilich alles ob seiner unausschließlichen Ausschließlichkeit, in der Tat: die inklusive Disjunktion. Und dann fungiert jegliches Ding, zumal im isolierten transzendenzsüchtigen Anblick ikonisiert, als Todesbild der Todesverstellung ohne Verstellungssujet, den Tod. Und die Leiche, das ist die Memorialitätsfuge schon im Jenseits der Dinge, so etwas wie die Selbst- und Anderen-Verwerfung zugleich, die Totalverwerfung ohne Verwerfungspotenz (HohnHämeSpott selber) im Vorübergang der Hülle ohne Umhülltes mit Umhülltem in Blöße.
Am besten, ich erzähle wieder, bevor ich diese Technikgnostik abschließend im Geschlechtsverhältnis in diesem Toten zu Ende führe. Nicht daß ich bloß wach geworden und alle Dinge und Körper und ich selber gar ringsherum heil geblieben wären; es kommt mir darüber hinaus so vor, als sei dieses Ende, wenn es gewesen sei, kein Ende, ja als frommte es schier nicht, zu nichts, auch wenn es sicherlich sein wird. Weshalb? Ganz einfach, so möchte man meinen, insofern die einstürzende Brücke und der zerspringende Schädel, diese ultimative Lust, anderweits ankommen, als wohin sie geraten wollen mußten: (entschuldigen Sie bitte diese vorsokratische Ungeschicklichkeit) nicht in Erde als Luft und als Wasser zumal (und als Feuer allzumal). Mehr aber noch: das klägliche Ende dieser Anmaßung entfernt die Quintessenz nicht nur unendlich, es resultiert sogar die Fehlanzeige des ganzen Verhältnisses, die ich je selber mitnichten dann noch erführe; nichts dergleichen. Das kommt davon: nichts mehr durch den letzten unvermeidlichen Fortschritt des Seins-Nichts-entweder-oder. Nun ja, ontologisch skandiert.
Zum Schluß nun die Geschlechtlichkeit der Dinge, die generationssexuelle Rücksicht dieser ausnehmenden (Nicht)Todesbilder; wobei Sie sich sinnvollerweise an die Duchampschen Junggesellenbräute halten mögen (und durchaus auch an die Philosophieaufnahme dieses Dadaismus im »Anti-Ödipus", an die »polyvoke/nomadische Konjunktion", die "zölibatäre [Wunsch]maschine" etwa13). Technik, das ist, wie gehabt, die todesverwandelte Überbietungswiederkehr des verworfenen Menschkörpers. Gut. Welchen Körpers aber dem Geschlechte nach? - obgleich sich der geschlechtsdifferentielle Körper allererst in der Nachträglichkeit des "Dings mit mir" rück-bildet, das hysteron-proteron in dieser Fragestellung sich also dann nur vermeiden läßt, wenn die allererst differenzierende
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Verdiktpotenz des sozusagen vorhandenen Körperdoubles gebührend veranschlagt wird; so daß die Frage angemessen und genau einzig lautete (den Körper überhaupt freilich mitbetreffend): wie ist der Auseinanderhalt von Körper und Ding (überhaupt und) in sexuellem Betracht beschaffen? Nun, nach allem was man hierüber wissen kann (aktuell nicht nur insbesondere, vielmehr fast ausschließlich durch psychiatrische Verifikationen, die es aber nicht so recht oder überhaupt nicht an sich haben können, wissenschaftlich nicht-zirkulär auszufallen), konfiguriert sich das vis-à-vis von verworfenem filialem Körper und mortal-dinglichem Mutterleib mit dem Abstand zugleich von dessen vermittelnden Virginität, mortalen Tochterstatus. Also welcher Geschlechtskörper ist der urverworfene? Der Sohneskörper. Wie restituiert sich derselbe mehrwerthaft mortal im Geschlecht? In doppelter Weiblichkeitsmetamorphose als Mutterleibleiche und als abständiger toter Tochterkörper. Was also ist Technik diesbetreffend? Das nämliche. Instruktiv hierfür die Psychiatriekooperative, bedingterweise, Mythologie: so die Geschichte des Technikgottes Hephaistos, Heras parthenogenetische Mißgeburt, die sie kurzerhand aus dem Olymp wirft14. Und nicht zuletzt - Sie ahnen es bereits - die Geschichte unseres Herrn Jesus Christus, deren technikgenealogische Reproduktion auf der Grundlage der elaboriertesten christkatholischen