Name
Passwort
Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)
Dieser Text ist vom Autor für die private Online-Lektüre freigegeben. Jede weitere Verwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.
Masochismus (Pathognostische Studien XI, 2011, Essen, Die Blaue Eule, 101-125)
... Die ordentlichen Perversen sind durch unsere epochale Pornokratie längst enteignet und womöglich pornographisch angepaßt. Entsprechend wird man nicht eben behaupten können, daß auch der Masochismus, heute unser Thema, im Mittelpunkt des psychopathologischen Interesses steht.
Während der Vorbereitungen zu dieser unserer "wissenschaftlichen Werkstatt" habe ich mich freilich nach meinen Behandlungserfahrungen mit masochistischen Patientinnen gefragt. Es gibt nur eine, die meiner Erinnerung besonders nahekommt; im übrigen traf ich des öfteren wiederum Patientinnen an, die, neben sogenannten perversen anderen, masochistische Handlungen schätzten, ohne, zum Zweck der sexuellen Erregung, dazu wie am Tropf zu hängen. Worin ja das Kriterium für Perversionen beschlossen ist: die exklusive Fixierung an einen "Partialtrieb". Masochisten ♂ habe ich, jedenfalls praktisch direkt, bisher keine kennengelernt.
Zunächst zum klassischen Repertoire der Masochismusarten und -unterarten, nach Freud:
primärer versussekundärer Masochismus
erogenerfemininermoralischer Masochismus (?)
Weshalb der Sonderposten "femininer Masochismus"? Anscheinend ist mit diesem begrifflichen Querschläger gemeint, daß Frau auf quasi
101
naturwüchsige Art und Weise das eigentlich masochistische Wesen sei - siehe Helene Deutsch -, betreffend die enge Verknüpfung von Sexualität Und Schmerz, je bedingterweise in Defloration, im Geschlechtsverkehr, in Menstruation, Geburt, Laktation. Ausgelassen aber erscheint in dieser Sequenz, dann aber nicht mehr typisch weiblich, die Defäkation, m. E. der Inbegriff von sadistisch motiviertem "erogenem Masochismus". - Der Nachkriegsfeminismus hatte Helene Deutsch besonders auf dem Kieker. - Ferner ist mit "femininem Masochismus" mit wohl gemeint, daß masochistische Optionen beim Mann dessen Weiblichkeit dekouvrieren - so fungiert, sich schlagen zu lassen, als schwaches Deckbild, sich als knechtigen Mann von einer Domina begatten zu lassen. Siehe Laplanche/Pontalis (Freudzitat): "Hat man aber Gelegenheit, Fälle zu studieren, in denen die masochistischen Phantasien eine besonders reiche Verarbeitung erfahren haben, so macht man leicht die Entdeckung, daß sie die Person in eine für die Weiblichkeit charakteristische Situation versetzen ..." (S. 305) - "Bluten die Frauen, so ziehen die Männer in den Krieg." (HH) - Welche Berufsgruppen suchen an erster Stelle Dominas auf? - Masochismus im Bereich beider Homosexualität? (Auch Homosexualität als Travestiekunst?) Sie bemerken: man gerät so auf mancherlei Spuren mitten in die obere Unterwelt der Zivilität hinein.
Sinnvollerweise sollte ich nun nicht vorhaben, mich ins Dickicht der psychoanalytischen Auslassungen zum Masochismus zu begeben, vielmehr, wie gewohnt, zu versuchen, eigene Schneisen darein zu schlagen, eigene Akzente darin zu setzen, zu deren Ausgestaltung mir ehedem insbesondere die (post)modernen intellektuellen Franzosen, wie so oft, behilflich gewesen sind.
Fürs erste zum "sekundären Masochismus", und dabei dem "erogenen", der sexuellen "Triebmischung" Schmerzlust, der "Algolagnie". Die postmoderne Indifferenzierungsdampfwalze (Medieneffekt!) - "siehe, ich mache Alles platt". "Wir sind Schmiede des Unbewußten, wir hämmern und schlagen flach." ("Mille plateaux") - sorgt bestens dafür, daß fast aller Sinn für die schwarze Sakralität, die Verruchtheit ("sacer"!), masochistischer Aktionen sich anschickt verloren zu gehen. (Soll man akklamieren oder bedauern?) Worin also besteht das Mysterium des Masochismus? In einem Höchstgrad an Selbstimmunisierung (an "Autonomie-, Autarkie-, Absolutheitsbegier"), der da besagt: masochistisch bin ich imstande, selbst noch den stärksten Körperschmerz mit sexueller Lust zu durchmischen und auf diese Weise zu neutralisieren; Du kannst mich, Scherge, nach Belieben quälen, ich werde
102
selbst die unerträglichsten Qualen, diese Todesannonce, erosbegeistert, Libido-kontaminieren, so daß Du, auch wenn ich stürbe, das Nachsehen haben wirst; und magst Du Dich noch so allmächtig gebärden, haben kannst Du mich in alle Ewigkeit nicht. (Eulenspiegels Tod am Galgen!)
So das Phantasma des Masochismus (gemäß der späten Triebtheorie Freuds gesprochen): ultimative Erosparade wider Thanatos, auf dem Niveau des Fleisches, der Sexualität. Und sie ist - in meiner Lesart - das sich überschlagende, letztlich exponiert vergebliche Werk des "Todestriebs", das heißt des Todes-assimilierenden Kontraparts des Todes (des unmöglicherweise vorgestellten Todes!). Immerhin aber, gleichwohl, eine urmenschliche List, die solange Bestand haben wird, bis wir keine todestrieblichen Todesanbeter mehr wären; welcher Ablaß in weiteste, utopische, immer weiter sich entfernende Ferne rückt. Um die menschlichste Wehrhaftigkeit des also prekärst todesleugnenden Masochismus mehr noch hervorzustreichen: Masochismus, der sich in der dubiosesten Würde von Lebenshypostase, erotischer Todesweihe, um nicht zu sagen: Sakramentalität erfüllt ("letzte Ölung").
Wie sollte es anders sein, als daß die Geschlechtsdifferentialität des Masochismus der ödipalen Asymmetrie im Geschlechterverhältnis willfährt? Denn beide, Sohn wie Tochter, werden ja von der Mutter geboren. Von daher stellen sich die differentiellen Bestimmungen ein:
Beim heterosexuellen hier ausgewählten weiblichen Masochismus ist die generationssexuelle Grundkonstellation die des Vater-Tochterinzests, aktualisiert in allen möglichen bis zur Unkenntlichkeit sich verlierenden Verschiebungen. Diese nichtursprüngliche Inzestart aber soll vor dem primären, dem "nichtssagenden", jedoch beispielgebenden, im Endeffekt tödlichen (inverser Abort) Mutter-Tochterinzest schützen, nur daß er dadurch "vom Regen in die Traufe", ultimativ die Geschlechtsumwandlung der Tochter, gerät: Vater, der aus ihr die Mutter, überhaupt Weiblichkeit, die auszuschließende, zu tilgende, herausprügelt; gemäßigt sie wenigstens zur "Magd des Herrn", modern/postmodern zur feministisch geschmähten "Daddytochter", sich botmäßig macht.
