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Digitalisierte Texte von Rudolf Heinz (© Prof. Dr. Rudolf Heinz)     
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Explanatorische Skizze und Thesen zum Massenmörder Anders Behring Breivik (Pathognostische Studien XII, 2013, Essen, Die Blaue Eule, 132-151)
Präfation - in eigener Sache
Zwar mache ich mir keine Illusionen darüber, daß meine folgend verknappt vorgestellte Art zu denken, dezent ausgedrückt: gewöhnungsbedürftig ausfällt. Allein, im Ansinnen, jenseits von missionarischer Eitelkeit zu sprechen, kommt es mir längst nicht mehr zumutbar vor, mich dazu anzuhalten (ich "höre Stimmen"!), zumal in Sachen des "Todestriebs" immer wieder "ab ovo" anzufangen, nachdem ich unterdessen jahrzehntelang an der üppig publizierten, also einfach nachzulesenden Integration der späten Freudschen Triebtheorie laboriere, und nicht zuletzt vondaher sich mir Chancen eröffneten, über den Kleinianismus vermittelt, die herkömmliche Psychoanalyse, unter dem Titel "Pathognostik", im ganzen, schlagwortartig: zu einer "Psychoanalyse der Sachen" (Sartre), transprogrammatisch und auf Praxis hin, zu subvertieren.
Ein überwertiges Unternehmen? Gewiß; aber auch eine nicht inopportune Gelegenheit, die - unerwartet offiziell anerkannte - Psychoanalyse, just zur, der Wissenschaftsnorm unterstellten, Kreativität erstickenden Selbstapologie genötigt, aus dem gefährdeten Tiefschlaf ihrer ichpsychologisch durchseuchten Deplazierung zu wecken.
Um es kurz zu machen: das Dauermonitum einer entgegenkommenderen didaktischen Faßlichkeit lehne ich, rechtens, "a limine", ebenso ab, wie das der Philosophie(-und Psychosen)lastigkeit derselben. Und wer sich, konsensbeflissen, der Mühen eines solchen apo-kalyptischen Denkens begeben zu sollen meint, der möge sich, indem er mich in Ruhe läßt, vordringlich am Internet, dem blinden und leeren, sich schädigend schadlos halten. Jedenfalls sollte er sich nicht wundern, wenn der Ausfall der allzeit fälligen Reklamation der "Letzten Dinge" zu einem unvermeidlichen Schwund der Veränderungspotentiale in unseren Therapien führt.
Und uneitel (Verneinung!) darf ich Ihnen, als Subsidium, mein kompendiöses Traktat dazu, titels "Todestrieb - Programm einer Revision" (in:
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Todesnäherungen. Über Todestrieb/Urverdrängung/Zahlenmagie/Spekulative Chirurgie/Frühmetaphysik. Düsseldorf. Psychoanalyse und Philosophie. Peras. 2007. S. 21-83) - ansonsten in den letzten Jahren dazu passim - aufdrängen.
Also mein einsamer Appell: "Psychoanalytiker, noch eine Anstrengung mehr, damit Ihr noch bessere Psychoanalytiker werdet!"
Vorbereitende Festlegungen zum "Todestrieb"
Fehlauffassungen des "Todestriebs" grassieren in der Branche (sowie, nicht weniger, nebenan) immer noch: "Todestrieb" meint eben nicht so etwas wie den "Trieb zum Tode", den gar unbedingten, quasi natürlichen Tötungs- und Sterbenswunsch überflüssigerweise, denn es steht ja de facto fest, daß wir Menschen todgeweihte Gewaltwesen sind; vielmehr, philologisch-exegetisch (ohne besonders guten Willen) durchaus erweislich, die urmenschliche Anmaßung des Todes, sei es auf Eigen-, sei es auf Fremdtötung ausgerichtet. "Todestrieb" bedeutet demnach Todesparierung, die rettend verderbende Umwandlung der Destruktivität der Sterblichkeit in, passiv (Suizid) wie aktiv (Mord), tötende Gewalt; allemal also einen zutiefst unbewufiten, intentionalen, symptomatischen, folglich immer auch zerstörerischen Rettungsakt, eine basale gewaltbestimmte Überlebensmaßnahme, und, als solche, das grundlegende paradoxe Werk des Todes-nicht-Antagonisten, des durch und durch tückischen, gleis(ß)nerischen, zu schuldigem Leben verführenden "Eros".
"Destruktives und autodestruktives Verhalten dienen ... häufig dem Selbstschutz. Dieses Konzept in Verbindung mit Ergebnissen der Traumaforschung ... macht eine Kritik des psychoanalytischen Konzepts der Aggression als primären Triebsystems und des Todestriebes als triebhafte Autoaggression erforderlich ...
Hier (Emerich, 1998) wird der Todestrieb nicht verstanden als ein primär angelegter, autonomer, destruktiver Trieb, sondern als ein selbstprotektiver Impuls, der einen Teil vergangener Realität, eine unerträgliche Belastung löschen möchte. Im Hinblick auf das Selbstwertgefühl heißt das, dass Destruktivität als extreme Form einer Coping-Strategie betrachtet werden
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kann. Destruktives und autodestruktives Verhalten kann dazu dienen, ein Selbst zu stabilisieren, das wirklich oder im subjektiven Erleben von Zerfall oder Vernichtung bedroht ist."
(R. Kreische: Suchtbehandlung. In: E. Behnsen et al. (Hg): Management Handbuch für die psychotherapeutische Praxis. Heidelberg. Decker und Hüthig. 2000. 2080/1-21)
Dieser trefflichen Schützenhilfe fehlt aber, wie üblich, der Verweis auf den "Todestrieb"generator im letzten, das Urtrauma der Sterblichkeit - man könnte wissen, warum (siehe die folgenden aporetisierenden Ausführungen!).
Diese m. E. überfällige Reform des "Todestriebs" weist sogleich aber eine gravierende Mißhelligkeit auf. Denn der Tod ist, wie gebührend von der Selbstwahrnehmung aus angegangen, keine mögliche Vorstellung, vielmehr deren, aller Vorstellung, endgültige Grenze - so ja Freud selbst schon: gar dem Unbewußten fehle die Repräsentation des Todes. Also wird man von einer, durch die Anderenleiche nicht auszugleichenden, eigenempirisch uneinlösbaren bloßen Konjektur des Todes, von einem unausgewiesenen, gleichwohl sicher gefühlten Sterblichkeitsbewußtsein sprechen dürfen? Und also besteht des "Todestriebs" erste Einlassung eben in diesem Trug des Todesrealismus: nämlich so zu tun, als sei er eine höhere Tatsächlichkeit, mehr als nur eine ständige Ahnung; so als gäbe es ein gespürtes quasi physiologisches Todeswissen, das sich im Kurzschluß mit dem menschlichen Kadaver außenvor verifizieren zu können meinen mag.
