Name
Passwort
Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Körperphilosophische Propädeutik (Pathognostische Studien V, 1999, Essen, Die Blaue Eule, 137-166)
Verbotene Worte. Psychotische Spracheffekte
Notorisch erweisen sich Schizophrene als wie ein offenes Scheunentor für das Sprechen des Anderen, dessen Nichtungspotenz. Und die Inversionsparade dieser Not im Ganzen, das ist dann das schizophrene Sprechen des Anderen als dessen exklusiver Ausschluß. Allemal der Ausfall der Vermittlung, des "ungetrennt und unvereint", zumal auf Sprachniveau, sofern hier ja die Vermittlung der Vermittlung ansteht.
Herrscht mich ein junger Schizophrener an, als ich mich zu seinem Zustand irgend äußerte: "Sie hören jetzt sofort zu sprechen auf. Sie hacken mir die Beine ab." Es ist mir nicht mehr erinnerlich, was ich zu ihm sagte, doch da das "Was" der Sage eh ja nichts anderes sein kann (jedenfalls in philosophischem/psychotischem Betracht) als eine Selbstdarstellung des Sagens selbst als solchem, ist der Erinnerungsausfall, den Gehalt betreffend, irrelevant: der Schizophrene re-agiert auf das Sprechen überhaupt. (Vorsicht! Eben: das "funktionale Phänomen" ist eine basale Schizophrenisierung....) Was aber richtet Sprechen als solches an? Der Arme sagt es: an-gesprochen werde ich Beckett-like "verrumpft". Angesprochen? Sprechend doch auch? Gewiß, im Sinne der psychotischen Fraktalisierung der Indifferenz metempsychotisiert destruktiv das Selbstsprechen ins Anderenansprechen. Weitere Indifferenz: diejenige von Sprechen und Gehen - eine gesamtszenische (immer witzige) "Rücksicht auf Darstellbarkeit", die sich konkretistisch radikalisiert. Freilich besteht die psychotische Utopie dann im Sprechen mit laufenden Beinen: so der bekannte Nomadismus: Ubiquität-Selhstersprechung, Atopie, differiert zur immanenten Utopie. Demnach bestände die Heilung in der Peripathetik? Nein, für den Schizophrenen ist sie der Gipfel der Unverschämtheit des übergriffigen Anderen, so daß spätestens in dieser Normalisierungskulmination mit einem tätlichen Angriff gerechnet werden muß. Spazierengehen im in sich ausgeweiteten Kreise und lautes miteinander-Räsonnieren nach klassischer Philosophenart, das ist die letzte annihillierende Psychosenusurpation.
Höhepunkt der schizophrenen Parade des Angesprochenseins: "Wenn Sie mich nicht gleich in Ruhe lassen, dann werde ich schwanger." Torso-Fixation und voninnen-Auflösen. (Die Erwähnung der Metaphorik der Sprechensschwängerung erübrigt sich, ist ja bekannt.)
Offensichtlich ist der geltend gemachte Körperschnitt geschlechtsdifferent: männlich Torso (Schnitt durch die Oberschenkel bei Erhaltung der Genitalien und des Hinterns) und weiblich Büste (Schnitt durch die Taille, "die durchsägte Jungfrau"). Weshalb? Man sieht es doch! Zirkulär gesagt, muß die Bild-lichkeit der Zeugung im Leben wie im Toten am beinamputierten Sprecher, potenziert
137
am Schreiber, erhalten bleiben. So daß Frauen weder Sprechen noch Schreiben können respektive bloß büsten-, das heißt busenhaft. Mann, der folgerichtig im Himmel verbüstet wird.
So fällt auch helles Licht auf meine pseudobeinliche Kleinperipathetik hier und jetzt, mein Auf- und Abgehen beim Diktieren, freilich bestens exkulpiert auf weiblicher Soufflagegrundlage und zum Glück auch dergestalt, daß die Schreibmaschine inklusive ihrer Typistin insofern nicht aufschreien muß, weil ich ihr sprechend die Beine abhackte, als sie souverän eh schon beschlossen hat, keine solchen zu haben, und nicht zuletzt die Tipperin adäquat verbüstet, wie gehabt, dasitzt. So auch therapieren sich die persistierenden Rumpfschmerzen (rechts) des Schreibers, als er selbst noch, handschriftlich gar, mit entblößtem Oberkörper und Rotlichtbestrahlung, unentwegt große Texte schrieb.
Fehlt die Theorie der Soufflage. Ganz einfach indessen: sie ist die Externalität der Schizophrenie, projiziert, jedoch bloß wie eine passagere Infektion (re)introjiziert und als Text aufgelassen wiederausgeschieden: Einschnitt, Abstand, ja Absenz als Folienkreation ihrer Aufnahme.
Da wir beim Gehen sind: alles normale Gehen ist selbstverständlich durch und durch phantasmatisch, also auf Selbstgründung hin motiviert; nur daß diese Universalmotivik sich ausschließlich durch Binnendifferenzierung, konzessive Streckung sozusagen zu aktualisieren versteht. Normalität, Funktionstüchtigkeit, die also eine Art von Doppelglauben voraussetzt: "trotz Natur und Augenschein" (gibt es keine tautologische Objektivität, vielmehr immer nur, mehr noch als symbolische, nämlich konkretistisch-transsubstantiative) und zugleich "ob Natur und Augenschein", dieser wegen, (gibt es, umgekehrt, eben diese nicht, sondern ausschließlich jene). Kriterial ist es für den zuhöchst gläubigen, quasi denkerischen Normalstatus aber, daß diese seine Aufklärung in ihn selbst hinein absorbiert sein muß dergestalt, daß einzig die eine Seite, die objektivitätssichernde, passager Differenz-statuierende Sensualität, sich exklusiv macht - ganz einfach doch: man kann gehen, das ist so vorgesehen, und um gehen zu können, hat man, sensuell beglaubigt, Beine.... Schade nur, daß man von diesem allerschönsten Wirklichkeitsverständnis her die Abweichungsfälle nimmer ableiten kann!
Welches Verhältnis nimmt der Schizophrene zu seinen realen Beinen ein? Dem Anspruch nach keines, sofern er überhaupt keine, geschweige denn "reale", Beine haben kann und also zugleich nur noch reale Beine hat, nein: selbst ist, sprich: selbst schon in seiner eigenen Motilitätsprothetik aufging und immer zugleich sich als deren Kontradiktion, die reine Imaginarität der Fortbewegung, hypostasierte: Vermittlungsraptur immerdar: die schizophrene Diskrimination in den 'corps matière', selbst schon dinglich-prothetisch, und in den 'corps propre' als über dieser ihrer Dinglichkeit schwebende, freibewegliche reine Seele. Naturwissenschaft demnach pur: unabhängige Objektivität und nicht minder
138
unabhängiges Denkvermögen. Wissenschaftstravestie freilich: Wissenschaft, wie immer pathologisch, beim Wort und buchstäblich genommen; so daß man im Ausgang von Krankheit wissen könnte, daß gelingende Wissenschaft das zugleich verleugnen muß, was sie voraussetzt.
Der Aufschrei des Schizophrenen im Beispiel, sein Einhaltgebieten wider die Sprechenstorturierung, wird so plausibel: in seiner - nur noch residual rettend geöffneten - Kurzschlüssigkeit, seinem quid pro quo-Wesen auf ganzer Linie, seiner Indifferenzbesessenheit, seiner Selbstreferentialität kann er nicht nicht selbst schon der sprechensexekutierten, von ihm ja nichts als blockierten Vermittlung derart ausgesetzt und verfallen sein, daß selbst der dümmste Satz ihn in die wie reale Verlegenheit bringt, seine Beine zu verlieren: just "verrumpft", scheußlich schmerzend sanktionell bei lebendigem Leibe zu seiner eigenen Motilitätsprothese (wie durch einen quasi epileptischen Sturz) zu werden. Wodurch ausgelöst? Durch den An-Spruch des Anderen an ihn, seine reine Seele, aus ihrem ewigen Wachen im Jenseits auf die Erde retour geweckt als Weckensverfehlung sodann als Sturz in mortale Dringlichkeit: Tiefschlaf und schließlich Tod. Welche Vollmacht des Anderen!
Vollmacht des Anderen - bis zum Letzten ist sie instantan dessen ganze Ohnmacht. In der Rest-differance der psychotischen Wut restiert das minimalisierte/maximierteste Seinsverhältnis; "wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß", das ewige Double-bind, dessen Nicht-Auflösung ins doppelseitige Entweder-Oder das Verhältnis, die Mediation selbst, vernichtet: Nichts der Vermittlung, die Entropie eines generalisierten Single-Wesens (Versingelungstheorie, bitte!). Es stimmt nicht, wie im "Anti-Ödipus" vermeint, daß der Schizophrene einzig in Ruhe gelassen werden wolle, zugleich will er es überhaupt nicht; er reklamiert und de-klamiert den Wecker zugleich, um ununterbrochen träumen zu können, ohne Erwachen und ohne NREM: die letzte gedächtnisbezogene Todesusurpation, unveräußert, oder besser: mit der immer vorausgegangenen prothetisch-medialen Veräußerung kurzgeschlossen. Notorisch erscheint so die Schizophrenie als quasi Realmythos der Gedächtnismaschinen, abgehoben mythologisch die ganze Aktualität des Christentums. Das ist wohlbekannt. Weiterer Irrtum des "Anti-Ödipus" indessen: die kriteriale Auftrennung von Paranoia und Schizophrenie, insofern jene die Fleischesopfer für diese, die Dingproduktion, unverzichtbar managt.