Blickt man nun auf den Schläger, so steht er in diesem abgeleiteten Inzestgefüge nicht eben günstig da. Denn angewiesen ist er auf direkte körperliche "sadistische" Gewaltausübung, um genital sexuell überhaupt in die Gänge kommen zu können; wenngleich sich damit der essentielle Gewaltunderground aller Sexualität - nichts als Gewaltbeglaubigung, prämierung,
103
-unterhalt - um die Ecke herum bloßlegt. Mehr aber noch: in die Fähigkeit masochistischer Gewaltparierung mischen sich weiblicherseits Elemente des - eben erwähnten - quasi naturwüchsigen ♀ Masochismus abwehrverstärkend ein; so daß man zumal sicher sein kann, daß der Gewalttäter den Kürzeren "zieht", "das Nachsehen hat", und gar, prekärerweise, mit einer Ladung Häme, diesem analen Affekt, ("Scheißkerl", "Arschloch") überzogen wird; er ist ja eo ipso der "Secondhand"-Übeltäter. Dem weiblichen Masochismus eignet so etwas wie ein verschlagener Augenblickstriumph über Mann, die Konterkarierung, letztlich zwar diesem dienstbar, des Patrifiliarchats; über Mann, dazu verurteilt, mit der Differenzschande der fäkalischen Mutterleibleiche verworfen Vorlieb nehmen zu sollen, pointiert mit deren Übergangs-, Austrittsort, dem After-"Arschloch" eben. Und selbst in der wie masochistisch beseligten Leiche kulminiert, für das Außenansehen, der todesvirginale Entzug, die letzte - nekrophilisch parierbare - Verwehrung. Welch mutterbeauftragte filial weibliche Überlegenheit, inmitten ihres Gegenteils, und von diesem, ihrer Basis, je schon zunichtegemacht, die masochistische Veranstaltung zum bloßen Spiel zu entschärfen!?
"Arschloch" wirkt wohl despektierlicher als das Universalschimpfwort, die Verfluchungsfloskel "Scheiße", sowie, noch schwächer, "Arsch/letzter Arsch". Weshalb die Auswahl der Austrittsstelle der Scheiße am Gesamtarsch? (= Examensfrage für Psychoanalyseaspiranten, wider den grassierenden psychoanalytischen Substanzverlust!) So wird die Defäkation auf die selbstgewisse Erwartung der Elimination des Schandprodukts, sowie, abschließend, auf die Bestätigung desselben hin als ein solches ("mit Gewißheit wird es so sein; und nun geschieht es, wie im voraus schon gewußt") mit schimpflichem Sinn begabt; konzentriert eben dann das Inerscheinungtreten (Epiphanie) des Skandals, als sei Mann, pars pro toto, nicht mehr als dies ominöse hochalgolagnische Loch. Schimpfe, die aus der tiefsten fetischistisch gefesselten Misogynie, der mörderischen Verfallenheit an die Mutterleibleiche Faeces, hervorgeht ("Und dieser irre Scheißkerl soll ein Mann sein?").
Die Faszination von Löchern gilt überhaupt, zumal fäkalisch (des Kulturentscheids der Dingtransfiguration der Exkremente wegen): Spannung, bange Neugier: Inneres tritt, sich entbergend, ostentativ nach außen ("Rücksicht auf Darstellbarkeit"), und man starrt - wohin sonst? - auf den solches gewährleistenden Exitort.
Und dann noch die hämische Komik des in alle Ewigkeit unsichtbar entzogenen (lautlos klingenden) Hinten! Und dann zudem die Flatusparodistik! (Man bemerkt die Näherung, körperkonkretistisch, der Teufelssphäre.)
104
Selbstverständlich würde ich niemals behaupten, daß dieses idealtypisch sadomasochistische "imaginärreale", von den "dramatis personae" konsensgetragene Szenarium alle "realreale" Gewaltszenarien schon miterschöpfte. Wieviele solcher mag es gegeben haben und weiterhin geben, in denen alle masochistische Pufferungen ausfallen, und, auf der anderen Seite, keine sexuelle Erregung, vielmehr eine extreme "Affektenisolierung", horrende "Coolness", herrscht? Gleichwohl sollte man in deren "underground" immer auch nach dem skizzierten sadomasochistischen "Crossover" fahnden und dabei vermuten dürfen, daß der indolente Ausfall von Masochismus und Sadismus der Abwehr des Sichverschuldens durch "Sexualisierung von Gewalt", gar gewaltsteigernd, dient. Hierbei kann es bleiben: bei der Verbeugung vor der ganzen Kunstfertigkeit des Masochismus, selbst noch der Grundlage seiner - scheinbar - schuldaufhebenden "Entlustung", ineins mit seinem Despekt, die Todesverleugnung auf ihre - ja spätestens im Tode abbrechende - Spitze zu treiben; bei der Ambiguität von Schäbigkeit und Würde.
Erlauben Sie mir hier ein kasuistisches Einsprengsel zu der angeführten, meiner einzigen pathologisch masochistischen Patientin. Die starken bis dahin gehenden masochistischen Bedrängnisse, die Passion nachgerade, rituell mit Stock oder Riemen auf den nackten Hintern bis kurz vor dem Blutunterlaufen geschlagen zu werden, mäßigt sich zusehens mit Schwangerschaften, Geburten und Kinderaufzucht, ja verlor sich im Genuß derselben fast ganz (Wunder der Prokreation, ebenso erlebt bei einer Multiplen und einer Heautoskopistin!). - Ätiologisch geriet ich auf diverse Spuren: eine mutmaßlich genetische - ihr Onkel mütterlicherseits, psychiatrischer Patient, schizophren erkrankt, suizidierte sich bilanzierend in einer Restitutionsphase. (Das wäre ein Thema für sich: die Psychosennähe der Perversionen, nicht zuletzt des Masochismus.) Die andere, eine lebensgeschichtliche Spur: ihr Vater kehrte sehr spät, schwerverwundet (abgeschossenes Bein), an Krücken, überhaupt entkräftet krank, aus russischer Kriegsgefangenschaft heim, und setzte sich alsbald, wohl im Zustand geistiger Verwirrung obendrein, von der Familie, Mutter und Tochter, auf Nimmerwiedersehen ab. Die Vaternot - Signum meiner Generation - liegt auf der Hand: im unbrauchbaren verstümmelten wiederverschwindenden Vater, der die Tochter, vermittlungslos, abermals, der Mutter überläßt, ja ausliefert.
Es dauerte recht lange, bis sich in meiner Patientin ein dumpfes allesbeherrschendes Schuldgefühl einstellte, so als habe sie, durch eigene Lieblosigkeiten, den Vater krank gemacht und verjagt. Nach und nach erwies sich ihr Masochismus als Schuldabtrag, Bußübung, Sühnemaßnahme eben dafür. Welche Funktionalisierung sie aber umso schuldiger werden ließ, insofern sie die masochistischen Strafaktionen umwillen der sexuellen
105
Ekstase aufsuchte, und, in höchster Lust, sich so mit dem Vater, imaginär, verschoben, inzestuös vermählte. Schuldklimax, unendliche Selbstinkulpation der Metamorphose von Bestrafungsschmerz in infame Lust. Hochdilemmatische Situation, die sie schließlich, verstärkt durch den obligaten Druck durch die Therapie, nur Selbsttherapie der Mutterschaft greifen ließ.
(Ob es unter diesen Bedingungen Kindern wohlergehen kann?!)
Nun zum "moralischen Masochismus". - In seinem Kontext obwiegt die unbewußte Selbstsabotage ("Mißerfolgs-, Schicksalsneurose"). Man legt sich, ebenso, um Buße für von weitherkommende, zumal aufklärungsbedürftige Schuld zu üben, unkorrigierbar, dicke Pflastersteine in den Weg, genießt dann aber das selbstbezichtungsbeflissene selbstschädigende Schuld- und Sühnetheater, die Seelenpein darin, auf "narzißtische" (versus "libidinöse") Weise ("seht da, ich, in meiner Leidensgradiosität, bin der Fußball der Welt!"). In der auch hier schuldsteigernden narzißtischen Neutralisierung des Psycholeidens (, joy of grief") verhöhnt der moralische Masochist - unlauter, heuchlerisch, betrügerisch - das bestrafende "Überich", indem er vor ihm duckt, ihm zugleich, in seiner hypokritischen Pilgerfahrt, fortgesetzt huldigt. Die prominente "Wendung gegen die eigene Person", die "Reaktionsbildung" darin, pervertiert zum Hochgenuß erzbetrügerischer totalisierter erosdurchseuchter Tartüfferie. Und auf diesen gewundenen Wegen unnachlaßlicher Eroshypostase gedeiht die trügerischste Illusion, die Urschuld der Sterblichkeit (theologisch die "Erbsünde") mittels deren Falschmünzerei in einzelne hysterisiert moralische angeblich derart verfügbare Debita, durch deren Verdrehung in quasi Genußmittel scheinbar unschädlich gemacht, quitt zu werden.