Solche Erwägungen verbleiben noch im erweiterten Rahmen der herkömmlichen Psychoanalyse, die folgenden aber nicht (oder schwerlich) mehr. Sie laufen nämlich darauf hinaus, der Psychoanalyse überkommenen (Inter)subjektivismus dergestalt aufzubrechen, daß diesem, dieser seiner auf Dauer gestellten Engführung, ein übergeordneter Bedingungszusammenhang vor-gestellt werden müsse, und zwar in den entsprechenden Gestalten je der betreffenden Gesellschaftsverfassung im ganzen; ein Bedingungszusammenhang - besser wohl: ein solcher beider Wechselwirklichkeit, mit Vorrang der sozialen Objektivität -, der aber nichts im Sinne des Freudomarxismus mit der irgend gesellschaftlichen Verursachung unserer Psychopathologien zu tun hat, der vielmehr, in seiner ganzen Kriegsförmigkeit,
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dazu verführt, auf Seiten der Subjekte/Körper angeeignet, pointierter: höchst pathogen, usurpiert, um seiner martialischen Gnaden Teilhaftigkeit willen, zu werden; nur daß die Strafe für diese Anmaßung auf dem Fuße zu folgen pflegt: im zerrigen nicht-Hü-nicht-Hott der einschlägigen Symptome sanktionierte subjektive Todesusurpationen der - vorausgehenden/nachfolgenden/zwischenbegleitenden - objektiv kulturalen grosso modo; die sich in ihrer Selbstzerstörung (Dingsuizid) erfüllen.
Jedenfalls verschulden sich Fehldeutungen und Verständnisabbrüche, insbesondere auflaufend gelegentlich extremer Gewaltexzesse von Einzeltätern, der für die traditionelle Psychoanalyse charakteristischen (inter)subjektivistischen Verkürzung, die es kaum verhindern kann, rein selbstbezüglich kausalistisch sich in sich selbst hinein hilflos zu verlieren; wie in den allzeit sensationsgeilen Medien derzeit floride vorgeführt.
Zusammengefaßt:
Der "Todestrieb" datiert auf Todesmimesis, im Extrem eigen- wie fremdtötend, zurück.
In dieser Funktion eo ipso gewalttätigen Überlebens erweist er sich, unabweislich, als unkorrigierbar (scheinkorrigiert etwa nur im Michverhungernlassen).
"Todestrieb ", eben im Sinne von Todesmimesis, unterliegt aber dem apriorischen Trug, dem Tod Repräsentativität zuzubilligen, und damit eine unbesehene Maßnahme selbst schon todestrieblicher Irreführung vorzunehmen: "Todestrieb", der sich in einem Atemzug mit seinem Einsatz selbst schon widerspricht.
Allein, je mehr wir den in unserer Selbst-erfahrung unaufhebbaren Entzug des Todes auf seine von Verführungshoffnungen erfüllte unmögliche Vorstellung hin abzuschaffen trachten, umso gründlicher seine Retraite und entsprechend deren Kompensation wiederum durch lustbeglaubigte Gewalt.
Die Erstgeborene aber des "Todestriebs", das ist die Dinglichkeit: der verblendende Schein, mittels der Totheit der Dinge den Tod disponieren zu können (die zu Waren fetischisierten Dinge = Todestriebrepräsentanzen!);
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Schein, der sein räuberisch appropriiertes Movens Tod nur umso profunder, unendlich gewaltsteigernd, sich entziehen macht; der sich in dieser seiner wesentlichen Abstinenz zur Absolutheit seiner Selbstzerstörung (Waffen, die sich in ihrem Verbrauch quasi suizidieren), in äußerstem Maße verführerisch, überhebt; der sich, "primärmasochistisch" toxikomanisch, allzeit seiner sicher, "sich die Hände in Unschuld waschend", "Eros "-illuminiert.
Die todestrieblichen Verfehlungen im Zusammenhang:
- die Erde mit Waffengewalt überziehende, sich so erfüllend vergebliche Gespensterjagd: Todestrieb, der sich am Tod zu Tode jagt;
- "Eros"-rettende Todesauktion: unser Glamourmantel Universaldesign, die äußerliche Ausgeburt des "primären Masochismus". Und die ersten opfernotwendigen Opfer dieses ganzen Trugs - der "Eros"-gefüllten Todesleere - , sie können, konkretistisch ausgedrückt, (versteht sich, weshalb) die Waffenschieberei - "imaginär, real, symbolisch" - nicht lassen: die Kranken, die Kriminellen; und die Normalen, a fortiori, dito, nur eben, durchweg, versteckter, weitaus gedehnter, ausgedünnter?
"Versteht sich, weshalb"? Wir sind, Gewaltwesen schlechthin, uns selbst, unserer Sterblichkeit, dem menschkriterialen absurdesten Ineins von Tod und sichwissendem Wissen, Selbstbewußtsein, schier nicht gewachsen, und also todestriebstigmatisiert längst schon vor dem ersten Atemzug. Und die spätestens bourgeoise Prononcierung der Menschheitsemanzipation grosso modo, des Gattungsheils durch die "Entfesselung der technologischen Produktivkräfte", unseres einzigen mörderischen Fortschrittshorts, zu invertieren trachten, liefe auf den verdichtenden Entleih derjenigen kulturalen Gewalt hinaus, die abzuschaffen ja der bodenlos regressive Vorsatz war.
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Explanatorische Skizze
Der norwegische Massenmord firmiert als Ausgeburt des Freudschen "Todestriebs ".
Das heißt: eben der Mörder verfällt - wie solipsistisch kaserniert - des "Todestriebs" letzter Pointe: wenn ich wähne, selbst der Tod zu sein - und, mehr noch als nur, apotheotisch, der "Herr über Leben und Tod" -, so hätte der Tod keine Macht mehr über mich; ich wäre unsterblich, allerdings um den Preis des Mordens, an erster Stelle fremdfunest, und dann erst, reaktiv daraufhin, sühnend nur umso selbstherrlicher, suizidal (bis ins kleinste Detail außerdem ablesbar an der, in ihrer katholischen Dogmatik kodifizierten, christlichen Mythologie).