Was geschähe wohl, wenn man den schizophrenen Einspruch wider das Sprechen überhaupt parierte mit dem Hinweis auf die bloße "Eingebildetheit" desselben: "Sie sehen es doch, es passiert garnichts, ich kann solange reden, wie ich will!" In letzter Konsequenz wird der Schizophrene an sich selbst die Imaginarität seiner Schwerstbeschädigung realisieren müssen, zum Beweis, als Falsifikation der normalen, ja wissenschaftlichen Widerrede als deren ultimative Vollstreckung. In einem Zwischenfeld war in der Psychiatrie des vorigen
139
Jahrhunderts solche Realisierung der psychotischen Imaginarität am "realen" Körper Inbegriff der Psychosentherapie (heutzutage praktiziert man zwar das nämliche, doch viel subtiler, weil von innen und im Ganzen, freilich nur symptomtherapeutisch, so daß sich das Symptom wie in einem unendlichen Wartestand aufhält). Das ist zwar konsequent, konsequentest ganz im Sinne des historischen Apriori wissenschaftlicher Metaphysik - nichts anderes tut man nämlich, als die psychotische Apokalypse, die auf die Spitze getriebene offenbarend sich selbst aufhebende Wissenschaftlichkeit selbst, auf ihr operables Durchschnittsmaß zurückzuführen: das tote Körperdouble und die darüberschwebende unsterbliche Seele "ungetrennt und unvereint" zu re-liieren, gänzlich im Sinne der Wissenschaft als Metaphysik. Die fehlerhafte/phantasmatische Voraussetzung dieser Wohltat konzentriert sich auf den "realen" Körper als der fundierenden Realität, wenngleich derselbe in genealogischem Verstande kein anderes ist als die freigegebene, als Wissenschaft autotomisierte Rückeinschneidung des dinglichen Körperdoubles in den Körper retour, die szientistische Abtrennung der Psychose selbst, deren externe Duplikation unter der Prärogative der Materialität. Anders ausgedrückt: man kommt nicht umhin, aus dem psychotischen Dauertraum wecken zu sollen, was zugleich die Tiefschlaffähigkeit wiederherzustellen mitintendiert. Löblich, löblich!; nur daß die Menschlichkeit der therapeutischen Verfolgung der psychotischen Vermittlungshypostase rein auf der Passion des Schutzes der - also doch anfechtbaren - Selbigkeit von Wissenschaft selbst beruhte. "Der weiß zuviel" (auch wenn er es für sich selbst nicht nutzen kann), "die Leute sind gefährlich". Wissenschaft, die je fortgeschrittener, scheinbar absurdester Weise umso mehr der gewalttätigsten Kautelen bedarf. Noch anders ausgedrückt: begeht man wissenschaftlich therapeutisch auf Schizophrenie hin den produktiven Nonsense, dem Kranken mit der Maßnahme, ihn endlich weckend vom Spiegelbild wegzubringen und dem Abbild (dem Blick des Anderen) und schließlich den Dingen zuzuführen, das Spiegelbild als solches wegzunehmen - dies als die unbegrenzte Amortisation der Psychose (man kann es plan berechnen). So daß man lächerlicherweise auf die Flucht des Schizophrenen vor seiner Spekulation hereingefallen wäre. So daß man meinen könnte, daß der erfolgreich therapierte Schizophrene vom Loch seiner Nichtspiegelung zwar absähe, jedoch zugleich gezwungen wäre, alles im Spiegel Mitgespiegelte so anzustarren, als sei dieses schon Abbild und Ding, an deren Statt (= die Übersetzung des Umstands, daß neuroleptisch bloß die Symptomrepräsentanz abgehalten wird). Noch anders ausgedrückt: die Beseitigung der losgelassenen Imaginarität ist die des "dritten Körpers" "neben" dem corps propre' und corps matiere`, meinetwegen "Traumleib" zu nennen. Just indem man wissenschaftlich das Kind mit dem Bade ausschüttet, erfüllt sich Wissenschaft als die magische Negation dieser Übertreibung. Ob wohl noch ein Spielraum im dichtesten Netz
140
der Metaphysik als Wissenschaft verbleiben könnte, um es anders zu halten? (Also denken wir uns kongeniale Narreteien aus!) In der Beispielsszene imaginiert der Schizophrene die Bewegungs-epoche des Sprechens konkretistisch (die apostrophierte "Verrumpfung") als Martyrium, dessen Vor-Halluzination. Wobei die Realie der Selbstverstümmelung die Eschatologie dieses Verhältnisses ausmachte: Widerlegung der Imaginarität als deren Endbeweis; dies freilich auch am anderen Ende in der Inversion, ihm anzudrohen, ihm die Beine abzuhacken und dieses als Letzttherapie gar zu tun: die Einheit von "ursprünglichem Sadismus" und "primärem Masochismus", exekutiert als "Sadismus/Masochismus", triebentmischt, "als Perversion". (Überfällig die Theorie der Folter - fast ist man versucht zu sagen: deren "anthropologischen" Notwendigkeit, den Bann der Imaginarität, also der Selbstreferenz des Gedächtnisses bis hin zur Produktionsinstanz, in sich zu brechen zum Zwecke seiner Restitution). Was solches (man könnte meinen: das ewige Christentum) soll? Sprechen, und damit die totalisierte Vermittlung insgesamt, möchte so in unanfechtbare Regie genommen werden, dergestalt indessen, daß die Lokomotion zugleich uneingeschränkt gewahrt bliebe. Die Paradoxie dieser Wahrung löst sich darin auf, daß die drastische Immobilitätshalluzination den magischen Schutz des freiesten Mobilismus zu besorgen trachtet. Das heißt aber: der Schizophrene ist selbst schon als torturierter Beckett-Körper in dieser seiner Katatonie, eingeklemmt und in-sich-reflexiv nur noch zwischen Flucht und Angriff und unerträglich quasselnd, die dinglich-prothetische Korrespondenz des allmächtigen Vehikels (unendliche Geschwindigkeit als Stillstand), je schon ersprochen durch die göttlich absolute Sprache der Selbstersprechung. Und dem leibhaftigen Anderen widerfuhr, frei-willig und zu seinem Heile, die besagte, alsbald zum Nichts hin entropisierende "Verrumpfung" zum massigen Opferstoff des verbum als Ubiquität. Welch apokalyptische Szene, die des Jüngsten Gerichts: Raumschiff mit warp-Geschwindigkeit, rein für sich fliegend (fliegend?), gebildet aus Legion verstümmelter Körper, eingebeamt.... Man kann es nicht vermeiden, all diesem Spuk gewaltsam ein Ende machen zu wollen. Aber wie? Wenn mittels Wissenschaft als Metaphysik (Psychopharmaka), dann ward der Teufel mit ihm selbst zu seiner höheren Unteufelsehre ausgetrieben. Bleibt die Frage, wie man denn wohl anders dazwischen käme, so man die andere Inter-vention überhaupt prätendieren solle?
Also richten wir ein psychosentheoretisches Labor ein und begeben uns in riskante terra incognita! Sogleich eine mögliche Parade: "Wir sollten zusammen spazieren gehen": Peripathetik, Spaziergang im Akademiegarten. Ist es doch der Status solcher ästhetischen Freiheit, eine Art positiver Vermittlungshypostase, ein passagerer Erfüllungszustand, dessen Verlustigkeiten sich in seiner Vergewisserungsweile verlieren, den der Schizophrene hassen und also lieben muß, weil er ihn im Ganzen begehrt. Freilich wird er dieses Dilations-,
141
Dilatationsansinnen mindest als verrückt erklären, wie er sich überhaupt gegen alle Veränderung/Heilung heftig wehren muß (Apologie der Zirkularität in sich selbst zur Kreatur sanktionierten Göttlichkeit!); was indessen kein Argument dagegen sein kann, es nicht doch auf diesen Wegen therapeutisch zu versuchen. - Pointiertere, akutere, prekär-mimetische Parade: "Sagen wir die Hälfte - ein Bein genügt. Sie fordern einen maßlos überhöhten Preis. Hüpfen wir doch auf einem Bein im Kreise": vielfältiger heftiger Differenzkeil, in die Indifferenz hineingetrieben, als erwachsen bösartiges Kinderspiel, Co-Närrischkeit, Schlag ins Kontor des Symptoms direkt. Sicherlich wird man durch solche Interventionsmodi alsbald - der Pferdefuß des Pferdefußes - und auch immer prekärerweise die prothetische Wunderüberbietung der Lokomotion provozieren: potenziert das Fliegen: Hephaistos-/Daidalos-Künste, die teuflische mechand. Und dazwischen würde wohl das marchd ä quattre pattes' und, mehr noch, das auf-den-Händen-Gehen akrobatisch fällig: Tierwerdung als Rückeinholung der Bewegungsprothesen in den Körper retour, die im Falle der uneingeschränkten Rückkunft Wotans Leibroß Sleipnir (wieder)erzeugen - als letztlich tödliche Körperüberlastung, in der sich die prothetische Abgabe re-klamiert. - Vielleicht auch - gewiß dann harte - Paraden auf Sprachebene selbst? Spricht man und hat der Angesprochene die Prätention, selbst exklusiv (dagegen)zusprechen, so schneide ich diesem eo ipso das Wort ab. Das Wort, und nicht die Beine. Also könnte ich erwidern: "Nein, ich schneide Ihnen nicht die Beine, vielmehr, wenn schon, bloß das Wort ab." Er wird wohl irgend dagegenhalten müssen, daß es solches nicht geben könne (eben nur, wenn, dann sinnlos metaphorisch): jemandem das Wort abzuschneiden. "Na gut", könnte ich replizieren (im Hinterkopf mit der Theorievorstellung seines konkretistischen Kurzschlusses von Kopf und Beinen), "Ihre abgehackten Beine aber sind längst schon kompensiert in allen Vehikeln, die Sie, so vollkommen sind diese, auch nicht mehr imitieren können, oder aber nur um den unbezahlbaren Preis Ihrer körperlichen Schädigung bis Vernichtung. Das heißt aber nicht, daß wir in einem noch ungefährlichen Zwischenbereich nicht spielen könnten, selbst Lokomotionsmaschinen zu sein..." (0 weh - solche Sprachisolierung wird ohne Bewegungsperformanzen gewiß aber nicht verfangen; so hackte ich ihm die Beine mehrfach ab, und was sonst noch alles mehr!) Offensichtlich hängt der aufrechte Gang, Anthropos, an der Vermittlungsfähigkeit, dem Auseinander- und Zusammenhalten, "ungetrennt und unvereint" immerdar, der Memorialität: endlich und unbegrenzt, Paradoxievorgabe, die nur um den Preis von Pathologie und/oder Wissenschaft nicht-aufgelöst werden kann.
Wann wohl würde der Schizophrene replizieren: "Aufhören! Sie köpfen mich"? Wahrscheinlich im Falle des "Ich-gebe-es-dir-schriftlich", bei skripturaler Zirkulation. Aufzeichnung, insofern sie manna, unerschöpfliches Himmelsbrot ist, die gelesen inkorporativ nicht verschwindet: Hydra-Kopf, die Provokation schlechthin
142
(was man nicht alles tun muß, um diesen Horror aus der Welt zu schaffen - siehe Herakles' zweite Arbeit [labor/Labor!]). Welcher Heros oder Gott aber geriert sich verwegen konfrontativ therapeutisch so? Hermes freilich, avunkulisch hermeneutisch; wogegen es Herakles - und das alles reüssierte wider die Psychose - mit Ares/Zeus in dieser martialischen Hinsicht hält: "mit Feuer und Schwert".
Das hermeneutische Gequassele und Gequatsche an der Kriegstaten Statt, die infinit ersetzt scheinen, den Krieg mitnichten aber peremptorisch aufhalten, also verhindern; Diplomatie-Hypostase, zugespitzt und wie schon im Übergang, zumal dann dem festgehaltenen, in (Kriegs) Wissenschaft hinein: "Was willst du eigentlich? Das gibt es doch garnicht!" Nichts drinnen, nichts dahinter, kein anderes auch darüber und darunter und daneben: rechts und links - das unendliche Superfizium als das Fundamentalartefakt der quantifizierenden Wissenschaft. Verbleibt diese Intervention sprachlich logisch, so kann die schizophrene Replik nicht anders lauten als: "Siehst du denn nicht...!?" Das heißt - und das läuft auf die aisthetische Genealogie von Psychose und Wissenschaft gleichermaßen hinaus - : der Kranke vergespenstert in diesem Sinnenwechsel, der überbeschleunigten Konversion des Sprechens/Hörens ins Sehen, dieses, haftet der also überlasteten Sicht das Sprachwunder der Götter/der Technik (Körperüberbietung) an - Narrenrückspiegelung des Gesprochenen. Die zwingende Bedingung aber dieses nur wissenschaftlich schlichtbaren Streits (fragt sich dann, wie tragfähig diese Schlichtung sein könne) besteht darin - immer wieder Adlers Bemerkung, daß sich die "Paranoia" der Nichtübereinkunft von Hören und Sehen verschulde -, daß davor Sprechen und Hören selbst nicht schließen, kurzum: im Echoeffekt. Im Spalt zwischen Stimme und Gehör hausen, übergegangen in deren Nicht(ver)schluß im heil-losen Sehen, die Dämonen, die sich als Technik zwielichtig verstecken und als Psychose zwielichtig offenbaren. Weshalb aber dieser Fundamentalriß? Eben darum: damit es Dinge geben kann. Das alles sind ABM-Maßnahmen des Seins zuhöchst selbst.
Und wenn ich denn nun replizierte: "Siehst du denn nicht? Indem ich spreche, habe ich selbst mir die Beine je schon abgehackt!"? Es wird dann wohl einen Kampf ums Teilen geben: "Geteiltes Leid ist halbes Leid", und gewiß wird der Schizophrene - "ich bleibe keine Minute länger mehr" - die Beine auf den Buckel nehmen wollen, laut schimpfend, Sprechen so versammelnd und quittierend, abhauen (Abhauen!).
Problem ist die Mediation von Wahrnehmung und Bewegung, "konkret" von Kopf/Augen und Beinen/Füßen, von Kreismotorik und Lokomotion, Zirkularität und Linearität. Medium beider ist die Sprache selbst (verbum). Folgerichtig bedeutet der Schizophrene demnach, daß das intersubjektive Ultimatum an Unwahrheit/Nichtsein, das Sprechen des Anderen, die Vermittlungsinstanz Sprache selbst sprachlich zerstört; Vermittlungssuizid. So daß indessen nicht die
143
Wahrnehmung, sondern die Fortbewegung liquidiert erscheint: BeineAmputation versus Köpfen. Was verbleibt, das ist ja das unmögliche paranoische Sprechensverhältnis als Wahrnehmungshypostase, als solche aber - und das ist wiederum nichts anderes als die Schizophrenie selbst - die Sprachüberlastung des Sehens, und dieses wiederum konkretistisch gemacht: Fraktalisierung der Indifferenz des Wörtlich- und zumal des Buchstäblichnehmens (auf dem Wege dann zum Köpfen als Schrifteffekt) als eschaton der Metaphysik, in den medialen Doubles, Sprache und Schrift, im transsubstantiativen Einswerden mit diesen, der Grund seiner selbst (causa sui) zu sein. Im Abbruch der Sprachmediation von Wahrnehmung und Bewegung degeneriert der "unbewegte Beweger" zum unbewegten, nur noch exklusiv in sich selbst bewegten Unbeweger. Freilich wird alsbald der Computer demnach diese seine Autoprädikation vor seinem Benutzer zu leisten imstande sein und auf dem Bildschirm als Menetekel erscheinen machen: "Sie haben mir je schon die Beine abgehackt" - Fundamentalsatz, der sinn-los gerechnet ist.