Das ist für Sie als Praktiker besonders relevant: der "moralische Masochismus" sorgt entscheidend mit für das therapeutisch Refraktäre psychopathologischer Symptome, für deren Hermetik, für die sogenannte "negativ therapeutische Reaktion". Psychopathologie aktualisiert sich ja hauptsächlich implosiv: übernimmt für die magisch vorgestellte imaginäre Trieb-, die Autokreationskriminalität, die gebührende Sühne. Mehr aber noch: diese Leidendlichkeit begabt sich mit dem Selbstimmunisierungsschild "libidinöser" und/oder "narzißtischer" Kathexe, und also sind die Schotten, wie endgültig, dicht.
Nochmals: das quälende sich hochschraubende Hin-und-Her zwischen sich schuldigmachendem Triebnachgeben und reparativ büßender Abwehr wird, voll der heiklen List, mehr als nur erträglich gemacht, ja nachgerade
106
angeregt und entschuldend beglaubigt durch den masochistischen, sei es sublimierten, sei es fleischlichen, Lusteinschuß dahinein. Wie sollte man gegen diese Selbsteinmauerung ankommen können? (Einziger mühsamster Zugang dazu: solche Uneinnehmbarkeit zu öffnen versuchen durch den Nachweis, daß sie auf das ultimative Werk des "Todestriebs", der unmöglichen Abschaffung des Todes, zurückdatiert.)
Und jetzt zum schwierigsten Begriff und Sachverhalt: dem "primären Masochismus". Vorsicht zuvor bei Freudschen "Primär-, Ur-" etc. - diese Attribute gehen auf Philosophie aus, die, in deren Ummodelung hinwiederum in Wissenschaft als "wissenschaftliche Metaphysik", verfehlt erscheint. Eine Annäherung an den "primären Masochismus" läßt sich durch den Umstand herstellen, daß die obligaten Gewaltdeterminanten adaptiver Sexualfunktionen durch die entsprechenden Lustprämien - Stimuli, Konservantien, ja seinen Zweck vergessendes Eigenpropositum - allererst in die Gänge kommen. Denn ohne Essensgenuß würden wir uns am Essen "unsterblich" verschulden und schließlich verhungern; ohne die sadomasochistischen Begleitsensationen der Dejektion würden wir, so die Befürchtung, dauerverstopfen und krepieren; ohne genitale Begehrlichkeiten versagten wir uns die Robustheiten der Prokreation mitsamt der üppig darüberhinausgehenden selbstzweckbegabten Verlustigungen. Die masochistischen Optionen darin drogieren das gewaltbedingte Schuldaufkommen; Masochismus = manische Gewaltexkulpation, nur daß in Sachen Schuld "die letzten Dinge ärger werden als die ersten".
Wie demnach lautet die integrale Definition des "primären Masochismus"? Es bedarf dazu der Kommutation von Gewaltausübung zu -erleiden, der Hinfälligkeit, der Verfallenheit, der todesavisierenden Desintegration der menschlichen Existenz, zumal des menschlichen Körpers. Deren Lustdurchdringung - sei sie direkt sensitiv oder übertragenerweise sublim - bewerkstelligt deren fürs erste rettendes Sedativ, jedoch um den Preis der letzten schuldakkumulierenden Todesabstreitung. (Das psychosomatische triftige Konzept der "Organlibido" sollte hier wiederaufgenommen werden.) Der "primäre Masochismus" avancierte so zur "conditio sine qua non" menschlichen Lebens im ganzen.
(Ich bin mir freilich bewußt, daß diese meine Version desselben - Werk des "Eros", des Gleiß/sners, der, ultimo, die Sterblichkeit heiligt - sich von Freud, wenngleich in dessen "metapsychologischen" Bahnen fortdenkend, entfernt.)
107
Zur weiteren Verständnisannäherung stellen Sie sich einmal vor, Sie seien Ihrer Seinsentropie, dem "Countdown" zum Tode, hilflos ausgeliefert, gänzlich bar der Umkehrbewegung des ablenkenden Aufschubs durch Erospenetration und -expansion in ihrer unablässigen Selbstdekadenz (auch der Fluchtweg ins Scheinexkulpat der "Affektenisolierung" sei Ihnen zumal versperrt), Sie würden kurz dann nur überleben können. Also existieren wir von Gnaden des "primären Masochismus", der mit dem "Todestrieb", als dessen, in passiver Rücksicht, Präzisierung, zusammenfällt.
Dringend aber bedarf es noch der Einrückung der tückischen Eroseingaben inmitten der lebensnotwendigen sexuellen Gewalttaten, als deren, allzeit, teleologisch, auf Selbstzweckkurs, Anreiz und Unterhaltungsmedium - deren Sukzession innerhalb destruktiven Gewalteinbehalts ("Wendung gegen die eigene Person") (versus "sadistische" Gewaltveräußerung) -, in den todestrieblichen Begehrenskontext - müßte doch "Überleben" in "Überleben", menschgemäß, transfomiert werden - "Begehren" ("desir"), ja kein adaptives "Bedürfnis" ("besoin") nur, ebenso kein "Anspruch" ("demande"), vielmehr, in aller Mächtigkeit, die Passion, mit den "Objektiven der Begierde" - den Nahrungsmitteln, "a fortiori" den Ausscheidungen, dem weiblichen mütterlichen Körper - restlos einszuwerden, um so, autonatal, absolut, unsterblich zu werden. Und der (Miß)garant dieser Apotheose sei die masochistische Lust, die Ewigkeit, "tiefe, tiefe Ewigkeit", will, in ihrem vergeblichen, nur passager und lügenhaft vergönnten irrig reüssierenden Wollen. Diese begehrensimprägnierte Dramatik unterstreicht die exzessive Erosmaskerade des Todes, nicht nur "Eros" in seiner Funktion des planen - passiven wie aktiven - "Todestriebs", vielmehr in seinem wesentlich hinzukommenden zumal dann grosso modo düpierenden Pseudos: dem Rausch ewigen Lebens. Wie bereits angesprochen, bündeln Symptome dieses Gefüge aus Schuld und Sühne und, (schein)akkomodabel, reparativer Manie, recht eigentlich die "depressive Position" in pathologischem Verstande, die ihre abgelöst objektive scheinbar entsühnte Entsprechung in unserer Organisationsart von Arbeit hat.
Arbeit - Brückenschlag zur Fälligkeit einer Korrektur über die des frühen reduzierten psychoanalytischen Triebbegriffs hinaus, die des familialen Intersubjektivismus: der Auslassung der kultural dinglichen Peristatik. Jeglicher subjektive Masochismus zeigt sich nämlich, wenn immer man die Tore dahinein zu öffnen gewillt sein könnte, eingelassen in gegenständlich externe - institutionelle wie technologische - Bedingungszusammenhänge,
108
die, nicht-kausal, im Sinne supplementärer Sozialpsychologie, Krankheit miterwirken, die vielmehr in einem Wechselwirkungsbezug untersagter Aneignung und (vorerst therapeutisch entscheidender) Wiederfreigabe zueinander begriffen sind. Insofern wird die Frage nach der vorgängigen masochistischen Verfassung unserer "ökonomischen" Subsistenzdimensionen spruchreif: welchen Stellenwert also nehmen masochistische Grundoptionen in "Produktion, Zirkulation/Tausch und Konsumtion" ein - scheinbar verquere Frage, die sich, sehendes Auges, im Sinne einer "Psychoanalyse der Sachen", dem erledigenden Verdikt: "Kategorienfehler" aussetzt. Ein zwar nicht eben besonders inspirierter, aber einprägsamer und verbreiteter Reklameslogan sagt es: "Du darfst!". Höchsten Rationalisierungsgrads gilt die scheinbar schuldtilgende Unterstellung, daß es die uneingeschränkte Lust allen Naturstoffs sei, kultural transfiguriert zu werden - ein Hoch auf das masochistische Luder "Natur", die zynische Satisfaktion seiner höheren Zwecken dienenden Schändung -"sie will es ja so!". Und im Endstück, dem Gebrauch, soll nicht nur die entsprechende konsumtive Gewalt, sondern der ganze restlos bis in die Herstellung langende "schaffende Tod", masochistisch tamponiert - so der essentielle Vorzug der Konsumtion -, voluptiv drogiert werden ("Anti-Ödipus": "Das also war es, das also" - rülps etc.! - "bin ich"). Und im Tausch? Freilich, auch hier drückt die Manie des masochistischen Genügens - vorgängig, produktiv, in der Sache, danach im gebrauchenden Subjekt - alle Augen zu. Und der Sinn dieser psychoanalysefremden Auslassungen? Allemal zwecken sie auf die pathognostische Reform des Psychopathologiebegriffs ab, auf ein Subversionsvorhaben, in dem die durchgängige Gewaltsedierung in ihren spezifischen Erosinsinuationen ("Anti-Ödipus": "libido, numen, voluptas") in vorausgehendem objektiv dinglichem Verstande fokussiert erscheint, so daß alle subjektiv körperliche Krankheit (eben versus dazu apriorische Kulturpathologie) auf substantiell nothafte Überaneignung, ja die Leidenschaft des eo ipso sanktionierten Selbstseins der kulturalen Masochismusvorgaben (des dreifaltigen "Du darfst") zurückdatiert.