"Solipsistisch - sc. (inter)subjektivistisch - kaserniert"? Er, der Mörder, ist ja, tatbezogen unkollektiviert und bar direkter martialischer Legitimationsumgebung - Restreverenz allerdings daran: der Pistolengebrauch und - immerhin - der selbstgebraute Sprengstoff, Minimalkonzessionen an exund darum umso inkulpierendere bescheidende Destruktionsprothetik; der einsam allesseiende Solitär, als Einzelner die Gattung selbst, zumal deren Kulminat, die Kriegsmaschinen alle; so daß seine konsequenten Untaten fast wie mit "nackten Fäusten" (wieder)ausgeführt sein könnten; so als ob der hypernarzißtische Totalisierungsschein es sich fraglos leisten könne, das pseudos seines körperlichen Ursprungs als das Ganze kulturaler Gewalt darzutun. Und diese Selbstverkennungsklimax imponiert alleine deshalb schon, rahmenmäßig, als paranoisch, weil ja, als Paranoiakriterium, die besagte intersubjektivistische Limitierung feststeht, eben im Sinne der Ursprünglichkeitsunterstellung, die, entgrenzt, all ihres "on dit"Entsprungenen habhaft zu sein wähnt. Paranoia, die reine "Dingwache" - Sankt Michael ("wer ist wie Gott?"), wider die gefallene ding(=mutterleibleichen)usurpatorischen Erzengelbrüder. Allein, wenn dem so wäre, so stände die Paranoia der Genese der Psychoanalyse, eben deren traditionellem Intersubjektivismus, Pate. (Und die - ja bereits eingetretenen - Konsequenzen daraus?)
Des diagnostischen Aufwands bedarf es für unsereinen diesmal nicht: der thematische Massenmord bezeugt eine Extremvariante von Paranoia,
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deren Binnenverfassung meinen Hauptadressaten bekannt sein dürfte. Gleichwohl, sicherheitshalber, seien paranoiatheoretisch kompetente freudianische Desiderate in Kürze angemahnt, deren Auslassung unsere Verständnismühen irreleiten könnte. Zunächst den - eher etwas weniger unbeachteten - Umstand, daß jegliche "Projektion" nicht keine "projektive Identifizierung" ausmacht, denn allemal werden wir, gleichwie, von allem aus uns Ausgemisteten wiedereingeholt. - Weiter: was wir von uns abspalten, hinauswerfen, das ist, inbegrifflich, "im Grunde", nichts anderes als unser Erst- und Letztprojekt Todeswissen. - Das Primärvikariat desselben aber besteht im inzestuösen Mutterverhältnis, der Urverfolgung. Und entsprechend bildet die notorische männliche Homosexualität der Paranoia das probate Deckbild (Epikalypse) dieser Ausgangskonstellation, so daß alle Verfolgung auf die Mutterverfallenheitsrelikte an den verräterischen Sohnesmännern zielt. - Der Tochterstatus verbleibt dabei ambivalent, denn zwar protegiert die Tochter, beauftragend, den Muttermord, flieht jedoch dessen Umwendung in den Selbstbezug der sich zerfleischenden "Männer unter sich"; es sei denn, diese ubiquitäre Wendung sei ihr, aus Abwehrgründen der Mutterschonung, willkommen? (Und die weibliche Paranoia? Item, nur eben mit doppeltem "quid pro quo", und des öftern unfestgelegter.)
Alsbald gewahrt man so den multiplen, gleichwohl zutiefst menschlichen, "die Stadt und den Erdkreis" erfüllenden paranoischen Irrsinn: Das projektive Phantasma des Todesaussch... untersteht allemal der Notwendigkeit der - sublim über die der Exkremente hinausgehenden - Abfallbeseitigung, und gerät eo ipso in die "metabasis eis allo genos" des Urrecyclings der also todestrieblichen Dingeschaffung; und nur zum Scheine kommt die gegenläufige "Identifizierung" in der "Projektion" ebenhier zur Ruhe, nein, sie vollendet sich im objektiv dinglichen Waffensuizid, der kriegsgipfelnden alldestruktiven Unratsapotheose. Kurzum: dem so, illusionärerweise, aufgefressenen Tod verschaffen wir die klirrende Simulation seiner blutigen Verfügbarkeit, und rechnen uns alle Folgegreuel daraus zur höchsten Ehren an. Wie auch sollte das berückendste Gespenst des Todes tötbar sein? Befristet nur vermag Eros es, in aller Tücke, zu unterlaufen; und wir sollten gar mitnichten umhinkönnen, uns auf die ganze Widersprüchlichkeit der in sich sinnlosen Todesassimilation, momentan ebenso dadurch gerettet wie, wie aufgeschoben, betrogen, rückhaltlos einzulassen? (Aber wir tun es ja schon, andauernd.) - Folgend, nicht minder vergeblich, die marktgängige Eskamotierung des persekutorischen Muttersubstrats in der Paranoia; so
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als gäbe es dieses gar nicht mehr; nur daß, groteskerweise, das filiale Männerensemble nicht anderes mehr im Sinn hat, als nach den maskierten Bruchstücken des weiblichen Leichengifts in den eigenen Geschlechts- und Mordskumpanen zu fahnden. Das unverwandte kollektive Starren aber auf den versammelnden paternalen/fraternalen einzeltäterischen Massenmörder, die verkennendste "ultima ratio" der Fusion von Gott und Tod selbst, gibt das optimale Mittel an die Hand, die weitestgehend hier dinglich indifferierte generell paranoische Gattungsverfaßtheit zuzukleistern.
Der Anschlag auf den staatlichen Oberhäuptling zwar mißglückt, für ihn muß eine, fürs erste namenlose, Handvoll Untergebener herhalten; die Tötung der Vielzahl von Jusonordmännern aber, sozialdemokratisches Mannsfrischfleisch für die überlange Schlachtbank der Gattungsgeschichte, glückte unserem obersten apokalyptisch vermeinten Kriegsgott, die Opfer offenbarten sich ihm als rücktravestierte Tunten, tätige Vorweltreminiszenz weiblicher Anarchie; paroxysmal erblickte er sich selbst in diesen, und mußte sie, wohlüberlegt sodann mit gestähltem Phallus beseitigen, zum Dung für Mutter Erde und zur noch heimkehrenden Dissolution im Meerwasser - die Insel, fluchtprohibitiv ja, war gut gewählt. Und die Jünglingskadaver transfigurierten sich, wunderbarerweise, antiirenisch, eh mit in die obsiegende Waffenbruderschaft allen kriegerisch dinglich nobilitierten Fleisches. Wer immer noch behauptet, Paranoia sei eine isoliert exklusive psychiatrische Angelegenheit, dem - wie einem Psychiatriechef, mit dem ich mich darum stritt - ist nicht mehr zu helfen; und er wird dafür weiterhin, beifallssicher, und - wie sagt man? - "bona fide" Sorge tragen, den einzelpathologischen Verrat unseres selbst schon durch und durch paranoischen (des Geheimnisses ledigen?) globalen Betriebsmysteriums, den offiziellen Underground unserer bis an die Zähne bewaffneten und, als solchen, in toto imaginarisierten, "gesellschaftlichen Synthesis", mit medizinischen Vorschlaghämmern wegzuschaffen - sehr zu recht widerhallt seine große, des bloß Ausführenden, Wohltat - siehe Breivik!