Sofern Linearität Zirkularität voraussetzt - Kugel und Kugelschnitt Rad - , jene den Austrag dieser ausmacht (keine lineare Bewegung, die letztlich keine Kreisbewegung wäre), beginnt im Deplazement der Sprachmediation in die Wahrnehmungshypostase schizophren sich das Seinsverhältnis selbst aufzulösen. Höchste Gefahr! "Körperlich" besteht sie darin, nicht mehr Zombie, Körper und Ding in einem, "Leichenfuge", sein zu können, Totenschädel vielmehr nur noch und herausgerissene tote Augen, mit denen sich die Anderen kegelnd verlustieren. Sind Kopf und Augen leidlich doch rund, Beine und Füße linear dagegen; ist doch der Abriß des Kopfes der Tod, der der Beine aber bloß schwere Verletzung - eben: Wahrnehmung ist die Voraussetzung der Bewegung (metaphysisch gesprochen, freilich). Notorisch obsediert hier der Widerstreit zwischen "Materialismus" und "Idealismus", das ganze Scheinproblem von der Henne und dem Ei: was ist zuerst: der 'corps matière' (die Vorgabe der Lebensnotwendigkeit, nicht Genick-gebrochen und nicht geköpft sein zu müssen) oder der 'corps propre' in seinen höheren Denkenssphären allerdings schon (das Voraussetzungsverhältnis zwischen Wahrnehmung und Bewegung): Seinsvergessenheit, Sprachvergessenheit! Was schizophren aber die Arme und Hände und überhaupt der mittlere Körper (auch der innere) sollen? Arme und Hände: da es keine Differenz geben darf, müssen sie verdeckt subsidiär bis überwertig exklusiv totalisiert sich einsetzen: als Mittel zum Zweck der Ubiquitarisierung, allermindest der Flucht: Rudern wie beim Schwimmen und Flügelschlagen.
Gunst der verbotenen Worte: ihre Eigenart einschließlich ihrer Parierung könnten Kriterien der Differenzierung der Psychopathologien ergeben. Wie skizziert, ist schizophren das Sprechen des Anderen überhaupt untersagt. Paranoisch ist es der Sprachskandal generalisierter Jurisdiktion, die verurteilend das Verurteilte zugleich genießt und, artikuliert, dem Kranken den Selbstzusammenschluß in
144
dieser Doppelung wegnimmt (im Extrem begründet sich die Verbotsbelegung mit der Supposition, daß Sprechen das Gesprochene im Sinne des Wunders einer Realperformanz, verbaler Urzeugung, allererst erspricht). Depressiv ist die Sprache insgesamt, ebenso nur noch verboten, "geschluckt", inkorporiert, so daß es kein Außenverbot mehr geben kann; Verbotsobstipation. Im psychoneurotischen Bereich sind, phobisch sowie zwangsneurotisch, die verbotenen Worte mit Symptomverstärkungen replizierte Tabubrüche, wie überhaupt zwar, hier aber auf das Symptom eingegrenzt, wie dieses selbst ja schon partiell ist. Die Hysterie verhängt ihr Tabu notorisch über die Simulation. Und so fort - die Perversionen prozedieren in dieser Hinsicht kriterial paradox: dis-simulativ; und die höheren Differenzierungskünste müßten sich in der Sphäre der, kurzum, organischen Krankheiten unter Beweis stellen.
Intermezzo zu Schrift und Zahl (und Körper)
Menschlich am Anfang war die Schrift/"Urschrift". Zunächst à la Jaynes: als Abhören von Götterbildern. Und dieser Anfang, jedoch prothetisch vermittelt, ist zugleich das Ende: unsere Medieneschatologie. Was es aber anfänglich mit der Diskrepanz von Bild und Ton auf sich hat? - sind doch die Götterbilder gemacht und ihre Verlautbarungen nicht? Dazwischen nun der Schriftprogreß als Externalitätsprojektion des Verlautbarten, und dieser wiederum gestuft als Sequenz von Bild (Hieroglyphik) und Ton (phonematische Schrift). Spätestens mit diesem letzteren Evolutionsstadium hebt die selbst dann wiederum veräußerte Reproduzierbarkeit, "Abstraktion", die quasi Mitnehmenschance für jeden, an. Und innerhalb dieser Phase progrediert die reproduktive Prothetik von der Druckerpresse bis zum Computer mit seiner Spitzenleistung, die Vorzeit in der Endzeit endzeitlich perfekt und in aller Stupidität zu realisieren: der Ursprung als das Ziel (immerdar Metaphysik pur). Versteht sich: diese Entwicklungsverhältnisse sind historisch und zumal geschichtsphilosophisch noch unklar. Was nun die Zahl betrifft, so gilt, daß von Anfang an - wie als Schatten der Schrift - gerechnet wird/werden muß; nur daß das zahlige Schriftsubstrat (um es vorläufig einmal so zu nennen), die Doppelgestalt der platonischen Idee in ihrer Endprärogative der Zahl, eben in ihrer prothetisch-autotomen Veräußerung, gänzlich in metaphysischem Verstande, zur ultima ratio, medientechnologisch ausgeführt, avanciert.
Was sich, absurderweise, doch eben deshalb äußerst erfolgreich, als Phantasma der Mathematik schon in den simpelsten Rechenoperationen dartut: eins und eins gleich zwei - gewiß, der aufgezeichnete Akt, als die infinite Anamnesis seiner selbst und deshalb nichts denn aktual, tut folgerichtig irre so, als sei er gar kein Akt, keine Memorialitätsleistung mehr, sondern restlos nur noch zahlig, nicht schriftlich. In der Tat - das geht nicht anders - : die Zahl ist der Ursprung
145
selbst, immer Effekt der erfundenen Unerfindlichkeit des (buchstäblich verstanden) Anthropos, der sich einzig so in seiner erigierten Haltlosigkeit hält/festhält, einräumend daherwandelt als Fläche selbst. Welche, wenn sie gar auch noch tätig würde, aushungernde Genealogie freilich nicht die Umkehrung der Rangfolge Zahl - Schrift bis hin zu dieser Exklusivität - das wäre dasselbe metaphysisch in Grün am anderen Ende - bezweckt, die dagegen nur aussein kann auf den Aufriß der Idolatrie von Metaphysik, gleich welches ihrer Elemente, Zahl oder Schrift, den Platz des Ursprungs besetzt. Und ein anderes ist es dann, in der Gegenführung der Homogeneität beider, der gemeinsamen Herkunft aus der "Urschrift", deren Kontrarietät zu wahren. Freilich, im mutuellen Schattenwurf beider, dem je nicht wegwaschbaren, mahnt sich das notwendige Vergessen der Genealogie an, nicht mehr aber und auch nicht weniger. Hades, Hadesschatten (die Unterwelt ist die Brutstätte von Naturwissenschaft und Technik). Incipit genealogia numeri.... Nicht zuletzt wäre hier der nächstliegendste Aufklärungsschritt für Zahl deren Referenz zum generativen Bewährungsort ihrer selbst, dem nicht-erinnerbaren Traum, wiederaufzunehmen: Interim-Davor, Hades-kryptisch, der sonmialen Repräsentation in ihrem faktischen Sonderskripturalismus, darinnen als die Substrate der "Anschauungsformen". Kurzum: wenn das Zählen sein Er-zählen wesensgemäß wegschaffen muß, so nimmt es nicht mehr Wunder, daß es sich permanent verzählt. Der erinnerungslose Traum: das nur-Zählen - Zahlen als Gedächtnissubstrat sind, zirkular ausgedrückt, entsprechend gedächtnislos. Zählen, das sich substrathaft ins Erzählen hergibt, nicht zwar im Ganzen, vielmehr immer irgend (wie genau?) reserviert. So daß Erzählen, quasi als Beraubung des Zählens, eo ipso erinnerbar sein müßte, doch darin eben in sich defizitär. Versteht sich, daß Psychopathologie die Eskamotierung des "unvereint" im "ungetrennt und unvereint", die Tautologie eben des "ungetrennt und vereint" angeht; immer dergestalt jedoch, daß sie, indem sie diesen effektivsten Irrglauben anprangert, zugleich dessen Gehalt als reines Wissen, dies Wissen gar zu sein, prätendiert: "getrennt und vereint". Nicht demnach moniert Krankheit, quasi lebensphilosophisch, die metaphysische Anmaßung der Zahl als ultima ratio zugunsten der Schrift, vielmehr, wenn schon, den Fehl von Metaphysik, gleich welcher Version, im Ganzen, so aber, wie gesagt, daß sie zugleich von deren einziger Wahrheit nicht abkommt. Phobisch zum Beispiel: "Dieses eingebildete Flugzeug da und auch noch im Profil, die letzte arrogante Dummheit!" Ja, so der "Tod Gottes", recht so - aber warum schwindet die Angst nicht in diesem Superaufklärungsakt? Der Gebrauchsimpotenz wegen, die mich exiliert. Bedeute ich: "Du kannst mir viel erzählen - du, ein Dokument reiner, sich selbst begründender Zahl, die ich selbst gebrauchend sein könnte! Von wegen!", so erzwingt der tote Gott seinen Existenzbeweis inklusive der Beschuldigung der Kreatur, so er nicht selbst, vielmehr immer nur diese versagt. Und nicht-versagend zieht er sich scheinbar
146
wie suizidal in sich selbst hinein souverän zurück. Als einzelner aber bin ich je schon "vergruppt", der Glaube ist immer gemeinsam.
Zahl und Anankasmus - natürlich, die Zwangsneurose prätendiert, daß das Selbst selbst zum universellen Dispositionsritual der mathematischen Seinsbeherrschung, zum Grund der Welt werde. Deshalb die - autotom zuhöchst naturwissenschaftliche - Insistenz, alle Sprache/Schrift in Zahl, alles Erzählen in Zählen aufzulösen, allerwenigstens bis zum Grade repetitiver Floskelbildungen, dieser säkularen Stoßgebete. Sollte man demnach nicht riskieren, in den zwangsneurotischen Symptomen alle Qualitäten durch Quantitäten zu ersetzen? - ja, vielleicht, jedoch als Psychotisierung und damit, was ja dasselbe ist, als Verwissenschaftlichung der Zwangsneurose. Hat doch die Wortmagie immerhin die Schutzvalenz an sich, eben noch eine Differenz zur numerischen prima causa einzuhalten (freilich gilt alles dies immer nur unter der Voraussetzung des ganzen Nonsenses von Metaphysik mit ihrer Konkurrenz der Letztgründe); immanent sinnvollerweise scheut der Zwangsneurotiker die Gedächtnislosigkeit, die A-Referentialität (diesen Schein) der Zahl, (den Schein des kriterialen Umstands), daß sie so etwas wie die seiende (Vor)Indifferenz von Wort- und Dingvorstellung ausmacht. Wenn dem nun so sei, so wäre unsere Philosophiesprache als eine Art von (Re)Verbalisierung von Mathematik sicherlich hilfreich, sofern sie der Zahl in vollem Respekt ihres metaphysischen Wesens gleichwohl despektierlichst Gedächtnis rückansinnt (Philosophenart, die sich allzeit ausführt, jedenfalls in ihrer optimalen Gestalt, als weibliche Vor-schrift, männliche Nachschrift und weibliche Ab-schrift der nachgeschriebenen Vorschrift - so die Scheinmarginalisierung der Zahl versus Schrift in voller Differierenswahrung soweitgehend, daß die differances auf entsprechend differente AgentInnen verteilt erscheinen).