Freilich, wer protestierte nicht gegen dies "anthropomorphistische" Ansinnen, der besagten "Natur" - eigenmotivationale Stoffausfällung des Kulturzugriffs ja selbst "nur" - im ganzen dies exklusiv menschliche letzte Notfallgebaren, bis zum Aberwitz des höchsten Lustempfindens der "toten Materie", naturphilosophisch nichts als verrückt, zu unterstellen? Wider diesen Schlag ins Gesicht der Wissenschaft, die doch mit solchem spekulativen Unsinn längst schon gründlich aufräumte? Nein, sie, die Wissenschaft,
109
wähnt nur, von dieser ihrer metaphysischen Wahnsinnsprämisse a limine detachiert zu sein, sie bleibt ihr dagegen, verdunkelt, ewig, als ihre fertilste Exekution, verpflichtet.
Bis dahin dissident vorgedrungen, mag sich die Sicht auf Kultur, unserem einzigen Rettungsanker, kommutieren. "Das Leben ein Traum" (der ordinäre nächtliche Traum = Traumtraum) - im objektiven wie im ausgeliehenen, subjektiven Masochismus, in dieser thanatoerotischen "Triebmischung", tut sich die ganze Gebrochenheit unserer kulturalen Existenz, der Kultur selbst, kund: Masochismus, vormals einsame Perversion, profiliert sich so, pathophilosophisch pointiert, zum Signun derealisierender Seinsambiguität, die sich um Desäquivokationen, "Triebentmischungen" ("wer trennte sie: die Worte und die Dinge ...") durch die Millenien quält.
Auf psychoanalytischen Spuren dürfte die ätiologische Frage nach der "Archäologie" der Masochismusarten, deren Vor- und Frühformen, nicht ausbleiben. Man erinnere sich: in meinem vordem angerissenen Fallbeispiel erscheinen Fährten dahin angelegt: lustmaliziöse Bestrafungsgier, die auf schwere, zur kausalistischen Beruhigung gut erfunden imaginäre Verfehlungen rückverweist, hier auf die verschobene quasi nachkartende im Verein mit der Mutter vorgenommene "Kastration" des also ausfallenden Vaters, Provokans fast blutiger Sühne für die, an dit, selbstverschuldete offensichtlich ins Bodenlose abstürzende Drittenprivation, perversierend aufgehalten, beigestellt auch dem psychotischen suizidalen Mutterbruder. Summa: fast grenzwertiges großes Malum, mit allen Kriterien der "depressiven Position" versehen: Supermagie von Schuld und Sühne, beinahe zunichtegemacht mittels reparativer Übertreibung in die manische Himmelfahrt schierer - nur umso schuldigerer - Unschuld. So die Spitze des "primären Masochismus", diesem deliktbestimmten Widerspruch in sich.
Das Stichwort ist gefallen: "depressive Position". Man wird, im weiteren Verfolg der - der zweifelsohne besonders prägenden, jenseits jedoch von Kausalismen angesiedelten - "paläontologischen" Ausgestaltungen des Masochismus, immer im Zusammenhang mit Reparationen, nicht umhinkommen, sich dem Kleinianismus anheimzugeben: nämlich der - der vorausgehenden - synchronen (!) "paranoid-schizoiden Position" allzeit geahndeten eigenen (imaginärrealen unfertigen) Kriminalität. Bis wohin ich mit meiner Patientin bloß andeutungsweise gediehen bin - sie schlug ja den fürs erste gelingenden selbsttherapeutischen Weg der besagten verlagert masochistischen Moderation durch ausgiebige Mutterschaft ein. Nicht indessen, ohne der familial inzestuösen Grundverfassung nicht Tribut zollen zu müssen dadurch, daß sie den Vater ihrer Kinder "in die Wüste schickte", sowie der Neigung, sich in die Lage des "geschädigten Dritten"
110
zu manövrieren ("Undine geht ... "), zu fröhnen. (Letzte Kunde: in einer fernen Stadt hatte sie vor, sich gar um eine psychoanalytische Ausbildung - illusionärerweise? - zu bewerben.)
Gut, im erogen masochistischen Folterszenarium kulminiert, kurzum, die "depressive Position", nochmals: sanktional schmerzende magische Abgeltung imaginärer schwerer Schuld, Buße aber, uneinnehmbar obstinat, bis hin zum dazu widersprüchlichen Delir - Kippstelle wie vom Fleisch in den Geist - erotischer Purgierungsexklusivität. Dies hypertrophe Eroswerk, Phantasmenklimax, schließt mitnichten aus, impliziert wesentlich vielmehr, daß es sich hierbei um das Forcement widerretentiver Hergabe handelt. Auf analem Niveau, derart regressiv verschoben, vollzieht sich, wie vergewaltigend, der Vater-Tochterinzest. Dessen Ziel aber formiert sich daraufhin, die anal inzestuöse Einbehaltung der Faeces - diesen innenkoprophagischen Mutterleibleichenrest - Mores zu lehren, doch eben ohne dies, die nachholende Tabubildung in der ordentlichen Defäkation, zu vermögen, denn die Tochter nimmt lieber den Tod, davor jedenfalls die übelsten Malträtierungen, in Kauf, als daß sie sich der Differenzstattgabe in der Ausscheidung beugte. Und sie pedalisiert (und mehr), lustkonversiv, in extremo, ihre inbegrifflich exkremental inzestuöse indifferenzierende Renitenz just auf masochistische Weise. Auf der anderen Seite, der Folterknecht, er verfängt sich dergestalt im Lustaufkommen seines Sadismus, daß er dessen drittenobligatives widerinzestuöses Ziel besinnungslos vergißt, "Eros" - der Komiker. Und nicht nur das: er hatte eh ja vor, und tut es dann auch, eben sadistisch, die Schmerzenstochter in seinen Sohn und sogleich dann in sich selbst zu alterieren. Wozu er aber - parasitär - des Fraßes der von der Tochter ausgeschiedenen Mutterleibleiche benötigte; worum er sich realiter, doch umso imaginärer und lustexzeßexkulpierter - Gott sei dank!? -, pathologiejenseitig, bringt.
Einfacher gesagt, unterlegt sich dem Masochismus eine "anale Fixierung", will sagen: den Adhäsionsort macht der SM-Charakter hauptsächlich der Defäkation, mitnichten aber im irrigen Sinn einer kausierenden "Urszene", einzig vielmehr als Fleischeswiderschein der vor-, nach-, dazwischen-Trägerschaft des objektiven Masochismus in unseren ökonomischen Subsistenzdimensionen, wie gehabt. Und der "moralische Masochismus" schwebt wie eine gehärtet sublime Wolke über den erotischen Körpergewässern. Und der "primäre" hat sich je schon, effemisierend, von den Geschlechtsorganen aus im gesamten Körper, zweifelsohne verzweifelt auch,
111
ausgebreitet. Amen. (Erwägbar bliebe noch die Zuordnung des "erogenen Masochismus" zu dem der "Produktion", des "moralischen" zum "Tausch" und des "primären" zur "Konsumtion"?)