Selbstverständlich (frei nach der Ödipusmythe): "Zuerst die Pest und dann die Aufklärung", die allein, für sich, noch keinen Schutz gegen die hochkriminellen paranoischen Universalmachenschaften zu gewährleisten imstande ist. Und das Argument - "Möchten Sie denn, mit Ihrer grenzwertig gewaltaffirmativen Skepsis, ein Hinterbliebener eines der Opfer dieses Massakers sein"? - kommt mir ebenso wohlfeil wie triftig vor, es gehört nämlich zentral diesem pathologischen Makrozusammenhang an, allzeit erpreßt, in die große Not der gegenrepressiven Selbstwahrung zu geraten;
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und, als Opfer "seine Hände in Unschuld zu waschen", verfängt wider diese ewige Zirkularität von Schuld und Sühne (Kreiseln der "paranoid-schizoiden" und der "depressiven Position", synchron) schlechterdings nicht.
"Haltet den Dieb!" - die todbringende objektive Gewaltusurpation des - vergleichsweise - Minimassenmörders muß insofern, kopfgeldgemäß, gejagt werden, als sie sonst, reaktiv unverfolgt, unbestraft, die blutenden Wunden aller vorgängigen Destruktionsanmaßungen im Objektiven unerträglich manifest - unbehandelt, unverbunden - beließe. Alles Großaufgebot an sanktionierender Gegenverfolgung dient ja der Diversion, dem geängstigten Blickwechsel von allen großflächig sich verlierenden irgend legitimierten Kriegen zum quasi-Biotop der gezoomten mörderischen Einzeltat, der stupiden "petitio principii", Grund und Folge zu verwechseln; und so, im Endeffekt, sich, hochmoralisch satisfiziert, als Helfershelfer des Makrounheils, das es doch, "post festum" wenigstens, reparativ zu konterkarieren galt, erbötig zu machen. Sicherlich: fatalerweise gibt es daraus kein Entrinnen, selbst nicht am Sanktnimmerleinstag. Gleichwohl täte es, denke ich, Not, subsistentielle Notfallmaßnahmen nicht in menschheitliche Hoheitsakte zu verfälschen. (Das Versagen der Universität, als überkommene Aufklärungsinstanz, steigt, nicht nur hier, ins Unermeßliche.)
Überforderung Schuldfähigkeit - der Ort der Schuldentstehung zentriert sich um die apostrophierte Individual(-respektive Gruppen)prätention der zuvor schon prätentiösen objektiv dinglichen Gewalt -, unablässige Kaprizierung, die dieser Avokation sichern soll. Gleichob nun pathologisch oder kriminell gewendet, binnen- oder außensanktional (wie hier im Exempel), jener Usurpation ist und bleibt in Nachträglichkeit mimetisch an diese, Einzel"identifikation" mit dem generellen Groß"aggressor", der sich diese nicht länger bieten läßt; sich über sie, voll der moralischen Hypokrisie, hermacht; also das "fiction" des "in principio erat timor Domini" spielt; bis diese Sanktionsmaßgabe selbst dann, sich suizidal solvierend, mitnichten abdankend, kollabiert. Todestriebgemächte in Potenz, und selbst deren auf Aussetzung setzender Angang bleibt darin - die Irrigkeit von Moral und Recht - schmählich gefangen; und dies zumal ja der großen gattungsgeschichtlichen Hoffnung wegen, daß die kulturale Dingdifferierung (primäre "différance"), das Unbewußte schlechthin, die Emanzipation der Menschheit richte; und dabei generiert sie hier, a fortiori, im voraus, unabtragbare Schuld en masse.
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Pseudologischer Lichtblick, den Kasus - obzwar im nachhinein, doch, sagt man, abschreckend prophylaktisch auch - in den Griff zu bekommen: die uneingeschränkte Schuldfähigkeit des also für sein Verbrechen verantwortlichen Deliquenten. Denn ausschließlich auf diese Weise garantierte sich dessen, des Kriminellen, menschlich-humanistisches Visavis, und eben nicht das aresponsable irrationale wie todesunmittelbare Dinggesicht, das man, sinnentleert, nur wegsperren, nicht aber, gar dialogisch, zur Rechenschaft - Auslieferung an die rituelle Äquation von Schuld und Sühne (täglich imaginär vorgeführt von Richterin Barbara Salesch und Richter Alexander Holt, Koaukteure der bundesdeutschen Identität) - ziehen kann.
Um dazu unverzüglich zu votieren: von der Zuschreibbarkeit eines freien Willensaktes kann schlechterdings die Rede nicht sein; und, entsprechend, bleibe der zivilisiert revozierte Primärimpuls, die Talion mental zu üben, unverboten - ein höchst hoffnungsloser Fall, wohin damit, mit dieser ultimativen Zumutung? Man hüte sich davor, die prägnanteste Rationalität der jahrelangen Vorausplanung der Anschläge als Argument der einsichtigen Verantwortlichkeit zu mißbrauchen. Und auch der - wohl noch nicht vollauf gesicherte? - Umstand, daß Breivik, sich selbst so doch ans Messer liefernd, während seiner Exekutionen die Polizei anrief, gehört womöglich der bewußtlosen Mechanik an, sich anders als der Amokläufer, der sich am Ende ja selbst umzubringen pflegt, zu gerieren, nämlich ein Element von automatischer Binnenexkulpation, kommunikationsbereiter Selbsterhaltung ins Spiel zu bringen. Fazit: gänzlich umgekehrt, spricht die enorme Rationalität -ja, Rationalität! - des Verbrechens für dessen Unverantwortetheit, just unserer rationalen Geläufigkeiten, deren etabliertester Herkunftsblindheit, wegen.