Kritik der Ausdruckstheorie 1
Die philosophische "Grundfragen" lautet: wie es denn möglich sei, daß der Körper sprach-lich vindiziert werden könne - dies als Vorausgang der diachronischen Differenzierung des Geschichtsbestands von "Körper-Rhetorik". Wohl seit Beginn des 19. Jahrhunderts spezialisiert sich (freilich epochentypisch) die Körper-Rhetorik auf Physiognomik/Ausdrucksphilosophie, später dann -psychologie (mit entsprechendem Wissenschaftsanspruch). Unübersehbar in dieser Tradition der dubiose lebensphilosophische Einschlag, bis hin zur Desavouierung autotomer und zur Auszeichnung quasi involvierter (angeblich) unmittelbarer Ausdrucksmodi. In strengem wissenschaftlichen Betracht ist das Metaphysikstigma der Ausdruckstheorie hinderlich; doch da mit der Symptomatik von Expressionsstereotypien immer auch gerechnet werden muß, hat Wissenschaft
147
nachgeordnet immerhin daran ihre Stunde (so wie die empirische Psychologie an der psychoanalytischen Ichpsychologie).
Körpersprache, das ist das Resultat der Verschiebung des Repräsentationswesens und damit des Stellvertretungsproblems an/in den Körper selbst. So als ob es durch eine solche Radikalisierung gelänge - Metaphysik pur! -, mindest näher noch an den Ursprung zu kommen, ja diesen selbst unmittelbar einzunehmen. Also der zwingende "Ausdruck" des metaphysischen Dispositionsphantasmas, bezeichnenderweise in seiner historischen Blüte just zu Beginn der industriellen Revolution: eben dort als gründende Vivifizierung des wissenschaftlich getöteten Körpers (die unheilige Allianz zweifelhaftester Metaphysik mit fortgeschrittener Wissenschaft).
Physiognomisch i.w.S. wird der Körper zum Signifikanten, bis hin zur Selbstreferenz desselben als Metapher (Symbol, Allegorie): der erscheinende Sichtkörper, exterior. Als solcher - "Rücksicht auf Darstellbarkeit" - besagt/bezeichnet er das Andere seiner Interiorität, fungiert er als Innen-Aus-Druck (Druckereimetaphorisch). Freilich, nicht nicht kann hier das ganze Theater der Hierarchie von Signifikant und Signifikat losgehen: ist das Innere der Gott oder das Äußere?....
Unter welchen Bedingungen aber muß das Innere nach außen treten (als Druckerei-, zugleich die reinste Exkrementalmetaphorik der purgatorischen Projektion, des differenzschaffenden Loswerdens dergestalt, daß sich die autotomisierte Indifferenz ins Projekt/Exkrement hinein birgt und abhält)? Antwort: die Allkondition ist so etwas wie der "transzendentale" Geständniszwang, endogen wie exogen (selbst Gott, der im Menschensohn geständig wird - aber der Überfluß?). Allemal ein urparanoisches Ding. Lange schon hegen wir ja den Verdacht, daß sich alle neuzeitliche Körper-Rhetorik (etwa ab der Renaissance aufwärts) unerkannt dem Hexenmartyrium verschuldet: dem erpreßten Ausdruck des immer auch reservativen Inneren, dieser "Ausschabung des Unbewußten" ("Anti-Ödipus"). Urlüge - ja selbst noch die Leiche lügt. Lebensphilosophie als immer verspätete Wiedergutmachung, die das nämliche Unheil reproduziert?
Folglich: Aus-drucks-sujet schlechthin muß der weibliche Körper sein, als Parade seiner un-mäßigen Binnenreservatio. Jedes, jedes Bild dokumentiert diesen Vorgang der Fetischisierung; und der "weibliche Akt" ist nichts anderes als die bild-liche Autosymbolik desselben; und wenns besonders schön ist, so macht die Schönheit der ganze Trug des möglichen Ausgleichs von reservatio und confessio, mutuell an sich exkulpiert. Was freilich nimmer mehr bedeuten kann als das "Infantilitäts"-Phantasma der Indifferenz-Unschuld: der Ursprünglichkeit/Unmittelbarkeit: daß sich das Exkrement nicht abtrennt, am Körper vielmehr kleben bleibt und mit diesem (re)fusioniert. (Bah!....)
Im synästhetischen Charakter der Expression prävaliert das Sehen. Weshalb? Der Körperüberbietung wegen, die zu ihrer Vollendung dann aber in den Körper
148
rückeingebildet, (re)inkarniert werden muß. Perfektion, die immer auch Gegenschlägen ausgesetzt ist, bis hin zur Eigentlichkeit der niederen Sinne und dazwischen der Verlautung auch (der Ursprünglichkeit des Schmerzensschreis). Aber die Moderne? Immerdar der Aufstand wider die Stellvertretungs-, Medialitätsvindizierung, die restlose, des Körpers; das Medium kündigt seine Expressionsdienstbarkeit auf, zeigt sich (on dit) rein als solches in der Fülle der Widrigkeiten seiner therapeutischen Repugnanz. Ebenso, nein: noch verspäteterer, unkaplanesker, nämlich subversiver Beistand der gefolterten Hexe? Nein: nur die reinste Magie des geschundenen Körpers selbst - immerhin?
Notorisch die Pathologie-Korrespondenz dazu: (abermals) insbesondere die Scheinschwangerschaft: in der Immanenz des Ausdrucksphantasmas die Expression der (in diesem Sinne verräterischen) ganzen Lügenhaftigkeit der confessio. Kulminativ die Psychose/Schizophrenie:
"Es ist die Psychose (Schizophrenie), die die Krisis des Ausdrucks im Ganzen aufbringt: die die Differenzierung der Ausdruckskriterien - tot versus lebendig, außen versus innen, beständig versus unbeständig, erkennbar/kommunikativ versus unerkennbar/akommunikativ - allesamt verwirft, an der das Ausdrucksphantasma zerschellt, die in der Besetzung des Risses zwischen diesen Bestimmungen den Vor- und Rückblick darauf je fusioniert und also unmöglich macht, gleichwohl immer auch anmahnt, daß selbst der ästhetische bis hin zum künstlerischen Ausdruck jeglicher Unschuld enträt."
(Das wissenschaftliche Interesse am kranken Ausdruck. In: Symposion Berlin "Kunst und Therapie" vom 21. - 23.4.1989. Hg. H. Hartwig. Hochschule der Künste. Berlin. 1992. S. 16.)
Die Moderne (und die Postmoderne), das ist mitnichten aber nur die E-Kunst der Unbotmäßigkeit des Körpers als Ausdrucksmittel, wiederum wie als Krankheitsautotomie dargestellt, das ist viel mehr das Gegenteil (postmodern zumal) der Medienhegemonie, die nichts anderes im Sinn hat, als, restlos unschuldig, die Äquivalenz von reservatio und confessio, beider Aufgang ineinander, lückenlos zu realisieren. Alles plattgemacht (man muß ein Stehaufmännchen sein).
Körpersprache? - allemal muß man befürchten, daß diese wider die Dingsprache, falls überhaupt noch erwogen, nach der Maßgabe der metaphysischen Gefällebildung, Natürlichkeit versus Abstraktion und dergleichen, ausgespielt würde; und daß diese Minderbemittlung der Dingsphäre sich notorisch rationalisierte mittels des Theorems der anthropomorphen Projektion. Man müßte aber den Spieß wahrheitsgemäß umdrehen und die Dingrhetorik derjenigen des Körpers derart vorausgehen lassen, daß diese sich im Reflex jener allererst auszubilden befähigt sei. Lacanschs: alle Dinge sind (irgend partielle) (Selbst)portraits - "sind", transsubstantiativ, nicht "bedeuten", unverwachsen symbolistisch. Hier befände sich abermals die Einlaßstelle der Katatonie als des unfreien Buchstäblichnehmens der Transsubstantiation, inverse Katalepsie, die
149
den co-itus der umgebenden Dinge mit den Körperstellungen zu erzwingen sucht, nur das Spiegel-, nicht das Abbild einräumt. Katatonie derart als quasi-Fundamentalfetischismus; während der Fetischismus in die Stattgabe des "ungetrennt und unvereint" die Simulation des psychotischen "ungetrennt und vereint"/ "getrennt und unvereint" simulationsdeterminiert einführt. Kataton ist eben die Rhetorisierung des Körpers außer Kraft gesetzt, nicht kann es mehr zur Körpermimesis ans vis-à-vis des Dingdoubles kommen: daß sich diese quasi ursprüngliche Nachahmung hypostatisch von dieser ihrer Provenienz absetzt, diese gänzlich vergißt. Einsam wird demnach der Körper, etwa wenn er in Urlaub fährt: die Wohnung verläßt, hinter sich läßt, beläßt, mitnichten gelassen; die obligate Ferienanfangsobstipation in der Fremde ist die notwendige Folge: Innenviskösität mit sich, dem Selbstdouble, selbst. (Siehe: Körperding/Dingkörper. Einige psychosentheoretische Anregungen. In: Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose als Spiegel der Zeit. Hg. R. Heinz, D. Kamper, U. Sonnemann. Acta humaniora. Schriften zur Kunstgeschichte und Philosophie. Berlin. Akademie-Verlag. 1993. S. 67 - 73.)
So wie die Körpersprache nicht ursprünglich ist, so ist sie in ihrer bildkriterialen Verdichtung im Vergleich zur gesprochenen Sprache auch nicht wahrer. Man kann ja expressiv schwindeln - schauspielern bis hysterisieren; und davor entfällt auch die Ein-Eindeutigkeit des Ausdrucks. Was sieht man eigentlich? - der rettende Spielraum der Differierungen konterkariert alle Eigentlichkeit. Und wenn das Innere in seinem Inbegriff der Indifferenz sich so nach außen kehrt, daß sich Innen und Außen selbst dann indifferenzieren - der Moment der splendiden Schönheit - , dann ist zugleich der Betrug vollkommen: die Todesweihe des Blickenden: "0 Wonne voller Tücke! 0 truggeweihtes Glücke!" Ob aber das expressive Bildsujet als solches authentisch ist oder nicht, das bleibt immer unentscheidbar. Wohl indessen schau-spielert (wörtlich) der Bildner/ Produzent allemal. Kein Problem also, die Hysterie-Korrespondenz für alle Künste (und nicht nur für die Dichtung) zu stipulieren, pointiert gar für die bildende Kunst insbesondere und für die Musik insbesondere insbesondere, sofern beide je auf ihre Weise die eigene Simulatorik abdecken, also dissimulieren. Und das tut der hypostasierte Sprachersatz, der sie ausmacht. Je auf ihre Weise? Bildlich durch Statifikation und tonlich durch den Schein der Nichtsimulation, grob gesprochen noch.
Eo ipso ist jegliche Ausdrucksgewahrung irgend intersubjektiv indiziert. Auf Intersubjektivität hin stellt sich das Gesamtphantasma der "Apperzeption" dann folgendermaßen dar: ich selbst sei die Gewahrung des Anderen im Ganzen mit, auf das Dritte einer Sache hin, mit der ich, identisch mit dem Anderen/allen Anderen, ebenso identisch sei; was zugleich immer heißt, daß die notwendige Selbst-Sache-Mediation (schwerpunktmäßig Sprache/Schrift), mittels deren ich mich mit dem Anderen über die Sache einzig verständigen kann, entfällt; so daß
150
sich die Vermittlung als die apostrophierte Doppelidentität totalisiert: ich selbst alteriert, intersubjektiv sowie sachintentional, die Exklusivität des Mediums selbst. "Dabeisein ist alles." Solches ist aber nicht nur Massenveranstaltung: Fußball, Cinema, Techno (vordem Leni Riefenstahl), nicht weniger auch das höchst effiziente Wissenschaftsphantasma selbst, und, resümiert, abermals die Leistung der modernen und modernsten Medien - all die offizielle Schizophrenisierung, das fortgesetzte objizierte Delir der Indifferenz, so wie es klassisch als Postmoderne-Ideologie der "Anti-Ödipus" affirmativ aufklärt.
Was soll/kann man wider diese Eucharistie allen Ausdrucks als dessen immer gedächtnislose Erzeugung halten? Selbstverständlich: das Monitum der eskamotierten Differenz; die sich indessen nimmer zu einer Außenalternative formieren läßt. Im nämlichen Selben bleibt das vermeintlich ganz Andere eingesperrt, verflüchtigt sich, artikuliert, zum n-ten Futur: "Ich würde mich verweigert gehabt haben haben", und also habe ich mich je schon nicht verweigert, habe ich je mitgemacht. (Auch wenn ich noch nie auf Mallorca gewesen bin, so bin ich je schon dort gewesen - Verschiebung gilt nicht!) Freilich, adaptiv de facto bleibt es so nicht aus, nebenan zu geraten und sich in die Nesseln zu setzen - weiterträumend von meiner großen Weigerung, macht mir das Verweigerte längst schon widerträumerische Schmerzen. Es gibt nämlich nur Pseudoverweigerungen auf der Basis von Privilegien. Und auch müßte alle Vorsicht dem suspekten Umstand gelten, daß selbst die intellektuelle Aufklärung des Indifferenzdelirs nicht mehr sei als die unerkannt sublime Version des nämlichen selbst. Mitnichten wird man beruhigt nicht zwar dagegen geltend machen können, daß wenigstens an diesem Punkt sich das Phantasma für seine eigene nicht indessen vernichtende Sichtung wie selbstwidersprüchlich hergibt. ("Subjektiv" unsere Geld- und Gruppenschwäche!)