Dogmatik (wenn schon, dann diese) erweislich machte, daß das Christentum die Korrespondenzmythologie des eschatologischen Technikprogresses selber sei. Man muß ja nicht lange nach den einschlägigen Motiven suchen: Gottmensch-Sohnesopfer, Jungfraumutter, leiblich in den Himmel aufgenommen, Transsubstantiation (die diachronische Opferanmahnung als verheerende Totheitssynchronie desselben Opfers in progress). In der Nichtexistenz der Gesamtweiblichkeit, die alle post festum-Referenz und -Reverenz auf das Dinglichkeitssystem derselben eben auch weiblicherseits mitnichten ausschließt, expandiert tote Weiblichkeit im Zwielicht des paternalen Transvestismus patriarchalisch total.15
Also: - aber darüber habe ich viel schon geschrieben16 - das ist zwar nicht selbstverständlich, doch unsereiner gewahrt es sogleich mit (bringt aber oftmals nicht die hinlängliche Indolenz auf, sofort darüber zu sprechen), daß die apostrophierte unklare Ängstlichkeit anmutete, als-könne dieser hilfreiche Brückennymphenkörper aus guten Gründen mir, dem immer auch Schuldunwilligen, den Liebesdienst seiner durchaus unanständigen Begehung verweigern, sprich: meinen schändlichen Rücksog in den auflauernden Mutterkörper daunten/den Hinmelfahrts-Hochsog veranlassen. Und umso mehr frommt der Sabotageakt der Brückensprengung apriori nicht, zu nichts. Also: wir tragen in uns Keime aller Götter.
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Anmerkungen
  • Aus G. Benns letztem Gedicht "Kann keine Trauer sein" (auch abgedruckt auf der Umschlagrückseite von: Schizo-Schleichwege. Beiträge zum Anti-Ödipus, Hg. R. Heinz/G. Ch. Tholen, Bremen - impuls - 1983)
  • Siehe: Die Utopie des Sadismus. Einige programmatische Überlegungen, in: Die Eule. Diskussionsforum für rationalitätsgenealogische, insbesondere feministische Theorie, Nr. 3, 1980, S. 24-71; Shame and scandal in the family. Die Psychoanalyse als Wegbereiterin ihres eigenen Untergangs, in: ebd., Sondernummer (1982), S. 61-143; Wissenschaftlichkeit und "ursprünglicher Sadismus". Zur suizidalen Verfassung der wissenschaftlichen Psychoanalyse (in diesem Band); Kleinbürger-double-binds. Zum Problem der Gewalt in psychoanalytischen Verfahren und Institutionen (in diesem Band).
  • In: Die Eule, Nr. 3, S. 46 ff
  • S. Freud, Das ökonomische Problem des Masochismus, in: GW XIII, S. 377
  • Ders., Jenseits des Lustprinzips, in: ebd., S. 58
  • Das ökonomische Problem des Masochismus, S. 376
  • Jenseits des Lustprinzips, S. 58
  • Ders., Das Ich und das Es, in: ebd., S. 270
  • In: Sämtliche Erzählungen, Frankfurt/M (Fischer), 1970, S. 284
  • M. Heidegger, Die onto-theo-logische Verfassung der Metaphysik, in: Identität und Differenz, Pfullingen (Neske) 2/1957, S. 46 f
  • Siehe: Entsühnung. Zu einer Stelle aus H.-D. Bahrs "Über den Umgang mit Maschinen" (Tübingen - Konkursbuch-Verlag - 1983, S. 493), in: Kaum. Halbjahresschrift für Pathognostik, Nr. 1, 1984, S. 78 f
  • In: Die Eule, Sondernummer (unter der Kapitelüberschrift "Die Todesfreundschaft der Maschinen"), S. 90
  • G. Deleuze/F. Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, passim
  • Siehe: Arbeit - Technik - Tod. Einige mythosophische Überlegungen zu Hephaistos, Daidalos und Helios (in diesem Band)
  • Siehe: Mein großes Tischgebet, in: Hermesiade. Philosophische Tagungsbeiträge zum Tauschproblem, (Genealogica Bd. 9, Hg. R. Heinz), Essen (die blaue eule) 1986, S. 73-81; Transsubstantiation. Über Tausch und Christentum oder: Mein großes Tischgebet, in: Pathognostische Studien 1, (Genealogica Bd. 10), ebd. 1986, S. 161-186
  • Siehe: Vom armen Satyr und der unzuverlässigen Nymphe. Parabel über eine Brückenphobie, in: Die Eule, Nr. 11 (1984), S. 80-88; ebenso in: Theatro Machinarum (Brücken, Sprache, Ökonomie), Jg. 2, Heft 5/6 (1984), S. 7-14
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