Unvergessen! - so laufen die Geschäfte der schwarzen Magie des " Todestriebs ", die Zerstörungspotenz des - fälschlicherweise vorgestellten - Todes, sei es eigen-, sei es fremdmörderisch, sei es interkorporell restringiert, sei es, zumal, waffengemäß dinglich, sich, schlotternd, zueigen zu machen. - Die weltgeschichtliche Erfüllungsform dessen macht die Makropathologie Paranoia, inbegrifflich die patrifiliarchale Auslöschung der Muttersphäre und deren probate Substitution durch die im geschlechtlichen Gegenlager homo-sexuelle - ununendlich aufgeschoben buchstäblich unab-dingbar je abge-dingte - Selbstzerfleischung. - Dergestalt organisiert sich die Providenz der maternalen Racheapokalypse, in der die Entropie ihrer permanenten Wehr und diese selbst eschatologisch
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zusammenfallen, reifiziert das Negativ der vereinigten Uneltern, die exklusiv ja im Mord ihrer Nachkommenschaft konsentieren.
Hält man diese höheren Verhältnisse bei Bewußtsein, so bleibt es schwerlich aus, die Einzelanmaßungen derselben, diese einsam überdrehte Solistik, mit läppischer Sottise geschlagen anzusehen, gleich ob - hypokritisch, masochistisch - pathologisch oder - das Weltgericht herbeizitierend - verwegen kriminell. Ausgemacht jedenfalls die Überchargierung darin, verkommend zur bloßen Charge auf dem Schmierentheater der Menschheitsgeschichte. Das Kausalitätsphantasma, die Klimax absurder Sinngebung, unterstützt durch alle Sanktionsaptierungen, hat zugeschlagen; und das Extersionsartefakt der Gerichtsbarkeit umrationalisiert sich in den Aberwitz wie unbegrenzt freier Disponibilität.
So auch kommt das professionelle Rätseln um die Ätiologie solcher Grausamkeiten - bis tief in die Laiensphäre hinein - voll in Gang. Eines aber wird man, diesbetreffend, präjudizieren dürfen: abgesehen von der hilflosen Verspätung solcher gleichwohl alsbald grassierenden Recherchen, die kriminelle Tätlichkeit selbst als solche entzieht sich, auf ihre Ursachen hin angegangen, wie "ein Faß ohne Boden"; eo ipso kann es nicht gelingen, solche relativen Ausnahmegebilde ursächlich, wenigstens prophylaktisch dann in mente, zu stellen. Nicht nur verflüchtigen sich explanatorisch verheißungsvolle Kausalitäten zu wechselwirklichen Bedingungskorrelaten, mehr noch, certe alle, eh ja auch vor-sorglich gewährlosen, okkupativen Repräsentationsmühen geraten in den aporetischen Sog der - unauflösbaren - Kantschen "Freiheitsantinomie ": des unabschließbaren Versiegens aller, bis dato gesicherten, Herkunftsserien in die leere Freiheit von Handlungsbeginnen: der Kontamination dieser Irrationalität mit jener bodenlosen Schwebe. (Oder sollte es die Vermittlungschance der Infinitesimalität zwischen beiden geben?) Nein, der Täter ist derart, kausalistisch, schier nicht zu fassen; das schöne "Haltet den Dieb" verendet so; und attackiert das "Heilige Offizium", die ontologische Großwildjägerschaft, mit der supraparanoischen "ad litteram "-Absolutheit seiner - je verquerer, umso destruktiveren - Todesmimetik - Seinstetanie vor dem endgültigen Todestaumel, dem Kollaps sämtlicher Herrschaftskategorien. Stellen wir, bitte, Sartres ekel-hafte Seinsfühlung, den Durchbruch des "en soi" am Wurzelwerk eines Baumes, oder wo sonst auch immer, unmöglicherweise (bloß psychotisch möglich), auf Dauer, abständig kongenial dem apothanatosischen Sichgebärden unseres brüderlichen Mörders!
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Drastisch zum Ausdruck gebracht, frißt die Mordsontologie - häufig das "grundlose Böse" genannt - ihre ontischen Kausalitätsauszweigungen, trugvoll unablässige Verfügungshoffnungen allemal, auf; und es erschiene, in restloser Synchronie, die absolutheitsgesättigte Legation des "Todesengels der Geschichte", vor dessen jenseitsepiphanisch todbringender Arbitrarität alles Wehgeschrei verstummt, alle Flucht in Nichts verendet. Gottes-/Todesmimikry des Ärmsten im Geiste, der, in todestrieblicher Vollendung, auf einmal, sich selbst, Alles, wissend, beisammenhaben würde, und also, paradoxerweise sühnend, ein Blutbad anzurichten nicht umhinkann; und es nicht verhindert - göttliche Buße für göttliche Verbrechen -, gefaßt zu werden. Ist doch, nicht zuletzt, der Teufel ein freies, in freier Abtrünnigkeit freiheitmißbrauchendes Gottesgeschöpf; und Breivik demnach die nachfolgende Re-Fusion des Gottessohns mit seinem filialen Urwidersacher, nach der Versuchung Jesus' in der Wüste, und dies insofern durchaus zurecht, als Christi prokurativer Opfertod ja noch bevorsteht.
"Di rider finirai pria dell' aurora" - das Verlachen der wie naiv zynischen Karikatur unseres Willkürgottes, um, realiter mundan, "Mord und Totschlag" auszurufen: ein armer Irrer, der mit seinem Ballermann wahllos umsichherumknallt - wer so etwas tut, der kann doch nicht just im Kopfe sein! Gleichwohl, die Aphanisis der Selbstheimsuchung als caeleste Himmelstunte läßt ihm doch keine andere Wahl? Am besten auch, ich unterlasse es diesbetreffend, mich in der Wikingerspur des ansehnlichen jungen Nordmannes, Inkarnation Siegmunds, sympathieerweckend gar, zu verirren? Und, vero, aller Aufwand rechtsextremer Mordrechtfertigung täuscht schwerlich über deren purgierenden Deckbildcharakter, die Obskuration des "verborgenen (?) Antlitzes der Geschichte", Paranoia, hinweg, zu deren faktischer Vollbringung ganze Diversionsheere um jede Ecke herum bereitstehen, tief eingesenkt in die christliche Substanz des kriterialen "Todes Gottes".