Gruppenphilosophisch würde hier manches im Einzelnen relevant. So etwa die infinite Reziprozitätsunterstellung, je dual des Selbst zum anderen Selbst (alle!), auf den Übersprung des Aufgangs in der Sache hin, die Mediationsvernichtung als deren Totalität. Der öminöse Gruppeneid wäre demnach schon die Notbremse der nachträglichen Assekuranz dieser schönsten Wechselseitigkeit. Freilich, nicht weniger werden Geschlechts- und Generationsunterschied in dieser insgesamtPhantasmatik plattgemacht. (Wie sie sich wohl immanent redifferenzieren ließen?) Und auch die Sache wird in ihrer Synästhesie synästhetisch wiederum indifferenziert.
Unschließlich: man braucht das Gesamtschema Selbst/Anderer-Medium-Sache nicht zu "ödipalisieren", es ist selbst schon restlos ödipal. Also ist das erscheinende Phantasma, die Totalität des Mediums am Ende, der "reale Vater" (Lacan), der verrückte Laios; und also in einem ganz anderen Sinne der Anti-Ödipus - der Sohnesschlächter, den die Sohnesrache ereilt - , als es der "Anti-Ödipus" wahrhaben möchte.
151
Körpersprache des Nachts. Notorisch dominiert im Tonfilm des Traums diese: Visualität, die "Rücksicht auf Darstellbarkeit", auf Ausdruck. Sobald Sprache und, gesteigert, isolierte Verlautung darin anfängt, sich zu autotomisieren, droht in dieser Stimmabsolvenz, wie immer passager auch differiert, das Erwachen: phoné-Ablösung notorisch als Wecker. Davor/darinnen aber zieht der Schläfer die Notbremse: muß versuchen, mit der absolvierten Verlautung, diese neutralisierend, einszuwerden: regressiv die Bewußtlosigkeit des lautungsexklusiven Tiefschlafs zu sein - um im Übersprung im Paroxysmus des Erwachens zu landen. Tod oder Erwachen (mit dem erscheinenden Schlaf als Dinglichkeit rettend um sich herum).
Eben an dieser Krisisstelle alteriert sich zudem die somniale dramatische Permanenz meines körpersprachlichen Selbstantreffens außenvor vis-à-vis zum Einschlag der narzißtischen Sperre des Fremdausdrucks. Welcher Parallelismus (und mehr) nicht weniger zur Regression-Progression des Erwachens nötigt: der egersis-Katastrophe der Katastrophe. Koinzidenz demnach des ab-bildlichen Anderen-Aufkommens mit der Verlautungsabsolvens, so als sei der Andere prekär selbst schon verbum auf sonum hin. (Freilich, der Tag ist nichts anderes als die Reproduktion der Nacht - wäre er der Tag an sich, so der Tod am anderen Ende als absolute Vigilanz/Unsterblichkeit - : die Dinge der Schlaf und die memoriale Dingtherapeutik der Traum, re-produktiv.)
Zumal muß der Wecker den Traum erwischen, als dieser es mit der eigenkörpersprachlichen Spiegelbildlichkeit immer übertreibt. Somnial entfällt der Ausdruck zum Anderen hin fast ganz (REM als schon wissenschaftlich vermitteltes expressives Residuum wirkt wie eine Ausdrucksparodie: ich kreise rein in mir selbst). Gerade im Traumschlaf ist der Schlaf nach außen der Bruder des Todes. Wie sollte dann die Alterität des Anderen mitsamt der der Stimme nicht als die rächende Selbstabsperrung des Weckens fungieren?
Paradoxerweise scheint sich die somniale Ausdrucksverweigerung (mit ihrem Höchstpreis ihrer Erwachensbedrohtheit) somnal in NREM zu ermäßigen, bekanntermaßen der Tiefschlafmotorik (bis hin zum Verlauten/Sprechen und Somnambulieren) wegen. Endlich die mit Häme bedachte unfreiwillige Aufgabe der reservatio zugunsten des Höchstmaßes der confessio, das sich nur noch im Tode/der Leiche überbietet? Nein, denn: sofern die Vorenthaltung im Schlaf (und endgültig im Tode) sich selbst entzogen ist, bleibt der Ausdruck dieses Selbstentzugs zugleich rein selbstreferentiell leer; vermeinend, daß sich auf naturwüchsige Art der Andere schlafexpressiv verriete, daß ich ihn in dieser Verle(a)genheit erwischen könnte, greift rein hermeneutisch projektiv daneben - alles nämlich gewahre ich und nichts (und dies an der Leiche zumal). Titan Helios mitsamt Selene, nachtversetzt als olympischer Hades: Überwachungskamera. Freilich, die Rechnung der progredienten reservatio geht zugleich nimmer auf, das ist des Guten zuviel: deren Selbstentzug konzediert dann doch
152
die paranoische Sanktionsmacht des Anderen, dies mindest in Pathologie. Haben sich Helios und Hades, die dunkle Bewußtlosigkeit des Allsehens, in den Überwachungsvideos längst doch zusammengefunden; und die Observanzen sind menschlich nutzbar, in dubio contra reum.
Um jetzt die "transzendentale" Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Körpersprache wiederaufzunehmen: Fürs erste (peu ä peu): Was ist der Grund der Erpreßbarkeit, des - immer auch trügerischen - Suspenses der reservatio? Nichts anderes als der persistierende Notfall der Infantilität, die Tödlichkeit der unabdingbaren Selbstreferenz herausschreien zu müssen; Anderen-appelativ, mehr noch: Schuld-konfessionell (aufrichtigverschlagen). Und das macht die Urauslieferung an den Anderen; die notgeborene Offerte des intersubjektiven Gewalt-, des "mythischen" Verhältnisses. Eben, wie schon gesagt: Tod oder Erwachen.
Wonach aber der Schrei? Immer nach Nahrung und damit nach den Dingen überhaupt (Anderen-vermittelte Dingerschreiung), auf daß diesen die letzte Ehre ihres Gebrauchs um ihrer Herstellung willen (Gottesproduktion) widerfahre, das Adorationsopfer der Arbeitskraft geschehe. Damit etwas sei und nicht vielmehr nichts.
Quasi verallgemeinert erfragt sich so der Grund (ultima ratio) der Repräsentation als solcher (freilich einschließlich der "Körpersprache" und aller Vorstellungsspezies). Wie immer (die Wiederholungen bitten wir zu entschuldigen): die immanente Erosinversion des Ursadismus in den ursprünglichen (und den eigentlichen) Sadismus, allzeit kollapsbedroht durch die Reinversion dieser Inversion: den Sadismus als Perversion (Pathologie) - bleibt Gewalt doch Gewalt, Schuld Schuld.... Anders gesagt: Die Präsenz ist tödlich, ist das Nichts. Allein, dieses Nichts besitzt die Vollmacht, das lebendige Sein der Repräsentation, diese einzige Rettung vor dem Nichts, gleichwohl mit sich selbst unaufhebbar zu stigmatisieren: just als Re-präsentation, immerdar kassierbar/kassiert von der nichtenden Letalität der Präsenz....
Einfach dann, die Repräsentationsspezies "Körpersprache" abzuleiten: kurzum: spiegelbildliche (mitnichten irgend ursprüngliche) Selbstexpression.
Zurück zum Körper als Spracheffekt.
Inkulpation des Subjekts als dessen Genesis; davor noch, pathologisch, Selbstbezug der subjektgenetischen Schuld auf sich selbst (letzte Gläubigkeit); dann die Diagnostik der Schuldbefindlichkeit, in die hinein - Depression - sich das schuldige Subjekt liquidiert; und schließlich die vorläufige Endauflösung dieser Befindlichkeit in deren Theorie, der Anschauung des Gesamtverhältnisses; und darüberhinaus, wiederum pathologisch, die Autoreferentialität dieser Endauflösung: Manie, die in das Krankheitsinitial am anderen Ende abstürzt - so die Prozeßtotale. Wessen? Allemal das Universalmodell jeglicher
153
Streitschlichtung im mittleren Bereich einer leidlichen Abkappung der Pathologieextreme. Nicht weniger die Kon-sequenzen von Therapie, die diesen mittleren Bereich (wieder)herzustellen trachtet. - Mancherlei wäre hier anzuschließen fällig: so etwa das ichpsychologische Theorem der "Libidoneutralisierung", das das Exkulpationsmirakel der Absorption und Liquidation der schuldhypostatischen "Energien" gestuft supponiert; das wenigstens die durchschnittliche Konfliktuösität dieser Verhältnisse nur um den Preis der suizidalen Stase im Kurzschluß der Pathologieextreme nicht unterstellen muß; das nicht zuletzt die ganze Phantasmatik des Begehrens, quasi abgefallen schon als Ganzexkulpation (Ödipuskomplex, Narzißmus, Todestrieb), zu supponieren nicht umhinkäme....
Nun ist es aber mehr als ein Verdacht, daß diese Ablaufform ebenso den Körper als Stoffwechselorgan betrifft, primär, wie es scheint (hier jedenfalls stellen sich fürs erste die brauchbarsten Evidenzen ein), den Subsistenzkörper, kurzum, die Ernährung. Man "sieht" es doch: im Absturz des Begehrens, die Alterität des Nutriments selbst zu sein, werde ich initial Schuld-selbstreferentiell krank, gebe den Selbstbezug her sodann zum schuldigen Körper, transformiere denselben in dessen depressive Schuldbefindlichkeit, hebe diese in die neutralisierende Selbstansicht desselben auf, und beziehe diese wiederum so auf sich selbst, daß sie abzuheben beginnt, um abzustürzen und so fort. So der Progreß/Regreß gelingender Selbstexkulpation als crimen der Alteritätsassimilation. Wenn immer es gelänge, die christkatholische Heilige Messe - Eucharistiefeier - als das optimale Aufschlußmythologem der Subsistenz im Ganzen zu veranschlagen, so würde der naturwissenschaftlich ja längst fast zu Ende erkundete Metabolismus nachgerade simpel.
O Herr, ich bin nicht würdig, o Herr, ich bin nicht würdig zu deinem Tisch zu gehn.
Du aber mach mich würdig, du aber mach mich würdig, erhör mein kindlich Flehn!
O stille mein Verlangen,
der Seele Bräutigam,
dich würdig zu empfangen, dich würdig zu empfangen, dich,
wahres Osterlamm.
Hier ist die Verführung immer groß, den Subsistenzkörper als die Modellvorgabe seiner diversen Sublimierungen anzusehen. Nein - das scheint immer wieder angemahnt werden zu müssen - , dieser vermeintliche Körperursprung entsteht allererst, um es paradox auszudrücken, mit seiner eigenen Kultursublimation als dessen, des Körpers, Überbietungsmetaphysis, die materialistisch dann zu invertieren auf dasselbe an Metaphysik am anderen Ende hinausläuft.
154
Was aber ist dann dieser absurde Körper, der sich selbst vorausgeht; was ist dieser Körpersuperlativ, der sich selbst nachgeht? So die erste Annäherung an den "Körper als Spracheffekt", wenn immer "Sprache" das Ineins dieses "vornach" bedeuten könnte.