Fürs erste heterogen dazu - eher auf die Ichentwicklung, instanzen- und strukturmodellbezogen - ausfällt, masochismusgenerisch, eine kurze Bemerkung von Federn (?) in den "Protokollen der Mittwochsgesellschaft", die da erwägt, daß der Vorlauf des Kognitionsstandes die Sinne, zumal betreffend sexuelle Vorgänge (vergleichbar etwa dem "Isakowerphänomen"), prognostisch nicht ungünstig für die spätere Prägnanz der "endopsychischen Wahrnehmung" (und für deren Kultur als Intellektualität), im Übermaß schärft. Wodurch womöglich eine grenzwertige produktiv hypochondrische Überbesetzung der - nicht zuletzt erschreckenden - sexuellen Wahrnehmungen statthätte: das auferlegte Ausempfinden deren eo ipso ja algolagnischen Charaktere, mündend in einem Früh-SM, beruhend auf den Kleinschen "Positionen", mit altersgemäßem anal zentriertem masochistischen Akzent. Fraglich aber bleibt, angängig den für solchen - in seiner Nothaftigkeit lüstern (mehr als) ermäßigten - endogenen Selbstvoyeurismus, entscheidend die Herkunft dieses Perzeptionspräkurses - Mitgift irgend schon oder aber vorhabitualisierte defensive Notfallreaktion wider, kurzum, inzestuöse Chargierungen.
Alles in allem: Topmasochismus intendiert, nach dem sicheren Sündenfall des "en soi-pour soi", dem scheiternden "ontologischen Gottesbeweis" (Sartre), mittels seiner kriterialen "Triebmischung", diesen numenalen Status, gleichwohl, post festum, zu erzwingen. Und dies mit dem Resultat der Ostentation des "Ecce homo", des Integrals von Mensch, der sich in seinem kreatürlichen Absturz ins Unmaß des Leidens, letzthybrid und -erbötig zugleich, auffängt. Masochismus, der sich somit zum ganzfleischlichen Signum der Apo-kalypse, wie parallel zum Eschaton an Intellektualität, versteigt. Die zählebigste Begeisterung fürs Christentum muß ja irgend einen Grund haben.
112
Nachschläge
Meine Offerte, für die "Psychotherapietage NRW" über Perversion zu handeln, fand keine Resonanz; die Veranstaltung fiel aus.
Wenn ich recht sehe, so überschneiden sich Perversion und - epochal wahrhaft wuchernde - Pornographie progressiv.
Um sogleich einem Mißverständnis hierin vorzubeugen: beider Unterschied besteht ausschließlich darin, daß jene, Perversion, an interaktionellen Verfügungsproblemen laboriert, und diese, Pornographie (= Hurenschreibe!) dagegen mit deren, ja, Demokratikum in Schrift, Bild, Ton, Film medialisierter Externalität. Nicht besteht die Differenz zwischen beiden darin, daß jener, der Perversion, die mediale Vermittlungsnotwendigkeit abgeht, dieser, der Pornographie kriterial hingegen nicht; nein, jene - und das ist mit wohl der Grund ihrer Rückläufigkeit - ist auf die Internalisierung der dinglich medialen Dispositionsmittel dieser, schwächend, angewiesen. Worauf aber muß die Verinnerlichung aussein? Allgemein auf die - vom Mann aus gesehen -jedenfalls initiale Eskamotierung der Geschlechtsdifferenz, auf die angstbindende Monosexualisierung als konträrer Auftakt der Differenzkonzession hin (siehe Schlußszene "Siegfried": "Das ist kein Mann!"). Also regrediert die obsolete dingeinbehaltende Perversion zur Genesishypostase der Prothetik, von Dinglichkeit überhaupt: der reifizierenden Neutralisierung des Geschlechtsunterschieds (ebenso der der Generation), zum Zweck ihrer eben prothetikvermittelten - illusionärerweise - fetischistisch dispositionellen Restitution. (Perversion = interkorporell; Pornographie = Körper, referent auf mediale Prothetik, gegebenenfalls körpervergemeinschaftet und zur Perversion - mit ihrem geschlechtsindifferenzierten Entree - hinführend)
Indessen, teilweise jedenfalls, eingeholt wird die Pornographie von der Perversion in jener Herstellung, die oftmals ja, um der pornographischen Echtheit willen, "zur Sache geht". Und also bedarf es einiger Kaschierungskünste hierbei, um nicht mit dem Gesetz in Kollision zu geraten. (Pathologie von "Pornodarstellern, "Wanderer zwischen den Welten"?)
113
"Die exklusive Fixierung an einen ,Partialtrieb-- so lautet die unpraktibel strengste Fassung von Perversion. Es dürfen auch mehrere sein, dann aber alle, möglicherweise irgend im Wechsel, als "conditiones sine qua non" der sexuellen Stimulierung. Für unsereinen nicht überraschend, hängt eben auch im Normalfall die sexuelle Erregung von unbewußt gehaltenen Partialtrieben unabdingbar ab (vom sexuellen Reaktionsprofil mit entsprechenden Prädilektionen).
Unverträglichkeiten perverser/pornographischer Wünsche unter Sexualpartnern sind, zumal wenn unartikuliert, häufiger Anlaß zu blindem Streit.
Tief verdrängte perverse/pornographische Anfechtungen sollten im Falle sexueller Funktionsstörungen routinemäßig recherchiert werden, versteht sich.
Wie weit sollte die Toleranz einvernehmlich vorpathologisch perverser oder zumal - wegen der Drittenfremdbeteiligung in der Pornoproduktion - pornographischer Aktivitäten gegenüber reichen? Man möge sich diesbetreffend an den Heiligen (!) Augustinus halten, der da empfahl: "Ama, et fac quod vis"?
Einschlägige psychoanalytische Literatur:
Freud: (u. a.) Das ökonomische Problem des Masochismus (GW XIII., 376 ff.)
H. Deutsch: Psychologie der Frau. 2 Bde. Bern. 1948/54
Laplanche/Pontalis: Artikel "Masochismus" und "Sadomasochismus" (ersterer etwas schwächer als sonst)
Philosophische Literatur (meine Ex-Hauptreferenzen):
G. Deleuze: Anhang zu: L. v. Sacher-Masoch: Venus im Pelz. Repr. Insel Taschenbuch 1959, 1997
J. P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Hamburg. 1962
114
Und vergessen Sie bitte nimmer, sich auf die "Höllenfahrt der Selbsterkenntnis" (J. G. Hamann, der "Magnus im Norden", Wegbereiter des "Sturm und Drang"), eben auch zur Kenntnisnahme Ihrer eigenen Masochismen, zu begeben!
Vorsicht: Freud heißt den "primären Masochismus" - missverständlicherweise - auch "erogen", sodann doch im Sinne einer leichenkonterkarierenden Ganzkörpererogeneität. (Ausdruck auch des Scheins körperlicher Ursprünglichkeit?) Nur der Einfachheit halber darf "Körper" hier die ansonsten notwendige Differenz "Leib-Organismus" indifferenzieren.
"Defäkation, m. E. der Inbegriff von sadistisch motiviertem erogenem Masochismus ..." Psychoanalytisch wird allenthalben zwar die Aggressivität der "analen Elimination" prononciert, jedoch - außer wohl im Kleinianismus? - die gebührend "ödipale" Qualifizierung dieses Aktes mitsamt seinem Resultat außeracht gelassen: jener, das vollendend mörderische Nachkarten des metabolischen Unvater-garantierten Muttermords - MordMord -, dieses, die Faeces, die defäzierend bestätigte (und verräterisch manifestierte) "Mutterleibleiche", inklusive der Sperre der koprophagischen Inzestperfektion umwillen der exkrementenvikarierenden, vorerst bis zur tätigen Waffengeburt rettenden, Kulturgenese in Dinglichkeit. "Sadistisch" nennt sich dieser, über Menschheit allentscheidender, Vorgang, und zwar wegen der anreizenden, tragenden, gar selbstzwecklich teleologisierten erotischen Lusteinmischung in dessen Gewalt, anmutend wie die Entschädigung für die Hergabe, widerinzestuös letztlich aber dann doch insofern nicht, als die fetischistische DingKapitalviskösität, kulminierend im regressiv-progressiven Waffenenthusiasmus, mittelbar diesem Verzicht bloß, auf Körperniveau, folgt. Und die masochistischen Implikationen darin schließen, totalisierend, die Phantasmagorie erotischer Erlösung (allerdings, wiederholend, in Raten) ab.