Nochmals: mitverfällt unsere Theorie, kurzum der Prärogative des Ontologischen vor dem Ontischen, just dem Wahn des kriminellen Paranoikers, nämlich sich, wider allen lückenlosen Determinismus, indeterministisch, wie wenn er der Schöpfer alles dessen, was ihn festlegt, ja der absolute Kreator seiner selbst damit, sein könne, letztprätentiös todestrieblich zu gerieren; wir, in unserem existentialontologischen Scheintriumph über ontisch kausalistisch bornierte Wissenschaft? Stolze Philosophiesuperiorität - nichts anderes als das Fiasko, es der Psychose, unbesehen, nur eben
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hinlänglich noch abständig, gleichzutun? Müßten wir nicht, also aufgeschreckt, reuig zur mühselig devoten Wissenschaft, all ihren Lücken und Vorläufigkeiten, zurückkehren? Ja und nein. Nein, ob der kognitiven Demotivation immer dann, wenn die Überantwortung an die synchronisierende Überwertigkeit der allexpansiven Seinsraffung wissenschaftshypostatisch ausbleibt; ja, entsprechend, falls Wissenschaft unterstellt, rein automotivational an ihr selig Erklärungsende gelangen zu können. Also bleibe es unverboten, lebensgeschichtliche/psychogenetische Paranoiaprovenienzen zu ventilieren, allzeit mit der inneren limitativen Maßgabe versehen, "nicht den Ast, auf dem man sitzt, abzusägen", will sagen: "ne multa" entrelationierte Wissenschaft gegen philosophische Verrahmungen auszuspielen. In unserer Branche weiß man, denke ich, paranoiatheoretisch leidlich Bescheid, so daß ich hier nur entscheidende Grenzen des betreffenden - paranoisch ja proliferierenden - Intersubjektivismus ausmachen muß(te). Binnenparanoisch aber drängt sich der Dingbezug, gleichwohl, substantiell, auf, und zwar ob der Fragilität, die Anderen(und Selbst)verdinglichung, wie passager schuldfrei, nicht zu vermögen, wie überhaupt jeglicher symptominterner Fleischessog, die interkorporelle Isolierung unserer Pathologien, auf - ätiologisch oft desperater - absolvierender Reifikationsschwäche "regressiv" beruht. (Und die Psychoanalyse, derart doch mimetisch daran?)
Vordem war die Rede von einem "übergeordneten Bedingungszusammenhang" über der Intersubjektivitätshypostase unserer Psychopathologien und deren Psychoanalyse selbst; genauer: einer nicht ja kausalen "Wechselwirklichkeit" derselben und der "entsprechenden Gestalten je der angängigen Gesellschaftsverfassung im ganzen", unter deren Prärogative. Was hat es damit auf sich? Gebührend diachronisch indiziert, nähme den Objektivitätspart darin das epochale Mediendelir ein; und dieses werde, gemäß unserer pathognostischen Weisung, todeswütig einzelpathologisch usurpiert. Ja, aber das trifft so doch gar nicht zu!? Denn, unrechtmäßig singulär angeeignet wird, pathogen, eben nicht deren, der ubiquitären Medienmacht, de-realisierende gewaltsublimative Imaginaritätserbringungen, ausschließlich vielmehr die konträre Liquidation derselben: die so schandbare Rückverfleischlichung. Gewiß; allein, unsere Medieninflationen - je hegemonialer, umso zünftiger - tragen "ab ovo" schon, ob ihrer gedoppelten voraus-Anmaßung, den Keim der Selbstzerstörung zumal in sich; und ihre morbide Parierung antwortet - dahin aller Widerspruch! - just auf dieses
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ihr autodestruktives Arkanum dergestalt "repressiv entsublimierend", daß, wie erlösend, wider die maßlose, in den hiesigen Himmel expandierende unerträgliche Allsimulation, endlich kochendes Blut fließt. Nur daß das Ganzandere der Vermittlungsdinge, der impatienten Privateschatologie von Krankheit entgegen, sich, sanktional, eo ipso valider erweist, und sich selbst, gelegentlich deren - eh passageren - Vordringens, sich zu sich selbst, womöglich gestärkt, rückernötigt.
Diskussionsthesen
"Todestrieb" bedeutet kurzschlüssige Todesanmaßung, vollstreckt zuerst in der Art von Fremdtötung; und diese gilt bereits als Schutzmaßnahme gegen den Suizid, derselben - gesteigerten - Prätention am anderen konträren Ende.
Der "Todestrieb" - Todesanmaßung - fungiert demnach als unbewußt intentionaler symptomatisch menschheitlicher Gründungsakt: als dem todestherapeutischen Nicht-Antagonisten "Eros" zukommende - selbst dann aber nicht eigentlich triebbestimmte - Todesabwehr.
Worin sich der unkorrigierbar humane Basisirrtum manifestiert: nämlich - in dieser todesparierend todestrieblichen Todesanmaßung - die unmögliche Repräsentation des Todes vorauszusetzen. Woraus sein - sich dadurch intensivierender, zugleich zunehmende Gewaltkompensationen provozierender - schlechthinniger Entzug präsumtiv resultiert.
Erstgeborene des - solchermaßen reformierten - "Todestriebs" ist die primäre "différance" der kulturalen Objektivität im ganzen. Waffensuizidal ausgerichtet, enthält sie, im Aufschub, die gesamte apokalyptische Masse dessen, deren Ausbruch sie, verhindernd, portioniert. Und je die "eisernen Rationen" dessen machen begrenzte Kriege.
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Todesmagische Ungeduld verführt aufseiten der - womöglich kollektivierten - Körper/Subjekte zur kriminellen und/oder pathologischen Usurpation des kulturalen - des einzelnen immer schon martialisch aufgelaufenen - Makrousurpationswesens, das sich in seiner probaten Sanktionsmacht wider diese seine singuläre Beraubung mystifiziert. Allein, aus dieser "Negation der Negation" geht keine befreiend neue Positivität, vielmehr - "negative Dialektik"? - ein Zuwachs an selbstprobativ sich totalisierendem Gattungsunheil hervor.
Die Differenz kriminell versus pathologisch ("Überich"-Ex- versus -Internalität) als bekannt vorausgesetzt, erfüllt sich derart unsere antiintersubjektivistisch entfesselte offizielle Universaldissidenz Paranoia - vom vorapokalyptischen "totalen Krieg" bis hin zu deren psychiatrischen Armutsgestalt, die, de facto, "keiner Fliege etwas zuleidetut." Paranoischer Inbegriff aber ist die radikale Abolition der Muttersphäre, ineins mit deren polemischer Deplazierung in die also homo-sexualisierte Sohnesbande.
Nicht zuletzt der postmoderne Debilismus der prothetisch medialen Allimaginarisierung - des epochalen Pendants an pathologiereferenter Objektivität mit ihrem, zuhöchst gewaltinvolutiven, doch ja superfiziell gänzlich konträren, also seduktiven Arkanum - besorgt, global, die Obskuration der objektiv paranoischen Folienubiquität, eine rückstandslos absolvent psychotische Seiendendurchmischung, die, auf ihrem Gipfel, ihre - einzig fortschreitende - Exekutive, den dinglich-schizophrenen Waffenhöchststand ("Hiroshima, mon amour") - kulminierende Todesabwehr -, wie protoapokalyptisch einsetzt.