"Sprache" - das ist ein kapriziöser bis polemischer Terminus, der nicht nur ein Mißverständnis nachsichziehen kann. Zunächst dasjenige einer idealistischen Inversion des landläufigen wissenschaftlichen Materialismus: "Es ist der Geist, der sich den Körper schafft...." vs.: daß die Gedanken Sezernierungen des Gehirns seien (sublimer Kopfurin). Ferner scheint in dieser idealistischen Wendung Sprache nahezu hermeneutistisch ausgezeichnet (,linguistic turn` total - weiland 68 wider die 68iger: "Vietnam ist ein Sprachproblem!"). Nein, so ist der Terminus (und der Titel) nicht gemeint: eben nicht soll auf diese Weise Sprache, faktische Sprache, zum Ursprungstopos innerhalb einer idealistischen Metaphysikoption avancieren, "Sprache" meint hier Sprachlichkeit vor der Sprache, Verbum ("Am Anfang war das Wort"....). So etwas wie "Ursprache" demnach? Nein, ebenso nicht, denn: das Verbum ist nicht Ursprung im metaphysischen Verstande, vielmehr - im Sinne von Metaphysikaufklärung innerhalb der Metaphysik - wenn Ursprung, dann (gut heideggerianisch) "entzogene Differenz", "Ur-Sprung", Riß ("inklusive Disjunktion") in der Allposition des "Unbewußten" von Anfang, Ende und Dazwischen: Ver-mittlung, gerissen. Ursprünglich in diesem einzigen Verstande ist - um auf den Metabolismus zurückzukommen - die Unmöglichkeit des Ineins, vom post festum des Un-ineins her gesprochen, von Subsistenzkörper und dessen Kultursublimaten (u.a. Lebensmittelindustrie), solche Kontradiktion, die, in sich reißend/sich gerissen zusammenhaltend, sich erscheinen macht als Kogeneration von Körper (Leib/cogito) und dessen Dingdouble; inklusive ihres ewigen Trachtens zu (re)fusionieren ([rejdiskriminieren) inklusive beider Vermittlung (wiederum): des Auseinanderzusammenhalts. In diesem Existierensraum spielt auch der Widerstreit von Idealismus und Materialismus - bis hin zum Aberwitz, daß der materielle Körper (als Effekt der Rückeinschneidung des körperlichen Dingdoubles in den Leib/cogito) zum Unbewußten seiner Dingkorrespondenz degradiert, sich magisch selbstreferentiell zu diesem, dem defizienten Unbewußten (vs. dem Unbewußten, dem bleibenden, des "Anundfürsich") vollendend. Hier - wo alles spielt - konstituiert sich, immer gut materialistisch, ebenso Wissenschaft und deren Wörtlichkeit/Buchstäblichkeit Pathologie Sagen wir also: Ding-mitmir/Leib, sowie Körper, d.i. Ding im Leib (wissenschaftlicher Sichtkörper), entspringen dem in sich gesprungenen springenden Verbum (erscheinend primär außerdem Schrift, davor "Urschrift", die es ebenso nicht gibt) als beider Entzugskontradiktion.
155
Nochmals: Anfang, Ende und Dazwischen sind im Vorrückzug auf sich selbst und wiederum selbstbezogen darauf die Kontradiktion des Nichts. Sich hergebend dagegen Selbstdifferierung als der Auseinanderzusammenhalt (Sein) von Körper (Leib/cogito) und dessen Dingdouble, die sich nimmer in Ruhe lassen können: je im anderen den eigenen Mangel aufzuheben prätendieren, um in diesem Ausgleich heimzukehren dahin, wo Nichts ist: Sein, das nur ist, wenn es den eigenen Selbsterhalt konterkariert. Die Seins-reichende Hergabe aber ist insofern alternativelos, als nur von ihr her, post festum, ihre Negation/ihr "Ursprung" rekonstruiert werden kann - umso schlimmer aber für sie dann: wenngleich, nein: weil alternativelos, ist das Sein als solches bar des Halt: das Sein selbst ist zeitlich (Heidegger).
Bleibt aber doch die Absurdität, kurzum: über das Nichts zu sprechen! Wie das? Der Nachtrag der Herkunft ist "Schrifteffekt", Abwurf der vollendeten Selbstreferenz der Vermittlung/des Gedächtnisses - die ganze Verfänglichkeit des Beisichselbstseins als Höchstgrad der Selbstentfernung; als unab-gelassener Widerspruch die Explosivität des Übergangs von Philosophie in Psychose, von Kultur in deren erfüllenden Kriegszustand.
So das "Bewußtmachen des Unbewußten":
  • des Anundfürsich/der Indifferenz;
  • der Metaphysik-kriterialen Spaltung (so oder so herum);
  • der Subjektverfaßtheit derselben als Wissenschaft.
Oder: von der Erbsünde zum Manichäismus (auch dem inversen) bis zur rein persönlichen Schuld.
Nochmals: Körper als Spracheffekt? Körper (Leib/cogito/ 'corps propre') und dessen Dingdouble entstehen aus der Hergabe der Nichts-Kontradiktion als Sein/Auseinanderzusammenhalt; welches glättend Verbum (oder gar Schrift und gar "Urschrift") zu nennen, fundamentalmetonymisch die ganze Metaphysikverfälschung beinhaltet. Wie diese Nachträglichkeitskathexe vermeiden? Eben nicht, und so. Mit dem ersten Augenaufschlag aber hat sich das Dingdouble schon in den 'corps propre' (rück)eingebildet (Ding im Leib/wissenschaftlicher Sichtkörper), hat den Körper (,corps matière`) gemacht. Und dieser fungiert dann als Ausdruckssubstrat auch, bevor/nachdem er sich an sich selbst rein veräußerte zum wissenschaftlichen Objekt inklusive dessen pathogener (Rück)einbildung wiederum, veräußert.
Körpertheoretische Notizen
Erbarmen mit dem mißratenen Dinggott:
Adipositas : indem ich mich vollfresse, erlöse ich dich, Nutriment, davon, so einzigartig hungrig sein zu müssen....
156
Anorexie : indem ich mich verhungern ließe, gebe ich dir, Nutriment, den Vortritt.... (Oder aber imitiere ich dich in der Vorgeblichkeit deines Nichthungers?)
Körper, der sich selbst träumt, fundamentalprojektiv als Dinglichkeit. Universelles Körpersignifikat, das, wie zugunsten des Dingsignifikanten, abgesperrt/abgeschirmt ist: Sperrenapriori, deshalb auch die Erfassenssperrigkeit! Inwiefern? (Auch: inwieweit Selbstbezugseffekt?)
Eo ipso als die einzige Dabeiseienschance : memorial post festum (abermals) der Traum und dessen intellektuelle Derivate.
Spracherfüllung dieser Präsenzart/Hervorholung als dispositioneller Schuldabtrag/Sühne des schuldbedingten Innenentzugs als Selbstreferenz dieses Innen (Schulddisposition immer als Subjektbildung, die freilich niemals aufgeht). Allemal der Zug der abendländischen Metaphysik: auf den Grund gehen: Sprache allemal als Grundpseudos.
Sich-Herausreden wider die Schuldigkeit des Essens: der funktional gedoppelte Mund: Essen rein, Sprechen raus. Der Exzeß der IntrospektionBildgebungsverfahren wie Bild eo ipso nicht primordinal. Sie potenzieren den Entzug/die Absperrung des Körpersignifikats, treiben dieses so in sich hinein, daß es nach außen aufplatzen muß oder in Status seines letzten Selbstbezugs tötet. So dann die Geburt der Introspektionsmaschinen und zudem der Medikamente als Selbigkeit des Körperunbewußten. Exkrementenmehrwert (Photo).
Wie dann Yoga einzuschätzen?
Wie aber corps matière' zustande kommt? Unabdingbare Dingprojektion des "namenlosen dritten Körpers", die sich in diesen rückeinschneidet als 'corps matière' - bis zum ultimativen Progreß des Superfiziums. Und der 'corps propre'? Er ist der Verdinglichungsüberhang, das ewige Differential der Rettung vor dem Tode zwar, doch von der nämlichen bloß inversen Begehrlichkeit: reines Ding und reine "Seele", coincidentia oppositorum. Doppel-double-bind am Grunde, demiurgisch. Beide, Sprache, der Seeleninbegriff, und materieller Körper sind sich je visköse Appendices.
Indem ich sehe, sehe ich allemal mich selbst als alles Gesehene. General motor dessen die in-sich-Konterkarierung des mein eigenes Sehen-Sehens; und die neutralisierte Folie dessen: ich sehe, daß ich sehe. - Der apriori-Umstand, daß alles Gesehene Projektion meines Körpers ist, darf offensichtlich im Sehensakt nicht explizit gewußt sein: Postulat der einschlägigen Heterogeneität von Subjekt und Objekt für das erfolgreiche, hypostatische/isolierte Sehen, das es
157
freilich nicht gibt. Wissenschaftlich ist die angemessene Umwandlung des nonsense-Satzes "Ich sehe, daß ich sehe" in "Ich weiß, daß ich sehe" basaler Störfaktor; so als sei schon mit dieser das Malheur passiert, aus der geraden Bahn der isolierten Visualität herausgeworfen worden zu sein. - Begebe ich mich nun aber in den immer schon Begehrens-, Metaphysik-geleiteten Projektionsvorgang (auch in die Folgeprojektion der Rückeinschneidung der Außenprojekte als materieller Körper) memorial zurück, dann hört das Sehen kriterial auf (aufhören? ja, aufhören im Sinne von aufmerken!): Philosophie notorisch als Sprachlichkeit, und als solche nur in sich konvertierbar. Was für den 'corps propre' bedeutet, daß er, uneigentlich gesagt, reine Verlautung sei, rein im Sinne der Unhörbarkeit; richtig er-sagt: die immaterielle Materialität des Vor- und Nachgangs der memorialen Projektionsthematisierung. - Spiegelvergewisserung meiner selbst innerhalb der Projektion (Ich-Dazwischen): zumal treffe ich mich selbst dann als die Äußerlichkeit(Äußerlichkeit) meiner selbst an. Reflexives Selbstpseudos. (Leer versus voll?)
Kritik der Ausdruckstheorie 2
Ausdruckstheorie? Sie reicht, durchaus definit, von der Ausdrucksphilosophie, Weißes "Allgemeiner Physiognomik", bis hin zur -psychologie mit ihrem Hauptexponenten Klages; ist also Sache der Romantik und des weiterhin Romantik-stigmatisierten positiven Zeitalters, schwerpunktmäßig darin des Historismus, bis tief in die Moderne - Lebensphilosophie, Expressionismus - hinein.
Also ist sie die Sache einer totalisierten Heteronomieästhetik/-aisthetik, die besagt: es gibt nichts an menschlicher Angelegenheit, um nicht zu sagen: Kultur, das nicht die Veräußerung eines menschlich Inneren, in seinem Allgemeinheitsgrad differentiell, wäre; das entsprechend auf dieses wie auf seine ultima ratio um seiner Assimilation/seines Verständnisses willen - verbum ipsum factum! - zurückgeführt werden mußte. Selbst, ja gerade der menschliche Körper untersteht diesem Expressionsprojekt: an erster Stelle gar die Körperäußerungen, die - physiognomisch, pathognomisch - anhaftend bleiben und/ oder sich jedenfalls nicht schon operationell autotomisieren.
Was ist die Leidenschaft dieser weitest verbreiteten hochbürgerlichen Theorie? Nichts anderes ist sie als ein Spitzenbeispiel hypertropher Metaphysik, freilich selbst auch dann, wenn sie sich zeitgemäß zu verwissenschaftlichen sucht. Als Metaphysik aber ist sie ätiologisch bestimmt, und das heißt, daß sie auf dem obligaten Verdankens- und Verschuldenswege alle Nachträglichkeit, allen Vergangenheitsverlust in Gegenwart zu verwandeln trachtet. Wodurch die
158
Vergangenheitlichkeit nur potenzierende gewaltige Sinninflationen, so als sei die philologisch-hermeneutische Vermittlung die schiere Gegenwart der Produktion, angeschafft wurden; so als vermöchte es zu gelingen, die Schmach der Selbstvermittlung einzig über Selbstveräußerung, dieses Basisdefizit an Differenz, zu tilgen, ja sogar die ganze Heteronomie der phylogenetischen Evolution in menschliche Kulturkreationierung hinein aufzulösen: die zweite, die Darwinsche Kränkung, historistisch beseitigt. Auffangung, endgültig, des schon von Hegel geltend gemachten Überhangs der "romantischen Kunstform", Sättigung des eo ipso ungesättigten Eingedenkens, das wie fraktalisierte perenne post festum als schließendes festum selbst; im Register der Ökonomie das Kapital-konstitutive Geld als Ware, diese Abhebung. So der Mutterboden zwar emphatischer Geisteswissenschaft als Philologie/Historie mit ihrem Hermeneutikaufsatz, dem szientifisch immer dubiosen, die Repugnanz strenger (Natur)Wissenschaftlichkeit aber macht sich zumal geltend, sofern die Härte der Subjekt-Objekt-Diskrimination, die Isolierbarkeit beider Elemente gegeneinander "expressionistisch" mangelt.