Oft unter Invokation von "Natur"/"Natürlichkeit" taten einstmals Frauen-bewegte Frauen die zum Masochismus angeblich einladenden Spezifika ihrer sexuellen Mitgift als Folge deren hysterisch hypochondrischer Verunstaltung, nicht eben unaggressiv, ab. Notbremse innerhalb dieser feministischen Reformation: sich, soweit mannsbeteiligt, zölibatär gar nicht auf solche zu bereinigenden Naturgegebenheiten einzulassen, und den sexuell unbezogenen
115
Rest derselben Medikamenten zu überantworten. Welche - zudem ja kultural bedingte - nothafte Option sich ebenso als Sackgasse erwies wie das zynismusanfällige Plädoyer für das masochistische Sicheinrichten darin.
Das phantasmatische Geschlechterquid-pro-quo firmiert als subakut gezeigtes generelles Perversionskriterium. Weshalb? Siehe Solanas und der "Todestrieb": Bannung des mortiferenten Schreckens der frühen Mutter, "Identifikation mit der Uraggressorin". Man widme sich dem Skandal der Traumatik männlicher Menstruationsmimesis als Kriegsgemetzel; so als sei Mutter, die erstletzte Herrin über Leben und Tod, durch diesen cj -kollektivierten Kulturkopiekrieg zu entmachten.
Die Korrelation verschiedener Berufsgruppen mit bestimmten Perversionen ist weitaus mehr als ein Gag, nämlich die fällige (Vor)wendung hin zu einer "Psychoanalyse der Sachen", der hier institutionskritischen Sichteröffnung auf die vornachgängige Objektivität der Perversionen. (Deren welcher sind wir, Psychopathologen, treu?)
Unschwer, die geschlechtsunterschiedlichen Permutationen in der masochistischen Szene - Auflage erheblicher Differenzierungsarbeit - vorzustellen: Mann-Mann, Mann-Frau, Frau-Mann, Frau-Frau. Ins halbseiden Kunstvolle gewendet (Travestieshow!), eignet allen Perversionen ein geschlechtskonfundierendes Travestieelement, im Sinne von Hohn, Häme, Spott über die Affirmationsnöte der Geschlechtsidentität. Wie steht es mit der postmodern exponierten liberalistischen Lizenz solcher Art von Kritik - nein, ein reines zugehöriges Immanenzgebaren? -, von Kritik unserer "Heiligen Kühe"? Und in welchem Verhältnis steht der aktuelle Psychoanalysestatus zu solchen, wie man meinen könnte, widerkritischkritischen, "außerehelichen Stiefgeschwistern"?
"Sacer" = hehr und verrucht. Menschheitliches Gewicht und menschheitliche Reichweite des Masochismus werden allererst deutlich in dessen humanistischen Verruchtheit - dem Auswahlgrund hier -, nämlich darin, daß der Schein der todesnichtenden Gottesbegier (siehe zum Ende: "Alles in Allem ..."), die schiere Unmöglichkeit eines Absoluten, phänomenal gar erzwungen werden solle im Ersatz der höllenabtrünnigen Apotheose durch
116
die Masochismus-designierende "Triebmischung". Deren - und sei sie noch so zäh - Desaster ist präjudiziert: denn je mehr verzweifelt erotische todesnegierende Adjuvans, umso kryptisch effektiver die also masochistische Utopie: die letale Potenz sadistischer Gewalt und, am anderen Ende, die der Schmerzverlustung fließen derart ineinander, daß jener Konkupiszenz diese - Libidoaustausch - unterhält. Gottmensch, der sich zur Apotheose rüstet, seine graue Eminenz Masochismus tut sich zünftig um: springt, immer gegenwärtig eschatologisch, vom "erogenen" (und "moralischen") in den "primären", differierend, todestrieblichtrieblich, um.
Und, in diesem Großverband, weshalb die Selektion der masochistischen Variante Mann-Frau? Kontingenterweise des, wohl bezeichnenden, Surplus, diesbetreffend, an klinisch empirischer Erfahrung. Darüberhinaus gilt der bewußte Tribut an die - de facto im Schwinden begriffene - Privilegierung dieser Konfiguration, die Frau, ihrer anscheinend wie naturwüchsigen masochistischen (nicht aber eo ipso genutzten) Mitgift wegen mit, zur konspirativen Prinzipalin des antifilialpatriarchalischen Aufstands nobilitierte, wenn sie, ja wenn sie ihrer ubiquitären inversen Folie nicht "mit Haut und Haaren", "Stumpf und Stiel", "dialektisch", hätte man früher gesagt, verfallen wäre. Tückisch weibliche Opposition - ein einziger sich selbst verzehrender Spuk?
"Soll man akklamieren oder bedauern?" - ein typischer Fall der "Dialektik der Aufklärung": faktische Aufklärung, der die mentale, wie fast immer, nachhängt, die in sich selbst ineinem widersprüchlich ausfällt.
"... auch wenn ich stürbe, ..." - im Tode entfällt der ultimative masochistische Triumph: hypertropher Masochismus, der sich deshalb, im vorhinein schon, im Tod als absoluter Grenze (und selbst diese Attribuierung hält nicht stich: ist der todestrieblichen Anmaßung viel zu viel!), übernahm. Urblamage.
Eulenspiegels Tod, hörbar in Richard Strauß' symphonischer Dichtung: des erigierenden Aufgeknöpften Samen tropft final auf die Erde.
117
Mit Gott beten wir allzeit, oblique, den Gottesgebärer Tod mit an, auf daß er uns den ganzen Schein seiner lebenseigenen Gewaltaneignung gewähre und so uns vor unserem vorzeitigen Ende, immer gewalthuldigend, bewahre.
Weiße Euthanasie der "unctio infirmorum", der "letzten Ölung", "Krankensalbung", die - durchaus "materialistisch" - die irdischen Milderungschancen des Sterbeprozesses unverhohlen unterstützt, wenn nicht initiiert; im Auftrag des gnädigen Gottes, der also, wenngleich verlogen, Abbitte für seine eigene Todesverleugnung für die Sterblichen leistet ("pia fraus" - aber bitte: in menschliche Regie genommen, Zeugnis der "Legitimität der Neuzeit", der "humanen Selbstbehauptung" doch!?). In einer Apotheke, die anthroposophische Arzneien führte, sah ich, zufällig, ein unteres Schrankfach ein, in dem Sterbehilfewässer en masse aufbewahrt waren.
Palliativmediziner vor!