Um zu dem thematischen norwegischen Massenmord überzuleiten:
In alle floride mediale "Rahmabschöpfung" an haltloser Disponibilität - elender Mehrwert der blind sistierten Vermittlung - bilden sich weitere epikalyptische Diversionsfraktale ein - ja, zur einzigen Großgroteske, in der das aufgeschreckt erpreßte Zoom von unter hundert Toten die sechs Millionen gemordeten Juden vergessen machen soll; "comparate" bescheidener Massenmord, memorial aktuell in Norwegen, dessen Breitenrezeption in das ganze "sans fond" kausalistischer Ratlosigkeit, allzeit aufwendig differierter Kollaps unseres Verfügungswahns, abstürzt; anstatt sich der Täternot
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in sich widersprüchlicher, nämlich hochkriminell entgleisender Neutralisierung der also usurpierten Vorabusurpation, objektiv paranoisch en gros, kurzum: der Rüstungsindustrie, genealogisch intellektuell anzunehmen.
Wahrlich nicht zuletzt begünstigt der angestammte psychoanalytische Intersubjektivismus, Familialismus gar, die den Ursprungsposten säkularmetaphysisch besetzende Ausblendung der megaparanoischen Peristatik rundherum und immerdar; gesellt sich derart dem Blendwerk der Mohrenwäsche aller letzteffektiven Kulturpathologie in voller Gegenaufklärung zu.
Gleichwohl ist und bleibt Familiarität, ob der Imprägnierungsarchäologie des Menschenkindes, die basale Mediationsinstanz der Apertur je des entsprechenden Objektivitätsenvironments; und - wie man meinen möchte paradoxerweise - enthält diese psychoanalysekritisch entscheidende Referenz nicht eben wenig an "terra incognita"; so daß man, in dieser Wendung, mittels einschlägiger Recherchen zu Breiviks - am besten frühesten - Lebensgeschichte anderspsychoanalytisch durchaus fündig würde.
Im stets willkommenen Aktualismus brauchbarer Todesepikalyptik mittels paranoischer Eventpointierung rangiert Breiviks Verbrechen in den unteren - und deshalb medial umso wohlfeileren - Rängen. Gemäß dem projektiv so überaus schuldentlastenden Schibboleth "Haltet den Dieb", verschattet der ja nicht direkt beteiligte Chorus der publiken Entrüstung die - umso verhohlener sich aufrüstenden, allumgebenden und wie zeitlosen - originär schuldinvolutiven objektiven Bedingnisgrößen. Man siehts doch förmlich, wie sie, ob der Irreleitung der hysterischen Kathexe ihrer abgeleiteten Gewaltableger, im Dunkel, unbehelligt, Übel verheißend, hämisch vor sich hingrinsen.
Welch miserable Armseligkeit unseres - ein wenig nordmännisch heroisch ausschauenden - Kleinmassenmörders: die einsame Rationalität der langfristigen Anschlagsplanung; und dann deren technisch ja unterrudimentäre Ausführung - mit selbstgebasteltem Sprengstoff und Ballermann; der nicht unwahrscheinliche Anruf der Polizei - "sich selbst den Hals ins Eisen judizieren"; und auch die "ideologischen" (sagt man, in solchen Kriminalfällen jedenfalls, heute noch) rechtsextremen Tötungslegitimationen. Was heißt hier denn Schuldfähigkeit, subjektive Respondabilität? Wozu hätten wir,
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wir alle, uns, der Eigenwillkür ledig, mechanisch entschließen müssen, wenn wir uns, schier unabweislich, voll der Aphanisis, als - mörderischer Lächerlichkeit preisgegebene - Tunten in den linken Junggenossen, "projektiv-identifikatorisch", gesichtet haben würden?
Nein, gleichwie auch die psychiatrischen Gutachten und das gerichtliche Urteil ausfallen mögen, die erhabene Kultursphäre von wissenschaftsflankierter Moral und Recht stimmt sich im - rar gewordenen bis geschwundenen - aufklärenden Zugriff auf ein beispielhaftes Erpressungsartefakt herunter, dessen durch und durch konservative Arretierungspotenz, "von allen guten Geistern verlassen", den uralten Zirkel von Schuld und Sühne, Dauerprätext pseudologischer Versöhnungsaussicht, perpetuiert.
Wohin aber mit diesem, von den martialischen Großmächten zum Trug ihrer Pazifizierung bewußtlos mißbräuchlich instrumentalisierten infernalischen, isoliert auf den verglühenden Blickfangpunkt gebrachten erbärmlichen "hen-kai-pan"-Solitär? Verantwortung, vom allblanden Moloch unserer hocharmierten Gottes(Todes)epiphanien aufgefressen; juridiktionale Suffokation.
Alle - immer überfällige - Intellektualität der universellen Paranoia transzendiert, metapositional, diese nicht; denn sie wird, im Aufschlußvollzug, restlos zwar zu dieser, zugleich in unendlicher Binnendistanz dagegen kontrareisiert; und ihre aktuelle Lähmung dawährend macht ihre Wucherungen, womöglich ringsherum, gewiß aber irgendwo weit weg, mitnichten zunichte.
"Vergebliche Liebesmüh" auch ihrer Beseitigung, a fortiori im Hinblick auf ihre interne Gründung - vom "Todestrieb" nämlich müßten wir insgesamt ablassen können; Renonciation, die uns sogleich ja auf den Kreuzweg des Todes schickte. "Schwarz verhängt sich der Horizont" solchen Heils.
Das letzte Wort?
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Thesen, iterum
"Ad usum Delphini"? Kaum! Die diesmal vielleicht etwas stärkere Plakatierung vermöchte, allerhöchstens, der Anbahnung der heterogenen Evidenz des Gedankenaufschlusses mitzuhelfen?
Der thematische Massenmord zeigt sich als Großtat des - tätlich kriminellen - "Todestriebs", also der unbewußt intentionalen Todesanmaßung, immer zum Zweck, die "Aphanisis" (Jones), letztlich den eigenen Tod, endgültig zu hintertreiben - "Wenn ich selbst der Tod wäre, so wäre ich unsterblich".
Diese aberwitzige "Unsterblichkeitsstrategie" (v. Braun) ist im vorhinein aber schon zum Scheitern verurteilt. Denn - noch vor ihrer obligaten Bestrafung - entzieht sich aufdringlich ihr eigenster unvermeidlicher grundlegender Irrtum: nicht nämlich vermag jemals irgendwer der Tod, sein Zerstörungswerk, immer bloß die verirrte Vorstellung, die unmögliche "Repräsentation" des Todes, hier in seiner aktiven mörderischen - kriminellen versus pathologischen - Version, anmaßenderweise hart dann bestraft, selbst zu sein. Und je gründlicher diese Fehlauffassung, umso gewalttätiger wirkt sie sich, überkompensatorisch, aus.