Die "lebendige Vergangenheit" (kurzschlägig schon jeglichen Verbums, in jedem Repräsentationsverhältnis), die präsenzmetaphysische Option der Ausdruckstheorie kulminiert, wie angedeutet, in der Unmittelbarkeits-/Ursprünglichkeitsauszeichnung, nahezu konkretistisch, desjenigen Expressionierten, das sich von seiner inner-lichen Herkunftsstätte nicht ablöst. So daß ausdruckskriterial Innen und Außen zusammenbleiben, aneinanderkleben, wie wenn beide in einer Indifferenz der Viskösität, räumlich und folglich zeitlich, begriffen wären; so als seien Original und Kopie, Grund und Folge, Ursache und Wirkung kurz davor, sich in fester Kontiguität auseinanderhaltend nur noch, ineinander überzugehen. Hauchdünne Differierung so auch der symptombildenden Fusion (versus Adhäsion/Agglutination), der pathogenen Rückeinschneidung des Ausdrucks in das Ausgedrückte. Allemal überhebt sich also der Körper als Seelenkörper, hypostasiertes cogito, zum Expressionstopos schlechthin.
Entsprechend kann die durchgeführte Autotomie nicht nicht katastrophisch ausfallen: wie von mir selbst abgetrennt (Hades-Seele), käme ich mir, objiziert, abhanden, sofern sich mein Dingdouble mortalisierte: erkaltet, erstarrt, zur Leiche geworden sei. Folgerichtig setzt hier dann die lebensphilosophisch typische Kompromittierung dieser Tötungsinstanz, der Rationalität im Ganzen, ein; Verzweiflungsvotum, das selbst in der Psychoanalyse nachhallt: ubw als Naturgrund, das Ding-an-sich als Schopenhauerscher Wille (wogegen das Dingan-sich zum Entzug schlechthin, dem Nichts, wiederbereinigt werden sollte!).
Unvermeidlicher, notwendiger und entsprechend umso gefeierterer Effekt aber der Nichthergabe, des Beisichbehaltens: nachhelfend kompensatorisch wird das
159
anhaftende Double irgend riesengroß, muß sich grandiosisieren zur erhabenen Expression, die wie von sich her schon erhaben zu sein nicht umhinkommt (Schwangerschafts-Avis!). Alle Erhabenheit aber indiziert phone-Provenienz, geht aus dem Verbaldirigat, der Verlautungsimperialität hervor, ist Er-Sprechung von sich irgend anomalisierender hypertropher "Wahrnehmung und Bewegung". Aufgeklärt verschuldet sich die Expression demnach der in ihrer Metaphysikbelastung immer verdeckten metabasis eis allo genos sensuell vom Gehör ins Gesicht, gibt sich homogen gesamtkunstwerklich. Phone-regressiv dann dazu die Hermeneutik als Heimführung in den Ursprung: die volle Vermittlungsverkennung, in deren Rahmen aller Körper nachträglichkeitsverstellt vor-weg als Spracheffekt fungiert: Rücksicht auf Formulierbarkeit.
Der privilegierte direkte Körperausdruck zumal ist die Angelegenheit des Ausdrückens im Wortsinne, also des Körperexkrements/des Dejekts (hochdifferentiell freilich!); nicht zwar der Retention, vielmehr des Interims einer rückanhaftenden Veräußerung, "Klebe", und als solche zutiefst autoerotisch (erotisch im Termini-Sinne: haltend, bindend) fetischistisch. Der Sinn dieser Übergangshypostase liegt auf der Hand: massive Todesabstreitung, wie immer infantil bis pathologisch, und, abgelöst, freilich witzig intellektuell, sofern die Autotomie ja den Tod quasi repräsentiert, als sozusagen guter Ausdruck versus Fehldruck/Makulatur im Sinne der Autotomie-Reverenz wider ihre genau dann das Gegenteil behauptende Unmittelbarkeitskonterkarierung. Mythologisch auch: die apollinische Schlangentötung, derselben "Dialektik" unterstehend (coincidentia oppositorum der Extreme, Fusion und Diskrimination, und dazwischen nichts anderes als der scheinkontroverse Austrag des Progresses ein und derselben Rationalität). Auf diese Weise soll das Exkrement/Dejekt, halbtotes halblebendiges Körperteil hin zur Negation desselben, vor seiner wie natürlich scheinenden Verwerfung verwahrt werden: Körper, der es, adhäsiv ("dermatologisch"), (mystischer Energietransfer!) am Leben erhält, der für seine Lebens-Todes-indifferenzierende Transsubstantiation sorgt. Der Schatten dieser Disponibilität definiert sodann das verantwortliche Subjekt, das, also schuld-haft überlastet, sich in das Schicksal/die Fatalität hinein exkulpativ aufzulösen pflegt: so die Eigenart durchgängig aller Heteronomieästhetik und Ausdruckstheorie.
Man sollte meinen, Ausdruck dergestalt sei gegen den Mehrwert. Selbstverständlich aber fungiert er als Anti-Surplus als wesentliches Movens desselben. Wie die Geschichte, die rezentere, zwingend lehrt: Nationalsozialismus, der gleichwohl kryptisch beinahe die Atombombe gebaut hätte.... Ein schlimmes Mißverständnis bedarf in diesen Zusammenhang der Abwehr sogleich: die exkrementale Fetischisierung steht mitnichten in der Position von Natürlichkeit/Ursprünglichkeit zur/gegen Mehrwert- und Dingproduktion; welche Behauptung ja die kritisierte Ausdruckstheorie reproduzierte. Im
160
Gegenteil: sie ist bloß die selbst so erscheinende motivierende Aufklärung derselben, als Ausdruckstheorie ausgeführt in verdunkelter Fassung. Denn: sofern das Exkrement/Dejekt Indikator der Urdifferenz des Körpers, Vording, Proto-Übergangsobjekt demnach ist, erfordert es, wie nach der Maßgabe seiner selbst als Indifferenzexempel in sich, beider, des Körpers und seines vorläufigen Dingdoubles, Indifferenzierung, die Transsubstantiation. Und das heißt: den Übergang des Körpers in die Leerstelle der Exkrementenverwerfung als mehrwertiges Überbietungsding (allemal erwachsenes Übergangsobjekt), als solches "ausgedrückt" als Geld, das Vermittlungsorgan schlechthin.
Und der Ausdruck der Geburt? Im Rahmen der Subsistenzsexualität exkremental/dejektiv fungiert der einschlägige Ausdruck als Differenzmonitum schlechthin, und muß als solches auf der Stelle weggeschafft werden, das heißt: der Differenzträger, das Ausgedrückte, muß mit dem Ausdrückenden, dem Körper, sich indifferenzieren. In der expressionsphantasmatischen Pointe geschieht dieser Vorgang nach der Devise: wenn es schon nicht vergönnt ist, den Ausdruck einzubehalten, um ihn innenaufzuzehren, dann geht es mindest an, daß er, veräußert, beisichbehalten anhaftend gemacht werde und in diesem Status phantasmatischer Indifferenzvollbringung transsubstantiiere. Wie aber sind diesbetreffend die generationssexuellen Verhältnisse beim Kind beschaffen? Fürs erste trifft man auf ein System von Inversionen. Körperintern (intrauterin) imponiert es als Antinutriment, selbst parasitär, kat'exochen (wenngleich es indirekt an der Nahrung, die der Mutterkörper aufnimmt, mitißt). Vor den Ausdrücken ein langes Austragen dessen! Ferner: der Ausdruck selbst, die Geburt, erweist sich in ihrem sonderdramatischen Wesen am Großort der Erogeneität gleichwohl schmerzstigmatisiert, so als müsse die Veräußerung erzwungen werden (wer aber zwingt wen wozu?). Weiter: es ist allem Anschein nach das Antiexkrement/-dejekt überhaupt, und bringt als solches von sich her schon diejenige Indifferenz/Transsubstantiiertheit mit, die dem subsistenzsexuellen Auswurf (Austritt!) allererst angesonnen werden muß; kurzum ist es in sich selbst sogleich schon mehrwertig. Alles in allem demnach nicht der problematische (und doch dann zur Vermittlung schlechthin und damit zur Produktionsinstanz avancierende) Rest, vielmehr das wie durchgängig souveräne Paradigma des Ganzen des Selbstverhältnisses? Gewiß, zugleich jedoch dessen Gegenteil. Denn: seine Majestät, das Kind, schlägt in dieser seiner Vorzüglichkeit in das Megaexkrement/-dejekt, die höchste differenzanmahnende Alarmstufe, um und wird entsprechend in Kontiguität unhaltbar. Mörderisch sein Binnenparasitismus; sein Austritt die natale Hüllensprengung, Strafgericht des Geburtsschmerzes; fortgesetzt außenvor nicht weniger mörderisch der selbst die Hülle noch anzapfende Parasitismus, voll der Undankbarkeit auch, sofern der Widerspruch der Autotomie dazu nicht ausbleiben wird, und, männlichen
161
Geschlechts, das Zeichen der Entfernung sogleich schon an sich trägt. Die Nachgeburt sollte einen doch schon stutzig gemacht haben, und die Menstruation obendrein (und die Ejakulation?). Wie auch sollte ein derart exzeptionelles Triebgeschehen, daß seine Gedächtnishyperprägnanz in sich selbst zur Amnesie neigt (außerdem der Sonderbeteiligung der sogenannten niederen Sinne wegen), in seiner massivsten Differenzanmahnung nicht radikal dialektisch sein?
Gleichwohl fungiert das Mutter-Kind-, eo ipso Mutter-Tochter-Verhältnis, als Idealität der Indifferenz, der Transsubstantiation apriori, Inbegriff der metamorphotischen anderen Logik in derselben, als phantasmatische Erfüllung - AntiNahrung/Anti-Auswurf - des ganzen Selbstverhältnisses folgerichtig soweitgehend, daß alle Binnendifferenzen nicht mehr seien als ein spielerischer Schein, und selbst der Geburtsschmerz mag sich wie die schließende Binnensühne dieser Perfektion implizieren. Allemal aber ist der Vater-Mann der ausgeschlossene, Muster des geschädigten Dritten, gebärneidisch, die Sodom-Abdrift wider das weibliche Gomorrha, enteigneter Samen. Und allemal entgleist die Vatermännliche Parade dieser Urdepravierung inquisitorisch: als Okkupation der Mutter-Frau als Hexe im Sinne der Vermittlung der subsistenzsexuellen sublimen Kopie dieses Verhältnisses, das darin gipfelt, daß Mutter, sodann allmächtig, sich den Sohn vertochtert. Also muß Vater den Sohn rauben und töten, damit er nicht zum Teufelslover der Hexenmutter wird. "Ausschabung des Unbewußten", Usurpation des Gebärensschmerzes als Folter, Inversion der allersündigsten Binnenreservatio in die Schuldconfessio, das Geständnis der Beiwohnung des Teufels wie eine dauermenstruelle verbalisierte Fehlgeburt (Spracheffekt!), Hexenverbrennung schließlich als pneumatische Inkorporation durch die Nase des Himmlischen Vaters als die Er-zeugung seines ewigen Sohnes. Bislang: Bluten die Frauen, ziehen die Männer in den Krieg, jetzt zu ergänzen: Kreißen die Frauen, töten sich die Männer.
Hommage à Ilse Ritter als Lady Macbeth: hysterika (die an der Gebärmutter leidende): pseudocyesis. Die Tochterfrau kämpft universaltravestisch an der Doppelfront des Namens des Vaters und der Magd des Herrn. Vortäuschung, Dis-simulation: die aufgeblasene leere Hülle in der Hülle, nichts dahinter/nichts darinnen, heiße Luft; und, demonstrativ, der Konkretismus der Erhabenheit, körperdeplaziert, Vor-trag. So ist die Schwangerschaftsperfektion perenn, es gibt keine Austrittsnöte mehr und ebenso nicht das obligate Management der Rückanbindung des Ausgetretenen. Innen und Außen auch, die Körper-selbig also indifferenzieren. Auf die Spitze getriebene Amenorrhöe, die Besiegelung der Scheinschwangerschaft: weder befruchtet noch "natürlich" abgetrieben. - Legte nun der Vater patriarchalisch Hand an, so resultiert der Ausdruck eines puren Nichts, sofern die Autorschaft mit ihren exklusiven Besitzansprüchen entfiel. Das schmähliche Ergebnis ist ein einziger flop, Unten-Muttermund-flatus,
162
Pneumatik-/Spiritualitätshohn und -häme, le petit ballon'. Also die Spitze des Vaterschaftsgerüchts, unkompensiert im patriarchalen Machtspruch des: "es sei!". Eine der Urpatientinnen Freuds nannte die Psychoanalyse äußerst folgerichtig 'talking cure' - Graviditätsersprechung demnach, Körper als Spracheffekt abermals. Die Hysterika wäre dann so etwas wie die aufs Land verirrte Wassernymphe.