Die Metamorphose des Mutter-Tochter- in den Vater-Tochterinzest dergestalt, daß der Tochter - ihr immer drohendes Schicksal - das Existenzrecht als definit geschlechtliches Individuum abgestritten erscheint - entweder verschwindet sie in der Mutter ("inverser Abort"), oder, am anderen Ende, sie büßt, geschlechtsumgewandelt, ihre Weiblichkeit ein ("Flintenweib") - subsistiert als Substrat von Tochterpathologie überhaupt, nicht zuletzt des weiblichen "Masochismus", sei es in dessen Ernstfall, sei es in dessen, womöglich kippeligen, Simulation (allerdings mit Schmerzen). Geht es hierbei doch um die - in ihrem Sinn verhüllte -"Rücksicht auf Darstellbarkeit" der Tochterfunktion, diejenige der erpreßten Hergabe mütterlicher toter Weiblichkeit, zum Zweck deren apotheotischer Inkorporation - Mann, der irre allmächtig, zur toten Mutter mutierte, und die mißbrauchte Tochter, virilisiert, zum kranken Pseudoneutrum geworden. Szenisch konkretistisch: die herausgeprügelten Tochterfaeces taugen einzig zum Höllenfraß wahnwitzig rasender männlicher Absolutheit. (Abermals gewahrt man die ontologische Prärogative der "Analität".) Ja, aber wie sollte diese Speise bekömmlich sein? Die Flucht in bloßes Als-ob dessen, gar, nun ja, ins Spielerische gewendet, liegt mehr als eben nur nahe. Allein, wenn statt des Faecesaustritts Blut fließt, dann mahnt sich, jenseits der sanguinischen Vitalitätsberuhigung, die dem Horror dieser falschen Dejektion eh weichen muß, die ganze Menstruationstraumatik an: eben die "falsche Dejektion". Und der
118
friedliche Mann nimmt, zumal dann, "die Beine auf den Buckel" - aber wohin? (Kriegsdienstverweigerer i. w. S.)
"Sadomasochismus" - der Gewaltunderground aller Sexualität (das will immer noch nicht recht eingehen). Halbphänomenal nachweislich am partialtriebsystematischen sexuellen Erregungsgrund, der seinerseits auf die Existenznötigung sohnlicher Mutterdispostion, und diese dann eben auf die - kultural dingsublimierte - Inkorporierung der sadistisch erpreßten, masochistisch lizensierten Mutterleibleiche verweist. Allein, wie können dann die Geschlechter überhaupt noch zusammen- und übereinkommen, und nicht sogleich sich in die "Serien Sodom und Gomorrha" diskriminieren? Einzig mittels des medialisierenden Tochterstatus, dessen inversen "promesse de puissance und du bonheur" in der abgedeckten Megaohnmacht des Mutterkadaverschänders. ("Kobra, übernehmen Sie" - nach dem besagten Sch ... -Exorzismus.)
"masochistischer Augenblickstriumph" - entschärft "zu bloßem Spiel": Imaginaritätscharakter ja der Konsumtion pornographisch masochistische Szenarien - genossen wird immerdar die irgend mediale (Bild-, Ton-, Film, Sprachschrift-)Verfügung über den weiblichen Körper -, die selbst schon, unbeschadet ihrer realperversen Produktion daraufhin, imaginär spielhaft organisiert erscheinen. - Im interkorporellen (im präzisen Wortsinn) perversen Zusammenhang dient alle Imaginarisierung dem Spielwesen - quasi ernsthaft bloß in den auszutaxierenden wirklichen Schmerzen - eben dessen neuerlich eingefleischtesten Wesenszug: der realitätssubstitutionellen dispositionshypertrophen Memorialisierung, der Kohärenzgewähr, sich übernehmend zum Seinsgenerator in postmodern prothetischer Vollendung.
Pathognostische Leichenschau des "todesvirginalen Entzugs": suchte man nach Elementen der "Rücksicht auf Darstellbarkeit" des ja immer nur an der Anderenleiche zugleich verunmöglicht statuierten Todes, so fände man, fundlos, eben diesen, die Extremsezession: EntzugEntzugEntzug, unendend endend (bitte auf der Stelle, als letzte Todestriebanmaßung, streichen - nein, selbst das wäre noch zu wenig ...). Heilige Scheu, unbar ihres Unbewußten: mörderische Wut, die sich, spitzenpervers, nekrophilisch eben noch aufhielte. (Patient, der am ganzen Körper zittert bei der Vorstellung, daß Leichenträger Leichen coitierten.)
119
"Imaginärreal" versus "realreal" - vielleicht eine Unterscheidung nicht nur aus Verlegenheit? Das "real" nach "imaginär" soll prononcieren den Umstand der allgängigen Verwechslung beider: die Kreativitätsprätention des "Imaginären", die sich, in negativer Rücksicht, in Symptomen unter Beweis stellt. "Realreal" hingegen betrifft den Konkretismus solcher Symptome eben als nicht mehr "imaginär" gebrochener - gleichwohl zumal todesmagisch verbleibender - Gewaltausübung. - Wie aber den restierenden infantilen Status motorischer Abfuhrreduktion, strapaziös körperaffektiv gefesselter überschießender Vehemenz, benennen und in der apostrophierten Unterscheidung unterbringen? Fluktuierendes vermittelndes Interim zwischen beiden, sich eben zur Imaginarität hypostasierender Rückstau, der keineswegs nur der Realveräußerung - Kindsverbleiben - harren muß?
Die vorerst letzte Heimat der "von weit herkommenden Schuld", sie, Gulag, kann nicht nicht die "paranoid-schizoide Position" sein. Doch auch deren obligater Kausalismus des Dingfestmachens ("Haltet den Dieb!") schlittert nur insofern knapp nicht an deplazierten "falschen Verknüpfungen" vorbei, als die betreffenden Ausläuferkonnexionen im inzestuös-Allgemeinen ihrer Kontinuitätsaptitude - damit kann man rechnen - Genüge leisten können. Jedenfalls wird man auf solche Propagationen als Wegweiser in die früheste Frühe, die -ja keine "primae causae" - Protoformen allen späteren Übels, angewiesen sein. Die masochistischen Optionen = Wiederbelebungen "archaischer" Selbstzerfalls-, Dissoziationsnöte, mitsamt dem Unmaß deren manisch erotischen Parierung.
"Affektenisolierung" - Falsifikation des unbegrenzten Masochismus? Nein, sie prätentiert, ausweichend, den Schulddispens überhaupt, die Auflösung der masochistischen Scheinexkulpation; dies zwar zurecht, doch um den scheußlichen Preis eiskalter Gewaltvermehrung. "Überich", maschinisch ataraktisch, und deshalb schlechthin "sans merci". Waffengeburt: letztentscheidende Gewaltdelegation an dingliche Exekutoren; Ballermanns Lustrationsgottesdienst, Waffensegnung durch den Papst (man müßte darob, wenigstens, verrückt werden).
Mein WWvortrag reichte nur bis vor die Erörterung des "moralischen Masochismus". Dessen Diskussion bestand im wesentlichen im obligaten Monitum mehr noch praktisch-therapeutischer Handreichungen, das ich mit
120
einer einschlägigen Kasuistikskizze bedienen konnte; sowie in der - entsprechenden Widerspruch provozierenden - entdramatisierenden Skepsis gegenüber der "frühen Mutter als Herrin über Leben und Tod": so geriere sich die Mehrzahl der Mütter doch nicht! Ja, aber der Säugling, freilich fernab einer hinlänglich absolventen Signifikation dessen, sehr wohl; was selbst im Falle mütterlicher Superfürsorge abgründig verbleibe. Man will eben den Tod, indiziert durch den katastrophischen Charakter der Epigenese, unverdrossen aus der Welt schaffen. Helfershelferin dieses frustranen Unterfangens: die neueste Säuglingsforschung, so als hätte es Melanie Klein und gar Rene Spitz nie gegeben.
Höchsttelos der masochistischen Machenschaften (dacapodacapo Tag und Nacht): die Abschaffung der "Urschuld der Sterblichkeit" (theologisch: der "Erbsünde") in den Fälschungsgestalten singulärer lusttamponierter Schuldigkeiten; Wahn desparater erotischer Todestilgung, uneingedenk der Todesmotivation, -sustentation und -kon-sequenz derselben. Voilà! die ins Bodenlose stürzende Apotheose, die sich in passager mundaper Extremimmunität drapiert. "Gottmenschlichkeit": schreiender Widerspruch, daß die restlose Übernahme des Bannfluchs über die sterbliche Kreatur durch den inkarnierten filialen Gott die Gattung, auf mythische Weise, erlöst hätte; mythisch: also durch bloße Obsekration, die man, widersprüchlicherweise unbeschadet aber des eucharistischen Gottesfraßes ("Der Mensch ist, was er ißt"), auf sich beruhen lasse, um sich an diesem nicht "den Mund zu verbrennen".