Mehr aber noch: die Einzeltäterschaft erweist sich bereits als räuberische Anmaßung einer vorausgehenden sowie resultierenden und durchgehend wegbegleitenden objektiven Anmaßung selbst: nämlich die der primären Todestriebausfällung, der dinglichen, in Rüstung und Krieg gipfelnden, Kultur als solcher. Worüber die höchst überwertige Todessolistik hinwegtäuscht, nicht zuletzt aber dergestalt, daß sie zum bewährtesten Verdeckungsmittel - dem Konkretismus "Haltet den Dieb!" - ihrer tabuisierten Objektivität dient. Das ist so wie mit dem - maßlos vergrößerten - Splitter im Auge des solitären Kriminellen und dem dadurch unsichtbar gemachten übergroßen Balken in den Augen unseres objektiv globalen Kriegswesens.
Inbegrifflich, ihrem, der besagten Usurpationsusurpation, allgemeinen Gehalt nach, kommt so unsere korrupte weltpolizeiliche Universalpathologie - Sitten- und Dingwache - Paranoia ins grosso modo infame Politgeschäft.
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Sie, Paranoia, aber hat es darauf abgesehen, die, dem Fleische nach, verstellende Erstvertretung des - fälschlich vorgestellten - Todes, mütterliche Weiblichkeit (spätestens neuerlich die Tochterfrau miteinbeziehend) männerbündlerisch radikal aus der Welt zu schaffen. Nur daß die Männer, endlich "unter sich", eben dadurch nicht umhinkönnen, ob des immer virulenten Rachebefalls von Mutterleibleichenresten in ihnen, sich wechselseitig - das kommt davon! - zu zerfleischen.
Epochaler Gipfel dieser abendländisch weltumfassenden Verkennungssystematik -je mehr todestriebliche Jagd auf die Todesschimäre, umso unnachlaßlicher werden wir, umgekehrt, zu Tode gehetzt -: der ganze Schein der längst mediengewährleisteten allimaginarisierenden "on dit"-endgültig Seinsschuld tilgenden Inregienahme dieses fraktalen Megahorrors. Auf denn zu den Bildschirmen, um sich am Pseudos deren Verfügungspotenz über krudeste wie neutralisierte Realität unendlich zu begeilen - nein, am besten sogleich fiktive noch grausamere Kriegsspiele, ja, (frei nach Schiller), spielen.
Der Notschrei nach unseren psychoanalytisch geläufigen Ätiologien solcher medialen Strohfeuerevents - gar nicht zynisch gesagt: sechs Millionen Juden konterkarieren den Vergleich mit unter hundert nordischen Jusos - mag sich an der Fehlanzeige deren befreiend explanatorischen Tauglichkeit ermäßigen. Auf diesem trügerischen Verfügungswege nämlich landeten wir in den Untiefen des Kleinianismus, der "paranoid-schizoiden" und der "depressiven Position", solcher kausalistisch "schlechten Unendlichkeit" (Hegel), deren Umwendung in die Permanenz synchroner Bedrängnis einen ersten Schritt dahingehend ausmachen könnte, daß alle urszenische Kausalgenese abgelöst würde durch die Recherche der "Vor- und Frühgeschichte" späterer - zwischendurch verläßlich genährter - hier krimineller Konstellationen. Und ebenhier würde also gewendete Psychoanalyse äußerst spruchreif, ohne an die Stelle von Letztbegründungsansinnen zu treten, vielmehr fraglos der grundlosen todestriebgehaltenen Folgerichtigkeit Desselben an Traumata(nicht)bewältigung den Vorrang einzuräumen.
Wie wohl, diesbestreffend, die psychiatrischen Gutachten ausfallen werden? Überhaupt fraglich ist die Verantwortlichkeit des Delinquenten. Jedenfalls spricht die prägnante abgeschottete Rationalität der Vorbereitung
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des Attentats, unbeschadet der Behelfsmäßigkeit der Sprengstoffherstellung, nicht für, sondern durchaus gegen jegliche nicht eo ipso abstrakte Schuldeinsicht, jedoch essentielle Schuldaptitude. Auch daß er während der Erschießungsserie wahrscheinlich die Polizei anzurufen versuchte, bezeugt kaum mehr als die dumpfe für Kriminalität nicht untypische Ahnung, sich selbst, ohne fremde Außenintervention, nicht aufhalten zu können. Und der vorausgehende Kommerz mit rechtsradikalen Organisationen mag der bewußtlosen Exkulpation durch Selbstkollektivierung verpflichtet gewesen sein. Allemal gehört zweckrationaler Scharfsinn und mittelversierte Nachhaltigkeit - Vernunft, wie üblich, Medium bloß übergeordneter vernünftiger Kritik entfallender Ziele - zum paranoischen Symptomverband, nicht ebenselten, dazu.
Fernab davon, den überwiegend jugendlichen, und damit eher noch mit Unschuld assoziierten, Opfern unsere Fernsolidarität aufzukündigen, erscheint es für unsereinen doch fast überfällig, einen, bitte, bescheiden erbarmenden Blick auf die ganze Misere des privatistisch mißratenen Heros zu erübrigen. "Ecce!" - dieses gänzlich deplazierte Wikingerrezidiv, sich in aller Wehleidigkeit fast zu Tode heulenden Tunte in orthopädischer Kriegsuniform. Unterlegten wir seinem einsamen Phänotyp das - Donner rehabilitierende - Walkürenvorspiel, so lägen uns gar ästhetizistische Sympathien mit dieser Siegmundinkarnation - Karikatur unseres - wie ein Verdammter verzweifelt vor sich hinstarrenden - Willkürgotts - nicht mehr fern?
Moral und, a fortiori, Recht - Bürgerhorte einfrierender immobiler Konservativität - überheben sich zum Illusionismus eines unbedingten Wertehimmels, wenn immer sie sich nicht zu nichts denn - durch unseren sterblichen Schandkörper immerwährend erpreßte - pragmatistische Schutzmaßnahmen temperierten. Und selbst in dieser unserer rabiaten amoralisch und alegal doktrinalen Gegenführung hallt das Echo der universellen Extorsion nach. Was auch sollte jeglicher intellektuelle Zugriff anderes ausmachen als eine sublim magisch dissidente Kautel, allseits verpönt, obzwar mehr als "wissend", "expressis verbis" nämlich "erkennend", in die Immanenz ewiger Schuldigkeiten an deren Grenze eingelassen?
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