Imponierend der Konstitutionsgrund der Hysterie: die Isolierung/Hypostase des sexuellen (weiblichen) Körpers. Umso dringlicher wird die Ermittlung der Dingkorrespondenz wider diese kriteriale epoche. Worin besteht das objektive Pendant? Im Ding-Überhaupt, der Dinglichkeit. Solches aber ist nach allem innermetaphysischen aufgeklärten Wissen eo ipso die totalisierte Vermittlung selbst als solche, garnicht in einem Sprung ausgedrückt, denn die Hysterie definiert sich zur nämlichen Zeit: Geld, in sich selbst autoreferentiell hochpotenziert zur Ware, Kapital (leitet sich von caput ab!). Also besteht die Hysterie in der körperlichen Re-Deplazierung der kurzum: Börse, buchstäblich ,bursa`, kulminierend in der pseudocyesis. Wenn dem nun aber so sei, dann avanciert Film/Fernsehen als Inbegriff der modernen Medien zum selbstsymbolischen Totalaustrag des emanzipierten Tauschwerts, zur Enteignungsobjektivität der Hysterie als des pseudos ihrer entpathologisierten Überwindung, in der sich reservatio und confessio zum wa(h)renästhetischen Universaldesign neutralisieren.
Notorisch Charcot und von Braun: die Hysterika und der Photoapparat - Auge um Auge (Zahn um Zahn - die Graien-Geschichte). Demonstrativer kann die These vom Symptom als Rückeinschneidung des dinglichen Körperdoubles in den Körper retour nicht mehr gemacht sein. Die Entsprechungen reichen bis hin zur Erklärung der hysterischen Lähmung: Mimesis des Photoapparats im Ruhestand, speziell auf die Augen bezogen dann Augenlidlähmung. Wohingegen derselbe in action Augentics provoziert (urzeitlich Schlangenbiß!), jene kriteriale Todeslebendigkeit, in-sich-commotio, Taumel in der Totenstarre, und derart immer auch ein deplaziertes Erhabenes, so daß die hysterische Dingmimesis nicht zuletzt die Reusurpation der Verlautungsprovenienz aller dieser "Größen" mitbedeutete: Symptomkörper so zumal als Spracheffekt (die unmusikalische Hysterie!). Man sieht und hört es: derart rückbezogen geht, über die Aufspaltung von Sehen und Hören vermittelt, die Binneneinheit des Hörens (SprechenHören) "ursprünglich" zu Bruch. Und nicht zu vergessen auch: solche manifeste Dingmimetik, ja Ding-Mimikry (Körpercamouflage), psychoanalytisch: Identifikation mit dem Aggressor, kann nicht nicht, um pathologisch zu entgleisen, instantan der nackte Hohn des Reverenden, allzeit die Katastrophe des "Todes Gottes" sein. Quasi phasendifferentiell muß die hysterische Aktion ultimativ werden in
163
der, wie gehabt, ambigen Parade des Dingmolochs (Zahn um Zahn): als Drogierungs(wider)handlungen (Dauerlutscher, Samenfraß), inbegrifflich Werke der Augen in ihrer Doppelung, generös die Dinge vorm Verzehr zu schonen/Dinge, die sich schlechterdings nicht wegsehen ließen - eine Todesangstquelle, visuell, sondersgleichen. Spricht das Ding hingegen als Präparation seines Zulangens, so hält es die inquisitorische Rede. Mimesis dessen: der hysterische Moralismus. Besser also, zum Sehen zu retournieren.... Musterexempel dieser Verhältnisse von einer infernalischen Stringenz der Hysteriedarstellung: die Aktion "Tamino Hermes", inklusive der Zwischenfälle während ihrer Aufführung innerhalb der "Hermesiade"-Tagung. (Hermesiade. Internationale Tagung über "Philosophie und Ökonomie", veranstaltet von der "Stiftung zur Förderung der Philosophie" und der "Arbeitsgruppe für Pathognostik", Wuppertal vom 4. bis 8.9.1985)
"Brüderchen, komm tanz mit mir...." Kognativ generationssexuell wird hysterisch der Vermittlungsreferenz wegen das Register des Geschwisterinzests veranschlagt. Hysterie-kriterial aber erweist sich (dem wäre kasuistisch einmal nachzugehen) so etwas wie der Brudermord, nicht durch den konkurrierenden anderen Bruder, vielmehr durch die Schwester (Mythologie?). Der Photoapparat im Beispiel, das ist der tote Bruder; Hysterikas haben nur solche Brüder, an denen sie nicht zuletzt ihr Sühnewerk vollbringen müssen. Dominiert doch im Geschwisterinzest eh die Schwester, und diese in sich widersprüchliche Dominanz macht den toten Bruder als Medienmaschine; was paradoxerweise immer auch bedeuten muß, daß die Hysterika an dieser ihrer gefülltesten Leerstelle wider die Funktion des Geschwisterinzests, möchte man meinen, den vereinigten Uneltern todesängstlich ausgeliefert erscheint.
Die Konvenienz der Geschlechter macht in deren entropischem Extrem immerwährend Hysterie und Paranoia, die Hexe und den Inquisitor; die männliche Paranoia zivil abgeschwächt sodann die Zwangsneurose, als tote Eintragungsfolie und Halt der mechanischen Binnenlebendigkeit, in wechselseitigem Genuß. Entsprechend wirken die männliche Hysterie und die weibliche Paranoia so lächerlich grotesk: Kopie-quid pro quo der Geschlechterzuordnung (mehr noch: Kopie der Kopie....). Folgerichtig läßt die Zwischenstellung der Phobie, und zwar bei beiden Geschlechtern, kaum so etwas wie eine Nachahmungskomik aufkommen, und macht sie deshalb umso geschlechtsdifferentieller. Doch alle diese Verhältnisse bezeugen nicht viel mehr als Intersubjektivitätsatavismen, die sich auch mittels der Psychoanalyse bestätigt durch die Zeiten schleppen. Längst nämlich ist die Hysterie mitsamt dem Zwang und der Paranoia ja in der Börse absorbiert abgeschafft, und man muß sich weiblicherseits an Pathologiedissidenz entschieden mehr einfallen lassen, um freilich in der nächsten Fortschrittsrunde dann ebenso und zumal objiziert zu werden (Anorexie, MPS). Konvenienz, die sich also verschoben zu haben scheint
164
(war sie früher wirklich so anders beschaffen?) in die schwesterliche Affirmation des toten Bruders als die Medien.
Wen bringt Frau um? Alle Stammverwandten, außer dem Bruder, und also muß der Bruder in fortgeschrittenen geschwisterinzestuösen/medienbeherrschten Zeiten das auserkorene Opfer sein. Für die Schwester ist der Bruder die Vermittlung selbst, Allewelt, progressiv dergestalt, daß die Medialität auf alle von sich her nicht schon medialen Dinge (Spitzentechnologie) übergreift; Tor zur Welt, Fenster zur Welt, jenachdem, ersteres grenzwertig in den Krieg (Ares), letzteres im Extrem das mit dem Draußenimaginarisierten vollgeschriebene Fensterglas (Hermes), am besten in der Art der Lektüre dann des imaginarisierten Kriegs (so die phobische Kautele: bitte kein Fensterplatz, denn die Abschirmungstransparenz des Glases reicht zur Angstbindung nicht hin, dafür kommt einzig der volle Schriftauffang, dieses letzte Disponat, in Frage!). Allzeit die Vorzeit in der Endzeit: im Radikalfeminismus Solanas' der bloßgelegte (Medien)Maschinenanschluß von Frau, die Liaison der Schwester mit dem also dinglich mortifizierten Bruder. So mythologisch vor-zeitlich die Zauberin Medeia, die den eigenen Bruder Apsyrtos durch Iason umbringen ließ (Vorwegnahme des Leichenzerfalls als Körperzerstückelung, Kochen der Leichenteile als Konservierung, mehr noch: Ver-/Zerkochen als pneumatisierendes Verdampfen, der analoge Vorgang auch im Meer [Luft- versus Wasser-, sprich: Klangzauber], schließlich die Wiedergeburt aus dem [Wasser und dem] Geiste: der tote Bruder als Medientechnikfetisch). (Schwester)Frauen, die nicht nicht technik-/rüstungskonservativ, also egalitätsgeleitet institutionsrevolutionär sein können; so daß weiblicherseits die Revolution auf den Sanktnimmerleinstag aufgeschoben sein muß. - Eine der Vielzahl der Ableitungen nur noch: wenn immer der erinnerbare Traum geschwisterinzestuös organisiert ist, dann wird deren Geschlechtsdifferenz auf diesem Inzestniveau insbesondere spruchreif. Das Erwachen, das ist dann der Moment des Brudermords, für die Schwesterfrau der Terrorgipfel ihrer Wunscherfüllung, für den Brudermann hingegen der Schreckenstiefpunkt seiner immer überfälligen Sühnung (längst freilich verschliffen im ordinärsten Fernsehen).
Pseudocyesis als Verhütung: Selbstalterierungssperre als Absperrung der Fremdalterität, die dadurch im Sprunge/Kurzschluß sich selbst zu alterieren genötigt ist. Wie paradoxerweise liegt das Vergehen darin, auf die Maßlosigkeit der Selbstidentität, des Indifferenzbegehrens, das im Sinne des Binnenabsturzes die Differenzierung besorgt, sich nicht einzulassen; um dann am anderen Symptomende in der Umkehrung von Indifferenz und Differenz sich nur noch different als indifferent, Alles als Garnichtsmehr, zu erfahren. Verhütung in diesem Sinne ist die volle intentio recta; sonst nämlich entfiele ja die Travestierung allzeit der Heiligsten Dreifaltigkeit, hysterisch im Ausgang des
165
fixierten töchterlichen/schwesterlichen Zwischenbereichs zwischen den auseinanderdriftenden Serien (coincidentia oppositorum dann) Sodom und Gomorrha. Scheinschwangerschaft als sich-Ruhe-schaffen. So wird das Mißverhältnis zwischen Außenstille und Innenlärm als eine Art Binnenparese ausgeglichen, der Sühneausgleich diesbetreffend der Realschwangerschaft zugunsten des Zuwachspseudos von Drohung und Mächtigkeit abgeschafft.
Parthenogenese als maternale Version der Scheinschwangerschaft. Weiblich hervorgebracht, exemplarisch durch Hera, ist sie die weibliche Rache an der männlichen Prokreationskopie, speziell (Athene) der Daddy-Tochter-Kreation, des Pendants des Ingenieurs (Hephaistos) männlicherseits. Hera ist also mitnichten hysterisch gewesen, hysterisch nur, also nicht, auf mütterliche Weise (nosologische Bezeichnung dafür?). Immerhin: die stiefgeschwisterliche Nichtliaison zwischen Athene und Hephaistos antezipiert das technische Mirakel der extrauterinen Schwangerschaft; und Pandora, Technikinbegriff und auf sterbliche Weise Anti-Athene/Megahysterika, ist hinwiederum die Rache an der weiblichen Doppelverweigerung (auch Heras, die ja die Mißgeburt aus dem Olymp schleuderte). Eine schöne Kon-sequenz also der generativen Selbstbezugsparaden! Imponierend der christliche Kompromiß: paternale Wunderokkupation der Jungfraugeburt, ent-physisiert (Leihmutterprinzip). Rührend schließlich die Protopsychoanalyse: die Belehrung über die Unmöglichkeit der Eigenschwängerung ruft die beschuldigend auktoriale Vaterschaftszuschreibung des Belehrenden auf den Plan. Und Breuer ergriff die Flucht.... Heldenmache, travestisch, auch: die dafür konstitutive Elterntötung: "Da er mich zeugt' und starb,/sie sterbend mich gebar,..."
166