Vorläufiges Fazit:
als des Masochismus teleologische Maßgabe setzt sich die erotische Konterkarierung der letalen Korruption in Szene, und dies in der Voraussicht, daß Eros die Thanatoswerke in sich selbst hinein aufzehre: die Umwandlung sadistischer Destruktionskräfte in solche integrierender Liebe - so die Utopie des Masochismus -, im Endeffekt die ganze Göttlichkeit der "lebendigen Leiche" (der Christus), abstürzende Apotheose "Triebmischung" (im Vorgriff: der "primäre Masochismus" als der "Todestrieb", dessen Erstgeburt, selbst), zu leisten imstande wäre.
121
Die Spitzenverfassung dessen selegiert dafür den Vater-Tochterinzest: ♂-filiales Mandat, den gewaltsamen Austrieb der Retention des toten Mutterleibs als dinglich zu transfigurierenden Gottesfraß zu garantieren: exkrementaler Inzest, Koprophagie, immerdar das ganze Unbewußte unserer rettendverderbenden damit/dagegen allreifizierenden Kultur. (Wie stellen sich sodann die weiteren masochismusszenifizierenden Geschlechtspermutationen daraufhin dar?)
Kein Wunder, daß just der ausgewählte weibliche (supplementär "naturwüchsige") Masochismus - imaginär anscheinend schwächungsbefähigt - in die Zerreißprobe des "sacer" geraten muß:
einerseits ... andererseits, nein: ineins sich zur Sakramentalität, hehrer Heiligung der Sterblichkeit, erotischer Todesweihe (selbst auch in säkularer Gewandung: erlaubte Euthanasie) in liturgischer Vollendung sublim sakralisiert, sowie, ja, - schwarze Messe - sein verruchtes Terrorkontrarium (wie im religiösen Anankasmus) davon nicht abzutrennen vermag: von der Teufelsfratze infamer Toxikomanie sanktional suizidaler Lebens-, Eroshypostase, dieser einzigen Todesvendettaprovokation, ob der "reparativen" Hypertrophie der "depressiven Position".
Suchte man nach einem - freilich wissenschaftlich hochverpönten - quasi empirischen Rückhalt dieser - item verworfenen - Spekulationen, so käme man an bei den tabuisierten Niederschlägen der Kadavervisio, beim todesjungfräulichen infiniten Entzug, beidseitig übergängig vor der Verwesung, der Heiligkeitssphäre, Himmel und Hölle zugleich - der "libidinösen" ("erogener")/"narzißtischen" ("moralischer")/"todestrieblichen" ("primärer Masochismus") schlechthinnigen Immunität, unterstellt, der ewigen Lust.
Die apostrophierte "Annäherung an den primären Masochismus- - wie ein Irrläufer inmitten der wissenschaftsbedachten psychoanalytischen Metapsychologie - gewänne erst dadurch seine Pointe, daß, gemäß der späten Freudschen Triebtheorie, alle subsistenz- und generationssexuellen Aktivitäten auf Nirwanaruhe ausseien, und eben diese Stase sich mit höchster Lust im ganzen sättige - indifferenziertes Selbstabsinken. Dingreliquie: "unbewußt - höchste Lust". Dafür taugt das Begehrensreduktat "Bedürfnis" freilich nicht, es verstellt diese nur, im "Trieb" als Aperitif und Digestif.
122
Nochmals: der "primäre Masochismus" transgrediert in den "Eros" und damit in den "Todestrieb" selbst: den Widerspruch der Vitalitätssubsistenz der Todesmutation. Allein, dieser Widerspruch, daß der Tod sich, kontradiktorisch, zum Leben hergibt und damit gar nicht der Tod - was ist das? - sein kann, diese ontologische Monismuswirrsal, die - sich in der Re-präsentativität quasi daueravisierende (Apriori der Derealisation) - Allpseudologie allen Seins macht uns schwer zu schaffen. Und wenn es denn so wäre??
Die Subversion des Pathologiebegriffs: passim.
Die Binnenorganisation der Arbeit als objektiver Absolvent von Pathologie (und deshalb bürgerliches Schibboleth): Schuld der Naturschändung, Sühneopfer der Arbeitskraft dafür, entschädigt durch "Funktionslust" und Selbsterfüllung (siehe insbesondere: Kainsmale. Animationen zu einer unzeitigen Philosophie der Arbeit. Düsseldorf. Peras. 2008: "Arbeit - bürgerliches Ursyndrom").
Die bösartige Karikatur: "Und es ist die Lust des Kälbchens, geschlachtet und verspeist zu werden" ("Wir genießen die himmlischen Freuden"), verfängt schlechterdings nicht wider die unstillbare Leidenschaft der virtuosen Schuldflucht, die freilich sich selbst noch in ihrer Leugnung unterstellt bleibt.
Des Naturwissenschaftlers G. Th. Fechners post-restpsychotische naturphilosophische Kontrathese von der Beseeltheit, gar a fortiori, der Pflanzen und der Gestirne wirkt wie ein Pardon an die vegetabile und mineralische Natur, wie deren Refugium gegen den destruktiv-szientifischen (allerdings superfiziell verbleibenden) Zugriff.
Benn (aus seinem letzten Gedicht):
"Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust,
wer trennte sie: die Worte und
die Dinge, wer mischte sie: die Qualen und die Statt, auf der sie enden,
Holz mit Tränenbächen - für kurze Stunden ein erbärmlich Heim."
123
Nicht nur daß Benn die späte Freudsche "Todestriebtheorie" in souveräner Kürze adaptiert, er nimmt auch, "avant la lettre", deren pathognostische Umwendung stringent vorweg: Kultur, die - "projektiv identifikatorisch", in "inklusiver Disjunktion" - auf "Triebentmischung" beruht, und deren Kollaps auf dem Kontrarium "-mischung", das je individuelles Sterben nicht zuletzt mitumfaßt.
"Mitgift" versus "defensive Notfallreaktion"? Kann insofern keine strenge Alternative sein, als jene ja, trotz ihrer anderen Provenienz, nicht weniger "schicksalsanalytisch" sinnhaft, im Verstande inzestbestimmter Tradierungen, ausfällt. Jedenfalls halten Perversionen diesem Bruch, wie immer auch notgedrungen, überhängend, differierend die Treue.
Neue Eigenakzente (und mehr):
Masochismusauszeichnung:
"Triebmischung" = phänomenale nachträgliche Absolutheitserzwingung zur "lebendigen Leiche", "christologisch", höllenverdammt
Leiche = "Rücksicht auf Darstellbarkeit" des gesamten eschatologischen "Seelenschicksals"
(Weshalb der "Sadismus" nicht? Ob seiner ausfallenden Bußfertigkeit, der Schuld-Sühnezirkularität, geschlossengeöffnet durch die Lustkatexe)
(Abermals) Auszeichnung des "exkrementalen koprophagischen Inzests": vermittelnder Hiatus zwischen koproduzierter Vor- und errettend waffenförmiger Kulturwelt; allzeit derart inzestexplosiv. " ..., daß man das unbewußte Subjekt des Wunsches nicht mehr von der Ordnung der Maschine selbst unterscheiden kann ... " (F. Guattari: Psychotherapie, Politik und die Aufgaben der institutionellen Analyse. edition suhrkamp 768. S. 135)
124
"Affektenisolierung" = schuldflüchtige Lustpurgierung, waffengängig gewaltintensivierende Selbstreifikation
Defäkationszentrierter widerursprünglich körperlicher "Sadomasochismus":
Libidoaustausch, Eros-Thanatosineinanderfließen, widersprüchlicherweise todesmutuativ
"Imaginaritätsgenese":
"Infantilitätstätsrelikt des Überhangverbleibens des hypostasierten Surplus' früher Begehrensaufladung über deren Abfuhrchancen hinaus." Weshalb? Umwillen der allzeit hypertrophiegeneigten Gedächtnisstabilisierung
"Perversion versus Pornographie":
diese das scheinentpathologisierend kollektivierte medial objizierte jener notwendiges Initial: der Indifferenz des Geschlechts, des Erregungsgrunds der einzigen Verfügungslust (durchaus adlersch gedacht)
125